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Inhalt

Einleitung

Was ist das für ein Buch ?

Autismus – Was bedeutet das ?

1   Wahrnehmung

1.1 Wahrnehmung – Warum ist alles so laut?

1.2 Gefühle – Wie erkenne und zeige ich sie?

2   Sprache

2.1 Gesprochene Sprache – Wieso sagen Menschen oft so merkwürdige Dinge?

2.2 Small Talk – Warum muss ich übers Wetter reden, wenn ich doch sehe, dass die Sonne scheint?

2.3 Körpersprache – Was bedeuten Gesichtsausdrücke?

3    Verhaltensweisen

3.1 Routinen und Rituale – Warum kann ich es nicht ertragen, wenn sich etwas ändert?

3.2 Spezialinteresse – Warum interessiere ich mich für andere Dinge als andere Menschen?

4   Andere Menschen

4.1 Familie – Bin ich vielleicht adoptiert?

4.2 Freunde – Wie findet man Freunde?

4.3 Liebe – Wieso kann man Schmetterlinge im Bauch haben und wie fühlt sich das an?

4.4 Mobbing – Warum sind manche Menschen so gemein zu mir?

4.5 Tiere – Tiere sind mir viel lieber als Menschen. Warum eigentlich?

5   Körper und Sex

5.1 Körper – Warum muss ich zum Friseur?

5.2 Pubertät und Sex – Warum kann man wach miteinander schlafen?

6   Pflichten

6.1 Schule – Wie komme ich in der Schule besser klar?

6.2 Beruf – Werde ich jemals einen Job haben?

7   Wer bin ich?

7.1 Sich outen – Wem soll ich erzählen, dass ich autistisch bin?

7.2 Sich ändern – Muss ich versuchen, „normal“ zu werden?

7.3 Zukunft – Wie werde ich wohl als Erwachsener leben?

8   Was sonst noch wissenswert ist

8.1 Was sagt der Intelligenzquotient über einen Menschen aus?

8.2 Wie viele Autisten gibt es eigentlich?

8.3 Warum ist Lügen manchmal gut und manchmal schlecht?

8.4 Muss ich an Gott glauben?

8.5 Warum trinken Menschen Alkohol?

8.6 Was ist eine Selbsthilfegruppe?

Anhang

1 Redewendungen und Metaphern

2 Glossar

3 Internet

4 Hilfreiche Adressen (Auswahl)

5 Ausweiskärtchen

6 „STOPP“-Karte

Literatur

Nachwort

Von Gerd Lehmkuhl

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Was ist das für ein Buch?

Hallo,

schön, dass du dich entschlossen hast, dieses Buch zu lesen. Vielleicht haben deine Eltern es dir gegeben, vielleicht hast du es dir selbst gekauft. Nun bist du sicher neugierig und gespannt, worum es genau geht und ob dir das Buch bei Fragen, die du hast, weiterhelfen kann.

Für wen ist dieses Buch also gedacht und was soll es bringen?

Menschen sind unterschiedlich. Das klingt selbstverständlich, denn natürlich gibt es unterschiedliche Menschen: Menschen mit blonden Haaren oder mit dunklen, mit lauter Stimme und mit leiser, große Menschen und kleine Menschen. Es mag dir unnötig vorkommen, dass wir es hier extra aufschreiben. Aber es ist wichtig, dass du dir das noch mal vergegenwärtigst. Kein Mensch ist richtig oder falsch – Menschen sind nur unterschiedlich. Sie denken anders, fühlen anders, wissen unterschiedlich viel und haben unterschiedliche Erwartungen und Wünsche. Sie haben unterschiedliche Schwächen und Stärken und sie nehmen Dinge unterschiedlich wahr. Das gilt auch für Autisten und Nichtautisten. Vermutlich wirst du in diesem Buch etliche Fragen und Situationen finden, die du kennst und die du genau nachvollziehen kannst. Mit manchen der beschriebenen Situationen wirst du aber auch nichts anfangen können. Denn selbstverständlich unterscheiden sich autistische Menschen untereinander ebenfalls. Dennoch machen sie viele ähnliche Erfahrungen und stoßen auf ähnliche Probleme. Das Buch soll dir dabei helfen, zu verstehen, woher die Probleme kommen, und die Erfahrungen besser einordnen zu können. Außerdem werden wir dir zeigen, wie du lernen kannst, mit verschiedenen schwierigen Situationen besser umzugehen.

Vielleicht bist du schon mit dem Wissen, „autistisch“ zu sein, aufgewachsen. Vielleicht haben du und deine Eltern gerade erst von dieser Diagnose erfahren. Aber vermutlich haben sowohl deine Eltern als auch du immer schon gespürt, dass du „irgendwie anders“ bist als Gleichaltrige. Philipp, ein Asperger-Autist, schreibt zum Beispiel, er habe dieses Gefühl wahrscheinlich das erste Mal in der Schulegehabt, weil er im Sportunterricht nicht so gut den Ball fangen konnte wie die anderen und weil er Witze, über die die anderen gelacht haben, nicht verstanden habe (Persönliches Interview, Fragebogen).

