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Viel zu sexy!

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1. KAPITEL

Annie Sawyers betrachtete den beeindruckenden Stapel von Zeitschriften, Artikeln und Büchern, den ihre Freundin Lace mitgebracht hatte. Annie hätte nicht gedacht, dass das Thema so umfangreich sein könnte. „Lieber Himmel. Das hat alles mit Sex zu tun?“

Lace atmete erleichtert auf, als sie ihre Last auf den Boden fallen ließ. „Alles.“

„Aber ich dachte, so kompliziert wäre Sex gar nicht.“

Lace lachte. „Abwechslung ist das Salz des Lebens. Und glaub mir, es ist interessant zu lesen.“

„Du hast das alles gelesen?“

„Klar. Und noch viel mehr.“ Lace war eine bekannte Sextherapeutin und Annies beste Freundin. Erst kürzlich hatte sie Annies älteren Bruder geheiratet – sehr zur Verwunderung seiner Familie. Nicht etwa, weil sie Lace nicht gemocht hätten, sondern weil Daniel so stockkonservativ war. Die zwei ergänzten sich perfekt.

Lace straffte sich und lächelte. „Wenn du danach nicht inspiriert bist, gebe ich es auf.“

Annie sagte nichts, aber ihr Problem war nicht, dass es ihr an Inspiration fehlte. Es war mangelndes Selbstvertrauen und fehlendes männliches Interesse, was sie so verunsicherte. „Ich weiß nicht, Lace. Ich glaube nicht, dass Guy viel daran liegt, mich … sexuell inspiriert zu sehen.“

„Bestimmt nicht! Und deshalb wirst du ihn ja verführen.“

Annie machte große Augen. „Aber ich habe noch nie einen Mann verführt. Das letzte Mal, als ich es bei Guy versuchte, dachte er, ich wollte ihn zum Ringen herausfordern. Er ließ mich sogar gewinnen! Weißt du, wie demütigend das war?“

Lace blinzelte verwirrt. „Wie konnte er das nur verwechseln?“

„Hätte ich mich vielleicht zuerst ausziehen sollen? Meinst du, es hätte geholfen, wenn ich …“

„Nein! Nein, tu das nicht.“ Lace schenkte ihr ein schwaches Lächeln. „Ich werde dir helfen. Und dann wird deine Verführungstechnik unvergleichlich sein. Unwiderstehlich und provokativ. Ich verspreche dir, er wird nicht die geringste Chance haben.“

„Ich weiß nicht.“ Annie hatte kein gutes Gefühl dabei. „Was ist, wenn ich es tue, wenn ich mir die größte Mühe gebe und …“

„Annie.“

„… und er über meine Technik lacht und mir auf die Schulter klopft? Das ist es nämlich, was er meistens tut.“ Annie runzelte die Stirn. Sie hasste ihre Unentschlossenheit, aber sie war sich ihrer Unzulänglichkeiten viel zu stark bewusst. Sie war eine großartige Geschäftsfrau, stark, unabhängig und tüchtig, aber nicht schön und sexy, so wie Lace. Nicht feminin.

In Guys Augen war sie mehr wie ein Kind oder wie eine kleine Schwester. Sie liebte ihn täglich mehr, während er sich damit begnügte, ihr brüderliche Ratschläge zu erteilen oder ihr strenge Vorträge über Anstand und Moral zu halten. Er merkte nicht, dass ihre Bemühungen, reizvoller und weiblicher auszusehen, nicht der Männerwelt im Allgemeinen, sondern ausschließlich ihm galten. Das Einzige, was ihn interessierte, war, sie zu beschützen – genau wie ihre beiden tyrannischen Brüder es taten. Es war mehr, als eine einzige Frau ertragen sollte, und deshalb hatte sie ihre Schwägerin gebeten, ihr zu helfen.

Lace warf ihr einen nachsichtigen Blick zu. „Annie, Guy hat vielleicht nicht mal gemerkt, dass du dich für ihn interessierst. Er ist schon so lange bei deiner Familie. Und da du die einzige Frau in einem reinen Männerhaushalt bist, hat er natürlich das gleiche Verhalten wie deine Brüder und dein Vater angenommen. Es könnte sein, dass er einfach nur ein bisschen Ermutigung benötigt.“

Annie seufzte. Guy war ihr bester Freund und kannte sie in mancher Hinsicht besser als ihre eigene Familie. Sie war schon immer in ihn verliebt gewesen. Aber was Lace sagte, machte Sinn.

