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Werde mein – noch heute Nacht

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1. KAPITEL

Nachdem sein neuer Leiter der Finanzabteilung geendet hatte, sah Rauf Kasabian – das markant geschnittene Gesicht maskenhaft starr – von seiner Villa am Flussufer auf Istanbul und nahm dabei zum ersten Mal nicht die schöne Aussicht wahr. Normalerweise entspannte ihn das Spiel von Licht und Schatten auf der glitzernden Oberfläche des Bosporus. Doch die bittere Erinnerung wog schwerer als die schöne Umgebung, außerdem war er verärgert. Die Familie Harris hatte sein Geld verjubelt, und nun flog Lily höchstpersönlich in die Türkei. Aber wozu? Wollte sie um eine Sonderbehandlung bitten? Vielleicht. Doch weshalb sollte er ihr die gewähren?

Während Rauf noch darüber nachdachte, wartete Serhan Mirosh völlig verwundert auf eine Reaktion seines ansonsten für sein rücksichtsloses Vorgehen gegenüber unehrenhaften Geschäftspartnern bekannten Chefs. Dabei fragte sich der Finanzbeauftragte beunruhigt, ob er wohl seine Kompetenzen überschritten habe, indem er die Sache sofort mit restriktiven Maßnahmen angegangen war. Zugegebenermaßen handelte es sich dabei um einen Betrag, den ein milliardenschwerer Medienmogul wie Rauf Kasabian in der Portokasse verwahrte. Aber Serhan war stolz darauf, auch Kleinigkeiten zu beachten, und so gebot ihm seine Berufsehre, sich um die unprofitable Investition in das englische Reiseunternehmen zu kümmern. Außerdem erstaunte ihn, dass sein Vorgänger bei den sich häufenden Unregelmäßigkeiten nicht eingeschritten war.

„Da Ihre Firma MMT nach zwei Jahren noch keine Gewinne verbuchen konnte“, erklärte Serhan nun, „habe ich die unverzügliche Rückerstattung der geliehenen Summe zuzüglich des Profits gefordert, den Sie in diesem Zeitraum hätten machen können.“

„Ich bin froh, dass Sie mir davon berichtet haben“, sagte Rauf, und Serhan entspannte sich merklich.

„Ich verstehe überhaupt nicht, warum diese Miss Harris immer noch ein Treffen mit Ihnen wünscht. Gestern hat sie schon wieder schriftlich um einen Termin gebeten. Offensichtlich hat sie mein Fax mit der abschlägigen Antwort auf ihre erste Anfrage ignoriert. Jetzt will sie sich zwischen dem Vierten und Fünfzehnten des Monats mit Ihnen treffen.“

Hm, dachte Rauf, heute haben wir bereits den Zweiten. Lily würde also schon sehr bald türkischen Boden betreten. Bei dem Gedanken verfinsterte sich sein markantes Gesicht noch mehr. „Engländer sind manchmal ganz schön hartnäckig“, meinte er dann nur.

„Aber so hartnäckig zu sein ist unhöflich“, beschwerte sich Serhan. „Welchen Zweck verfolgt die Frau mit ihrem Kommen? Der Zeitraum für mögliche Einwände ist längst verstrichen. Außerdem gehört die Firma doch ihrem Vater.“

„Lassen Sie die Unterlagen bei mir“, wies ihn Rauf an. „Ich kümmere mich darum. Außerdem wüsste ich gern, wo Miss Harris absteigt.“

„In Gumbet, einem Badeort an der Ägäis“, antwortete Serhan, der nicht verstand, warum sein Chef sich persönlich um die Angelegenheit kümmern wollte. „Vielleicht denkt Miss Harris, Gumbet sei ganz in der Nähe von unserer Hauptniederlassung in Istanbul.“

„Möglich“, sagte Rauf geistesabwesend und umfasste den Ordner vor sich. „Geografie war nie Lilys Stärke.“

Mein Chef kennt die Frau also persönlich, dachte Serhan erstaunt, war aber klug genug, nichts zu sagen. Stattdessen verließ er das Büro.

