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Welt ohne Morgen

Für Tasha

Niemand sehnt sich mehr danach zu leben,
als jener, der alt wird.

– SOPHOKLES

Prolog

HOUSTON, TEXAS

Juli

Es war die seltsamste Entführungs- und Rückholmission, die Hoyt Randall je angenommen hatte.

Hoyt blickte durch den Feldstecher hinunter ins Gewerbeviertel, das genauso aussah wie jedes andere auch. Als wäre es von einem Architekten mit einer Lego-Obsession entworfen worden. Fünf Firmen waren hier ansässig, hinter den immer gleichen braunen Stuckfassaden, akzentuiert durch burgunderrote Sägezahnmuster und identische Büsche vor den Milchglastüren. Die Lampen auf dem leeren Parkplatz boten gerade genug Helligkeit, um Amateurdiebe zu entmutigen, aber nicht genug, um einen Profi abzuhalten. Nichts regte sich. Alles war still.

Ganz in Schwarz gekleidet und mit Latexhandschuhen ausgestattet, gab Hoyt ein paar Notizen in seinen kleinen Handcomputer ein, den er am Unterarm trug. Er steckte das Fernglas weg und zog sich eine schwarze Sturmhaube übers Gesicht. Er eilte den Hügel hinab und stoppte erst hinter dem Schild, auf dem „Crystasis Foundation“ geschrieben stand.

Arlo Perez, der Mann, der Hoyt angeheuert hatte, um seine Tochter wiederzubeschaffen, hatte erzählt, dass Crystasis sich darauf spezialisiert habe, Frischverstorbene einzufrieren. Hoyt hatte natürlich bereits von Kryonik, oder Kryostase, gehört, und die meisten Menschen kannten die Geschichten von Ted Williams und Walt Disney, die angeblich ihre Köpfe eingefroren hatten, damit man sie in der Zukunft wieder auftauen könne.

Hoyt fand das einfach nur gruselig. Er selbst konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als in einer Welt aufzuwachen, in der all seine Freunde und geliebten Menschen bereits seit hundert Jahren tot waren. Oder noch schlimmer, in einem Roboterkörper aufzuwachen.

Linda Perez, Arlos Tochter, hatte vor einem Jahr die Diagnose erhalten: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Prognosen hatten ihr noch ein Jahr gegeben, maximal, wovon die letzten Monate unaussprechliches Leid und Schmerzen versprochen hatten. Vor sechs Monaten hatte Linda Selbstmord begangen. Oder, um es genauer zu sagen, ein Team von Crystasis hatte sie in ihrer Anlage dabei unterstützt. Sofort nach ihrem Tod hatte das Team ihren Körper vorbereitet und sie eingefroren, mit dem Ziel, sie irgendwann in der Zukunft wieder aufzuwecken, wenn ihre Krankheit behandelt werden konnte. Ihre Eltern, die sich vehement gegen den Eingriff gewehrt hatten, wollten sie zurück. Sie hatten Pläne für Lindas Körper, die eindeutiger mit ihren religiösen Grundsätzen vereinbar waren als die verschwindend geringe Hoffnung auf ein Leben in der Zukunft. Hoyt war sich ziemlich sicher, dass er diese Begründung glaubte. Er glaubte außerdem, dass Mr. Perez an den zweihunderttausend Dollar interessiert war, die Linda ihm gestohlen hatte, um Crystasis zu bezahlen.

Er überprüfte die Umgebung ein letztes Mal und lief dann über den Parkplatz weiter zur Rückseite des Gebäudes. Hoyt überbrückte die Alarmanlage und knackte das Schloss eines Seiteneingangs. Im Inneren des Gebäudes wartete Hoyt, bis seine Augen sich an die kaum wahrnehmbare Beleuchtung gewöhnt hatten, bevor er auf seinem Unterarmgerät einen Blick auf den Gebäudeplan warf. Am Haupteingang saß kein Nachtwächter, aber seine Notizen besagten, dass es Videoüberwachung gab. Er schlich zur Ecke und holte einen kleinen Spiegel an einer metallenen Teleskopantenne hervor. Er zog sie aus und warf mithilfe des Spiegels einen Blick um die Ecke. Seine Informationen waren korrekt; hoch oben an der Wand waren Videokameras montiert. Aber er konnte auch sehen, dass das Kabel nicht angeschlossen war. Hoyt vermutete, dass die Kamera gerade repariert wurde und er einfach Glück hatte. Er bewegte sich in den nächsten Raum – dort war die Videoüberwachung ebenfalls abgeklemmt. Mittlerweile war es Hoyt unter seiner Maske kochend heiß, und so riss er sie sich herunter. Er wischte sich den Schweiß aus den Augen, bevor er sich die Maske hinter den Gürtel klemmte. Ein paar Flure weiter – jeder davon ausgestattet mit einer nicht angeschlossenen Kamera – erreichte er sein Ziel: zwei große Metalltüren, die selbst in dem schwachen Licht noch schimmerten.

Hoyt zwängte sich durch die Türen und kam sich vor, als wäre er in einen Science-Fiction-Film getreten. Der Raum, etwa so groß wie ein kleines Basketballfeld, enthielt ein Dutzend große, glänzende Chromtanks, die sich die Wände entlang aufreihten. Ein seltsames, pulsierendes Zischen und Summen ging von den drei Meter hohen Zylindern aus.

„Jee-sus.“ Während er auf seinem Unterarmgerät nach der Seriennummer suchte, die er brauchte, ging er die Reihe entlang und fand die entsprechende Nummer auf einem der glänzenden Zylinder am Ende des Raums. Linda – oder das, was einmal Linda gewesen war – lag dort drin.

„Und wie zur Hölle kriege ich dich da raus?“, sagte Hoyt und klopfte mit den Knöcheln gegen den Zylinder. Ein solides Tock-Tock-Tock erklang. Die Druckmessgeräte außen am Tank und die davon ausgehenden Kabel und Schläuche waren deutlich komplizierter, als er es erwartet hatte. Die Temperaturanzeige gab an, dass in dem Tank –195,5 °C herrschten.

Dann bemerkte Hoyt ein zusätzliches Gerät an dem Kanister. Und dem Kanister daneben. Und dem folgenden. Anders als die kryostatischen Computerteile kannte er diese aus eigener Erfahrung – magnetisch befestigte Zeitbomben. Und bei der Menge an C-4, die jede davon aufwies, versuchte jemand, den ganzen Laden auf den Mond zu schießen. Die roten Ziffern auf jedem Gerät zeigten alle dieselbe Zahl, die langsam runterzählte.

8 … 7 … 6 …

Hoyt wirbelte herum und rannte los. Er hatte nur drei Meter geschafft, als die Raketen zündeten. Die Druckwelle schleuderte ihn durch die Türen. Scharfkantige Metallteile der zerstörten Zylinder hatten ihn längst in Streifen zerschnitten, als das, was von seinem Körper übrig war, mit einem feuchten Geräusch gegen die gegenüberliegende Wand knallte.

Sie hatte ihn nicht davon abgehalten, in seinen Tod zu gehen.

Der Tod war ein notwendiger Teil des Lebens. Jemanden davon abzuhalten zu sterben, war in ihren Augen die größte Ironie.

Sobald sich die Explosionen gelegt hatten und Flammen aus den von der Druckwelle zerborstenen Fenstern leckten, trat sie aus den Schatten. Sie war ähnlich gekleidet wie der frisch verstorbene Hoyt, abgesehen von dem hellen roten Haar, das unter ihrer schwarzen Kapuze hervorlugte. Sie lief zur Vorderseite des Gebäudes, zog eine Sprühdose aus ihrem Rucksack und schüttelte sie in ihrer mit einem Handschuh geschützten Hand. Die Dose machte ein Geräusch wie die Warnung einer Klapperschlange. Als sie mit ihrer Arbeit fertig war – in der Ferne waren gerade die ersten Sirenen zu hören –, warf sie die Dose zur Seite, nahm ihr Telefon heraus und wählte.

„Es ist vollbracht“, sagte sie auf Japanisch. „Bin auf dem Weg zum nächsten.“

Sie steckte ihr Telefon wieder weg, während sie in die Büsche zurücklief. Sie rollte ihr schwarzes Ducati-Motorrad aus seinem Versteck, saß auf, zog die Kapuze nach hinten und schüttelte ihr flammend rotes Haar, bevor sie ihren glänzend schwarzen Helm aufsetzte. Sie ließ den Motor ihrer Maschine ein paarmal aufheulen und düste in die Nacht. Hinter ihr erleuchteten die Flammen die orangefarbenen Worte, die sie mit der Sprühdose geschrieben hatte.

