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Was nur die Nacht weiß / Flammende Lügen

DIE LEGENDE DES WHITEFIRE LAKE

Es heißt, wenn der Gott der Sonne sich über die Berge erhebt und seinen flammenden Pfeil auf den See richtet, fallen Funken und glühende Asche hinein, die einen Nebel wie weißes Feuer über dem Wasser aufsteigen lassen. Demjenigen, der von dem Wasser trinkt, bevor die Sonne den Nebel vertreibt, werden Reichtum und Glück geschenkt, und er wird die Hügel um den See nie wieder verlassen. Aber er darf nur sparsam aus der magischen Quelle trinken, nur so viel, bis der Durst erloschen ist. Befolgt er dies nicht, erzürnt er den Gott der Sonne, und der Mensch wird verflucht sein, seinen Reichtum verlieren und das, was er auf Erden am meisten liebt, wird ihm entrissen.

PROLOG

San Francisco, Kalifornien
Gegenwart

Der Wind wehte frisch und zu kalt für den Frühsommer von der Bucht herein und kroch Rachelle Tremont unter die Lederjacke. Vom bleigrauen Himmel fing es an zu regnen. Sie eilte mit schnellen Schritten die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf.

„Mach schon, mach schon!“, murmelte sie, während sie in ihrer Handtasche vergeblich nach den Schlüsseln kramte. Der Regen tropfte aus einer überfließenden Regenrinne, und ihr schwarzer Kater Java miaute laut zu ihren Füßen. „Ich versuch’s ja“, bibberte sie, als sie endlich den Schlüssel in einem Seitenfach gefunden hatte. Die Tür allerdings klemmte, wie sie es bei Regen immer tat. Rachelle musste mit der Schulter nachhelfen.

Endlich daheim! Sie tropfte auf den abgetretenen grauen Teppich, und ihre Hände fühlten sich an wie Eis. Eigentlich, sagte sie zu sich selbst, sollte sie sich gut fühlen. Sie hatte endlich die Entscheidung getroffen, sich der Vergangenheit zu stellen, um in die Zukunft blicken zu können.

Sie stöpselte die Kaffeemaschine ein, stellte Java eine Schüssel Milch hin und spielte dann die einzige Nachricht ab, die sich auf ihrem Anrufbeantworter befand.

Es war ihre Schwester. „Rachelle? Rachelle, bist du da?“, fragte Heather. „Wenn du da bist, geh ran und erspar mir den Unsinn von wegen Deadlines und diesem ganzen Mist! Rachelle? Mom hat gerade angerufen. Sie hat gesagt, du willst zurück nach Gold Creek … Bist du wahnsinnig? Weißt du nicht mehr, was dort passiert ist? Dein Leben ist dort praktisch ruiniert worden! Du meine Güte, Rachelle, warum willst du da wieder hin?“ Eine Pause. „Das hat doch nichts mit Jackson Moore zu tun, oder? Rachelle? Rachelle?“ Noch eine Pause, in der Rachelles Herz so heftig schlug, dass Heather es tatsächlich hören müsste. „Melde dich!“, verlangte Heather besorgt. „Bevor du dich auf diese Reise begibst, die so gut wie emotionaler Selbstmord ist, ruf mich an! Hör zu, Rachelle – du bist doch die Vernünftige von uns beiden! Und du hast mal zu mir gesagt, dass ich dich erschießen soll, wenn du je etwas so Wahnsinniges vorhast, wie in diese Stadt zurückzukehren. Erinnerst du dich noch? Mach bloß nicht so einen Unsinn! Und vergiss Jackson einfach! Hörst du? Vergiss ihn! Der Typ bedeutet nichts als Ärger. Das hat er immer schon getan und er wird es auch immer tun … Ich wünschte, du wärst zu Hause, damit wir darüber sprechen können“, fügte sie besorgt hinzu. „Okay. Ruf mich an. Okay?“, wiederholte sie.

Endlich ein Klicken und ein Piepton, und Rachelle atmete erleichtert aus. Ihre Hände bebten, während sie sich einen Becher Kaffee einschenkte. Die bloße Erwähnung von Jackson brachte sie schon durcheinander. Es war zwölf Jahre her. Zwölf Jahre! Wie konnte ihr das alles immer noch so unter die Haut gehen? Dieser Mann hatte ihr den Rücken gekehrt, obwohl sie als Einzige auf seiner Seite gewesen war in einer Stadt, die ihn am höchsten Baum aufknüpfen wollte.

Die Antwort war ganz einfach – und dennoch so kompliziert. Trotz ihrer bodenständigen Art hatte Rachelle einst eine romantische Seite besessen, einen Teil ihrer Persönlichkeit, der an Märchen glaubte, an Schlösser und an Prinzen auf weißen Pferden. Und an böse Jungs? Hatte sie nicht auch den Mythos des Bad Boy mit dem Herzen aus Gold für wahr gehalten? Jackson Moore hatte ihr diese Flausen ausgetrieben. Und alles in allem hatte er ihr damit einen Gefallen getan.

Sie schlüpfte aus ihrer Jacke und hängte sie über die Rückenlehne eines Korbstuhls. Von den Ärmeln lief Wasser auf den Boden, aber das war ihr egal. Sie überlegte kurz, ob sie Heather zurückrufen sollte, entschied sich dann jedoch dagegen. Warum mit ihrer jüngeren Schwester streiten? Sie konnte sie vor sich sehen, mit den akkurat geschnittenen blonden Haaren, Seidenhose und passendem Top und mit einem perfekten Lächeln. Sie zählte zur Elite San Franciscos – wenigstens hatte sie das während ihrer Ehe mit Dennis Leonetti getan. Er war ein reicher Mann; seinem Vater gehörte die Bank of The Greater Bay. Jetzt, geschieden und alleinerziehend, verdiente Heather sich ihren Lebensunterhalt selbst. Ihre Galerie befand sich unweit vom Ghirardelli Square.

Heather hatte selbst genug Probleme. Sie sollte sich nicht auch noch um ihre ältere Schwester Sorgen machen – die eingefleischte Journalistin, die sich immer für die Schwächeren einsetzte und sich nicht davon abhalten ließ, das Büro einer x-beliebigen Person des öffentlichen Lebens zu stürmen, um ein Zitat für einen Artikel zu bekommen.

Die Reporterin, die immer noch anfing zu zittern, wenn es um einen ganz bestimmten Mann ging, einen Mann, den sie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen hatte.

Rachelle blickte auf den braunen Umschlag, der auf ihrem unordentlichen Küchentisch lag, eine Kopie des Artikels, den sie bereits beim San Francisco Herald eingereicht hatte. Darin erklärte sie, warum sie ihre Kolumne für die nächsten zehn Wochen in Gold Creek, Kalifornien, schreiben würde, der Stadt, in der sie aufgewachsen war. „Zurück nach Gold Creek“ sollte am nächsten Tag landesweit in mehreren Zeitungen erscheinen.

Ihre Redakteurin Marcy Dupont erwartete mehr – viel mehr. Marcy wollte ein Interview mit Jackson Moore, telefonisch natürlich. Allerdings blieb dieses Anliegen wahrscheinlich unerfüllbar.

Nachdenklich runzelte Rachelle die Stirn und streifte sich ihre durchweichten Stiefel ab. Auch ihre Socken hatten sich mit Wasser vollgesogen. Sie zerrte sie sich von den Füßen und warf sie ins Waschbecken im Badezimmer. Barfuß tapste sie in ihr Schlafzimmer, kämmte sich die Haare mit den Fingern durch und flocht die nassen Strähnen danach zu einem kastanienbraunen Zopf, der ihr beim Gehen um die Schultern schwang.

Sie hatte sich entschlossen, nach Gold Creek zu fahren, und komme, was wolle – sie würde es durchziehen. Egal, wie viel Heather auf sie einredete: Ihre Meinung konnte sie damit nicht ändern. Mit ihrer Redaktion hatte sie die Details bereits abgeklärt. Marcy war begeistert von einer Kolumnenreihe über die Besinnung auf sich selbst und die Stadt, in der sie aufgewachsen war. Rachelle biss sich auf die Unterlippe und spürte einen kleinen schuldbewussten Stich, weil sie Jackson in diese Sache verwickeln musste. So ein Pech. Besonders jetzt, da sie über ihn hinweg war – vollkommen über ihn hinweg.

Sie war jetzt mit David zusammen, dem lieben, verständnisvollen David. Hatte er nicht darauf bestanden, dass sie zurückkehrte, um „sich selbst zu finden“? Was er damit wirklich meinte, war, dass sie zurückkehren sollte, damit sie mit der Vergangenheit ein für alle Mal abschließen konnte und zu ihm zurückkam. Er wollte, dass sie bei ihm einzog, ihn heiratete und seinen Teenager-Töchtern eine Mutter war. Und er wollte, dass sie damit zufrieden war. Weil er keine neue Familie gründen wollte – nicht mit fünfundvierzig. David war sechzehn Jahre älter als Rachelle, und er wollte eine Frau an seiner Seite, die nicht auf eigene Kinder bestand. Eine jüngere Frau, die auf Firmenfeiern einen guten Eindruck machte, ihm das Abendessen kochte und gleichzeitig eine eigene, interessante Karriere aufzuweisen hatte. Rachelle entsprach diesen Anforderungen. Nur, dass sie vorher noch einige eigene Probleme zu bewältigen hatte.

Also fuhr sie nach Gold Creek. Für David. Ihren Job. Sich selbst.

Jackson?

In einer Million Jahren nicht.

Alles, was sie jetzt noch machen musste, war packen. Aber sie starrte nur ihren Wandschrank an. Ihr Magen verkrampfte sich, als sie das Jahrbuch der Tyler High entdeckte und daneben das Album mit den vergilbten, abgegriffenen Seiten aus ihrer Jugend.

Obwohl sie wusste, dass sie einen Fehler beging, trat sie an den Schrank, holte das Album heraus und setzte sich im Schneidersitz auf den Webteppich. Ihr Knie blitzte durch den Riss in ihren Jeans, während sie das ausgeblichene Fotoalbum langsam öffnete und die alten Artikel betrachtete, die sie aus dem Gold Creek Clarion ausgeschnitten hatte. Die Bilder waren verblasst und das Papier mit der Zeit brüchig geworden, doch Jackson Moore war immer noch so präsent wie damals. Er funkelte die Kamera an wie einen Feind.

Seine dunklen Augen blickten grüblerisch drein, sein sinnlicher Mund war abweisend verzogen, und das Haar klebte ihm nass am Kopf. Er schaute über die Schulter seiner schwarzen Lederjacke. Man hatte ihm die Hände auf dem Rücken in Handschellen gelegt, sie waren schmutzig und blutverklebt. Ein Polizist führte ihn durch die Türen aus Glas und Stahl ins Bezirksgefängnis.

Rachelles Herz hämmerte gegen die Rippen, in ihren Augen brannten Tränen. Die Druckerschwärze der Zeitung war verblasst und die Aufnahme von Jackson zerknittert. Doch in Rachelles Erinnerung schien es, als wäre jene Nacht, die ihr Leben für immer verändert hatte, gerade gestern gewesen …

1. KAPITEL

Gold Creek, Kalifornien Zwölf
Jahre zuvor

Die Nacht war warm. Der Mond leuchtete hinter den vorbeiziehenden Wolken hervor, die immer dichter wurden, und in der Luft lag ein Hauch von Abenteuer, der Rachelles siebzehnjähriges Herz zum Klopfen brachte. Das Football-Feld leuchtete grün im künstlichen Licht, die Menschenmenge war laut und aufgeregt. Aber da war noch mehr: Die flirrende Atmosphäre schien regelrecht elektrisch aufgeladen zu sein.

Vielleicht lag es daran, dass Homecoming Day war, der Tag, an dem die Absolventen zu ihrer alten Highschool zurückkehrten, und eine Parade der Schüler sich durch die ganze Stadt gewunden hatte. Vielleicht war es, weil die Tyler High Hawks gegen ihre Gegner aus Coleville spielten. Oder vielleicht hing es damit zusammen, dass Rachelle, die ihr ganzes Leben lang immer das getan hatte, was man von ihr erwartete, an diesem Abend plante, ihr Image vom „guten Mädchen“ abzustreifen. Sie hatte schon ihre Mutter angelogen, ohne es zu wollen, und bedauerte das mehr als nur ein bisschen.

Aber es gab kein Zurück. Es war an der Zeit, sich ins Abenteuer zu stürzen – oder wenigstens den großen Zeh ins Abenteuer zu tauchen. Für eine ausgemachte Rebellion war sie noch nicht bereit.

Aus den Lautsprechern jaulte ohrenbetäubend laut eine Rückkopplung.

Rachelle zuckte zusammen, richtete aber dennoch die Kamera auf die Tribüne aus Sperrholz, die man für die Zeremonie vor dem Spiel aufgebaut hatte. Als Reporterin für die Schülerzeitung schoss sie manchmal auch Fotos, und jetzt gerade musste sie diese Aufgabe übernehmen, da Carlie, die eigentliche Fotografin, ihnen Getränke am Erfrischungsstand besorgte. Es störte sie nicht. Der Blick durch die Linse verschaffte ihr manchmal ein klareres Bild auf den Menschen, den sie interviewte, und half ihr sogar noch dabei, ihre Artikel zu schreiben.

Sie richtete die Kamera auf ihren Schuldirektor, Mr Leonard, der sich mit großer Geste auf die gefüllten Zuschauerreihen an einen der Schüler wandte, die für die Lautsprecheranlage zuständig waren.

