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What i like about you

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
    1. Twitter-Archiv – vor drei Jahren
    2. Direktnachrichten
  5. Eins
    1. One True Pastry – vor drei Jahren
  6. Zwei
    1. Juli, der Sommer vor Middleton
    2. Direktnachrichten
  7. Drei
    1. 3. September
  8. Vier
  9. Fünf
    1. 6. September
  10. Sechs
    1. 21. September
  11. Sieben
    1. 28. September
  12. Acht
    1. Nash an Kels, auf der Party
  13. Neun
    1. 29. September
  14. Zehn
    1. 1. November
  15. Elf
    1. 15. November
    2. 16. November
  16. Zwölf
    1. 21. November
  17. Dreizehn
    1. Nash an Kels, auf dem Ball
  18. Vierzehn
    1. Kels' Posteingang
  19. Fünfzehn
    1. Nash an Kels, eine Woche im Dezember
  20. Sechzehn
    1. Kels' Direktnachrichten während der Weihnachtsferien     (Amy, Elle und Samira)
    2. (Nash)
  21. Siebzehn
  22. Achtzehn
    1. Halle und Nash, 3. Januar
  23. Neunzehn
    1. 1. März
  24. Zwanzig
    1. One True Pastry – Cupcake-Ankündigung
  25. Einundzwanzig
    1. 1. April
    2. Direktnachrichten     (Nash an Kels)
  26. Zweiundzwanzig
    1. 6. April
  27. Dreiundzwanzig
    1. 6. April
  28. Vierundzwanzig
    1. 11. April
  29. Fünfundzwanzig
    1. 28. Mai
  30. Sechsundzwanzig
    1. Der Morgen der BookCon
  31. Siebenundzwanzig
    1. #BookCon
  32. Achtundzwanzig
  33. Danksagung

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Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Röhl

In liebevollem Angedenken an meine Großmütter,

Sheila Shapiro und Beatrice »Peppy« Kanter

Twitter-Archiv – vor drei Jahren

Nash Stevens @Nash_Stevens27 vor drei Stunden

Ankündigung: Ich starte auf Outside the Lines eine wöchentliche Web-Cartoon-Serie! Sie heißt REX, es geht um Dinosaurier, und ich würde mich freuen, wenn ihr mal reinsehen würdet. Posts werden freitags um 18 Uhr östliche Sommerzeit hochgeladen. Folge #1 ist jetzt online! https://bit.ly/33OWH4Y

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Kels @OneTruePastry vor 55 Minuten

@Nash_Stevens27 Hi OMG Ich kann nicht mehr. So toll!

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Kels @OneTruePastry vor 50 Minuten

ICH KANN NICHT GLAUBEN, DASS ERST EINE FOLGE RAUS IST, UND @Nash_Stevens27 HAT MICH JETZT SCHON ERLEDIGT?! Ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass REX mir das Herz brechen UND meine neueste Sucht werden wird. Seht euch das an! https://bit.ly/33OWH4Y

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Nash Stevens @Nash_Steves27 vor 6 Minuten

Wow, danke, @OneTruePastry!

Direktnachrichten
   

Nash Stevens
Hey – noch mal danke für das Shoutout! In den letzten zehn Minuten habe ich 150 neue Follower reinbekommen. Wie hast du das ANGESTELLT?

Zauberei!

Ich hatte nicht mal eine Ahnung, dass du meinen Blog liest.

Wegen deiner Besprechung habe ich MAUS gelesen, und es hat mein Leben verändert. Ehrlich.

Das ist das Netteste, was je jemand im Internet zu mir gesagt hat.

Gern geschehen! Kannst mich als Fan betrachten.

Glaube, du bist mein erster Fan. Niemand im Real Life weiß wirklich, dass ich das mache. Oder wusste. Schätze, jetzt wissen alle Bescheid.

Ja, so ist das im Internet. Mal daran gedacht, ein Pseudonym zu benutzen?

Wer sagt, dass das keins ist?

Okay, der geht an dich. Moment mal. Geht er nicht. Du hast das selbst angedeutet, als du meintest, jetzt wüsste jeder Bescheid.

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Jetzt, wo du dich als KÜNSTLER geoutet hast und alles, muss ich einfach fragen … hast du deinen Blog selbst designt?

Ich versuche meinen seit Monaten zu individualisieren, aber ich bin so beschissen in HTML, dass ich ihn am liebsten in die Luft jagen würde. Nichts kommt so raus, wie es in meinem Kopf aussieht.

Oh. Ich meine, ja, aber das ist nichts Besonderes. Ich kann dir ein paar von den Links schicken, mit denen ich angefangen habe, wenn du mir das Rezept für diese Red-Velvet-Cupcakes gibst, die du gestern hochgeladen hast.

LOL. Keine Chance.

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Eins

Die Blumen sind verblüht, um mich herum sehe ich nur Orange, und auf der Suche nach einem Ladegerät für mein Handy habe ich die Sachen aus meinem Koffer im ganzen Zimmer verteilt. Überall liegen Klamotten. Ich meine überall. Man würde nicht darauf kommen, dass sich unter meinen in Haufen verstreuten Sachen weißer Teppich befindet. Aber ich hatte einen guten Grund für dieses Chaos.

Die – bisher – wichtigste E-Mail meines Lebens könnte bis 17 Uhr in meinem Posteingang aufschlagen, und ausgerechnet jetzt ist mein Handy tot.

Soweit ich weiß, könnte die Mail jetzt schon auf mich warten.

Betreff: Cover-Reveal von »Zwischen den Lügen lesen«: Du bist NICHT würdig.

Betreff: Wir haben den Cover-Reveal an »Entertainment Weekly« gegeben. Und wer bist du überhaupt?

Betreff: Wenn du glaubst, DAS wären viele Instagram-Follower …

Ich werfe eine letzte Wolljacke beiseite und entdecke … nichts. Der Koffer ist leer.

Ich blinzle. Mein Ladegerät ist nicht da. Aber wo könnte es sonst sein?

Ich weiß, dass es nicht in meiner Handtasche ist.

Trotzdem sehe ich ein drittes Mal darin nach.

Ich kann mir nicht mal eins ausleihen. Der Entschluss, bei Android zu bleiben, obwohl alle in meiner Familie iPhones haben, war wohl buchstäblich die schlechteste Entscheidung meines Lebens. Ich bin jetzt seit drei Stunden und dreiunddreißig Minuten offline, und ich kann mir ungefähr 333 Dinge vorstellen, die inzwischen passiert sein könnten. Mein Handy hat sein tragisches Ende gefunden, als es gerade dabei war, das Postfach zu aktualisieren; in der zehnten Stunde der zwölfstündigen, endlos scheinenden Fahrt von Charlotte, North Carolina, zu meinem neuesten provisorischen Zuhause in Middleton alias Irgendwo im Nirgendwo, Connecticut.

