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Warum ist der Mann bloß so sexy?

Michelle Celmer

Warum ist der Mann bloß so sexy?

1. KAPITEL

Olivia Montgomery schien nicht nur eine brillante Wissenschaftlerin zu sein, sie war auch noch attraktiv. Zumindest von Weitem wirkte es so. Und sie sah überhaupt nicht so aus, wie Prinz Aaron sie sich vorgestellt hatte. Von seinem Bürofenster aus beobachtete er, wie sie mit offenem Mund und großen Augen ehrfürchtig zum Schloss emporblickte. Wahrscheinlich kam es nicht alle Tage vor, dass eine Frau wie sie gebeten wurde, ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen, um für unbestimmte Zeit in einem Schloss zu verweilen und ihr unermessliches Fachwissen dafür einzusetzen, ein ganzes Königreich vor dem finanziellen Ruin zu bewahren.

Allerdings war das Leben ihres Gastes bisher sowieso eher ungewöhnlich gewesen, wie Aaron gelesen hatte. Die wenigsten Jugendlichen machten wohl ihren Highschool-Abschluss mit fünfzehn, promovierten mit zweiundzwanzig und wurden zwei Jahre später führende Experten der botanischen Genetik. Er hätte schwören können, dass sie kaum älter als achtzehn aussah. Das lag vermutlich an dem langen hellbraunen Pferdeschwanz und dem Rucksack, den sie über der Schulter trug. Aaron sah noch zu, wie sein persönlicher Assistent Derek sie in das Schloss führte. Dann setzte er sich hinter den Schreibtisch, um die beiden zu erwarten. Seltsamerweise war er nervös.

Ihm war versichert worden, dass Olivia Montgomery die Beste im Forschungsbereich der genetischen Botanik und damit die letzte Hoffnung für die Wirtschaft von Thomas Isle war. Unzählige Experten waren außerstande gewesen, die Krankheit, die das Getreide befallen hatte, zu identifizieren oder gar zu behandeln. Begonnen hatte es auf den Ostfeldern. Von dort aus hatte es sich zusehends ausgebreitet – nicht nur auf den königlichen Anbaugebieten, sondern auch auf den angrenzenden Farmen. Wenn sie der Krankheit nichts entgegensetzen konnten, würde das eine finanzielle Katastrophe für das Königreich bedeuten, dessen Hauptwirtschaftsfaktor nun einmal die Landwirtschaft war. Seine Familie – nein, das ganze Land – vertraute darauf, dass Aaron einen Weg aus der Misere fand. Bei dem Gedanken an den Erfolgsdruck kam ihm sein älterer Bruder Christian in den Sinn. Aaron hatte immer geglaubt, dass Chris nicht gerade erpicht darauf war, eines Tages die Königswürde anzunehmen, das Land zu regieren und Nachkommen in die Welt zu setzen. Doch zu Aarons Überraschung schien Chris nach anfänglichen kleinen Schwierigkeiten seine neue Rolle als Ehemann ausgezeichnet zu gefallen.

Allein bei dem Gedanken, sich für den Rest des Lebens an eine Frau zu binden, bekam Aaron schon eine Gänsehaut. Nicht dass er die Frauen nicht liebte – im Gegenteil, er liebte viel zu viele. Und wenn der Reiz einer neuen Eroberung zu verblassen begann, hielt er sich gern die Möglichkeit offen, sich der Nächsten zuzuwenden.

Seit Chris glücklich verheiratet war, hegte seine Mutter, die Königin, plötzlich ein ausgesprochen lebhaftes Interesse für Aarons Liebesleben. Er hätte nie gedacht, dass es so viele geeignete junge Damen königlicher Abstammung geben könnte – und dass seine Mutter so versessen darauf war, ihn mit jeder Einzelnen bekannt zu machen. Doch irgendwann würde sie feststellen, dass nichts, was sie tat, ihn auch nur einen Zentimeter näher an den Altar bringen würde. Zumindest hoffte er das. Wenn es nach ihm ging, sollte sie sich lieber darauf konzentrieren, seine Schwestern, die Zwillinge Anne und Louisa, unter die Haube zu bringen.

Es vergingen einige Minuten, bevor an der Tür zu Aarons Büro geklopft wurde. Sicher hatte Derek es sich nicht nehmen lassen, ihrem Gast die Verhaltensregeln gegenüber den Mitgliedern der königlichen Familie zu erläutern. Was sie tun und sagen oder besser lassen sollte. Das konnte schon ein bisschen viel auf einmal sein – besonders für jemanden, der zum ersten Mal Mitglieder der königlichen Familie traf. „Herein“, rief er.

