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Wie Fackeln im Sturm

PROLOG

Claymorgan, England, Frühjahr 1199

Die Blätter rauschten, als sie durch den Wald lief. Von den Baumwipfeln hallte kindliches Lachen wider, und ihr goldenes Haar wehte im sanften Wind. Das Sonnenlicht fiel hier und da durch das Blattwerk, und bei jedem Schritt spürte sie die noch vom Regen feuchte Erde unter ihren bloßen Füßen.

Willa liebte es, nach einem Regenschauer barfuß zu laufen. Wenn allerdings Eada oder Papa davon erführen, bekäme sie gewiss Ärger, das wusste sie. Doch das nahm sie in Kauf.

Als sie eine Lichtung erreichte, blieb sie plötzlich stehen. Im selben Moment schwand ihr Lachen, und die unbeschwerte Fröhlichkeit in ihrer Miene verblasste. Da stimmte etwas nicht. Es war so still. Viel zu still. Die Vögel hatten aufgehört zu zwitschern und verharrten regungslos in den Bäumen. Selbst die trägen Käfer schwirrten nicht mehr durch die warme Luft. Zudem konnte sie Luvena nicht mehr hören, die eben noch vor ihr hergelaufen war.

Besorgt zog Willa die Stirn in Falten und schaute sich vorsichtig auf der Lichtung um.

Ein leises Rascheln ließ ihren Kopf herumschnellen. Von dem kleinen Felsvorsprung, an dem sie beim Betreten der Lichtung vorbeigekommen war, fiel etwas zu Boden. Ein Stoffbündel – so golden wie das gleißende Sonnenlicht – flatterte durch die Luft und schlug mit einem unheilvollen dumpfen Geräusch auf dem Boden auf.

Willa schluckte beklommen. Ihr Blick fiel auf den leuchtenden Haufen aus golddurchwirktem Gewebe auf dem Gras. Es war das Gewand, das Lord Sedgewick ihr aus London mitgebracht hatte. Dasselbe, das Luvena so gerne hatte anziehen wollen.

Erst jetzt sah sie die kleinen, reglosen Beine, die unter den Röcken hervorlugten. Einer der weichen Lederschuhe fehlte. Auf dem schillernden Gewebe zeichnete sich eine Hand ab, wie zu einer Bitte erhoben. Leuchtende rotgoldene Zöpfe lagen im Gras. Luvenas bleiches Gesicht war zur anderen Seite gewandt, ihr Kopf seltsam verdreht.

All diese Bilder stürmten auf Willa ein, und als sie schließlich begriffen hatte, was für ein Anblick sich ihr bot, hatte sie bereits einen gellenden Schrei ausgestoßen.

1. KAPITEL

Die Tür der einfachen Hütte wurde ungestüm aufgerissen. Hugh schickte sich an, vom Pferd zu steigen, hielt indes bei dem Geräusch inne und beäugte vorsichtig die alte Frau, die ihn jetzt von der Tür aus beobachtete.

Eada. Sie musste sehr alt sein; ihre Schultern waren von den Jahren gebeugt, ihre Finger und Hände verschrumpelt. Langes weißes Haar legte sich wie ein Umhang um ein runzeliges, von tiefen Falten durchfurchtes Gesicht. Nur die kobaltblauen Augen wirkten wachsam und kein bisschen gealtert. Sie bargen ein Wissen, das beunruhigend war.

Wenn sie dir in die Augen schaut, sieht sie bis auf deine Seele und erkennt deine Fehler wie auch deine Vorzüge. Im Bodensatz deines Weinkelchs kann sie dir die Zukunft vorhersagen, und in den Linien deines Gesichts vermag sie deine Vergangenheit zu lesen.

All diese Warnungen waren Hugh bekannt, und doch zuckte er innerlich zusammen, als er in die Augen der alten Hexe blickte. Sein ganzer Leib wurde von einem namenlosen Unbehagen befallen, als er sich ausmalte, dass sie wirklich in ihn hineinschaute und seine Gedanken las. Einen Moment lang schlug sie Hugh nur mit der Macht ihrer durchdringenden Augen in ihren Bann, bevor sie sich von ihm abwandte und wieder in der Hütte verschwand. Sie ließ die Tür offen – zweifellos eine Einladung, ihr zu folgen.

Hugh atmete erleichtert auf, nachdem das alte Weib sich in das Dunkel der Behausung zurückgezogen hatte, und blickte zu seinem Begleiter hinüber, der sein Ross neben ihm zum Stehen gebracht hatte: Lucan D’Amanieu, sein alter Freund und Vertrauter. Hugh hätte es gern gesehen, wenn sein Gefährte die törichten Vorahnungen zerstreut hätte, die unversehens in ihm hochstiegen. Mit einem Male war in ihm der alte Glaube aus Kindheitstagen an Hexen und unheimliche, verwunschene Orte wieder zu neuem Leben erwacht. Er hatte sich darauf verlassen, dass Lucan belustigt eine Braue hochziehen und irgendeine spöttische Bemerkung machen würde, um das Gefühl der Beklemmung als unbegründet erscheinen zu lassen, doch wie es schien, war auch sein vernunftbegabter Freund an diesem Tag von unheimlichen Einbildungen erfasst. Anstatt ihn zu beruhigen, war Lucan beklommen zumute.

„Glaubst du, sie weiß es?“, fragte er.

Hugh erschrak. Bislang war ihm der Gedanke gar nicht gekommen, dass die Alte alles wissen könnte. Jetzt zog er die Möglichkeit in Betracht und starrte die Hütte an. „Nein“, sagte er schließlich. „Woher sollte sie?“

„Fürwahr“, pflichtete Lucan ihm bei, als sie abstiegen, aber seiner Stimme fehlte jegliche Überzeugung.

Das alte Weib machte sich an der Feuerstelle zu schaffen, als die Gefährten die Kate betraten, und so hatten sie Gelegenheit, sich ein wenig umzuschauen.

Hatte die Hütte von außen auch schäbig und verfallen gewirkt, im Innern war sie sauber und recht einladend. Auf einem grob gehauenen Tisch an einem Ende des Raums standen Blumen in einer Holzschale, während eine schmale Bettstatt die gegenüberliegende Wand säumte. Vor der Wand genau gegenüber dem Eingang befand sich die Kochstelle, und dort stand die Frau und schürte das Feuer. Schließlich begab sie sich zum Tisch und ließ sich schwer auf einen der drei einfachen Stühle fallen. Mit einer kurzen Geste bedeutete sie Hugh und Lucan, sich ebenfalls zu setzen.

Nach kurzem Zögern nahm Hugh gegenüber der Frau Platz und saß mit dem Rücken zur Tür. Lucan setzte sich neben die Alte und behielt die Tür im Auge, falls irgendjemand hereinkommen sollte. Dann warteten sie geduldig, dass die Frau sie nach dem Grund ihres Kommens fragen würde, doch stattdessen griff sie nach dem Weinkrug in der Mitte des Tischs und füllte zwei Becher. Dabei schenkte sie Lucan keinerlei Beachtung, sondern schob Hugh den einen Becher hin und führte den anderen an ihre Lippen.

Da Hugh nicht recht wusste, wie er sich verhalten sollte, nahm er einen Schluck – und bereute es sogleich. Der Wein schmeckte bitter und hinterließ einen brennenden Geschmack auf der Zunge. Um sich seinen Ekel möglichst nicht anmerken zu lassen, setzte er den beinahe vollen Becher ab und stellte ihn auf die verwitterte Tischplatte. Dann schaute er wieder die Hexe an und erwartete nach wie vor, nach seinem Begehr oder zumindest nach seiner Herkunft gefragt zu werden. Doch das alte Weib beäugte ihn über den Rand seines Bechers und schwieg. Als das Schweigen schließlich unerträglich lang wurde, verkündete Hugh: „Ich bin Hugh Dulonget.“

„Der fünfte Earl of Hillcrest.“

Er erschrak, als die Alte ihm die Worte aus dem Mund nahm. „Ihr wisst, dass mein Onkel …?“

„Tot ist“, ergänzte sie. „Das Herz.“

„Wie bitte?“ Völlig verwirrt starrte er die unheimliche Gastgeberin an.

„Ich sagte, er ist tot. Das Herz machte nicht mehr mit“, wiederholte sie leicht ungehalten. „Ihr werdet seinen Titel und seine Besitztümer erben.“

„Ja. Ich bin sein Neffe und der einzige Erbe.“

„Der Einzige, hm?“

Bei ihrem trockenen Tonfall rutschte er unruhig auf seinem Stuhl hin und her. „Nun … ja“, log er und wand sich unter ihrem allwissenden Blick. „Nein“, räumte er dann ein, „Onkel Richard hat ein Vermächtnis hinterlassen für …“

„Ein Vermächtnis?“ Sie schien durch ihn hindurchzusehen.

Verunsichert nahm Hugh den Weinbecher und tat trotz des bitteren Geschmacks ein paar kräftige Züge. Als der Becher leer war, stellte er ihn laut auf den Tisch und setzte eine finstere Miene auf. „Natürlich werdet Ihr weiterhin dafür entlohnt, dass Ihr Euch um sie gekümmert habt.“

„Um sie?“

„Ich spreche von dem Mädchen. Diese Willa, um die mein Onkel so besorgt war.“ Hugh machte sich nicht die Mühe, seinen Unmut zu verbergen.

