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Wer will schon einen Vampir

 

Für David F. Jackson
Danke für all deine Hilfe, vor allem, da du ja „keine Liebesromane liest“.

 

Prolog

„Du fliegst mit einem der Firmenjets. Wenn wir am Flughafen eintreffen, wird die Maschine schon bereitstehen und auf dich warten.“

Thomas Argeneau nickte zwar, doch er war mehr mit den Kleidungsstücken beschäftigt, die er von den Bügeln in seinem begehbaren Kleiderschrank zerrte und in einen Rucksack steckte.

Etienne warf ihm einen flüchtigen Blick zu und platzte dann heraus: „Warum hat Mutter nicht angerufen?“

Da Thomas darauf keine Antwort wusste, verzog er nur das Gesicht und zuckte die Achseln.

Ihm machte es sehr zu schaffen, dass Marguerite Argeneau nach siebenhundert Jahren als Haushaltsvorstand auf einmal beschlossen hatte, einen Beruf auszuüben. Aber sie gab sich nicht damit zufrieden, irgendwo als Sekretärin zu arbeiten oder sich eine vergleichbar alltägliche Arbeit zu suchen. Nein, sie hatte sich dafür entschieden, in die Fußstapfen von Miss Marple und Co. zu treten und als Schnüfflerin zu agieren. Die Frau, die ihr Leben lang kaum einmal das Haus verlassen hatte, wurde auf einmal als Privatdetektivin tätig und flog nach Europa, um dort nach der Mutter eines fünfhundert Jahre alten Vampirs zu suchen.

Thomas konnte durchaus ihren Wunsch nachvollziehen, sich die Zeit mit einer Aufgabe zu vertreiben, dennoch wäre es ihm lieber gewesen, sie hätte sich etwas weniger Exotisches ausgesucht – insbesondere etwas, das sie vom heimischen Kanada aus hätte erledigen können, anstatt durch die Welt zu reisen.

„In den ersten drei Wochen hat sie jeden Abend angerufen, manchmal waren es sogar zwei Anrufe an einem Tag, und plötzlich meldet sie sich überhaupt nicht mehr. Irgendetwas muss ihr zugestoßen sein“, murmelte Etienne.

Mit einem Blick über die Schulter erkannte Thomas, dass sein blonder und üblicherweise sanftmütiger Cousin in diesem Moment alles andere als sanftmütig war. Etienne ging in dem recht beengten Raum auf und ab; Sorgenfalten durchzogen sein Gesicht. Sorge war die Gefühlslage, unter der gegenwärtig die ganze Familie litt. Seit drei Tagen hatte niemand mehr ein Wort von Marguerite Argeneau gehört, was normalerweise sicher kein Problem wäre. Ihre einzige Tochter Lissianna aber hatte sich im letzten Monat ihrer ersten Schwangerschaft befunden, als Marguerite in Richtung Europa aufgebrochen war, und aus dem Grund hatte sie sich regelmäßig nach ihrem Befinden erkundigt. Jeder wusste, sie würde auf der Stelle alles stehen und liegen lassen und sich auf den Heimweg machen, sobald bei Lissianna die ersten Wehen einsetzten, und eben deshalb war das plötzliche Schweigen so beunruhigend.

„Thomas.“ Etienne blieb stehen und fasste nach seinem Arm. „Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du hinfliegst, um nach ihr zu sehen … wir alle wissen das zu schätzen.“

„Ich bin auch um sie besorgt“, meinte Thomas mit einem knappen Schulterzucken und packte weiter, obwohl er wusste, er hatte soeben die Untertreibung seines Lebens ausgesprochen. Biologisch betrachtet war Marguerite Argeneau zwar nur seine Tante, aber er war von ihr großgezogen worden, und für Thomas hatte es niemanden sonst gegeben, der einer leiblichen Mutter näherkam als sie. Daher liebte er sie mindestens so sehr, wie auch ihre Tochter und die Söhne sie liebten.

„Ich wünschte, ich könnte dich begleiten“, fügte Etienne betrübt hinzu und ging wieder nervös auf und ab. „Wenn ich nicht diesen Termin hätte …“

Thomas reagierte nicht darauf. Er wusste nur zu gut, Etienne wollte, so wie jeder andere aus seiner Familie, nach dem Rechten sehen, um dem beharrlichen Schweigen der Frau auf den Grund zu gehen, doch sie konnten einfach nicht so kurzfristig losziehen und ihre Pflichten vernachlässigen. Allerdings war ihm auch bekannt, dass sie längst alle notwendigen Vorbereitungen trafen, um ihm so bald wie möglich folgen zu können. Thomas hoffte inständig, dass es gar nicht erst so weit kommen musste. Er wollte nichts lieber, als sie lebend und wohlbehalten antreffen, um sich dann von ihr eine lächerlich simple Erklärung anzuhören, weshalb sie nicht angerufen hatte.

Das plötzliche Klingeln eines Telefons ließ beide Männer innehalten. Dann beobachtete Thomas, wie Etienne ein Handy aus der Tasche zog. Nachdem er sich gemeldet hatte, schwieg er eine Weile und lauschte aufmerksam, und nach einem knappen „Okay“ steckte er das Gerät wieder weg.

„Das war Bastien“, ließ Etienne ihn wissen. „Es ist ihm gelungen, für dich ein Zimmer im Dorchester Hotel in London zu buchen. Mutter hat sich dort unmittelbar vor ihrer abrupten Funkstille aufgehalten.“

„London?“, wiederholte Thomas verwundert. „Ich dachte, Tante Marguerite und Tiny wären in Italien. Dieser Fall, an dem sie arbeiten, betrifft doch einen Typ aus Italien. Nocci heißt er oder so ähnlich.“

„Notte“, berichtigte Etienne ihn. „Und er ist tatsächlich Italiener. Jedenfalls väterlicherseits, aber offenbar ist er in England geboren, und darum haben Marguerite und Tiny mit ihrer Suche dort begonnen.“ Als Thomas ihn zweifelnd ansah, fügte er noch hinzu: „Bastien hat für Mom und Tiny das Flugzeug besorgt, und er sagt, sie seien auch nach England aufgebrochen.“

„Dann ist sie also in England und nicht in Italien“, murmelte Thomas und holte die weiße Leinenhose heraus, die er in seinen Rucksack gesteckt hatte, ersetzte sie durch eine Jeans und packte auch gleich noch ein paar langärmelige Hemden zu den T-Shirts. Es war Herbstanfang, und in England würde es abends kühler sein.

Nachdem er so viel in den Rucksack gestopft hatte, wie der nur fassen konnte, schob er sich mit dem Gepäckstück an seinem Cousin vorbei und verließ den begehbaren Kleiderschrank.

„Hat Bastien etwas von Jackie gehört? Hat sich Tiny bei ihr gemeldet?“, hakte Thomas nach, während er zur Kommode eilte, um Socken und Unterwäsche aus der Schublade zu nehmen. Jackie Morrisey war die Chefin der Morrisey Detective Agency und in dieser Funktion der Boss von Tiny und Marguerite, und sie war auch die Lebensgefährtin seines Cousins Vincent.

Etienne folgte ihm. „Er kann Jackie nach wie vor nicht erreichen. Sie und Vincent sind wie vom Erdboden verschluckt. Vermutlich stecken sie in irgendeiner abgelegenen Hütte. Ich weiß noch, wie Rachel und ich wochenlang nicht das Haus verlassen haben, nachdem wir endlich zusammengekommen waren.“

Thomas nickte verstehend und quetschte die Socken in den Rucksack. Er hatte miterlebt, wie ein Cousin nach dem anderen seine Lebensgefährtin gefunden hatte, und jeder von ihnen war unmittelbar danach wochenlang nicht wieder aufgetaucht … ausgenommen Bastien. Als Chef von Argeneau Enterprises war er der Ansicht gewesen, dass er das Familienunternehmen nicht so lange Zeit im Stich lassen durfte, obwohl er das durchaus hätte machen können. Immerhin arbeitete er seit der Rückkehr seiner Lebensgefährtin Terri gerade einmal halb so effizient wie zuvor. Während sich die anderen für gut einen Monat nicht mehr blicken ließen, anschließend aber wenigstens in der Lage waren, eine Unterhaltung zu Ende zu führen, ohne sich zwischendurch für eine Weile mit ihrer Gefährtin verziehen zu müssen, bewirkte Bastiens gut gemeinte Absicht in Wahrheit das Gegenteil: Indem er seinen Gefühlen keinen freien Lauf ließ und nicht das tat, wonach sein Körper verlangte, zog sich die Phase schier unendlich lange hin, in der er sich durch alles und jeden in seiner Konzentration stören ließ.

