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Wie Spuren im Sand

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1. KAPITEL

„Tut mir sehr leid, Dr. Hayden, aber Ihr Gepäck scheint spurlos verschwunden zu sein.“ Der Flughafenangestellte blickte von seinem Computer auf und sah Eloise bedauernd an. „Hier steht nicht einmal, dass es überhaupt in die Maschine verladen wurde.“

„Wie bitte?“ Fassungslos musterte sie den Mann. „Ich sollte gestern schon in Cornwall sein. Ich kann hier nicht warten, bis die Koffer mit dem nächsten Flug aus Sydney kommen. Sie müssen sie mir nachschicken.“

„Kein Problem, Dr. Hayden.“ Er griff nach Kugelschreiber und einem Formular. „Unter diesen Umständen wird die Fluggesellschaft die Kosten tragen. Nennen Sie mir nur eine Adresse.“

Eloise unterdrückte ein frustriertes Seufzen und wühlte in ihrer Handtasche. Man hatte ihr in Penhally Bay ein Zimmer gebucht. Natürlich nicht in einem Fünfsternehotel; wahrscheinlich besaß Trevallyn House nicht einmal einen Stern. Mehr gibt das Budget der australischen Gesundheitsbehörde eben nicht her, dachte sie ironisch. Ihre Vorgesetzten hatten ihr erklärt, ein Monat Aufenthalt an der malerischen Küste von Cornwall würde sie für die schlichte Unterbringung sicher hinreichend entschädigen. Schlicht? Das Gebäude sah aus, als wäre schon James Cook vor seiner Entdeckung Australiens 1770 dort abgestiegen!

Zusammen mit ihrer Visitenkarte reichte sie den Prospekt über den Tresen und tappte ungeduldig mit dem Fuß, während der Mann die Daten aufnahm. „Wie lange wird es dauern?“, fragte sie, als sie die Broschüre zurückbekam.

„Das ist schwer zu sagen. Ein, zwei Tage, vielleicht auch länger. Offensichtlich wurden die Koffer in Sydney ins falsche Flugzeug gebracht. So etwas kommt leider vor.“

Eloise zügelte nur mühsam ihren Ärger. „Schön zu wissen, dass mein Gepäck eine Weltreise machen darf, aber könnten Sie bitte dafür sorgen, dass es gefunden wird, und zwar schnell? Seit sechsunddreißig Stunden trage ich dieselben Sachen am Körper, und ich bin dienstlich unterwegs. Ich brauche meine Koffer!“

„Ich werde tun, was ich kann, doch wie ich schon sagte, kann es sich hinziehen. Durch die verschärften Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen wurden zwar einige Probleme gelöst, dafür aber andere geschaffen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Eloise lächelte schwach. „Danke für Ihre Hilfe. Hoffentlich höre ich bald von Ihnen.“ Sie bahnte sich einen Weg durch den überfüllten Flughafenterminal und machte sich auf die Suche nach ihrer Mietwagenfirma. Nachdem sie wieder endlos lange gewartet hatte, händigte man ihr Schlüssel und Papiere aus – für das winzigste Auto, das sie je gesehen hatte.

„Ich könnte euch den Hals umdrehen, Jack Innes & Co“, schimpfte sie vor sich hin, während sie rückwärts aus der Parklücke setzte. „Gut, dass mein Gepäck nicht mitgekommen ist. Es hätte zu Fuß gehen müssen!“

Penhally Bay war ein kornisches Fischerstädtchen wie aus einem Hochglanz-Reiseführer. Pittoreske Häuser und kleine Läden säumten die Straßen, bevölkert von Touristen, die das herrliche Sommerwetter und den idyllischen Ausblick auf den Hafen genossen. An einem Ende der Bucht erhob sich die Seenotrettungsstation, am anderen ein Leuchtturm. Draußen auf dem Meer glänzten weiße Segelboote im Sonnenlicht.