„Lohn für ihre Pflege, hm?“

Hugh schluckte und spürte, dass sein Unbehagen wuchs. Dieser bohrende Blick aus den kobaltblauen Augen brachte ihn aus der Fassung. Beinahe glaubte er, die alte Vettel könne wahrhaftig bis auf den Grund seiner Seele schauen. Wenn sie dazu wirklich in der Lage war, würde sie manche Schwäche entdecken. Hugh bezweifelte, dass im Augenblick viele seiner guten Seiten zu sehen wären. Immerhin log er unverhohlen.

„Seid Ihr nicht der Ansicht, dass gut für sie gesorgt wird, sobald sie Euch heiratet?“

Hugh erstarrte. Er konnte genau spüren, wie der neu entfachte Zorn ihm das Blut ins Gesicht trieb. Derselbe Zorn hatte ihn erfasst, als der Advokat seines Onkels ihm diese unliebsame Nachricht eröffnet hatte. Er würde alles erben: den Grafentitel, das Vermögen, die Besitztümer samt Dienerschaft … wie auch die uneheliche Tochter seines Onkels, die er heiraten musste. Tatsächlich war ihm durch eine letztwillige Verfügung eine Gemahlin aufgezwungen worden. Sie war nicht mehr als ein Bastard aus dem Dorf, aufgewachsen bei einem alten Weib, das einst auf der Burg gearbeitet hatte. Hugh hätte es nie für möglich gehalten, einmal in eine solch missliche Lage gedrängt zu werden. Er, der Sohn eines angesehenen Ritters und Erbe eines Grafentitels, sollte keine adlige Dame, sondern ein dahergelaufenes Bauernmädchen heiraten, das womöglich nicht mehr gelernt hatte, als Kühe zu melken? Nein, dazu würde es nicht kommen. Abermals verspannte sich sein ganzer Leib vor Zorn. Die Hände ballten sich zu Fäusten und konnten es kaum abwarten, der alten Vettel die Kehle zuzudrücken. In diesem Augenblick aber vernahm er ein Singen. Es war die Stimme einer Frau, hell und klar und so lieblich wie ein Krug Met an einem heißen Nachmittag.

Alles um ihn herum schien sich zu verlangsamen; sein Zorn ebbte ab, sein Denken und sein Herzschlag setzten aus, sogar der Raum trat in den Hintergrund. Lucan und die Hexe saßen reglos da; eine Fliege, die zuvor um seinen Weinbecher gekreist war, landete nun auf dem Rand und blieb dort sitzen, als ob auch sie der Stimme lauschte, die allmählich näher kam.

Als die Tür hinter ihm geöffnet wurde, tauchte die Nachmittagssonne die düstere Behausung in ein warmes Licht, bis eine Gestalt sich in den einfallenden Lichtkegel stellte. Der bezaubernde, glockenhelle Gesang erstarb augenblicklich.

„Oh! Wir haben Besuch.“

Hugh hörte, wie Lucan vor Staunen nach Luft rang. Verwundert drehte er sich zu der lieblichen Stimme um und schaute wie gebannt in Richtung Tür.

Ein Engel. Gewiss, es konnte nichts anderes sein. Nur Engel erstrahlen in dieser goldenen Pracht, dachte Hugh, als er die hell umrandeten Umrisse einer weiblichen Person erblickte. Als sie dann die Tür verließ und an die Seite der alten Frau trat, sah er, dass der goldene Schimmer bloß vom Sonnenlicht herrührte, welches sich in ihrem üppigen Haar verfangen hatte. Und was für eine Pracht ihr Haar war! Ihre vollen, wallenden Locken schienen aus purem Gold zu sein.

Nein, kein pures Gold, entschied er. Zwei anmutige Zöpfe leuchteten heller als Gold und waren hin und wieder von roten Strähnen durchwirkt. Haare wie aus Sonnenstrahlen gewebt, in denen ein Feuer lodert, schwärmte er im Stillen. Das übrige Haar fiel ihr leuchtend und in dichten Wellen bis über die Hüfte, hinab zu den Kniekehlen. Nie zuvor hatte Hugh eine solche Erscheinung gesehen. Zuerst war er von ihrem berauschenden Anblick derart gefesselt, dass er weder ihr Gesicht noch ihre Gestalt wahrnahm, als sie der alten Vettel einen liebevollen Kuss auf die Wange drückte. Als sie sich dann jedoch aufrichtete und Hugh zuwandte, entging ihm der kühne Ausdruck ihrer wachen, hellgrauen Augen nicht. Sein Blick fiel auf ihr Lächeln, das ihre vollen, geschwungenen Lippen umspielte, und er merkte, dass er unwillkürlich schluckte.

„Ihr müsst mein Verlobter sein.“

Diese Worte rüttelten Hugh wach. Hatte er eben noch ihre Schönheit bewundert, so musterte er nun mit grimmiger Miene das einfache und geflickte Kleid, das sie trug. Es hing wie ein Sack an ihr herunter. Sie sah wie ein Mädchen aus dem Dorf aus, zwar wie ein hübsches Dorfmädchen, aber immer noch wie eine einfache Magd. Wohingegen er ein Lord war, der es nicht nötig hatte, sich an eine einfache Frau von unbedeutender Abstammung zu binden. Sie zur Frau zu nehmen käme nicht infrage, obgleich sie gewiss eine reizende Geliebte abgeben würde.

„Gold ist Gold, ob es nun tief im Dreck vergraben ist oder die Krone eines Königs ziert“, merkte die Alte unvermittelt an.

Bei dieser Bemerkung runzelte Hugh die Stirn und ärgerte sich, dass die Hexe andeutete, seine Gedanken zu kennen. Viel mehr verdross ihn allerdings die Bedeutung ihrer Worte, die er für gänzlich unpassend hielt.

Als er darauf nichts erwiderte, legte das Weib den Kopf schief und betrachtete ihn. Dann hob sie den Arm und legte der jungen Frau eine Hand auf die Schulter. „Wir brauchen mehr Knoblauch, Kind. Für die Reise.“

Die junge Frau nickte, nahm einen kleinen Korb und verließ lautlos die Hütte.

„Ihr werdet sie heiraten.“ Es war eine einfache, aber unmissverständliche Aufforderung.

Hugh wandte sich wutentbrannt der Hexe zu, erstarrte jedoch, als er sah, dass sie seinen leeren Weinbecher in Händen hielt. Sie schaute auf die kleine Lache, die sich am Boden des Gefäßes gesammelt hatte. Schlagartig entsann er sich der Fähigkeiten der alten Frau, und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Es hieß, dieses Weib sähe die Zukunft im Bodensatz. In diesen unsicheren Zeiten hatte Hugh kein Verlangen, die kommenden Ereignisse zu kennen. Aber ob er es nun wissen wollte oder nicht, die Frau las unbeirrt weiter.

„Ihr werdet sie für Eure Leute heiraten, aber sie wird schon bald Euer Herz erobern.“

Bei dieser Aussage verzog er höhnisch den Mund, doch die Alte beachtete Hugh gar nicht und blickte weiterhin in den Becher. „Die Zukunft birgt viel Freude, Glück und viele Kinder … wenn Ihr das Rätsel löst.“

„Welches Rätsel?“, mischte sich Lucan atemlos ein. Hugh stieß einen spöttischen Laut aus, um seinem Gefährten zu bedeuten, sich nicht von der Vettel an der Nase herumführen zu lassen. Als die Frau indes den kobaltblauen Blick auf seinen Begleiter heftete, wurde dieser unruhig und fragte: „Nun, was geschieht, wenn er das Rätsel nicht löst?“

„Dann erwartet ihn der Tod.“

Hugh sah die Überzeugung in ihren Augen und schluckte voller Unbehagen. Dann lehnte sie sich zurück und deutete mit einer ungeduldigen Geste zur Tür. „Fort! Ich bin müde, und Eure Anwesenheit bereitet mir Verdruss.“

Die beiden Männer waren mehr als froh, der Aufforderung Folge zu leisten. Rasch verließen sie den düsteren Raum und traten erleichtert in das warme Licht der Nachmittagssonne.

„Nun?“, erkundigte sich Lucan, als sie zu ihren Pferden gingen. Er musste blinzeln.

Mit grimmiger Miene stieg Hugh in den Sattel und fragte: „Nun was?“

„Wirst du morgen zurückkehren, um sie zu holen?“

„Er wird zurückkehren“, ertönte eine Stimme.

Hugh drehte ruckartig den Kopf und bedachte die alte Frau, die offenbar von der Tür aus jedes einzelne Wort gehört hatte, mit einem finsteren Blick. Dann riss er wütend an den Zügeln, wendete sein Pferd und trieb es zu einem leichten Galopp, sodass Lucan Mühe hatte, ihn einzuholen.

Hugh musste sein Ross zügeln, als der dichte Wald begann; es gab keinen Pfad, der zur Hütte führte, und daher hatten sie die Kate der Hexe lange suchen müssen. Der leichte Trab ermöglichte es Lucan, endlich zu seinem Gefährten aufzuschließen. Sobald er seinen Freund eingeholt hatte, stellte er ihm erneut die Frage, ob er das Mädchen heiraten werde.

