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Viel Liebe zum Fest

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

PROLOG

Lieber Santa Claus!

Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung am Nordpol? Wie geht es den Elfen und Rentieren?

Ich bin dieses Jahr sehr brav gewesen. Und ich bin meiner Tante eine große Hilfe. Sie braucht sehr viel Hilfe, das kann ich dir sagen! Ich brauche wirklich dringend einen Vater zu Weihnachten.

In Liebe, Jamie

P.S.: Liegt der Nordpol eigentlich nah beim Himmel? Jeder sagt mir, dass Mommy über mich wacht und dass sie mein ganz eigener Engel ist. Woher soll ich wissen, dass das wahr ist? Aber wenn es stimmt, könnte es dann bitte zu Weihnachten schneien?

“Mrs. Beckett, könnten Sie mir dabei helfen, meinen Wunschzettel an Santa Claus zu schreiben?”

Die grauhaarige Kindergärtnerin sah von ihrem Schreibtisch hoch, und wie immer schmolz ihr Herz beim Anblick von Jamie Cavell buchstäblich dahin.

Er war ein entzückendes Kind mit glänzenden schwarzen Haaren, einem fein gezeichneten Gesicht und einem hinreißenden Wesen. Aber seine riesigen saphirblauen Augen waren ernst und zeigten nicht die Spur eines Lachens. Im Arm hielt er einen kleinen abgewetzten Teddybären, den er fest an seine schmale Brust drückte.

Normalerweise bat Mrs. Beckett die Kinder, ihr eigenes Spielzeug zu Hause zu lassen. Aber man hatte ihr gesagt, dass Jamie diesen Teddybären so gut wie nie aus der Hand legte, seit seine Mutter vor etwa einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Seitdem war Buddy Bär, der heute sogar einen schicken Pullover trug, so etwas wie ein neues Mitglied der Kindergartengruppe.

“Natürlich helfe ich dir mit deinem Wunschzettel”, sagte Mrs. Beckett gütig und griff in ihre Schreibtisch-Schublade. Sie suchte ein besonders schönes Briefpapier aus, auf dem ein Schlitten mit Rentieren abgebildet war.

Jamie riss beim Anblick des schönen Weihnachtspapiers erstaunt die Augen auf und seufzte dann zufrieden. Er drängte sich dicht an Mrs. Beckett, legte einen Arm über ihr Knie und schloss die Augen.

Mit dem gezückten Stift in der Hand wartete sie darauf, dass Jamie etwas sagte. Doch der Junge schwieg so lange, dass sie vermutete, er brauchte etwas Hilfe beim Formulieren. Doch wie sollte man einem Kind helfen, das seine ganze Welt verloren hatte?

“Ein Computerspiel”, schlug sie mit lahmer Stimme vor. “Soll ich das vielleicht auf deine Liste setzen?”

Zu spät fiel ihr ein, dass die Cavells wahrscheinlich gar keinen Computer zu Hause hatten. Jamies Tante, die gleichzeitig sein Vormund war, arbeitete als Sekretärin in einem kleinen Betrieb. Man konnte sich denken, dass ihre Position ihr nicht gestattete, sich einen eigenen Computer für private Zwecke zuzulegen.

Jamie öffnete die Augen und sah sie lange nachdenklich an, bis Mrs. Beckett sich regelrecht unbehaglich fühlte.

“Ich will keine Spielsachen haben”, sagte er entschieden. “Ich wünsche mir nicht einmal einen kleinen Hund, so wie Bobby, oder ein Pony, wie Mindy.”

Traurig dachte Mrs. Beckett, dass dieser Brief an Santa Claus wohl herzzerreißend kurz ausfallen würde. “Was möchtest du denn dann, mein Kleiner?”

“Einen Daddy.”

“Oh, Liebes”, seufzte sie. “Jamie, ich glaube wahrhaftig nicht, dass …”

Doch der Junge hatte sie einfach ausgeblendet und seine Augen wieder geschlossen. Die kleine Stirn war gerunzelt, so sehr konzentrierte sich das Kind. Und den kleinen braunen Teddy drückte Jamie so fest, dass die dunklen Glasaugen von Buddy Bär fast über Kreuz guckten.

“Lieber Santa!”, diktierte er. “Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung am Nordpol? Wie geht es den Elfen und Rentieren?”