Die Tür wurde geöffnet, und Derek trat ein, dicht gefolgt von Miss Montgomery. Aaron stand auf, um sie zu begrüßen. Dabei fiel ihm sofort die Größe seines Gastes auf. Obwohl sie nur konservative Schuhe mit flachen Absätzen trug, war sie fast genauso groß wie Aaron mit einem Meter achtzig. Ihre Figur war unter der lockeren Kakihose und dem Pullover mit Zopfmuster nur schwer einzuschätzen. Trotzdem hatte er den Eindruck, dass sie sehr schlank war. Fast zu schlank, denn alles an ihr wirkte etwas eckig und kantig. Es fehlten nur noch der Laborkittel, ein Kugelschreiberetui in der Brusttasche und zentimeterdicke Brillengläser, um das Klischee der Wissenschaftlerin zu erfüllen. Sie trug weder Make-up noch Schmuck und wirkte etwas unaufregend – wenn auch zweifellos weiblich. Auf eine schlichte Weise attraktiv. Niedlich und mädchenhaft. Obwohl sie mit fünfundzwanzig ohne Frage schon eine Frau war.

„Eure Hoheit“, sagte Derek. „Darf ich Ihnen Miss Olivia Montgomery aus den Vereinigten Staaten vorstellen?“ Er wandte sich an ihren Gast. „Miss Montgomery, darf ich Sie mit Prinz Aaron Felix Gastel Alexander von Thomas Isle bekannt machen?“

Miss Montgomery streckte spontan die Hand aus, erkannte jedoch den Fehler, zog sie wieder zurück und machte stattdessen einen unbeholfenen und etwas wackeligen Knicks. Dabei färbten sich ihre Wangen auf bezaubernde Weise rot. „Es ist mir eine Ehre, hier zu sein, Sir, ich meine – Eure Hoheit.“

Ihre Stimme war sanfter, als er erwartet hatte. Tief und etwas rauchig – man konnte fast sagen: sexy. Aaron hatte schon immer eine Schwäche für den amerikanischen Akzent gehabt.

„Die Ehre ist ganz meinerseits“, erwiderte er und streckte ihr die Hand entgegen, die sie nach kurzem Zögern ergriff und schüttelte. Ihre Hände waren zierlich und zartgliedrig und ihre Finger erstaunlich kräftig, stellte er fest, als sie seine umschlossen. Ihre Haut fühlte sich warm und weich an, und ihre kurzen Fingernägel waren sorgfältig manikürt.

Er bemerkte die faszinierende Farbe ihrer Augen – sie waren weder richtig braun noch grün. Sie wirkten so groß und neugierig, dass sie beinah den größten Teil ihres Gesichtes auszumachen schienen. Überhaupt war alles an ihr sehr ausgeprägt und gleichzeitig überraschend. Doch sie hätte nicht weiter von dem Typ Frau entfernt sein können, auf den Aaron normalerweise stand. Er mochte Frauen, die klein und an den entsprechenden Stellen weich waren – und je schöner sie waren, desto besser. Sie brauchten auch nicht besonders intelligent zu sein, denn ihm lag nicht viel daran, mit ihnen lange Gespräche zu führen. Je weniger Verstand sie hatten, desto weniger lief er Gefahr, sich in sie zu verlieben. Es reichte ihm völlig aus, wenn sie auf einem Golfplatz, in einer Squashhalle oder mit einem Paar Langlaufskiern zurechtkamen. Wenn sie darüber hinaus noch segeln konnten, umso besser. Hatten sie außerdem noch Erfahrungen im Felsklettern, war Aaron fast schon im siebten Himmel.

Irgendwie kam ihm Miss Montgomery allerdings nicht besonders athletisch vor.

„Ich bin in meinem Büro, wenn Sie mich brauchen sollten, Sir“, bemerkte Derek, verließ den Raum und zog die Tür hinter sich zu. Aaron hätte schwören können, dass Miss Montgomery zusammenzuckte, als das Schloss leise einrastete.

Er deutete auf den Stuhl auf der gegenüberliegenden Seite des Schreibtischs. „Miss Montgomery, machen Sie es sich doch bequem.“

Sie stellte den Rucksack neben sich auf dem Boden ab und setzte sich unbeholfen auf die äußerste Kante des Polstersessels. Erst faltete sie die Hände, dann löste sie sie wieder. Schließlich schob sie die Finger unter die Oberschenkel, was den Eindruck erweckte, dass sie sich äußerst unbehaglich fühlte.