„Das ist gut möglich.“ Guy lebte schon viele Jahre bei den Sawyers. Er und Daniel waren in ihrem zweiten High-School-Jahr gewesen, als Guys Vater aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand gehen musste. Guys Eltern waren nach Florida gezogen, aber da Guy und Daniel damals schon sehr gute Freunde waren, erschien es nur vernünftig, dass Guy in seiner Heimatstadt die High School abschloss. Und so war er zu ihrer aller Freude in den Sawyerschen Haushalt aufgenommen worden.

Lace nickte. „Guy hat deine Familie als seine eigene adoptiert. Und seit ich auch zur Familie gehöre, ist mir klar, dass sie dich auf ein sehr hohes Podest gestellt haben. Sie wollen gar nicht darüber nachdenken, dass du einmal von diesem Podest herunterspringen könntest, um dich auf die Suche nach verwerflichen Vergnügungen zu begeben.“ Sie lachte. Es hatte sie immer sehr belustigt, wie sehr Annie von den Männern ihrer Familie behütet wurde. „Guy glaubt vermutlich, niemand dürfe dich mit Sex und Lust in Verbindung bringen. Du bist zu unschuldig“, fügte sie hinzu.

„Aber ich will nicht unschuldig sein!“ Annie empfand das Wort inzwischen beinahe schon wie eine Beleidigung.

„Ja, Unschuld ist ganz schon langweilig, nicht wahr?“, stimmte Lace ihr lachend zu. „Aber du hast nichts an diesem Bild geändert, indem du alle interessierten Männer abgewiesen hast. Dir steht ‚süß und unschuldig‘ gewissermaßen auf der Stirn geschrieben, und ich schätze, die Männer in deiner Familie finden das wohl auch in Ordnung so. Ich weiß, dass Daniel es tut. Er wehrt sich dagegen, dich als erwachsene Frau zu sehen, obwohl ich ihn ständig ermutige, es endlich zu tun.“

Annie stieß einen Seufzer aus. Wenn nicht einmal Lace, die Daniel vergötterte, ihn zur Vernunft bringen konnte, wie sollte sie es dann bei Guy erreichen?

„Natürlich habe ich Männer abgewiesen“, murmelte Annie. „Der einzige Mann, den ich will, ist Guy. Ich habe mich hoffnungslos in ihn verliebt, als ich achtzehn war.“

Lace setzte sich und schlug ihre langen Beine übereinander. „Erzähl.“

Annie starrte Lace unentschlossen an. Die Erinnerungen an jenen weit zurückliegenden Tag waren etwas sehr Kostbares für sie, und sie hatte nicht gewagt, ihren Freundinnen davon zu erzählen, weil diese alle selbst hinter Guy her gewesen waren. Und sie konnte sich vorstellen, was passiert wäre, wenn sie versucht hätte, Max oder Daniel davon zu erzählen.

Sie seufzte und beschloss dann, sich Lace anzuvertrauen. „Guy hatte mich weinend im Garten angetroffen. Es war Muttertag, und ich war schrecklich traurig, obwohl ich selbst nicht weiß, warum. Ich erinnere mich ja nicht einmal an meine Mutter. Sie starb, als ich noch ganz klein war. Aber ich fühlte mich an jenem Tag sehr einsam. Dad pflegte damals an sämtlichen Feiertagen zu verschwinden, weil er die Erinnerungen nicht ertrug, und der Muttertag war immer ganz besonders schwer für ihn. Daniel lernte in seinem Zimmer, und Max war nicht zu Hause.“ Sie wandte den Blick ab. „Ich fühlte mich einfach so allein.“

„Ich verstehe.“

Wie immer war Lace’ Ton sanft und mitfühlend. Annie war froh, eine Schwägerin zu haben, mit der sie reden konnte. „Guy setzte sich zu mir auf die Hollywoodschaukel und streichelte mir den Rücken, wie Männer es tun, wenn sie nicht wissen, was sie mit einer Frau anfangen sollen. Es hat ihn immer sehr beunruhigt, wenn ich weinte, vermutlich, weil ich es so selten tat. Wenn man mit so vielen Jungen aufwächst, wird man ganz schön unempfindlich.“