„Tote Lichter.“

NORDPAZIFIK

August

Dr. Eric Norris, Kopf des Tote-Lichter-Projekts, lehnte sich noch weiter über die Reling des riesigen Schiffs. Er wollte so weit wie möglich weg von der Tür, die wieder ins Innere führte, zumindest weit genug, um sicherzugehen, dass er nicht mehr in Hörweite war, aber er wusste, dass ihm nur eine begrenzte Zeit blieb, bis sie anfangen würden, nach ihm zu suchen. Während er in den Nachthimmel starrte, drückte er sich das Handy ans Ohr und wartete darauf, dass die Stimme zurückkommen und das Schweigen in der Leitung beenden würde. Die Gischt war kalt und fühlte sich angenehm auf seinem Gesicht an. Es war lange her, dass er an Deck gewesen war. Er leckte sich salzige Tropfen vom Mund und sah hinunter in den schwarzen Ozean zwölf Meter unter ihm. Nicht auf die Oberfläche, sondern auf etwas weit darunter. Er hatte den britischen Geheimdienst in der Leitung – Insider kannten ihn als Secret Intelligence Service oder SIS, aber bekannter war er der Welt als MI6. Er hatte ihnen seine Geschichte bereits erzählt – oder zumindest so viel davon, wie er bereit war zu erzählen, ohne Garantien – dreimal bereits. Jeder, mit dem er gesprochen hatte, hatte zunächst desinteressiert geklungen, doch entweder seine Story oder die Furcht in seiner Stimme hatten sie davon überzeugt, dass er es ernst meinte, und sie hatten ihm gesagt, dass er warten solle, bevor sie ihn die Befehlskette weiter nach oben gereicht hatten. Kleine Erfolge, ja, aber jede neue Stimme hatte ihn gebeten, die Geschichte wieder von Anfang an zu erzählen. Er hatte keine Zeit dafür. Wenn die alte Frau, oder schlimmer, dieser schwarze Britenbastard, mitbekamen, wie er ihre Geheimnisse an eine Regierungsbehörde verriet, würden die Dinge sehr schnell sehr hässlich werden.

„Komm schon, komm schon“, drängte er.

„Etwas, wobei ich Ihnen helfen kann, Dr. Norris?“, sagte ein britischer Akzent, nicht unähnlich Norris’ eigenem, hinter ihm. Er wirbelte herum und verbarg sein Handy hinter seinem Rücken wie ein Kind, das mit einem gestohlenen Keks erwischt worden war.

O nein.

„Ich … ich schnappe nur etwas frische Luft. Sie wissen ja, es kann etwas stickig da unten werden“, sagte Norris, stolz auf sein schnelles Schalten. Er ließ das Telefon in seine Gesäßtasche gleiten.

Der Mann war makellos gekleidet, mit einem Dreiteiler und einem Trenchcoat, dessen Kragen er gegen die Gischt vom Meer hochgeschlagen hatte. Seine Haut war so dunkel, dass sein Gesicht beinahe unsichtbar war. Norris kannte seinen Namen nicht und wollte ihn auch nicht kennen. Er hatte den Mann bei mehreren Gelegenheiten mit der alten Frau gesehen, und es gab etwas an seiner Haltung, seiner Präsenz, das Norris’ Eingeweide dazu brachte, sich zusammenzuziehen. Der Mann zündete eine Zigarette an, das Feuerzeug erleuchtete kurz seine Züge. Norris fand, er sah beinahe – belustigt aus.

„Sicher, Schätzchen“, sagte der Mann. Er musterte Norris schweigend, während er einen langen Zug von seiner Zigarette nahm und eine breite Rauchwolke in die Welt stieß. Minuten schienen verstrichen zu sein, bevor er sagte: „Nun, trödeln Sie nicht. Sie wollen doch Ihren Anschluss nicht verpassen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schnippte der Mann seine Zigarette ins schwarze Wasser, wandte sich um und ging langsam davon.

Als der Mann um die Ecke verschwunden war, atmete Norris aus, drehte sich wieder zur Reling um und holte sein Telefon aus der Tasche. Er sah, dass er versehentlich aufgelegt hatte, als er es versteckt hatte. Nun musste er wieder ganz von vorn anfangen.

„Verdam…“ Bevor Norris seinen Fluch beenden konnte, packte eine Hand von hinten seine Kehle, während eine andere ihm das Telefon entriss. Er rang nach Luft, aber der Angreifer drückte ihn gegen die Reling.

„Wen rufen wir denn an, Schätzchen?“

„Nur … nur ein paar Freunde vom Festland. Niemand …“ Der Mann hatte die Wahlwiederholung betätigt und den Lautsprecher eingeschaltet. „SIS. An wen kann ich Sie weiterleiten?“

„MI6, Dr. Norris? Wieso sollten Sie das tun?“, zischte der Mann ihm ins Ohr.

„Es … es ist zu gefährlich“, bekannte Norris.

Er versuchte, den Mann davon zu überzeugen, dass er von dem Projekt sprach und was es für die Allgemeinheit bedeuten könnte, aber wenn er sich wirklich um irgendetwas davon geschert hätte, hätte er von Anfang an nie an diesem Projekt teilgenommen. Nein, was Dr. Norris wirklich Sorgen bereitete, war, was mit ihm geschehen würde, jetzt, wo seine Arbeit beendet war. Norris hatte bereits den Kontakt zur Hälfte seines Teams verloren, nachdem sie an Land gebracht worden und nie wieder zurückgekehrt waren. Er hatte Angst, dass er der Nächste sein würde. Oder schlimmer, dass sie anfangen würden, ihm das anzutun, was sie mit Dr. Reese getan hatten, jemandem, der dämlich genug gewesen war, die alte Frau zu enttäuschen.

„Nun, Schätzchen, ich fürchte, daran hättest du denken sollen, bevor du all das schöne Geld genommen hast.“

Die Messerklinge, die ihm durch den Hals gestoßen wurde, tat nur einen Augenblick lang weh, dann spürte Norris nichts mehr, obwohl er noch bei vollem Bewusstsein war. Plötzlich flog er. Die Gischt blendete seine Augen, die nicht mehr blinzeln konnten. Er schlug aufs Wasser wie ein Sack voll Erde, das Klatschen hallte über die Wellen. Panik brandete in ihm auf, aber nur kurz. Bald waren seine Gedanken so schwarz wie das Wasser. Und dann waren sie fort.

Tote Lichter

1

LONDON

Donnerstag
12:15 Uhr Ortszeit

Jonathan Hall war seit beinahe zwei Jahren nicht zu Hause gewesen. Es war nicht so, dass er in dieser Zeit keinen Ort zum Wohnen gehabt hatte. Ehrlich gesagt hatte Jonathan während der Zeit an einigen ausgesprochen opulenten Orten gelebt – in einem Penthouse in New York, auf einer Jacht in der Ägäis, vor Anker gegangen vor Mykonos; sogar in einem verlassenen Palast in Thailand. Aber nichts davon war sein Zuhause gewesen. Das letzte Zuhause, das er gehabt hatte, war ein winziges, heruntergekommenes Häuschen in Tallahassee, Florida gewesen. Aber es war nicht das Gebäude, das es zu einem Zuhause gemacht hatte. Es war die Gesellschaft gewesen.

Jetzt, während er in einem Café in London saß und die Menge beobachtete, die draußen in der mittäglichen Septembersonne vorbeispazierte, dachte Jonathan an seine Tochter Natalie. Nicht, dass seine Gedanken jemals weit von ihr entfernt waren. Er hatte sie seit fast einem Jahr nicht mehr persönlich getroffen. Und das Jahr davor hatte er sie nur ein paarmal flüchtig sehen können. Dies waren wichtige Jahre für sie, und er verpasste sie. Genauso, wie er bereits die ersten fünf Jahre ihres Lebens verpasst hatte. Damals hatte er nicht einmal gewusst, dass Natalie existierte, aber es störte ihn trotzdem noch immer.

Er wünschte, Natalies Mutter wäre noch am Leben. Das war es, was ein dreizehnjähriges Mädchen brauchte: eine Frau, die ihr all das erklären konnte, was sie fühlte, und die Erfahrungen, die sie machte, während sie ein Teenager wurde. Nicht einen Vater, der, wenn er überhaupt in der Nähe war, ihr Leben in Gefahr brachte. Ein Vater, der keine Ahnung hatte, was er da überhaupt tat. Ein Vater, der die letzten achtzehn Jahre ein Kunstdieb gewesen war.

Jonathan knetete seine Serviette, um die Anspannung zu lösen, als der Kellner vorbeikam. Er bestellte einen weiteren Chai-Tee. Der Kellner nickte und nahm die alte Tasse mit. Es war Jonathans zweite.

Er warf einen Blick auf die Uhr. Ihr Kontakt war über eine halbe Stunde zu spät. Aber er wollte noch nicht aufgeben; Fahd war scheu wie ein junges Reh, und höchstwahrscheinlich marschierte er gerade auf der Straße auf und ab und überlegte, was er tun sollte. Jonathan wusste, dass er am Ende aufkreuzen würde. Und da sprach keine Arroganz aus ihm, sondern Pragmatismus. Fahd brauchte das Geld, das Jonathans schwarze Lederjacke so schwer machte und dafür sorgte, dass sie in einem seltsam schiefen Winkel auf seiner Stuhllehne hing.

Jonathan hatte Fahd auf dieselbe Art gefunden, wie er dieser Tage all ihre Jobs fand: durch das Dark Web. Indem er einen speziellen Browser verwendete, der seine Identität verschleierte, konnte Jonathan Webseiten und Chatforen besuchen, die normalen Suchmaschinen unbekannt waren, ohne die Furcht im Nacken, aufgespürt zu werden. Er musste seine Kontakte noch immer gründlich überprüfen, bevor er sich wirklich mit ihnen traf – die Justizbehörden auf aller Welt wussten sehr wohl, dass das Dark Web existierte, und ihre Köder und Fallen dort wurden immer zahlreicher – aber nach all diesen Jahren war Jonathan wirklich geschickt darin geworden, zu erkennen, wer echt war und wer nicht.