Daraufhin blätterte Rauf den Ordner durch. Einige Minuten später legte er ihn zur Seite, wobei es in seinen dunklen Augen blitzte. Das Gelesene hatte ihn aufgebracht: Lily würde bei ihm keine Gnade finden. Noch gut erinnerte er sich an ihre Augen: Sie waren blau wie der Sommerhimmel, und ihr Blick schien ihm zu sagen, er, Rauf Kasabian, sei das Zentrum ihrer Welt. Er lachte spöttisch. Da hatte er doch tatsächlich geglaubt, Lily sei ehrlich und unschuldig. Wie unzählige Männer vor ihm hatte er darauf gebrannt, diese Frau zu besitzen, und dabei für einen Augenblick den Verstand ausgeschaltet. Glücklicherweise war er nur einen Moment lang schwach gewesen und fand schon bald zu seiner üblichen Willensstärke zurück. Er kannte seine Fehler im Umgang mit Frauen.

Die waren ihm lange vor Lily bewusst geworden, und ihm war auch klar, wem er sie zu verdanken hatte: seiner Mutter. Rauf brachte ihr großen Respekt entgegen und war ihr in Liebe zugetan, aber sie hatte ihm diesen romantischen Unsinn über die anderen Frauen eingeredet.

Doch Rauf hatte seine Lehre aus der Erfahrung mit Lily gezogen und machte nun alles richtig. Seitdem gaben sich Frauen bei ihm die Klinke in die Hand, ohne dass er danach einen Gedanken an sie verschwendete, geschweige denn ihretwegen litt. Nachdem er sich von der Vorstellung befreit hatte, dass es sich bei Lust auch gleichzeitig um Liebe handeln musste, genoss er als Mann die freie Auswahl und nutzte einfach aus, was seine Mutter ihm als angeblich schwächere und vertrauensselige Natur der Damenwelt geschildert hatte. Deshalb, so beschloss er jetzt, werde ich bei dem Treffen mit Lily auch auf meine Kosten kommen. Zweifellos ging sie davon aus, ihre Schönheit in Verbindung mit ein, zwei Krokodilstränen und der Erwähnung gemeinsamer schöner Stunden würden seinen Geschäftssinn und gesunden Menschenverstand ausschalten. Aber da irrte sie sich, und je früher sie das begriff, desto besser.

Lily kam mit ihrem Gepäck die Treppe herunter, wobei sie den schweren Koffer von Stufe zu Stufe rutschen ließ. Als aus dem Wohnzimmer Gekicher an ihr Ohr drang, wich der ernste Ausdruck von ihrem Gesicht. Dass Penny, Gemma und Joy trotz der Ereignisse der jüngsten Vergangenheit so sorglos spielen konnten, war allein das Verdienst von Hilary, Lilys älterer Schwester. Erst vor einem Jahr hatte sie ihr Ehemann verlassen, um mit ihrer bis dahin besten Freundin zusammenzuziehen.

Zu dieser Zeit unterzog sich Joy, die jüngste Tochter der beiden, gerade dem dritten Stadium ihrer Blutkrebstherapie. Glücklicherweise war die Kleine inzwischen wieder ganz gesund. Doch obwohl sich ihre Mutter von Anfang an geweigert hatte, eine andere Möglichkeit in Betracht zu ziehen, brauchte sie ihre gesamte Kraft, um bei den verschiedenen Nachuntersuchungen die Nerven zu behalten. Einem untreuen Ehemann konnte sie da nicht lange nachweinen. Dabei hatte alles so gut angefangen.