Lace verzog das Gesicht. „Ich weiß. Sie haben dich mehr wie einen kleinen Bruder behandelt als wie eine Schwester.“

„Sie taten ihr Bestes, vor allem, als Dad immer verschlossener wurde. Und meistens machte es auch Spaß. Ich konnte alles tun, was sie taten, im See schwimmen, Baseball spielen … Sie haben mich nie von irgendetwas ausgeschlossen. Bis auf jenes eine Mal zumindest, als ich sie mit einer Clique Mädchen aus der Nachbarschaft heimlich Bier trinken sah. Ich dachte, Daniel würde mir eine Ohrfeige geben für mein Spionieren.“

„Dieser Pharisäer.“

Annie lachte. „Es war ihnen unangenehm, wenn ich mich auch nur ein bisschen weiblich gab. Als ich mir Ohrlöcher stechen ließ, schikanierten sie mich tagelang. Ich erinnere mich noch, wie ich Max einmal bitten musste, mir Tampons aus der Drogerie zu holen. Er fragte doch tatsächlich, wofür, und als ich ihn bloß wütend ansah, kriegte er ganz rote Ohren.“

„Ist er dann gegangen und hat sie dir geholt?“

„Na klar. Max würde alles für mich tun, aber er hat es nicht sehr gern getan. Von da an ließ er Daniel meine Einkäufe erledigen.“ Wieder lachte sie. „Als Max auffiel, dass ich allmählich erwachsen wurde, meinte er vorwurfsvoll, mir ‚wüchsen Brüste‘, als wäre das etwas, was ich täte, um ihn zu ärgern. Dann zog er los und kaufte mir einen Haufen Westen. Als ich mich weigerte, sie zu tragen, gewöhnte er sich an, vor mir zu gehen, damit niemand etwas merkte.“

Lace biss sich auf die Lippe, um nicht laut zu lachen. „Wie albern von ihm.“

„Das kannst du laut sagen.“ Annie schüttelte den Kopf. „Als ob jemand so unbedeutende Attribute bemerkt hätte.“ Sie blickte auf ihre bescheidene Oberweite. Die Pubertät war schon vor langer Zeit gekommen und gegangen, sodass sie die Hoffnung auf mehr Kurven langsam aufgeben konnte.

„Du warst also im Garten und hast geweint, und Guy versuchte, dich zu trösten?“, nahm Lace den Faden wieder auf.

„Er klopfte mir ein bisschen unbeholfen auf die Schulter, umarmte mich und bat mich, nicht zu weinen. Und dann küsste er mich auf die Wange, wie er es schon oft getan hatte. Ich wandte mich ihm zu … er holte ganz tief Luft, und bevor ich wusste, was geschah, legte er die Hände um mein Gesicht und gab mir einen Kuss, der einfach unglaublich war.“

„Du meinst …“

„Ja.“ Annie nickte begeistert. „Ein richtiger Zungenkuss, mit allem Drum und Dran.“

Lace kämpfte mit einem Lächeln. „Meine Frage war, ob dieser Kuss dein erster war. Die Details kannst du dir sparen.“

„Oh.“ Annie runzelte die Stirn. „Nein, es war nicht mein erster Kuss, aber auf jeden Fall das erste Mal, dass ich so etwas wie Lust verspürte.“

„Aha! Es hat dich umgehauen, nicht?“

„Allerdings.“ Es war ein ungemein fordernder, verlangender Kuss gewesen, der ihr verriet, wie sehr Guy sie in jenem Augenblick begehrte. Sie war überrascht gewesen, weil es das erste Mal war, dass sie die Zunge eines Mannes spürte, das erste Mal, dass sie wirklich Lust empfand oder einen Mann begehrte. Guy hatte sie schon sehr oft umarmt, aber diesmal war es anders, weil er sich nicht wie ein Freund anfühlte, sondern wie ein Mann – hart und heiß und ungeheuer sexy.