Als der Kellner sein Getränk brachte, nutzte Jonathan die Gelegenheit, erneut einen Blick durch den Raum zu werfen. Er vermied direkten Augenkontakt – insbesondere mit dem riesigen Kerl, der am Fenster saß, über einen Teller mit Gebäck und einen gigantischen, absurd süßen Kaffee gebeugt. Sein langer Staubmantel hing über die Stuhllehne. Der Mann war Lew Katchbrow, Jonathans Partner und vermutlich der einzige Mensch auf der ganzen Welt, dem er vertraute. Jonathan nickte ein Dankeschön, als der Kellner wieder abzog, sicher, dass ihn die im Café verstreuten Gäste gar nicht beachteten.

Er nippte an seinem Tee, während seine Gedanken wieder zu Natalie drifteten. Sie hatte letzte Woche die Highschool begonnen, und er hasste es, dass er nicht hatte dort sein können. Aber es war zu ihrem eigenen Schutz. Seinetwegen war ihr Leben die letzten zwei Jahre zweimal in Gefahr geraten. Er würde nicht zulassen, dass das erneut geschah. Ganz egal, wie schwer es ihm fiel.

Das erste Jahr, das Natalie im Internat in British Columbia verbracht hatte, hatte Jonathan versucht, sich von ihr fernzuhalten, aber er hatte seinen Gefühlen nachgegeben und allmählich angefangen, sie alle paar Monate zu besuchen. Dann waren es alle paar Wochen geworden. Anfangs war sie wütend auf ihn gewesen, dass er sie fortgeschickt hatte, aber bald hatte sie sich damit abgefunden.

Dann war das Unvorstellbare geschehen. Sie hatten sie gefunden. Er hatte keine Beweise, aber er war sich sicher, dass es an seinen Besuchen gelegen hatte. Canton George, ein Industrieller, der eine Rechnung zu begleichen hatte, hatte seine Männer geschickt, um sie zu entführen und Jonathan und Lew zu finden, mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen. Es war reines Glück gewesen, dass Lew ihn bei dem Besuch in der Schule begleitet hatte, als Canton George und seine Männer zuschlagen wollten. Einige atemlose Stunden später war George auf einem Auge blind, seine Männer waren tot und Natalie war erneut gezwungen, ihr Leben zurückzulassen. Bedauerlicherweise war es George ein weiteres Mal gelungen, zu entwischen.

Eine neue Identität und einige Monate später war Natalie an einem anderen Internat eingeschrieben. Diesmal in der Schweiz. Und das war das letzte Mal gewesen, dass Jonathan seine Tochter persönlich gesehen hatte. Selbst ihre verschlüsselten Skype-Telefonate hatten angefangen, ihn nervös zu machen. So schmerzvoll es auch war, er hatte aufgehört, ihre Anrufe anzunehmen, und bezahlte stattdessen den Schuldirektor, damit er Jonathan mithilfe diverser dunkler Kanäle – erneut im Dark Web – über die Aktivitäten seiner Tochter auf dem Laufenden halten konnte.

Das Glöckchen über der Eingangstür des Cafés bimmelte und riss Jonathan aus seinen Erinnerungen. Es war Fahd, sein Kontakt, ein Wachmann im örtlichen Museum. Jonathan wartete, bis eine kleine Gruppe Gäste gegangen war, bevor er Fahd heranwinkte. Der schmächtige, schwarzhaarige Mann mit karamellfarbener Haut nickte und bewegte sich auf den Tisch zu, wobei er den Raum verstohlen absuchte. In genau diesem Moment vibrierte Jonathans Handy, das auf dem Tisch lag. Er schaute nach unten und sah Natalies Foto auf dem Bildschirm.

Er stieß einen wortlosen Fluch aus und wischte den Anruf weg, während Fahd sich setzte. Der Kellner kam herüber und fragte den Neuankömmling nach seiner Bestellung, aber Fahd, der sich mit einer Serviette immer wieder den Schweiß von den Augenbrauen wischte, versuchte nur, ihn zu verscheuchen. Jonathan schmunzelte, entschuldigte sich für seinen „Freund“ und bestellte ihm einen Espresso. Als der Kellner gegangen war, kam ihm allerdings der Gedanke, dass noch mehr Anregung das Letzte war, was der Kerl brauchte.

„Sie sind spät“, sagte Jonathan trocken.

„Fast wäre ich gar nicht gekommen“, entgegnete Fahd mit britischem Akzent, der verriet, dass er trotz seines Postens im Museum auf eine sehr gute Schule gegangen war. Die Geschichte dahinter kannte Jonathan, jedoch nicht von Fahd selbst. Fahd war nach nur zwei Jahren der Uni verwiesen worden, da er in seinem Wohnheim illegale Pokerrunden veranstaltet hatte. Ein Posten als Wachmann im örtlichen Museum war das Beste, was er mit dieser Erfolgsgeschichte hatte ergattern können. Es war einer der Gründe, weshalb Jonathan sich überhaupt dazu entschieden hatte, Geschäfte mit ihm zu machen. Fahd wurde stärker von der Aussicht auf Geld motiviert als die meisten anderen Leute.

Es war ein kleiner Job, im Vergleich zu ihren anderen Missionen – eine gestohlene Sammlung seltener Bücher. Aber in letzter Zeit schien so etwas die Regel zu werden. Es war nicht so, dass es dort draußen keine besseren Möglichkeiten geben würde, aber Jonathan war wählerisch geworden. Er suchte Aufträge, die weniger Aufsehen erregten, was natürlich auch weniger Einnahmen bedeutete. Aber wenn es ihnen gelang, den oft rachsüchtigen Milliardären fernzubleiben, die sie üblicherweise heimsuchten, wäre es vielleicht irgendwann wieder sicherer, Kontakt zu Natalie aufzunehmen. Dennoch schwanden ihre Ressourcen allmählich dahin, und Lew begann, das Schema zu erkennen.

Manchmal fragte Jonathan sich, wie es wohl wäre, wenn sie die Kunststücke verkauften, die er und Lew stahlen, statt sie gegen einen Finderlohn dem ursprünglichen Besitzer oder dem Museum zurückzugeben. Auch wenn sie das, was sie taten, nie des Geldes wegen getan hatten.

Jonathan holte den Umschlag aus seiner Jackentasche und legte ihn auf den Tisch. Fahds Nervosität verschwand beim Anblick des Kuverts. Er griff danach und wollte das Geld nehmen, doch Jonathan ließ seine Hand weiterhin darauf ruhen.

„Der Name“, sagte Jonathan, als Fahd ihn irritiert anschaute.

„Oh, richtig“, entgegnete Fahd, leckte sich über die Lippen und schien abzuwägen, ob er antworten oder das Geld sausen lassen sollte. „Jacobson. Peter Jacobson.“ Jonathan zögerte einen kurzen Moment, nahm seine Hand dann aber weg. Fahd riss den Umschlag vom Tisch und hielt ihn darunter im Schoß verborgen, während er hineinblickte.

„Die Adresse?“, fragte Jonathan.

Fahd nannte ihm die Adresse und kicherte förmlich, als er den Umschlag in die Tasche schob. Der Name und die Adresse waren neue Informationen für Jonathan, aber er hatte sich schon einmal kurz mit Fahd getroffen und wusste, dass Peter Jacobson ebenfalls Wachmann in dem Museum war. Einer mit noch weniger Skrupel als Fahd.

„Es war nett, Geschä…“

„Setzen Sie sich“, sagte Jonathan in einem Ton, der Fahds sich bereits hebenden Hintern zurück auf den unbequemen Holzstuhl plumpsen ließ. „Wieso hat Jacobson Ihnen erzählt, dass er die Bücher hat? Sie sind offensichtlich keine Freunde.“

„Ich weiß es wirklich nicht. Er hat eigentlich gar keine Freunde, die ich je gesehen hätte. Er ist, nun …“ Fahd schien nach den richtigen Worten zu suchen.

„Er ist was?“

„Nun, er ist seltsam. Spricht mit sich selbst. Trägt manchmal nur seine halbe Uniform. Er kann Ihnen in der Pause direkt gegenübersitzen, Sie anstarren und nie auch nur ein Wort sagen.“

Das gefiel Jonathan gar nicht. Es machte sein endgültiges Ziel unvorhersehbar. Und das bedeutete, gefährlich. Er entnahm Fahds Beschreibung noch eine unterschwellige Botschaft.

„Also hat er es Ihnen gar nicht erzählt. Sie haben ihn nur belauscht, als er mit sich selbst gesprochen hat“, folgerte Jonathan.

Fahd sah aus wie ein Kind, das im Supermarkt beim Bonbonklauen erwischt worden war.

„Entspannen Sie sich“, sagte Jonathan. „Sie können das Geld behalten. Vorausgesetzt, Ihr Tipp zahlt sich aus. Tut er das nicht, werden Sie derjenige sein, den Ihre Kollegen als seltsam bezeichnen werden.“ Es war eine vage Drohung. Jonathan hatte die Erfahrung gemacht, dass diese am besten wirkten.