Als würden sie von einem anderen Planeten oder zumindest aus einem fremden Land stammen, so beschreiben viele Menschen mit einer autistischen Störung dieses Gefühl, das Philipp in der Schule hatte. Für sie scheint es, als sprächen sie eine andere Sprache als die Menschen in ihrer Umgebung. Manche mögen deshalb Figuren aus Science-Fiction-Filmen und -Serien, zum Beispiel den Androi-den Data aus „Star Trek“ oder Mr. Spock aus „Raumschiff Enterprise“ – sie fühlen sich ihnen mehr verbunden als den Menschen.

Umgekehrt stehen aber auch viele Eltern, Geschwister, Freunde und Lehrer erstaunt und unsicher vor einem autistischen Kind. Genauso, wie ein autistischer Mensch seine Umwelt nicht (immer) versteht, so sind autistische Verhaltensweisen nichtautistischen Menschen oft unverständlich.

Dieses Buch ist deshalb gedacht für „Betroffene beider Seiten“ – für Autisten und für Nichtautisten. Es ist für dich und alle anderen Kinder und Jugendlichen, die wegen einer autistischen Störung „ein bisschen anders“ sind und die genauer wissen wollen, was mit ihnen los ist. Es ist aber auch für deine Familie und deine Freunde, wenn sie erfahren möchten, wie du manche Situationen wahrnimmst. Wir möchten dir gerne helfen, deine Umwelt besser zu verstehen – und umgekehrt deiner Umwelt zeigen, dass du keine Androiden-Figur aus „Star Trek“ bist, sondern ein ganz „normaler“ Mensch, der sich nur manchmal ein bisschen anders verhält als erwartet.

Manche Autisten fühlen sich sehr wohl und empfinden den Autismus nicht als Behinderung, sondern als eine besondere Begabung. Anderen geht es mit dem Autismus nicht so gut. Sie möchten gerne mit Gleichaltrigen mithalten, Freunde haben, einfach „normal“ sein. Doch sie können es nicht. Sie empfinden sich als „behindert“. Wieder andere schwanken je nach Situation zwischen dem einen und dem anderen hin und her.

Wie auch immer du dich fühlst, nichts daran ist verkehrt. Daher werden wir in diesem Buch den Autismus weder als etwas besonders Wertvolles noch als Behinderung darstellen. Wir versuchen, offen und sachlich zu reden und werden an den Stellen, an denen es uns angemessen erscheint, nichts beschönigen, sondern durchaus auch einmal von „Störung“ oder „Behinderung“ sprechen.

Wir wollen damit niemandem ein „schlechtes Etikett“ aufdrücken und niemanden in eine Richtung drängen, mit der er sich nicht identifizieren kann. Vielmehr möchten wir dir und jedem, der dieses Buch liest, mögliche Schwierigkeiten und Fähigkeiten gleichermaßen aufzeigen und so zu einem besseren Verständnis von allen und allem beitragen.

Das Buch ist, wie du im Inhaltsverzeichnis sehen kannst, eine Zusammenstellung von Fragen ähnlich der FAQ (Frequently Asked Questions, häufig gestellte Fragen), die du vielleicht von Internetseiten kennst. Kinder und Jugendliche mit Autismus haben sie uns im Laufe der Arbeit an dem Buch gestellt. Die Fragen sind nach Themen geordnet, aber es ist nicht notwendig, sie der Reihe nach zu lesen. Du kannst stattdessen die Abschnitte auswählen, die dich besonders interessieren, und immer wieder nachlesen. Ebenso kannst du andere, die du nicht lesen magst, auslassen.

Neben der Erklärung autistischer „Eigenheiten“ findest du in jedem Kapitel Beispiele und Zitate, die alle von Betroffenen und ihren Angehörigen oder Freunden stammen. Dinge, die wir für besonders wichtig halten, findest du gesondert markiert in den einzelnen Kapiteln, zum Beispiel als ganz konkrete Tipps für deinen Alltag.

Am Ende fast aller Kapitel stehen außerdem (Literatur-)Tipps für alle, die mehr zu einem Thema lesen und erfahren wollen.

Zudem haben wir für dich im Anhang einige Redewendungen und Begriffe, die eine übertragene Bedeutung haben, zusammengestellt und erklärt. Denn viele autistische Menschen haben Schwierigkeiten, diese übertragenen Bedeutungen zu erkennen. Einige der Redewendungen haben wir bereits im Buch verwendet. Du erkennst sie an diesem Sternchen „*“.

Nun aber genug der Einleitung – wir wünschen dir viel Spaß beim Lesen!

Karla und Vanessa

PS: Wir verwenden im Text überwiegend männliche Formen (zum Beispiel im Kapitel „Mobbing“ „der Täter“). Das soll nur der Übersichtlichkeit und Einfachheit dienen. Damit sind ebenso weibliche Personen gemeint.

PPS: Eine Anmerkung besonders für Eltern und Therapeuten: In dem Buch finden sich immer wieder kleine Tipps für den Umgang miteinander und mit Schwierigkeiten im Alltag. Sie stammen aus unserer persönlichen Erfahrung beziehungsweise aus den Erfahrungen, die Betroffene uns berichtet haben. Die Tipps haben sich im Einzelfall als hilfreich erwiesen. Aber keinesfalls sind sie als therapeutische Ratschläge zu verstehen oder können gar eine Therapie ersetzen!

Autismus – Was bedeutet das?