Seitdem gehörte sie Guy. Noch heute kostete sie die Erinnerung an diesen Kuss aus, wann immer Guy es wieder mal versäumte, sie als erwachsene Frau zu sehen. Denn in jenem einen Augenblick, an jenem einen Tag, hatte er sie begehrt. Beinahe so sehr, wie sie ihn begehrt hatte.

Lace’ Blick war nachdenklich. „Was hast du getan, als er dich geküsst hat?“

„Ich bin mir nicht mehr sicher. Ich weiß nur, dass ich ihn ansah und erstarrte. Guy begann sich zu entschuldigen, stotterte irgendwas und wich zurück, als erwartete er, ich würde ihn schlagen. Dann ging er einfach weg und erwähnte es nie wieder. Seit damals ist es beinahe so, als ginge er mir aus dem Weg. Außer, wenn er mir einen Vortrag über irgendetwas halten will.“

Lace lachte. „Er ist Daniel wirklich ziemlich ähnlich.“

„Sie sind wie Brüder.“

„Also hat Guy dich außer diesem einen Mal nie mehr geküsst?“

Es war schwer zu erklären, was für eine Art Beziehung sie in den letzten Jahren zueinander hatten. Annie war jetzt fünfundzwanzig, aber Guy behandelte sie, als wäre sie noch immer achtzehn und tabu für ihn. Sie verstand, dass er sich zurückgehalten hatte, als sie noch jung und unerfahren war.

Aber heute? Unerfahren war sie immer noch, aber das konnte er schließlich nicht wissen. Und mit fünfundzwanzig war sie garantiert nicht mehr zu jung. Aber wann immer sie ihm zu nahe kam, begann er sich zurückzuziehen, und sie hasste das.

„Einmal, am Silvesterabend vor zwei Jahren“, fuhr Annie fort, „überrumpelte ich ihn. Wir waren im Keller und suchten Klappstühle, weil mehr Leute gekommen waren als erwartet. Als es plötzlich zwölf schlug und wir das Geschrei oben hörten, lachte Guy, weil er wusste, dass sie sich nun küssten. Ich ließ ihm keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich … nun ja, ich stürzte mich ganz einfach auf ihn.“

„Und?“

Frustriert murmelte Annie: „Und er ließ sich etwa drei Sekunden küssen. Dann fuhr er zurück, als ob ich ihn geschlagen hätte. Er warf mir vor, ich sei betrunken, obwohl er wusste, dass ich keinen Tropfen Alkohol getrunken hatte. Dann scheuchte er mich die Treppe hinauf und achtete darauf, mir nicht zu nahe zu kommen. Den Rest der Nacht wich er seinem Date nicht mehr von der Seite und sah mich an, als wäre ich ein Kinderschänder oder so etwas.“

„Das ist alles?“

„Nein. Es gab noch andere solcher Gelegenheiten, aber gewöhnlich nur, wenn es mir gelang, ihn irgendwie zu überrumpeln. Wie an meinem einundzwanzigsten Geburtstag, als er mir diese Kette schenkte.“ Ihre Finger schlossen sich um die kleine schwarze Perle an der schmalen Silberkette, die sie nie ablegte. „Auch da habe ich mich einfach auf ihn gestürzt, um ihn zu küssen. Er lachte, aber nur, bis unsere Lippen sich berührten. Und dann umarmte er mich und erwiderte den Kuss.“

„Ah. Immerhin ein Fortschritt.“

„Etwa drei Sekunden lang.“

„Lass mich raten. Er ergriff wieder die Flucht?“

„Richtig.“

„Männer können schrecklich schwierig sein.“

Da Lace nicht nur Sexualtherapeutin war, sondern zudem auch noch mit Annies Bruder Daniel verheiratet, nahm Annie an, dass sie sich mit schwierigen Männern bestens auskannte.