„Kann ich …?“, fragte Fahd und nickte in Richtung Tür.

„Ja, verschwinden Sie“, sagte Jonathan. Er dachte daran, Fahd aufzuhalten und für den Espresso bezahlen zu lassen, nur so zum Spaß, ließ ihn dann aber gehen. Er kannte Typen wie Fahd aus Erfahrung: Je weniger man mit ihnen zu tun hatte, desto besser.

Jonathan beobachtete, wie Fahd aus dem Café stolperte. In der Sekunde, in der er aus der Tür war, schnappte Jonathan sich sein Handy. Seine Anspannung wich, als er sah, dass Natalie eine Nachricht auf seiner Mailbox hinterlassen hatte. Er war gerade dabei, sie abzuhören, als Lew sich auf den Stuhl fallen ließ, den Fahd gerade verlassen hatte.

„Hat Mr. Ultranervös was Feines dagelassen?“, fragte Lew, der noch immer auf seinem Kuchen rumkaute.

„Wieso wiegst du eigentlich keine zehn Zentner?“, fragte Jonathan, während er zusah, wie Lew den Rest seines „Snacks“ einatmete. Jonathan hatte mit Lew häufiger gemeinsam gegessen als mit irgendeinem anderen Menschen auf dem Planeten, selbst öfter als mit Natalie, und die Masse an Essen, die Lew in sich reinschaufelte, war skurril. Besonders, wenn man bedachte, dass Lew zwar einen Meter achtzig groß war und über hundert Kilo wog, aber nur zehn Prozent Körperfett besaß. Jonathan war neidisch. Er hatte einen schlankeren Körpertyp als Lew, aber die letzten paar Jahre hatte er sich wirklich anstrengen müssen, um in Form zu bleiben. Und er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal etwas gegönnt hatte, das auch nur an einen Kuchen erinnerte.

„Gefunnde Enähhung“, presste Lew an einem Mund voll Teig vorbei. „Also, was gibt’s?“

„Talie hat angerufen“, antwortete Jonathan.

„Yes! Ich wusste es. Hab’s dir gesagt, hab ich nicht? Was sagt der Zwerg?“

„Weiß ich nicht. Sie hat gerade angerufen, als Fahd hier aufkreuzte.“

„Nein, sag’s mir nicht … Du hast ihren Anruf weggedrückt? Für den Widerling? Das ist wirklich kaputt, Mann“, sagte Lew kopfschüttelnd.

„Wir haben den Namen und die Adresse“, erklärte Jonathan und ignorierte Lews Spitzen. Nach all den Jahren war er darin ziemlich gut geworden. „Wir legen morgen los. Sieh zu, dass du heute Nacht ausreichend Schlaf bekommst.“

„Ja, Mama.“ Lew kippte seinen Kaffee runter. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass du den Anruf der Kleinen nicht angenommen hast.“ Er stand auf. Der Stuhl gab ein erleichtertes Knarzen von sich. „Ich hol dich morgen früh ab. Ruf dein Kind an.“

„Lust auf Gesellschaft?“, fragte Jonathan, stand auf, und warf ein paar britische Pfund auf den Tisch. Lew zog die Stirn kraus und sah ihn an. Jonathan wusste, wieso; sie hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, nicht gemeinsam in der Öffentlichkeit aufzutreten. Nur für den Fall.

„Äh, klar. Irgendwas Bestimmtes, das dir vorschwebt?“, fragte Lew und setzte seine Ray-Ban auf.

„Nur spazieren“, sagte Jonathan.

Sie traten hinaus in den Nachmittag und wandten sich nach Osten in Richtung der St. Paul’s Cathedral. Beinahe eine Stunde sprachen sie kein Wort. Sie standen sich so nahe wie Brüder, und ihr Schweigen war niemals unangenehm. Manchmal war es einfach nur gut, mit jemandem zusammen zu sein, der einem so viel bedeutete. Nachdem sie sich jeder ein Eis gekauft hatten, standen sie schließlich am Flussufer, lehnten am Geländer und beobachteten den vorbeiziehenden Schiffsverkehr.

Nach einer Weile drehte Lew sich um, lehnte sich mit dem Rücken ans Geländer und beobachtete die Passanten. Touristen und Geschäftsmänner schlenderten in der Septembersonne vorbei. Aber Jonathan wusste, dass Lew nicht die Leute beobachtete. Er versicherte sich, dass keine Gefahr drohte.

„Erzählst du mir noch, was dich beschäftigt?“, fragte Lew, ohne die Augen von der Menge zu nehmen.

„Uns geht das Geld aus“, erklärte Jonathan. Die kleineren Jobs hatten ihren Tribut gefordert. Das Geld für Fahd hatte Jonathan ernsthaft zweifeln lassen, ob er diesen Monat seine Miete würde aufbringen können.

„Ich weiß“, entgegnete Lew.

„Du weißt?“

„Klar. Aber so bist du nun mal.“

„So bin ich nun mal?“

„Von Zeit zu Zeit wirst du völlig hysterisch, dass du zu viel Aufmerksamkeit erregen könntest, und suchst uns nur kleinere Jobs. Aber du kommst drüber hinweg; und dann schwimmen wir wieder im Geld und alles ist wieder normal. Ich muss zugeben, diesmal hält es schon länger an als üblich, aber du beruhigst dich schon wieder. Das tust du immer.“

„Du scheinst dir ja furchtbar sicher zu sein“, sagte Jonathan und versuchte zu verdauen, was er gerade gehört hatte. Er hatte nicht geahnt, dass er so durchschaubar war, oder dass er dies Verhalten schon oft genug an den Tag gelegt hatte, dass es ein Muster ergab.

„Nicht wahr?“, meinte Lew und schaute Jonathan über seine Ray-Ban hinweg an. Den Blick konnte Jonathan ertragen, es war das beschissene Grinsen, das ihm unter die Haut ging. „Muss wirklich nervtötend sein.“

„Warte mal“, sagte Jonathan. „Wieso bist du so entspannt dabei?“

„Ich bin nicht entspannt.“

„Du wirkst entspannt.“

„Ich wüsste nicht, wieso ich entspannt wirken sollte.“

„Vielleicht, weil du entspannt bist.“

„Hmm, vielleicht.“

„Nun?“

„Nach deinem letzten Schwung Niedriglohnjobs dachte ich mir, es wäre an der Zeit, ein bisschen Extrakohle in die Notfalltasche in meinem Schrank zu stecken.“

„Ein bisschen? Wie viel bisschen?“

„Etwa fünfzig Riesen.“

„Himmel.“

„Du kannst dir was leihen, wenn du willst.“

„Kann ich?“

„Klar. Alles was du tun musst, ist fragen.“

Jonathan seufzte und sammelte sich. „Könnte ich mir ein bisschen Geld leihen?“

„Was mir gehört, gehört auch dir, amigo. Aber du weißt, es gibt einen Weg, auf dem wir sicherstellen könnten, dass so etwas nicht wieder passiert.“

„Aha. Und welcher wäre das?“, fragte Jonathan, auch wenn er ziemlich sicher war, dass er wusste, was jetzt kam. Lew nahm seine Brille ab und sah Jonathan direkt in die Augen.

„Lass uns wieder Der Monarch sein.“

Jonathan wusste, dass Lew nie Schwierigkeiten damit gehabt hatte, Der Monarch zu sein. Es gefiel ihm sogar. Vor allem die dicken Geldschecks. Sie hatten mit dem ganzen Kram angefangen, weil sie die Schnauze voll gehabt hatten vom System – Lew von der Army und Jonathan vom Geheimdienst. Beide hatten das Gefühl gehabt, mehr Schaden anzurichten, als Gutes zu tun. Doch dann hatte ein zufälliges Aufeinandertreffen in Bogotá, Kolumbien, sie beide auf einen Pfad geführt, etwas verändern zu können. Allerdings gab es einen großen Unterschied, ob man ein paar seltene Bücher zurückgab, die von einem verrückten Wachmann gestohlen worden waren, oder einen verlorenen Rembrandt, von dem die Welt geglaubt hatte, dass er zerstört sei. Als Der Monarch hatten sie Kultur und Geschichte bewahrt, aber sie hatten einen hohen Preis dafür bezahlt.

„Was ist mit Natalie?“, fragte Jonathan. Sie war nicht nur Jonathans Tochter, sie war quasi Lews Nichte.

„Uns wird schon was einfallen“, sagte Lew und klang ein wenig wie ein Kind, das seinen Vater überreden will, ihn zum Fußballspiel mitzunehmen.

„‚Was einfallen‘“, wiederholte Jonathan trocken. „Himmel, du hast dir mehr Gedanken darum gemacht, welche Kuchen du da vorhin in dem Café bestellst! Natalie ist nichts, zu dem einem etwas einfällt. Sie ist alles, was zählt.“

„Und das weiß ich nicht?“, entgegnete Lew, der anfing, sich zu verteidigen. „Ich bin ja nur der dumme Muskelberg.“

„Das hab ich nicht gesagt“, gab Jonathan zurück. Und nach einer Minute: „Aber es gibt Zeiten …“

„Fick dich“, sagte Lew und stieß sich vom Geländer ab. „Wenn ich dermaßen hirnamputiert bin, dann besorg dir dein beschissenes Geld selbst.“ Er setzte sich die Brille auf, wirbelte herum und stapfte davon. Sein Mantel wehte hinter ihm her.