Ohne ein Ladegerät ist meine einzige Verbindung zum Reich des Normalen abgerissen. Stattdessen sitze ich hier fest, ohne Internet, mit verblühten Blumen, meinem absolut nicht wiederzuerkennenden Grandpa und orangefarbenen Wänden.

Ich hasse orange. Selbst beim Regenbogen wäre es mir lieber, wenn das Rot direkt zu Gelb springen würde.

Dabei habe ich mir dieses Orange selbst ausgesucht. Kurz nach unserer Ankunft bin ich in Tante Liz' Horror-Kinderzimmer aus den 1970ern marschiert und habe es in Beschlag genommen. Ich weiß, morgen früh werde ich das bereuen. Aber jetzt gerade brauche ich dieses Zimmer. Es ist die einzige Stelle, die sich noch so anfühlt wie das Haus meiner Großeltern. Alle anderen Räume sind renoviert und modern; überall stehen Glastische und unbequeme cremeweiße Möbel, und es wurde frisch gestrichen. Kein Garten mehr. Keine Bilder. Keine Bücher.

Grandma wäre entsetzt.

»Halle.«

Ich blicke auf. Ollie steht in der Tür und wedelt mit meinem Ladegerät.

»Keine Ahnung, wie das zwischen mein Zeug geraten ist«, sagt er.

Ich auch nicht. Aber das macht nichts. Es ist hier.

»Du bist mein Held.«

Ich schnappe mir mein Handy vom Boden und strecke die Hände aus, weil ich damit rechne, dass Ollie mir das Ladekabel zuwirft. Was er nicht tut. Stattdessen lehnt mein fünfzehnjähriger Bruder sich mit dem Rücken an den Türrahmen und lässt sich die hellbraunen Haare in die Augen fallen.

»Mom hat gleich den nächsten Heulanfall. Dad reagiert allergisch auf Scout. Und Gramps schimpft über den Aufstieg des Faschismus. Eben hat sie mich angesehen und gefragt: ›Hast du überhaupt eine Ahnung, was Faschismus ist?‹ Dabei weiß inzwischen jeder, der auch nur eine Gehirnzelle besitzt, was Faschismus ist. Habe ich natürlich nicht gesagt.«

Ich trete einen Schritt auf ihn zu und lege eine Hand auf seinen Arm. »Ollie.«

Er atmet genervt aus. »Das hier ist auch für mich schwer, okay? Ich brauche dich da unten.«

»Ich bin hier versackt«, sage ich. »Tut mir leid.«

»Alles sieht so anders aus«, meint Ollie.

»Ich weiß.«

»Grandpa trägt die gleichen Nikes wie ich.«

»Ich weiß.«

»Vielleicht war das hier …« Ollie lässt den Satz auslaufen, ohne ihn zu beenden.

Ein Fehler. So geht Ollies Gedanke zu Ende. Das weiß ich, weil ich dasselbe denke.

Ich drehe Grandmas Halskette mit dem Hamsa-Anhänger zwischen den Fingern. »Es ist erst ein halbes Jahr her.«

Ollie nickt. »Sollen wir deine Mails unten ansehen? Zusammen?«

»Gehen wir«, sage ich.

Ollie legt mir das Ladegerät in die Hand, und ich lächle. Ollie weiß über meinen Blog Bescheid. Er weiß, wie wichtig diese E-Mail ist. Er hat meine Bewerbung für den Cover-Reveal fünfmal gelesen, weil er der Beste ist. Er liest Young-Adult-Romane für mich, und ich bemühe mich seinetwegen, die Baseballtabellen zu verstehen. So sind wir einfach.

Ich folge ihm die Treppe hinunter und durchs Wohnzimmer in die Küche. Dabei ignoriere ich die kahlen, bilderlosen Wände und die fehlenden Bücherregale. Ich starre auf Ollies Hinterkopf und schlucke den Kloß von Gefühlen, der in meiner Kehle steckt, hinunter. Grandma hätte die Bilder nie abgenommen.

Alle Fotos aus meinem Leben sind in Ordnern auf meinem Computer archiviert. Bei Grams und Gramps hingen die Bilder an den Wänden. Überall Fotos – im Wohnzimmer, an den Küchenwänden, im Treppenhaus und in Alben auf dem Sofatisch. Vertraute Gesichter. Fremde Gesichter. Bei jedem unserer Besuche bekamen wir eine neue Geschichte erzählt, die auf einem der Bilder basierte. Eine Geschichte pro Besuch, das war Grams Regel. So konnten wir darüber nachdenken – und dafür kämpfen –, zu welchem Bild wir etwas hören wollten.

Eines Tages würden wir alle Geschichten kennen. Das hatte Grams gesagt.

Ich wollte in Grams' Haus leben.

Aber das hier ist nicht mehr ihr Haus.

»Hab sie gefunden«, erklärt Ollie. »Und mit einem Ladekabel hergelockt.«

Dad niest. »Typisch.«

Ich öffne den Mund, um etwas zu kontern, stutze aber bei seinem Anblick. Er hält Scout, Grandmas reizenden Malteserpudel, auf dem Schoß – eindeutig die Quelle seines plötzlichen Niesanfalls – und sitzt an einem Glastisch.

Wie soll man auf einem Glastisch Cupcakes dekorieren? So ein Tisch eignet sich nicht wirklich für Küchenschlachten.

Früher war diese Küche ein Backtempel. In zwei Regalfächern neben dem Herd standen stolz Grams edler Standmixer und ihr ganzes hochkarätiges Zubehör zur Erschaffung von Cupcakes. Der Küchentisch bestand aus massivem Holz und war perfekt, um darauf alle Zutaten für einen langen Backnachmittag auszubreiten.

Jetzt steht hier ein Glastisch. Und die Regale sind verschwunden.

Grandpa ist nicht mehr da. Ich meine, ich weiß schon, dass der Mann, der neben Dad sitzt, Gramps ist. Das weiß ich.

Aber er ist es auch nicht. Also, so gar nicht.

Er ist dünner. Und unordentlicher. Mein Gramps trug das Haar immer kurz und war glattrasiert. Dieser Gramps hat einen Vollbart, und unter seinem Basecap schaut ein kurzer Pferdeschwanz heraus. Er trägt ein bedrucktes T-Shirt und Cargo-Shorts. Und die gleichen Nikes wie Ollie.

»Hi, Gramps«, sage ich mit leiser Stimme.