„Autismus“ ist ein Wort, das aus dem Altgriechischen (von auto = selbst) abgeleitet ist und hatte zunächst gar nichts mit einer Diagnose zu tun. Zunächst meinte es in der Psychiatrie eine „Selbstbezogenheit“ in einem ganz anderen Zusammenhang. Doch heute wird der Begriff Autismus hauptsächlich für einen Kreis von Auffälligkeiten verwendet, die sich vor allem in Problemen im Umgang mit anderen Menschen äußern – zum Beispiel darin, Freunde zu finden.

„Den“ Autismus gibt es allerdings nicht. Hast du im Physikunterricht schon mal etwas über Spektren und Spektralfarben gelernt? So ähnlich ist es bei autistischen Störungen auch: „Autismus“ bezeichnet ein Spektrum an verschiedenen Syndromen. Ein Syndrom besteht aus mehreren gleichzeitig vorhandenen Merkmalen (Symptomen) einer „Störung“ oder Krankheit. Und manche Syndrome lassen sich zu einer Familie zusammenfassen. So wie mit dem Wort „Farben“ alle unterschiedlichen Farbtöne zusammengefasst sind, von Gelb über Rot bis Blau und Grün. Alles sind Farben, aber alle sind unterschiedlich. Die „Farben“ des Autismus waren bisher vor allem drei autistische Phänomene, nämlich der frühkindliche Autismus, auch Kanner-Autismus genannt, der atypische Autismus und das Asperger-Syndrom. Oft findet man außerdem noch den Begriff hochfunktionaler Autismus (HFA). Dabei handelt es sich aber nicht um eine offizielle diagnostische Kategorie. In der Regel werden damit Personen bezeichnet, die als Kind die Merkmale für den frühkindlichen Autismus erfüllt haben, beim Älterwerden aber „nur“ noch die des Asperger-Syndroms. Hieran sieht man schon, dass eine genaue Trennung zwischen den verschiedenen autistischen Syndromen manchmal nur schwer möglich ist. Viele Wissenschaftler und Experten sprechen daher lieber von Autismus-Spektrum-Störung, als sich auf eine Autismuskategorie festzulegen. Inzwischen ist das auch im sogenannten DSM V (= die 5. Auflage des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“, der Beschreibung von Erkrankungen in der Psychiatrie) umgesetzt. In dem in Deutschland vor allem verwendeten „Diagnosehandbuch“ ICD 10 (= 10. Auflage der Internationalen Klassifikation der Krankheiten) werden die oben genannten drei „autistischen Farben“ aber noch getrennt.

Der frühkindliche (oder Kanner-) Autismus wurde erstmals von einem Psychiater namens Leo Kanner beschrieben. Er kommt dem Bild am nächsten, das viele Leute von Autisten haben. Menschen, die sich noch nie mit Autismus beschäftigt haben, denken meist, dass ein Autist nicht spricht und nur allein in einer Ecke sitzt und schreit, wenn man ihn oder sie anfasst. Tatsächlich können viele frühkindliche Autisten nicht sprechen und nehmen zumindest auf den ersten Blick keinen oder nur ganz wenig Kontakt mit anderen Menschen auf. Viele sind außerdem geistig behindert, jedenfalls soweit es mit den heute zur Verfügung stehenden Intelligenztests feststellbar ist. Wenn man ganz aufmerksam ist, spürt man aber oft ziemlich schnell, dass frühkindliche Autisten nur auf eine ganz besondere Art mit anderen Menschen umgehen und Nähe suchen. Manche haben sogar besondere Begabungen. Zum Beispiel können sie ausgezeichnet Klavier spielen oder bemerkenswert gut rechnen – und zwar ohne dass sie jemals Klavierstunden oder Mathematikunterricht gehabt haben. In diesem Zusammenhang spricht man von Inselbegabungen (auch: „Savant-Fähigkeiten“). Solche Fähigkeiten sind aber sehr selten und finden sich nicht nur bei Menschen mit Autismus.

Vom Asperger-Syndrom Betroffene – nach dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger – sind meist normal intelligent, manche sogar hochbegabt, und besitzen sehr gute Sprachfähigkeiten. Wenn diese Diagnose bei dir gestellt wurde, bist du vielleicht auch schon einmal „kleiner Professor“ oder „sprechendes Lexikon“ genannt worden, weil du eine so genaue Sprache hast.

Der atypische Autismus unterscheidet sich von den anderen Formen dadurch, dass er entweder später beginnt, man also erste Symptome erst nach dem dritten Lebensjahr findet. Oder es werden nicht alle Diagnosekriterien erfüllt, die in den „Diagnosehandbüchern“ stehen.

Trotz der unterschiedlichen Namen haben alle autistischen Erscheinungsformen bestimmte Gemeinsamkeiten. Anhand solcher Gemeinsamkeiten diagnostizieren Ärzte und Psychologen eine Autismus-Spektrum-Störung.