„Ja, Dad geht dann mit den Mädchen in den Park.“

„Bevor wir zum Flughafen fahren, haben wir noch Zeit für eine Tasse Tee.“

„Schön, dabei sollten wir noch einmal durchsprechen, was ich in der Türkei zu erledigen habe. Zuerst werde ich mich um ein Treffen mit Rauf bemüh …“

„Machst du dir immer noch Sorgen wegen dieses blöden Briefs von seinem Leiter der Finanzabteilung?“ Vorwurfsvoll sah Hilary zu Lily. „Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Ich habe dir doch schon gesagt, dass sämtliche Raten korrekt und rechtzeitig beglichen wurden. Wenn Rauf Kasabian erkennt, dass sein neuer Angestellter einen Riesenfehler begangen hat, wird er peinlich berührt hier anrufen und sich entschuldigen.“

„Jetzt hör bloß auf, dir Gedanken wegen dieses blöden Briefs zu machen!“, sagte Hilary, die in Lilys Gesicht lesen konnte wie in einem Buch. Kein Wunder, schließlich war sie früher so etwas wie eine Mutter für sie gewesen. „Viel wichtiger ist, die beiden Villen, die Berny in Dalyan hat bauen lassen, gut zu verkaufen. Danach hätte ‚Harris Travel‘ keine Finanzprobleme mehr. Du musst nur sicherstellen, dass die Häuser mit einem Schnäppchenpreis ausgeschrieben werden.“

„Dafür sorge ich schon“, versprach Lily und überlegte dann, ob Hilary sich wohl bewusst war, dass sich immer noch ein Schatten auf ihr Gesicht legte, wenn sie von Berny sprach. Gleich darauf fühlte sie sich schuldig, weil sie so froh war, dass ihre Schwester sich endlich von ihm hatte scheiden lassen.

„Ich kann es mir nicht erlauben, auf das bestmögliche Angebot zu warten.“

„Ich verstehe“, sagte Lily.

„Vielleicht kannst du vorher noch einmal eine Putzkolonne durchschicken“, meinte Hilary nun. „Die Häuser haben doch ziemlich lang leer gestanden.“

Die Kinder kreischten, und Hilary schnitt ein Gesicht, ehe sie den plötzlich zwischen Penny und Gemma entbrannten Streit schlichtete. Mit acht und neun Jahren waren beide das jüngere Ebenbild ihrer Mutter. Sie besaßen das gleiche feine Haar und die gleichen haselnussbraunen Augen. „Darüber hinaus solltest du so viel Information wie möglich über Sehenswürdigkeiten sammeln. Ich will damit All-inclusive-Reiseangebote in die Türkei zusammenstellen. Wir müssen einfach zu unserem Basisgeschäft zurückkehren. Zwar können wir nicht mit den großen Reiseanbietern konkurrieren, aber doch kleine, feine Touren für das hochpreisige Marktsegment anbieten.“

„Ich mache jede Sightseeingtour mit, die dort angeboten wird“, erwiderte Lily und ließ ihre jüngste Nichte Joy auf ihren Schoß klettern, ehe sie das Kind behutsam in die Arme nahm. Die Kleine war blond und zart und während ihrer Krankheit monatelang ganz schwach gewesen. Doch zur Freude aller sprühte sie inzwischen wieder vor Energie.

Schließlich überließen Hilary und Lily die Kinder ihrem Großvater und brachen zum Flughafen auf.

„Ich weiß, dass du es nicht hören willst“, meinte Hilary unterwegs unvermittelt, „aber ich möchte dir von ganzem Herzen für deine Hilfe danken.“

„Ich bitte dich, das ist doch nicht der Rede wert!“, antwortete Lily. „Ich mache schließlich Urlaub auf deine Kosten“, fügte sie augenzwinkernd hinzu.

„Im Urlaub ganz allein zu sein macht keinen Spaß. Außerdem weiß ich, dass du den Sommer bei deiner Freundin in Spanien hättest verbringen können.“

„Wie hast du denn das herausgefunden?“

„Dad hat gehört, wie du Maria am Telefon abgesagt hast. Außerdem brennst du bestimmt nicht darauf, diesen Mistkerl von Rauf wiederzusehen. Aber im Augenblick kann ich weder Dad mit den Mädchen noch die Agentur allein lassen.“ Hilary seufzte bedauernd.