Gramps nickt. »Hal.«

Sein Lächeln wirkt gezwungen. Er verzieht nur die Lippen und zeigt keine Zähne, und ich bin mir nicht sicher, wie ich reagieren soll. Wahrscheinlich sollte ich ihn umarmen, oder? Ihm die Hand zu schütteln wäre komisch, nehme ich an. Ich meine, das ist Gramps. Mein Gramps, der mir alles beigebracht hat, was ich über Johnny Cash weiß, und mir Bilderbücher vorgelesen hat, bis ich auf seinem Schoß eingeschlafen bin. Mein Gramps, der sich grundsätzlich in die fast täglichen Telefonate eingeschaltet hat, die ich mit Grams geführt habe; Anrufe, bei denen wir uns immer stundenlang über die besten Bücher, die wir je im Leben gelesen hatten, ausließen. Bis das nächste beste Buch, das wir je gelesen hatten, auftauchte. Gramps versuchte dann, das Gespräch auf Sachbücher und politische Memoiren zu lenken. Ihr Frauen und eure Bücher, sagte er und gab sich unter herzhaftem Gelächter geschlagen. Nichts hat mir je ein breiteres Strahlen aufs Gesicht gezaubert als sein Lachen aus hunderten Meilen Entfernung. Tu etwas, Halle. Wir sind meinetwegen hier. Ich bin diejenige, die sich verzweifelt wünscht, in dieser Welt ohne Grandma wieder eine Beziehung zu Gramps aufzubauen. Aber jetzt, wo ich hier bin und er vor mir sitzt? Jetzt, wo ich zu ihm ziehen werde? Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Das ist das Problem mit Worten. In meinem Kopf sind Worte magisch. Meine Gedanken sind wortgewaltig und stürmisch. Auf meiner Website sind Worte Musik. Im Klicken meiner Tastatur, im Kratzen des Bleistifts, der auf Papier trifft. In der Schönheit des Radiergummis, der Löschtaste. Auf der Seite singen und tanzen die Worte in exakter Ausdrucksweise und komplizierten Rhythmen in meinem Kopf.

Aber laut ausgesprochen? Dann sind Worte das Schlimmste.

»Gramps hat uns gerade nach dem College gefragt«, erklärt Mom.

Gramps nickt. »Willst du immer noch auf die NYU?«

»Immer noch auf die New York University.«

Das war immer der Plan: in Grandmas Fußstapfen zu treten.

Bachelor an der NYU. Praktika bei den fünf großen Verlagen. Nach dem Abschluss ein Job im Verlagswesen.

»Die Konkurrenz an den Hochschulen ist heutzutage stark«, meint Gramps. »Es ist jetzt viel schwieriger, sich erfolgreich bei einem College zu bewerben.«

Ich ziehe die Mundwinkel nach unten. »Ich weiß.«

Ich weiß wirklich, dass es nicht einfach ist, bei der NYU angenommen zu werden. Mindestens zehnmal täglich denke ich daran. Deswegen bin ich ja hier, statt Mom und Dad bei ihrem nächsten Abenteuer zu begleiten – um mich darauf zu konzentrieren, die Vorbereitungskurse fürs College auf die Kette zu kriegen, meine Blogpräsenz auszubauen, mich weiter als realistische Medienalternative für Autoren zu profilieren und der Bücherwelt und der Zulassungsstelle der NYU zu beweisen, dass ich vom Schicksal dazu bestimmt bin, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, indem ich Bücher anpreise. Ich will allen zeigen, dass die Verlagswelt genau mein Ding ist.

»Tja, ich bin mir ziemlich sicher, dass Halle es an die NYU schafft, genau wie es mir bestimmt ist, für die Profi-Baseballliga rekrutiert zu werden«, sagt Ollie.

»Na dann … hatschi … wenn es vom Schicksal so vorgesehen ist«, sagt Dad.

Gramps schnaubt wegwerfend. »Die Profi-Baseballliga? Viel Glück dabei, Kleiner.«

Ollie macht das nichts aus. Er schüttelt bloß den Kopf und grinst selbstgefällig. »Du hast mich noch nicht spielen gesehen.«

Gramps wendet sich jetzt an Mom. »Wie läuft die Vorproduktion, Maddie?«

Er ist der Einzige, der sich erlauben kann, Mad Levitt »Maddie« zu nennen.

»Ach, wirklich gut sogar! Unsere Locations sind genehmigt …«

Und einfach so, direkt vor meinen Augen, sind meine Eltern plötzlich nicht mehr meine Eltern. Sie sind Madeline und Ari Levitt, Regisseure, oscarnominierte Regisseure. Ernsthaft, meine Eltern sind der Leonardo DiCaprio der Kategorie Dokumentarfilm (Spielfilmlänge). Sechs Nominierungen. Sechs, und der Oscar geht an [Name, der nicht der meiner Eltern ist]. Status: null Oscars.

Leo musste für seinen ersten rohe Büffelleber essen.

Für ihren werden meine Eltern ein Jahr in einem Kibbuz verbringen.

»… wir fangen nächste Wochen in Kinneret an zu filmen und arbeiten uns durch vier verschiedene Kibbuze nach Süden vor.«

»Warte mal …« Dad niest. »Du sagst, dass alles startklar ist … bevor wir überhaupt ankommen?«

»Zweifelhaft«, werfen Ollie und ich ein.

»Angeblich«, verbessert sich Mom.

Gramps wirkt verdutzt. »Sollte es das nicht?«

Ollie klopft Gramps auf die Schulter. »Das Leben eines Regisseurs ist leider unvorhersehbar, Gramps. Du würdest das hassen.«

Gramps nickt. »Ja.«

Mom schüttelt den Kopf. »Stimmt, so würdest du das empfinden, Ben. Aber eigentlich ist das die beste Art von Unvorhersehbarkeit. Es bedeutet, der Story …«

Ich trete ein paar Schritte zurück und nehme Kurs auf die freie Steckdose über der Arbeitsplatte. Nachdem Mom jetzt offiziell zu ihrer berühmten Rede angesetzt hat, dass man der Story folgen soll, wo immer sie einen hinführt, kann ich mein Handy aufladen. Endlich. Ich kann zwar keine verwelkten Blumen wieder zum Blühen bringen oder die Küche so aussehen lassen wie in meiner Erinnerung. Aber immerhin habe ich Smalltalk gemacht, ohne in Tränen auszubrechen. Ein kleiner Sieg.

Ich stecke mein Handy ein und tippe zerstreut mit den Fingern auf die Granitarbeitsplatte, während ich darauf warte, dass es wieder zum Leben erwacht. Ich zähle die Sekunden, damit sie schneller vorübergehen: 152, 153, 154 …

Und endlich ist mit einer Reihe von Vibrationen und Benachrichtigungen Kels – Jugendbuchbloggerin und Gründerin von One True Pastry – wieder im Netz.

Es ist überwältigend, wie viel ich verpasst habe. Zweiundvierzig neue E-Mails. Fünfundzwanzig Twitter-Nachrichten. Hunderte von Direktnachrichten.

Aber null Nachrichten von Ariel Goldbergs PR-Referentin.

Nervös stoße ich die Luft aus. Und atme dann genauso nervös wieder ein.