Im medizinischen Sprachgebrauch gehört Autismus beziehungsweise gehören autistische Störungen zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Das hört sich erst mal sehr schlimm an, denn wer will schon „gestört“ sein? Es bedeutet aber zunächst nur, dass in der Entwicklung eines Kindes mit einer autistischen Störung etwas anders ist als bei anderen Kindern. Dieses Anderssein äußert sich vor allem in folgenden Bereichen:

Vielleicht hast du schon selbst bemerkt, dass du nicht so ein großes Interesse an anderen Menschen hast, wie sie es vielleicht von dir erwarten, oder wie du es bei anderen, zum Beispiel deinen Geschwistern, bemerkst. Oder dir kommt es manchmal fast so vor, als würden die Menschen um dich herum eine ganz fremde Sprache sprechen, die du nicht beherrschst. Vielleicht haben dich andere schon mal als „unhöflich“ bezeichnet oder sich darüber beschwert, dass du sie beim Sprechen nicht ansiehst. Ärzte fassen diese Auffälligkeiten unter dem Diagnosepunkt der Qualitativen Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion zusammen. Das heißt, das Miteinander mit anderen Menschen ist „unnormal“ und für beide Seiten schwierig. Diese Schwierigkeiten im Miteinander liegen unter anderem daran, dass autistische Menschen sich nicht gut in einen anderen Menschen hineinversetzen können. Es fällt ihnen schwer, nachzuvollziehen, wie die Welt wohl aus Sicht des anderen aussieht, welche Wünsche, Absichten und Gefühle derjenige vermutlich hat. In der Fachsprache sagt man, Autisten besäßen nur eingeschränkte Theory of Mind- oder Mentalizing-Fähigkeiten. Unter anderem diese Mentalizing-Fähigkeiten untersuchen Ärzte, wenn sie eine autistische Störung diagnostizieren wollen. Dabei bekommen die Kinder zum Beispiel Fotos von Personen oder auch nur von Gesichtern vorgelegt und sollen anhand der Abbildungen verschiedene Stimmungen oder Absichten der abgebildeten Personen erkennen. Autistische Menschen schneiden hier meist nur unterdurchschnittlich ab.

Häufig wirst du auch hören, autistische Menschen seien nicht empathisch, das heißt nicht mitfühlend. Das stimmt allerdings nicht unbedingt. Empathie und Theory of Mind hängen eng zusammen. Aber der Autismus erschwert es Betroffenen vor allem, sich in andere Menschen hineinzudenken. Dennoch können sie mitfühlen. So verstehst du vielleicht manchmal nicht, warum dein Vater, dein Bruder oder dein Freund gerade traurig ist (oder wütend oder glücklich). Doch wenn du weißt, dass er traurig (oder wütend oder glücklich) ist, werden dich die Gefühle oft anstecken, so dass du dich mit dem anderen traurig (wütend, glücklich) fühlst.

Ein weiteres Merkmal für Autismus sind Rituale und Routinen. Ist es dir auch wichtig, dass Dinge immer gleich ablaufen, zum Beispiel wann gegessen wird? Oder möchtest du, dass in deinem Zimmer nichts verändert wird? Dass zum Beispiel deine Geschwister nicht einfach ein Buch aus dem Regal nehmen und es irgendwo ablegen? Das ist typisch für autistische Menschen. Ihr Tagesablauf folgt oft bestimmten Gewohnheiten. Manche autistische Menschen haben außerdem sogenannte Stereotypien, das heißt, sie vollführen immer gleiche Bewegungsmuster.

Die Sprache ist vor allem beim frühkindlichen Autismus und beim HFA gestört. Diese Gruppe von Autisten vertauscht beispielsweise oft die Pronomen wie „du“ und „ich“. Manche wiederholen auch wie ein Echo das, was gerade zu ihnen gesagt wurde (sogenannte Echolalie). Beim Asperger-Syndrom finden sich diese Auffälligkeiten nur selten. Meistens lernen die Betroffenen früh und schnell, fließend zu sprechen. Dennoch gibt es manche Besonderheit: Asperger-Autisten entwickeln zum Beispiel manchmal eigene fantasievolle Worte und Wendungen, zum Beispiel „Augenwasser“ für Tränen. Das nennt man idiosynkratischer Wortgebrauch (übersetzt in etwa „Eigenmischung“ von Worten).

Typisch für Autismus aller Arten ist eine besondere Art der Reizverarbeitung, das bedeutet eine ungewöhnliche Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinneseindrücken, zum Beispiel von Geräuschen, Gerüchen und Berührungen. Zur besonderen Wahrnehmung gehört auch, dass Autisten sich meist auf kleine Einzelheiten, auf „Details“, konzentrieren. Eigentlich ist das eine positive Begabung. Das Problem ist aber, dass diese „Detailfokussierung“ oft zulasten der Fähigkeit geht, eine Situation im Ganzen zu überblicken. Man nennt das eine mangelnde zentrale Kohärenz, das heißt, Einzelheiten werden gesehen, aber nur für sich und nicht im Zusammenhang miteinander (sie werden als nicht „kohärent“, also als nicht zusammenhängend wahrgenommen).

Die mangelnde Kohärenz kann nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch das Verhalten erschweren. So sprechen Psychologen von einer Störung der exekutiven Funktionen, wenn jemand nicht gut in der Lage ist, Dinge vorauszuplanen, etwa weil er oder sie entsprechend einer mangelnden zentralen Kohärenz nicht in der Lage ist, eine Situation zu überschauen. Fällt es dir manchmal schwer aufzuräumen, weil du einfach nicht weißt, wie du am besten vorgehen sollst, ob es besser ist, zuerst die Bücher, dann die Kleidung, dann die Stofftiere wegzuräumen oder umgekehrt? Das gehört genau hierhin.