„Dir das Herz gebrochen, der arrogante Schönling!“, stieß Hilary ungewöhnlich scharf hervor. „Wenn ihm schon nach weiblicher Gesellschaft war, hätte er sich in jenem Sommer ruhig ein älteres und erfahreneres Opfer suchen können. Stattdessen nimmt er dich erst mit in den siebten Himmel und lässt dich dann fallen wie eine heiße Kartoffel.“

Erschrocken wandte sich Lily ihrer Schwester zu, die im Profil nun sehr streng wirkte. „Ich wusste ja gar nicht, dass du so von ihm denkst!“

„Ich kann den Kerl nicht ausstehen“, erklärte Hilary, ohne zu zögern. „Und besonders, seitdem mir klar ist, was er deinem Selbstvertrauen zugefügt hat. Für eine Frau in deinem Alter ist es nicht normal, keine Rendezvous zu haben. Du bist ja immer schon ein bisschen zurückhaltend gewesen. Aber nachdem Rauf dich sitzen gelassen hat, hast du dich regelrecht zu Hause eingeschlossen.“ Hilary verstummte kurz. „Es tut mir leid, das geht mich eigentlich nichts an.“

„Ach lass nur, es ist schon in Ordnung.“ Lily war gerührt über die Sorge ihrer Schwester und die Zuneigung, die daraus sprach. Glücklicherweise wusste diese nicht, wer ihr Vertrauen in das andere Geschlecht tatsächlich erschüttert hatte, und Lily war fest entschlossen, es für sich zu behalten. Aber sie war auch verletzt von Hilarys Sicht der Dinge. Es stimmte absolut nicht, dass sie sich zu Hause einschloss. Doch wenn sie ehrlich war, musste sie sich zwingen, zu den Rendezvous zu gehen, und hoffte jedes Mal, bei dem jeweiligen Mann das Gleiche zu empfinden wie bei Rauf.

Natürlich hatte es wehgetan, dass er so plötzlich nichts mehr von ihr wissen wollte. Aber schließlich war zwischen ihnen niemals von einer gemeinsamen Zukunft die Rede gewesen. Ganz im Gegenteil, Rauf hatte sogar gesagt, er wolle nicht heiraten. Deshalb war sie ihm aber nicht böse. Schließlich lag es nicht an ihm, dass sie sich Dinge eingebildet hatte. Nein, nein, sie war einfach noch zu jung und unerfahren und so verliebt gewesen! Da hatte sie nicht wahrhaben wollen, dass zu einer modernen Beziehung auch Sex gehörte. Und weil sie es nie dazu kommen ließ, hatte Rauf am Ende das Weite gesucht. Für ihn war sie eben nur ein unbedeutender Flirt gewesen.

„Nein, es ist nicht in Ordnung“, holte da Hilary Lily aus ihren Gedanken. „Du bist fast vierundzwanzig Jahre alt, und ich mische mich immer noch in dein Leben ein, als wärst du ein Teenager.“

„Mach dir deshalb keine Sorgen“, sagte Lily lächelnd. Hilary war wie eine Glucke und würde wohl nie aufhören, sich einzumischen. Nachdem ihrer beider Mutter bei Lilys Geburt gestorben war, hatte Hilary bei Lily deren Platz eingenommen. Lily wusste sehr gut, dass Hilary dafür auf vieles verzichtet hatte, und war ihr unendlich dankbar. Gern hätte sie ihr noch mehr geholfen, damit Hilary besser mit der neuen Lebenssituation fertig wurde. Doch leider arbeitete Lily mehr als hundert Kilometer entfernt in einer Kinderkrippe. Und wenn in wenigen Wochen das neue Schuljahr begann, konnte sie ihrer Schwester keine Hilfe mehr sein. Deshalb flog sie an ihrer Stelle in die Türkei, auch wenn sie sich in Wirklichkeit davor fürchtete, Rauf wiederzusehen.