„… und zwar sofort! Oh … Test, Test. Eins, zwei, drei. Los geht’s!“ Ihm gelang ein zerknirschtes Grinsen, als er laut gegen das Mikrofon klopfte und seine Stimme durchs ganze Stadion hallte. „Gut. Jetzt, wo anscheinend alle Fehler im System behoben sind, können wir mit den Feierlichkeiten fortfahren.“ Er redete ungefähr eine Minute lang über die Tyler High und fügte dann hinzu: „Außerdem möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um Thomas Fitzpatrick für seine großzügige Spende an unsere Schule zu danken.“

Gegenüber der Zuschauertribüne, auf der anderen Seite des Spielfelds, glitzerten die tausend Lichter der neuen elektronischen Anzeigetafel. Oben an der Tafel stand in großen Buchstaben „Fitzpatrick Logging“, und das Logo des Holzfällerunternehmens prangte deutlich am unteren Teil. Keiner, der sich ein Football-Spiel im Tyler Stadion ansah, würde den Namen Fitzpatrick je wieder vergessen. Rachelle lächelte schief. Nicht, dass das irgendeinem Einwohner von Gold Creek gelingen könnte, dachte sie.

Klick. Klick. Klick. Sie schoss mehrere Aufnahmen der neuen Leuchtanzeige und noch ein paar von der kleinen Gruppe auf dem Spielfeld. Klein und rund stand Schulleiter Leonard im Mittelpunkt und redete immer weiter über die Großzügigkeit der Familie Fitzpatrick. Rachelle verzog das Gesicht. Die Fitzpatricks waren eine der reichsten Familien von Gold Creek, und Thomas Fitzpatrick ließ keine Gelegenheit aus, um seine Wohltätigkeit unter Beweis zu stellen.

Die beiden Männer gaben sich die Hand. Fitzpatrick war groß und gut aussehend. Mit seinen breiten Schultern und den silbernen Strähnen im schwarzen Haar sah er aus wie ein Politiker im Wahlkampf. Es wurde allgemein spekuliert, dass er sich mit seinem ganzen Geld eines Tages der Politik zuwenden würde  – zum Vorteil von Fitzpatrick Logging, dem Hauptarbeitgeber der Stadt. Und deswegen auch zum Vorteil von Gold Creek, Kalifornien.

Tosender Applaus erhob sich im Stadion, sowie Fitzpatrick sein viel fotografiertes Lächeln aufblitzen ließ und seine Frau June umarmte, die zusammen mit ihren drei Kindern neben ihrem Mann stand.

Ja, dachte Rachelle, während sie den Film zurückspulte, den Fitzpatricks sah man an, was sie waren – die königliche Familie der kleinen kalifornischen Holzfällerstadt. June war eine große blonde Frau mit feinen, arroganten Gesichtszügen, schmalen Augenbrauen und hervorstehenden Wangenknochen. Ihr ältester Sohn Roy war ebenfalls blond, aber kräftig gebaut wie sein Vater. Noch im Jahr zuvor war Roy der Star-Quarterback der Tyler High Hawks gewesen. Jetzt führte sein jüngerer Bruder Brian das Team an. Brian stand auch bei der Familie. Er überragte Roy in seiner Ausrüstung; seinen Helm hatte er unter den Arm geklemmt. Das jüngste Mitglied der Familie Fitzpatrick, ein Mädchen namens Toni, stand ein Stück von der Familie entfernt. Sie war erst vierzehn, versprach aber bereits eine Schönheit zu werden und verursachte gerüchtehalber mehr Ärger als beide Söhne zusammen.

„Rachelle! Hier, das musst du dir reinziehen!“, rief Carlie, die zwei Softdrinks in der Hand balancierte, während sie sich durch die immer dichter werdende Menge am Spielfeldrand schlängelte. Etwas von der Limonade war über den Rand gespritzt, und sie leckte sich deshalb gerade die Finger ab. „Hier ist deine Cola.“

„Wird auch Zeit, dass du kommst“, neckte Rachelle sie. „Eigentlich bist du für die Bilder verantwortlich …“

„Ich weiß, ich weiß.“ Carlies blaugrüne Augen funkelten fröhlich. „Und jetzt komm mit! Da gibt es etwas, das musst du dir ansehen.“

„Eine Minute.“ Rachelle machte noch die letzten Aufnahmen und tauschte dann die Kamera gegen einen Becher ein. Die Cola war kalt und glitt ihr leicht die Kehle hinab.

„Sieh zum Nordrand des Spielfelds. Hier, nimm das.“ Carlie stopfte die Kamera in ihre übergroße Tasche und zog ein kleines Fernglas heraus. „Nein, nein, nicht da! Nördlicher! Siehst du ihn jetzt?“ Sie zeigte auf die gegenüberliegende Tribüne.

Rachelle spähte durch das Fernglas. Sie ließ ihren Blick über den grünen Rasen schwenken, der im Licht der Flutlichter schimmerte, und über die Laufbahn, die um das Spielfeld herumführte. Hinter der Bahn kam ein Maschendrahtzaun, der den Sportbereich vom Parkplatz abtrennte.

„Siehst du ihn?“

„Wen?“

Ungeduldig legte Carlie ihre Finger an Rachelles Kinn und drehte ihr den Kopf ein Stück zur Seite. Rachelles Blick landete auf einem Motorradfahrer, der rittlings auf einer riesigen schwarzen Maschine saß.

„Oh“, sagte sie. Ihre Kehle war auf einmal ganz trocken.

„‚Oh‘ wird ihm nicht ganz gerecht.“

Carlie hatte recht. Der Junge – na ja, fast ein Mann – auf dem Motorrad war groß, über einen Meter achtzig, mit mitternachtsschwarzen Haaren und markanten Gesichtszügen, die er zu einer Miene grimmiger Entschlossenheit verzogen hatte. Seine Haut war gebräunt, aber nicht dunkel genug, um die Schnittwunde unter seinem Auge zu verbergen oder den blauen Fleck auf seiner Wange. Umrahmt von den Lichtern des Einkaufszentrums hinter ihm und von den Festlichkeiten durch den Zaun abgegrenzt, schien er irgendwie bedrohlich, als wäre seine Ausgeschlossenheit ebenso seine eigene Entscheidung gewesen wie die aller anderen. Er starrte durch den Zaun auf die Mitte des Spielfelds, wo die Fitzpatricks sich wie der Inbegriff der perfekten Familie präsentierten. Der Motorradfahrer sah aus, als würde er sie gern eigenhändig in Stücke reißen.

Rachelles Herz fing an, schneller zu schlagen.

„Das ist Jackson Moore“, erklärte Carlie ihr, als würde Rachelle den Namen von Gold Creeks berüchtigtstem schwarzen Schaf nicht kennen.

„Was macht er hier? Ich dachte, er hätte die Stadt verlassen.“ Rachelle stellte das Fernglas wieder scharf, bis sie Jacksons markante Züge deutlich erkennen konnte. Eine Sekunde lang fand sie ihn attraktiv mit seinen messerscharfen Zügen und den schmalen Lippen, aber es war weniger sein Aussehen, sondern mehr seine Ausstrahlung, die ihn so geheimnisvoll wirken ließ – sogar sexy. Sie fragte sich, ob sie den Verstand verloren hatte, ließ das Fernglas um ihren Hals baumeln, griff nach der Kamera und setzte das Zoom-Objektiv auf. Und dann schoss sie einige Aufnahmen vom Bad Boy von Gold Creek.

„Davon will ich einen Abzug“, sagte Carlie grinsend, ehe sie das Fernglas vor die eigenen Augen hob.

Rachelle ignorierte sie. „Du weißt also nicht, warum er zurückgekommen ist?“

„Hast du das nicht mitbekommen? Er hat riesigen Ärger mit den Fitzpatricks“, klärte Carlie sie auf. „Deswegen sieht er sie alle so grimmig an. Mein Dad ist doch Vorarbeiter bei Fitzpatrick Logging, und normalerweise ist er deswegen immer in den Wäldern unterwegs. Aber heute musste er ins Büro kommen, um Papiere auszufüllen, weil vor ein paar Tagen ein Unfall passiert ist.“ Sie räusperte sich. „Jedenfalls war Jackson da und hat einen Aufstand gemacht, weil seine Mutter für ‚dreckiges Fitzpatrick-Geld‘ arbeitet, so hat er es ausgedrückt, glaube ich. Es ist ja nicht so, als wäre sie andauernd da. Sie arbeitet ein paar Stunden die Woche und legt Akten ab oder so. Alle glauben, der alte Fitzpatrick hat sie aus Mitleid angestellt. Sie sind wohl zusammen zur Schule gegangen, und er steht auf Wohltätigkeit. Jedenfalls scheint Jackson etwas dagegen zu haben.“

Rachelle nahm noch einen Schluck von ihrer Cola, ohne den Blick von Jackson zu nehmen. Ihre Kehle war plötzlich wie ausgetrocknet.

Carlie plapperte weiter. „Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass Thomas Fitzpatrick Jackson vor ein paar Jahren einen Job gegeben und ihn dann wieder gefeuert hat. Niemand weiß, warum, nicht einmal mein Dad, aber er vermutet, dass Jackson Werkzeug geklaut hat oder so etwas, und dass Fitzpatrick ihn deswegen nicht anzeigen wollte.“ Ein schuldbewusster Ausdruck huschte über ihr Gesicht. „Das sollte ich eigentlich nicht herumerzählen …“

„Dein Geheimnis ist bei mir sicher“, versprach Rachelle, fragte sich aber, wie vielen Leuten Carlie noch davon erzählt hatte. Carlie liebte Tratsch, und wenn man ihr nicht gerade den Mund zunähen wollte, gab es keine Möglichkeit, sie davon abzuhalten, Gerüchte zu verbreiten. Wahrscheinlich wusste schon die ganze Schule von Jackson Moores Auftritt wegen seiner Mutter.

Rachelle biss sich auf die Unterlippe und starrte unverhohlen über das Spielfeld bis an die Stelle, wo Jackson unverändert dastand. Plötzlich riss er den Kopf herum und ließ den Blick über die Menge wandern. Sein Blick landete mit einer Kraft auf ihr, die sie wie ein elektrischer Schlag durchfuhr. Ihr zog sich die Kehle zusammen, und ihre Hände wurden feucht. Sie wandte sich rasch ab und trank dann ihre Cola mit einem Schluck aus.

Natürlich war das albern. Er konnte sie nicht in einer Menschenmenge ausmachen; er hatte keine Ahnung, dass sie an ihn dachte oder auch nur in seine Richtung geblickt hatte. Aber als sie einen weiteren Blick durch den Zaun wagte, starrte er sie immer noch an.

Als sie mit den Fingerspitzen ihren Hals berührte, spürte sie, wie sich dort auf ihrer Haut feine Schweißperlen sammelten. Sie konnte nicht anders, als ein klein bisschen fasziniert zu sein von diesem Jungen mit dem schwärzesten Ruf von ganz Gold Creek. Er war fast zweiundzwanzig, und er lebte zusammen mit seiner Mutter am Rand von Gold Creek in einem rostigen kleinen Wohnwagen. Niemand in der Stadt wusste, wer sein Vater war. Seit Rachelle denken konnte, hatte er Ärger mit dem Gesetz gehabt: Als Teenager hatte er Benzin und Radkappen gestohlen, auf Briefkästen geschossen und wegen Prügeleien auf dem Schulhof einen Schulverweis bekommen. Irgendwie war es ihm dennoch gelungen, seinen Abschluss zu machen, auch wenn niemand in Gold Creek ihm zutraute, dass es ihm gelingen würde, jemals etwas aus sich zu machen.

Er war zur Marine gegangen und für ein paar Jahre aus der Stadt verschwunden. Aber jetzt war er zurück, in schwarzer Lederjacke auf einer dröhnenden Harley Davidson, sein ramponiertes Image als schwer erziehbares Kind aus der schlimmen Ecke der Stadt noch immer intakt.

„Oh, du lieber Gott, er sieht dich ja an!“, flüsterte Carlie laut. „Weißt du, sein Gesicht ist echt anbetungswürdig.“

„Er ist gefährlich“, entgegnete Rachelle und zerknüllte ihren Plastikbecher.

Carlies blaugrüne Augen funkelten. „Natürlich ist er das“, seufzte sie. „Das macht ihn ja so anziehend.“

„Laura hat gesagt, wir treffen uns auf dem Parkplatz, nachdem sie sich etwas anderes als die Cheerleading-Uniform angezogen hat“, teilte Carlie mit, als sie und Rachelle eine Stunde später von der immer leerer werdenden Tribüne kletterten. Sie waren im Stadion geblieben, um nach dem Spiel Aufnahmen von den besten Spielern zu machen und einige Zitate für die nächste Ausgabe der Schülerzeitung zu sammeln. Carlie hatte ein paar Schnappschüsse von Brian Fitzpatrick und Joe Knapp gemacht, dem Wide Receiver des Teams, der nach einem unsicheren Pass von Fitzpatrick fünfzig Meter gesprintet war, um den Touchdown zum Sieg zu erzielen. Carlie hatte die Spieler fotografiert, während Rachelle ein kurzes Interview mit Coach Foster geführt hatte. Jetzt wollten sie sich mit Laura treffen. Sie war Carlies und Rachelles Freundin und eines der beliebtesten Mädchen der Schule.