Der Rucksack war längst so voll, dass nichts weiter darin Platz finden konnte, also zog Thomas den Reißverschluss zu. Er musste sich sogar eingestehen, dass er zu viel hineingestopft hatte, woraufhin er die Unterwäsche wieder herausnahm und entschied, in England welche zu kaufen.

„Greg hat versucht, Mutter im Dorchester anzurufen, als bei Lissianna die Wehen einsetzten, aber sie konnten ihm nur sagen, dass sie ausgecheckt hatte“, bemerkte Etienne betrübt.

Wieder nickte Thomas, diesmal gelang es ihm, den Reißverschluss zuzuziehen. Lissiannas Lebensgefährte hatte das bereits der Familie erzählt, als die sich scharenweise bei ihm einfand, um ihm Gesellschaft zu leisten, während seine Frau ein wunderschönes Mädchen zur Welt brachte. Ihre Art konnte nicht einfach zur Geburt ein Krankenhaus aufsuchen, weil die Gefahr bestand, dass ihre Andersartigkeit dann auffiel. Die meisten unsterblichen Frauen brachten ihren Nachwuchs daheim auf die Welt, unterstützt lediglich von einer gleichfalls unsterblichen Hebamme, doch Lissianna hatte stattdessen Etiennes Ehefrau Rachel gefragt, ob sie ihr bei der Geburt zur Seite stehen würde. Auch wenn die im örtlichen Leichenschauhaus ihrer Tätigkeit nachging, war sie doch eine ausgebildete Ärztin und leistete ganze Arbeit dabei, die jüngste Argeneau-Generation zu entbinden.

„Einfach so zu verschwinden, ist ganz und gar nicht ihre Art“, seufzte Thomas.

„Richtig“, pflichtete Etienne ihm bei. „Zumal sie wusste, wie dicht Lissianna vor der Geburt stand. Ich hatte ihr noch versprechen müssen, sie sofort anzurufen, sobald es ein erstes Anzeichen dafür gibt, dass das Baby unterwegs sein könnte.“

„Das Versprechen wollte sie von mir auch hören“, gab Thomas zurück. „Vermutlich hat sie sich das von jedem von uns zusichern lassen.“

Sie verfielen beide in Schweigen, da sie zum wiederholten Mal darüber grübelten, was Marguerite Argeneau davon abhalten mochte, sich nach ihrer Tochter zu erkundigen. Die Antwort war denkbar einfach: Entweder sie war tot, oder sie war körperlich nicht in der Lage, zum Hörer zu greifen und anzurufen – andere Möglichkeiten als diese gab es nicht.

Er verdrängte diese Überlegung und wuchtete sich den Rucksack auf den Rücken, griff nach dem Ringbuch auf dem Nachttisch und ging zur Tür.

„Komponierst du etwas?“, wollte Etienne neugierig wissen, als er ihm aus dem Zimmer folgte.

Die Frage veranlasste Thomas unwillkürlich dazu, das Ringbuch fester zu halten. Er war in einem von Musik erfüllten Haus aufgewachsen. Tante Marguerite liebte Musik in allen Formen und Variationen, und diese Liebe hatte sie auch bei ihm zu wecken vermocht. Er verband wunderschöne Erinnerungen damit, wie er als kleiner Junge zu den lieblichen Klängen der verschiedenen Klavierkonzerte eingeschlafen war, die sie ihm vorgespielt hatte. Als er schließlich sein Interesse an Musik bekundete, hatte sie ihm beigebracht, Klavier und Gitarre zu spielen, und in der Folgezeit erlernte er den Umgang mit einer Vielzahl von anderen Instrumenten.

Mit vierzehn begann Thomas dann seine ersten ungelenken Versuche, selbst etwas zu komponieren, doch leider war Jean Claude kein Freund von Musik und machte sich über diese Bemühungen nur lustig. Schon bald beschloss Thomas, seiner Leidenschaft nur im Geheimen nachzugehen, um sich so vor dem Spott des alten Mistkerls zu schützen. Da er fürchtete, seine Cousins könnten der Musik genauso ablehnend gegenüberstehen, hielt er es auch vor ihnen geheim. Tante Marguerite, Lissianna und Jeanne Louise hatten es dagegen immer gewusst und ihn auch gelobt, als die von ihm geschriebene Musik zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts verlegt wurde und sich großer Beliebtheit erfreute. Zu ihrer Bestürzung hatte er stets darauf beharrt, seine Kompositionen ausschließlich anonym zu veröffentlichen und den anderen zu verschweigen, was er in Wahrheit leistete. Bislang war er immer davon ausgegangen, dass die drei seinen Wunsch respektiert hatten, doch nun …

„Wer hat es dir gesagt? Lissianna oder Jeanne Louise?“, fragte er mürrisch. Sie hatten ihm beide geschworen, kein Wort über seine heimliche Karriere verlauten zu lassen, und es gefiel ihm nicht, zu erfahren, dass sie ihr Versprechen gebrochen hatten.

„Weder noch“, antwortete Etienne. „Mutter war es.“

Überrascht blieb er stehen und sah sich um.

„Du hast doch nicht etwa geglaubt, du könntest vor ihr etwas geheim halten, oder?“, fragte Etienne amüsiert und fügte dann ironisch hinzu: „Sie liest unsere Gedanken und weiß alles über jeden von uns.“

Thomas verzog den Mund. „Ich wusste, dass sie es wusste. Was denkst du denn, von wem ich gelernt habe, Noten zu lesen und zu schreiben? Mich wundert nur, wieso sie es dir gesagt hat. Bastien und Lucern wissen doch nichts davon, oder?“

Etienne schüttelte den Kopf. „Dein Ruf als nutzloser Faulenzer ist vor den beiden sicher, Cousin. Soweit mir bekannt ist, hat sie ihnen keinen Ton verraten. Schließlich musste ich ihr ja auch versprechen, mit keinem der beiden darüber zu reden. Sie meinte, du würdest es ihnen schon sagen, wenn du dazu bereit bist.“

„Hmm“, gab Thomas nachdenklich von sich. Diese Erklärung beruhigte ihn, dennoch fragte er: „Dann verstehe ich nicht, warum sie es dir gesagt hat.“

„Das war eigentlich nur ein dummer Zufall. Sie hat mitbekommen, wie ich ‚Highland Mary‘ gesummt habe, damals, als das Stück gerade aktuell war, und sie hat gesagt, das sei eine von deinen Kompositionen, die ihr am besten gefalle. Natürlich hatte ich keine Ahnung, was sie damit meinte, und ich ließ es mir erklären. Anschließend verdonnerte sie mich zu Stillschweigen.“

„Und jetzt brichst du dieses Schweigen?“, fragte Thomas amüsiert. „Wieso?“

„Mir war nicht klar gewesen, wie lange ich den Mund würde halten müssen. Das ist fast zweihundert Jahre her, Cousin, und du lässt keine Anzeichen dafür erkennen, dass du dich in nächster Zeit zu deinen Aktivitäten als Komponist bekennen wirst.“ Nach einem Schulterzucken fügte er dann eine neugierige Frage hinzu: „Warum verschweigst du das?“

Thomas ging weiter durch den Flur und murmelte: „Ein paar Leute wissen sehr wohl darüber Bescheid. Aber Bastien und Lucern würden es als ein ‚nettes kleines Hobby‘ abtun und mich auffordern, solche kindischen Sachen zu unterlassen und stattdessen lieber im Familienbetrieb mitzuarbeiten.“

„Das klingt nach einer Bemerkung, die von Vater hätte stammen können“, gab Etienne zurück.

Es war tatsächlich eine Bemerkung, die von Jean Claude Argeneau stammte, und sie hatte ihn so verletzt, dass er nicht daran interessiert war, sie sich von Bastien und Lucern noch einmal anhören zu müssen.

„Da seid ihr ja.“ Rachel lächelte die beiden an, als sie zu ihr ins große Wohnzimmer des Apartments kamen. „Thomas, ist das deine Mutter?“

Sein Blick wanderte zu dem Porträt über dem Kamin, und er nickte bedächtig. Althea Argeneau war eine wunderschöne Frau gewesen, doch er besaß keinerlei Erinnerung an sie. An dem Tag, an dem er aus Marguerites Haus ausgezogen war, hatte sie ihm das Gemälde übergeben, das die einzige Verbindung zu der Frau darstellte, die ihn zur Welt gebracht hatte. Langsam glitt sein Blick über das Bild an der gegenüberliegenden Wand, das seine Tante Marguerite zeigte. Inständig hoffte er, es möge inzwischen nicht auch die letzte Verbindung zu jener Frau darstellen, von der er großgezogen worden war. Er musste sie lebend und wohlauf wiederfinden.

„Und … ist es bald so weit, dass sie ihr nächstes Kind bekommen kann?“, fragte Rachel belustigt und lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf das Porträt seiner seit Langem toten Mutter.