„Lew, jetzt sei doch nicht so. Du weißt, wie ich das meine“, rief Jonathan, aber Lew ging weiter. „Lew! Kommst du morgen?“

Lew wirbelte herum und ging rückwärts weiter. „Klar! Vielleicht brauchst du mich ja, um was Schweres zu heben. Ladys and Gentlemen, Jonathan, das Superhirn. Applaus, Applaus“, rief Lew den Leuten um ihn herum zu und wedelte mit den Armen wie ein Zirkusdirektor. Dann drehte er sich wieder um und verschwand in der Menge.

Manchmal kann ich so ein Arschloch sein.

Jonathan dachte keine Sekunde, dass Lews Anteil an ihrer Unternehmung nur sein Körper war, aber es war einer der Knöpfe, die er drücken konnte, damit Lew diesen Der-Monarch-Unsinn fallen ließ. Rückblickend wusste Jonathan, dass er froh sein konnte, dass Lew ihn nicht niedergeschlagen hatte. Er würde sich entschuldigen müssen, aber wenn Lew so drauf war, musste er ihn einfach eine Weile alleine lassen. Die einzige Person, die durch seine Stimmungen durchdringen konnte, war Emily, seine Manchmal-Ja-, Manchmal-Nein-Freundin.

Aber soweit Jonathan wusste, waren sie schon seit einer langen Weile ein Nein-Paar. Ironischerweise aus denselben Gründen, aus denen Jonathan sich von Natalie fernhielt. Nicht, dass Lew das je zugegeben hätte. Jonathan wünschte sich wirklich, dass die beiden die Sache irgendwie hinbekommen könnten, aber er wusste, dass Lew eine ziemliche Handvoll sein konnte, wenn man ihn ständig um sich hatte.

Sie war ohne ihn vermutlich besser dran.

2

NORTH LONDON

15:00 Uhr Ortszeit

Emilys Kopf flog von dem Schlag des maskierten Mannes nach hinten. Blut und Speichel flogen durch ihr Wohnzimmer. Weiße Blitze explodierten in ihrem Schädel, und ihre Ohren klingelten, während sie entfernt spürte, wie ein Paar Hände sie wieder in den Stuhl zurückstießen. Sie hustete und spuckte noch mehr Blut aus, während das Weiß langsam verschwand und die zwei Männer, die sie gefangen hielten, vor ihren Augen wieder scharf wurden. Einer von ihnen schlug sie, während der andere ein wenig im Hintergrund stand und eine Waffe in der Hand hielt, auch wenn sie ihre Arme mit Klebeband an die Armlehnen des Stuhls gefesselt hatten.

„Wo sind sie?“, forderte eine elektronische Stimme mit südafrikanischem Akzent. Sie kam aus einem iPad, das auf dem Kaffeetisch neben ihr lag. Ein Mann mit tiefschwarzer Haut und einer Augenklappe blickte sie vom Display her an: Canton George. Sie hatte ihn vorher schon getroffen, doch damals war er derjenige gewesen, der für Informationen zusammengeschlagen worden war. Das Szenario hatte damit geendet, dass George in seinen eigenen Tresorraum eingeschlossen worden war und sein unrechtmäßiges Herrenhaus sehr explosiv über einen halben Hektar verstreut worden war.

Seit damals jagte er Jonathan und Lew unerbittlich.

Sie wollte schreien und weinen – sich der Furcht und dem Schmerz ergeben –, doch das war genau das, was George wollte. Und um ehrlich zu sein, nachdem er sie so lange gesucht hatte, war sie ein bisschen beleidigt, dass er nur telefonisch teilnahm, auch wenn sie ziemlich sicher war, dass sie wusste, wieso er nicht persönlich erschien. George hatte Natalie vor einem Jahr in ihrem Internat in British Columbia gefunden und versucht, es persönlich mit Jonathan und Lew aufzunehmen. Das hatte nicht sonderlich gut funktioniert, wie seine Augenklappe und die darunter herausschauende Narbe bestätigten.

„Sie stehen direkt draußen vor deinem Haus, Georgie. Ich würde anfangen zu rennen, wenn ich du wäre“, antwortete sie. Sie wusste, dass sie für diese Lüge bezahlen würde, aber der angsterfüllte Blick auf Georges Gesicht, selbst wenn er nur eine Sekunde dauerte, war es wert. Sein verbliebenes Auge weitete sich, und er verschwand vom Bildschirm, offensichtlich, um sich zu vergewissern, dass sie log. Als er zurückkehrte, mit einem völlig anderen Gesichtsausdruck, lachte Emily so herzhaft, wie sie es seit einer langen Zeit nicht getan hatte. Ihr Gesicht fühlte sich immer noch an, als stünde es in Flammen, und die Zähne auf einer Seite schienen locker zu sein, als sie mit der Zunge dagegen kam, aber ihr kleiner Triumph ließ sie für eine Weile die Gefahr unter ihrem Sofa vergessen.

„Noch mal!“, brüllte George, und sein Zorn ließ Speichel gegen den Bildschirm spritzen.

Emilys Gelächter wurde abrupt beendet, als ein kräftiger rechter Haken von einem der maskierten Männer sie traf. Diesmal verlor sie wirklich einen Zahn. Und sie war sich ziemlich sicher, dass ihre Nase brach. Sie spie den Zahn aus und versuchte, ein tapferes Gesicht zu machen und noch ein wenig zu lachen, aber es klang eher wie ein Wimmern.

Sie zwang sich, nicht unter ihr Sofa zu schauen. Ihr Handy lag dort unten, schwach glimmend seine Existenz verratend, aber für Emily fühlte es sich an wie ein Suchscheinwerfer. Sie hatte gerade mit Natalie telefoniert, als die maskierten Männer durch ihre Tür gebrochen waren. Die Tür hatte sie in den Rücken getroffen und das Handy war davongeflogen, jedoch glücklicherweise unter ihrem Sofa gelandet. Es war verschlüsselt, aber sie hatte keine Zeit gehabt, den Bildschirm zu sperren. Alles, was die Männer tun mussten, war, ihre Anrufliste durchzugehen, und sie hätten Natalie innerhalb von Minuten aufgespürt. Sie betete nur, dass die Verbindung getrennt worden war. Wenn Natalie noch in der Leitung hing und diesem Albtraum zuhörte – sie schüttelte die Vorstellung ab. Es war zu schrecklich, und sie musste sich darauf konzentrieren, lebendig aus dieser Sache rauszukommen, damit sie Jonathan und Lew warnen konnte.

„Miss Burrows, seien Sie vernünftig“, sagte George, diesmal etwas ruhiger, während er versuchte, Mitgefühl zu heucheln.

Seit über einem Jahr hatte kein Mensch sie mehr so genannt. Es war ihr Pseudonym gewesen, damals, als sie Autorin gewesen war, auch wenn sie nur ein einziges Buch geschrieben hatte. Es drehte sich um den Monarchen, Jonathans und Lews fallen gelassenem Alter Ego.

„Wenn ich vernünftig wäre, hätte ich eine Kugel in deinem psychotischen Hirn versenkt, als ich die Chance dazu hatte“, erwiderte Emily. Damit machte sie George wieder wütend.

„Noch mal!“, schrie er wieder. Der maskierte Mann holte aus und schlug sie ein weiteres Mal, diesmal mit der geschlossenen Faust. Er traf sie so hart, dass ihr zierlicher Körper aus dem Stuhl geworfen wurde und das Klebeband um eine ihrer Hände riss. Sie lag auf dem Boden, der Stuhl auf ihr, an den sie noch immer mit einem Arm gefesselt war, und rang hustend um Atem. Sie fühlte etwas in ihrem Mund und spie es aus. Ein weiterer Zahn landete auf dem Teppich Seite an Seite mit dem ersten – direkt neben ihrem Handy.

„Heb sie hoch, du Idiot“, bellte George von seinem Bildschirm.

Der Mann ging in die Hocke, um sie aufzuheben, doch er zögerte. Er griff an ihr vorbei und unter die Couch.

Nein!

Emily kam auf die Knie, schwang ihren freien Arm und schlug ihm das Telefon aus der Hand. Dann packte sie die Armlehne des Stuhls mit ihrer noch immer gefesselten Hand und blickte ihrem Angreifer in die Augen. Er brauchte nur eine Sekunde, um zu erkennen, was sie vorhatte.

„Nicht …“

Sie schwang den Stuhl mit all ihrer Kraft. Die Hartholzbeine krachten ihm ins Gesicht und gegen die schützend gehobenen Arme. Als er aufheulte und bevor der andere Kerl reagieren konnte, rammte sie ihm eines ihrer langen Beine in den Bauch. Mit einem Uff! fiel der maskierte Schläger rückwärts gegen ihr Bücherregal und jaulte auf. Sie versuchte, das Telefon mit ihrem Fuß zu zertrümmern, aber der Partner des verwundeten Maskenträgers richtete seine Waffe auf sie. Sie packte seinen Arm und nutzte ihr Gewicht und das Schwungmoment, um ihn mit ihr gemeinsam zu Boden zu reißen, wobei sie ihm ihr Knie in die Kehle hämmerte. Bevor sie irgendetwas anderes tun konnte, packte der erste Kerl sie von hinten und warf sie und den Stuhl durch die Luft und gegen dasselbe Bücherregal, gegen das er gerade noch geprallt war. Entsetzliche Schmerzen loderten in ihrer Seite auf, als sie wie ein Haufen Lumpen zu Boden sackte und der Stuhl in kleine Teile zersplitterte. Sie musste um jeden Atemzug kämpfen, der sie mit stechenden Schmerzen peinigte. Lew hatte ihr beigebracht, wie man sich selbst verteidigte, doch am Ende war sie einfach zu schwach.