Besonders auffallend vor allem beim Asperger-Syndrom (AS) ist außerdem ein ganz besonderes Interesse an bestimmten Themen. Wofür interessierst du dich? Für Eisenbahnen, physikalische Fragen oder Pflanzen? Oder für Pferde, Hunde oder einen bestimmten Star? Was auch immer dich besonders interessiert, es fällt dir vermutlich schwer aufzuhören, dich damit zu beschäftigen. Vielleicht wirst du unruhig, wenn man dir sagt, du solltest dich etwas anderem zuwenden und zum Beispiel etwas mit Gleichaltrigen unternehmen. Diese besonderen Themen nennt man Spezialinteressen.

Nicht immer liegt allein eine autistische Störung vor. Manchmal ist sie begleitet von weiteren Besonderheiten oder Krankheiten. Das können zum einen positive Dinge sein wie eine Hochbegabung, also eine besonders hohe Intelligenz, oder ein fotografisches Gedächtnis, das heißt die Fähigkeit, sich Gesehenes haargenau* zu merken und dadurch zum Beispiel Bilder ganzer Städte genau aus dem Gedächtnis nachzeichnen zu können. Es können aber auch negative Dinge sein, zum Beispiel häufig auftretende Angst oder Aufmerksamkeitsprobleme wie bei der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizitstörung, die außerdem manchmal mit Hyperaktivität, also vor allem einem besonderen Bewegungsdrang, verbunden ist (AD[H]S). Auch eine besondere Empfindlichkeit, etwa gegenüber Nahrungsmitteln (Allergien, Unverträglichkeiten), kommt vor. Das sind alles keine Merkmale speziell des Autismus, aber sie begleiten ihn oft. Man spricht dann von Komorbiditäten.

Warum aber werden manche Menschen autistisch und andere nicht?

So genau weiß man das heute noch nicht. Früher nahm man an, die Mütter würden ihre Kinder nicht genug lieben, aber heute weiß man, dass das nicht der Grund ist. Stattdessen haben Wissenschaftler herausgefunden, dass die Gene eine große Rolle spielen. Gene enthalten Informationen darüber, wie ein Mensch später einmal sein wird, also zum Beispiel ob er blonde oder schwarze Haare haben wird. Gene werden von Eltern, Großeltern, Urgroßeltern usw. vererbt. Daher haben viele Autisten weitere autistische Verwandte. Das Auffinden eines „Autismusgens“ oder mehrerer „Autismusgene“ ist bisher allerdings nicht gelungen. Manche Forscher vermuten daher, dass zusätzlich eine Krankheit im Säuglingsalter hinzukommen muss, zum Beispiel eine Hirnhautentzündung. Oder dass in der Gebärmutter dem Baby bestimmte Stoffe in zu großen Mengen zugeführt werden, zum Beispiel das männliche Hormon Testosteron. Das kann passieren, wenn die Mutter in der Schwangerschaft sehr viel Stress hat.

Eine einzige Antwort auf die Frage, warum jemand autistisch wird und ein anderer nicht, gibt es bis heute nicht. Vielleicht findet man sie auch nie. Die Erscheinungsformen des Autismus sind zu unterschiedlich: Auf der einen Seite gibt es geistig schwer behinderte Betroffene, die nie in ihrem Leben selbstständig leben können. Auf der anderen Seite stehen hochbegabte Autisten, die von ihrer Umgebung vielleicht als etwas ungewöhnlich wahrgenommen werden, aber geniale Leistungen in der Wissenschaft vollbringen. Und es gibt ganz viele, die irgendwo dazwischen liegen.

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Zum WeiTerlesen

Bücher

• Attwood, T. (2016): Das Asperger-Syndrom. 4. Aufl. TRIAS, Stuttgart

• Attwood, T. (2012): Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom: Von Kindheit bis Erwachsensein – alles was weiterhilft. 2. Aufl. TRIAS, Stuttgart

• Hofmann, A. (2013): Menschen mit Meer. Kleine Wege, Nordhausen

• Schreiter, D. (2014): Schattenspringer: Wie es ist, anders zu sein. Panini, StuttgartKapitelWahrnehmung

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1.1 Wahrnehmung – Warum ist alles so laut?

„Eine Überempfindlichkeit ist einfach auf allen Gebieten da. Ich kann ein wenig zu viel hören und zu viel sehen, aber die Sinnesorgane sind o. k. Einfach innen geht alles durcheinander. [...] Die Lautstärke und das Durcheinander sind einfach unzumutbar.“

Birger Sellin

Autistische Störungen äußern sich, wie du im Kapitel „Autismus“ lesen kannst, sehr unterschiedlich. Es gibt Betroffene, die geistig behindert sind und nie alleine leben können. Und es gibt andere, die auf ihre Umgebung, auf Freunde und Familie vielleicht „merkwürdig“ oder „still“ wirken. Aber sie besuchen wie alle anderen Kinder auch eine normale Schule, studieren oder machen eine Ausbildung. Trotz dieser Unterschiede haben alle Autisten einen Gemeinsamkeit: eine besondere Wahrnehmung der Welt, wie zum Beispiel Birger Sellin sie im obigen Zitat beschreibt. Autisten scheinen die Welt anders wahrzunehmen als Nichtautisten. Genauer gesagt läuft bei Menschen mit Autismus vermutlich die „Reizverarbeitung“ ein bisschen anders ab, also das „Sortieren“ von dem, was täglich auf das Gehirn einwirkt. Von Musik bis zum Signal „Ich habe Bauchschmerzen“.