Er musterte das Gemälde, dann schaute er Rachel verständnislos an, woraufhin sich Etienne zu Wort meldete: „Du bist Rachel das erste Mal im Night Club begegnet. Sie dachte, du wärst jünger als Jeanne Louise. Du hast zu ihr gesagt, sie würde sich irren, und dann hast du hinzugefügt, dass deine Mom gern mehr Kinder hätte, aber wegen der Hundert-Jahre-Vorschrift noch so etwa zehn Jahre warten müsse.“

„Ach ja.“ Thomas lächelte ironisch, als er sich an das Gespräch erinnerte. Es war eine beiläufige Bemerkung gewesen, die für einen Fremden bestimmt war, den die wahren Verhältnisse nichts angingen. Zu der Zeit hatte er ihr nichts von den Tragödien in seiner Familie erzählen wollen; dass es keine „Mom“ in seinem Leben gab und dass Jeanne Louise nur seine Halbschwester aus der dritten Ehe seines Vaters war.

Es schien, dass ein Fluch auf Thomas’ Vater lag, sobald es um Ehefrauen ging. Sie starben ihm eine nach der anderen weg, was umso schwerer wog, da sie alle Unsterbliche gewesen waren. Als Folge davon hatte er sich über die Jahrhunderte hinweg zu einem verbitterten, wütenden Mann entwickelt, der keinen Kontakt mit seinem Sohn und seiner Tochter wollte. Dieser Punkt machte Thomas zu schaffen, und er zog es vor, das Thema zu meiden, weshalb er zu jener Zeit auch nur diese Bemerkung von sich gegeben hatte, anstatt zu erklären, dass Jeanne Louise lediglich seine Halbschwester war und dass sie außer Marguerite Argeneau niemanden hatten, den sie als Mutter hätten bezeichnen können.

Jetzt sah es allerdings so aus, als müsste er doch noch eine Richtigstellung nachliefern. „Ich …“

„Schon gut. Nach unserer Hochzeit hat mir Etienne die ganze Geschichte erzählt“, unterbrach Rachel ihn leise und ging zu ihm, um besänftigend über seine Hand zu streichen. „Ich wollte dich nur ein bisschen auf den Arm nehmen. Tut mir leid, wenn ich unangenehme Erinnerungen geweckt habe.“

Thomas reagierte mit einem Schulterzucken, als sei das alles keine große Sache, und wandte sich zur Tür. „Wir sollten allmählich aufbrechen. Je eher du mich am Flughafen absetzt, umso eher komme ich in London an, kann Tante Marguerite aufspüren und euch wissen lassen, dass ihr euch keine Sorgen machen müsst.“

 

1

„Näher kann ich nicht ranfahren, Schätzchen“, entschuldigte sich der Taxifahrer. „Das macht dann vierzehn Pfund.“

Inez Urso stutzte, als ihr klar wurde, dass sie mindestens drei Türen von dem Flugsteig entfernt war, zu dem sie eigentlich wollte. Dummerweise stauten sich vor dem Taxi die Wagen, die darauf warteten, jemanden abzuholen, sodass der Fahrer sie tatsächlich nicht näher an ihrem Ziel absetzen konnte. Sie würde den Rest des Wegs laufen müssen. Inez drückte ihm das Geld in die Hand und riss sich zusammen, damit sie nicht angesichts des hohen Preises das Gesicht verzog.

Du musst es ja nicht bezahlen, hielt sie sich vor Augen. Es geht auf Geschäftskosten. Das war auch der einzige Grund, wieso sie hergekommen war. Einzig eine ausdrückliche Aufforderung aus dem Mund von Bastien Argeneau konnte sie dazu veranlassen, sich mitten im wohl heißesten September aller Zeiten fünfundvierzig Minuten lang in einem stickigen Taxi durch den Londoner Verkehr zu quälen. Wäre sie etwas früher vorgewarnt worden, hätte sie sich mit einem der Firmenwagen zum Flughafen fahren lassen, um Thomas Argeneau abzuholen. Und sie hätte sich gestern Abend eher schlafen gelegt. Aber eine solche Vorwarnung war ihr nicht vergönnt gewesen. Bastien Argeneau, der Chef von Argeneau Enterprises und damit ihr Vorgesetzter, hatte erst um fünf Uhr an diesem Morgen angerufen und sie aus dem tiefsten Schlaf gerissen, um sie zu bitten, seinen Cousin vom Flughafen abzuholen. Schlimmer noch, sein Anruf war erst eine Dreiviertelstunde vor der geplanten Landung der Maschine erfolgt.

Da sie wusste, sie würde mindestens so lange benötigen, um von ihrer Wohnung aus den Flughafen zu erreichen, hatte Inez sich gar nicht erst die Zeit genommen, zu duschen oder eine Tasse Tee aufzusetzen, sondern sich sofort angezogen und dabei per Telefon ein Taxi bestellt. Mit der Handtasche unter dem Arm war sie nach unten geeilt, und noch während sie die letzten Knöpfe an ihrer Bluse geschlossen hatte, war das Taxi vor dem Haus vorgefahren.

Inez konnte sich also nicht von ihrer besten Seite präsentieren. Sie war nicht geschminkt und nicht frisiert, ungeduscht, und sie trug die Kleidung vom Vortag, sodass sie wohl kaum jemanden hätte beeindrucken können. Zum Glück hatte sie bei Thomas Argeneau nicht das Gefühl, dass er jemand war, dem sie imponieren musste. Sie waren sich bislang nur einmal begegnet. Nach ihrer Beförderung zur Vizepräsidentin des britischen Unternehmenszweigs war sie nach New York gereist, um die Chefetage von Argeneau Enterprises zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit hatte sie Thomas kurz gesehen, aber sie waren sich nicht vorgestellt worden. Sie und einige andere leitende Angestellte hatten sich gerade in Bastiens Büro aufgehalten, als Thomas unangekündigt und ohne anzuklopfen hereingekommen war. Was er genau gewollt hatte, war ihr nicht ganz klar gewesen, sie konnte sich anschließend nur daran erinnern, dass er jeden zweiten Satz mit einem „yo, Alter“ anzufangen schien.

Sie hatte genug amerikanische Filme gesehen, um zu wissen, dass er sich wie das Stereotyp eines kalifornischen Surfers aus den Neunzigern anhörte. Ob überhaupt noch irgendjemand so redete, bezweifelte sie grundsätzlich, doch das war auch nicht weiter wichtig. Schließlich kam er nicht aus Kalifornien, und soweit sie wusste, war Surfen im südlichen Ontario kein weitverbreiteter Sport. Ihrer Ansicht nach war das nur die Masche eines faulen Jugendlichen, der glaubte, mit seinem Surferslang irgendwen beeindrucken zu können.

Wie sich bei dem Treffen herausstellte, hatte Bastien ihn nur zu sich gerufen, damit er etwas zu einem seiner Brüder brachte, womit sich ihre Einschätzung bestätigt hatte, dass Thomas nichts weiter als ein Laufbursche war. Obwohl ein Argeneau, schien er nicht daran interessiert zu sein, einen Abschluss zu machen und einen verantwortungsvollen Posten in der Firma zu übernehmen, sondern begnügte sich damit, als Botenjunge zu arbeiten und wie ein bekiffter Trottel zu reden.

Was – wie Inez nun klar wurde – bedeutete, dass man sie um fünf Uhr morgens aus dem Bett geholt hatte, damit sie einen völlig unwichtigen Kerl am Flughafen abholte, der vermutlich aus einem ebenso belanglosen Grund ins Land kam. In ihrer Vorstellung war er schon jetzt nichts weiter als eine äußerst lästige Nervensäge.

Zu schade, dass ausgerechnet Bastien ihr diesen Auftrag erteilt hatte, war er doch jemand, den sie sehr wohl beeindrucken wollte. Sie nahm die Quittung an sich, verließ das Taxi und folgte den Ankunft-Schildern.

Während die Glastüren zur Seite glitten und sie sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnte, sah sie auf ihre Armbanduhr. Laut Bastien sollte die Maschine vor fünf Minuten gelandet sein, und für einen Moment kam bei Inez Panik auf, doch dann hielt sie sich vor Augen, dass Thomas noch gar nicht den Zoll hinter sich gebracht haben konnte.

Sie blieb kurz stehen, um sich zu orientieren, dann eilte sie an der ausgedehnten Fensterfront entlang in Richtung des Flugsteigs, an dem er Bastien zufolge eintreffen sollte. Sie war vielleicht noch fünf Meter entfernt, als die Türen aufglitten und der Mann herauskam, mit dem sie sich treffen sollte. Während sie sich zu einem Lächeln durchrang, beschleunigte sie ihr Tempo und rief ein wenig atemlos seinen Namen, gleichzeitig winkte sie ihm zu.