„Bei anderen Frauen ist er nicht so.“

„Er ist fünfunddreißig, Annie. Da kannst du doch nicht erwarten, dass er wie ein Mönch lebt.“

„Nein. Ich habe eine Menge Frauen über ihn reden gehört! Er soll ein fabelhafter Liebhaber sein … aber bei mir kann er sich nicht einmal zu einem zweiten Blick durchringen.“

Annie nahm das Buch, das zuoberst auf dem Stapel lag, und ließ sich wieder auf die Couch fallen. „Meine Sexualität wird noch komplett verkümmern, wenn Guy mich nicht endlich mal zur Kenntnis nimmt.“

„Ich habe das Gefühl, dass er seine Meinung ändern wird.“

„Und ich vertrockne hier, während ich darauf warte.“ Annie öffnete das Buch, betrachtete einige der Bilder und drehte das Buch, um einen besseren Blickwinkel zu erlangen. „Ach du liebe Güte!“

„Sieht interessant aus, nicht?“

Es sah mehr als interessant aus. Verführerisch. Verlockend. „Ist das überhaupt möglich?“ Wieder drehte sie das Buch und versuchte herauszufinden, welcher Körperteil zu welcher Person gehörte.

„Glaub mir, es ist möglich.“

„Es sieht nicht sehr bequem aus.“

Lace spähte über ihre Schulter und zuckte dann die Schultern. „Ich gebe zu, es ist ein bisschen ausgefallen.“

„Guy würde das nie tun.“

Lace lachte. „Oh doch, das wird er, glaub mir.“

Annie wollte sich so gern überzeugen lassen. Kein Tag verging, an dem sie sich nicht ausmalte, wie es wäre, mit Guy verheiratet zu sein, nachts mit ihm zu schlafen und das Recht zu haben, ihn zu berühren, wie und wann und wo sie wollte.

Die Gedanken daran hatten sie schon so manche Nacht keinen Schlaf finden lassen.

„Du bist die Therapeutin“, sagte sie.

„Nur Sexualtherapeutin, Annie. Und da du zu dem Teil mit dem Sex noch nicht gekommen bist, kann ich die Reaktion von Menschen auf gewisse Situationen nicht voraussagen. Ich verlasse mich nur auf die gute alte weibliche Intuition, wenn ich dir sage, dass Guy irgendwie doch an dir interessiert sein muss. Wenn er dich wirklich nur wie eine kleine Schwester sähe, wie er behauptet, hätte es diese heißen Küsse nie gegeben. Das musst doch sogar du erkennen.“

„Meinst du wirklich?“

„Ja, aber Begehren und Lieben sind zwei ganz verschiedene Dinge, Annie. Glaubst du, du könntest es ertragen, wenn Guy mit dir schlafen würde, ohne in dich verliebt zu sein?“

Das war gar nicht so einfach zu beantworten. Im Gegensatz zu Annie hatte Guy keinen Mangel an Verabredungen. Er konnte sich die Frauen, mit denen er ausging, aussuchen, und die meisten waren wie Lace – erfahrene, sexy Geschäftsfrauen mit eigenem Stil, fabelhaften Körpern und einer Menge Selbstvertrauen.

Annies Körper war nichts, womit sie hätte prahlen können. Sie hatte zwar keine schlechte Figur und schämte sich auch ihres Körpers nicht, aber er hatte Guy jedenfalls noch nicht in einen Anfall wilder Leidenschaft getrieben. Und obwohl ihre kleine Buchhandlung ihr ganzer Stolz war, übte sie doch keinen Traumberuf aus.

Wenn Guy sich je in sie verlieben sollte, hätte er es längst getan, schien ihr. Aber sie konnte nicht so einfach aufgeben. Und im Moment wollte sie sich auf einen Schritt nach dem anderen konzentrieren.

„Die Wahrheit ist, dass mir ganz elend wird, Lace, wenn ich mir vorstelle, in meinem ganzen Leben vielleicht nie an ihn heranzukommen. Ich möchte wenigstens etwas, selbst wenn es nicht von Dauer ist. Und wer weiß? Vielleicht käme ich ja endlich über ihn hinweg, wenn ich mit ihm schlafen würde und danach feststellen müsste, dass er mich nicht mehr will. Es könnte so etwas wie ein Exorzismus sein. Aber ich muss es wenigstens versuchen.“ Dann erschrak sie. „Falls du wirklich glaubst, dass er mich will. Ich möchte mich schließlich nicht zum Narren machen.“

Lace zog die Brauen hoch. „Männer sind in einigen Dingen ziemlich simpel, Annie. Guy hat bereits Interesse bewiesen, und obwohl du es immer abstreitest, bist du eine attraktive Frau. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass er reagieren wird, sobald du ihm einen Schubs in die richtige Richtung gibst.“

„Möglich“, räumte Annie ein. Sie war es gewöhnt, den Männern in ihrem Leben nachzueifern, ihre Ziele energisch zu verfolgen und sich nicht von Nebensächlichkeiten entmutigen zu lassen.