Hughs Züge verfinsterten sich zusehends. Das Zusammentreffen mit Lord Wynekyn und dem Advokaten war nur von kurzer Dauer gewesen. Kaum hatte er vernommen, er sei gezwungen, irgendein außerehelich geborenes Mädchen namens Willa zur Frau zu nehmen, hatte er einen wahren Wutanfall bekommen. Nachdem er seinem Zorn Luft gemacht hatte, war er unverzüglich nach Hillcrest geritten. Hugh verspürte beileibe nicht den Wunsch, diese junge Frau zu heiraten, aber er wusste nicht, wie er sich aus dieser Lage herauswinden sollte. Den Worten des Advokaten zufolge musste er diese Willa ehelichen, um sein Erbe antreten zu können. „Es entspricht nicht meinem Wunsch, aber ich fürchte, mir bleibt keine andere Wahl, wenn ich Hillcrest mein Eigen nennen möchte.“

„Aber man kann dir Hillcrest doch nicht vorenthalten“, gab Lucan zu bedenken. „Es gehört dir von Rechts wegen. Du bist der Nächste in der Erbfolge. Ob du das Mädchen nun heiratest oder nicht, man kann dir Hillcrest nicht verwehren.“

Bei dieser Bemerkung straffte Hugh die Schultern. „Ja, du hast recht.“

„Fürwahr. Was gedenkst du also mit ihr zu tun?“, fragte Lucan. „Ich weiß es jedenfalls nicht.“

Beide schwiegen, und Hughs Laune verschlechterte sich wieder. Schließlich sagte er langsam: „Ich fürchte, dass ich mich um ihre Zukunft kümmern muss. Immerhin ist sie eine Verwandte.“

„Ja“, murmelte Lucan. Dann, als Hugh nichts weiter äußerte, schlug er zögerlich vor: „Vielleicht könntest du eine Hochzeit für sie arrangieren und dafür sorgen, dass es ihr an nichts fehlt.“

Hugh dachte kurz über den Vorschlag nach und nickte langsam. „Ja. Das könnte die Lösung sein. Vielleicht ist sie sogar jemandem ihres Standes von Herzen zugetan.“

„Ja, vielleicht.“

Hugh entspannte sich ein wenig und überlegte, wie er dieses Vorhaben am besten in die Tat umsetzen könnte. Eines stand fest: Das alte Weib durfte nichts davon wissen. Wenn die Hexe von seinem Plan erführe, würde sie ihn womöglich rasch zu verhindern wissen und Hugh in Schwierigkeiten bringen. Nun sah er keine andere Möglichkeit, als wenigstens den Versuch zu unternehmen, für das Wohlergehen des Mädchens zu sorgen. Wenn die Alte nichts anderes als die Heirat akzeptieren wollte … nun, dann würde sie eine Enttäuschung erleben. Es wäre eine Schande, sollte sie dem Mädchen das Leben unnötig erschweren.

Die melodische Stimme – hoch, klar und engelsgleich – ließ sich wenige Augenblicke später wieder vernehmen. Hugh lauschte angestrengt, bis er wusste, aus welcher Richtung der Gesang kam. Rasch lenkte er sein Ross dorthin. Alsbald erreichte er eine Lichtung, die von dem lieblichen Gesang erfüllt war; von dem Mädchen war jedoch nichts zu sehen.

Verwundert schaute er sich um. Schließlich erblickte er die junge Frau, die halb hinter hohen Gräsern und jungen Schösslingen verborgen war. Anstatt der Aufforderung der Alten zu folgen, den Knoblauch zu holen, lag die junge Frau inmitten von Gräsern und Blumen. Während sie sang, flocht sie Gänseblümchen zu einem Kranz. Als Hugh sein Pferd weiter vorantrieb, richtete die Frau sich abrupt auf, und Hugh bedauerte es, dass ihr Lied mitten in einer Strophe abbrach.

„Sie hat dich losgeschickt, um Knoblauch zu holen. Gehorcht man so seinem Vormund?“, fragte Hugh. Als sie nur verwirrt zu ihm aufschaute, wurde er ungeduldig. „Antworte mir!“

„Sie braucht keinen Knoblauch, Mylord. Den habe ich erst gestern gebracht.“

„Vielleicht benötigt sie mehr davon. Warum sollte sie dir sonst aufgetragen haben, welchen zu suchen?“

„Sie wollte allein mit Euch sprechen.“

Hugh gab sich mit dieser Antwort zufrieden und schwieg. Er ließ den Blick über die Lichtung schweifen und zog die Stirn in Falten. „Es ist unklug, hier allein herumzulaufen. Man könnte dir nachstellen. Was würdest du dann tun?“

„Wolfy und Fen sorgen für meine Sicherheit.“

Hugh zog die Brauen hoch, aber er stellte der Frau keine weitere Frage.

Sie legte den Kopf schief und lauschte, bevor sie den leeren Korb aufhob und sich erhob. „Ich muss zurück. Sie würde nicht wollen, dass ich Euch unnötig aufhalte.“

„Warte.“ Hugh beugte sich hinab und ergriff ihren Arm, doch er ließ sie augenblicklich wieder los, als hätte er sich verbrannt. Als sie sich mit einem fragenden Blick zu ihm umwandte, schüttelte er den Kopf, da er sich sein eigenes Verhalten nicht zu erklären vermochte. Er streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bringe dich zurück.“

Willa zögerte keineswegs, sondern legte ihre Hand in seine. Einen Moment lang fragte Hugh sich, warum sie ihm so leichtfertig vertraute. Dann machte er sich bewusst, dass er in ihren Augen ihr Verlobter war. Natürlich würde sie ihm vertrauen. Er hob sie vor sich in den Sattel, ergriff die Zügel und lenkte das Pferd denselben Weg zurück, den sie gekommenen waren. Lucan folgte ihnen in angemessenem Abstand.

„Wer sind Wilf und Fin?“, erkundigte er sich.

„Wolfy und Fen“, verbesserte sie ihn und fügte hinzu: „Meine Freunde.“ Die Frau rutschte hin und her, um eine bequemere Sitzposition zu finden.

Hugh biss die Zähne zusammen, als er spürte, in welcher Weise sein Leib auf die Bewegungen der Frau ansprach, die er allzu deutlich spüren konnte. Dennoch fuhr er entschlossen mit seinen Fragen fort. „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, einen von ihnen zu heiraten?“

Sie drehte sich zu ihm um, wobei ihre lieblichen goldenen Zöpfe sein Gesicht streiften. Sehr zu seinem Verdruss kam ein Lachen über ihre Lippen. „Nein, Mylord, das wäre wahrlich nicht möglich.“

Hughs Miene verfinsterte sich angesichts ihrer Belustigung, doch als sie wieder nach vorn schaute, verfingen sich einzelne Strähnen ihres goldenen Haars in seinen Bartstoppeln, sodass Hugh gezwungen war, den Kopf zurückzuziehen. Obwohl er immer noch neugierig war, wer Wolfy und Fen sein mochten, ging es Hugh inzwischen vielmehr darum, einen Ausweg aus seiner Zwangslage zu ersinnen, ohne die Frau ehelichen zu müssen und später ein schlechtes Gewissen zu haben.

„Gibt es da jemanden, dem du in besonderer Weise zugetan bist?“, erkundigte er sich schließlich.

„Gewiss.“

Hugh umfasste die Zügel fester und atmete auf. Er hatte nicht damit gerechnet, so viel Glück zu haben. Wenn sie etwas für einen Mann empfand, brauchte er nichts weiter zu tun, als eine Hochzeit in die Wege zu leiten. Er würde dem Paar etwas Geld zukommen lassen, und schon wären seine Sorgen vergessen.

„Eada ist wie eine Mutter für mich“, bekannte sie und ließ seine Hoffnung wie eine Seifenblase zerplatzen. „Sie ist eine wundervolle Frau und etwas ganz Besonderes.“

Hugh verdrehte die Augen, denn er konnte nicht verstehen, was diese alte Vettel Besonderes oder Wundervolles an sich haben sollte. Wie es schien, hatte das Mädchen seine Frage nicht verstanden. Daher sah er sich gezwungen, sich deutlicher auszudrücken. Allerdings hätte er wissen müssen, was ihn erwartete. Die junge Frau war eine ungebildete Bäuerin mit einem einfältigen Geist.

Willa rutschte vor ihm im Sattel hin und her und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, sodass sich wieder einige ihrer goldenen Strähnen in seinen Barthaaren verfingen. In diesem Augenblick ärgerte es Hugh, dass er sich nicht die Zeit für ein Bad oder eine Rasur genommen hatte, bevor er zu der Hütte der alten Frau aufgebrochen war. Doch für solche Annehmlichkeiten war er nicht in der Stimmung gewesen. Nachdem er die Bedingungen seiner Erbschaft erfahren hatte, war er zusammen mit Lucan in zwei Tagen nach Hillcrest geritten. Dort hatte er sich gerade lange genug aufgehalten, um nach dem Rechten zu schauen, ein paar Fragen zu stellen und sich zu erkundigen, wo er dieses Mädchen namens Willa finden könne. Erst zu diesem Zeitpunkt hatte er von der alten Eada erfahren. Die Leute seines Onkels hatten ihn sofort vor ihrer Hexenkunst gewarnt, aber was das Mädchen in ihrer Obhut anbelangte, so hatten sie sich eher bedeckt gehalten. Die Beschreibungen der alten Vettel waren nicht untertrieben, dachte er, als er sich jetzt an ihre unheimliche Ausstrahlung erinnerte.