Er dachte noch einen Moment nach und entschied dann offensichtlich, dass es nun Zeit war, zum Thema zu kommen. “Ich bin dieses Jahr sehr brav gewesen. Und ich bin meiner Tante eine große Hilfe. Sie braucht sehr viel Hilfe, das kann ich dir sagen! Ich brauche wirklich dringend einen Vater zu Weihnachten.”

Mrs. Beckett zögerte einen Augenblick, schrieb dann aber doch weiter. “Willst du dem Weihnachtsmann noch erklären, warum du einen Vater brauchst?” fragte sie vorsichtig.

Er legte den Kopf etwas schief und sah sie ernst an. “Ich glaube, er weiß schon warum”, antwortete Jamie und sah dann wieder nachdenklich auf den Brief. “Könnten Sie ihn mit In Liebe, Jamie unterschreiben?”

“Natürlich. Noch etwas?”

“Ja. Da fehlt noch etwas. Schreiben Sie noch ein P.S.!”

Mrs. Beckett musste lächeln. “Wir haben doch noch nie Briefeschreiben geübt. Woher weißt du über P.S. Bescheid?”

“Weil meine Mom mir jeden Tag eine Nachricht hinterlassen hat, bevor sie zur Arbeit gegangen ist. Mein Babysitter oder meine Tante haben sie mir immer vorgelesen. Mal wünschte Mom mir einen tollen Tag, mal sollte ich Bobby von ihr grüßen oder sie erinnerte mich daran, dass wir nach ihrer Arbeit zusammen Essengehen wollten. Und immer schrieb sie: P.S.: Ich liebe Dich! P.S. ist der wichtigste Teil vom Brief.”

Schweren Herzens begann Mrs. Beckett zu schreiben.

“Liegt der Nordpol eigentlich nah beim Himmel? Jeder sagt mir, dass Mommy über mich wacht und dass sie mein ganz eigener Engel ist. Woher soll ich wissen, dass das wahr ist. Aber wenn es stimmt, könnte es dann bitte zu Weihnachten schneien?”

Unwillkürlich sah die Kindergärtnerin aus dem Fenster, um unauffällig ihre Tränen wegzublinzeln. Die Pleasant Valley Vorschule befand sich in Tucson, Arizona. Die Chancen für weiße Weihnachten lagen hier bei weitem unter Null. Ab und zu bedeckte eine hauchdünne Schneedecke die Spitzen der Santa Catalina Berge, nördlich von Tucson, aber einige dieser Berge waren dreitausend Fuß hoch. Viel zu hoch, um einen Ausflug mit einem kleinen Kind dorthin machen zu können.

Nachdem sie ihre Fassung wieder gewonnen hatte, suchte Mrs. Beckett einen passenden Briefumschlag für den Wunschzettel heraus. Darauf schrieb sie eine Fantasieadresse am Nordpol und verschloss ihn.

“Soll ich ihn für dich abschicken?” fragte sie in der Hoffnung, Jamies arme junge Tante vor dieser herzerweichenden Post beschützen zu können.

“Nein, danke. Auntie Mommy macht das für mich.”

Manchmal nannte Jamie seine Tante so, und das hatte er auch schon vor dem Tod seiner Mutter getan. Bethany Cavell war eine bezaubernde junge Frau. Und obwohl sie äußerlich nicht viel mit ihrem Neffen gemeinsam hatte, erkannte man doch in ihren Gesichtszügen und ihren Augen dasselbe weiche, liebe Wesen wie bei Jamie. Aber leider auch dieselben Sorgen, die Ängste und den Kummer.

“Tante Beth hat ganz tolle Briefmarken, die extra für Weihnachten sind. Die werden Santa gefallen”, erklärte Jamie.

Widerwillig gab Mrs. Beckett Jamie den Brief. Als er ihn entgegennahm, fiel ihr auf, wie riesig ihre eigene Hand im Gegensatz zu seiner zarten Kinderhand wirkte. Ihre Hand war von Falten und Altersflecken übersäht, während seine hell und glatt aussah, so als könnte er damit noch all die Träume und Hoffnungen dieser Welt festhalten, trotz seiner frühen Begegnung mit einem harten Schicksal.

In der Sekunde, als ihre Hände gleichzeitig den Brief berührten, spürte Mrs. Beckett ein seltsames Gefühl der Seeligkeit, so als wäre dieser ganze Moment in ein besonderes Licht getaucht. Ein Stück von ihr selbst brachte sich in diesen Brief ein und wünschte sich, entgegen aller Vernunft, wieder an Wunder und an Weihnachten zu glauben.