„Es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe“, sagte sie.

Er setzte sich auf die Tischkante. „Ich habe gehört, dass Sie auf dem Weg hierher schlechtes Wetter hatten.“

Sie nickte. „Es ist ein ziemlich holpriger Flug gewesen. Und ich bin auch nicht gerade versessen aufs Fliegen. Ich denke sogar darüber nach, auf dem Seeweg wieder nach Hause zu fahren.“

„Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Miss Montgomery?“

„Nein, vielen Dank. Und bitte nennen Sie mich Liv. Das machen alle.“

„In Ordnung, Liv. Wir werden viel Zeit miteinander verbringen, also nennen Sie mich Aaron.“

Sie zögerte, bevor sie schließlich fragte: „Ist das denn erlaubt?“

Er lächelte. „Ich versichere Ihnen, dass es völlig akzeptabel ist.“

Als sie nickte, fiel ihm auf, wie lang und schlank ihr Hals war. Ein Hals, der geradezu darum bettelte, gestreichelt und liebkost zu werden. Doch irgendwie glaubte er nicht, dass sie der Typ Frau war, der sich so eine Behandlung gefallen lassen würde. Dafür wirkte sie viel zu schüchtern und zurückhaltend. Zweifellos könnte er ihr noch die eine oder andere Sache beibringen. Nicht, dass er das vorhatte. Oder auch nur das Verlangen danach verspürte. Also, vielleicht ein bisschen, aber nur aus reiner Neugierde.

„Meine Familie bittet um Entschuldigung, dass keiner von ihnen hier sein kann, um Sie willkommen zu heißen“, erzählte er ihr. „Sie sind in England, um sich mit dem Herzspezialisten meines Vaters zu treffen. Am Freitag sind sie wieder zurück.“

„Ich freue mich schon darauf, sie kennenzulernen“, entgegnete Liv, wobei sie eher skeptisch als begeistert klang. Dabei hatte sie keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Es war durchaus möglich, dass ihr Besuch zu einem der am meisten erwarteten und geschätzten in der Geschichte des Königreichs werden würde. Natürlich arbeitete sie nicht umsonst, und sie hatten sich auf eine ansehnliche Summe geeinigt, um ihre Forschungen zu unterstützen. Ansonsten hatte sie um nichts weiter als Kost und Logis gebeten. Keine zusätzlichen Annehmlichkeiten, noch nicht einmal eine persönliche Hausangestellte, die sich um sie kümmern sollte.

„Mir ist berichtet worden, dass Sie einen Blick auf die Proben der kranken Pflanzen geworfen haben, die wir Ihnen geschickt haben“, sagte er.

Sie nickte und wirkte mit einem Mal schon sehr viel selbstsicherer. „Ja. Und ich habe die Daten der anderen Experten gesichtet.“

„Und zu welchem Schluss sind Sie gekommen?“

„Dass Sie es mit einer ungewöhnlichen und äußerst hartnäckigen Krankheit zu tun haben, die mir völlig unbekannt ist. Und ich kann Ihnen guten Gewissens versichern, dass ich eine ganze Menge kenne.“

„Ihre Referenzen sind ziemlich beeindruckend. Man hat mir versichert, dass vermutlich niemand außer Ihnen in der Lage ist, das Problem zu lösen.“

„Was heißt hier vermutlich?“, fragte sie selbstbewusst und sah ihm in die Augen. „Daran besteht gar kein Zweifel. Es ist nur eine Frage der Zeit.“

Ihr Selbstvertrauen überraschte ihn völlig. Fast kam es ihm vor, als hätte jemand bei ihr einen Schalter umgelegt und sie in eine völlig andere Frau verwandelt. Plötzlich saß sie aufrecht und sprach mit fester Stimme. Mit einem Mal hatte er großen Respekt vor ihr.

„Haben Sie über meinen Vorschlag nachgedacht, alle landwirtschaftlichen Exporte zu stoppen?“, fragte sie.