Als ich zwölf war, hat Grandma mich Ariel Goldberg vorgestellt, einer meiner liebsten Jugendbuchautorinnen. Es fühlt sich passend an, dass ich ausgerechnet heute herausfinden werde, ob ich das Cover ihres neuesten Buches Zwischen den Lügen lesen auf meinem Blog enthüllen darf. Passend, aber auch furchtbar nervenzerfetzend.

Was, wenn die Ablehnung überhaupt nicht kommt? Wenn ich nicht einmal einer Antwort würdig bin? Oder wenn Ariels Werbeteam meinen Pitch gelesen und gelacht hat? Ariel ist jetzt eine Bestsellerautorin, die schon ihr viertes Buch herausbringt; ihre Bücher sind jetzt «bei Kritikern und beim Publikum erfolgreich«. Da braucht sie meine Cupcakes nicht. Das Cover eines Ariel-Goldberg-Romans steht jetzt nur anspruchsvollen Plattformen zu. Richtigen Magazinen mit Abonnenten. Literaturkritikern. Erwachsenen.

Ich bin bloß ein Teenager und backe Cupcakes, die zu Buchcovern passen. Und ich habe eine Meinung – wie alle anderen im Internet.

Aber auch 20.000 Twitter-Follower, die Wert auf diese Meinung legen, rufe ich mir ins Gedächtnis.

Ich stütze die Ellbogen auf der Arbeitsplatte auf und arbeite mich durch meine Benachrichtigungen. Das ist irgendwie beruhigend. Halles Realität ist das totale Chaos; nichts fühlt sich vertraut an. Aber Kels' Welt? Abgesehen davon, dass ich auf diese E-Mail warte, sieht es darin so wunderbar wie immer aus.

Mit vierzehn habe ich Kels erschaffen, und Kels hat One True Pastry kreiert, einen Blog, der sich mit den zwei tollsten Dingen auf der Welt beschäftigt – Young-Adult-Romanen und Cupcakes. Sie ist so ziemlich das Beste, was mir im Leben je passiert ist.

Nachdem ich all meine Nachrichten durchgesehen habe, widme ich mich wieder dem Gespräch in der realen Welt. Gramps erkundigt sich weiter nach dem Dokumentarfilm. Mom und Dad reagieren mit Enthusiasmus. Wir waren nicht mehr in Israel, seit wir als Jugendliche diese gesponserte Reise gemacht haben, und das ist so eine tolle Gelegenheit für einen Film, und dieses Mal muss die Filmakademie reagieren. Da ist es absolut in Ordnung, dass ich noch kurz in meine Direktnachrichten sehe, bevor ich wieder hinhöre.

Ich tippe auf die erste Nachricht, die ich beantworten will.

WAS
10.39

w a s ?
10.40

Du hast noch NIE Herr der Ringe gesehen? Echt noch nie?
Ich bin sprachlos.
10.41

Eigentlich nicht. WIE KANN DAS SEIN?
10.41

… Kels?
11.20

Du lässt einfach so eine Bombe platzen und verschwindest dann? Hoffe, du weißt, dass der Herr-der-Ringe-Marathon zu deiner Einführung schon in den Startlöchern steht. Extended Edition. Du hast ja keine Ahnung.
12.34

Ich lächle. Nash bricht einen Streit wegen Herr der Ringe vom Zaun, und das ist mit Abstand das beste Gespräch, das ich heute hatte. Ich bin so dankbar für diese Dosis Normalität.

Hey.
12.49

Sorry, Handy hat den Geist aufgegeben. (ernsthaft!)
12.50

Okay, lass mich ausreden. Der Hobbit stand auf der Leseliste für die Sommerferien vor der neunten Klasse, und? So viele Beschreibungen von Steinen? Ich weiß ja nicht.
Ich hab‘s nicht ausgelesen.
12.52

Trotz meiner langen Pause kommt die Antwort sofort. Als hätte er auf mich gewartet.

WOW
12.54

Erstens liegst du falsch. Zweitens kannst du dir vom Hobbit nicht das ganze Erlebnis ruinieren lassen!
12.54

Aber er ist ein TEIL davon.
12.55

JA UND ER IST AUCH GROSSARTIG.
12.56

empty
12.56

»Halle.«

Moms Stimme lässt mich zusammenzucken, und mein Handy rutscht mir aus der Hand und scheppert auf die Granitplatte.

»Tut mir leid, ich …« Ich blicke mich um. Die Küche ist leer. Wir sind die letzten. »Moment mal. Wo sind die anderen geblieben?«

Manchmal, wenn ich mit Nash schreibe, bin ich so weggetreten, dass ich alles um mich herum völlig ausblende.

»Scout musste raus.« Sorgenfalten stehen auf Moms Stirn. »Weißt du, es ist nicht zu spät, um deine Meinung zu ändern. Ich meine, es hat wohl keiner von uns damit gerechnet, dass Gramps so …«

Ich schüttle den Kopf. »Es ist erst sechs Monate her.« Mom versucht uns eine goldene Brücke zu bauen, aber ich lasse Gramps auf keinen Fall im Stich. Er ist mehr denn je darauf angewiesen, dass wir keinen Rückzieher machen. Mom ist gut darin, Wahrheiten aufzuspüren, aber dafür kommt sie nicht so gut mit denen klar, die sich ihr umgekehrt aufdrängen.

Ihre Miene wird weicher. »Ach, ich weiß ja, Schätzchen. Natürlich ist er traurig. Wir alle sind es. Aber dein Dad telefoniert fast jeden Tag mit ihm, und … na ja, wir dachten, er wäre … besser beieinander. Und das Haus … Hör mal, ich weiß ja, dass du herkommen wolltest, aber ich sage ja nur, dass du immer noch mit uns gehen kannst. Wir stellen die besten Nachhilfelehrer ein. Du schaffst deinen Abschluss pünktlich. Nächstes Jahr um diese Zeit begleiten wir dich an die NYU. Außerdem wird diese Reise unser Leben verändern. Überleg mal, wie viel näher wir unserer Kultur kommen werden.«

Mom kapiert es einfach nicht. Wir waren immer eine Levitt-Familienproduktion; egal ob wir gerade die ethischen Konsequenzen der Rinderhaltung im mittleren Westen recherchiert, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Strände der Outer Banks vor North Carolina untersucht oder enthüllt haben, was Gentrifizierung in Großstädten wirklich bedeutet.

Ich liebe es, zusammen mit meinen Eltern Jagd auf Geschichten zu machen, aber ich kann einfach nicht mit ihnen nach Israel gehen. Es geht nicht mal nur darum, pünktlich meinen Abschluss zu machen. Vielmehr will ich mein letztes Schuljahr für mich haben – ich habe große Pläne für One True Pastry, und ich will mir einen Lebenslauf aufbauen, der der NYU würdig ist, einen Lebenslauf, der geradezu Verlagswesen schreit.