1. KAPITEL

Riley Keenan fühlte sich wie ein Idiot, und er war ein Mann, dem dieses Gefühl ganz und gar nicht passte. Selbst auf dem Flughafen von Calgary, der einer Westernszenerie glich, stach er aus der Menschenmenge wie ein bunter Hund. Fast eins neunzig groß und ein waschechter Cowboy – vernarbt und in abgetragenen Kleidern.

Um ihn herum rasten die Menschen in Vorfreude auf das bevorstehende Weihnachtsfest umher. Es war der einundzwanzigste Dezember, und nach den Angaben eines Parkanweisers der Tag, an dem an diesem Flughafen am meisten los war. Als wäre das etwas Gutes!

Männer schleppten sich mit Taschen und Paketen ab, kleine Mädchen waren herausgeputzt wie Weihnachtsbäume, um ihre Verwandten zu begrüßen, und arme, kleine Babys waren mit lächerlichen Elfenkostümen verkleidet worden.

Über die Lautsprecher erklang das stetige Gedudel von Weihnachtsliedern, und jede Ansage vom Flughafenpersonal endete mit den Worten Frohe Weihnachten oder Frohes Fest.

Es gab kein Entkommen, und so blieb Riley wie ein Fels in der Brandung stehen, grimmig und unnachgiebig, während die menschliche Welle von Optimismus und Vorfreude ihn umspülte.

Er hatte nicht das geringste Interesse daran, ein Teil dieser Welle zu sein. Er gehörte in die wilden Gefilde der Rocky Mountains – zu den hohen Bäumen, den reißenden Flüssen, den groben Felsen und den endlosen Weiden.

Ein harter und einsamer Mann, der an diesen harten und einsamen Ort gehörte, den nur weniger Männer besuchten und noch weniger ihre Heimat nannten. Die Stille und die Tatsache, sich selbst Gesellschaft genug zu sein, waren ihm vertraut. Sein Vieh und seine Pferde waren seine einzigen Begleiter auf diesem einsamen Pfad.

Er hasste die Tatsache, an diesem Flughafen zu stehen und von Menschen umgeben zu sein, die sich auf Weihnachten freuten. Doch am meisten hasste er die Tatsache, dass er in seinen Händen ein selbst gemachtes Schild hielt, auf dem die Namen zweier Fremder standen: Bethany und Jamie Cavell. Riley hatte nicht die geringste Lust, die beiden kennen zu lernen.

Der Flug aus Tucson über Denver sollte inzwischen angekommen sein; nach einer Verspätung von drei Stunden und vierzig Minuten! Um elf Uhr vormittags hätte das Flugzeug landen sollen, und inzwischen war es schon fast drei Uhr.

“Fröhliche Weihnachten”, sagte eine ältere Dame und strahlte ihn an, nachdem sie ihm kurz zuvor mit ihrem Rollkoffer gegen sein Schienbein gefahren war.

Er warf ihr nur einen kurzen Blick zu, der ganz und gar nichts mit weihnachtlicher Vorfreude zu tun hatte. Hastig eilte die Frau davon und ließ Riley mit seinen düsteren Gedanken zurück, die sich nun auf seine Mutter konzentrierten.

Eine reizendere Frau als sie hatte die Welt noch nicht gesehen. Mary Keenan war der Inbegriff einer zauberhaften Lady: weißhaarig, zierlich, mit einer altmodischen Brille und einem Herzen aus Gold.

Trotzdem war es ihre Schuld, dass er mit einem peinlichen Schild in der Hand hier am Flughafen stand. Und wenn sie ihn das nächste Mal bitten sollte, das Haus zu streichen oder ihre Möbel umzustellen, würde er einfach sofort für eine lange, lange Zeit in den Wäldern verschwinden.

Marys Herzensgüte war das Kernproblem. Irgendeine exzentrische Dame aus Arizona rief sie an und erzählte, dass sie ihrem Neffen Schnee zu Weihnachten schenken will. Seine Mutter hätte schlicht auflegen und sich mit dieser Verrückten gar nicht unterhalten sollen. In derartigen Situationen war Höflichkeit fehl am Platz.