Der Mann, der sie geworfen hatte, nahm das Telefon hoch, während sein Partner reglos dort lag, wo sie ihn gelassen hatte. Sie wollte aufspringen und wegrennen, aber die Schmerzen waren einfach zu stark. Sie konnte spüren, wie ihr Bewusstsein immer mehr eintrübte. Doch bei all dem war das Schlimmste, was sie verspürte, die Trauer.

Emily wäre bereits vor zwei Jahren beinahe schuld an Jonathans und Lews Untergang gewesen, aber sie hatte alles wiedergutgemacht, und am Ende hatte sie den beiden nicht nur geholfen, sie hatte auch eine glühende Liebesbeziehung mit Lew begonnen. Aber es war alles vergeblich gewesen. Sie war wieder genau dort, wo sie angefangen hatte, verantwortlich für den bevorstehenden Tod der beiden. Alles nur, weil sie ihr wichtig waren.

Sie bedauerte Natalie, die nun ganz alleine sein würde. Sie verstand, wieso Jonathan den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte, aber das bedeutete nicht, dass sie mit seinen Taten einverstanden war. Trotz ihres Versprechens an ihn hatte sie Natalie regelmäßig angerufen, hatte sie auf dem Laufenden gehalten über ihren Vater und Onkel Lew. Nicht, dass Emilys Gründe irgendeine Bedeutung hatten, wenn George Natalie in die Finger bekam.

„Ich hab sie, Sir!“, rief der Maskierte aus. „Die Telefonnummer seiner Tochter.“

„Bitte! Sie ist nur ein …“ Emilys Flehen wurde von einem Tritt in ihre Seite beendet.

„Bringt mir das Mädchen.“

„Was ist mit Burrows?“, fragte der Handlanger und warf einen Blick auf seinen Partner. „Ich glaube, sie hat Neill getötet.“

George zögerte nicht einmal. „Töte sie.“ Der Bildschirm wurde schwarz. George war fort, ebenso wie Emilys Hoffnung, Natalie zu retten.

Und das war’s. Es war vorbei. Für die Sünde, die sie vor Jahren begangen hatte, würde sie nun büßen.

Der Mann zog eine Pistole hervor und drehte sich zu Emily um.

Wenigstens bin ich die Erste, dachte sie. Zuzuschauen, wie alles wieder vernichtet wurde, war etwas, das sie nicht ertragen hätte.

Emily schloss die Augen und wappnete sich für den Schuss. Ein Krachen ertönte, und sie zuckte zusammen, bevor ihr klar wurde, dass es kein Schuss gewesen war. Sie öffnete die Augen und sah, dass ihr Vorderfenster zerborsten war und die Scherben in ihrer Wohnung verstreut waren; zwei Seile hingen auf ihren Fensterbrettern, zurückgelassen von den beiden neuen maskierten Männern, die vor ihr standen. Diese Männer sahen anders aus – professioneller. Sie trugen Körperpanzer, und jeder hielt eine automatische Waffe in der Hand, aus deren Visieren rote Laserstrahlen durch die Luft schnitten. Sie zielten sofort auf den anderen Maskierten und den am Boden, und jagten äußerst effizient einen abgehackten Kugelhagel in ihre Köpfe.

„Sauber!“, rief einer der Männer, nachdem er die ganze Wohnung überprüft hatte.

„Alles sauber, Sir“, sagte der andere, obwohl er kein Funkgerät im Ohr trug.

Ihre Vordertür öffnete sich, und ein gut angezogener Mann mit unglaublich glänzenden Schuhen kam zu der Stelle herüber, an der Emily hockte. Er ging neben ihr in die Knie.

„Hören Sie mich, Miss Denham? Geht es Ihnen gut?“, fragte der Mann. Er nutzte ihren echten Namen.

Bevor sie antworten konnte, packte die Dunkelheit sie und zerrte sie hinab in die Bewusstlosigkeit. Das Wissen, dass Jonathan und Lew – vor allem Lew – sicher waren, erlaubte ihr, loszulassen.

Ein letztes Mal stellte sie sich Lews Gesicht vor, bevor alles verschwand.

3

HOUSTON, TEXAS

12:02 Uhr Ortszeit

Der Hubschrauber schwebte von Osten her rein. Per Broden stand neben seinem Mietwagen, gekleidet in einen hellbraunen Trenchcoat aus Wollstoff und eine braune, perfekt geknotete Fliege. Er hielt seinen Aktenkoffer in einer schwarz behandschuhten Hand, die andere Hand hing, ohne Handschuh, an seiner Seite, während er wartete.

Seine Reise hatte vor sechsunddreißig Stunden begonnen, an einem Ort, an dem seine Kleidung mehr Sinn ergab. Stockholm, in Schweden, sein Zuhause, seit er ein Junge gewesen war, war beinahe achttausendzweihundert Kilometer von dem Punkt entfernt, an dem Per gerade stand. Auch mit vierundfünfzig nannte er den Ort noch immer sein Zuhause, auch wenn er schon mehrfach um die Welt gereist war.

Der Hubschrauber war nur noch fünfzehn Meter über dem Boden, als er seinen Bogen über dem struppigen Gras beendete, das so weit reichte, wie das Auge sah. Er bockte kurz, sank dann auf den Wüstenboden und blies Pers dünnes, blondes Haar aus dem perfekten Seitenscheitel über seine dünne Rundglasbrille. Staub folgte dem Wind und hagelte auf Per ein. Er blieb reglos stehen.

Als die Maschine schließlich zur Ruhe kam, griff Per mit seiner freien Hand nach oben und schob seine Haare wieder in Position zurück.

Ein Mann in Jeans, blau kariertem Hemd und schwarzem Cowboyhut stieg aus dem Helikopter. Er hielt den Hut mit der Hand fest und lief leicht vornübergebeugt auf Per zu, um den Rotorblättern nicht zu nahe zu kommen.

„Sind Sie Broden?“, fragte er mit deutlichem texanischem Akzent.

Per nahm eine Visitenkarte aus der Innentasche seiner Weste und reichte sie dem Mann: Per Broden, Internationale Ermittlungen.

Der Mann las die Karte, zuckte mit den Achseln und gab sie Per zurück, der sie wieder einsteckte.

„Ich bin Green. Hank Green“, sagte der Mann und wischte sich mit dem Unterarm Schweiß von der Stirn. „Jesus, in dem Aufzug muss Ihnen heißer sein als ’nem Kater mit vier Eiern. Ich arbeite für Mr. Harcourt. Er erwartet Sie oben im Haupthaus.“ Hank musterte Pers Aktenkoffer. „Was dagegen, wenn ich mal reinschaue?“

„Ja, habe ich“, antwortete Per, die ersten Worte, die seit gut zwei Tagen seinen Mund verließen.

Hank zuckte vor der Ablehnung unwillkürlich zurück. „Schau mal, amigo. Entweder lässt du mich in den Koffer gucken und dich abtasten, oder das Treffen ist zu Ende, bevor es angefangen hat.“

„Ich verstehe“, sagte Per.

„Gut. Wenn Sie nun bitte …“

„Guten Tag“, sagte Per, während er sich umdrehte und die Autotür öffnete.

„Whoa, Moment mal“, stieß Hank aus und packte Pers Arm. Per stieg einfach weiter ein, als würde ihn nichts aufhalten. Hank sah überrascht aus, dass Per nicht so schwach war, wie er schien. Es war ein Blick, an den Per gewöhnt war.

„Sagen Sie Mr. Harcourt, ich hoffe, dass er sein Rätsel lösen kann. Jetzt treten Sie bitte zurück“, bat Per.

„In Ordnung, in Ordnung“, sagte Hank. „Ich werde nicht reinschauen. Können Sie ihn wenigstens im Wagen lassen?“

„Ja, das wäre akzeptabel“, antwortete Per. Er legte den Aktenkoffer auf den Beifahrersitz und begleitete Hank.

„Soll ich überhaupt versuchen, Sie abzutasten?“, fragte Hank mit einem schiefen Grinsen.

„Es wäre nicht besonders klug“, entgegnete Per tonlos.

„Hm. Sie sind ein Kauz, oder?“

„Das wäre eine zutreffende Einschätzung, ja.“

Sie stiegen in den Hubschrauber, schnallten sich an und waren wenige Augenblicke später in der Luft. Per saß kerzengerade in seinem Sitz, weder schaute er aus dem Fenster, noch wich er dem Anblick aus. Es interessierte ihn schlicht nicht. Was ihn interessierte, war, weshalb sein neuer Auftraggeber nicht gekommen war, um Per persönlich zu treffen.