Tatsächlich hatte er über nichts anderes nachdenken können. „Auch keine Ausfuhr von nicht befallenem Getreide?“

„Ich fürchte, ja.“

„Ist das wirklich notwendig?“

„Es kann durchaus sein, dass der Erreger, bisher unerkannt, auch in Gebieten vorkommt, die anscheinend nicht von der Krankheit befallen sind. Und bis wir wissen, womit wir es zu tun haben, dürfen wir nicht riskieren, dass es die Insel verlässt.“

Er wusste, dass sie recht hatte, aber die finanziellen Verluste würden schmerzhaft sein. „Das bedeutet, dass wir weniger als fünf Monate haben, um den Erreger zu identifizieren und ein umweltverträgliches Gegenmittel zu finden.“ Es musste unbedingt umweltverträglich sein, damit sie ihren Ruf als grüne Bioinsel aufrechterhalten konnten. Es waren Millionen in den Wechsel von der herkömmlichen zur biologischen Landwirtschaft investiert worden. Das unterschied Thomas Isle von den Mitbewerbern und machte das Inselreich zu einem Erzeuger von ökologisch hochwertigen Produkten.

„Schaffen wir das denn in diesem Zeitrahmen?“, erkundigte er sich.

„Ehrlich gesagt – ich weiß es nicht. Solche Sachen können dauern.“

Das war nicht die Antwort, die er sich gewünscht hatte, aber er schätzte Olivias Aufrichtigkeit. Natürlich wäre ihm lieber gewesen, wenn sie nach zwei Wochen das Problem gelöst hätte. Das hätte ihn nicht nur vor seiner Familie, sondern vor dem ganzen Land wie einen Helden dastehen lassen. So viel also zu seinen Träumen von Ruhm und Ehre.

„Wenn ich erst einmal das Labor eingerichtet und ein paar Tage Zeit gehabt habe, um die restlichen Daten zu sichten, kann ich Ihnen eher sagen, wie lange es dauern wird“, erklärte sie.

„Wir können Ihnen auch einen Studenten von der Universität als Assistenten zur Verfügung stellen.“

„Ich brauche jemanden, der die Proben nimmt, aber im Labor arbeite ich lieber allein. Haben Sie die Ausrüstung, die ich brauche?“

„Alles, was auf Ihrer Liste steht.“ Er stand auf. „Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer. Nehmen Sie sich Zeit, sich einzugewöhnen.“

Sie stand ebenfalls auf und strich die Vorderseite ihrer Hose glatt. Er konnte nicht umhin, sich zu fragen, was sie wohl hinter diesem weiten Pullover verbarg. War das ein Busen, was er da sah? Und die Rundungen von Hüften? Vielleicht war diese Frau ja gar nicht so eckig und kantig, wie er anfangs gedacht hatte.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht“, sagte sie, „würde ich gern gleich mit der Arbeit beginnen.“

Er deutete auf die Tür. „Selbstverständlich. Ich führe Sie zum Labor.“ Sie verschwendete wirklich keine Zeit, das musste man ihr lassen. Außerdem war er erleichtert darüber, dass sie offensichtlich fest entschlossen war zu helfen.

Je früher sie diese Pflanzenkrankheit heilte, desto eher würden sie alle erleichtert aufatmen.

2. KAPITEL

Liv folgte ihrem Gastgeber mit klopfendem Herzen durch das Schloss und hoffte, dass ihr nichts Peinliches passieren würde. Etwa dass sie über die eigenen Füße stolperte und der Länge nach hinfiel.

Prinz Aaron war der attraktivste Mann, der ihr je begegnet war. Sein Haar war dunkel und sah verlockend weich aus, seine Augen waren von einem faszinierenden Grün, und um seine Lippen spielte ununterbrochen ein verführerisches Lächeln.

Seine Stimme war tief und wohlklingend wie von einem Radiomoderator, und sein Körper war einfach umwerfend. Ein knackiger Po verbarg sich unter der dunklen, maßgeschneiderten Hose. Breite Schultern und straffe Brustmuskeln wurden von einem mitternachtsblauen Kaschmirpullover verhüllt. Und als sie ihm durch das Schloss folgte, war sie wie hypnotisiert von seinem geschmeidigen Gang.

Er war … perfekt. Eine Elf auf einer Skala von eins bis zehn. Das vollkommene Gegenteil von den Wissenschaftlern und Fachidioten, mit denen Liv normalerweise Umgang hatte und die wie William waren – ihr Verlobter. Zumindest würde er ihr Verlobter sein, wenn sie sich dazu entschloss, seinen Heiratsantrag anzunehmen, den er ihr am Abend zuvor im Labor gemacht hatte.