Aber seine Mutter war selbstverständlich ganz anders gestrickt! Sie hatte natürlich dieser vollkommen Fremden ohne zu zögern seine Jagdhütte als Weihnachtsdomizil angeboten. Nicht dass er selbst jagen wollte oder die Hütte tatsächlich bewohnte. Aber es ging eben ums Prinzip.

Diese Jagdhütte war für Jäger vorgesehen. Regelmäßig im Frühjahr und im Herbst bot Riley dort sogar organisierte Ausflüge an. Und seine Mutter kümmerte sich um die Buchungen, weil er selbst selten telefonisch zu erreichen war.

Jedenfalls war dieser Ort ein Ort für Männer! Ein rauer Ort, an dem Zigarren geraucht wurden, an dem man Whiskey pur trank, und wo sich niemand am Eingang die Schuhe ausziehen musste.

“Die Hütte ist nichts für jemanden, der ein romantisches Postkarten-Weihnachtsfest haben will”, hatte er protestiert.

“Papperlapapp”, hatte seine Mutter ihm das Wort abgeschnitten. “Ich selbst hätte schon das ein oder andere Weihnachtsfest dort verbracht, wenn ich nur auf die Idee gekommen wäre. Im Winter ist es traumhaft schön, wenn der Schnee die Bäume bedeckt, Rehe und Elche durch die Wälder streifen und in der Ferne die verschneiten Bergketten glitzern.”

“Es gibt dort momentan nicht mal fließendes Wasser”, fuhr er missmutig fort. “Eine Toilette im Außenbereich nimmt dem schönsten Winterzauber die Romantik.”

“Ich werde mich schon um alles kümmern”, flötete Mary Keenan unbeirrt und ignorierte seinen finsteren Gesichtsausdruck. “Herausgeputzt und mit ein paar neuen Vorhängen wird das Häuschen märchenhaft aussehen.”

Märchenhaft! Jagdhütten sollten nicht märchenhaft aussehen! Sie müssen aussehen, als hätte man sie wahllos aus dem Material zusammengezimmert, das gerade zur Hand gewesen war.

“Wie hat dieses Frauenzimmer aus Arizona überhaupt von meiner Hütte erfahren? Nein, sag es nicht! Bestimmt hast du sie bei Schöner Wohnen oder einer anderen ausgesprochenen Frauenzeitschrift inseriert! Zauberhafter Weihnachtsurlaub in rustikalem Ambiente.”

Wieder ignorierte sie seinen Sarkasmus. “Einer deiner Jagdgäste ist mit ihrer Freundin verheiratet und hatte gehört, dass sie nach einer Unterkunft in den Bergen sucht. Ist das nicht ein toller Zufall? Sie hatte es schon überall versucht.”

Selbst Schuld, dachte Riley verächtlich. Wer kümmerte sich schließlich erst zwei Wochen vor Weihnachten um seine Urlaubsbuchungen?

“Und sei nicht so hart, Riley! Die junge Frau war verzweifelt, das habe ich deutlich in ihrer Stimme gehört. Du hättest das Gleiche wie ich getan, wenn du selbst mit ihr gesprochen hättest. Da bin ich mir sicher.”

“Ganz sicher hätte ich das nicht getan!” widersprach er entrüstet und fragte sich, wie seine eigene Mutter ihn nur so wenig kennen konnte. “Verzweifelten Frauen gehe ich grundsätzlich aus dem Weg und lade sie bestimmt nicht noch in mein Haus ein.”

Unbehagen schlich sich in Rileys Entrüstung. Ihm fiel ein, dass die Hütte eher als Stall und nicht gerade als Haus bezeichnet werden konnte. Wie sollte eine eigensinnige junge Frau mit diesem Umstand zurechtkommen? Aber was kümmerte ihn das überhaupt?

“Ich will sie hier nicht haben”, sagte er entschieden.

“Hast du denn gar keinen Sinn für das heilige Fest?” Er hatte nicht zusammenzucken wollen und versuchte hastig, seine Reaktion zu verbergen. Doch seine Mutter hatte den Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkt. “Oh, Riley, es tut mir Leid. Aber es ist schon so lange her. Kannst du nicht …?”

Aber er konnte nicht.

“Mach was du willst!”, brummte er, als würde sie nicht ohnehin immer tun, was sie wollte. “Ich will jedenfalls nichts damit zu tun haben.”