„Mr. Harcourt verlässt in letzter Zeit nur noch selten das Haus“, erklärte Hank, der Pers Frage offenbar vorausahnte. „Er nimmt diese Angriffe sehr persönlich. Aber das können Sie ihm auch nicht verübeln.“

Per nickte leicht und wartete auf weitere Informationen.

„Um ehrlich zu sein: Er denkt, dass jemand versucht, ihn umzubringen. Meint, die Nachrichten, die hinterlassen werden, sollen ihn rauslocken.“

Per hob eine Augenbraue und drehte sich zu Hank um. Deshalb war er also hier.

„Und was denken Sie, Mr. Green?“, fragte er.

„Ich?“, sagte Hank verblüfft. „Zur Hölle, fürs Denken werd ich nich’ bezahlt!“ Er klopfte Per auf die Schulter, während er ein lautes, abgehacktes Lachen ausstieß.

Per glaubte ihm.

Dreißig Minuten später erschien ein großes Ranchhaus am Horizont, umgeben von einer Scheune und Gattern, auf denen sich Pferde tummelten. Sie landeten im Vorgarten, während die Arbeiter versuchten, die verschreckten Tiere unter Kontrolle zu behalten. Per folgte Hank nach draußen und zur Vordertür.

Hank wollte gerade die Tür öffnen, hielt jedoch inne und wandte sich an Per, Sorge im Blick.

„Sie müssen ihm helfen, Broden. Es hat mich alle Kraft gekostet, ihn dazu zu bringen, sich mit irgendwem zu treffen. Er ist wirklich hinüber. Ich mag für ihn arbeiten, aber er ist der beste Freund, den ich je hatte, und es bringt mich um, dass ich nichts für ihn tun kann.“

Per wartete, dann wurde ihm bewusst, dass sie nicht durch die Tür treten würden, bevor er nicht verbal geantwortet hatte.

„Ich werde tun, was ich kann, Mr. Green“, sagte er. Es war die Wahrheit. Per war faktisch gar nicht in der Lage, weniger zu tun. Aber um ehrlich zu sein, die plötzlichen Phobien eines reichen Texaners hätten ihn nicht weniger kümmern können. Er war nur aus einem Grund hier, nur aus einem einzigen – dem Rätsel.

Als er noch ein Kind gewesen war, in Stockholm, war Pers Bruder Peter von einem Serienmörder entführt worden. Der Mörder hatte Pers Familie wochenlang mit Rätseln und unlösbaren Hinweisen gequält. Am Ende war sein Bruder ermordet worden. Zu jener Zeit hatte Per geglaubt, dass er Peter hätte retten können, wenn er bloß ein bisschen klüger gewesen wäre, ein bisschen besser darin, Rätsel zu lösen. Unbeirrt von den Versicherungen seiner Eltern, der Polizei und unzähligen Therapeuten, die er über die Jahre besucht hatte, gab er sich noch immer selbst die Schuld an Peters Tod.

Seit damals hatte er sein Leben damit zugebracht, Rätsel zu lösen; zunächst für die Polizei und nun als Ermittler auf dem freien Markt. Per würde nie wieder zulassen, dass er sich so fühlte. Er würde lieber sterben, als zu scheitern.

Jedes Mal, wenn Per einen Fall löste, kam es ihm vor, als würde er Abbitte leisten an seinen ermordeten Bruder. Ein Tropfen auf den heißen Stein, der niemals erkalten würde.

Per folgte Hank ins Haus und fühlte sich plötzlich, als wäre er nur wenige Kilometer von zu Hause entfernt. Unabhängig von dem Äußeren des großen Hauses war das Innere in klassisch europäischem Design gehalten, etwas, das man so gar nicht in einem texanischen Ranchhaus erwarten würde. Der Raum war gigantisch, wenigstens fünfzehn Meter hoch, mit einer Grundfläche, die eher an eine Aula als an ein Wohnzimmer erinnerte. Der Boden war mit cremefarbenem Marmor bedeckt, mit braunen, diamantförmigen Einlagen dort, wo die Platten aufeinandertrafen. Die Möbel waren grün und golden und scharlachrot. Treppen führten die Wände auf beiden Seiten des Raums nach oben, und jeder Gang dort oben war mit riesigen Wandgemälden geschmückt. An der gegenüberliegenden Seite befand sich ein Kamin mit weiteren Möbeln, die davor drapiert waren. In der Ecke stand ein Flügel, nur wenige Schritte vom Esstisch entfernt, der mit einer dunkelroten Tischdecke versehen war und von vierzehn Stühlen umrundet wurde. In der Mitte des Raums stand eine große Pflanze auf einem Springbrunnen, der ruhig dahinplätscherte.

Sie gingen zu dem Brunnen und Hank bat Per, zu warten. Er ging eine der Treppen hinauf und war beinahe eine halbe Stunde lang verschwunden, seine Abwesenheit wurde von herüberhallenden Schreien begleitet. Schließlich kehrte er zurück und bat Per, ihm nach oben zu folgen. Am Ende eines langen Korridors betraten sie ein Büro, das größer war als Pers ganzes Haus.

Das Büro war ebenso extravagant dekoriert wie der Rest des Hauses, aber ein nebeliger Schimmer schien das Funkeln zu verdecken. Auf dem Ledersofa an der Wand lagen zerknautschte Kissen und eine Decke, und es gab mehr als nur ein paar leere Bierflaschen auf dem Boden daneben. Anhand des Geruchs ging Per davon aus, dass Harcourt in letzter Zeit nicht rausgegangen war.

Am Ende des Raums, zusammengesunken hinter einem breiten Schreibtisch, auf dem sich Essensschalen und aufgeschlagene Bücher stapelten, saß James Harcourt in einen grün karierten Bademantel gekleidet. Per sah einen funkelnd silbernen .44er Magnum Revolver auf dem Tisch vor ihm liegen, zusammen mit einer beinahe leeren Flasche Jack Daniel’s und etlichen halb geleerten Tablettendosen.

Harcourt war ein großer Mann mit einem wilden, ungekämmten Bart. Selbst im Sitzen erkannte Per, dass er größer war als er selbst, aber da er selber gerade mal einen Meter fünfundsiebzig groß war, bedeutete das nicht viel.

„Mr. Broden, dies ist James Harcourt“, erklärte Hank, bevor er sich in den Hintergrund zurückzog. Per trat vor den Schreibtisch und wartete, dass sein Gastgeber zu sprechen begann. Oder wenigstens ein Zeichen von sich gab, dass er ihn wahrgenommen hatte. Fünf Minuten später erfüllte sich sein Wunsch.

„Jesus! Wo komm’n Sie denn her?“, lallte Harcourt, packte seine Pistole und stieß seinen übergroßen braunen Lederbürosessel nach hinten. Das Einzige, was Per dazu brachte, an seinem Fleck zu bleiben, war die Tatsache, dass Harcourt trotz seiner Theatralik die Waffe bislang auf nichts anderes gerichtet hatte als auf den Boden.

„Das ist der schwedische Detektiv“, erklärte Hank und schwebte wieder ins Geschehen. „Du hast ihn kommen lassen, Jim. Erinnerst du dich?“ Hank warf Per einen entschuldigenden Blick zu.

Mit so etwas hatte Per nicht gerechnet. Als die erste Kryonik-Anlage in die Luft gesprengt worden war und das erste Mal die rätselhaften Wörter „Tote Lichter“ auf den Asphalt davor gesprüht worden waren, hatte Per darüber im Internet gelesen. Er hatte Harcourt augenblicklich kontaktiert und angeboten, der Sache nachzugehen. Nach einigen weiteren Bombenanschlägen und noch weiteren E-Mails hatte Harcourt schließlich nachgegeben und Per zu einem Treffen eingeladen. Aber der Mann, mit dem Per online kommuniziert hatte, war umsichtig und wortgewandt gewesen. Nicht diese zügellose, kurz vorm Zusammenbruch stehende Gestalt vor ihm.

Harcourt sah Hank an und dann zurück zu Per. Ein langer Moment verstrich, während die Augen des großen Mannes darum kämpften, ihn klar zu sehen.

„Richtig. Richtig“, sagte Harcourt und schien erst jetzt zu bemerken, dass er eine Waffe in der Hand hielt. „Jesus, sorry … Broden war der Name, ja?“ Per nickte, während Harcourt die Waffe wieder auf den Tisch legte und weitere Pillen mit seinem Whisky hinunterspülte. „Setzen Sie sich, setzen Sie sich.“

Per dankte ihm. Harcourt schüttelte den Kopf und grunzte, offensichtlich versuchte er, seinen Kopf freizukriegen.

„Die Bilder, Jim. Zeig ihm die Bilder“, bat Hank, bevor er sich auf einem der Plätze an der Wand niederließ und seinen Hut auf den Schoß legte.

„Ah. Richtig, die Bilder.“

Harcourt nahm einen Stapel Fotos im Format 20 x 30 von seinem Schreibtisch. Er schaute sie durch, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Per widmete.

„Es hat vor einigen Wochen angefangen“, erklärte Harcourt und reichte Per eines der Bilder. Per nahm es entgegen. Es war ein Foto von etwas, das einmal ein Gebäude gewesen war, von dem nun die eine Hälfte fehlte, während die andere völlig verkohlt war. Auf dem verbleibenden Mauerwerk vor dem Gebäude standen die Wörter „Tote Lichter“. Es war aus einem anderen Winkel aufgenommen, doch dies war das Bild, das Per im Internet entdeckt hatte und das sein Interesse ganz zu Anfang auf das Geheimnis gelenkt hatte.