„Da ist ihr Wagen!“ Carlie deutete auf einen gelben Toyota. „Sie muss irgendwo hier sein. Oh, sieh mal, da drüben …“

Rachelle sah sich auf dem Parkplatz um und entdeckte Laura neben einer glänzend roten Corvette. Zwei Jungs saßen in dem Wagen, ein weiterer lehnte am Kotflügel eines Pick-ups, der neben dem Sportwagen parkte.

„Oh mein Gott, das ist Roy Fitzpatrick!“, flüsterte Carlie. „Glaubst du, er ist der neue Freund, von dem sie gesprochen hat?“ Ehe Rachelle antworten konnte, rannte Carlie bereits durch die Autos hindurch, die noch auf dem Parkplatz standen. Rachelle fand schon jetzt, dass ihre rebellische Phase nicht das hielt, was alle immer versprachen. Roy Fitzpatrick? Er hatte den Ruf, mit Worten zu schmeicheln, seine Hände schnell überall zu haben und sich noch schneller wieder zu verabschieden. Auf der Tyler High kursierten Gerüchte über seinen sexuellen Appetit, sogar über eine schwangere Freundin in Coleville wurde getratscht. In der letzten Zeit war er mit Melanie Patton zusammen gewesen, der Schwester seines besten Freundes.

Rachelle war Roy schon einige Male begegnet, um ihn für die Schülerzeitung zu interviewen. Sie war wahrscheinlich das einzige Mädchen in der ganzen Schule, das nicht in ihn verknallt war.

Sie ignorierte das ungute Gefühl, das ihr wie eine dunkle Wolke zu folgen schien, schlängelte sich durch die Autos und achtete besonders auf die Wagen, die in einer Reihe darauf warteten, den vollen Parkplatz zu verlassen.

Die Nacht war drückend. Über ihnen hingen inzwischen dunkle Wolken am Himmel, die Regen verhießen. Es roch nach Abgasen und heißen Motoren, darüber wehte ein schwächerer Duft nach schalem Bier und Zigaretten. Eine leichte Brise ließ die trockenen Blätter raschelnd über den Asphalt tanzen.

Der glänzend rote Lack der Corvette strahlte im Licht der Notbeleuchtung. Roy, der Kronprinz von Fitzpatrick Logging, saß am Steuer, klopfte mit dem Fuß ungeduldig aufs Gaspedal und brachte den starken Motor des Fahrzeugs damit zum Brummen.

Scott McDonald, einer seiner Freunde, saß auf dem Beifahrersitz, und Erik Patton lehnte am Kotflügel seines metallicblauen Pick-ups.

„Roy will mit uns einen Ausflug machen“, verkündete Laura, als Rachelle sich ihnen genähert hatte. Sie warf ihr einen triumphierenden Blick zu, als hätte sie einen Preis gewonnen, hinter dem alle Mädchen in der Stadt her waren.

„Wohin?“, fragte Rachelle. Sie fühlte sich unbehaglich. Auch wenn Roy und seine Freunde nur zwei Jahre älter als sie waren, schienen sie doch so viel reifer zu sein.

„Weißt du noch, als ich gesagt habe, ich kenne jemanden mit einem Sommerhaus am See?“, rief Laura ihr in Erinnerung.

Die Fitzpatricks besaßen ein Haus am Whitefire Lake, aber es musste vier oder fünf Mal so groß sein wie der Bungalow, in dem Rachelle aufgewachsen war. Sommerhaus? Andererseits – Laura war etwas anderes gewöhnt. Ihre Eltern arbeiteten beide, und sie hatte nie auf etwas verzichten müssen.

Und es sah so aus, als würde Laura jetzt Roy Fitzpatrick wollen. Als hätte sie ihr Zögern gespürt, sagte sie: „Komm schon, Rachelle, warum denn nicht?“ Ihre Augen leuchteten sehnsüchtig, als sie einen Blick auf Roy warf.

Roy schenkte ihnen allen – Rachelle, Laura und Carlie – sein geübtes, typisch amerikanisches Lächeln. Sein weizenblondes Haar trug er kurz geschoren, und unter seinem gelben Polohemd zeichnete sich sein sportlicher Körper ab. „Ja, Rachelle, warum nicht?“ Er ließ den Blick langsam und dreist an ihr hinaufwandern.

Sie musste schlucken. Bis auf die letzten paar Wochen, in denen sie sich mit Laura angefreundet hatte, war sie von Jungs kaum beachtet worden, schon gar nicht von älteren, die schon aufs College gingen und denen praktisch die ganze Stadt gehörte.

„Ja, warum nicht?“, mischte Carlie sich ein. „Wir wollten den Tanz doch sowieso sausen lassen.“

Laura hatte zu Rachelle gesagt, dass sie durch die Stadt fahren wollten, falls der Tanz zu langweilig wurde, vielleicht sogar bis nach Coleville; schließlich war keines der Mädchen mit jemand Besonderem aus Gold Creek zusammen. Übernachten wollten sie dann bei Laura zu Hause. Ganz sicher war nie die Rede davon gewesen, mit Roy und seinen Freunden zum See zu fahren.

Rachelle zögerte. Alle starrten sie an. „Immer noch die Prüde?“, zog Roy sie auf, und Rachelles Wangen färbten sich flammend rot. Woher wollte dieser Kerl irgendetwas über sie wissen?

„Ich habe meiner Mom gesagt, dass wir zum Tanz gehen …“

„Und?“, mischte Roy sich schon fast verärgert ein. „Was deine Mom nicht weiß, macht sie auch nicht heiß.“

Laura warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Da war doch sowieso nur eine Ausrede, Rachelle.“

Rachelle biss sich auf die Unterlippe. Das war ihre Chance. War sie nicht immer der Streber gewesen? Das Mädchen, das lieber lernte, für die Schülerzeitung schrieb oder Kulissen für die Theatergruppe malte, als sich mit Jungs zu beschäftigen? Doch in letzter Zeit, nachdem Laura ihr mit Make-up und Haaren geholfen hatte, riefen sie auf einmal bei ihr an und wollten mit ihr ausgehen. Das Gefühl gefiel ihr. Roy allerdings vertraute sie nicht.

„Also, was willst du sein?“, fragte Roy und sah sie mit seinen blauen Augen lauernd an. „Mamas kleines Mädchen – oder möchtest du lieber Spaß haben? Wir können hier nicht die ganze Nacht warten.“

„Ganz genau.“ Erik warf einen Blick über die Schulter. Sein Truck konnte es mit Roys schnittiger Karre nicht aufnehmen, aber das Vermögen der Pattons wurde auch nicht von einer Generation zur nächsten weitergereicht wie bei den Fitzpatricks. So lange sich Menschen in Gold Creek angesiedelt hatten, so lange hielten die Fitzpatricks schon Geld in den Händen.

„Komm schon, Rachelle!“, drängte Carlie.

„Ja, lass uns mit den Jungs abhängen“, stimmte Laura zu und lächelte die drei College-Studenten an. Sie fächelte sich mit den Fingern Luft zu. „Es ist so heiß heute Abend. Am See ist es jetzt sicher toll.“

Roy ließ sein Reicher-Junge-Lächeln aufblitzen, ein langsam breiter werdendes Lächeln, das bekannt dafür war, selbst die eisigste Jungfrau zum Schmelzen zu bringen.

Laura lehnte sich gegen den Kotflügel der Corvette und stützte sich mit den Händen auf die glänzende Motorhaube. Ihre Brüste zeichneten sich deutlich unter ihrem Pullover ab. „Also, mir wäre nichts lieber als eine Ausfahrt.“

„Das klingt schon besser. Ich dachte schon langsam, ihr Mädchen hättet Angst“, sagte Roy gedehnt. Seine blauen Augen blitzten auf, als sein Blick Rachelle streifte. Er drückte mit dem Zeh aufs Gaspedal und brachte den Motor der Corvette zum Schnurren.

„Ja, kommt mit! Wir zeigen euch, wie man richtig Spaß hat“, stimmte Scott zu. Während Roy mit seinen blonden Haaren und blauen Augen wie der typisch amerikanische Junge aussah, war Scott kleiner, muskulöser, und er hatte dichtes braunes Haar und Sommersprossen.

Erik schien sich im Gegensatz zu Roy und Scott nicht für Laura oder ihre Freundinnen zu interessieren. „Verschwinden wir von hier“, presste er hervor. „Hier ist doch nichts los. Alle hauen schon ab.“

Er hatte recht. Der Strom aus Autos, die vom Parkplatz des Stadions fuhren, war zu einem Rinnsal zusammengeschrumpft. Sogar einige Spieler des Teams kletterten schon frisch geduscht in ihre Wagen und machten sich auf den Weg zur Schule, wo nach dem Spiel eine Tanzveranstaltung anfing – der Tanz, von dem Rachelle ihrer Mutter versprochen hatte, dass sie daran teilnehmen würde, ehe sie bei Laura übernachtete. Aber Laura war, so schien es, nur noch an Roy Fitzpatrick interessiert.

„Hier ist doch was los“, entgegnete Roy und warf Rachelle einen überheblichen Blick zu. „Die kleinen Ladies müssen nichts weiter tun als Ja sagen. Wir garantieren ihnen dafür den Ritt ihres Lebens.“

„Und was für eine Art Ritt soll das sein?“, fragte Laura mit sexy Stimme, und Rachelle verschluckte sich fast.

Scott lachte aus tiefster Kehle, und Erik sah aus, als wäre es ihm peinlich.

Rachelle konnte nicht fassen, wie Laura sich benahm. „Ich glaube, das ist keine so gute Idee“, sagte sie und spürte Roys heißen Blick auf sich. Sie wollte kein Waschlappen sein, aber sie konnte den Ärger fast schon riechen. Abenteuer schnuppern.

„Entspann dich“, flüsterte Carlie ihr leise zu. „Wann bekommt man schon die Gelegenheit zu einer Ausfahrt mit Roy Fitzpatrick?“

„Wir sind zu dritt, ihr seid zu dritt. Wir könnten doch feiern“, sagte Roy.

„Eine private Feier?“, entgegnete Laura unerhört flirtend. Rachelle wäre am liebsten im Erdboden versunken, aber sie regte sich nicht. Sie konnte nirgendwo anders hin. Der Parkplatz war mittlerweile fast leer. Geblieben war nur ein einsamer Motorradfahrer, der rittlings auf seiner dröhnenden Maschine saß.

Rachelle blieb fast das Herz stehen, als sie Jackson Moore erkannte. Er saß etwa zwanzig Meter entfernt auf seiner Harley, saß einfach da und wartete.

Roy wurde bei seinem Anblick blass. „Verschwinde, Moore!“, brüllte er, doch Jackson zuckte nicht einmal mit der Wimper.

Rachelle konnte ihren Blick nicht von ihm wenden.

„Wir waren noch nicht fertig mit unserem Gespräch“, entgegnete er und verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln, während er sich den blauen Fleck unter seinem Auge rieb.

„Es gibt nichts zu besprechen“, antwortete Roy gereizt. „Raus“, murmelte er zu Scott McDonald, griff über seinen Freund hinweg nach der Beifahrertür und stieß sie auf. Ein alter Song der Doors schallte in die Nacht heraus.

Jackson ließ nicht locker. Über das Grollen der Motoren und Jim Morrisons tiefe Stimme hinweg rief er: „Du und dein alter Herr hören nicht auf, meine Familie zu beleidigen.“

Roy tat, als hörte er ihn nicht. Nachdem Scott aus dem Wagen gestiegen war, winkte er Laura zu sich. „Fahren wir“, sagte er. Er nahm das Gespräch einfach dort auf, wo es unterbrochen worden war. „Ihr wollt eine private Feier? Springt rein!“ Als Laura in das Cabrio stieg, wanderte sein Blick rasch an ihren Kurven hinauf und hinunter. Roys Mundwinkel zuckten. „Das gefällt mir – ein Mädchen, das weiß, was es will.“

„Wir sind noch nicht fertig, Fitzpatrick“, stieß Jackson hervor.

„Das reicht! Ich hab dich so satt, Moore. Mach, dass du aus meinem Leben verschwindest!“

„Sobald du dich von meiner Familie fernhältst.“

„Deiner Familie? Du bist ein verdammter Bastard, Moore! Jeder in Gold Creek weiß, dass deine Mutter eine Schlampe ist und deinen angeblichen Vater wahrscheinlich nicht einmal mit Namen kennt!“

Jacksons Gesicht verzog sich wütend. „Du verlogener …“

Roy stieg aufs Gas. Die Corvette machte in einer Wolke aus Kies einen Satz nach vorn. Reifen quietschten, Roy riss sein Steuer herum und fuhr direkt auf Jackson und sein Motorrad zu.

Rachelle kreischte.

Laura erstarrte neben Roy auf dem Beifahrersitz.

Jackson ließ den Motor seiner Harley aufheulen, als die Stoßstange der Corvette den Hinterreifen erwischt hatte. Das Motorrad geriet ins Straucheln und rutschte mit den Reifen über den losen Kies. Jackson landete hart auf dem Boden, die Harley rutschte führerlos über den Parkplatz.

Roy lachte, legte einen Gang ein und raste vom Platz. Rachelle rannte los. Ihm darf nichts passiert sein, es darf einfach nicht! flehte sie. Panik stieg in ihr auf. Jacksons reglose Gestalt lag ausgestreckt auf dem Kiesboden, während der Klang des Motors und „Light My Fire“ vom Wind verweht wurden.