Ihre Stimme war so schwach, dass sie nicht geglaubt hätte, Thomas würde sie hören können, doch er drehte sich prompt in ihre Richtung um. Er schien sogar ihr Winken zu bemerken, trotzdem ging er einfach weiter und verließ das Gebäude durch die Schiebetüren gleich vor dem Flugsteig.

Sein überhebliches Verhalten ließ sie sekundenlang wie erstarrt dastehen, dann lief sie fluchend hinter ihm her, da sie bemerkte, dass er zielstrebig auf die wartenden Taxis zusteuerte. Sie schob und drängte sich durch die Menge, entschuldigte sich am laufenden Band und erreichte den Fußweg vor dem Flughafen in dem Moment, als Thomas in ein Taxi einstieg, das sofort abfuhr.

Inez starrte dem schwarzen Wagen nach, während ihre Fassungslosigkeit einer wachsenden Wut wich. Man hatte sie mitten in der Nacht aus dem Bett geholt, sie war Hals über Kopf zum Flughafen gefahren, und dann marschierte dieser dämliche Ignorant an ihr vorbei, stieg in ein Taxi und fuhr davon.

„Taxi gefällig, Schätzchen?“

Die Frage ließ sie aufhorchen, und gleich darauf konnte sie nur noch leise stöhnen, da derselbe lächelnde Taxifahrer auf sie wartete, der sie eben erst hergebracht hatte. Der Mann hatte ohne Ende alle möglichen Belanglosigkeiten von sich gegeben, als er sie aus der Innenstadt zum Flughafen brachte, und zweifellos würde sie sich noch mehr von der Sorte anhören dürfen, wenn sie sich von ihm nun zum Dorchester Hotel fahren ließ, wo Thomas untergebracht war.

„Eine Tasse Tee wäre mir lieber“, murmelte sie, seufzte und nickte dem Mann zu, der ihr die Tür aufhielt. Den dunkelhaarigen Mann mit dem schmalen Gesicht, der sich ebenfalls dem Wagen näherte, bemerkte sie erst, als sie beide fast auf gleicher Höhe waren. Sie zögerte verdutzt, der Mann dagegen ging zielstrebig weiter. Bevor er aber einsteigen konnte, machte der Fahrer einen Schritt zur Seite und versperrte ihm den Weg.

„Die Lady bekommt mein Taxi“, erklärte er nachdrücklich. „Ich habe sie hergefahren, und sie fährt mit mir auch wieder zurück.“

Der Mann würdigte sie keines Blickes, sondern war auf den Fahrer konzentriert. Was er zu ihm sagte, konnte sie nicht hören, aber vermutlich bot er an, mehr als den üblichen Tarif zu bezahlen, denn plötzlich machte der Fahrer ihm Platz, ließ ihn einsteigen, setzte sich ans Steuer und fuhr ab.

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten konnte Inez nichts anderes tun, als einem davonfahrenden Taxi nachzusehen.

„Brauchen Sie ’n Taxi, Lady?“

Inez drehte sich erschrocken um, als ein anderer, jüngerer Fahrer ihr die Frage zurief. Mit verkniffener Miene eilte sie auf den nächsten Wagen in der Schlange zu, da sie sich nicht noch ein Taxi vor der Nase würde wegschnappen lassen. Sie nahm auf dem Rücksitz Platz, rang sich zu einem Lächeln durch und murmelte dem Mann ein Dankeschön zu, als der hinter ihr die Tür schloss. Müde ließ sie sich in den Sitz sinken und spürte, dass sie jetzt einen Tee dringend nötig hatte. Auf den würde sie allerdings wohl noch warten müssen, bis sie im Dorchester eingetroffen war und sich davon überzeugt hatte, dass Thomas Argeneau wunschlos glücklich war. So hatte Bastiens Auftrag im Kern gelautet: Holen Sie Thomas ab, bringen Sie ihn ins Hotel, und sorgen Sie dafür, dass er alles bekommt, was er benötigt.

Und genau das würde sie auch tun. Sie würde dafür sorgen, dass es Thomas Argeneau an nichts fehlte … gleich nachdem sie ihm die Meinung dazu gesagt hatte, dass er einfach ohne sie losgefahren war. Dann endlich würde sie ihren Tee bekommen.

„Danke, legen Sie das Gepäck einfach auf den Tisch“, sagte Thomas zu dem Pagen, der ihm bis zur Sitzgruppe in seiner Suite gefolgt war. Als der Mann sich dann zu ihm umdrehte, um ihm eine Liste herunterzuleiern, welche Annehmlichkeiten das Hotel zu bieten hatte, bedeutete Thomas ihm mit einer Geste zu schweigen.

„Ich brauche nichts, danke“, versicherte Thomas, drückte ihm ein Trinkgeld in die Hand und dirigierte ihn zurück zur Tür.

„Vielen Dank, Sir.“ Der Page setzte ein geschäftsmäßiges Lächeln auf. „Wenn Sie irgendetwas benötigen sollten, rufen Sie einfach beim Portier an. Fragen Sie nach Jimmy, und ich werde Ihnen beschaffen, was immer Sie haben wollen.“

„Das tue ich. Nochmals danke“, gab Thomas zurück.

Er schloss die Tür hinter dem jungen Burschen, dann ließ er seinen Blick in aller Ruhe durch die Suite wandern. Sie war stilvoll und luxuriös eingerichtet … also genau das, womit er gerechnet hatte. Tante Marguerite hatte schon immer guten Geschmack besessen.

Mit dem Rucksack in der Hand verließ er den Raum, um sich die anderen Zimmer der Suite anzusehen und um sein Gepäck im Schlafzimmer zu deponieren. In dem Moment klingelte jedoch sein Handy, und er blieb stehen.

Den Rucksack warf er auf den Tisch, und während er sein Telefon aus der Gesäßtasche zog und es aufklappte, ließ er sich auf die zweisitzige Couch fallen.

„Yo?“, rief er gut gelaunt, da er ahnte, wer ihn sprechen wollte.

„Dann bist du also gut angekommen?“, fragte Bastien.

„Na klar, Alter. Der Flug war absolut cool.“

„Und Inez hat dich am Flughafen in Empfang genommen?“

Thomas stutzte. „Inez?“

„Inez Urso. Ich hatte angerufen, damit sie dich abholt und in die Stadt fährt.“

Ihm entging zwar nicht Bastiens argwöhnischer Tonfall, doch er reagierte nicht darauf, da er in Gedanken noch einmal seine Ankunft in Heathrow durchging und ihm plötzlich eine kleine, dunkelhaarige Frau einfiel, die rufend und winkend durch die Ankunftshalle gelaufen war. Thomas hatte sie bemerkt, doch er war von Etienne nicht darauf hingewiesen worden, dass ihn jemand abholen sollte. Also hatte er angenommen, die Frau meine jemand anders, und er war zielstrebig weitergegangen. Jetzt, als Bastien den Namen Inez ins Spiel gebracht hatte, erinnerte er sich an die makellos gekleidete, durchgestylte junge Frau, die ihm vor ein paar Monaten einmal im Büro seines Cousins über den Weg gelaufen war. Aber die Frau am Flughafen war weder makellos gekleidet noch gestylt gewesen, sondern hatte vielmehr so ausgesehen, als sei sie fünf Minuten zuvor aus dem Bett gesprungen und losgerannt.

„Thomas?“, hakte Bastien ungeduldig nach. „War sie nicht da?“

„Doch, doch, sie war da“, antwortete er wahrheitsgemäß. Es klopfte, und er stand auf, um die Tür zu öffnen.

„Gut“, sagte sein Cousin, während Thomas die Hand um den Türknauf legte. „Sie ist ausgesprochen zuverlässig, allerdings habe ich sie erst um fünf Uhr heute Morgen angerufen, um sie zum Flughafen zu schicken, und ich war in Sorge, ob sie es rechtzeitig schafft.“

„Doch, sie …“, begann Thomas und unterbrach sich augenblicklich, als er die Frau erkannte, die vor der Tür im Flur stand. Sein Blick wanderte über ihre herabhängenden dunklen Locken, ihre zerknitterte Kleidung und ihr finsteres Gesicht, das frei von jeglichem Make-up war. Inez Urso. Eine sehr wütende Inez Urso, korrigierte er sich insgeheim, denn ihre Augen blitzten vor Zorn.

Als sie den Mund aufmachte, drückte Thomas instinktiv das Handy gegen seine Brust, damit Bastien nichts von dem Wutausbruch mitbekam, der jeden Moment aus ihr hervorsprudeln musste. Er hatte sich nicht geirrt, denn kaum ruhte das Telefon an seiner Brust, kam eine unglaubliche Tirade über diese vollen, sinnlichen Lippen. Eine Tirade, von der er so gut wie nichts verstand und die für ihn am ehesten nach Portugiesisch klang. Offenbar verfiel Inez Urso in ihre Muttersprache, wenn sie wütend war, und im Augenblick war sie sogar sehr wütend.