Was ist eigentlich „Wahrnehmung“? Wahrnehmung setzt sich aus verschiedenen Sinnen zusammen: Sehen, Riechen, Hören, Schmecken und Tasten beziehungsweise Fühlen. Für jeden Sinn ist ein Organ zuständig – die Augen fürs Sehen, die Nase fürs Riechen, die Haut fürs Tasten. Fürs Schmecken ist der Mund beziehungsweise die Zunge zuständig, und die Ohren regeln gleichzeitig das Hören sowie den Gleichgewichtssinn.

Bei manchen Menschen funktioniert eines der Organe nicht richtig oder gar mehrere. Dann sind sie blind oder taub und ihre Wahrnehmung ist verändert. Die Wahrnehmung kann aber auch dann anders funktionieren, wenn alle Organe vollkommen gesund sind. Denn zur Wahrnehmung gehört nicht nur, dass man einen Reiz spürt, etwa einen Geschmack oder eine Berührung, sondern der Reiz muss auch ins Gehirn geleitet und dort richtig verarbeitet werden. Genau hier liegt vermutlich ein Problem beim Autismus.

Normalerweise werden Reize im Gehirn „gefiltert“. Nicht alles von dem, was um einen herum vorgeht, nimmt man tatsächlich bewusst wahr. Bewusst bedeutet in etwa, von der Wahrnehmung wissen und darüber reden können. Vielleicht kennst du aus dem Chemie-, Biologie- oder Physikunterricht eine semipermeable Membran, durch die nur bestimmte Stoffe hindurchkommen, andere dagegen nicht. So ungefähr funktioniert der Hirnfilter auch – ein Teil der Wahrnehmung wird durchgelassen und wird „bewusst“. Der Rest muss „draußen bleiben“; man sagt, er bleibt „unbewusst“.

Auch die Feststellung des Gehirns „Hier kommt was“ macht die Wahrnehmung noch nicht vollständig. Der Reiz muss zudem in einen Zusammenhang gebracht wird. Zum Beispiel muss das Gehirn merken, wo der Reiz herkommt. Und es muss beurteilen, ob es ihn gut oder schlecht findet. Soweit man heute weiß, sind dafür Hirnbereiche notwendig, die ein bisschen wie Mandelkerne aussehen und die deshalb auch so heißen – „Mandelkerne“ (der Fachbegriff ist Amygdalae). Sie sorgen auch dafür, dass man Entscheidungen „aus dem Bauch heraus“, also ohne bewusstes Nachdenken, treffen kann. Das ist vor allem in bedrohlichen Situationen wichtig.

Wenn das Filtern und Beurteilen nicht klappt, haben Menschen eine Reizverarbeitungsstörung.

Das kommt selbst bei ganz gesunden Menschen vor, zum Beispiel bei optischen Täuschungen. Bei Autisten kommt es jedoch auch im „ganz normalen“ Alltag zu „Täuschungen“ (und dafür übrigens bei optischen Täuschungen manchmal gerade nicht).

Wie schon in der Einleitung beschrieben, nehmen Menschen mit autistischen Störungen oft viel mehr Details bewusst wahr als nichtautistische Menschen. Doch sie können die Details nicht so gut in einem Zusammenhang erfassen. Dieses Problem nennt man auch eine eingeschränkte Fähigkeit zur zentralen Kohärenz.

Das Talent, Einzelheiten besonders gut wahrnehmen zu können, kann manchmal richtig vorteilhaft sein, zum Beispiel um Dinge wie eine verlegte Brille oder einen verlorenen Schlüssel wiederzufinden. Autisten fallen solche kleinen Dinge sofort ins Auge, wenn sie sich an einem ungewohnten Ort befinden. Die Detailwahrnehmung kann auch helfen, Texte auf Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler durchzusehen. Es gibt Berufe, für die das sehr wichtig ist, zum Beispiel den des Lektors, der Bücher vor der Veröffentlichung auf solche Fehler überprüft (mehr zum Thema Berufe erfährst du im Kapitel „Beruf“.

Der Nachteil ist hingegen, dass autistische Menschen Unwichtiges oft nicht ausfiltern können und daher das „große Ganze“ nicht erkennen. Man sagt, sie „sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht“*. So verstehen Autisten bei Büchern und Texten manchmal die eigentliche Geschichte nicht, weil sie vielmehr einzelne Wörter und Sätze betrachten. Oder sie sehen zwar den Schlüssel auf dem Kühlschrank, nehmen den Raum aber nicht als Ganzes wahr.

Das Problem der Detailwahrnehmung taucht nicht nur beim Sehen auf. Ebenso bemerken Autisten meist viel mehr Töne und Gerüche als andere Menschen. Allgemein wirken Sinneseindrücke auf sie häufig stärker als auf nichtautistische Menschen. Ihnen erscheint Licht unangenehm hell, Geräusche extrem laut und selbst leichte Berührungen empfinden sie wie einen heftigen Stromschlag. Das Ganze nennt man Überempfindlichkeit oder Hypersensibiltät.