Erik versuchte, sie festzuhalten. „Lass ihn!“, sagte er, aber seiner Stimme fehlte die Überzeugungskraft, und sein Gesicht war weiß wie ein Laken. „Er ist schon okay, nur ein bisschen eingeschüchtert. Das ist alles.“

„Lieber Gott, ich hoffe, du hast recht.“ Rachelle schlug das Herz bis zum Hals. Sie machte sich los und rannte zu Jackson.

Er drehte sich stöhnend um. Seine Jacke war am Ärmel zerrissen, und auch in seiner Hose befand sich ein Riss. „Schwein!“, presste Jackson stöhnend heraus. „Dieses verdammte Dreckschwein.“ Er richtete sich langsam auf und humpelte auf direktem Weg zu seinem Motorrad.

Rachelle spürte, wie sich Erleichterung in ihr breitmachte, und rang sich ein schmales Lächeln ab. „Alles okay?“

„Verglichen womit?“, murmelte er, richtete seine Harley auf und entdeckte stirnrunzelnd, dass einige Speichen gebrochen waren. Er zuckte vor Schmerz zusammen, als er ein Bein über das Motorrad schwang und den Motor anließ.

„Aber dir geht es wenigstens gut.“ Rachelle sackte vor Erleichterung fast zusammen.

„Das habe ich nicht deinem Freund zu verdanken.“ „Er ist nicht mein …“

„Sicher.“ Jackson atmete tief ein, als hätte der Schmerz ihm die Luft aus den Lungen gepresst, und trat mit dem Absatz seines Stiefels fest auf den Anlasser. Die Harley röhrte auf.

„Du … solltest dich vielleicht von einem Arzt untersuchen lassen …“

„Einem Arzt?“, spottete er. „Ja, klar. Ich lasse mich ins Memorial-Krankenhaus einliefern. Da warten sie nur darauf, mich zusammenzuflicken.“

„Das war ja nur ein … Vorschlag.“

„Ich kann mich nicht daran erinnern, um deinen Rat gebeten zu haben.“

Getroffen wich sie einen Schritt zurück. „Ich habe mir einfach Sorgen gemacht“, sagte sie lahm, durch seinen beißenden Sarkasmus eingeschüchtert. „Ich bin doch auf deiner Seite.“

Sein dunkler, undurchschaubarer Blick richtete sich auf sie. Er verzog spöttisch die Lippen, als hätte sie einen Scherz gemacht, den nur sie beide verstanden. „Lass mich eines klarstellen. Niemand in Gold Creek ist auf meiner Seite. Auch du nicht.“

„Aber …“

„Du kennst Fitzpatrick, oder nicht?“

„Eigentlich nicht. Er ist nicht mein Freund, und …“

„Falls ich ihn heute Abend nicht mehr einhole, kannst du ihm eine Nachricht von mir überbringen. Sag Roy-Boy, wenn er weiß, was gut für ihn ist, lässt er meine Familie in Ruhe. Und das gilt auch für seinen alten Herrn. Sag dem alten Sack, er soll Sandra Moore in Ruhe lassen. Verstanden?“

„Aber ich kenne …“

„Mach es einfach“, befahl Jackson, das kantige Kinn rebellisch vorgestreckt, ehe er Gas gab und in einer Wolke aus Kies und Wut verschwand. Sie sah zu, wie er vom Parkplatz auf die Straße fuhr, lauschte dem röhrenden Geräusch seines Motorrads. Ihr Herz raste. Sie schrieb das dem Zusammenstoß von Sportwagen und Harley zu – und natürlich der Tatsache, dass sie tatsächlich mit dem Bad Boy von Gold Creek gesprochen hatte. Sein Ruf war so schwarz wie die Nacht, und jedermann hier war felsenfest überzeugt davon, dass Sandra Moores Sohn nichts Gutes im Schilde führen konnte.

„Rachelle, komm schon!“, rief Carlie. Sie schien ihre eigenen Befürchtungen über Jacksons Gesundheitszustand abgeschüttelt zu haben und unterhielt sich angeregt mit Scott und Erik.

Rachelle sah sich um. Bis auf Lauras Wagen war der Parkplatz leer. Rachelle seufzte und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sie wusste, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als mit Roys beiden besten Freunden mitzufahren. Keine angenehme Vorstellung. Abenteuer erschienen ihr auf einmal als etwas, das man lieber vermeiden sollte – es sei denn, Jackson war dabei. Das war doch verrückt! Jackson war auch nicht besser als Roy, und er hatte einen Komplex so groß wie Mount Whitney. Ungehobelt, ein Rebell und einfach unverschämt – genau das war er.

Trotzdem lauschte sie dem Geräusch des Motorrads, das in der Ferne heulte. Irgendetwas hatte dieser Junge an sich, das sie einfach faszinierte. Wahrscheinlich, weil er so böse war.

Obwohl der Abend schwül war, steckte sie die Hände tief in die Taschen ihrer Jeansjacke und ging zurück zu den anderen.

„Alles in Ordnung mit ihm?“, fragte Carlie und sah besorgt über Rachelles Schulter dorthin, wo Jackson auf dem Boden gelegen hatte.

„Ich weiß nicht. Ich glaube schon.“

„Er wird es Roy irgendwie heimzahlen“, sagte Erik voraus, und Rachelle musste an Jacksons geheimnisvolle Warnung denken. Erik sah nervös aus. Er suchte in seinen Taschen nach den Autoschlüsseln.

„Verschwinden wir von hier.“ Scott war bereits dabei, die Tür des Pick-ups zu öffnen, und sah sich nervös auf dem leeren Parkplatz um, als erwartete er, dass Jackson Moore zurückkehren und Rache an Roys Freunden nehmen würde. „Wir sollten nach Roy sehen.“

„Roy? Nach allem, was er getan hat? Er hat Jackson fast umgebracht! Mit Absicht.“ Rachelle schlang die Arme um ihren Oberkörper. Sie fröstelte.

„Hat er aber nicht, oder?“

„Nein, zum Glück nicht!“

„Du verstehst das nicht“, sagte Scott mit einem Anflug von Ungeduld. „Moore sucht schon seit Wochen Ärger – er bettelt regelrecht darum. Die Spannungen zwischen den beiden gibt es schon seit Ewigkeiten. Aber das ist jetzt vorbei.“

Rachelle war sich nicht sicher. „Vielleicht auch nicht. Jackson könnte ihn anzeigen.“

„Dann steht seine Aussage gegen die von Roy.“

„Aber wir haben es alle gesehen! Roy hat versucht, ihn zu überfahren“, gab Rachelle zu bedenken.

„Hätte er versucht, ihn zu überfahren, wäre ihm das auch gelungen“, konterte Scott. „Dann wäre Moore jetzt im Krankenhaus. Stattdessen haben er und seine Harley nur ein paar Kratzer abbekommen. Ist doch nicht so schlimm.“

„Das ist sehr wohl schlimm!“

Erik legte die Stirn in düstere Falten. „Kommt jetzt!“, befahl er den Mädchen. „Steigt endlich ein.“ Als in Rachelles Augen sture Verweigerung aufblitzte, fügte er hinzu: „Es sei denn, du fährst lieber auf Moores Motorrad mit? Aber wie ein Biker-Babe siehst du eigentlich nicht aus. Außerdem ist er längst weg.“

Auch Carlie sah nicht überzeugt aus, aber um sie herum senkte sich langsam die Nacht herab. „Wir müssen Laura finden.“

„Wir könnten anrufen“, schlug Rachelle vor.

„Im Sommerhaus gibt es kein Telefon.“ Scott zuckte mit den Schultern. „Ich gebe ja zu, Roy ist ein Hitzkopf. Und bei Moore, na ja, bei dem sieht er einfach gleich rot. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Roy hätte Jackson nicht einen solchen Schrecken einjagen dürfen, aber Jackson hätte auch nicht rumschnüffeln und Roy vorschreiben sollen, was er zu tun hat.“ Sein Lächeln wirkte auf sie ehrlich. „Hör zu, das war eine schlimme Szene, aber sie ist vorbei und es geht allen gut. Lass uns jetzt nach Laura suchen. Wenn du später zurückwillst, dann können Roy oder Erik …“, er sah kurz hoch, um Bestätigung von seinem Freund zu erhalten, der zögernd nickte, „dich nach Hause bringen.“

Carlie zuckte mit den Schultern. Offensichtlich machte sie sich schon lange keine Sorgen mehr um Jackson. „Lass uns fahren.“

Rachelles einzige andere Möglichkeit wäre es gewesen, ihre Mutter anzurufen und ihr zu erklären, dass sie auf dem Parkplatz vor der Schule gestrandet war, weil Laura ihren Autoschlüssel bei sich hatte und die Tasche mit ihren Übernachtungssachen sich im Kofferraum befand. Aber der Gedanke, zu gestehen, dass Laura sie wegen einer Party am See hatte sitzen lassen, behagte ihr nicht besonders. Rachelle bekäme wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens Hausarrest.

„Uns bleibt keine andere Wahl, was?“, fragte Carlie und fasste damit Rachelles Gedanken in Worte. „Sobald wir Laura gefunden haben, lassen wir uns von den Jungs hier zum Tanz zurückfahren, als wäre nichts gewesen.“ Carlie war bereits dabei, in Eriks Pick-up zu steigen. Sie warf ihr glänzendes pechschwarzes Haar zurück, und ihr gelang sogar ein Grinsen. „Davon lassen wir uns doch nicht den Spaß verderben!“

Vermutlich hatte sie recht, aber es fühlte sich dennoch nicht richtig an. Rachelle glitt auf der Fahrerseite in den Truck, gefolgt von Erik. Carlie saß auf Scotts Schoß und stieß sich den Kopf, weil sie ihm nicht noch näher kommen wollte.

Erik ließ den Pick-up an, und Carlie wurde gegen Scotts Brust geworfen. Er reagierte schnell. Sofort hatte er sie mit den Armen umfasst und presste ihren Po an seinen Schoß. Carlie kicherte, während Erik den Parkplatz verließ und nach Osten abbog.

„Warum können Roy und Jackson sich nicht leiden?“, fragte Rachelle, und Erik warf ihr daraufhin einen undurchschaubaren Blick zu. Sie ließ sich davon nicht abhalten. „Sag schon!“

„Ja, warum hasst Roy diesen Jackson eigentlich so?“, fragte Carlie.

Scott zeichnete mit dem Finger ihre Wange nach. „Jackson ist ein Niemand.“

„Aber Roy hat ihn fast überfahren!“, wandte Rachelle ein und richtete sich dabei kerzengerade auf. Sie hatte sich schon immer für die Schwächeren eingesetzt, und auch wenn Jackson die Konfrontation mit Roy angefangen hatte, spürte sie doch, dass er es war, dem man übel mitgespielt hatte. „Man überfährt niemanden ohne Grund.“

Erik drückte auf den Zigarettenanzünder und wühlte in seinen Taschen. Er zog ein zerknittertes Päckchen Marlboros heraus und steckte sich eine an. „Vergessen wir es einfach. Okay?“

Scott griff hinter den Sitz und zog zwei Flaschen Bier hervor. Er öffnete beide, indem er den Kronkorken am Armaturenbrett ansetzte und fest zudrückte. Schaum floss an den Flaschen hinab. Er reichte Rachelle eine tropfende Flasche.

„Heute nicht“, sagte sie trocken.

„Selbst schuld.“ Erik griff nach der Flasche und fing an zu trinken, während er die Seitenstraßen nahm, um das Stadtzentrum zu umfahren.

„Vielleicht solltest du beim Fahren nicht trinken“, bemerkte Carlie, aber Erik lachte einfach nur.

„Mann, ihr seid echt daneben!“

Rachelles Magen verkrampfte sich. Das war alles falsch. Sie hatte einen riesigen Fehler gemacht, als sie in diesen Truck gestiegen war. Und jetzt waren sie bereits auf dem Weg aus der Stadt und sie wusste nicht, was sie tun sollte, ohne Laura vollkommen im Stich zu lassen.

Sie hat dich doch auch im Stich gelassen, oder nicht? Ist mit Roy abgehauen und hat dich mit diesen zwei Ekeln zurückgelassen.

Sie sah in den Rückspiegel und erwartete fast, dort den Scheinwerfer von Jacksons Motorrad näher kommen zu sehen. Wenn es stimmte, was man sich über sein Temperament erzählte, dann mussten Roy und seine Freunde ihm früher oder später Rede und Antwort stehen. Wahrscheinlich standen deswegen Schweißperlen auf Eriks Oberlippe. Er zog lange an seiner Zigarette.

„Vergiss Moore“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Der macht nur Ärger.“

Jackson kochte vor Wut. Er konnte noch immer sein Blut im Mund schmecken. Mit verringerter Geschwindigkeit bog er in den Wohnwagenpark ein, wo seine Mutter noch immer lebte. Er war für einige Monate zu ihr zurückgezogen, aber die Stadt setzte ihm bereits zu. Gold Creek war wie eine Schlinge, die sich immer fester um seinen Hals zusammenzog, Stück für Stück. Und er wusste, wer das andere Ende des Seils in der Hand hielt – wer die Schlinge fester zog. Roy Fitzpatrick.

Der Gedanke an Roy brachte sein Blut wieder zum Kochen. Ignorier ihn, sagte ein Teil seines Verstandes, aber der andere, seine wilde, ungezähmte Seite sagte: Erteil ihm eine Lektion, die er nie wieder vergisst!