Doch er schüttelte die lästigen Erinnerungen ab, um seine Aufmerksamkeit auf weitaus wichtigere Fragen zu lenken. „Ich fürchte, du hast mich nicht richtig verstanden, als ich dich fragte, ob es irgendjemanden gebe, der dir in besonderer Weise zugetan ist“, erklärte er. „Ich wollte damit sagen, gibt es da einen Mann, zu dem du Zuneigung hegst?“

Bei dieser Frage drehte sie sich abermals zu ihm um, und wieder spürte Hugh ihre weichen goldenen Haarsträhnen auf seiner Haut. Sie raubten ihm noch den Verstand. Nicht nur, dass sie kitzelten, sie betörten ihn auch mit ihrem Duft. Ihr Haar roch nach Sonne und Lindenblüten. Hugh hatte bislang nie eine Vorliebe für diese Art von Duft gehabt, aber in ihrem Fall empfand er es als herrlich. Ungefähr genauso herrlich wie ihren weichen Körper, der bei jedem Schritt seines Rosses rhythmisch gegen seine Lenden drückte. Schon fragte er sich, warum er ihr überhaupt angeboten hatte, sie auf dem Pferd zurück zur Hütte zu bringen. Zwar hatte er die Gelegenheit nutzen wollen, um ungestört mit dem Mädchen zu reden, aber nun empfand er ihre Nähe als ablenkend. Und gerade jetzt brauchte er einen klaren Kopf.

„Es tut mir leid, Mylord. Ich habe Euch falsch verstanden.“ Sie drehte sich weiter zu ihm um und warf ihm einen reumütigen Blick zu. Offenbar war dem Mädchen nicht bewusst, dass bei dieser Bewegung ihre Brüste gegen seinen Arm und ihr Hinterteil gegen seine anschwellende Männlichkeit drückten.

Hugh seufzte verzweifelt. Schon als er sie in den Sattel gehoben hatte, hatte sein Leib auf ihre Formen angesprochen, doch mittlerweile empfand er seine Erregung als schmerzhaft.

„Nun, ja“, sagte er schroff und fragte sich, ob sie sich überhaupt im Klaren war, wie sie auf ihn wirkte. „Also … gibt es da einen Mann, dem dein Herz gehört?“

Sehr zu seiner Erleichterung richtete sie den Blick wieder nach vorn und linderte seine Erregung ein wenig. Unglücklicherweise verwirrte ihre Antwort ihn jedoch aufs Neue.

„Gewiss, Mylord. Euch.“

„Mir?“, fragte Hugh verwundert nach. „Beliebst du zu scherzen, Mädchen? Du hast mich gerade erst kennengelernt. Wie kannst du da behaupten, Zuneigung zu mir zu verspüren?“

„Wieso kann ich das nicht?“ Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte allein seine Frage sie erstaunt. Verblüfft dachte er über ihre Worte nach, während er verzweifelt versuchte, ein wenig von ihr abzurücken. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sie endlich stillsitzen würde.

„Ihr werdet bald mein Gemahl sein“, hob sie unvermutet an, als wäre diese Aussicht selbstverständlich. „Und es ist meine Pflicht, Euch zu lieben. Als ich fünfzehn Jahre alt war, hat Papa mir das erklärt und mir von der Verlobung erzählt.“

Hugh zwang sich, nicht an die Anspannung zwischen seinen Schenkeln zu denken, und starrte die junge Frau verblüfft an. „Als du fünfzehn warst?“

„Ja.“ Sie nickte. „Papa sagte es mir, als er sein Testament machte. Er hielt es für das Beste, mich wissen zu lassen, dass er in dieser Hinsicht Pläne mit mir hatte. Und daher erzählte er mir ein wenig von Euch, damit ich mich an die Vorstellung gewöhnte und meine Pflicht ernst nähme.“

„Ich verstehe“, erwiderte Hugh knapp. „Und ich nehme an, es war unbedeutend, mich von diesem Vorhaben in Kenntnis zu setzen? Was wäre gewesen, wenn ich in der Zwischenzeit geheiratet hätte?“

Sehr zu Hughs Erleichterung zuckte sie mit den Schultern und drehte sich wieder nach vorne. „Ich nehme an, in diesem Fall hätte er dafür gesorgt, dass ich einen anderen Mann heirate.“

Hugh schnaubte. Sein Onkel hätte gewiss Schwierigkeiten gehabt, einen anderen Edelmann davon zu überzeugen, ausgerechnet dieses Mädchen zu ehelichen. Kein Zweifel, Earl Richard musste gehofft haben, Hugh wäre ihm so dankbar, Hillcrest und die dazugehörigen Ländereien als sein Erbe zu betrachten, dass er das Mädchen aus reiner Dankbarkeit heiraten würde. Doch da hatte der alte Mann zu viel verlangt.

Wie die meisten Männer seines Standes war auch Hugh noch in frühester Kindheit einem Mädchen adligen Geblüts versprochen worden. Zu seinem Unglück war seine Verlobte indes verstorben, ehe sie zur Frau gereift war, denn sonst wäre er seit langem verheiratet. Doch bei diesem Unglück war es nicht geblieben: Während die Auserwählte viel zu jung verschieden war, um Hugh heiraten zu können, hatte Hughs Vater das wenige Vermögen, das die Familie besessen hatte, auf der Suche nach größerem Reichtum verschwendet. Diese widrigen Umstände hatten die Suche nach einer zweiten, standesgemäßen Verlobten erschwert. Doch unlängst hatte das Schicksal sich ein weiteres Mal in sein Leben gemischt. Hugh war nun reicher, als er es sich je erträumt hatte. Jetzt konnte er es kaum abwarten, von all den Edelfrauen umlagert zu werden, die ihn zuvor wegen seiner fehlenden Mittel verspottet hatten. Mit Freude würde er ihnen ihre Beleidigungen heimzahlen, die sie ihm in all den Jahren so unbesonnen zugefügt hatten. Mit kalter Miene würde er sie abweisen, eine nach der anderen, und ihnen mitteilen, dass sie nicht tugendhaft genug seien, denn er kannte ihre Unkeuschheit aus erster Hand.

Die Frau vor ihm im Sattel bewegte sich erneut, und Hugh seufzte leise. Sie war ein hübsches kleines Ding. Ihr Duft war berauschend, und die Art und Weise, wie sie unmittelbar vor ihm hin- und herrutschte, löste in ihm Gedanken aus, die sich nicht ziemten, sofern er sie nicht zu heiraten gedachte. Hugh wünschte sich beinahe, sie wäre eine adlige Dame. Dann hätte er sie gewiss zur Frau genommen. Er hätte sie mit Seidengewändern und Edelsteinen überhäuft, um ihre strahlende Schönheit zu betonen, dann hätte er sie am Königshof vor all den Lords und Damen zur Schau gestellt, die ihn in all den Jahren verhöhnt hatten. Schon zauberte ihm seine Einbildungskraft herrliche Bilder vor Augen: Er geleitete sie zur Tafel, um dort mit dem König vor dem gesamten Hofstaat zu speisen, er stellte sie dem Herrscher vor, tanzte mit ihr, teilte den Weinkelch mit ihr und reichte ihr saftige Bissen der reichhaltigen Mahlzeit. Später würde er sie in das Gemach geleiten, ihr die Juwelen und das Seidengewand abnehmen, sie auf das Bett legen und sie mit sämtlichen Wonnen der Liebe verwöhnen, bis er sich …

„Sind alle Sättel so unbequem, Mylord?“ Diese Frage riss Hugh aus seinen törichten Tagträumen und führte ihm vor Augen, dass sie sich erneut bewegte, um eine bessere Sitzposition zu finden. „Da muss irgendein großer, harter Gegenstand sein, der mich hier sticht.“

Er spürte, dass etwas über seinen Schenkel strich, und schaute nach unten. Mit einer Hand griff sie hinter sich, um herauszufinden, was sie dort störte. Erschrocken packte Hugh ihre Hand und hielt sie fest umschlossen.

„Nun … diese Sättel sind nicht für zwei Reiter gemacht“, sagte er mit einer überraschend heiseren Stimme. Als er sah, dass sie sich der Lichtung näherten, auf der die Hütte stand, wurde ihm bewusst, dass er kaum noch Zeit hatte, das Gespräch zu seiner Zufriedenheit zu beenden. Daher hielt er sein Pferd an.

„Was macht Ihr?“, fragte Willa ihn überrascht, als er abstieg.

„Da du den Sattel unbequem findest, halte ich es für besser, wenn wir das letzte Stück des Weges zu Fuß zurücklegen“, erwiderte er und war mit seiner Ausrede zufrieden. Ein kurzer Blick über die Schulter verriet ihm, dass Lucan in angemessener Entfernung geduldig auf ihn wartete.