Rauf ließ sich im großen Foyer des „Ägäis Court Hotel“ in einen bequemen Sessel sinken und bestellte ein Glas Mineralwasser. Da ihm das Hotel gehörte, sorgten seine Angestellten dafür, dass sich niemand auf Hörweite zu ihm setzte, damit er mit Lily allein sprechen konnte. Lily! Eigentlich erwartete er, nein, er hoffte sogar, enttäuscht zu werden, wenn er sie wiedersah. Keine Frau konnte so schön sein, wie er Lily in Erinnerung hatte.

Deshalb kam es ihm wie ein schlechter Witz vor, als sich die beiden Pagen überschlugen, um der nun eintretenden Frau die Tür aufzuhalten. Wenn sich Männer so benahmen, musste es sich um Lily handeln. Nur eine wahre Schönheit erregte derartige Aufmerksamkeit. Und da war sie!

Mit maskenhaft starrem Gesicht beobachtete Rauf, wie das gesamte männliche Personal des Hotels in Aufruhr geriet und Lily so tat, als würde sie es nicht bemerken. Immer noch schien sie eher zu schweben als zu gehen, wobei das lange, hochgeschlossene Leinenkleid ihre herrlichen Formen eher verdeckte. Wirklich zu sehen waren lediglich ihre bloßen Arme, die schmale, von einem Gürtel betonte Taille und die schlanken Fesseln.

Während Lily zur Rezeption ging, eilte der dafür zuständige Hotelangestellte förmlich an seinen Platz. Ihr bescheidener Aufzug, dachte Rauf dabei spöttisch, ist reine Provokation. Das schlichte Kleid unterstrich ihre klassische Schönheit, und das lange, im Nacken zusammengenommene Haar erregte Männerfantasien und weckte den Wunsch, es zu lösen und auf einem Kopfkissen auszubreiten.

Doch keine Frau, die so aussah, konnte ihm, Rauf, weismachen, sie wisse nichts davon. Ja, damals im Sommer vor drei Jahren hatte er sich selbst noch von ihrer Unschuldsmasche täuschen lassen, sonst wäre er gleich am ersten Abend mit ihr ins Bett gegangen. Spätestens da hätte er dann begriffen, dass sie nichts Besonderes war, nur eine ziemlich gerissene Schlampe.

Als Lily auf den Sessel zuging, den ihr der Hotelangestellte gezeigt hatte, begann ihr Herz wie wild zu schlagen. Nach wie vor konnte sie nicht glauben, dass sie gleich Rauf wiedersehen würde. Aber dann, als er aufstand, zuckte sie regelrecht zusammen.

Er war fast zwei Meter groß, hatte herrlich breite Schultern, schmale Hüften und auch sonst einen athletischen Körper. Sein markantes, sonnengebräuntes Gesicht mit „gut aussehend“ zu beschreiben, traf es nicht im Entferntesten. Er sah so umwerfend aus, dass sich selbst in der Londoner City, wo es vor gut aussehenden Männern wimmelte, reihenweise Frauen nach ihm umgedreht hätten. Das dichte schwarze Haar trug er kurz geschnitten und unterstrich damit seine markanten Züge. Die braunen Augen wirkten wie Magnete und konnten, das wusste Lily aus Erfahrung, dunkel glänzen wie Zartbitterschokolade oder goldfarben leuchten wie das Licht der untergehenden Sonne.

Rauf sah sie auf sich zukommen und atmete tief durch. Seine Erinnerung hatte ihn nicht getrogen, Lily war schön wie eine griechische Frauenstatue und wirkte so zerbrechlich, dass sein Beschützerinstinkt sofort geweckt war. Mühsam versuchte er, seinen Verstand über seinen Körper siegen zu lassen, doch dann gewann die Natur die Oberhand, und insgeheim verfluchte Rauf die Versuchung, die diese Frau immer noch für ihn darstellte.