Der Schmerz in seiner Schulter war zu einem dumpfen Pochen verklungen, und er wusste, am Morgen würde ihm sein Knie noch Schwierigkeiten machen. Es hatte ihn hart vom Motorrad geworfen, sein ganzer Körper würde am nächsten Tag wie verrückt schmerzen. Er wollte, dass Roy ein wenig von seinem Schmerz nachempfand. Dieser dumme, verwöhnte Goldjunge machte ihm das Leben zur Hölle. Roy hasste ihn, das hatte er schon immer getan. So war es, schlicht und einfach. Und auch wenn es verrückt klang: Jackson vermutete, dass Roy neidisch auf ihn war. Aber warum?

Roy war mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden. Er hatte alles bekommen, was er wollte, und alles getan, was ihm in den Sinn kam. Jackson dagegen war arm gewesen, hatte seinen Vater nie gekannt und den Großteil seines Lebens damit verbracht, seine Mutter zu unterstützen. Warum also der Neid?

Auch egal. Jackson ging Roy normalerweise aus dem Weg.

Aber heute Abend hatte er genug gehabt. Seine Mutter hatte die Katze aus dem Sack gelassen: Die Tochter ihrer Schwester, seine Cousine Amanda aus Coleville, war letztes Jahr schwanger geworden. Jackson diente zu dieser Zeit noch in der US Navy und war auf den Philippinen stationiert. Es war Roys Kind. Amanda hatte die Schule abgebrochen, das Baby bekommen und zur Adoption freigegeben. Jetzt bereute sie diese Entscheidung und war in ein Gerichtsverfahren verstrickt, das für alle Beteiligten ebenso teuer wie herzzerreißend war.

Jackson rieb sich die Schulter und zuckte dabei zusammen.

Roy hatte seine Vaterschaft natürlich abgestritten und war irgendwie, höchstwahrscheinlich, weil Thomas die richtigen Stellen geschmiert hatte, ohne einen Kratzer aus dieser Affäre hervorgegangen. Doch Amanda, das Baby und das Paar, das den Jungen adoptiert hatte, bezahlten dafür und würden das auch für den Rest ihres Lebens tun.

Roy hatte eine Tracht Prügel verdient, und Jackson hatte vor, ihn bis an das Ende seines Goldlöffel-Lebens zu verdreschen. Als er an der Eingangstür zum Wohnwagen seiner Mutter angekommen war, stellte er den Motor aus und starrte auf die schwarzen Scheiben des Wagens. Seine Schulter war geprellt, sein Bein tat höllisch weh und das Schutzblech seiner Harley war eingedellt. Ansonsten war nur noch sein Stolz verletzt. Und zwar gehörig. Für wen hielt Roy sich eigentlich?

Jackson kannte die Antwort: für den Kronprinzen von Gold Creek, den Goldjungen der Stadt. Dabei war er nichts als ein allmächtiger Vollidiot.

Es wurde Zeit, dass jemand Roy Fitzpatrick eine Lektion erteilte. Und Jackson hatte vor, Roy in diesem Fall der Lehrer zu sein. Roy und sein Vater, Thomas, verließen sich beide auf eine Taktik aus Angst und Ehrfurcht. Und die meisten der komatösen Einwohner von Gold Creek hatten entweder entsetzliche Angst vor dem alten Mann oder glaubten, sie müssten sich verbeugen, sobald er den Raum betrat. Das machte Jackson krank.

Thomas Fitzpatrick glaubte, er könnte alles kaufen, was er wollte, auch Richter, Ärzte und Sheriffs. Ja, der alte Herr war ein Dreckskerl, und in Roys Fall fiel der Apfel nicht weit vom Stamm. Das galt auch für den Rest des Fitzpatrick-Nachwuchses. Der zweite Sohn, Brian, war ein rotznäsiger Schwächling, und die Tochter, Toni, war zwar um einiges jünger, aber bereits auf dem mit rotem Teppich ausgelegten Weg zur verwöhnten Prinzessin.

Sandra Moores kleiner Wohnwagen war verlassen – kein Licht in den Fenstern, kein Geräusch von Radio oder Fernseher. Sie war wieder ausgegangen. Sie verriet ihm nie, wohin sie ging – einfach „aus“. Jackson nahm an, dass sie bei einem Mann war und hoffte nur, dass der Kerl, wer er auch sein mochte, sie gut behandelte. Sie hatte es nie ganz zum Altar geschafft, auch wenn sie einige Male kurz davor gewesen war. Doch die große Liebe ihres Lebens war sein Vater gewesen, ein Seemann. Sie wollten heiraten, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, doch er starb vor der Hochzeit. Matt Belmont. Sie trug sein verblichenes, abgegriffenes Bild immer noch im Portemonnaie bei sich.

Jackson sah in den Himmel hinauf. Der Mond war hinter langsam dahinziehenden Wolken fast ganz verborgen. Die Luft war drückend und heiß. Seine Wange pochte, seine Schulter tat ihm weh, und irgendwo oben am See genoss Roy Fitzpatrick die Zeit seines Lebens mit einem weiteren Mädchen. Das ging ihn eigentlich nichts an, aber allein der Gedanke brachte sein Blut zum Kochen.

Heute war Roy mit der Blonden zusammen – dem Chandler-Mädchen, eine auffällig hübsche Cheerleaderin mit großen Brüsten, genau Roys Typ. Aber er würde schon bald unruhig werden, sich langweilen und weiterziehen. Und zu wem? Einer Mitstudentin an der Sonoma State, wo er aufs College ging, oder noch einem Mädchen aus der Kleinstadt, das glaubte, die ganze Welt bestünde aus nichts anderem als Gold Creek und dem Geld der Fitzpatricks? Vielleicht gefiel Roy schon eines der anderen Mädchen, die heute Abend dabei gewesen waren. Vielleicht das Mädchen mit den langen rotbraunen Haaren, das sich als einziges wirklich Sorgen zu machen schien, als Roy versucht hatte, ihn über den Haufen zu fahren.

Er beugte sich vor und legte die Stirn auf den Lenker.

Wo Roy steckte, wusste er genau. Er hatte von der Party im Sommerhaus der Fitzpatricks gehört. Stirnrunzelnd dachte er über seine Möglichkeiten nach. Schweiß lief ihm den Nacken hinab. Wieder dachte er an das Mädchen, das zu ihm gelaufen war, um zu sehen, ob er sich wehgetan hatte. Sie war sehr schön, wie alle Mädchen, zu denen Roy sich hingezogen fühlte. Ihr Haar war lang und schwer, ein glänzender kastanienbrauner Umhang, der ihr fast bis an die Taille reichte. Sie hatte ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, und ihre Augenfarbe bewegte sich irgendwo zwischen Grün und Grau. Merkwürdig, dass ihm diese Augen aufgefallen waren. Sie hatten ihn mit so viel Intelligenz und so viel Klarheit angesehen, dass er sie sich einfach nicht zusammen mit Roy vorstellen konnte. Trotzdem hatte er es ihr schwer und sich über ihre Sorge lustig gemacht. Schließlich gehörte sie zu Roy. Sie war nur ein weiteres Mädchen aus Gold Creek, das sich in die Nähe des Fitzpatrick-Vermögens schmeicheln wollte. Die waren alle gleich.

Er spuckte Blut auf den Kiesweg und fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Es war keiner abgebrochen. Er hatte Glück gehabt. Roys Stoßstange hatte ihn nur gestreift, obwohl Jackson ohnehin seine Zweifel gehabt hatte, dass Roy riskieren würde, seinem teuren Wagen eine Delle zu verpassen. Oder vielleicht doch. Daddy konnte ihm jederzeit einen neuen kaufen.

Mit geschlossenen Augen drehte er den Kopf, sein Hals knackte leise. Hinter seinen Schläfen hämmerte der Schmerz. Er sollte Roy und den alten Fitzpatrick einfach in Ruhe lassen. Aber das konnte er nicht.

Er trat auf den Anlasser und drehte um. Es gab keinen Grund, sich im düsteren Wohnwagen zu verkriechen, solange er auch ein für alle Mal die Sache mit den Fitzpatricks klären konnte.

2. KAPITEL

Das Sommerhaus der Fitzpatricks glich eher einem Herrenhaus. Hinter einer Steinmauer und einem schmiedeeisernen Tor verborgen schmiegte sich das rustikale Gebäude am Ufer des Sees in ein Dickicht aus Pinien. Eine ausladende Veranda, hell erleuchtet, wurde von Mauern aus Zedernholz und Stein eingefasst, die sich drei Stockwerke hoch erstreckten.

Rachelle stieg aus Eriks Pick-up. Die Nacht roch nach Pinien, Tannen und Wasser. Wolken ballten sich am Himmel und zogen am Mond vorbei. Auch der Wind nahm zu, schlug Wellen auf dem Wasser und verhieß Regen.

Aus den offenen Fenstern drangen Gelächter und Wortfetzen, untermalt von einem alten Eric-Clapton-Song. Obwohl die Nacht schwül war, zog Rachelle ihre Jacke fester um sich, als sie eilig den gepflasterten Weg zur Eingangstür hinaufgingen. Sie wollte einfach nur Laura finden und dann wieder nach Hause.

Selbst Carlie wurde nervös. Sie warf Rachelle einen besorgten Blick zu. „Vielleicht war das doch keine so gute Idee.“

„Es war eine hervorragende Idee!“ Scott legte Carlie den Arm um die Schultern. „Außerdem wäre Roy enttäuscht, wenn ihr zwei nicht aufgetaucht wäret.“

„Er hätte uns kaum vermisst“, vermutete Rachelle.

„Oh, das würde ich nicht sagen“, entgegnete Erik gedehnt. Scott und er warfen sich einen Blick zu, der Rachelle das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Was soll das heißen?“

„Wirst du schon sehen.“ Erik führte sie auf die Veranda.

Durch die offene Tür betraten sie ein zweigeschossiges Foyer, wo prächtige Orient-Teppiche auf dem glänzend polierten Parkettboden lagen. Der ganze Eingangsbereich war sorgfältig mit Kunstobjekten und Antiquitäten dekoriert. Neben der Garderobe stand ein Spinnrad, an der gegenüberliegenden Wand des Wohnzimmers ein Webstuhl, auf den ein halb fertiggestellter Teppich gespannt war, und neben der Treppe eine Ritterrüstung, die eine Dose Bier in der eisenbehandschuhten Hand hielt.

Gelächter und Musik kamen von der rückwärtigen Seite des Hauses.

„Hier entlang“, sagte Scott, als er und Erik schon um eine Ecke bogen. Rachelle und Carlie folgten zögerlich. Rachelle bereute es bereits, überhaupt in den Truck gestiegen zu sein. Was, wenn jemand die Polizei verständigte? Was, wenn niemand mehr in der Lage war, Carlie und sie zurück in die Stadt zu fahren? Was, wenn Laura so viel Spaß hatte, dass sie nicht mit ihnen zurückkommen wollte? Na ja, Rachelle konnte immer noch ihre Mutter anrufen. Der Gedanke ließ sie zusammenzucken, und sie entschied, dass sie im schlimmsten Fall die zwölf Kilometer zurück in die Stadt immer noch laufen konnte.

Im Spielzimmer war die Party in vollem Gange. An den Wänden hingen die ausgestopften Köpfe von Hirschen, Rehen und Elchen mit Glasaugen. In einer Ecke stand ein unangetastetes automatisches Klavier, in einer anderen eine Wurlitzer Jukebox, original aus den Fünfzigern, die die alten Platten spielte. Ein Billardtisch, bezogen mit blauem Filz, stand in der Mitte des glänzenden Bodens, und in anderen Teilen des Zimmers befanden sich ein Tischfußballspiel und eine Darts-Scheibe. Eine verglaste Wand, die über zwei Stockwerke reichte, bot einen Panoramablick auf den See, und innen führte eine Treppe hinauf in ein Loft. Rauch und das Klirren von Gläsern hingen in der Luft.

Auf der Suche nach Laura erkannte Rachelle einige Jungs, die um ein Bierfass herumstanden und miteinander scherzten. Andere spielten Billard. Durch eine Schiebetür an einer Seite des Spielzimmers sah sie Dampf aus einem verglasten Pool aufsteigen. Ein Pärchen, nur in Unterwäsche gekleidet, planschte lachend darin herum.

„Hast du schon jemals im Leben so ein Haus gesehen?“, fragte Carlie ehrfürchtig.

„Noch nie.“ Unter anderen Umständen hätte Rachelle das rustikale alte Haus herrlich gefunden. Verglichen mit dem kleinen Häuschen, in dem sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester lebte, war dieses „Sommerhaus“ ein Palast. Natürlich waren die Fitzpatricks auch die reichste Familie der Stadt. Sie hätten sich nie mit etwas anderem als dem größten Haus am Whitefire Lake zufriedengegeben. Doch an diesem Abend fand Rachelle es dort einfach nur gruselig.

Sie befahl sich selbst immer wieder, sich zu entspannen und das alles nicht so ernst zu nehmen. Schließlich hatte sie selbst die Entscheidung getroffen, mitzukommen; jetzt musste sie das Beste daraus machen. Sie setzte sich auf den Klavierhocker, legte die Finger um den Rand und bemühte sich, zu lächeln, doch ihre Lippen fühlten sich an wie erstarrt. Evan und Jason Kendrick spielten Pool, während Patty Osgood und Nadine Powell sich in ihrer Nähe herumdrückten, stets bereit, über die Witze der älteren Jungs zu lachen. Patty trank aus einem Pappbecher. Sie schien etwas unsicher auf den Beinen zu sein, und Nadine, die Rothaarige, beugte sich über den Tisch und flirtete mit auffällig roten Wangen mit Jason Kendrick. Beide Mädchen trugen viel zu enge Jeans und viel zu viel Make-up. Patty, die Tochter des Pastors, hatte zwar den Ruf, leicht zu haben zu sein, aber Nadine hielt sich normalerweise von Ärger fern. Heute Abend allerdings waren die beiden eindeutig an den reichen Jungs interessiert.