„Oh.“ Mit einem unsicheren Lächeln gestattete Willa ihm, ihr beim Absteigen behilflich zu sein. Während Hugh anschließend damit beschäftigt war, seinen Hengst an einen Baum zu binden, dachte er angestrengt darüber nach, wie er die Unterhaltung weiterführen sollte. Er war nie der Mann vieler Worte gewesen. Bislang hatte der Kampf sein Leben bestimmt. Auf dem Schlachtfeld gab es keinen Bedarf an gewandten Worten. Unglücklicherweise würde ihm hier seine Kampferfahrung nicht helfen. Da ihm die Verhandlungskunst nicht lag, beschloss Hugh, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er gab es auf, sein Ross mit übertriebener Sorgfalt anzubinden, und wandte sich stattdessen wieder zu der jungen Frau um. „Gibt es da denn niemanden, den du gern heiraten würdest?“

„Aber ich werde doch … Euch heiraten, oder etwa nicht?“

Hugh wich ihrem unsicheren Blick aus. „Es stimmt, dass mein Onkel sich diese Heirat gewünscht hat, aber ich fürchte, dieses Ansinnen war nicht sonderlich gut durchdacht.“

„Ihr wollt mich nicht?“ Jetzt kam er nicht umhin, sie anzuschauen, doch er bereute es sogleich. Die junge Frau wirkte enttäuscht und verletzt. Rasch wandte er wieder den Blick von ihr, als ihn die ersten Gewissensbisse heimsuchten.

„Es ist nicht so, dass ich dich nicht will“, begann er umständlich und hätte beinahe die Augen verdreht. Entsprach es nicht der Wahrheit? Er wollte sie tatsächlich. Verflucht, die Anspannung unter seinen Beinkleidern hatte kein bisschen abgenommen. Er wollte nur nicht, dass sie seine Gemahlin würde.

„Nein, Ihr wollt mich nicht haben!“, rief sie unglücklich, trat einen Schritt zurück und sah mit einem Mal blass und elend aus.

Immer schon war es Hugh schwergefallen, mit Schuldgefühlen umzugehen. Sobald ihn ein schlechtes Gewissen plagte, fühlte er sich ausgesprochen unbehaglich und verspürte nicht selten einen anschwellenden Zorn – so wie in diesem Augenblick. Das war nicht sein Fehler. Erst vor zwei Tagen hatte er zum ersten Mal von dieser Frau gehört. Sein Onkel war derjenige, der Versprechen gemacht hatte, die er nicht halten konnte. Und nun ist der Bastard auch noch tot und hat die Schwierigkeiten mir überlassen, dachte Hugh verbittert.

Von Wut und Verzweiflung gleichermaßen erfasst, bedachte er das Mädchen mit einem finsteren Blick. „Mein Onkel hätte dir nie von der Heirat erzählen sollen, ohne vorher mit mir darüber zu sprechen.“

Bei dieser Bemerkung sah sie keineswegs glücklicher oder verständnisvoller aus. Entschlossen straffte er die Schultern. „Es würde einfach nicht gehen. Ich bin jetzt ein Earl, während du nichts weiter bist als ein einfaches, uneheliches Bauern…“ Hugh verstummte sogleich, als ihm bewusst wurde, dass er die junge Frau beleidigte, doch es war schon zu spät. Sie war vor Schreck ganz bleich geworden und im Begriff davonzulaufen. Hugh bekam sie gerade noch am Arm zu fassen.

„Das war töricht von mir. Ich bitte um Verzeihung, aber ich werde dich nicht heiraten. Wir würden einfach nicht zueinander passen. Dennoch werde ich mich um deine Zukunft kümmern. Um eine Mitgift und einen geeigneten Gemahl. Ich …“

„Das ist nicht nötig. Bemüht Euch nicht weiter. Ihr seid mir nichts schuldig, Mylord. Nichts.“ Mit diesen Worten riss sie sich von ihm los und rannte davon.

Hugh schaute ihr hilflos nach. Die fehlende Dankbarkeit des Mädchens machte ihn sprachlos. Fürwahr, er würde sie zwar nicht selbst heiraten, aber ihr sowohl eine Mitgift als auch einen Ehemann in Aussicht zu stellen war kein Angebot, das man leichtfertig ausschlug. Dennoch hatte sie abgelehnt, und in ihrer stolzen Weigerung hatte er einen Eindruck von ihrem feurigen Wesen bekommen. Wie es schien, besaß das kleine Katzenjunge gefährliche Krallen. Obgleich sie kein böses Wort hatte fallen lassen, wurde Hugh das Gefühl nicht los, dass ihre Krallen ihm eine Abfuhr erteilt hatten. Er durfte es sich nicht gefallen lassen, dass sie seine Hilfe ablehnte. Von ihrem Stolz allein durfte sie sich nicht leiten lassen. Eine Frau ohne Schutz war verletzbar, und wenn er sich schon weigerte, die junge Frau zu heiraten, war er es seinem Onkel wenigstens schuldig, dafür zu sorgen, dass ihr kein Leid geschah.

Kaum hatte Hugh einen Schritt getan, um der Frau zu folgen und die Angelegenheit zu regeln, da hielt er plötzlich inne, denn die Tür der Hütte flog auf und die alte Vettel erschien. Sie ließ das Mädchen in die Hütte laufen, baute sich sodann mit verschränkten Armen und einer unbeugsamen Haltung vor der Türschwelle auf und starrte Hugh an. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie ihn im Geiste in Stücke riss. Dann reckte sie das Kinn empor, scheuchte Hugh mit einer eindeutigen Handbewegung fort und verschwand in ihrer Behausung. Noch im selben Augenblick schlug sie die Tür zu.

2. KAPITEL

Nun, das ist ja gut gelaufen“, murmelte Hugh spöttisch. Kopfschüttelnd machte er kehrt, um zu seinem Ross zurückzugehen. Augenblicke später erreichte er Lucan.

„Das ging aber schnell“, meinte sein Gefährte, als sie gemeinsam zurück zur Burg ritten.

„Ja.“

„Wie es schien, hat sie es gut aufgenommen“, fügte er hinzu. Als Hugh ihm einen düsteren Blick zuwarf, zuckte Lucan nur die Schultern und lächelte belustigt in sich hinein. „Zumindest ist sie nicht in Tränen ausgebrochen.“

„Ja“, pflichtete Hugh ihm seufzend bei. „Das wäre geregelt.“

Einen Moment lang ritten sie schweigend nebeneinander her, bis Lucan schließlich sagte: „Drüben auf dem freien Stück ist mir aufgefallen, dass sie für ein Bauernmädchen eine gute Ausdrucksweise hat.“

Hugh runzelte die Stirn. Das hatte er gar nicht bemerkt, aber wenn er sich jetzt erinnerte, erkannte er, dass sie sich wirklich gepflegt ausdrücken konnte. Sowohl ihre Aussprache als auch ihre Wortwahl waren einer Dame würdig. Erneut bedauerte er es, dass sie nicht seinem Stand entsprach, doch dann riss er sich zusammen. „Selbst eine Dienstmagd von niederer Geburt legt eine ansehnliche Wortwahl an den Tag, wenn man es ihr beibringt.“

„Ja, aber wer hat sie unterrichtet?“

„Nicht die Vettel. Das ist sicher.“ Hugh verspürte kein Verlangen, länger über das Mädchen nachzudenken, und zuckte innerlich zusammen, als er sich bewusst machte, was er angerichtet hatte. Er hatte sich vorgenommen, gewandt und rücksichtsvoll aufzutreten. Es war nicht nötig gewesen, ihre Gefühle zu verletzen. Doch er hatte sich im Ton vergriffen und die Sache gehörig verpfuscht. Unverhohlen auf ihre uneheliche Herkunft anzuspielen ist wenig ruhmreich, dachte er entrüstet. Aber dann rief er sich in Erinnerung, dass die Sache erledigt sei, denn es war nicht seine Art, unnötig lange über Taten nachzugrübeln, die er ohnehin nicht mehr ungeschehen machen konnte. Mochte man auch noch so behutsam vorgehen, eine Ablehnung war stets schmerzvoll. Diese Erfahrung hatte er über die Jahre gemacht, seit sein Vater das Familienvermögen verloren hatte. Es tat ihm leid, Willa diesen Schmerz zugefügt zu haben, aber der Fehler lag nicht bei ihm, sondern eher bei seinem verfluchten toten Onkel.

„Der alte Bastard.“

„Wie bitte?“, fragte Lucan.

„Nichts. Reiten wir zurück nach Hillcrest, ehe die Männer das ganze Ale austrinken.“

„Was siehst du?“, fragte Willa unglücklich. Sie schwieg und schaute Eada über die Schulter. Die alte Frau, die seit Jahr und Tag wie eine Mutter für sie war, hatte ihr einen Becher Wein aufgedrängt, nachdem Willa ihr von Dulongets Abfuhr erzählt hatte. Jetzt saß sie am Tisch und las angestrengt den Bodensatz, den der Wein hinterlassen hatte. Willa beugte sich weiter vor, um die Ablagerungen auf dem Boden des Bechers besser erkennen zu können, aber mit den Formen, die die kleinen Lachen bildeten, konnte sie nichts anfangen. Sie verstand nicht, was Eada dort erblicken mochte. Doch die alte Frau sah etwas. Sie hatte immer recht behalten. Bis auf den heutigen Tag.