Wenn ich ja sage, sitze ich in einer weiteren Levitt-Familienproduktion fest, abgelenkt von langen Drehtagen, dem Auswechseln von Kameralinsen für die perfekte Einstellung, dem Korrekturlesen von Interviewfragen – dem vertrauten, wohligen Chaos eines Filmdrehs. Dieses Chaos habe ich nicht mehr gespürt, seit meine Eltern, die niedergeschmettert waren, weil sie zum sechsten Mal den Oscar nicht bekommen hatten, vor drei Jahren mit uns nach Charlotte gezogen waren, um sich eine Auszeit für das Großziehen ihrer Teenager zu nehmen. Bei einem Filmdreh hinter der Kamera zu stehen, kam dem Zuhause, das ich nie hatte, noch am nächsten – bis ich Kels erschaffen habe.

Wenn ich mitkomme, wird der Blog in dem vollen Zeitplan meiner Eltern untergehen, in dem ich auch noch die Schule unterkriegen muss.

Ich kann mir nicht leisten, ein Jahr Pause zu machen.

Meine Onlinepräsenz wird sich in Luft auflösen. Bei der NYU werde ich nichts vorzuweisen haben. Kels wird nicht mehr existieren.

»Ich bleibe. Für Gramps.« Für mich.

Mom nickt. »Das verstehe ich ja. Ich meine bloß, dass es schwerer werden könnte, als du denkst.«

»Es ist sowieso jeden Tag schwer.«

Mom breitet die Arme aus, und ich stürze mich hinein. Sie streichelt mir übers Haar, als wäre ich wieder ein kleines Mädchen. Früher sahen unsere Haare immer gleich aus. Lang und mittelbraun. Jede Frisur, die sich Mom für den Tag aussuchte, machte sie auch mir. Wenn Mom sich die Haare flocht, bekam auch ich einen geflochtenen Zopf. Am liebsten mochte ich die Tage, an denen sie unsere Zöpfe auf dem Kopf hochsteckte. Dazu kommt, dass wir auch noch die gleichen grünen Augen und das gleiche kleine Muttermal über der Lippe haben. Am Set nannten mich alle Mini-Mad.

Inzwischen trage ich mein Haar schulterlang und gestuft.

Das von Mom ist noch so lang wie immer. Zur Hölle mit der Altersdiskriminierung. Zitat Mom.

Sie wird mir so fehlen.

Mom lässt zuerst los und wirft einen Blick auf ihre Smartwatch. »Wir müssen los.«

Ich kaue immer noch auf meiner Wange und nicke.

»Komm schon, die Jungs sind alle draußen.«

Ich folge ihr durch die Hintertür. Als sie Dad, Gramps und Ollie »die Jungs« genannt hat, habe ich wie in einem Flashback Sand zwischen meinen Zehen gespürt und blühende Hortensien gerochen. Früher haben wir die Sommer immer in Middleton verbracht. Wenn wir nicht drehten, waren wir hier. Aber jetzt haben wir August, und vor uns liegt ein ganzes Jahr in diesem Ort.

Als ich Dad erreiche, umarmt er mich. Wir sagen nicht viel, aber das ist auch nicht nötig. Dad ist kein Mann der vielen Worte. Größtenteils spricht er durch Cupcakes und Kameraführung. Ich weiß, dass er mir Bilder aus Israel schicken wird, und kann es kaum erwarten.

»Pass auf Gramps auf«, flüstert er mir ins Ohr.

»Ich werde nicht heulen. Ich werde nicht heulen«, erklärt Mom, bevor sie Ollie und mich in eine Gruppenumarmung zieht und prompt in Tränen ausbricht.

Jetzt ist es also soweit. Wir haben schon darauf gewartet. Mom heult immer dreimal hintereinander, und auf der Fahrt nach Middleton ist es erst zweimal passiert. Es ist, als wäre diese drei-Akt-Struktur in ihren Genen verankert.

Wie auf Kommando dreht sich Gramps mit Scout auf dem Arm um und tritt den Rückzug nach drinnen an. Das Erste, was typisch Gramps ist, seit wir angekommen sind: Er flüchtet vor Moms Tränen, wie eigentlich immer schon.

Mom wischt sich über die Augen. »Na, gut.« Sie blickt zwischen Ollie und mir hin und her. »Ich hab euch lieb. Wir haben euch beide lieb.«

»Wir werden euch lieber haben, wenn ihr einen Oscar gewinnt«, sagt Ollie.

»Fühlt euch aber nicht unter Druck gesetzt oder so«, füge ich hinzu.

Mom verdreht die Augen, aber sie lacht. Ollie findet immer die richtigen Worte.

»Okay, noch einmal drücken. Dann fahren wir – versprochen!«

Nach einer letzten Runde Umarmungen steigen Mom und Dad in den Transporter und fahren zum Flughafen JFK. Dort geht es ins Flugzeug und dann um die halbe Welt.

Dass ich weine, fällt mir erst auf, als sie schon fort sind.

One True Pastry – vor drei Jahren

Neuerscheinungen, die ihr lesen / Cupcakes, die ihr essen solltet

GLÜHWÜRMCHEN UND DU von Alanna LaForest

Also los. #50. Der Eintrag, den ich die ganze Woche auf Instagram angeteasert habe.

Ich kann nicht glauben, dass ich gerade #50 getippt habe. Fünfzig Buchrezensionen. Fünfzig Rezepte. Habt ihr eine Ahnung, wie viele Cupcakes das sind? Ich kann’s euch nicht mal sagen, weil mein Bruder immer schon die ersten aufhat, bevor ich eine Chance habe, sie zu zählen. Glücklicherweise. Falls ihr euch Gedanken über die Verschwendung von Lebensmitteln macht, könnt ihr beruhigt sein. Von diesen Cupcakes bleibt nie etwas übrig.

Heute gibt es Zitronen-Cupcakes mit Lavendelguss, mit Goldglitter bestreut. Inspiriert von meinem neuen Lieblingsbuch, das ihr wahrscheinlich noch nicht gelesen habt – was absurd ist! Also dachte ich: Wie kann ich dieses Buch auf den Twitter-Radar der Young Adult-Leser bringen? Ich kann eine begeisterte Rezension schreiben, aber ich weiß, dass viel mehr Leute meine #CupcakeCoverReveals auf Instagram ansehen.

Daher habe ich aus sechsunddreißig Cupcakes einen Buchcover-Kuchen zusammengesetzt.

Nach fünfzig Cupcake-Rezepten habe ich also #CupcakeCoverReveal endlich wörtlich genommen. Nichts zu danken.

Diese Cupcakes schmecken nach Frühling und sind die perfekte Medizin gegen diesen endlosen Winter. Und genau das Gleiche gilt für Glühwürmchen und du. Wenn ihr mich fragen würdet, wie oft ich dieses Buch gelesen habe, wäre meine Antwort zweimal.