„Was sehe ich mir da an?“, fragte Per, gewillt, jedes Spiel mitzuspielen, das Harcourt sich wünschte. Bis zu einem gewissen Punkt.

„Wie viel wissen Sie über mich, Broden?“

„Nicht viel“, log Per. Wenn er nicht alles wüsste, was es über Harcourt zu wissen gab, wäre er niemals in das Flugzeug hierher gestiegen.

Harcourt hatte sein Geld auf die Art gemacht, wie die meisten Millionäre in Texas – mit Öl. Aber er hatte das Geschäft um das schwarze Gold schon vor Jahren hinter sich gelassen. Seitdem war er nur noch an einer einzigen Sache interessiert: an der Verlängerung des Lebens. In jederlei Hinsicht.

Für dieses Ziel hatte er die Crystasis Foundation erschaffen. Die Gerüchte in den Chatforen zum Thema Lebensverlängerung, die Per vor seiner Reise hierher besucht hatte, besagten, dass er in Wahrheit nur daran interessiert war, Wege zu finden, um sein eigenes Leben zu verlängern. Per war der Ansicht, dass es nur Sinn ergab, wenn ein cleverer Geschäftsmann nicht an sich selbst herumexperimentierte, sondern lieber einen Weg suchte, an anderen herumzuexperimentieren, bis er gefunden hatte, wonach er suchte. Und Per war der Ansicht, dass der Zustrom von Kapital derjenigen Leute, die bereit waren, Hunderttausende Dollar zu bezahlen, um selbst eine Chance auf erneutes Leben zu erhalten, auch nicht schadete. Doch die Einrichtungen, in denen Harcourt gefrorene Leichen aufbewahrte, in der Hoffnung, dass diese eines Tages aufgetaut und von dem Leiden geheilt werden konnten, das sie umgebracht hatte, war nur ein Teil seines Langlebigkeit-Imperiums.

„Sehen Sie sich um, Broden. Es scheint, als hätte ich alles, was ein Mann sich nur wünscht, oder?“

„Einige Männer.“

„Ich hatte Glück. Ich habe genug Geld für etliche Leben. Das Problem ist natürlich, dass ich eben nicht etliche Leben habe. Wie jeder andere auch, habe ich nur ein einziges. Das kann ich nicht ändern. Aber ich kann das eine Leben, das ich habe, besonders lang machen. Wirklich lang.“ Er nahm einen langen Zug aus der Flasche und wischte sich den Mund mit dem Unterarm ab.

Per sah ihn nur an.

„Das dort auf dem Bild war einmal eine meiner Lebensverlängerungseinrichtungen. Ich hatte mal sieben davon, auf der ganzen Welt. Hier, in Südafrika, Europa … hatte sogar eine in Russland. Die meisten sind nur reine Lager, aber ich habe auch ein Forschungslabor, oben in Toronto.“

„Sie hatten einmal sieben?“

Harcourt warf drei weitere Fotos vor Per auf den Schreibtisch. „In den letzten Wochen gab es Bombenanschläge auf drei meiner Einrichtungen. Keine Warnung, keine Erklärung. Nur diese gottverdammte Nachricht auf dem Boden vor der Asche.

Ich habe die Wachmannschaften in meinen restlichen Einrichtungen verstärkt, aber ich will nicht nur, dass es sicher ist. Wenn ein Coyote deine Herde anfällt, baust du keinen höheren Zaun; du erledigst den Köter.“

Per schaute sich die Fotos noch einen Augenblick an, dann legte er sie in einem ordentlichen Stapel wieder auf den Schreibtisch. Er lehnte sich zurück und zupfte sich ein paar Haare von seinem Anzug.

„Die einzigen Spuren, die wir haben, sind dieser Mann und dieses Bild einer Überwachungskamera.“ Harcourt reichte Per die beiden letzten Fotos.

Per sah sich das erste davon an. Es zeigte einen dünnen, bärtigen Mann in einem Laborkittel. Das Wort „Crystasis“ war über einer Brusttasche eingestickt. Darunter erkannte er ein Namensschild: „Dr. Reese.“ Er legte das Bild zu den anderen.

„Bis vor sechs Monaten hat Dr. Chris Reese in meinem Labor in Toronto an Spezialprojekten gearbeitet“, erklärte Harcourt.

„Was geschah vor sechs Monaten?“

„Er hat sich einfach in Luft aufgelöst. Puff. Er hat nicht gekündigt oder, soweit meine Nachforschungen ergaben, eine Stelle irgendwo anders angenommen. Er hat sein Konto geleert und sein Haus verlassen. Seitdem wurden keine Hypothekenraten oder andere Rechnungen mehr bezahlt. Ein paar Monate später begannen die Angriffe.“

Per widmete seine Aufmerksamkeit dem letzten Bild. Es war dunkel, die einzige Lichtquelle waren die Flammen des brennenden Gebäudes im Hintergrund. Er kniff die Augen zusammen und konnte gerade so eine Gestalt auf einem Motorrad erkennen. Die Form des hautengen Leders und die Haare, die hinten aus dem Helm herausragten, verrieten ihm, dass die Fahrerin weiblich war und vermutlich jung.

„Das wurde von der Sicherheitskamera einer Lagerhalle etwas weiter die Straße hoch aufgenommen, nahe der ersten Einrichtung, die angegriffen wurde, und nur Minuten nachdem der Alarm bei der Feuerwehr einging. Wir haben das Bild vergrößert, so gut es ging, ohne die Details zu verlieren. Ich fürchte, das ist das Beste, was wir tun konnten.“

Per legte das Bild auf den Stapel, sah auf und Harcourt an. Er musterte den Mann einige lange Augenblicke. Harcourt schien sich unwohl unter Pers Blicken zu fühlen. Wären kein Alkohol und keine Pillen beteiligt, hätte Per dieses Unwohlsein noch tiefer ergründet.

„Wieso ich?“, fragte Per schließlich.

„Ich habe gehört, was Sie letztes Jahr in Spanien getan haben“, antwortete Harcourt und warf einen Blick auf Pers mit einem Handschuh bedeckte Hand. „Sie sind auf jeden Fall der richtige Mann für den Job.“

Per wusste, wieso der Mann in seiner Vergangenheit herumgeschnüffelt hatte, aber es gefiel ihm nicht. Dort gab es zu viel zu finden.

„Wie ich in unserer Korrespondenz bereits mitgeteilt habe, beträgt mein Gehalt hunderttausend Dollar plus Spesen. Eingezahlt auf dieses Konto.“ Per hielt eine Visitenkarte hoch, auf der seine Kontodaten standen. Harcourt betrachtete sie nur. Hank stand auf und nahm sie entgegen, bevor er sich wieder aufs Sofa setzte.

„Ich brauche vollen Zugang“, erklärte Per.

„Den kriegen Sie“, sagte Harcourt. Er griff in eine Schublade und holte eine Codekarte hervor. Er warf sie Per zu. „Damit kommen Sie in jede meiner Einrichtungen. Und das hier sollte Ihre Kosten decken.“ Harcourt warf eine weitere Karte auf den Schreibtisch. Diesmal eine Kreditkarte. Sie war schwarz. „Kein Limit. Und Sie können Sie an jedem Geldautomaten für so viel Bargeld verwenden, wie Sie brauchen. Das Passwort lautet L-I-F-E. Also 5433.“ Harcourt nahm einen weiteren Schluck.

„Sie sind sehr vertrauensselig, Mr. Harcourt“, sagte Per. Die unterschwellige Frage war deutlich: Woher wissen Sie, dass ich Sie nicht einfach komplett ausnehme?

„Wie ich Ihnen sagte, Broden, die eine Sache, die ich habe, ist Geld. Und mein Gespür für Pferde. Sie spielen mit sehr verdeckten Karten, aber ich erkenne jemanden, wenn ich ihm trauen kann.“

Per sah ihn einfach nur an und fragte sich, was der Trinker wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass Per keinerlei Absicht hatte, irgendjemanden für ihn umzubringen – außer, er kam ihm in die Quere, natürlich. Per würde das Tote-Lichter-Mysterium lösen – was es bedeutete und was der Bombenleger zu erreichen versuchte –, und dann würde er sich an sein nächstes Rätsel wagen. Die Antworten waren alles, was Per etwas bedeutete. Alles, was ihm je etwas bedeuten würde. Er würde sein Leben für diese Antworten geben – seines und jedes andere.

Per stand auf, steckte die Karten ein und nahm die Fotos an sich.

„Ich werde Ihr Rätsel lösen, Mr. Harcourt“, sagte er.

„Sie verstehen mich falsch, Broden. Mir ist völlig egal, was das bedeutet. Ich will, dass Sie den Coyoten finden und ihn abknallen.“

Das hatte Per erwartet.

„Natürlich. Es könnte … Kollateralschäden geben“, sagte Per. Das Letzte, was er wollte, war, dass sein neuer Auftraggeber ihn an die Behörden verriet, weil ihm seine Methoden nicht gefielen.

„Tun Sie, was Sie tun müssen, Broden. Die Kosten sind mir egal.

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