Eada hatte vorhergesagt, Willa werde Hugh Dulonget heiraten und ihn lieben lernen. Sie hatte gesehen, dass ihnen viele Kinder und Glück beschieden wären, aber nun schaute es so aus, als wäre das nicht der Fall. Nicht solange er ein Mitspracherecht hatte.

Eada stellte den Becher wieder auf den Tisch und zuckte die Schultern. „Dasselbe wie zuvor. Du wirst den Earl heiraten, so wie es der alte Earl wünschte.“

Willa dachte über Eadas Weissagung nach und ließ die Worte auf sich wirken. Sie war sich ziemlich sicher, dass Hugh Dulonget nicht die Absicht hatte, sie zu heiraten, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Mann seine Meinung ändern würde. „Ist es möglich, dass Hugh stirbt, jemand anders den Grafentitel erbt und mich heiratet? Vielleicht gibt es einen anderen Mann, den ich lieben werde und den …“

„Dulonget ist der Earl, den du heiraten wirst. Dieser Esel“, murmelte Eada vor sich hin. Willa hörte die Beleidigung, ging indes nicht weiter darauf ein. Im Augenblick verspürte sie kein Verlangen, diesen Mann in irgendeiner Weise in Schutz zu nehmen. Obwohl sie gelobt hatte, ihre Pflicht zu erfüllen, empfand sie es als äußerst schwierig, diesen hochnäsigen Flegel zu lieben. Wie konnte er es wagen, sich so viel höher als sie zu stellen! Als ihr Verlobter war es genauso seine Pflicht, sie zu lieben, wie es ihre war, ihn zu lieben. Doch er tauchte mit dem kraftvollen Leib eines kampferfahrenen Mannes und mit einer betörend tiefen Stimme hier auf und eröffnete ihr unumwunden, sie entspräche nicht seinem Stande.

Willa wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Eada mit der Zunge schnalzte. Abermals hatte die alte Frau sich über den Bodensatz gebeugt. „Nein, er wird nicht sterben. Zumindest nicht vor der Hochzeit.“

Willa horchte bestürzt auf. „Was soll das bedeuten? Wird er sterben, nachdem wir geheiratet haben? Aber du hast doch gesagt …“

„Hier sind dunkle Kräfte am Werk. Manch ein verschlungener Pfad wird erst jetzt sichtbar“, erklärte Eada geduldig. „Er wird dich heiraten, aber wie lange er nach der Trauung lebt, hängt von dir ab.“

„Von mir?“

„Ja. Davon, ob du sofort bei seiner Rückkehr in sein Heiratsangebot einwilligst, oder ob du noch wartest.“

„Warten? Auf was denn?“

„Du musst so lange warten, bis er auf dem Bauch zu dir gekrochen kommt.“

„Niemals. Nie wird er auf dem Bauch zu mir gekrochen kommen, auch zu keinem anderen. Dafür ist er viel zu stolz.“

„Er wird angekrochen kommen“, kündigte Eada im Brustton der Überzeugung an. „Und bis er es tut, darfst du ihn nicht als deinen Gemahl annehmen, sonst wirst du ihn noch vor dem nächsten Vollmond verlieren.“

„Ah, Mylord. Ihr seid zurück.“

Hugh verlangsamte seine Schritte am Eingang zur Großen Halle, als sein Blick auf die große, dünne Gestalt von Lord Wynekyn fiel; er war ein Freund und Nachbar seines verstorbenen Onkels. Als Hugh bewusst wurde, dass man ihm seine Verblüffung anmerken konnte, zwang er sich, weiterzugehen. Er nickte dem Gast freundlich zu, trat an die Tafel und griff nach dem Bierkrug. „Eine Erfrischung, Lord Wynekyn?“

„Ja, gerne, das täte jetzt gut. Euer Diener hat mir bereits etwas davon angeboten, als ich hier eintraf, aber ich zog es vor, auf Eure Rückkehr zu warten.“

Hugh nickte erneut und füllte drei Becher mit Ale.

„Euer Diener erwähnte auch, dass Ihr zu der Waldhütte aufgebrochen seid. Was haltet Ihr von Lady Willa? Sie war blass und schmal, als ich sie zuletzt gesehen habe, aber da betrauerte sie noch den Tod Eures Onkels.“

Dunkles Ale spritzte auf die stark beanspruchte Oberfläche des großen Holztisches, da Hugh leicht zusammengezuckt war. Im Stillen verfluchte er seine Ungeschicklichkeit, füllte den letzten Becher, richtete sich sodann auf und reichte ihn Lord Wynekyn dar.

„Ihr kennt demnach das Mädchen?“, fragte er vorsichtig, als Lucan vortrat, um den Becher in Empfang zu nehmen, den Hugh über die Tischplatte schob.

„O ja.“ Lord Wynekyn lächelte beinahe verträumt. „Ich kenne Lady Willa seit ihrer Geburt.“

„Ich verstehe.“ Hugh schürzte die Lippen und fragte sich, wie er es dem freundlichen alten Mann beibringen sollte, dass er sich nicht mit der Absicht trug, die junge Frau zu heiraten. Davon wäre Lord Wynekyn gewiss nicht erbaut. Immerhin war es der letzte Wunsch des Earl auf dem Sterbebett gewesen. Hugh dachte immer noch darüber nach, als Lucan, der Lord Wynekyns Worten offenbar mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatte, fragte: „Ihr nanntet das Mädchen eben Lady Willa?“

„So ist es. War Euch nicht bewusst, dass sie edler Herkunft ist?“ Lord Wynekyn wirkte beinahe bestürzt.

„Nein, ich vermutete …“ Hughs entgeisterter Blick wanderte zu Lucan.

„Aber Ihr habt doch nicht angenommen, Euer Onkel habe von Euch erwartet, ein Bauernmädchen zu ehelichen?“ Als Hugh schuldbewusst errötete, schüttelte Lord Wynekyn fassungslos den Kopf. „Ihr hättet es besser wissen müssen.“ Mit gerunzelter Stirn schaute er die beiden Ritter an und setzte den Krug ab. „Ich darf doch annehmen, dass alles zum Besten steht und Ihr keinerlei Einwände erhebt, die Frau zu heiraten?“

Hugh blickte starr auf seinen Bierkrug und setzte ihn langsam ab. „Was, wenn ich Einwände hätte?“

„Ich muss doch sehr bitten …“ Der ältere Mann sah so beleidigt aus, als ob Hugh es gewagt hätte, Lord Wynekyns eigene Tochter zurückzuweisen. „Nun, dann würdet Ihr nach dem Erstgeburtsrecht den Titel und diese Burg erben, aber Lady Willa und das Vermögen würden jemand anderem zufallen. Das wäre dann … Lasst mich nachdenken …“ Er legte einen Finger an sein Kinn und schaute nachdenklich zur Decke, wobei ihm Hughs Entsetzen vollkommen entging.

Er würde den Titel und den Besitz erben, aber nicht das Vermögen, um die Güter zu bewirtschaften? Gütiger Gott! Von einem leichten Schwindel befallen, ließ Hugh sich auf die Sitzbank sinken. Das wäre ungefähr so, als gäbe man einem armen Mann ein Pferd, aber kein Futter, um es am Leben zu erhalten. Mittlerweile war Herbst; die Feldfrüchte waren längst zu Markte getragen und verkauft worden. Das hatte er bereits an diesem Morgen bei seiner Ankunft erfahren, darüber hinaus hatte man ihn wissen lassen, dass es seinem Onkel aufgrund der Krankheit nicht mehr möglich gewesen war, die Burg und ihre Insassen mit den erforderlichen Lebensmitteln für den Winter zu versehen. Diese Aussicht hatte Hugh nicht weiter beunruhigt, da er davon überzeugt gewesen war, sich recht bald der Angelegenheiten anzunehmen. Doch da war er noch fest davon ausgegangen, die gut gefüllten Geldkassetten in der Schatzkammer wären sein Eigen. Jetzt sah es indes so aus, dass ihm keine einzige Münze gehörte, wenn er Willa nicht heiratete.

Beim Allmächtigen! Kein Wunder, dass sie sein Angebot einer Mitgift ausgeschlagen und behauptet hatte, sie benötige nichts von ihm. Sie hatte es in der Tat nicht nötig. Aber er brauchte sie, wie ihm jetzt klar wurde, doch in diesem Augenblick rief Lord Wynekyn erfreut aus: „Ich glaube, das Erbe fiele dann Eurem Vetter Jollivet zu.“

„Wenn man vom Teufel spricht!“

Bei dieser hohen, fröhlichen Stimme drehten die drei Männer sich verblüfft zur Tür um. Ein schmaler junger Mann tauchte im Eingang zur Großen Halle auf. Er grinste, als er das Erstaunen in den Augen der Männer sah, hielt die ausgestreckten Hände mit den Handflächen nach oben und sagte in einem beschwörenden Ton: „Und er wird gewiss erscheinen.“

„In der Tat, wenn man vom Teufel spricht“, meinte Hugh leise.