Doch das wäre gelogen. Die Wahrheit ist: dreimal. Ich habe dieses Buch dreimal gelesen, und ich kriege es einfach nicht mehr aus dem Kopf!

Also, worum geht es in diesem Buch, Kels?

Glühwürmchen und du spielt in der Gegenwart und ist das YA-Buch meiner Träume. Natürlich lassen die romantischen Elemente nichts zu wünschen übrig, aber sie sind nichts im Vergleich zum Kern der Geschichte: einer Freundschaft, in der beide so abhängig voneinander sind und die so kompliziert ist, dass man nie weiß, auf wessen Seite man stehen soll.

Jedes Jahr wartet Annalee auf die Glühwürmchen. Sommer bedeutet für sie Schwimmen, zwei Teilzeitjobs, um fürs College zu sparen, Jonah Beckett zu küssen – und Glühwürmchen. Dieses Phänomen zeichnet ihre Kleinstadt in der Nähe von Baton Rouge aus. Niemand kann erklären, warum die Glühwürmchen immer wiederkommen. Und mit ihnen kehrt stets auch Maisy Daniels zurück, Annalees beste Freundin, und alles ist perfekt.

Nur, dass diesen Sommer Annalees und Maisys Freundschaft zerbrochen ist und sie kaum noch miteinander reden. Annalees Erzählperspektive verläuft chronologisch und die von Maisy umgekehrt. Beide sind komplex miteinander verwoben und laufen auf den Abend zu, an dem sie sich zerstritten haben. Wirklich wild, aber es lohnt sich sowas von, herauszufinden, was passiert ist.

So, und jetzt erzähle ich nichts mehr über die Handlung, um euch nicht zu spoilern!

Aber was die Atmosphäre angeht, haben mir an diesem Buch besonders die unbeschwerten Momente gefallen. Es klingt erst mal bedrückend, so ein Buch über das Ende einer Freundschaft, bei dem man die ganze Zeit hofft, dass Annalee und Maisy ihr Problem lösen und wieder einen Weg zueinander finden. In Teilen ist es das auch wirklich. Aber es wird auch viel gelacht, es gibt jede Menge Ambiente und die beste Schilderung von Sommern im viel zu heißen Süden, die ich je gelesen habe (und ich habe dort gelebt!).

Jedenfalls ist es eine Tragödie, dass das Buch nur 24 Bewertungen bei Goodreads hat. Ich werde bis zum Ende aller Zeiten in den sozialen Medien für Glühwürmchen und du werben, bei jeder Gelegenheit dafür trommeln und mir die Lunge aus dem Hals schreien!

Mit Liebe (& Cupcakes), Kels

Und wie immer: Taggt mich in euren Posts über Cupcakes!! Ich LIEBE es, eure wunderschönen, von Büchern inspirierten Kreationen zu sehen.

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inl
Zwei

Man sollte meinen, wir Levitts wären Minimalisten.

Ich meine, allein für Gentrify, U.S. sind wir sechs Mal in zwei Jahren umgezogen – einen Dokumentarfilm, der die realen Auswirkungen der Gentrifizierung in amerikanischen Städten anprangert. Im Alter von neun bis elf habe ich in Brooklyn, Boston, Chicago, D.C., San Francisco und Seattle gewohnt.

Ab Chicago habe ich aus dem Koffer gelebt. Sinnlos, so zu tun, als würde man bleiben.

Bei jedem Umzug und jeder neuen Doku versprachen meine Eltern, es wäre das letzte Mal. Gentrify, U.S. brachte Mad und Ari Levitt ihre fünfte Oscarnominierung ein.

Die Dokumentation verlor dann gegen einen Film über Chinchillas. Ernsthaft.

Ich meine ja bloß. Wenn man bedenkt, was für einen großen Teil meiner Kindheit ich mit Packen, Auspacken und Umziehen verbracht habe, sollten Besitztümer eine Last für mich sein. Ich müsste ein stromlinienförmiges, gerümpelfreies Leben führen.

Ist aber nicht so.

Beweisstück A: der Tornado von Klamotten, der immer noch auf Tante Liz' Teppich verstreut liegt. Oder inzwischen meinem Teppich, schätze ich.

Ich mustere das Chaos, das ich angerichtet habe. Wenn ich die Sachen vom Boden aufs Bett räume, ist das dann ein Fortschritt? Vielleicht sortiere ich stattdessen alles aus, was keine Glücksgefühle versprüht. Mal im Ernst, wahrscheinlich hätte ich mich schon in Charlotte von Marie Kondo inspirieren lassen sollen. Bevor ich mich der Herausforderung gestellt habe, meine gesamte Garderobe in einen einzigen Koffer zu quetschen, nur um herauszufinden, ob es möglich ist.

Ich beschließe, mich später mit den Klamotten zu befassen. Zuerst müssen meine Bücher an die frische Luft – in alphabetischer Reihenfolge und nach Genres geordnet. Nach und nach leere ich meinen Koffer, sortiere die Bücher und stelle sie ins Regal. Die monotonen Bewegungen erden mich, aber ich bin zu schnell fertig. All meine Bücher passen in das weiß lackierte Regal neben dem Bett. Und das, obwohl es klein ist und nur zwei Bretter hat. Irgendwie eine Tragödie, dass alle Bücher, die ich besitze, auf nur zwei Regalbretter passen.

Ich hätte mindestens fünfmal mehr, wenn meine Eltern uns vor der Abreise nicht überredet hätten, einen ganzen Berg für die Bücherei zu spenden. Unvollständige Fantasy-Serien und alte-weiße-Männer-Literatur, die ich für die Schule lesen musste, haben jetzt ein neues Heim in der Spendentonne der öffentlichen Bibliothek von Charlotte gefunden. Sich von Büchern zu verabschieden ist nie leicht. Besonders von solchen, über die ich jahrelang mit meinen Freunden gesprochen und diskutiert habe. Da frage ich mich Sachen wie: Wird Nash noch mein bester Freund sein, wenn er erfährt, dass ich die beiden ersten Bände der Queen-of-Stone-Serie verschenkt habe? Ich habe nicht vor, ihm davon zu erzählen und es herauszufinden.

Zu dem Zeitpunkt hat es trotzdem nicht so wehgetan, weil ich dachte, ich könnte auf Grams' Sammlung zurückgreifen. Aber ihre Bücher sind nicht mehr da. Und ich habe Angst, Gramps danach zu fragen, was er damit gemacht hat; denn wenn er sie weggeworfen hat, weiß ich nicht, was ich tue.

Ich trete einen Schritt zurück und betrachte prüfend mein Werk. Mein Bücherregal ist klein, hat es aber in sich. Die Sammlung besteht aus meinen drei liebsten Arten von Büchern: schwärmerischen romantischen Komödien, super spannenden Thrillern und allem, was je von Miriam Levitt – alias Grams – lektoriert worden ist.