Die Jagdhütte befand sich in den Bergen, auf dem südöstlichsten Zipfel seines Landes, das zum Teil bewaldet war, am Fuß der Rocky Mountains. Es gab praktisch keine vernünftige Straße dort hinauf. An einem guten Tag, an dem es nicht geschneit hatte, brauchte man etwa eine halbe Stunde, um von seinem Haus zu der Hütte zu gelangen.

In den nächsten Tagen überschlug sich seine Mutter förmlich, um allerlei Decken, Vorhänge und Ähnliches zur Hütte zu bringen und sie für ihren Weihnachtsgast auf Vordermann zu bringen. Ihr Enthusiasmus kannte keine Grenzen, und Riley tat sein Möglichstes, um sie einfach zu ignorieren. Und dann kam plötzlich dieser Anruf.

“Riley, du wirst nicht glauben, was geschehen ist!” rief seine Mutter aufgeregt und völlig außer Atem.

Sie berichtete ihm von Myrtle Spincher, deren Ehemann zwei Wochen vor ihrem jährlichen Urlaub auf den Bahamas gestorben war. Und so hatte Marys Freundin Alva die Flugtickets geschenkt bekommen und war dringend auf der Suche nach einer Reisebegleitung.

“Was würdest du dazu sagen, wenn ich mitfliege?” fragte Mary. “Allerdings wäre ich dann Weihnachten nicht hier. Du wärst ganz allein.”

Nur mühsam gelang es Riley, sich seine Freude darüber nicht anmerken zu lassen. Immerhin blieben ihm so Nerven zermürbende Abende im Haus seiner Mutter erspart, an denen er Smalltalk mit irgendwelchen älteren Witwen halten musste, die seine Mutter regelmäßig besuchten. Und er musste nicht mit einem eingefrorenen Lächeln Geschenke auspacken, die ihm nichts bedeuteten, und sich dann auch noch ein überzeugendes Dankeschön abringen.

Er überredete seine Mutter regelrecht dazu, auf die Bahamas zu fliegen. Erst als die Reisekoffer schon gepackt waren, erinnerte sie ihn daran, dass er sich nun allein um die unerwünschten Gäste kümmern musste.

Während seine Mutter jetzt Fruchtcocktails an karibischen Stränden genoss, stand er am Calgary International Airport, zum zweiten Mal in dieser Woche, und machte sich mit seinem Namensschild lächerlich.

Ein weiterer Schwall von Leuten kam durch die blickdichten Türen des Zolls geströmt. Lustlos ließ er seinen Blick über die ankommenden Passagiere gleiten und schloss dabei die Personen aus, die nicht in Frage kamen. Die fröhliche junge Familie konnte es nicht sein, und auch nicht die weißhaarige alte Frau. Und mit Sicherheit nicht sie!

Sie war eine süße kleine Frau mit honigbraunen Locken, die unter einer Weihnachtsmannmütze hervorlugten. Ihre ganze Erscheinung war hinter einem Gepäckwagen verborgen, der mehr Taschen trug, als irgendein Mensch für ein ganzes Jahr benötigen würde.

Abgesehen von der großen Mütze auf ihrem Kopf wirkte sie nicht gerade wie jemand, der impulsiv handelte. Ganz offensichtlich hatte sie alles im Gepäck, was man nur im Entferntesten gebrauchen konnte. Sie war der Typ Frau, der auf jede Eventualität sorgfältig vorbereitet war, und der sich niemals auf der Suche nach Schnee spontan in ein Flugzeug setzen würde.

Bei ihr war ein kleiner Junge. Riley hatte das Gefühl, als versuchte sie um des Kindes willen verzweifelt eine fröhliche Miene aufzusetzen. Unter ihrer Maske wirkte sie müde und abgespannt.

Gegen seinen Willen regte sich sein Beschützerinstinkt. Die junge Frau sah unbeschreiblich verwundbar aus, obwohl sie das vermutlich vehement abstreiten würde, sollte man sie auf ihre Schwäche ansprechen.

Eigentlich sollte er nach den Cavells Ausschau halten, doch etwas an dieser Frau fesselte seine Aufmerksamkeit. Es fiel ihm schwer, seinen Blick von ihr loszureißen.