Laut sagte sie: „Aber eine Verführung? Davon verstehe ich nichts.“ Es war eine verlockende Vorstellung, Guys schlanken Körper zu erforschen, ihn zu berühren und zu küssen, so viel, so oft und so lange sie es wollte.

Aber es war natürlich auch riskant. Es wäre schrecklich, wenn sie es vermasseln würde und zudem noch Guys Respekt verlor.

Lace berührte ihre Hand. „Das ist mein Fachgebiet. Mit meiner Hilfe und den Büchern hast du alle Trümpfe in der Hand. Glaub mir, bei den meisten ungebundenen und interessierten Männern ist es gar nicht schwer, sie zu verführen. Das einzige Problem ist, den richtigen Moment und Ort zu finden.“

Annie wollte gerade etwas erwidern, als es klingelte. Sie sah Lace an und zog unwillig die Brauen hoch. Sie wollte nicht gestört werden, nicht jetzt, wo sie zum besten Teil der ganzen Sache kamen. „Entschuldige. Lass mich sehen, wer es ist.“

Kaum hatte sie die Tür geöffnet, stürzte ihr Bruder Daniel auf sehr uncharakteristische Art an ihr vorbei herein. „Hör zu, Annie! Guy ist direkt hinter mir. Er kann jeden Augenblick erscheinen. Sag ihm nicht, dass ich gerade erst gekommen bin, aber ich musste unbedingt noch vorher mit dir reden. Ich wusste, dass er herkommen würde, deswegen habe ich mich beeilt, um ihm zuvorzukommen.“

Annie starrte ihn verwundert an. „Du liebe Güte, was ist passiert?“ Ihr sonst so ausgeglichener ältester Bruder schien vollkommen außer sich zu sein.

Er atmete tief ein. „Guy will heiraten.“

Dieser kleine Satz reichte, um Annie blindlings nach einem Stuhl tasten zu lassen. Ihr war, als ob die Welt sich plötzlich um sie drehte. „Was?“

Daniel fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Er sagte, er will Melissa bitten, ihn zu heiraten.“ Bevor Annie eine Antwort darauf finden konnte, hob Daniel frustriert die Hände. „Ich weiß, ich weiß. Sie passt überhaupt nicht zu ihm. Ich habe versucht, es ihm zu sagen, aber er weigert sich, mir zuzuhören. Und hier kommst du ins Spiel, Annie. Du stehst Guy nahe, in vielen Dingen noch viel mehr als ich. Bring ihn dazu, es sich noch einmal zu überlegen, Annie. Rede mit ihm. Rate ihm, nichts zu überstürzen …“

Daniel brach plötzlich ab, als merkte er erst jetzt, wie still sie war. „Was ist los? Du siehst aus, als würdest du jeden Moment in Ohnmacht fallen.“

Annie versuchte zu antworten. Ihr Mund bewegte sich, aber kein Ton kam über ihre Lippen. Guy wollte heiraten? All ihre schönen Pläne lösten sich in Luft auf, bevor sie auch nur die Chance bekam, sie zu verwirklichen!

Lace kam ihr zu Hilfe. „Hallo, Daniel.“

„Lace!“ Misstrauisch blickte er sie an. „Ich dachte, du wärst einkaufen.“

„War ich auch. Ich habe ein paar aktuelle Neuerscheinungen gekauft, die deine Schwester in ihrem konservativen Buchladen nicht führt.“ Sie schenkte ihm ihr ureigenes schalkhaftes Lächeln, das ihn garantiert noch misstrauischer machte.

Daniels Augen wurden schmal. „Bücher worüber?“

Annie liebte ihren Bruder sehr, und sie wusste, dass er Lace liebte. Aber für ihn war Lace all das, was Annie nicht war: sexy, verführerisch, erfahren und unglaublich feminin, vom Scheitel ihres platinblonden Haars bis zu ihren wohlgeformten langen Beine. Als sie sich kennen lernten, hatte Lace Daniel anfangs fast um den Verstand gebracht, dann jedoch begonnen, seine Liebe zu erwidern. Die beiden waren das ideale Paar, doch Lace’ Bemühungen, die brave kleine Annie in eine Femme fatale zu verwandeln, weckten immer noch den Argwohn ihres Mannes.