Gold Creek erschien Rachelle wie eine gespaltene Stadt – aufgeteilt zwischen Haben und Nicht-Haben, und auf Roys Party waren sie alle versammelt. Rachelle wollte mehr als alles andere wieder nach Hause. Sie hatte auf dieser Party nichts zu suchen. Sie interessierte sich nicht für diese Leute, die hergekommen waren, um dem Reichtum der Fitzpatricks ihren Tribut zu zollen.

„Hätte nie erwartet, dich hier zu sehen“, merkte Nadine an und warf Rachelle mit hochgezogener Augenbraue einen Blick zu.

„Ja, musst du nicht für die Zwischenprüfungen lernen oder so was?“, fragte Patty, fing dann an zu kichern und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Becher zu.

Rachelle spürte, wie ihre Wangen heißer wurden. Ignorier sie, dachte sie. Patty war betrunken. Rachelle sah zu, wie sie die Hand auf Jason Kendricks Rücken legte, während er dabei war, einen besonders schwierigen Stoß zu versuchen. Die weiße Kugel klickte gegen die Acht und schickte sie taumelnd in eine Ecktasche.

„So ein Pech“, sagte Jasons älterer Bruder Evan, aber er lachte über das Missgeschick seines Bruders.

Rachelle entdeckte Carlie. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge, redete mit einigen Gästen und lachte, ehe sie sich auf eine Bank neben Rachelle fallen ließ. „Wo ist Laura?“ Sie hielt einen Becher, trank Bier daraus und versuchte auszusehen, als hätte sie das schon ihr ganzes Leben lang getan.

„Wahrscheinlich bei Roy“, riet Rachelle.

„Aber wo?“

„Wenn ich das wüsste.“ Rachelle tat, als würde sie sich keine Sorgen machen, während sie sich noch einmal im Raum umsah, aber sie fühlte sich wie gefangen. Und Eriks rätselhafte Anmerkung darüber, dass Roy die Mädchen hierhaben wollte, bereitete ihr auch Unbehagen.

Erik zog sich mit einer Gruppe Jungs in eine Ecke zurück. Sie lachten und scherzten miteinander, doch in Eriks dunklen Augen leuchtete nicht einmal die Spur von Belustigung auf. Scott war am Bierfass, behielt aber Carlie ständig im Auge. „Er mag dich“, sagte Rachelle, und Carlie biss sich auf die Unterlippe.

„Ich weiß.“ Sie nippte an ihrem Becher.

„Fühlst du dich nicht geschmeichelt?“

Ehe Carlie antworten konnte, tauchten ein paar der Football-Spieler auf. Brian Fitzpatrick war natürlich dabei, und auch Joe Knapp und ein paar andere schlenderten herein. Sie versammelten sich sofort um das Bierfass, fingen an zu trinken und analysierten das Spiel mit zunehmender Lautstärke. Sie übertönten selbst die Musik und alle anderen Gespräche.

Wäre Coach Foster nicht wahnsinnig stolz auf sie? dachte Rachelle eine Spur sarkastisch. Doch eigentlich hatte sie kein Recht, die Football-Spieler zu verurteilen, nicht wahr? Sie war ja selbst hier. Freiwillig. Niemand hatte ihr eine Waffe an den Kopf gehalten und sie gezwungen, in Eriks Truck zu steigen.

Brian lächelte, als er Rachelle und Carlie bemerkte. „Ihr wollt bei den großen Jungs mitmachen, was?“, fragte er und hob seinen Becher voll Bier. Schaum tropfte ihm dabei über die fleischigen Finger.

Rachelle rang sich ein Lächeln ab. „Ich glaube, wir gehen gleich wieder“, antwortete sie. „Sobald wir Laura gefunden haben. Wir brauchen nur jemanden, der uns fährt.“

„Laura Chandler?“, fragte Brian breit grinsend. „Die ist wahrscheinlich bei Roy.“ Er lachte seinen Freunden zu und sah dann hinauf ins Loft. „Roy und sie haben in letzter Zeit viel voneinander gesehen, und ich meine wirklich viel.“

Damit brachte er die Menge zum Grölen, und Rachelle hielt es keine weitere Minute mehr aus. „Komm! Wir finden sie schon“, sagte sie zu Carlie. Sie wollte gerade zum Pool gehen, als sie entdeckte, wie Laura aus einer Tür geschlüpft kam. Ihre Kleidung war zerknittert und ihr Haar durcheinander. Wimperntusche lief ihr die Wangen hinab.

Rachelle und Carlie waren sofort bei ihr. „Wo warst du?“, fragte Carlie. „Was ist passiert?“

Laura ignorierte Carlies Fragen. „Du hast es also geschafft“, sagte sie bitter zu Rachelle. „Und ich war dumm genug zu glauben, dass du hier nicht auftauchen würdest.“

„Aber das war doch deine Idee?“, rief Rachelle ihr überrascht in Erinnerung.

„War es nicht! Es war Roys.“ In Lauras Stimme lag kalter Zorn. „Wegen ihm habe ich überhaupt angefangen, mich mit dir abzugeben. Weil er sich für dich interessiert hat. Ich dachte, ich könnte ihn davon abbringen, aber ich habe mich geirrt.“ Sie schniefte laut, und ihre Augen glitzerten. „Er will dich, Rachelle. Er hat mich nur benutzt, um in deine Nähe zu kommen.“

„Aber wir haben noch nie miteinander gesprochen …“

„Ist doch egal. Er hat dich gesehen. Bei den Spielen. In der Schule. Bei deinem Job für den Clarion.“

„Aber …“

Laura lachte kreischend. „Du hast ein paar Artikel über ihn geschrieben, als er noch in der Abschlussklasse war. Roy erinnert sich an dich. Er findet es beeindruckend, dass du für die Schülerzeitung schreibst – dass du Ambitionen hast!“ In ihren Augenwinkeln sammelten sich Tränen, die sie wegwischte. „Ich brauche dringend eine Zigarette.“

Carlie kramte in ihrer Handtasche nach einer zerknitterten Schachtel Salems und schüttelte Laura eine heraus. Dankbar und mit zitternden Händen zündete Laura sie sich an und blies den Rauch an die Decke. „Gott, ich bin so eine Idiotin“, flüsterte sie. Ihre Stimme brach, und wieder flossen die Tränen.

Einige der Billardspieler warfen einen Blick über die Schulter, und einige der Mädchen betrachteten die Cheerleaderin der Tyler High mit großen Augen dabei, wie sie vergeblich mit den Tränen kämpfte.

„Lasst uns doch einfach von hier verschwinden“, schlug Rachelle vor.

Carlie sah Rachelle an, als wäre sie verrückt geworden. „Wie denn?“

„Ich weiß es nicht, aber uns fällt schon irgendwas ein.“

„Du … du willst nicht hierbleiben?“ Laura war fassungslos. Sie zog lange an ihrer Zigarette. „Roy will bestimmt …“

„Es ist mir egal, was Roy will. Ich will gehen!“ Rachelle glaubte nicht, dass Roy wirklich Interesse an ihr hatte, aber sie hatte nicht vor, das jetzt mit Laura auszudiskutieren, wo es ihrer Freundin so schlecht ging. Außerdem machte Rachelle sich nichts aus Roy Fitzpatrick. „Wir finden schon jemanden, der uns zurückbringt. Vielleicht Joe Knapp?“

Lauras Kinn fing an zu zittern, und Tränen strömten ihr das Gesicht hinunter und verwischten ihre Mascara noch mehr. „Ich liebe ihn“, sagte sie schlicht. Sie tat Rachelle unendlich leid. Laura schien sich wirklich einzubilden, verliebt zu sein. „Es ist bloß …“ Laura blinzelte rasch, konnte aber nicht aufhören zu weinen. „Es ist mir so peinlich.“ Sie wischte sich die Augen.

Carlie nahm sie an der Hand. „Komm mit. Du kannst dich im Badezimmer frisch machen.“

„Ich habe meine Tasche draußen gelassen. Mein Make-up und mein Portemonnaie und …“ Sie brach wieder in Tränen aus, und Rachelle spürte, wie sie von mehr als einem Paar Augen angestarrt wurden. Erik Patton, der sich immer noch in der Nähe des Bierfasses aufhielt, steckte sich eine Zigarette an. Durch den Rauch suchte er Rachelles Blick und schüttelte mit dem Kopf, als würde er Lauras emotionalen Zustand lächerlich finden.

„Ich hole deine Handtasche“, bot Rachelle ihr an, „und ich finde auch jemanden, der uns zurückfährt.“

Laura drückte ihre Zigarette aus. Ihre Hände zitterten noch immer. „Danke. Ich glaube, ich habe sie in der Laube am See liegen lassen.“

Rachelle verschwendete keine Zeit mehr. „Wir treffen uns in fünfzehn Minuten am Eingang.“

Während Carlie mit Laura ein Badezimmer suchen ging, bahnte Rachelle sich den Weg durch die dichter werdende Menge bis zur Tür. Draußen war die Luft schwer und dicht, und die ersten dicken Regentropfen platschten auf den Boden.

„Na toll“, murmelte sie, während sie einen Pfad durch die Pinien entlangeilte. Die Temperatur schien plötzlich um zehn Grad gefallen zu sein, und der Windhauch, der über den See wehte, war vom Regen abgekühlt. Ihre Schuhe klapperten auf den Pflastersteinen, und das Haar wehte ihr um den Rücken, als sie die zwei Stufen zur Laube emporkletterte.

Roy Fitzpatrick wartete bereits auf sie.

„Ich dachte schon, ich müsste dich drinnen suchen“, sagte er gedehnt, die Stimme glatt wie Seide.

Sie blieb wie angewurzelt stehen. „Ich bin nur wegen Lauras Handtasche hier.“

„Hier ist sie.“ Er nahm die Tasche am Riemen hoch und ließ sie sich von den Fingern baumeln. „Komm und hol sie dir.“

Rachelle lief ein Schauer der Angst über den Rücken. „Warum wirfst du sie mir nicht einfach her?“

„Was ist los? Hast du Angst vor mir?“

Todesangst, dachte sie, schüttelte aber den Kopf. „Natürlich nicht.“ Sie trat vor und griff nach dem Riemen, aber Roy war schneller. Er packte sie am Handgelenk und zog sie fest an sich. „Hey! Lass mich los!“, rief sie überrascht.

„Hat Laura dir nicht gesagt, dass ich dich sehen will?“, fragte Roy. Sein Atem roch nach Bier und Zigaretten, und er schloss seine Arme in ihrem Rücken, um sie festzuhalten.

„Laura ist wirklich traurig“, entgegnete sie und versuchte, sich loszumachen. Das war doch verrückt! Was dachte Roy sich nur dabei? „Wir wollen jetzt alle nach Hause.“

„Du gehst nirgendwohin, Süße!“, flüsterte er ihr ins Ohr, und Rachelle wurde schlagartig klar, dass das hier kein Spiel war.

„Roy, bitte …“

„Bitte was?“

„Lass mich einfach los.“

„Auf keinen Fall. Ich habe dich schon eine ganze Zeit im Auge. Zu lange.“ Roy war stark, seine Muskeln durch jahrelangen Sport gestählt. Als sie ihn von sich schieben wollte, lachte er und küsste sie zu ihrem größten Schrecken auf den Haaransatz. „Mmm, Baby. Du riechst so gut.“

„Hör auf!“, warnte sie ihn, aber er schloss die Arme nur noch fester um sie und presste sie eng an sich.

Rachelle wehrte sich, doch das schien ihn nur noch mehr zu erregen. Sie versuchte zu schreien, aber er verschloss ihren Mund mit seinen Lippen. Er drückte mit der Zunge verlangend gegen ihre Zähne. Die Hitze seines Körpers strahlte auf ihren ab. „Komm schon!“, flüsterte er, und sie riss den Kopf herum. Durch ihre Kehle rann der heiße Geschmack der Angst. Er hörte einfach nicht auf, und seine Hände waren stark wie Stahl.

„Hör auf!“, brüllte sie, als er den Kopf endlich zurückzog. Sein Gesicht sah furchterregend aus in der Dunkelheit. Sein Blick durchbohrte sie auf eine wilde Art, dann packte er ihre beiden Handgelenke mit einer Hand und küsste sie wieder. Dieses Mal ließ er die freie Hand unter ihre Jacke gleiten, um nach ihrer Brust zu fassen.

Sie fing an zu schreien und nach ihm zu treten, aber er wich aus und bedeckte ihren Mund mit einer Hand. „Niemand wird kommen, um dich zu retten, Baby, weißt du das nicht? Die anderen Jungs suchen doch alle selber nach ein bisschen Spaß.“

Sie biss ihn so fest in die Hand, dass er aufjaulte. „Du Schwein!“, kreischte sie, doch er drückte die Lippen auf ihre und küsste sie fest.

„Du willst es doch auch“, raunte er. Sein Atem roch nach schalem Bier. Seine Finger fühlten sich feucht und kalt an.

Sie trat noch einmal zu. Sie zielte genau zwischen seine Beine, doch er wich aus und sie erwischte nur sein Schienbein. Er heulte vor Schmerzen auf, ließ sie allerdings nicht los.