Er war fünfzehn Jahre älter als sie und seit dem College ihr Mentor. Man konnte Will nicht unbedingt als gut aussehend bezeichnen. Er war eher gelehrt als sexy, aber irgendwie süß und sehr großzügig. Wenn sie ehrlich war, hatte sein Antrag sie vollkommen überrascht und völlig aus der Bahn geworfen. Sie hatten sich noch nie geküsst, wenn man einmal von den freundschaftlichen Wangenküssen absah, die sie sich zu besonderen Gelegenheiten gegeben hatten. Aber Liv respektierte ihn ungemein und schätzte ihn als Freund. Deswegen hatte sie ihm versprochen, ernsthaft über seinen Antrag nachzudenken, während sie fort war. Als er sie dann auf dem Flughafen zum Abschied richtig geküsst hatte – mit Lippen und Zunge und allem, was dazugehörte –, war es für sie, wenn sie ehrlich war, auch kein Feuerwerk gewesen. Doch sexuelle Anziehungskraft wurde ihrer Meinung nach sowieso völlig überbewertet und war außerdem nur von kurzer Dauer. Sie respektierten einander und waren sich in tiefer Freundschaft zugetan.

Doch sie war nicht sicher, ob sie sich binden wollte. Nicht dass eine Meute liebestoller Männer an ihrer Tür Schlange stand. Sie wusste noch nicht einmal, wann sie ihr letztes Date gehabt hatte. Und dass sie Sex gehabt hatte, war schon so lange her, dass sie nicht mehr sicher war, wie das überhaupt ging.

Nicht dass ihr Erlebnis besonders prickelnd gewesen wäre. Der einzige Mann, mit dem sie am College geschlafen hatte, war ein angehender Nuklearphysiker gewesen, der sich mehr mit mathematischen Gleichungen als mit sexuellen Raffinessen beschäftigt hatte. Sie hätte gewettet, dass Prinz Aaron sich mit dem Körper einer Frau besser auskannte.

Natürlich, Liv, und der Prinz wird es dir sicher auch zeigen.

Der Gedanke war so lächerlich, dass sie beinah laut gelacht hätte. Was sollte ein umwerfend attraktiver und verführerischer Prinz schon in einer streberhaften und völlig unattraktiven Frau wie ihr sehen?

„Wie gefällt Ihnen unsere Insel?“, fragte Aaron, als sie gemeinsam die Treppe hinabstiegen.

„Was ich bisher davon gesehen habe, ist wunderschön. Und das Schloss ist ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe.“

„Wie haben Sie es sich denn vorgestellt?“

„Irgendwie dunkel und feucht.“ In Wirklichkeit war es hell, luftig und überwältigend schön eingerichtet. Und so geräumig! Man konnte sich hoffnungslos verirren in den langen, mit Teppich ausgelegten Gängen. Sie konnte immer noch nicht so recht glauben, dass sie Wochen, womöglich sogar Monate hier verbringen würde. „Irgendwie habe ich mit Steinwänden und Ritterrüstungen gerechnet.“

Der Prinz lachte amüsiert. „Wir sind schon ein bisschen moderner. Sie werden feststellen, dass unsere Gästequartiere alle Annehmlichkeiten haben, die Sie auch von einem Fünfsternehotel erwarten würden.“

Nicht dass sie einen Vergleich würde anstellen können. Das luxuriöseste Hotel, das sie je bewohnt hatte, war ein „Days Inn“ gewesen.

„Allerdings wäre da noch etwas …“ Er sah sie an. „Der einzige Ort, der sich für das Labor angeboten hat – es sei denn, wir hätten neu gebaut –, ist der Keller.“

Sie zuckte mit den Schultern. Es würde nicht das erste Mal sein, dass sie in einem Kellerlaboratorium arbeiten würde. „Damit habe ich kein Problem.“

„Es ist mal ein Kerker gewesen.“

Das fand sie allerdings interessant. „Wirklich?“

Er nickte. „Vor langer Zeit, sehr dunkel und feucht, mit allem Drum und Dran wie Ketten an den Wänden und Folterinstrumenten.“

„Sie machen Witze“, meinte sie und warf ihm einen skeptischen Blick zu.