Eine hohe Sensibilität kann etwas Schönes sein. So betrachtet die Autistin Jasmine Lee O‘Neill ihre Hypersensibilität eher als eine gute Eigenschaft:

„Ich zum Beispiel möchte die Sensibilität meiner Sinne in keinem Fall missen und schätze die tiefen Erfahrungen, mit denen sie mein Leben bereichert. Sie nährt meine Kreativität und verhilft mir zu wunderbaren Eindrücken und Gefühlen“ (O‘Neill 2001, 31)

Aber die starken Sinneseindrücke können auch überfordern. Du kannst dir das wie bei einem Computer vorstellen: Es gibt bei der Wahrnehmung einen „Input“ – das sind die Reize, die im Anschluss „verarbeitet“ und dann „abgespeichert“ werden müssen. Erfolgt ein zu großer „Input“, sind sozusagen zu viele „Programme“ auf einmal geöffnet, entsteht eine „Systemüberlastung“ und das Gehirn sendet „Error“. Das führt dann dazu, dass du Kopfschmerzen bekommst, dir übel oder schwindelig wird und du gar Angst bekommst. Man bezeichnet diese Gefühle als „Overload“, auf Deutsch also als eine Überlastung.

Die Asperger-Autistin Christine Preißmann (sie ist Ärztin, Psychotherapeutin und Autorin und hält oft Vorträge über Autismus) muss in solchen Situationen sogar manchmal erbrechen:

„Leider merke ich meist nicht rechtzeitig, dass ich in diese schlimmen Zustände komme, sondern ich registriere sie erst dann, wenn ich bereits dieses ,ich kann nicht mehr‘-Gefühl habe“ (Preißmann 2005, 101)

Nicht alle Autisten bekommen direkt Übelkeit oder Kopfschmerzen von der Reizüberflutung. Aber so gut wie alle haben durch die zu vielen Inputs Probleme, sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. Viele Autisten „schalten“ daher gelegentlich einfach „ab“: Sie versuchen, sämtliche Reize auszublenden. Gerade in der Schule ist das selbstverständlich nicht gerade toll. Denn erstens ist es wichtig, den Unterrichtsstoff mitzubekommen, und zweitens wirken Autisten während so einer Sinnes-Auszeit oft so, als wären sie faul, da sie dann meist total abwesend in die Luft starren.

Allerdings werden nicht immer alle Sinne abgeschaltet. Manchmal blenden Autisten nur einzelne Sinne aus. Sie ignorieren automatisch störende Sinne und Reize, um sich besser auf andere Sinne konzentrieren zu können, so als möchtest du zum Beispiel einem Geruch genau nachspüren und konzentrierst dich so sehr darauf, dass du Geräusche nicht mehr wahrnimmst. Dadurch haben autistische Menschen oft eine viel bessere Konzentrationsfähigkeit als Nichtautisten, vor allem bei Dingen, die sie interessieren.

An sich ist das eine tolle Eigenschaft. Doch sie kann auch von Nachteil sein, nämlich dann, wenn man sich so sehr konzentriert, dass man dabei alles andere um sich herum vergisst und andere wichtige Dinge nicht mehr bemerkt. Stell dir zum Beispiel vor, du löst gerade Rechenaufgaben und deine Mutter ruft dir zu, dass du den Müll hinunter tragen sollst. Die Aufforderung deiner Mutter registrierst du aber nicht, weil du zu sehr auf die Rechenaufgabe konzentriert bist. Das kann man sich so vorstellen, als sei dein Gehirn ein Computer, auf dem gerade das Programm „Rechnen“ aufgerufen ist. Um das Programm „Hören“ auszuwählen, müsste das Rechenprogramm erst geschlossen werden. Mit anderen Worten: Das „autistische Gehirn“ kann manchmal nur eins nach dem anderen, aber nicht gleichzeitig Reize aus verschiedenen Sinnesorganen verarbeiten. Das nennt man intermodulare Störung. Nichtautisten können dieses schrittweise Wahrnehmen oft nicht nachvollziehen. So wird deine Mutter vermutlich ärgerlich, weil der Müll bleibt, wo er ist. Dabei kannst du gar nichts dafür. Dein Kopf „schaltet“ nur nicht so schnell um, wie es notwendig wäre.

Aber nicht in jedem Fall nehmen Autisten die Welt stärker wahr als nichtautistische Menschen. Umgekehrt kommt es auch vor, dass Autisten gegenüber bestimmten Reizen besonders unempfindlich sind. So kann es zum Beispiel passieren, dass ein autistischer Mensch im Winter nur mit T-Shirt und Sandalen auf die Straße geht und gar nicht merkt, wie kalt es eigentlich ist. Das nennt man Hyposensibilität (Unterempfindlichkeit). Dadurch, dass manches gar nicht bis zur bewussten Wahrnehmung durchdringt, wirken Autisten manchmal unkonzentriert.

Zusammenfassend gesagt: Die Wahrnehmung autistischer Menschen ist häufig „ungewöhnlich“ und extrem.

Tipp

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Solltest auch du solch empfindliche Sinne haben, ist es oft gut, wenn du anderen Menschen davon erzählst; zum Beispiel deinen Lehrern oder vielleicht auch Mitschülern. Denn dann können sie verstehen, dass du dich beispielsweise nicht auf ein Gespräch konzentrieren kannst, weil dich die – eigentlich leisen – Hintergrundgeräusche zu sehr ablenken. Oder warum du manchmal Löcher in die Luft starrst*. Wenn andere wissen, dass du empfindliche Sinne hast, können sie deine Reaktionen eher nachvollziehen. Und vielleicht verhalten sie sich dann sogar rücksichtsvoller. Du könntest sogar darum bitten, in der Schule nicht an Konzerten und großen Menschenversammlungen teilnehmen zu müssen oder in der Pause drin bleiben zu dürfen, um dich vor den Reizen zu schützen.