Glühwürmchen und du steht natürlich mit dem Cover nach vorn darin. Signiert, als kleine Aufmerksamkeit für die Enkelin der Lektorin. Ohne Zweifel das kostbarste Stück meiner Sammlung.

Auf Twitter behaupten alle, es wäre unmöglich, sich ein Lieblingsbuch auszusuchen, aber Glühwürmchen und du ist mein Lieblingsbuch – keine Frage. Abgesehen von der wunderschönen Geschichte ist durch dieses Buch One True Pastry entstanden. Es hat mich gelehrt, dass Öffentlichkeitsarbeit mein Weg ist und ich tatsächlich gut darin bin, Bücher zu bewerben – und dafür zu sorgen, dass die Leute mir zuhören. Es ist der Roman, der mir geholfen hat zu erkennen, dass ich im Verlagswesen arbeiten muss.

Und jetzt ist es der Roman, den ich lese, um mich Grams nahe zu fühlen.

Ich kneife die Augen zusammen und kämpfe gegen die aufsteigenden Tränen an. Glühwürmchen und du wird verfilmt, daher war es in letzter Zeit in aller Munde. Der Film kommt im Januar heraus; das erste Buch von Grams, das je verfilmt worden ist, und sie bekommt ihn nicht einmal zu sehen. Sie wird nie erfahren …

Durchatmen.

»Hal?«

Ich drehe mich zur Tür um und rechne einen kurzen Moment lang damit, Grams zu sehen. Dann steckt Grandpa den Kopf ins Zimmer. Schnell wende ich mich wieder ab und wische die Tränen weg. Gramps darf mich nicht so sehen. Ich muss positiv denken. Vorfreude zeigen. Ich habe darum gebeten, herzukommen.

Hinter Gramps' zu langem Bart ist seine Miene neutral. Falls er gesehen hat, dass ich geweint habe, lässt er sich nichts anmerken. »Tut mir leid mit dem Orange. Ich weiß, dass du es hasst. Ich wollte noch streichen. Vorher. Ich bin dann nur …«

Ich schüttle den Kopf. »Ist schon okay, Gramps. Orange ist zwar ein Verbrechen gegen den Farbkreis, aber ich werd’s überleben.«

Er schiebt die Tür so weit auf, dass er hereinkommen kann. »Es ist wirklich ziemlich übel.«

Ich schnaube und bin dankbar, weil er es zugibt. Eine Kleinigkeit, aber zum ersten Mal, seit wir angekommen sind, klingt Gramps wie Gramps. »Richtig schlimm.«

»Du kannst es neu streichen. In der Farbe, die du willst.«

»Gern. Danke.«

Gramps' Schultern entspannen sich, als er auf Scout zutritt, die schwanzwedelnd am Fuß des Bettes steht. Wenn sie sich zusammenrollt und schläft, fällt sie zwischen den Klamotten so wenig auf, dass ich ehrlich vergessen habe, dass sie hier ist. Gramps krault ihr die Ohren, und mein Hirn überschlägt sich in dem Versuch, zu formulieren, was ich als Nächstes sagen will; welche Worte am besten wären, um das allerschwierigste Thema anzusprechen, nachdem Gramps jetzt einigermaßen in Ordnung zu sein scheint.

»Ihre Bücher?«, platze ich heraus.

Gramps ist wie versteinert. »In Kartons in der Garage.«

Ich nicke. »Kann ich …?«

Bevor ich die Frage ganz ausgesprochen habe, ist er schon verschwunden.

Natürlich habe ich das Falsche gesagt. Ich sage immer das Falsche. Es ist nur … ich musste es einfach wissen. Das Verschwinden von Grams' Bücherregalen und den Hunderten – nein, Tausenden – Geschichten darin? Das wäre eine Tragödie.

Ich schließe die Augen und umklammere Grams' Hamsa-Anhänger.

Zittrig atme ich aus, öffne die Augen wieder und fahre meinen Laptop hoch.

Der Bildschirm erwacht zum Leben, und mein Puls beruhigt sich, während ich mein Passwort eintippe. Wenigstens kann ich mich auf den Blog konzentrieren und überprüfen, ob ich diese E-Mail jetzt bekommen habe. Das Problem ist bloß, dass mein Posteingang sich nicht aktualisiert und mir auffällt, dass mein Laptop sich nicht mit dem WLAN verbinden will. Komisch. Als wir letzten Sommer drei Wochen in Middleton waren, hat es gut funktioniert. Der Computer sollte sich automatisch verbinden, aber von den sechs Routern, die angezeigt werden, kommt mir keiner bekannt vor.

Ich klappe meinen Laptop zu und gehe nach unten. Auch, weil ich es nur begrenzte Zeit ertrage, von orange umgeben zu sein. Es ist zu grell. Unmöglich, mich zu konzentrieren. Ollie hat sich bereits in Dads Zimmer eingeigelt, und aus seinen neuen Lautsprechern dröhnt J. Cole, als ich die Treppe hinuntergehe.

Ich lasse mich auf der Couch im Wohnzimmer nieder und klappe meinen Laptop wieder auf. Ich habe so viel zu tun; aber das Wichtigste ist jetzt die WLAN-Verbindung. Die Posts für morgen müssen bearbeitet werden; ich muss Tweets planen. Sobald alle Pflichten, die mit One True Pastry zu tun haben, erledigt sind, kann ich den heutigen Abend dazu nutzen, mich einzurichten, in Jogginghosen mit Ollie und hoffentlich Gramps Netflix zu schauen und zu fragen, was es bei meinen Freundinnen Neues gibt.

»Hey, Gramps?«

»Ja?«, ruft er aus der angrenzenden Küche.

»Hast du einen neuen Internet-Router?«, frage ich.

»Nö!«

Ich stelle meinen Laptop auf den Couchtisch und stecke den Kopf zur Küche hinein. Gramps sitzt am Tisch, liest die Zeitung und isst Popcorn. Als wäre eine Zeitung popcornwürdige Unterhaltung!

»Wo ist dann der alte?« Ich versuche, nicht panisch zu klingen.

Er zuckt mit den Schultern. »Mein Rechner ist fest verbunden. Deswegen habe ich ihn nicht mehr gebraucht, verstehst du?«

»Gramps«, sage ich in sanfterem Ton.

Er blickt nicht von der Zeitung auf, und mir wird schwer ums Herz. Sogar das Thema WLAN triggert ihn, und plötzlich ist mir alles hier zu viel. Wie bin ich bloß darauf gekommen, das wäre eine gute Idee? Wie in aller Welt soll ich in diesem Haus leben, aus dem jede Erinnerung und alles, was ich liebe, gelöscht worden ist? Bis auf Grandpa. Aber sogar Gramps ist nicht Gramps.