Sie sah süß aus, wenn auch etwas unscheinbar. Ihre Kleidung, von der lächerlichen knallroten Vliesmütze einmal abgesehen, schien absichtlich ihre äußeren Vorzüge zu kaschieren. Sie trug ein beiges, weit geschnittenes Kostüm, das inzwischen ein wenig zerknittert war. Diese Aufmachung verlieh ihr das Aussehen eines Kindes, das älter erscheinen wollte, als es war. Sie konnte auch als Bibliothekarin auf Winterurlaub durchgehen – und beiden Varianten würde Riley unter normalen Umständen keine größere Aufmerksamkeit schenken.

Kopfschüttelnd entschied er, dass er ihrer geheimnisvollen Wirkung auf ihn nicht mit einem bloßen Blick auf den Grund gehen konnte. Und gleichzeitig schockierte ihn, dass er das überhaupt wollte!

Vielleicht war er zu lange einsam gewesen. Und während er die junge Frau dabei beobachtete, wie sie sich hilflos umsah, zweifelte er plötzlich an seiner ersten Annahme, dies könne niemals Bethany Cavell sein. Innerlich betete er, dass sie es nicht war!

Energisch wandte er sich von ihr ab und suchte in der Menge nach einer anderen Frau mit Kind, die möglicherweise sein Feriengast sein konnte. In seiner Vorstellung hatte er sich eher den Typ einer exzentrischen Großtante ausgemalt, die ein freches, verwöhntes Kind an ihrer Seite hatte.

Tatsächlich erblickte er eine Frau, auf die diese Beschreibung passte. Sie trug einen dicken Pelzmantel und hatte ihr Kinn arrogant nach vorn gereckt. Neben ihr schlenderte ein Teenager entlang, aber die ältere Dame übersah mit betonter Verachtung das Schild, das Riley ihr hoffnungsvoll entgegenstreckte. Eine weitere junge Frau wäre noch infrage gekommen, doch beim Näherkommen bemerkte Riley, dass sie zwei Kinder bei sich hatte.

Entnervt drehte er sich wieder zu seiner farblosen Bibliothekarin um. Sie schaute mit großen Augen suchend in seine Richtung. Ihre Blicke trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde, und Riley spürte eine unerwartete und ungewollte Regung in sich.

Auch sie schien es zu spüren, denn sie sah abrupt hinunter auf ihre Füße – eine Geste voller Schüchternheit und Nervosität. Dann sah sie wieder hoch, aber ihre neu gewonnene Fassung verpuffte sofort angesichts des Begrüßungsschilds in seinen Händen.

Er widerstand dem Impuls, das Schild hinter seinem Rücken zu verstecken und die Flucht zu ergreifen, während sie gequält erst auf ihn, dann wieder auf den in großen Buchstaben geschriebenen Namen sah.

Offensichtlich wünschte sie sich ebenso wie er, dass es sich bei diesem Zusammentreffen um einen riesigen Irrtum handeln musste. Spontan drehte sie sich zu der Glastür um, durch die sie gekommen war, die sich hinter ihr aber bereits wieder geschlossen hatte. Es gab kein Zurück mehr, und die arme Frau machte einen unsagbar hilflosen Eindruck.

Der Junge neben ihr sah zu ihr hoch und zog an ihrer Hand, doch die Frau rührte sich nicht vom Fleck. Dann sah sich das Kind neugierig in der Flughafenhalle um. Die Augen waren vor Neugier weit geöffnet, und im Arm hielt es mit festem Griff einen Teddybären. Der Bär trug ebenfalls eine rote Weihnachtsmannmütze, genau wie die Frau, nur dass die Mütze bei dem Bären nicht ganz so albern wirkte.

Dann erblickte der kleine Junge plötzlich Riley und starrte ihn mit unverhohlener Überraschung an. Kinder mochten Cowboys, das wusste Riley. Angestrengt betrachtete der Kleine das Schild in Rileys Hand. Es sah nicht so aus, als könne das Kind bereits lesen, aber offenbar konnte er die Buchstaben seines Namens erkennen. Der Junge hatte die Stirn gerunzelt und formte sorgfältig jeden Buchstaben mit seinen Lippen. Dann erhellte sich sein Gesicht so sehr, dass Riley unwillkürlich zusammenzuckte.

Diese Reaktion war so intensiv, als hätte der Junge einen Fußballhelden oder sogar den Weihnachtsmann persönlich gesehen. Wie konnte das arme Kerlchen sich so sehr über einen raubeinigen Cowboy freuen, der zudem noch ziemlich feindselig war?

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