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, und er wich unwillkürlich vor ihr zurück, sodass sie seine Suite betreten konnte. Er war zu sehr von ihr fasziniert, als dass er sich ihr in den Weg hätte stellen wollen. Erstaunlich, dass eine auf den ersten Blick so schlicht aussehende Frau sich in eine Beinahe-Schönheit verwandeln konnte, als sie ihn beschimpfte. Ihre Augen funkelten, ihre Wangen waren vor Wut gerötet, und ihre Lippen bewegten sich so schnell, dass sie fast zu verschwimmen schienen. Außerdem fuchtelte sie aufgebracht mit einem Finger vor seinem Gesicht herum, was ihn normalerweise unglaublich ärgerte, wenn eine der Frauen in seiner Familie das versuchte. Aber bei dieser kleinen, zierlichen Frau wirkte es fast schon niedlich, und unwillkürlich verzog er die Mundwinkel zu einem Lächeln.

Das entpuppte sich aber sofort als schwerer Fehler, da es Inez Urso gar nicht gefiel, dass er so amüsiert reagierte, und deshalb beschimpfte sie ihn umso heftiger. Bedauerlicherweise vernahm er im gleichen Moment ein Lachen, das aus seinem Telefon drang.

Thomas warf einen finsteren Blick auf das Gerät, dann sah er zu der Tür, die hinter der kleinen Furie langsam zufiel, und er überlegte, ob er sie wohl lange genug aus dem Zimmer schicken könnte, um das Telefonat mit Bastien zu Ende zu führen. Aber es sah nicht danach aus, zumindest nicht, ohne sich ihr gegenüber unhöflich zu benehmen – und er war von Tante Marguerite zu gut erzogen worden, als dass er so etwas hätte tun können.

Versuchsweise hielt er eine Hand hoch, um sie verstummen zu lassen, und zu seiner großen Überraschung nahmen ihre Beschimpfungen im gleichen Moment ein Ende. Allerdings vermutete er, dass alles gesagt worden war, was sie ihm an den Kopf hatte werfen wollen. Zumindest sprühten ihre Augen nicht mehr ganz so heftige Funken, aber sie atmete noch immer aufgeregt. Unwillkürlich wanderte sein Blick zu ihrem Busen, der bei jedem Atemzug derart angehoben wurde, dass der eine Knopf an ihrer Bluse aufzuspringen drohte.

Ein heftiges Schnauben veranlasste ihn, ihr wieder ins Gesicht zu sehen. Ihre dunkelbraunen Augen funkelten abermals bedrohlich, und sie setzte aufs Neue zum Reden an. Thomas konnte ihr das nicht mal verübeln, schließlich war es äußerst unhöflich, einer Frau auf den Busen zu starren. Tante Marguerite wäre auch ärgerlich auf ihn gewesen. Aber ihm fehlte jetzt die Zeit für eine angemessene Entschuldigung, da Bastiens Stimme nach wie vor aus dem Telefon drang. Also sagte Thomas nur: „Warten Sie mal kurz.“

Inez stutzte angesichts seiner Aufforderung, hielt aber tatsächlich den Mund, während Thomas sie dankbar anlächelte und sich dann abwandte. Er lief durch das kleine Esszimmer in einen kurzen Flur mit zwei Türen. Hinter der ersten befand sich ein großzügiges, in Marmor gehaltenes Badezimmer, die zweite führte ins Schlafzimmer. Da sich die Badezimmertür auf jeden Fall von innen verriegeln ließ, zog sich Thomas dorthin zurück und schloss hinter sich ab, damit er wenigstens dort vor dieser rasenden Frau in Sicherheit war. Dann atmete er tief durch und nahm den Hörer ans Ohr. „Bastien?“

„Was war denn bei dir los?“, knurrte sein Cousin.

„Oh, ich … ähm … ich habe mich auf die Fernbedienung gesetzt und versehentlich den Fernseher eingeschaltet. Da lief irgendein ausländischer Film, und ich habe nicht herausgefunden, wie ich den Ton abstellen kann“, behauptete er dreist.

„Ach ja?“, gab Bastien ungläubig zurück. „Wie heißt denn der Film?“

„Wie der Film heißt?“, wiederholte Thomas. „Woher soll ich das denn bitte wissen?“

„Keine Ahnung, Thomas. Ich dachte, du hättest vielleicht den Titel mitbekommen, bevor du den Fernseher ausgemacht hast. Das klang nämlich nach einem sehr interessanten Film. Vor allem, als die Frau diesen Mann als Idioten bezeichnet hat, weil sie um fünf Uhr morgens aufgestanden und ungeduscht und ohne eine Tasse Tee im Magen zum Flughafen rasen musste, um dann zu sehen, wie er an ihr vorbeispaziert, in ein Taxi steigt und allein zum Dorchester Hotel fährt.“

Thomas schloss seufzend die Augen, da ihm soeben einfiel, dass Bastien mehrere Sprachen beherrschte, darunter auch Portugiesisch.

„Hmm“, fügte Bastien hinzu. „So heißt auch das Hotel, in dem ich dir ein Zimmer gebucht habe. Was für ein kurioser Zufall.“

„Ja, ja, schon gut. Es war nicht der Fernseher“, murmelte Thomas, dann fragte er verwundert: „Hat sie mich wirklich als Idioten bezeichnet?“

Aus dem Telefon war ein aufgebrachtes Stöhnen zu hören. „Wie konntest du nur einfach an ihr vorbeigehen, Thomas? Warum? Um Himmels willen! Ich habe sie extra losgeschickt, damit du es etwas leichter hast, aber du … du musst ja …“

„Du hast mir nichts davon gesagt, dass mich jemand abholen würde“, unterbrach Thomas ihn mürrisch. „Und Etienne auch nicht. Er hat nur davon gesprochen, dass am Flughafen eine Maschine für mich bereitsteht und dass ich ein Zimmer im Dorchester habe. Das war alles. Es war zu keiner Zeit die Rede davon, dass mich jemand abholen würde. Also bin ich einfach ins erste Taxi gestiegen und losgefahren.“

„Na, aber du hast Inez gesehen, als du ankamst …“

„Bastien, ich bin der Frau vor gut einem halben Jahr ein einziges Mal begegnet, und wir haben uns vielleicht drei Minuten lang im gleichen Raum aufgehalten“, machte Thomas ihm klar und räumte dann ein: „Ich hab sie winken und in meine Richtung laufen sehen, aber ich habe sie nicht wiedererkannt. Ich dachte, sie meint jemanden hinter mir. Woher sollte ich wissen, dass sie mich abholen kommt, wenn mir niemand sagt, dass ich abgeholt werde?“ Die letzten Worte betonte er mit besonderem Nachdruck.

„Schon gut, ich habe verstanden. Du hast nichts davon gewusst“, lenkte Bastien ein.

„Ganz genau.“

„Okay.“ Es folgte sekundenlanges Schweigen, dann erklärte Bastien: „Ich hätte persönlich mit dir Kontakt aufnehmen und dir von Inez erzählen sollen. Es war ein Fehler gewesen, sich auf Etienne zu verlassen. Richte ihr bitte meine Entschuldigung aus.“

„Bist du dir sicher, dass du es Etienne gesagt hast?“, wollte Thomas wissen.

„Was?“, raunte Bastien. „Selbstverständlich habe ich das gemacht.“

„Oh ja, natürlich. Was frage ich das überhaupt? Dir würde schließlich niemals ein Fehler unterlaufen. So was überlässt du lieber niederen Unsterblichen wie Etienne und mir.“

„Thomas“, wandte Bastien gereizt ein.

„Ja, bitte?“, fragte Thomas in honigsüßem Tonfall.

„Vergiss es. Hör zu, Inez ist da, um dir zu helfen, also lass dir auch von ihr helfen. Sie kennt sich in London aus, und sie ist eine verdammt tüchtige Frau. Eine unserer besten Angestellten. Sie kann Dinge regeln, und deshalb habe ich entschieden, dass sie dir helfen soll.“

„Du willst sagen, du hast entschieden, sie zu meiner Babysitterin zu machen, richtig?“, fragte Thomas ironisch.

Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann setzte Bastien zu einer Erwiderung an, doch Thomas kam ihm zuvor: „Mach dir keine Gedanken darüber. Ich weiß, du hältst mich für einen Taugenichts. Mich, Etienne und jeden anderen, der unter vierhundert ist. Also keine Angst, ich werde ihr deine Entschuldigung ausrichten und mir von ihr helfen lassen.“

Er beendete das Telefonat, bevor Bastien noch etwas antworten konnte, und warf das Telefon wütend weg, während er zur Tür ging. Eben wollte er nach dem Türknauf greifen, da ließ ihn ein plötzlicher Gedanke innehalten.