„Du kleine Schlampe!“ Er schob sie fest gegen die Bank zurück, und wieder stieß sie einen Schrei aus.

„Roy, hör auf …“

Du wirst aufhören, verstanden?“, schrie er sie an. „Ich bin es, der die Befehle erteilt. Du wirst mir alles geben, was ich von dir verlange, und es wird dir gefallen …“

Plötzlich wurde er von ihr weggezogen und durch die Laube geworfen. Ihre Bluse riss mit einem schrecklichen Geräusch auseinander.

Roy brüllte: „Hey! Was zum …“, und prallte schon gegen die Bank auf der anderen Seite der Laube.

„Lass sie in Ruhe!“, brüllte Jackson. Er war aus dem Nichts aufgetaucht. Rachelle hatte weder sein Motorrad noch seine Schritte gehört. Sie schluckte ihre Tränen herunter, Erleichterung durchströmte ihren ganzen Körper. Er funkelte sie über die Schulter wütend an. „Lauf!“

Rachelle versuchte aufzustehen, allerdings konnte sie sich kaum bewegen.

„Ich hätte dich umbringen sollen, als ich die Chance dazu hatte“, schrie Roy, rappelte sich auf und stürzte sich auf Jackson. Aber das Bier hatte ihn träge gemacht, und als er die Hände nach Jacksons Hals ausstreckte, schob der ihn von sich.

„Lass sie ihn Ruhe!“, befahl Jackson erneut und warf Rachelle dann einen wütenden Blick zu. „Verdammt, ich hatte gesagt: Lauf!“ Er fasste sie am Arm und zog sie hoch, bis sie wieder auf eigenen Füßen stand. „Verschwinde von hier!“

Ein Dutzend von Roys Freunden versammelten sich um die Laube. Rufe und Jaulen wurden laut; der Geruch nach einem Kampf hing schwer in der Luft.

Roy rappelte sich auf, griff in die Tasche und holte ein Springmesser heraus. Jackson funkelte ihn an. Roy ließ das Messer aufspringen. Die Klinge glänzte heimtückisch im Abendlicht.

„Nicht … Roy …“, rief Rachelle entsetzt.

Doch Roy hatte Blut gewittert. Er griff seinen Widersacher an. Jackson wich aus, aber er war nicht schnell genug. Mit einem schrecklichen Geräusch traf das Messer auf Jacksons Bein.

Jackson atmete scharf ein, als Roy noch einmal zustach und dieses Mal das Messer tief in seiner Schulter vergrub.

„Hör auf, Roy!“, schrie Scott McDonald. „Halt dich raus! Das ist mein Kampf!“, befahl Roy ihm. Jackson wich zurück, und Roy stach weiter nach ihm. Rachelle kreischte. „Ich bring dich um!“, presste Roy keuchend hervor und hieb wild auf Jackson ein. Die Klinge zischte durch die Luft. Jackson wirbelte herum und wich ihr aus. Als Roy das Messer ein weiteres Mal hob, packte Jackson ihn am Handgelenk und schlug mit der Faust in seinen Bauch. Scheppernd landete das Messer auf dem Boden.

Jackson hieb mit der Faust auf Roys Wange ein. Roy brach rückwärts zusammen, spuckte aus und hustete. „Du bist ein toter Mann, Moore! Ich bringe dich um, das schwöre ich.“

„Dazu wirst du keine Gelegenheit haben.“

Jackson musste Rachelle aus dem Augenwinkel entdeckt haben. „Bist du immer noch hier?“, fuhr er sie an. „Verschwinde, ehe …“

„Sie bleibt!“, befahl Roy. Jackson verschwendete keine Zeit.

„Verdammt noch mal!“ Er griff nach Rachelles Arm und kletterte mit ihr über das Geländer der Laube. Gemeinsam fielen sie ins Gebüsch. Jackson stolperte fast, als sie sich aufrappelten, denn sein Bein knickte unter ihm weg. Er atmete schwer und schwitzte. „Wenn du nicht noch mehr Ärger willst, haust du lieber sofort ab“, riet er ihr.

„Du verdammter Mistkerl!“, brüllte Roy. „Sie bleibt hier!“

„Auf keinen Fall!“

Jackson zog immer noch an ihrem Arm, als Rachelle anfing, mit ihm gemeinsam zu rennen. Sie hielt ihre zerfetzte Bluse und ihre Jacke zusammen, während sie durch das Gebüsch preschten. Jackson trieb sie vorwärts, obwohl er selbst humpelte und schwer atmete.

„Haltet Moore auf! Haltet ihn!“, rief Roy, aber seine Stimme klang schon gedämpfter. Jackson führte Rachelle durch einen Garten und zwischen Bäumen entlang zu der Auffahrt, in der er sein Motorrad abgestellt hatte. Drei Jungs standen dort Wache, und sobald sie Jackson aus dem Wald kommen sahen, fing Erik Patton an, heimtückisch zu grinsen.

„Schau mal einer an, was du gefunden hast – Roys neuestes Spielzeug“, spottete er, doch Jackson ignorierte sie alle.

„Steig auf“, sagte er, und Rachelle kletterte ohne nachzudenken auf die Maschine.

Erik zündete sich betont gelassen eine Zigarette an. „Weit werdet ihr nicht kommen“, prophezeite er und legte dann eine Hand an den Mund. „Hey, Roy, sie sind hier! Moore und das Mädchen!“

Jackson versuchte, die Harley anzulassen. Nichts. Rachelle zitterte. Roy war auf dem Weg, sie konnte ihn hören. Ihr Herz raste vor Angst. „Komm schon“, flüsterte sie, und Jackson probierte es noch einmal. Der Motor sprang wieder nicht an.

Jackson starrte Erik eine Sekunde an, danach wandte er sich zu ihr um. Sie hatte keinen Zweifel: Wäre sie nicht bei ihm gewesen, er wäre vom Motorrad gestiegen und hätte Erik in Stücke gerissen.

„Hier entlang!“ Er sprang vom Motorrad und zog sie hinter sich her. Als sie wieder in die Wälder eintauchten, war Rachelle nur nach Weinen zumute. Sie hatte unglaubliche Angst vor Roy und wusste instinktiv, dass sie bei Jackson sicherer war, und doch war diese Nacht schrecklicher als alles, was sie sich vorstellen konnte. Roy hatte vorgehabt, sie zu vergewaltigen, und Jackson, ihr Retter, war nicht gerade ein Ritter in strahlender Rüstung. Sie hoffte nur, ihr Instinkt behielt recht, was ihn anbelangte. Denn an der Art, wie er sie berührte, und am Funkeln seiner Augen erkannte sie, dass sich hinter seiner finsteren Fassade auch ein Hauch Güte verbarg. Daran hielt sie sich fest wie ein Ertrinkender an einem Rettungsring.

Zweige und Dornen rissen ihr an Haut und Haaren, aber sie nahm Jacksons Ratschlag an und fing an, in Richtung des steinigen Strandes zu rennen, der den See umsäumte, so schnell ihre Füße sie tragen konnten. Zweimal stolperte sie über Strauchranken, aber Jackson half ihr auf, und sie liefen weiter. Sie hatte keine Ahnung, ob man sie noch verfolgte, und wollte sich auch nicht die Zeit nehmen, sich umzuschauen und es herauszufinden.

Ihre Kehle fühlte sich heiß und belegt an, Tränen brannten in ihren Augen. Regen lief ihr in Strömen den Hals hinab. Sie konnte nicht vergessen, wie schrecklich sich Roys Körper an ihrem angefühlt hatte, spürte noch immer die Angst, dass er nicht aufhören würde, bis er ihr die Kleider vom Leib gerissen und ihr ihre Würde genommen hatte und ihre … Lieber Gott, daran konnte sie nicht einmal denken!

Bald nachdem die Bäume sich lichteten, erreichten sie den Strand. Sie rannten nach Norden, gegen den Wind und den Regen an, der um die Hügel peitschte. Jacksons Atem ging schwer, und er humpelte beim Laufen. Jetzt war sie es, die ihn ziehen musste und ihn halb den Strand entlangschleifte. Hilf mir, betete sie, während der Regen auf sie beide eintrommelte und ihre Beine anfingen zu schmerzen. Sie verbot es sich, vor Furcht zu schluchzen, und rannte einfach weiter. Sie klammerte sich an Jacksons Hand, als wäre er tatsächlich der Ritter, dessen Schicksal es war, sie vor den Schandtaten des Roy Fitzpatrick zu retten.

3. KAPITEL

Der Kampf hatte Jackson geschwächt. Als sie vom Strand wieder in den Wald hineinliefen, humpelte er noch schlimmer, und er rang nach Atem. Selbst in der Dunkelheit konnte Rachelle den Schweiß auf seinem Gesicht erkennen.

„Wir müssen es bis an die Hauptstraße schaffen und per Anhalter in die Stadt zurückfahren“, schlug Rachelle vor, als er sie eingeholt hatte und sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm lehnte. Er atmete bebend ein, stützte sich dann mit den Händen auf den Knien ab und ließ den Kopf sinken. „Komm schon“, drängte sie ihn.

„Willst du riskieren, von Roy oder einem seiner Freunde aufgegabelt zu werden?“, fragte Jackson. Er hob den Kopf, um in der Dunkelheit zu ihr hochzusehen. Seine Augen waren dunkel und schwer zu lesen – so dunkel wie die Nacht, die sie umgab. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Bist du so nicht überhaupt erst in diese Lage gekommen?“

„Viel weiter schaffst du es nicht.“

Ironisch verzog er den Mund. „Komm mit! Ich hab eine Idee.“ Er nahm sie an der Hand und führte sie in langsamerem Tempo durch den Wald. Unter ihren Füßen brachen Zweige, und über ihnen trommelte der Regen in gleichmäßigem Takt auf das Dach aus Nadeln.

Die Nacht war so dunkel, dass sie kaum einen Weg erkennen konnte; sie trat immer wieder in Matsch oder Pfützen. Sie war völlig durchnässt und zitterte im Wind, der durch die Bäume pfiff. Mit der freien Hand hielt sie ihre zerrissene Kleidung zusammen. Sie dachte nicht darüber nach, wohin sie gingen; sie wollte einfach nur so viel Distanz zwischen sich und Roy Fitzpatrick bringen, wie sie konnte.

Wie hat Jackson Roy und mich eigentlich in der Laube gefunden? fragte sie sich. Sie wunderte sich über Jacksons Timing. „Warum warst du auf der Party?“

„Fitzpatrick und ich waren noch nicht fertig miteinander.“

„Seid ihr es jetzt?“

Er schnaubte. „Ich glaube, das werden wir nie sein.“

„Warum hasst er dich so sehr?“

Jackson warf ihr einen düsteren Blick zu. „Vielleicht kann er es nicht leiden, wenn ich ihn unterbreche, kurz bevor er einen Treffer landet.“

Rachelle fühlte sich, als hätte er sie geohrfeigt. „Wovon sprichst du?“

„Ich habe keine Ahnung, wie die Sache angefangen hat, aber irgendwie hast du es geschafft, mit Roy allein zu sein. Für mich sieht es so aus, als hättest du mit ihm geflirtet. Er ist darauf eingegangen, und als es dir ein bisschen zu heiß wurde, hast du Panik bekommen.“

Rachelle presste empört die Lippen zusammen. „Ich war in der Laube, um die Handtasche meiner Freundin zu holen.“

„Und irgendwie hat es damit geendet, dass du mit ihm rumgemacht hast.“

Sie blieb schwer atmend stehen. Ihr Zorn loderte so hell wie ihre Tränen. „Du hast kein Recht, mich so zu verurteilen. Kein Recht. Ich habe Roy nichts vorgespielt oder ihn verführt, falls du das andeuten wolltest. Und wenn, wäre das auch egal. Er hat mich angegriffen. Ich habe Nein gesagt, und das hat er ignoriert. Weißt du, was? Du kannst jetzt gern mit dem Babysitten aufhören. Ich finde den Weg zurück in die Stadt auch allein.“

Er sah sie an, murmelte etwas Unverständliches und seufzte. „Dann hab ich mich wohl geirrt.“

„Das hast du wohl.“ Sie standen einander gegenüber, ohne den Blick voneinander zu lassen, während der Regen auf sie herabprasselte. Der Wald dampfte vor Nässe, und aus der Ferne drang Musik durch die Bäume zu ihnen.

Jackson verzog das Gesicht. „Als ich bei der Party ankam, fand ich, dass ich mich erst beruhigen sollte, bevor ich mich bei Roy zum Affen mache, also bin ich zum See runtergegangen. Dann habe ich aus der Laube Geräusche gehört und gesehen, wie Roy dich küsst. Ich habe nicht bemerkt, dass du dich wehrst, bis du angefangen hast zu schreien.“ Er senkte den Blick, die Hände noch in die Hüften gestemmt. „Tut mir leid. Mir war irgendwie klar, dass jeder, der mit Roy und seiner Clique rumhängt, mit Ärger rechnen muss.“

Dem konnte sie nicht widersprechen. War sie nicht selbst zu dem gleichen Schluss gekommen? „Ich gehöre nicht zu Roys Clique.“

„Wer bist du eigentlich?“

„Eine Freundin von Laura, Rachelle Tremont.“

Er betrachtete sie einen Moment, schließlich sagte er: „Wir haben keine Zeit zu verlieren. Komm mit, Rachelle.“ Er griff wieder nach ihrer Hand, und gemeinsam bahnten sie sich den Weg durch das Unterholz.