„Komm schon, Vetter.“ Leichtfüßig eilte Jollivet durch die Halle und schenkte sämtlichen Anwesenden ein breites Lächeln. „Habe die schreckliche Nachricht vom Tode unseres lieben Onkels vernommen und trieb mein Schlachtross hierher, um meine feierliche Trauer in angemessener Weise zur Schau zu stellen.“ Als er die Männer erreichte, vollführte er eine weitere übertriebene Geste und verfiel in eine gekünstelte Pose. „Tata, da bin ich.“

„Sogar nüchtern“, murmelte Lucan belustigt hinter seinem Becher, bevor er einen kräftigen Zug tat.

Hugh stimmte ihm mit einem grantigen Laut zu und sprach seinen Vetter an: „Nimm Platz, Jollivet, oder besser noch, geh nach draußen und jage dem Stallburschen hinterher. Wir haben hier noch Geschäftliches zu besprechen.“

„Das habe ich gehört“, kam es vergnügt über Jollivets Lippen. Er schenkte sich von dem Ale ein und setzte sich dann, sehr zum Verdruss seines Vetters, in unmittelbarer Nähe von Hugh auf eine der Bänke. Dabei achtete er gar nicht weiter auf die finstere Miene des Ritters, sondern sagte: „Und? Warum fiel hier gerade mein Name?“

„Ich wollte Hugh gerade erklären …“, hob Lord Wynekyn an, wurde jedoch schroff in seinen Ausführungen unterbrochen.

„Wir sprachen eben darüber, wer alles zu meiner Hochzeit eingeladen werden soll“, log Hugh und hielt dem tadelnden Blick des benachbarten Lord stand. Er hatte mitnichten die Absicht, seinen Vetter jemals auch nur ahnen zu lassen, dass er durch eine Heirat ein Vermögen erlangen könnte. Der Mann war ein Geck. Nur um die Adligen am Königshof zu beeindrucken, deckte er sich mit teuren Kleidern und Schmuck ein, den er sich eigentlich nicht leisten konnte. Wenn er jetzt erführe, dass er Reichtümer besitzen könnte, die selbst seine kühnsten Träume überstiegen, würde er Willa so lange umwerben, bis er bei ihr Erfolg hätte. Und als Hugh sich jetzt schmerzlich vor Augen führte, wie verletzt Willa an diesem Morgen ausgesehen hatte, befürchtete er, dass die junge Frau für ein derartiges Werben durchaus empfänglich wäre. Tatsächlich bestand die Möglichkeit, dass sie ihn, Hugh, nicht heiraten würde. Im Gegensatz zu Hugh hatte Willa sehr wohl erkannt, dass der verstorbene Earl allein ihr das Vermögen vermacht hatte. Ihr musste demnach bewusst sein, dass es eine ganze Reihe von Lords gab, die aufgrund ihrer Mitgift über ihre fragwürdige Abstammung hinwegsehen würden. Zudem war auch ihr Aussehen alles andere als abschreckend.

„Deine Hochzeit?“ Jollivet schien erstaunt zu sein. „Wer will dich heiraten?“

„Lady Willa“, antwortete Lord Wynekyn.

„Die Dame geht dich nichts an“, warf Hugh scharf ein, doch Jollivet beachtete seinen Vetter einmal mehr nicht.

„Welchem Geschlecht entstammt diese Lady Willa?“

„Einzelheiten ihrer Herkunft darf ich nicht preisgeben“, erwiderte Lord Wynekyn geheimnisvoll.

„Nun, gewiss könnt Ihr eine Ausnahme machen“, bohrte Jollivet nach und lachte unbekümmert, doch der alte Nachbar schüttelte entschieden den Kopf.

„Es geht um ihre Sicherheit“, fügte Lord Wynekyn mit ernster Miene hinzu.

Hugh wandte den Blick von seinem Vetter und starrte stattdessen den alten Freund seines Onkels wütend an. „Wir dürfen nicht einmal ihren Namen erfahren? Wenn ich diese Frau ehelichen soll, habe ich doch gewiss das Recht, ihren vollen Namen zu kennen.“

„Es tut nichts zur Sache, ob ich in dieser Angelegenheit mit Euch einer Meinung bin oder nicht, Mylord, da ich ihren vollen Namen selbst nicht kenne … Und ich bin immerhin ihr Patenonkel.“

Bei diesen Worten begann Jollivet zu kichern. „Ihr kennt nicht einmal ihren Namen, wollt aber ihr Patenonkel sein? Wie köstlich!“

Hugh warf seinem Vetter einen wütenden Blick zu und fragte Lord Wynekyn: „Warum habt Ihr Euch bereit erklärt, ihr Patenonkel zu sein, obwohl Euch ihr Name nicht bekannt ist?“

Der ältere Mann lächelte. „Ihr habt das Mädchen kennengelernt. Als ich sie das erste Mal sah, war sie noch ein Kleinkind. Selbst da war sie so lieblich wie eine Prinzessin. Sie hatte große graublaue Augen und kleine goldblonde Locken. Richard führte sie mir mit geschwellter Brust vor. Er war so stolz, wie ein Vater nur sein kann, und ich nahm an, wie Ihr vermutlich auch, sie sei sein Kind. Als er sie hochhob, um sie mir zu zeigen, lächelte sie mich geradewegs an. Und als ich ihr den Finger hinhielt, umklammerte sie ihn mit ihrer kleinen Hand und gab ein niedliches Glucksen von sich.“ Er schüttelte versonnen den Kopf. „Schon damals habe ich sie ins Herz geschlossen.“

„Ihr erklärtet Euch bereit, ihr Patenonkel zu werden, weil sie Euren Finger umklammert hielt und gluckste?“, wunderte sich Jollivet und erntete einen strafenden Blick von Lord Wynekyn.

„Nein. Lord Hillcrest bat mich erst sehr viel später, der Patenonkel des Mädchens zu werden. Nach … dem Vorfall“, sagte er in einem beinahe geheimnisvollen Ton.

„Welcher Vorfall?“, fragte Hugh sogleich nach.

„Zu jener Zeit lebte Euer Onkel auf Claymorgan. Seit dem Zerwürfnis mit Eurem Vater pflegte er dort zu wohnen. Damals muss Willa ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein. Ich war des Öfteren zu Besuch auf Claymorgan und mochte das Kind von Herzen. Zufällig hatte ich Richard bei Hofe getroffen, und so ritten wir gemeinsam nach Hause. Da die Heimreise mich unweigerlich an Claymorgan vorbeiführte, gedachte ich, ein oder zwei Tage dort zu verweilen, aber als wir ankamen, war die Burg in hellem Aufruhr. Richard hatte eine Köchin, deren Tochter ungefähr so alt war wie Willa, und die beiden Mädchen waren befreundet. Sie wurden vermisst. Heimlich hatten sie sich aus der Burg gestohlen – ihr müsst wissen, dass sie unter keinen Umständen außerhalb der Mauern spielen durften. Wie dem auch sei, sie hatten offensichtlich woanders gespielt. Bald nachdem ihr Fehlen bemerkt worden war, hatte sich die eine Hälfte von Richards Wachen auf die Suche nach den beiden gemacht. Die anderen suchten jeden Winkel der Burganlage ab.“

„Ich vermute, man fand sie, alles war wieder gut, und dann hat mein Onkel Euch gebeten, ihr Patenonkel zu werden?“, mutmaßte Jollivet.

Als der alte Mann traurig den Kopf schüttelte, verfinsterte sich Hughs Miene. „Nun, man muss sie ja gefunden haben, Lord Wynekyn. Ich habe Willa schließlich kennengelernt.“

„Oh, gewiss fand man sie“, pflichtete ihnen der alte Mann bei. „Aber es war eben nicht alles gut. Kaum hatte Eada uns berichtet, die Mädchen würden vermisst, als die Männer auch schon zurückkehrten. Der erste Mann, der das Torhaus passierte, trug ein totes Mädchen in seinen Armen, und zuerst glaubten wir alle, es sei Willa. Ich befürchtete, Richard würde einen Schlaganfall erleiden, als er die Männer in den Burghof reiten sah, aber als die Wachen näher kamen, erkannten wir, dass es sich nicht um Willa handelte: Das tote Mädchen war die Tochter der Köchin. Willa kauerte auf dem Pferd des zweiten Reiters, aschfahl und stumm. Zunächst glaubte ich, auch sie wäre tot, bis die Reiter uns erreichten, und ich sehen konnte, dass die Kleine am ganzen Leib zitterte.“

„Was war der Tochter der Köchin widerfahren?“, fragte Hugh neugierig.