Trevallyn House lag an der Harbour Road. Es war ein bisschen größer als seine Nachbarhäuser, dafür aber in einem wesentlich schlechteren Zustand. Stellenweise war die weiße Farbe abgeblättert, und einer der Fensterläden im Erdgeschoss hing schief in seinen rostigen Angeln.

Na toll, murrte Eloise stumm, während sie die Stufen hinaufging. Bevor sie nach dem Klingelknopf suchen konnte, schwang mit lautem Knarren die Haustür auf, und eine rundliche Gestalt erschien im Türrahmen.

„Sie müssen Dr. Hayden sein“, begrüßte die Pensionswirtin sie warmherzig. „Willkommen in Penhally Bay! Entschuldigen Sie die Unordnung, aber eines meiner Zimmermädchen hat mich ganz plötzlich vor zwei Tagen verlassen. Warten Sie, ich sage Davey Bescheid, dass er Ihr Gepäck nach oben bringt. Ich habe Ihnen Zimmer 7 hergerichtet. Das hat den schönsten Blick auf unsere Bucht.“

„Im Moment habe ich noch kein Gepäck. Es kommt … später.“

„Oh, ach so …“ Mrs. Trevallyn lachte wie ein junges Mädchen. „Das macht doch nichts. Aber Sie werden sich bestimmt frisch machen wollen. Das Bad ist auf dem Flur. Beim Duschen müssen Sie vorsichtig sein – Sie können sich verbrühen, wenn jemand anders seinen Wasserhahn aufdreht.“

Na warte, Jack Innes, mit dir werde ich noch ein Hühnchen rupfen!

Eloise machte sich darauf gefasst, die nächsten vier Wochen in einem Bretterverschlag ihr Dasein fristen zu müssen, war jedoch angenehm überrascht, als sie Zimmer Nummer 7 betrat. Es war auf altmodisch hübsche Weise in Rosa und Cremeweiß gehalten und entfaltete gleich auf den ersten Blick einen besonderen Charme. Ein bunter Strauß Sommerblumen stand auf dem Frisiertisch, und der betörende Duft der einzelnen blutroten Rose darin zog Eloise magisch an. Sie berührte die samtigen Blütenblätter, drehte die Hand langsam um und musterte ihren Finger. Ihr Herz fing an zu hämmern, und ihre Hand zitterte leicht. Aber es klebte kein Blut an der Haut.

Eloise riss sich zusammen und trat zurück. „Du arbeitest schon zu lange in der Pathologie, Mädchen“, sagte sie zu sich selbst, durchmaß mit energischen Schritten das Zimmer und öffnete das Fenster. Dann schloss sie die Augen und atmete tief die würzige Seeluft ein.

Chief Inspector Lachlan D’ Ancey knallte die Akte zu und sah seinen jungen Kollegen grimmig an. „Das ist doch völlig übertrieben“, sagte er. „Wozu brauchen wir eine forensische Pathologin aus Australien? Wir haben den Fall sorgfältig untersucht.“

Constable James Derrey nickte eifrig. „Ja, ich weiß, aber nicht nur seine Familie stellt Fragen, Chief. Ethan Jenson war ein Weltklassesurfer, und jeder hat erwartet, dass er die Weltmeisterschaften gewinnt. Die Australier wollen eben nicht akzeptieren, dass ein Surfer seines Kalibers einfach ertrinkt. Ich schätze, die externe Untersuchung ist von ganz oben angeordnet worden.“

Lachlan fuhr sich durch das dichte dunkelbraune Haar. „Sicher. Ich hoffe nur, diese Pathologin wird schnell einsehen, dass unsere Untersuchung absolut wasserdicht ist, und wieder nach Hause fliegen, damit wir unsere Arbeit machen können.“

„Ganz meine Meinung, Sir.“

Seufzend lehnte Lachlan sich in seinem Sessel zurück. „Für den nächsten Monat könnte ich mir wirklich etwas Besseres vorstellen, als den Fall noch einmal aufzurollen.“

„Ich auch, aber diese Australierin wird erwarten, dass Sie jederzeit für Fragen bereitstehen“, entgegnete James. „Haben Sie sie schon gesehen?“