Besser, als die Reize zu meiden, wäre es allerdings, wenn du lernst, mit ihnen umzugehen. Bis zu einem gewissen Grad schaffen es die meisten Autisten, ihre Sinne „abzustumpfen“. Dietmar Zöller (er ist Autist und kann nicht gut sprechen, schreibt aber viel über seine Erfahrungen) hat es geschafft, mit seiner besonderen Reizverarbeitung umzugehen:

„Ich selbst habe viele Hilfen bekommen, um mit meinen Wahrnehmungsproblemen fertig werden zu können, unter anderem hat ein Hörtraining bei mir dazu geführt, dass ich besser irrelevante Hörreize ausfiltern konnte [...].“ (Zöller 2006, 59)

Solche Hörtrainings gibt es verschiedene, zum Beispiel das sogenannte Auditory Integration Training (AIT, „Gehörliches Integrationstraining“) und Auricula-Hörtraining. Bei allen geht es darum, dass du lernst, dich nach und nach an störende Geräusche und Tonhöhen zu gewöhnen. Es ist allerdings sehr unsicher, ob diese Therapien wirklich helfen. Wissenschaftlich wurde ihre Wirkung (noch) nicht bewiesen. Daher raten Gesundheitsexperten eher nicht zu den Trainings.

Tipp

Eine nützliche und sehr einfache Hilfe sind Ohrstöpsel (zum Beispiel sich „Ohropax“). Man kann sie in der Apotheke kaufen oder sich in Fachgeschäften genau passend anfertigen lassen. Wenn imagesdein Sehsinn sehr sensibel ist, könnte dir eine besondere Brille helfen. Eine Brille, bei der die Gläser getönt sind, so dass weniger Licht auf dein Auge trifft. Diese Brillen nennt man Irlen-Gläser. Die Tönung wird dabei genau auf deine Sehwahrnehmung abgestimmt.

Leider kein Mittel gibt es gegen einen sehr empfindlichen Geruchssinn.

„Hunde und Katzen. Und Gerüche wie Deodorants und Aftershave; sie riechen so stark, dass ich es nicht aushalten kann, und Parfüm treibt mich zum Wahnsinn“ (Schirmer 2006, 74)

Menschen, mit denen du oft Kontakt hast, kannst du bitten, kein Parfüm zu benutzen. Aber das geht eben nicht bei allen Menschen.

Tipp

Du könntest ein Tuch mit einem angenehmen Duft mitnehmen, das du dir bei unangenehmen Gerüchen vor die Nase hältst.

Ebenfalls schwierig ist es, mit sehr empfindlicher Haut zu leben. Umarmungen und Küsse kannst du abwehren, doch zum Beispiel das Gefühl von Wasser auf der Haut musst du ertragen lernen. Bei vielen Autisten verursachen die Wassertropfen aus der Dusche Schmerz, da die Haut sehr berührungsempfindlich ist. Doch waschen muss sein, damit du nicht krank wirst.

Ebenso solltest du versuchen, dich an einige „scheußliche“ Nahrungsmittel zu gewöhnen. Auch wenn dir das ebenso schwerfallen mag wie der schwedischen Asperger-Autistin Gunilla Gerland:

„Meine Zähne waren sehr empfindlich und manche Speisen hatten eine Konsistenz, die sich im Mund unangenehm anfühlte und im ganzen Körper ein scheußliches Gefühl auslöste. Man wusste nie, was einem mit unbekannten Essen passieren konnte. Auch wenn es ab und zu langweilig war, nur Wurst ohne Haut und Schokoladenpudding zu essen, war es das zweifellos wert.“ (Schirmer 2006, 70)

Ärzte würden hingegen wohl eher meinen, dass es den Versuch wert ist, sich an andere Nahrungsmittel zu gewöhnen. Denn sonst kann dein Körper Mangelerscheinungen bekommen und krank werden. Wurst und Schokoladenpudding sind schließlich nicht sehr vitaminreich.

Egal, ob dich die Form des Essens fast wahnsinnig macht oder ob es Geräusche sind, das Licht, Gerüche oder Berührungen – du kannst versuchen, Reizüberflutungen aller Art mit Entspannungstechniken zu begegnen.

Tipp

Die einfachste Entspannungsmethode ist, erst einmal ruhig durchzuatmen, vor allem in den Bauch statt in den Oberkörper. Es gibt aber auch richtig ausgefeilte Entspannungstechniken, etwa Autogenes Training und Meditationsübungen. Bei beidem lernst du, dich nur auf dich zu konzentrieren und äußere Reize auszublenden. Eine andere Entspannungsmethode ist die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen. Dabei konzentrierst du dich nach und nach auf einzelne Muskelpartien, spannst sie an und lässt wieder locker. Wie die verschiedenen Methoden genau funktionieren, lernst du am besten in Kursen; es gibt aber auch Bücher und Videos mit Anleitungen (am Ende des Kapitels).

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