„Ihr Genick war gebrochen“, erwiderte er rundheraus. Lord Wynekyn machte eine gewichtige Pause, bis seine Worte gesackt waren, und fuhr sodann fort: „Willas Beschreibung zufolge hatten die Mädchen Fangen gespielt. Luvena, die Tochter der Köchin, war ihr einige Schritte voraus gewesen. Willa folgte ihr auf eine Lichtung, als das Mädchen über ihr von einem Felsen stürzte. Zunächst glaubte sie, ihre Freundin habe einen kleinen Felsen erklommen, um sich zu verstecken, und sei dann hinabgestürzt. Willa war ganz außer sich. Luvena war wie eine Schwester für sie.“

Einen Moment lang herrschte im Raum gedrücktes Schweigen; dann fuhr Lord Wynekyn fort: „Es war kurz nach dem tragischen Vorfall, als Richard mich bat, Willas Patenonkel zu werden. Ich hatte immer vermutet, dass sie ein uneheliches Kind von ihm sei, aber er klärte mich auf. Er versicherte mir, sie sei weder ein Bastard noch sein eigenes Kind. Man hatte sie in seine Obhut gegeben, ihm sozusagen in letztwilliger Verfügung vermacht, und daher hatte er sie Willa genannt. Und er hatte bei seiner Ehre gelobt, sie mit seinem Leben zu beschützen. Er liebte sie wie seine eigene Tochter. Natürlich konnte ich nicht ablehnen. Sie war ein so bezauberndes Mädchen mit einer goldenen Lockenpracht und einem betörenden Lächeln.“

Ein sanfter Zug lag um seinen Mund. „Jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam, tollte sie mit Wolfy und Fen herum und jagte den Vögeln hinterher.“ Er seufzte, und sein Blick verlor sich in fernen Erinnerungen; dann zog er die Stirn in Falten. „Doch sie spielte nie mit anderen Kindern. Niemals hat sie sich später mit einem anderen Mädchen angefreundet. Ich …“

„Einen Augenblick“, unterbrach Hugh den Lord und schaute in fragend an. „Wann sind Onkel Richard und Willa von Claymorgan hierher gezogen?“

„Oh, tut mir leid, ich vergaß, Euch davon zu berichten.“ Lord Wynekyn gab einen schnalzenden Laut von sich und schien sich im Stillen für seine Vergesslichkeit zu tadeln. „Nach dem Mord beschloss er, dass Willa hier sicherer wäre …“

„Mord?“, rief Jollivet mit hoher Stimme aus. „Was für ein Mord?“

Allmählich fühlte Lord Wynekyn sich durch die ständigen Unterbrechungen gestört. „Aber das habe ich Euch doch sicher erzählt. Die Tochter der Köchin.“

„Die Tochter der Köchin wurde ermordet?“, fragte Hugh. Als der ältere Mann bedeutungsvoll nickte, beschwerte Hugh sich: „Aber Ihr sagtet doch, sie habe sich das Genick gebrochen.“

„Ja. Nun, das nahmen wir zunächst an. Aber obgleich der Hals des Mädchens gebrochen war, kamen wir zu dem Schluss, dass es nicht durch den Sturz gekommen sein konnte. Auf dem Arm des Mädchens entdeckten wir blaue Flecke, als habe jemand sie hart gepackt. Auch an ihrem Hals waren Druckstellen zu erkennen, ebenso am Kinn und den Wangen, als habe jemand ihr Gesicht umfasst und ihr den Kopf herumgerissen. Richard glaubte – und ich stimmte ihm zu –, dass man ihr vorsätzlich das Genick gebrochen hat.“

„Warum sollte jemand die Tochter der Köchin töten?“, fragte Lucan verwundert.

„Weil der Mörder glaubte, Luvena wäre Willa“, erklärte Lord Wynekyn geduldig. „Die Tochter der Köchin war ein blondes Mädchen, und an diesem Tag hatten die Freundinnen ihre Gewänder getauscht. Deswegen irrte der Mörder sich.“ Er zuckte die Schultern. „Wie dem auch sei, nach Luvenas Tod war Richard davon überzeugt, dass Willa auf Claymorgan nicht mehr länger sicher war.“

„Sicher vor wem?“, erkundigte sich Jollivet. „Wer trachtete Willa nach dem Leben?“

Lord Wynekyn schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Das hat Richard mir nie anvertraut. Er ließ lediglich durchblicken, der Mörder sei ein sehr mächtiger Mann, und daher wolle er Willa keinen Tag länger dieser Gefahr aussetzen.“ Der alte Mann verstummte und wurde nachdenklich; dann schaute er seine Zuhörer an. „Richard hat alles getan, um für ihre Sicherheit zu sorgen. Mitten in der Nacht ließ er Willa und Eada aus der Burg in Claymorgan schmuggeln und in die Hütte in der Nähe von Hillcrest bringen. Drei seiner vertrauenswürdigsten und erfahrensten Kämpfer begleiteten die Frauen. Alsneta, die Köchin, wurde hier auf diese Burg gebracht. Abgesehen von den Männern, die die Mädchen gefunden hatten, wurde jedem erzählt, Willa sei gestorben und Richard habe es nicht mehr länger an jenem Ort ausgehalten, der mit den Erinnerungen an das geliebte Kind behaftet war. In einem feierlichen Eid gelobten die eingeweihten Ritter Schweigen. Glücklicherweise waren die Männer, die Willa an jenem Tag fanden, Richards treueste Ritter.“

Der alte Mann ging ein wenig in der Halle auf und ab, bevor er hinzufügte: „Richard beließ es nicht dabei, Willa an einem abgelegenen Ort unterzubringen. Sobald er hierher gezogen war, hat er ihr verboten, die Burg zu betreten. Sich selbst untersagte er, das Mädchen die ersten fünf Jahre zu besuchen. Sie hat ihn furchtbar vermisst, aber die Trennung fiel ihm noch viel schwerer, denke ich. Er verehrte das Kind. Jeden Tag schrieb er ihr Briefe. Fünf Jahre lang war dies der einzige Kontakt, den die beiden hatten. Briefe und kleine Geschenke von ihm an sie, und Briefe und kleine Geschenke, die sie zurücksandte. Jeden Abend quetschte Euer Onkel den Boten aus. Ich habe es manchmal selbst miterlebt. Richard fragte, was Willa gerade tue, wie es um ihre Gesundheit bestellt sei, was sie an diesem Tag gespielt habe, und wollte jedes Wort hören, das sie gesagt hatte.“ Die Erinnerung zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht. „Auch mich hat er immer ausgefragt, wenn ich auf meinem Weg hierher an der Hütte gehalten hatte. Es beunruhigte ihn, dass sie sich weigerte, sich mit anderen Mädchen anzufreunden. Das machte ihm große Sorgen, aber er und ich, wir wussten uns keinen Rat, wie wir ihr das Gefühl von Sicherheit vermitteln sollten, wieder neue Freundinnen zu finden.“

„Warum hat sie nach Luvena keine anderen Freundschaften mehr geschlossen?“, fragte Lucan.

„Das haben wir auch nie verstanden, bis Eada es uns erklärte. Offensichtlich hatte Willa heimlich mitgehört, als Richard und ich über Luvenas Tod sprachen und den Verdacht äußerten, sie sei ermordet worden. Danach muss sie beschlossen haben, keine Spielgefährten mehr zu haben, da sie offenbar Angst hatte, ein weiteres Mädchen könnte an ihrer statt getötet werden.“

Hugh schüttelte betroffen den Kopf, und Lord Wynekyn nickte.

„Ja, das muss eine einsame Kindheit für sie gewesen sein. Sie ließ nur die alte Hexe, ihre Wachen, Richard und mich in ihre Nähe. Ihre einzigen Spielgefährten waren die Tiere.“

„Demnach sind Wilf und Fin die Wachen, die mein Onkel ihr zugeteilt hat. Was wurde aus dem dritten Wächter?“

Lord Wynekyn schaute Hugh verwirrt an. „Wie bitte?“

„Wilf und Fin. Sind die beiden ihre Wachen?“

„Oh.“ Der alte Mann lachte kurz auf. „Ihr meint Wolfy und Fen. Nein. Baldulf ist ihr Wächter.“

„Aber Ihr sagtet, sie habe drei Beschützer“, meldete sich Jollivet wieder zu Wort.

„Ja, hat sie auch. Howel und Ilbert waren ebenfalls für ihre Sicherheit verantwortlich. Aber Richards Verwalter verstarb etwa fünf Jahre, nachdem der Earl nach Hillcrest gezogen war. Howel war der einzige Mann, dem er die Stellung anvertraute, und da in all den Jahren nichts Beunruhigendes geschehen war, rief er Howel zurück zur Burg und ernannte ihn zum neuen Verwalter. Zu dieser Zeit gestattete er sich, Willa wiederzusehen, aber sämtliche Treffen fanden im Geheimen statt.“

„Was wurde aus Ilbert?“, erkundigte sich Lucan, als Lord Wynekyn schwieg.

„Er starb vor einem Jahr.“ Als seine Worte fragende Blicke hervorriefen, fügte er rasch hinzu: „Nein, er starb eines natürlichen Todes. Er erkrankte an einem Fieber. Und so verblieb nur noch Baldulf, um sie zu beschützen. Richard überlegte, ob es ratsam sei, einen anderen Mann zu schicken, um Ilbert zu ersetzen, sprach sich indes dagegen aus. Er sah darin keine Notwendigkeit.“

„Und wo ist dieser Baldulf jetzt?“, wollte Lucan wissen.

„Und wer sind Wilf und Fin?“, fragte Hugh ungeduldig.

„Wolfy und Fen?“

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