Bastiens Mitarbeiterin sollte ihn nicht noch weiter beschimpfen. So süß und faszinierend es auch war, das Funkeln in ihren Augen zu beobachten, während sie mit der Geschwindigkeit eines Schnellfeuergewehrs ihre Verwünschungen ausstieß, wäre es doch noch unterhaltsamer, wenn er auch nur ein Wort davon verstehen würde. Abgesehen davon kannte er sich im Gegensatz zu dieser Frau in London nicht aus, und auch wenn er zu gern auf eigene Faust nach seiner Tante gesucht hätte, um den Ruhm ganz allein einstreichen zu können, ging es bei seiner Mission aber in erster Linie darum, Tante Marguerite ausfindig zu machen. Der gesunde Menschenverstand sagte ihm, dass er sein Ziel schneller erreichte, wenn er jede verfügbare Hilfe annahm, und diese Inez war die einzige Hilfe, die ihm überhaupt zur Verfügung stand.

Aber momentan war sie ausgesprochen schlecht gelaunt, und das konnte er ihr nicht verübeln. Bastien war derjenige, der sich bei ihr entschuldigen musste, doch von ihm selbst sollte auch irgendeine Reaktion kommen. Auch wenn er nicht gewusst hatte, dass sie ihn am Flughafen abholen würde, hatte er sie all ihren Bemühungen zum Trotz einfach links liegen lassen.

Nachdem er ein paarmal im Badezimmer auf und ab gegangen war, griff er nach dem Telefon, das neben dem Waschbecken auf der Marmorplatte stand, gab eine Bestellung auf und legte den Hörer zurück auf die Gabel. Sein Mobiltelefon klingelte, als er gerade den Stöpsel in den Wannenabfluss drückte. Da er wusste, das konnte nur Bastien mit weiteren Aufträgen und Anweisungen sein, ignorierte er das Klingeln und schraubte stattdessen die Flasche Badelotion auf, um eine ordentliche Portion in der Wanne zu verteilen. Dann drehte er den Wasserhahn auf und setzte sich auf den Wannenrand, um zu warten.

Inez ließ sich müde auf eines der Zweisitzersofas sinken, die zu beiden Seiten des Kamins angeordnet waren. Ihr Blick blieb an dem Rucksack auf dem Tisch vor ihr hängen. Der Mann war nicht mal in der Lage, mit angemessenem Gepäck zu reisen. Er stieg in einem Fünf-Sterne-Hotel ab und hatte nichts weiter als einen Rucksack bei sich. Offenbar stellte der auch sein gesamtes Gepäck dar, da sie ihn damit bereits am Flughafen zu den Taxis hatte gehen sehen.

Missbilligend betrachtete sie den Rucksack, bis ihr bewusst wurde, was sie da eigentlich tat. Ihr Temperament ging mit ihr durch, was ihr so noch nie widerfahren war. Nicht nur, dass sie auf ein albernes Gepäckstück wütend war, nein, sie hatte auch den Cousin ihres Vorgesetzten mit einem Schwall Beschimpfungen überschüttet und ihn gleich zweisprachig zum Teufel geschickt. Den Cousin ihres Chefs!

Mein Gott, sie hatte nicht nur den Verstand verloren, vermutlich war sie auch ihren Job los, wenn Bastien davon erfuhr. Wahrscheinlich telefonierte Thomas Argeneau in diesen Minuten im Nebenzimmer mit ihm und beschwerte sich über sie.

Dieser unhöfliche kleine Mistkerl, dachte sie betrübt. Sie konnte noch immer nicht fassen, dass er sich zu ihr umgedreht hatte und dann einfach weitergegangen war, um ins nächste Taxi zu steigen. Was für ein Idiot …

Ihr Gedanke wurde jäh unterbrochen, als das Zimmertelefon auf dem Tisch neben ihrem Sofa klingelte. Sie richtete ihre Verärgerung auf das Telefon und wartete darauf, dass Thomas endlich ranging. Nach weiteren drei Klingelzeichen erinnerte sie sich daran, dass er ja ein Mobiltelefon in der Hand gehalten hatte. Wenn er noch immer mit jenem Gespräch beschäftigt war, konnte er wohl kaum gleichzeitig auf diesen Anruf reagieren. Seufzend nahm sie den Hörer ab, doch da war nur ein Freizeichen.

Sie hatte zu lange gewartet und legte schulterzuckend wieder auf. Sie würde ohnehin nicht für Thomas die Sekretärin spielen, schließlich war sie die Vizepräsidentin der britischen Abteilung von Argeneau Enterprises Worldwide. Sollte er doch selbst ans Telefon gehen, wenn es klingelte. Und genauso gut konnte er selbst die Zimmertür öffnen, fügte sie im Geiste hinzu, da es in diesem Moment an der Tür klopfte.

Ihr Blick wanderte zu der Tür, durch die Thomas entschwunden war, doch es sah nicht so aus, als würde er so bald von dort zurückkehren.

„Zimmerservice“, rief eine tiefe Stimme von draußen, dann wurde abermals geklopft.

Inez schaute wieder zur Zimmertür, schließlich stand sie auf, öffnete und ging zur Seite, um einen Pagen mit Servierwagen hereinzulassen.

„Vielen Dank, Miss“, sagte der Mann und lächelte sie im Vorbeigehen an. „Wo soll ich es hinstellen?“

„Was ist das?“, antwortete Inez mit einer Gegenfrage, während sie die kleine Teekanne auf dem Tablett ansah. Verlockende Düfte kamen ihr entgegen, die ihren Ursprung unter den silbernen Abdeckhauben haben mussten und die ihren Magen knurren ließen.

Der Mann nahm die Haube hoch. „Ein englisches Frühstück. Eier, Speck, gebackene Bohnen, gebackene Tomaten, Champignons, Blutwurst, Kartoffelpuffer und Toast“, rasselte er dann herunter.

„Also das volle Programm“, murmelte Inez und wollte alles am liebsten mit ihren Blicken verschlingen, doch dann setzte er die Haube wieder auf das Tablett.

„Und natürlich Tee“, ergänzte der Page. „Wo soll ich es hinstellen?“

Inez machte eine hilflose Geste. Sie hatte keine Ahnung, wo Thomas sein Frühstück zu sich nehmen wollte. Sie wusste lediglich, dass sie jetzt und hier darüber hergefallen wäre, wenn es sich um ihr Frühstück gehandelt hätte. Oh Gott, Frühstück und Tee! Allein beim Gedanken daran kamen ihr die Tränen, und der Anblick dessen, was sie unter der Abdeckhaube zu sehen bekommen hatte, ließ sie innerlich aufstöhnen. Sie war ausgehungert, und für eine Tasse Tee hätte sie am liebsten gemordet, doch das hier war für Thomas bestimmt. Und wahrscheinlich würde sie ihm auch noch beim Frühstücken zusehen müssen. Oh, dieser verdammte …

„Ah, gut, da ist es ja.“

Inez und der Page sahen zu Thomas Argeneau, als er das Zimmer betrat. Der Page lächelte, sie nicht. Vielmehr zog sie bei seinem Anblick wütend die Brauen zusammen. Wäre er doch nur eine Minute länger weggeblieben, hätte sie ihm vielleicht wenigstens ein Würstchen stibitzen können.

„Bringen Sie es bitte hierher … Jimmy, richtig?“

„Jawohl, Sir.“ Der Page folgte ihm mit dem Servierwagen.

Leise seufzend sah sie dem Essen nach, wie es weggerollt wurde. Zumindest ein Schluck Tee wäre schön gewesen, doch der Kerl hatte nicht mal in Erwägung gezogen, ihr irgendetwas anzubieten, immerhin stand auf dem Wagen nur eine einzige Tasse.

Sie wurde aus ihren trüben Gedanken gerissen, als der Page zurückkehrte, ihr lächelnd einen schönen Tag wünschte und die Suite verließ. Inez warf ihm einen finsteren Blick nach. Klar, er hatte gut reden. Er musste zweifellos längst gefrühstückt und mehr Tee als genug getrunken haben, und wahrscheinlich war ihm von Thomas auch noch ein dickes Trinkgeld in die Hand gedrückt worden.

„Inez?“

Missmutig sah sie in die Richtung, aus der die Stimme kam. „Ja?“

„Kommen Sie bitte her.“

Sie stutzte und rührte sich nicht von der Stelle. Kommen Sie bitte her? Wohin denn? Etwa in sein Schlafzimmer? Es würde passen, wenn der Mann ein Perverser war und glaubte, als Angestellte von Argeneau Enterprises müsse sie ihm zu Diensten sein.