„Das ist mein völliger Ernst. Natürlich haben wir es seitdem modernisiert. Wir nutzen es normalerweise als Lager für Nahrungsmittel und als Weinkeller. Außerdem befindet sich dort unten noch die Wäscherei. Ich schätze, das Labor wird Sie beeindrucken. Es ist kein bisschen dunkel oder feucht.“

Ihr war eigentlich völlig egal, wie das Labor aussah. Die meiste Zeit würde sie sowieso in ein Mikroskop oder auf den Computermonitor starren. Hauptsache, es war zweckmäßig eingerichtet.

Er führte sie durch eine riesige Küche, in der geschäftiges Treiben herrschte und es nach frisch gebackenem Brot und herrlichen Gewürzen duftete. Als sie versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatte, begann ihr Magen zu knurren. Sie war viel zu nervös gewesen, um an Bord des Flugzeugs zu essen.

Später würde noch genug Zeit dafür sein.

Aaron blieb vor einer großen Holztür stehen, die wahrscheinlich in den Keller führte. „Es gibt einen separaten Eingang für Angestellte, den die Mitarbeiter der Wäscherei benutzen. Er ist draußen auf der Rückseite des Schlosses. Da Sie aber unser Gast sind, benutzen Sie den Familienzugang.“

„Okay.“

Er umfasste den Griff, ohne die Tür zu öffnen. „Wahrscheinlich muss ich Sie wegen einer Sache warnen.“

Warnen? Das klang nicht gut. „Ja?“

„Wie ich schon gesagt habe, ist der Keller modernisiert worden.“

„Aber …?“

„Früher ist er als Verlies genutzt worden.“

Sie verstand nicht, worauf er hinauswollte. „Und?“

„Viele Menschen sind dort unten gestorben.“

Würde sie etwa über Leichen klettern müssen, um zu ihrem Labor zu gelangen, oder worauf wollte er hinaus? „Etwa vor Kurzem?“, erkundigte sie sich.

Er lachte. „Nein, natürlich nicht.“

Wo war dann das Problem? „Also …?“

„Manche Menschen beunruhigt so etwas eben. Und unsere Angestellten sind davon überzeugt, dass es dort unten spukt.“

Liv sah ihn an, als hätte er völlig den Verstand verloren.

„Ich gehe davon aus, dass Sie nicht an Geister glauben“, stellte Aaron fest.

„Die Existenz von Geistern oder einem Leben nach dem Tod ist nie wissenschaftlich belegt worden.“

Genau die Antwort hätte er wohl von einer Wissenschaftlerin erwarten müssen. „Tja, dann gibt es für Sie ja nichts zu befürchten.“

„Und Sie?“, fragte sie.

„Ob ich an Gespenster glaube?“ Ehrlich gesagt hatte er dort unten bisher nichts weiter als einen kalten Luftzug verspürt. Aber die Leute hatten geschworen, Stimmen gehört und Geister gesehen zu haben. Einige der Angestellten weigerten sich, auch nur einen Fuß auf die Treppe zu setzen. Außerdem gab es eine verdächtig hohe Kündigungsrate bei den Mitarbeitern aus der Wäscherei. Doch Aaron war davon überzeugt, dass eher wilde Fantasien als etwas Übersinnliches schuld daran waren. „Ich versuche, für alles offen zu sein.“

Er öffnete die Tür und deutete nach unten. Die Treppe war schmal und ging steil in die Tiefe, und als sie herunterliefen, knarrten die Holzstufen unter ihren Füßen.

„Ein bisschen unheimlich ist es ja schon“, gestand Olivia.

Unten gab es eine Reihe von Gängen, die in die verschiedenen Gebäudeflügel führten. Die altmodischen Mauern bestanden aus Stein und Mörtel, doch die Gänge waren gut beleuchtet, belüftet und sauber.

„Zum Vorratslager und Weinkeller geht es hier entlang“, sagte Aaron und wies in die Gänge auf der linken Seite. „Die Wäscherei befindet sich geradeaus im Mittelteil, und zum Labor gelangen Sie auf diesem Weg.“

Er führte sie nach rechts um eine Ecke zu einer schimmernden Metalltür mit einem dicken Glasfenster, die seiner Meinung nach völlig fehl am Platze wirkte. Er gab den Sicherheitscode ein, um Zutritt zu erhalten, stieß die Tür auf und betätigte den Lichtschalter. Sobald der Raum hell wurde, hörte er, wie Liv hinter ihm tief Luft holte. Als er sich ihr zuwandte, sah er, wie sie mit großen Augen die Geräte betrachtete, die sie von verschiedenen Einrichtungen auf der Insel und vom Festland ausgeliehen hatten.

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