„Wohin gehen wir?“, flüsterte sie. Sie hatte die Orientierung verloren, hatte aber dennoch das Gefühl, dass sie im Kreis liefen und wieder auf dem Weg zurück zu Roys Party waren.

„Ich kenne eine Abkürzung“, antwortete er. Er schloss die Hand fester um ihre, und plötzlich fühlte es sich an, als würde sich all ihr Blut an dieser Stelle sammeln. Jackson keuchte leise und zuckte jedes Mal zusammen, wenn er sein rechtes Bein belastete.

„Du kannst nicht weiter …“

„Pssst!“, warnte er sie so laut, dass ein unsichtbares Tier ins Unterholz flüchtete.

Rachelles Herz hämmerte ihr in den Ohren, aber ihr war klar, sie hatte recht. Das leise Hämmern der Musik und die Stimmen waren jetzt viel näher als vorher. Jackson führte sie direkt zu Roy zurück!

„Du musst den Verstand verloren haben“, wisperte sie.

„Vielleicht“, gab er eine Spur sarkastisch zu, „aber ich glaube eher nicht.“

Sie schlichen um das Anwesen der Fitzpatricks herum, immer in den Bäumen verborgen, die an den schweren Steinmauern entlangwuchsen. Als sie an den Privatweg kamen, zögerte Jackson, die Muskeln angespannt, und ließ den Blick über den Wald schweifen. „Okay. Jetzt“, meinte er leise und zog sie mit sich aus dem sicheren Schutz der Bäume über die Straße und in den Wald auf der anderen Seite. Sie waren jetzt nach Osten unterwegs, und durch die Bäume war das Glitzern des Sees zu erkennen. Dunkel und schimmernd kräuselte das Wasser sich im Wind.

Rachelles Kehle war ausgetrocknet, ihr tat der ganze Körper weh, und der Regen lief ihr den Hals hinab und durchtränkte ihre Jacke. Es kam ihr vor, als wären sie schon stundenlang unterwegs.

Jackson blieb einen Moment lang stehen und rieb sich das Bein. Selbst in der Dunkelheit konnte sie erkennen, wie er die Zähne zusammenbiss. „Du brauchst einen Arzt.“

„Ich muss mich nur eine Weile ausruhen“, widersprach er, nahm sie wieder an der Hand und humpelte auf den See zu. Sie folgte ihm blind. Ihr Schicksal lag in den Händen des Bad Boy von Gold Creek.

„Da wären wir“, verkündete Jackson, nachdem sie über den Strand ausgewichen waren, um einen Zaun zu umgehen, der das Anwesen eingrenzte, und ein riesiges Haus in Sichtweite kam.

„Was ist das?“

„Das Haus der Monroes.“

Davon hatte sie schon gehört: ein prächtiges Haus, das leer stand, wenn die Monroes den Winter in San Francisco verbrachten. „Ich denke nicht, dass wir hierbleiben sollten“, erwiderte sie besorgt, aber Jackson hatte sich dem Haus bereits genähert und befand sich nun im schmalen Durchgang zwischen Haupthaus und Garage.

„Niemand wird vermuten, dass wir in der Nähe bleiben“, erklärte er laut. „Sie haben beobachtet, wie wir in die entgegengesetzte Richtung weggerannt sind.“

„Aber …“

„Bleib, wo du bist“, befahl er ihr und überprüfte dann alle Türen und Fenster im Erdgeschoss.

„Willst du einbrechen?“

„Wenn sie abgeschlossen haben.“

„Aber das ist illegal.“

Jackson warf ihr einen Blick zu, mit dem er sie eindeutig naiv nannte. „Wir werden schon nicht erwischt.“

„Das macht es nicht besser.“

„Nein, tut es nicht. Bleib du also hier im Regen stehen und denk dir aus, was wir sonst machen könnten. In der Zwischenzeit versuche ich, herauszufinden, wie wir ins Haus gelangen.“

Nachdem er um die Ecke verschwunden war, fing Rachelle an zu zittern. Sie dachte an Roy und daran, wie er sich ihr aufgezwungen hatte, und ihr drehte sich der Magen um. Sie war dumm und leichtsinnig gewesen. Und jetzt war sie hier, mitten im Nirgendwo, mit einem Jungen, dessen Ruf ruiniert war, und versuchte zu allem Überfluss auch noch, in das Sommerhaus einer reichen Familie einzusteigen!

Sie hatte ein Abenteuer gewollt, sich danach gesehnt, ihre Flügel auszubreiten. Und jetzt hatten diese Flügel sich als etwa so stabil herausgestellt wie die von Ikarus. Sie waren geschmolzen, und der Fall war so tief und heftig gewesen, dass sie ihn nie vergessen würde.

Sie schlang die Arme um sich und überlegte, was sie als Nächstes machen konnte. Vielleicht hatte Jackson recht. Wenn sie sich nur erst ausruhen und aufwärmen konnten, würden sie besser entscheiden können, was zu tun war. Vielleicht gab es im Haus ein Telefon, von dem aus sie ihre Mutter anrufen konnte. Ihr zog sich der Magen zusammen bei dem Gedanken, ihrer Mom oder ihren Freunden wieder gegenüberzutreten. Wie war es Carlie und Laura ergangen? Was machten sie gerade? Waren die beiden krank vor Sorge um sie?

Ihr blieb fast das Herz stehen, als sie plötzlich ein Geräusch auf dem Dach hörte. Sie wagte sich aus dem Schutz des Durchgangs und schaute hinauf. Jackson war eine Regenrinne hinaufgeklettert und hangelte sich über die vom Regen schlüpfrigen Dachziegel zu einem der Fenster vor. Sie hielt den Atem an und drückte die Daumen, dass er nicht ausrutschte, herunterfiel und sich den sturen Hals brach. Er rüttelte an einem Riegel, fluchte und wiederholte das am nächsten Fenster. Auch das schien fest verschlossen zu sein.

Zu Rachelles Entsetzen kletterte er weiter hinauf ins Dachgeschoss, wo Gauben aus der Dachschräge ragten. Beim zweiten Fenster hielt er an, zog etwas aus der Tasche und bearbeitete damit das Schloss, bis sie Holz splittern hörte und das Fenster nachgab. Eine Sekunde später war er schon hindurchgestiegen.

Toll. Jetzt betraten sie nicht nur unrechtmäßig fremdes Eigentum, es war ein richtiger Einbruch. Sie wartete ungeduldig. Ganz sicher würde jemand von Roys Party vorbeikommen und sie entdecken! Volle fünf Minuten verstrichen. Sie fing an, sich wieder zu sorgen. Hatte Jackson sich verletzt? War er im Dunkeln die Treppe hinuntergestürzt?

Ein Schloss klickte leise. Die Hintertür ging nach innen auf, und Jackson erschien im Rahmen und hielt sie mit dem Rücken auf. Er war offensichtlich sehr zufrieden mit sich.

Ohne auf eine Einladung zu warten, schlüpfte sie ins Haus. Sie standen in der Küche, tropften auf das Eichenparkett und lauschten dem Ticken einer alten Uhr und dem knarzenden Holz. Die Möbel waren mit weißen Laken eingehüllt; man konnte fast glauben, dass es in diesem Haus spukte.

„Und was jetzt?“, fragte sie ihn und wurde sich plötzlich klar, dass sie ganz allein mit ihm war.

„Wir brauchen eine Taschenlampe. Der Strom ist ausgeschaltet, aber ich möchte sowieso nicht, dass wir das Licht anmachen. Jemand könnte uns entdecken und die Cops benachrichtigen.“

„Es wird uns schon niemand sehen“, meinte sie und dachte daran, wie weit weg von allem sie waren.

„Falsch. Am anderen Ufer des Sees ist eine Anlegestelle mit einem Laden für Angelzubehör. Dort könnte jemand in diese Richtung schauen, ein Licht bemerken, wo es eigentlich dunkel sein sollte, und nervös werden.“ Er öffnete einen Schrank und fuhr mit den Fingern über den Inhalt der Regale, schnaubte enttäuscht und machte mit dem nächsten Schrank weiter. Nicht lange, und er hatte sich durch die halbe Küche gearbeitet.

„Das bringt doch nichts …“

„Moment. Was ist das?“, fragte er, und sie konnte ihm sein Grinsen dabei anhören. „Eine Kerze. Primitiv, aber genau, was wir brauchen.“

Er zündete ein Streichholz an. Es zischte in der Nacht, und im Licht der kleinen Flamme konnte sie sein Gesicht erkennen, schlammverschmiert, mit einem Bartschatten auf dem Kinn. Die Flamme spiegelte sich als winzige Leuchtpunkte in seinen dunklen Augen.

Vorsichtig zündete er die Kerze an und suchte dann in den Schränken nach weiteren. Schon bald hatte er drei Kerzen angesteckt, in deren flackernd goldenem Licht die Küche fast gemütlich erschien.

„Hast du keine Angst, dass jemand das Kerzenlicht bemerken könnte?“, fragte sie, aber er schüttelte den Kopf.

„Im vorderen Teil des Hauses ist ein Wohnzimmer. Das führt weder auf den See noch auf das Anwesen der Fitzpatricks hinaus. Die Vorhänge sind bereits zugezogen. Ich glaube, da sind wir sicher. Wenn nicht …“ Er schaute sie wieder an, und dieses Mal schien sein Blick eine Sekunde länger als nötig auf ihr zu verweilen. Er trat von einem Fuß auf den anderen. „Wenn nicht, müssen wir eben einfach die Suppe auslöffeln.“

„Wir könnten jemanden anrufen …“

„Hab ich schon versucht. Die Leitung ist tot.“

„Na toll“, murmelte sie. Ihre Lage schien sich ja nicht gerade zu verbessern. „Was machen wir also?“

Jackson lehnte sich an den Küchenblock. Sein Haar war noch nass, im Kerzenlicht golden glitzernde Tropfen liefen ihm über Gesicht und Nacken. „Ich würde sagen, wir versuchen, einigermaßen trocken zu werden, und überlegen uns dann, wie wir zurück in die Stadt kommen. Deine Eltern schicken doch sicher einen Suchtrupp los, wenn du nicht irgendwann irgendwo auftauchst.“

Rachelle zuckte mit den Schultern. „Meine Mom und meine Schwester sind zu Besuch bei einer Freundin meiner Mutter, und ich sollte eigentlich bei Laura übernachten. Im Moment sucht also noch niemand nach mir.“

„Was ist mit deinem Dad?“

Der alte Knoten in ihrem Magen zog sich fester zusammen. „Er, äh, erfährt nichts davon. Mom und er haben sich getrennt. Er hat jetzt eine Wohnung in Coleville.“ Sie sagte nicht, dass er wahrscheinlich bei seiner neuen Freundin war, einer Frau, die nur wenige Jahre älter war als Rachelle. Glenda. Ihr Vater hatte sie in der Mitte seines Lebens kennengelernt und beschlossen, dass Ellen die Mädchen allein aufziehen konnte. Er hatte ein Leben zu leben. „Niemand wird ihn informieren“, meinte sie knapp und versuchte, nicht zu sehr an ihren Vater zu denken.

„Aber Lauras Mutter könnte deine anrufen.“

„Kann sein.“

Erneut schaute Jackson sie an, und seine Mundwinkel hoben sich kaum merklich. „So schlimm ist es nicht, wenn sich jemand um einen Sorgen macht, weißt du. Glaub mir. Es ist besser als das Gegenteil.“

Rachelle kam sich auf einmal albern vor. Seiner Mutter war es wahrscheinlich immer egal gewesen, wann er nach Hause kam, und er hatte nie einen Vater gehabt, der sich um ihn sorgte, ihn ausschimpfte, mit ihm Baseball übte oder angeln ging.

Er ging aus der Küche und machte sich mit steifen Schritten auf den Weg ins Wohnzimmer. Rachelle folgte ihm, zwei Kerzen in den Händen. Er stützte sich an der Wand ab und versuchte, vor allem sein rechtes Bein zu belasten. Seine Jeans waren vollkommen durchnässt und voller Matschflecken, und auf dem kurzen Weg den Flur hinab konnte sie ihre Augen nicht von dem verwaschenen Stoff abwenden, der sich an seine Schenkel und seinen Hintern schmiegte. Sie zwang sich, den Blick von seinen Beinen zu lösen, und ertappte sich dabei, wie sie stattdessen den Rücken seiner abgetragenen alten Jacke anstarrte, die an den Schultern breit war und an der Taille schmal zusammenlief.

Es roch nach schmelzendem Wachs und Regen und Moschus und Leder. Rachelle nahm jeden einzelnen dieser Gerüche wahr, während Jackson seine Kerze auf das Kaminsims stellte und sich zu ihr umdrehte.

Sie zitterte. Ihre Füße waren in ihren nassen Stiefeln eiskalt. Eine Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen, und er rieb sich das Kinn. „Du frierst.“

„Ein bisschen.“

„Eher ganz schön. Ich auch.“ Er überprüfte noch einmal die Vorhänge, schloss die Tür zum Wohnzimmer und beugte sich dann über den Kamin. „Wir sollten uns wohl lieber aufwärmen.“ Er griff den Schornstein hinauf und zog an etwas, bis sich quietschend der Schieber öffnete und eine Wolke Ruß auf den Kaminrost hinabfiel.

Auf alten Kaminböcken waren bereits Holzscheite gestapelt, und Zeitungspapier und Anmachholz lagen säuberlich in einer Kiste neben der Feuerstelle.

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