„Nicht mit mir“, murmelte Inez.

„Wären Sie bitte so freundlich?“, rief Thomas.

Sie fuchtelte frustriert mit den Händen herum und ging zur Tür. Sie würde nachsehen, was er wollte, aber wenn er irgendetwas versuchen sollte … irgendetwas … dann …

Hinter der Tür befand sich jedoch nicht das Schlafzimmer, sondern die Essecke. Allerdings war weder von Thomas noch von dem Servierwagen etwas zu sehen, was ihre unguten Vermutungen nur zu unterstreichen schien. Sie ging weiter und gelangte in einen kleinen Flur, der zu drei weiteren Türen führte. Thomas rief aus dem Zimmer zu ihrer Rechten nach ihr.

Sie betrat ein mit Marmor verkleidetes Badezimmer, ein Schaumbad war eingelassen, neben der Wanne stand der Servierwagen, und im nächsten Moment hielt Thomas ihr einen Stapel Handtücher hin.

„Da, bitte. Genießen Sie es.“

Inez blinzelte verwirrt und drehte sich zu Thomas um, der an ihr vorbei das Badezimmer verlassen wollte.

„Warten Sie!“, rief sie ihm nach und folgte ihm. „Was soll das?“

Überrascht drehte er sich zu ihr um. „Ich dachte, das wäre offensichtlich.“

Sie stutzte, und ihre Überlegungen kehrten zurück zu dem Gedanken, sie könnte einen Perversen vor sich haben. Wollte er sie füttern und baden, und erwartete er, dass sie ihm anschließend zu Diensten war? Sie wünschte, sie würde nicht die Handtücher festhalten, weil sie dann energisch die Hände in die Hüften hätte stemmen können. So konnte sie nur knurren: „Ich glaube, Sie sollten mir das lieber erklären.“

Thomas musterte sie einen Moment lang. „Bastien hatte mir nichts davon gesagt, dass mich jemand am Flughafen abholen würde, darum bin ich sofort zu den Taxis gegangen. Er erwähnte, er habe Sie um fünf Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen, und aus dem, was Sie mir an den Kopf geworfen haben, konnte er entnehmen, dass Sie keine Zeit mehr für ein Frühstück oder eine Dusche hatten.“ Mit einem schiefen Lächeln ergänzte er: „Bastien hat mich gebeten, mich in seinem Namen bei Ihnen zu entschuldigen. Es tut ihm leid.“

Mit einer knappen Geste wischte sie die Entschuldigung beiseite, akzeptierte sie aber zugleich mit einem Nicken.

„Das hier …“, er deutete auf die Wanne und den Servierwagen, „… ist meine Entschuldigung. Nehmen Sie ein Bad, frühstücken Sie in aller Ruhe, trinken Sie Ihren Tee. Und wenn Sie sich wieder besser fühlen, dann kommen Sie zu mir, und wir begeben uns an die Arbeit.“

„Arbeit?“, wiederholte sie skeptisch.

„Die Suche nach meiner Tante Marguerite“, erläuterte er, und als sie ihn nur weiter ratlos ansah, schüttelte er den Kopf. „Bastien sagte, er habe alles arrangiert, damit Sie mir helfen. Er sagte, Sie kennen die Stadt und …“ Plötzlich unterbrach er sich und murmelte etwas vor sich hin, das mit Bastiens plötzlicher Vergesslichkeit zu tun hatte, schließlich seufzte er. „Meine Tante Marguerite ist verschwunden. Sie war vor drei Wochen nach England gereist und im Dorchester abgestiegen. Nach ein paar Tagen hat sie sich auf den Weg nach Norden gemacht, weil sie mit Tiny zusammen auf der Suche ist nach … Ach, das ist nicht so wichtig. Im Wesentlichen geht es darum, dass sie gut zwei Wochen lang kreuz und quer durch England gereist und dann für eine weitere Übernachtung ins Dorchester zurückgekehrt ist. Offenbar hat sie am Morgen danach ausgecheckt, aber wir wissen nicht, wohin sie mit Tiny von hier aus gegangen ist. Seitdem hat auch keiner von uns irgendein Lebenszeichen von ihr empfangen. Ich bin hergekommen, um nach ihr zu suchen.“

„Ah, ich verstehe“, entgegnete sie bedächtig.

„Bastien sagte, er wollte, dass Sie mir helfen, darum habe ich mir überlegt, dass wir erst einmal andere Hotels anrufen, um festzustellen, ob sie sich aus irgendeinem Grund einfach nur woanders ein Zimmer genommen haben. Wenn das zu nichts führt, dann fragen wir bei Autoverleihern und an Bahnhöfen nach, um Hinweise zu finden, die uns auf ihre Spur bringen können.“

„So, so“, sagte Inez verständnislos.

„Genau … Aber machen Sie sich darüber jetzt keine Gedanken. Genießen Sie erst mal Ihr Bad. Wir reden später weiter.“ Er wollte die Tür zuziehen, fügte dann aber noch hinzu: „Und überstürzen Sie nichts. Solange Sie baden, werde ich mich auf der Couch eine Runde aufs Ohr hauen. Also keine Hast!“ Wieder wollte er gehen, doch dann griff er zur Innenseite und drehte das Schloss so, dass die Tür von innen verschlossen war, sobald sie zufiel.

Minutenlang starrte Inez auf die geschlossene Tür, dann wurde ihr bewusst, dass sie nicht bloß einige Handtücher in ihren Armen hielt, sondern auch einen flauschigen Bademantel. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, zu groß war ihr Erstaunen über diese Entwicklung. Sie konnte nicht glauben, dass er sich nur ihretwegen diese ganze Arbeit gemacht hatte.

Ihr Blick wanderte zum eingelassenen Bad, von dort weiter zum Servierwagen. Das war für sie. Das alles hier war für sie. Und es war so nett und aufmerksam von ihm, so freundlich und zuvorkommend … und es war nicht das, was sie von Thomas Argeneau oder irgendwem sonst erwartet hätte. Sie ging immer erst einmal vom Schlimmsten aus, dann konnte sie sich immer noch angenehm überraschen lassen – und genau das war Thomas eindeutig gelungen.

Inez wunderte sich über ihre Gedanken. Sie kannte diesen Mann so gut wie gar nicht, also sollte sie sich auch noch kein Urteil über ihn erlauben. Ihre Voreingenommenheit über ihn rührte zum einen daher, wie sie ihn bei dem Treffen bei Bastien erlebt hatte. Zum anderen lag es daran, dass Bastien Argeneau bei den wenigen Gelegenheiten, in denen er auf seinen Cousin zu sprechen kam, stets in einen aufgebrachten Tonfall verfiel.

Aus diesen beiden Dingen hatte sie gefolgert, Thomas müsse ein fauler, nichtsnutziger und verwöhnter Verwandter sein, der auf Kosten anderer lebte. Sie hätte wissen sollen, dass Mutmaßungen zu nichts taugten und eigentlich nur Zeitverschwendung waren. Und doch hatte sie Thomas aufgrund irgendwelcher Spekulationen vorverurteilt, was sie jetzt zutiefst bedauerte.

Inez ließ sich leise seufzend auf dem Wannenrand nieder und hielt sich vor Augen, dass er nicht nach London gekommen war, um es sich gut gehen zu lassen, sondern um nach seiner verschwundenen Tante zu suchen. Und er schien davon auszugehen, dass sie ihm dabei half, obwohl sie lediglich die Anweisung erhalten hatte, ihn vom Flughafen abzuholen, ins Hotel zu bringen und dafür zu sorgen, dass es ihm an nichts fehlte. Sie rätselte, wie sie weiter verfahren sollte, als auf einmal ein Telefon zu klingeln begann.

Sie folgte dem Geräusch bis zur Marmorplatte mit dem eingelassenen Waschbecken, wo sie ein Mobiltelefon entdeckte. Es musste Thomas gehören, der es offenbar hier vergessen hatte.

Ein Blick auf das Display verriet ihr, dass Bastien der Anrufer war. Nach kurzem Zögern legte sie die Handtücher und den Bademantel zur Seite und nahm das Telefon hoch, klappte es auf und ging in Richtung Tür.

„Hallo Mr. Argeneau, hier ist Inez. Wenn Sie kurz warten, bringe ich Thomas das Telefon, damit Sie mit ihm sprechen können.“

„Nein, das ist schon okay. Ich muss eigentlich gar nicht mit ihm reden“, gab Bastien rasch zurück. „Aber mit Ihnen wollte ich reden.“

„Oh.“ Inez blieb stehen und lehnte sich gegen die Tür.

„Hat Thomas Ihnen alles erklärt und sich in meinem Namen entschuldigt?“

„Ja“, versicherte sie ihm und ging im Badezimmer auf und ab, dessen Marmorboden jeden Schritt nachhallen ließ. „Er hat die Entschuldigung weitergegeben.“

„Hm, aber vermutlich nicht sehr überzeugend“, spekulierte Bastien.