Lily ihrerseits blieb einen halben Meter von ihm entfernt stehen, erschrocken, wie sehr Rauf sie aus dem Gleichgewicht brachte. Weder wusste sie, was sie sagen sollte, noch konnte sie den Blick von ihm abwenden. „Wir haben uns ganz schön lange nicht mehr gesehen“, brachte sie schließlich heraus und hätte sich ohrfeigen mögen, weil sie so atemlos klang.

„Das stimmt. Willst du etwas trinken?“

„Ein Glas …“, sie räusperte sich, „… Orangensaft, bitte.“

„Schön, ich nehme noch ein Glas Mineralwasser.“ Rauf, der während der Arbeitszeit niemals Alkohol trank, wies einen Angestellten an, ihnen das Gewünschte zu bringen. „Dann lass uns mal zum Geschäftlichen kommen“, sagte er daraufhin beängstigend kurz angebunden. „Ich habe keine Zeit zu verlieren.“

2. KAPITEL

Der Hotelangestellte brachte die Getränke und lächelte Lily bewundernd an.

„Vielen Dank“, sagte sie.

„Gern geschehen, schöne Lady“, erwiderte der junge Mann und lächelte weiter, bis Rauf ihn mit wenigen türkischen Worten dazu brachte, sich eiligst zurückzuziehen.

„Vielleicht hast du schon bemerkt, dass meine Landsleute auf blonde Frauen stehen“, erklärte er dann mit seiner dunklen Stimme.

„Ja“, antwortete Lily, „das habe ich.“ Dabei dachte sie an den Taxifahrer, der versucht hatte, ihr ein Gespräch aufzuzwingen, und an all die anderen Männer, die ihr in diesem Land so übertrieben viel Aufmerksamkeit schenkten.

Lässig zuckte Rauf mit den breiten Schultern. „Ich fürchte allerdings, Engländerinnen eilt der Ruf voraus, sie seien leicht ins Bett zu bekommen.“

„Wie soll ich denn das verstehen?“, fragte Lily errötend, doch Rauf sah sie nur spöttisch an, entschlossen, ihr nicht durchgehen zu lassen, dass sie das Unschuldslamm spielte.

Ungläubig drückte Lily die Aktentasche an sich und forschte in seinem Gesicht nach einer Erklärung für die unverschämte Bemerkung. Er hatte schöne Lippen und die Mundwinkel spöttisch hochgezogen. Unwillkürlich stellte sich Lily vor, wie aufregend es wäre, diesen herrlichen Mund auf ihrem zu spüren. Entsetzt über den Gedanken, konnte sie sich gleich darauf nicht einmal mehr erinnern, worüber sie gesprochen hatten.

Währenddessen musterte Rauf sie amüsiert. Sie wollte ihn also immer noch. Zumindest das war keine Lüge, sonst hätte sie den Blick nicht abgewandt.

Schließlich zwang sich Lily, ihm wieder in die Augen zu sehen, und erinnerte sich auch, worüber sie gesprochen hatten. „Wenn du nur so wenig Zeit hast, sollten wir vielleicht gleich das Missverständnis klären, das den Vertrag betrifft, den du mit meinem Vater abgeschlossen hast.“

„Da gibt es kein Missverständnis.“ Herausfordernd zog Rauf eine Augenbraue hoch.

„Das kann einfach nicht sein!“, rief Lily und suchte nervös in der Aktentasche nach den Unterlagen, die ihr Hilary zusammengestellt hatte.