»Ich weiß, ihr braucht das für die Schule«, erklärt Gramps. »Es wird nächste Woche wieder installiert.«

»Ich muss mich aber um ein paar Sachen kümmern. Also, jetzt gleich«, sage ich.

Übersetzung: Ich muss sofort von hier verschwinden. Ich kann nicht eine Woche lang offline sein. Und ich kann One True Pastry auch nicht vom Handy aus betreiben.

»Dann geh in die Bücherei«, sagt Gramps, ohne auch nur aufzuschauen.

Wow. Wie kann er bloß so gleichgültig sein? Das tut weh.

»Okay. Ich bin vor dem Abendessen zurück …« Ich hole meinen Rucksack und die Laptophülle von oben, renne wieder ins Wohnzimmer und stopfe den Laptop in die Hülle und dann in den Rucksack. Eilig schließe ich den Reißverschluss und ziehe meine Schnürsenkel nach. Dann rufe ich zu Ollie hinauf, dass ich bei den Büchern bin, was er verstehen wird, falls er mich denn hört. Bloß weg hier.

Ich flitze aus der Tür und lechze nach meinem Leben als Kels wie nach einer Droge.

Zwanzig Minuten später habe ich immer noch keine E-Mail von Ariel Goldberg, aber ich bin wieder im Netz und fühle mich ungefähr eine Million Mal besser. Eigentlich sollte ich einen Gastbeitrag für die Teen Vogue schreiben. Stattdessen versichere ich meinen Freundinnen, dass ich wirklich nicht tot bin.

Amy Chen
Na ja, mal im Ernst, was sollten wir denn sonst denken?
15.34

Du warst SECHS STUNDEN offline.
15.34

Elle Carter
IM SOMMER. WÄHREND DER NORMALEN GESCHÄFTSZEITEN
15.35

Samira Lee
Echt jetzt, Kels. Du würdest dir genauso Gedanken machen, wenn eine von uns mitten im Gespräch ohne Erklärung verschwindet!!
15.36

OMG
15.36

Das Einzige, was tot war, war mein Handy
15.37

Elle Carter
Die wichtigste Regel für Internetfreundschaften? Deine Leute informieren, wenn dein Handy kurz vor dem Abnippeln steht
15.38

Amy Chen
Lol. Außerdem wissen wir, dass du mit Nash geschrieben hast.
15.39

Er hat schon vor zwei Stunden bestätigt, dass du kurz im Netz warst!
15.40

Samira Lee
Wir sehen schon, wo deine Loyalität liegt.

15.41

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15.42

Amy Chen
Lol. Du streitest es nicht mal mehr ab.
15.43

Tut mir leid, ich hatte einen üblen Tag, okay?
15.44

Amy Chen
Ist klar. Ich versteh schon. Du muss es dir selbst eingestehen, bevor du es deinen besten Freundinnen sagen kannst. Und wenn das passiert, bin ich hier, um zu verkünden: ICH HAB’S DIR GLEICH GESAGT.
15.45

… was muss ich mir selbst eingestehen?
15.45

Elle Carter
Das weißt du ganz genau!
15.45


15.46

Meine Freundinnen und der Rest des Internets lieben es, so zu tun, als liefe da was zwischen Nash und mir. Nur fürs Protokoll: Das stimmt nicht. Nash ist der Erste, der einen Kommentar auf meinem Blog hinterlassen hat, wodurch ich REX entdeckt habe, was zu unseren ersten privaten Nachrichten führte. Er ist der erste richtige Freund, den ich je hatte. Mein bester Freund.

Doch die Scherze von Amy, Elle und Samira gehen mir näher, weil sie auch mit Nash befreundet sind. Buch-Twitter ist schon eine Blase für sich. Und Jugendbuch-Twitter? Das ist eine absolute Nische im Twitter-Universum – so ziemlich jeder kennt jeden. Oder weiß zumindest über jeden Bescheid.

Samira Lee
*vollkommen natürliche Überleitung*
Brooklyn will wissen, wie der Umzug gelaufen ist, Kels.
15.50

Samira schickt uns eine Reihe Porträtfotos von Brooklyn, ihrer Katze, einer perfekten Diva. Ich speichere sie in meinem Kamera-Ordner, weil Fotos von Brooklyn die besten Memes abgeben. Auf Twitter ist sie ein Star.

Ganz okay. Ich bin ja daran gewöhnt.
15.45

Ist inzwischen kein großes Ding mehr.
15.46

Meine Freundinnen halten mich für ein Kind aus einer Militärfamilie. Das erklärt, warum ich so oft umziehe. Wenn ich ihnen den wahren Grund verraten würde, würde es kompliziert werden. Und das Beste an Kels ist, dass sie so unkompliziert ist. Sie backt Cupcakes, die von Buchcovern inspiriert sind, bespricht Young-Adult-Bücher und weiß immer genau, was sie sagen soll. Ihre Gedanken drehen sich nie im Kreis, und sie sagt auch nicht zur falschen Zeit die falschen Worte. Sie zelebrierte es regelrecht, wenn sie die Rücktaste benutzen musste. Sie hat nicht Halles Eltern, die für den Oscar nominiert sind oder ihre zum Hochadel der Verlagswelt gehörende Großmutter, an denen sie gemessen werden könnte.

Dafür hat sie richtige Freundinnen. Obwohl wir uns noch nie begegnet sind, bedeuten sie mir mehr als bloße Pixel. Mit Amy, Elle und Samira rede ich jeden Tag – ob es das neueste Drama auf Twitter ist, die Enttäuschung über ein Computerspiel, auf das ich so gespannt gewartet habe, oder ob ich sie nach ihrer Meinung frage, welches Cupcake-Foto ich für den nächsten Instagram-Post benutzen soll. Sie wissen zwar meinen richtigen Namen nicht, aber sie kennen mich besser als alle anderen. Nun ja, bis auf Nash.

Amy Chen
Kein großes Ding!? Ich habe eine Woche geheult, als ich in mein Wohnheim gezogen bin.
15.47

Ich heule immer noch, weil ich meinen Studienkredit abbezahlen werde, bis ich 40 bin. empty
15.47

Elle Carter
Moment mal! Hattest du dich nicht für die University of Texas entschieden, um Geld zu SPAREN?

Amy Chen
Jap! College ist ein Schwindel!! Wenn ich mehr Sponsoren hätte, würde ich ehrlich beschließen, Vollzeit-Booktuberin zu werden
15.48

Omg, dann könnte ich behaupten, mit einer New-York-Times-Bestsellerautorin UND einer professionellen Youtuberin befreundet zu sein???
15.49

Elle Carter
Omg, hör auf, ich werde rot!
15.49

Amy Chen
Bitte betet für mich zu den Göttern der
Monetarisierung!!
15.49

Samira Lee
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