Seine Worte ließen sie stutzig werden, und sie sah zum Schaumbad und zum Servierwagen. Vielleicht war es gar nicht ihre Schuld, dass sie so schlecht über Thomas gedacht hatte, immerhin schien offensichtlich, wie sehr Bastien seinen eigenen Cousin unterschätzte.

„Oh, sogar sehr überzeugend“, ließ sie ihn wissen, da sie mit einem Mal das Bedürfnis verspürte, den jungen Argeneau zu verteidigen. „Mehr als nur überzeugend.“

„Tatsächlich? Und wie soll ich mir das vorstellen?“

Nach kurzem Zögern antwortete sie: „Er hat mir ein Bad eingelassen, und er hat den Zimmerservice mit einem Frühstück kommen lassen. Und dann hat er mir vorgeschlagen, beides zu genießen, damit ich mich wieder besser fühle. Er war wirklich ausgesprochen nett zu mir, Sir.“

„Er hat Ihnen ein Bad eingelassen?“, wiederholte Bastien verblüfft.

„Und er hat mir Frühstück aufs Zimmer bringen lassen“, betonte sie noch einmal, doch plötzlich wünschte sie sich, sie hätte besser den Mund gehalten. „Und jetzt hat er sich schlafen gelegt, während ich in Ruhe mein Bad nehmen soll“, ergänzte sie hastig, bevor er auf die Idee kam, dass hier irgendetwas nicht stimmen könnte. Sie biss sich auf die Lippe. „Natürlich werde ich wohl nicht hier baden, aber …“

„Doch, doch, baden Sie ruhig. Das ist völlig in Ordnung“, unterbrach Bastien sie. „Dann fühle ich mich nicht mehr ganz so schuldig, dass ich Sie in aller Frühe aus dem Bett geholt habe. Außerdem können Sie beide sich jetzt ohnehin nicht auf die Suche nach Mutter begeben. Thomas wird erst einmal schlafen müssen, dann scheint die Sonne und so weiter. Nehmen Sie ruhig Ihr Bad.“

„Dann wollen Sie, dass ich ihm bei der Suche nach Ihrer Mutter helfe?“, fragte sie, froh darüber, dass dieser Punkt damit bereits geklärt war.

„Ja.“ Es folgte ein kurzes Schweigen, dann ein leiser Fluch und die Frage: „Ich habe vergessen, Ihnen das zu sagen, richtig?“ Aus dem Hörer drang ein ironisches Lachen. „Tut mir leid, Inez, aber derzeit bin ich nicht so ganz bei der Sache. Es geschehen gerade so viele Dinge gleichzeitig. Lissiannas Baby, der Ärger mit Morgan, und dann verschwindet auch noch Mutter spurlos …“

Inez zog verwundert eine Augenbraue hoch, als sie hörte, wie er langsam ausatmete, um zur Ruhe zu kommen. Sie hatte keine Ahnung, wer dieser Morgan war, der ihm Ärger bereitete. Aber sie wusste, Lissianna war Bastiens Schwester, und seine Mutter hatte sie bei ihrem Aufenthalt in New York kennengelernt. Marguerite Argeneau war eine hübsche Frau, die aussah wie fünfundzwanzig, und keinen Tag älter. Es fiel Inez schwer zu glauben, dass sie die Mutter von Bastien war, der selbst ebenfalls wie Mitte zwanzig wirkte.

„Ich schätze, ich muss mich schon wieder bei Ihnen entschuldigen. Ich weiß, Sie haben viel um die Ohren, aber ich möchte, dass Sie all Ihre anderen Aufgaben für den Moment zurückstellen und stattdessen Thomas dabei helfen, meine Mutter zu finden“, erklärte er düster.

„Okay“, antwortete Inez bedächtig und räusperte sich. „Sir? Wäre es nicht besser, wenn wir einen Privatdetektiv engagieren und …“

„Mutter ist Privatdetektivin“, unterbrach er sie ungehalten, dann wurde sein Tonfall etwas sanfter. „Na ja, eigentlich ist sie das nicht. Sie hat ihre Karriere gerade erst in Angriff genommen, aber Tiny, der Mann, mit dem sie unterwegs ist, der ist ein richtiger Privatdetektiv. Sogar ein sehr guter. Aber er ist genauso spurlos verschwunden.“

„Aha“, murmelte sie.

„Hören Sie, ich weiß, das gehört nicht zu Ihrem Job, aber wir machen uns alle große Sorgen um Mutter. Thomas kennt ihre Gewohnheiten, nur ist er noch nie längere Zeit in England gewesen. Sie kennen sich da besser aus als er, und ich wüsste niemanden, der so durchorganisiert ist und so aufs Detail achtet wie Sie. Von Ihnen beiden halte ich Sie für diejenige, der ich zutraue, dass Sie sie aufspüren können. Vermutlich hat sie sich nur so sehr in ihren Fall vertieft, dass sie vergessen hat, sich bei uns zu melden.“

Bastien klang nicht so, als würde er seine eigenen Worte glauben, aber darauf wollte Inez ihn nicht ansprechen. Also erwiderte sie nur: „Okay, ich werde tun, was ich kann, Sir.“

„Tja … gut. Ich weiß Ihre Unterstützung dabei wirklich zu schätzen, Inez.“

„Ja, Sir, aber …“ Inez zögerte sekundenlang. „Sie sprachen vorhin kurz die Sonne an, Sir. Hat Thomas die gleiche Allergie wie Sie?“

Das plötzliche Schweigen am anderen Ende der Leitung bereitete ihr solches Unbehagen, dass sie erklärend hinzufügte: „Ich frage nur danach, weil ich dann wohl besser den Wagen mit den speziell getönten Scheiben anfordere, den Sie auch nehmen, wenn Sie hier sind und bei Sonnenschein unterwegs sein müssen.“

„Ja“, bestätigte Bastien schließlich. „Ja, er hat die gleiche Allergie, so wie die ganze Familie. Sorgen Sie dafür, dass er in meinem Wagen gefahren wird.“

„Alles klar.“

„Dann sollte ich Sie jetzt besser frühstücken lassen, bevor alles kalt wird. Ach, würden Sie Thomas ans Telefon holen? Mir ist eben noch etwas eingefallen, das ich vergessen habe, ihm zu sagen.“

„Natürlich, einen Augenblick bitte.“ Sie senkte das Telefon, schloss die Tür auf und lief durch die Suite, bis sie Thomas im Salon auf einem der beiden Zweisitzersofas antraf. Er war damit beschäftigt, etwas in ein Ringbuch zu schreiben.

„Mr. Argeneau möchte Sie sprechen“, sagte sie beim Näherkommen leise und hielt ihm das Telefon hin.

„Oh, danke“, gab Thomas zurück, dem die Störung gar nicht zu gefallen schien. Er legte das Ringbuch auf den Tisch zwischen den Sofas, dann nahm er das Telefon entgegen. „Jetzt nehmen Sie aber Ihr Bad, sonst ist das Wasser eiskalt.“

Inez nickte und drehte sich weg, doch dabei warf sie einen flüchtigen Blick auf das Ringbuch und bemerkte, dass es sich um Notenblätter handelte, auf denen er Noten eingetragen hatte. Thomas Argeneau schrieb Musik.

Diese Erkenntnis brachte Inez ins Grübeln, während sie auf dem Weg zur Tür beiläufig mitbekam, wie Thomas seinen Cousin ungeduldig und gereizt begrüßte. Sie hatte fast den Raum verlassen, da rief er auf einmal so laut „Waaas?“, dass sie zusammenfuhr und sich erschrocken umdrehte.

Thomas wandte sich in ihre Richtung, und als er sie bemerkte, drückte er wie zuvor das Telefon gegen seine Brust. „Alles in Ordnung“, versicherte er ihr. „Er hat mich nur mit etwas überrascht, weiter nichts. Gehen Sie, und nehmen Sie Ihr Bad.“

Inez zögerte. Sein Ausruf hatte nichts mit Erstaunen zu tun, sondern vielmehr mit Entsetzen. Er aber winkte sie aus dem Zimmer, wohl weil er seine Privatsphäre haben wollte, also kehrte sie ins Badezimmer zurück.

Was Thomas mit Bastien zu besprechen hatte, ging sie nichts an, außerdem würde das Badewasser tatsächlich bald kalt sein, wenn sie sich nicht beeilte. Bastien persönlich hatte ihr gesagt, sie solle ein Bad nehmen, und er war nun mal der Boss. Frühstück in der Badewanne, überlegte sie amüsiert. Wie dekadent war so was wohl?

Nun, in Kürze würde sie es wissen.

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