Währenddessen fragte sich Rauf, was das Theater sollte. Seinem teuer bezahlten Leiter der Finanzabteilung war bestimmt kein Fehler unterlaufen. „Ich beabsichtige nicht, mir dieses Zeug anzusehen. Dein Vater hat die Termine für die Rückzahlungsraten nicht eingehalten, und das nicht nur einmal, sondern während der gesamten bisherigen Vertragslaufzeit. Das ist das Einzige, was zählt.“

„Dad würde niemals einen Vertrag brechen!“, entgegnete Lily alarmiert, dass Rauf nicht einmal einen Blick auf die Überweisungsformulare werfen wollte, die sie ihm hinhielt. „Letztes Jahr wurde eine beträchtliche Summe auf ein Konto bei deiner türkischen Bank in London überwiesen. Der Empfänger war die ‚Marmaris Media Incorporated‘. Ich kann alles belegen. Wenn dir das nicht als Beweis für ein enormes Missverständnis reicht, was dann?“

„Ich besitze überhaupt kein Konto bei einer türkischen Bank in London. Das hört sich mir doch sehr nach Steuerhinterziehung an.“

Lily wurde blass und ließ die Hand mit den Auszügen sinken. „Was, um alles in der Welt, willst du damit andeuten?“

„Dass es geradezu verdächtig ist, wie ähnlich sich Firmennamen sind!“

„Aber deine Firma ist doch die ‚MMI, Marmaris Media Incorporated‘!“, erwiderte Lily aufgeregt.

„Stimmt nicht, sie heißt ‚Marmaris Media International‘, und gerade du solltest das wissen.“ Jetzt war sich Rauf absolut sicher, dass Lily ihn täuschen wollte.

„Dann muss das Geld noch immer bei der Bank sein!“, rief Lily. In dem Durcheinander, das durch Hilarys Scheidung entstanden war, und durch die Übergabe der Geschäftsleitung an sie war eine Einwendung der Verantwortlichen der Bank wahrscheinlich untergegangen. „Ach du meine Güte“, fügte sie dann hinzu, „hoffentlich gibt es nicht tatsächlich eine Firma mit dem Namen, und das Geld wurde längst abgebucht!“

Ohne dass Rauf es wollte, fühlte er sich immer mehr in Lilys Bann geschlagen. Sie machte das wirklich gut, sah aus wie ein Engel und klang absolut überzeugend. Hätte er nicht gewusst, dass alles nur darauf angelegt war, ihn hinters Licht zu führen, wäre er ihr im Handumdrehen auf den Leim gegangen. Doch im Computerzeitalter war nichts leichter, als Überweisungsdokumente zu fälschen. Und sollte er sich tatsächlich auf ihr Theater einlassen und Einsicht in dieses zweifelhafte Konto fordern, wäre es natürlich leer. Gelder hin- und herzuschieben, um sie an der Steuer vorbei verschwinden zu lassen, war ja nichts Neues. Dass sich der alte Harris aber einbildete, er, Rauf, würde seinen Kopf dafür hinhalten und gleichzeitig noch auf die vereinbarten Ratenzahlungen verzichten, war wirklich der Gipfel.

„Glücklicherweise ist das nicht mein Problem“, antwortete Rauf scheinbar gelassen, während es in ihm rumorte. Einerseits war er verärgert über Lilys Verdrehung der Tatsachen, andererseits spürte er, dass er immer mehr auf sie reagierte. Während sie sich beim Sprechen vorbeugte, spannte sich der Stoff des Leinenkleides über ihren Brüsten, und Rauf wusste auf einmal, was er viel lieber getan hätte, als mit ihr zu reden.

„Schließlich ist es dein Geld! Das kann dir doch nicht egal sein!“ Lily sah ihm das erste Mal richtig in die Augen und schien seine Gedanken zu lesen. Sie spürte, wie ihr Herz höher schlug und sich ihre Brustknospen gegen das zarte Material des Spitzen-BHs drückten. Betroffen über ihre Reaktion, errötete sie und richtete sich wieder auf. Ob Rauf wohl noch spürte, welche Wirkung er nach wie vor auf sie hatte? Nun, er mochte gut aussehen – sogar sehr gut, was aber gar nichts entschuldigte, schließlich war sie nicht mehr in ihn verliebt!

Rauf seinerseits war inzwischen so verärgert, dass sich auch seine Erregung legte. Lily hatte ihn wieder daran erinnert, was für eine falsche Schlange sie war.

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