Lace zuckte mit den Schultern. „Über Sex natürlich.“

„Was?“

Mit einem spöttischen Lächeln sagte Lace: „Wir sammeln die neuesten Erkenntnisse über Verführung, Liebling.“ Dann beugte sie sich zu ihm vor und flüsterte: „Annies Verführung übrigens.“

In der Stille, die dieser Bemerkung folgte, erschien Guy plötzlich in der Tür. „Wer, zum Teufel, versucht, Annie zu verführen?“

Leider niemand, hätte Annie fast erwidert, wenn sie nicht vorübergehend abgelenkt gewesen wäre vom Anblick ihrer einzig wahren Liebe.

Guys sehr kurz geschnittenes hellbraunes Haar war vom Wind zerzaust. Es stand in alle Richtungen ab und erinnerte an die Stacheln eines Igels.

Seine Ohren und die schmalen Wangen waren gerötet von der Kälte; seine Jeans durchnässt vom Regen. Er hatte den Kragen seiner Bomberjacke aufgestellt, und Annie konnte ein zerknittertes Flanellhemd darunter sehen. Guy sah nicht so aus, als ob er sich heute rasiert hätte, und seine braunen Augen waren rot gerändert, was den Schluss zuließ, dass er nicht viel Schlaf bekommen hatte in der letzten Nacht.

Er sah groß und schlaksig und müde aus – und so sexy, dass Annie sich am liebsten eins der Bücher geschnappt und Guy ins Schlafzimmer gezogen hätte.

Annie erhob sich langsam, während sie ihn sehnsüchtig betrachtete. „Niemand versucht, mich zu verführen.“

Lace lächelte, betrachtete einen ihrer Fingernägel und verkündete: „Es ist Annie, die jemanden verführen wird.“

Guy und Daniel erstarrten. „Was?“

Annie warf Lace einen vernichtenden Blick zu, den diese jedoch ignorierte. Das war das Problem mit einer Freundin, die ein bisschen spleenig war und zu viel Intelligenz und Fantasie besaß. Annie hatte keine Angst, dass Lace sie verraten würde. Tatsächlich fand sie sogar, dass es recht hilfreich war, wenn Lace Guys Neugier weckte. Aber Guy sah nicht neugierig, sondern entsetzt aus.

„Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt“, versuchte Annie die beiden Männer zu beruhigen, die sie mit einer Faszination anstarrten, die Zugunglücke und dergleichen in Menschen weckten. „Ich finde, mein Sexualleben sollte nur mich etwas angehen.“

Guy schob die Tür hinter sich zu und verschränkte seine langen Arme vor der Brust. Irgendwie schaffte er es, sogar noch größer auszusehen. „Was für ein Sexualleben?“

Gute Frage.

Wieder ergriff Lace das Wort. „Du dachtest doch wohl nicht, dass sie für immer Jungfrau bleibt?“

„Kein schlechter Gedanke“, murmelte Guy.

Daniel fuhr zu Lace herum. „Das ist alles dein Werk, nicht?“

„Ich habe sie nicht erregt, falls es das ist, was du meinst.“

Daniels Gesicht lief rot an, während Guy weit die Augen aufriss. „Annie ist erregt?“

Er klang entsetzt, und dann musterte er sie, als suchte er nach äußeren Anzeichen dafür. Annie bewegte sich voller Unbehagen.

Lace zuckte mit den Schultern und grinste selbstgefällig. „Das soll vorkommen.“

Erst da bemerkte Guy den Stapel Bücher und Zeitschriften und ging darauf zu. „Du lieber Himmel. Du hast ja ein richtiges literarisches Arsenal hier.“ Er nahm eine Ausgabe des „Kamasutra“, und seine Augen verdunkelten sich, als er darin blätterte. Dann glitt sein Blick zu Annie. „Wie viele Männer willst du denn verführen? Gleich ein ganzes Dutzend?“

Annie wurde rot. Sie hatte nicht einmal im Traum an etwas so Ausgefallenes wie Gruppensex gedacht.

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