„Nein.“ Der Chief Inspector blickte auf seine Armbanduhr. „Eigentlich sollte sie gestern schon hier sein, aber vielleicht ist etwas Wichtiges dazwischengekommen.“ Er sah auf und lächelte amüsiert. „Oder sie hat sich verfahren. Vielleicht ist sie längst in Schottland. Sie wissen doch, wie die Aussies sind – die fahren weiter, um einen Liter Milch zu kaufen, als wir in den Urlaub.“

James grinste. „Und ich wette, sie ist zickig. Erinnern Sie sich noch an das Mädchen aus London, das damals hier aufkreuzte? Diese Karrierefrauen sind doch alle gleich.“

Lastende Stille folgte.

Dem jungen Polizisten stieg das Blut ins Gesicht. „Verzeihung, Chief“, murmelte er. „Das war taktlos. Ich hatte nicht an Margaret gedacht und an die Scheidung und all das …“

„Vergessen Sie es, James“, erwiderte Lachlan. „Ich bin darüber hinweg. Zugegeben, es war hart, aber ehrlich gesagt hätten wir uns schon Jahre früher trennen sollen. Im Grunde hätten wir gar nicht erst heiraten dürfen, aber Poppy war unterwegs und …“ Er seufzte ergeben. „Nun ja, damals dachte ich, es sei das Richtige.“

„Wie geht es Ihrer Tochter? Ich habe gehört, Jensons Tod hätte sie ziemlich mitgenommen. Sie war ein großer Fan von ihm, nicht?“

„Teenager, James … Sie wissen doch, wie Mädchen in dem Alter sind. Verrückt nach Stars. Und welche der Frauen hier unter vierzig bekäme keine weichen Knie, wenn ein muskelbepackter und braun gebrannter Surfer an ihr vorbeiliefe?“

Der Constable stand auf. „Wohl wahr. So, ich muss wieder an die Arbeit. Draußen auf Henry Ryalls Farm soll sich ein Dieb herumtreiben. Henry meinte, dass ein paar seiner Schafe fehlen. Aber ich glaube eher, dass er Gesellschaft braucht. Seit Mary tot ist, muss er ziemlich einsam sein.“

„Armer alter Knabe. Für ihn wäre es bestimmt besser, in die Stadt zu ziehen.“

„Das wird er nicht tun. Der stirbt in seinen Arbeitsstiefeln, so viel ist sicher.“ James wandte sich zur Tür, fügte aber noch hinzu: „Viel Glück mit der Gerichtsmedizinerin. Vielleicht ist sie sogar nett.“

Lachlan antwortete nicht. Er wartete, bis James gegangen war, und schlug die Akte wieder auf. Nachdenklich, mit einer steilen Falte zwischen den schwarzen Brauen, betrachtete er die Züge des toten Surfers …

Eloise fand die Polizeiwache ohne Probleme. Allerdings wunderte sie sich, dass hinter dem schmalen Empfangstresen niemand saß.

Sie suchte nach einer Klingel oder Ähnlichem, um sich bemerkbar zu machen, entdeckte eine Messingglocke und läutete. Nichts geschah. Eloise wartete noch eine Minute und rief dann: „Hallo? Ist jemand da?“

Keine Antwort.

Während sie ein zweites Mal die Glocke schwenkte, kam sie sich ein bisschen albern vor. Wie nervös war sie auf dem Weg hierher gewesen – zu ihrem ersten Einsatz auf internationaler Ebene! In ihrem ganzen Leben hatte sie sich noch nie so schlecht vorbereitet gefühlt. Und nun musste sie feststellen, dass ihr neuer Arbeitsplatz von einer modernen Strafverfolgungsbehörde Lichtjahre entfernt war …

Zum Glück hatte sie nicht weitere kostbare Zeit damit verschwendet, sich ein neues Outfit zu kaufen. In ihren abgetragenen Jeans und dem eng anliegenden Top mit der Bluse darüber wirkte sie hier gar nicht mal fehl am Platze. Okay, über ihrer rechten Brust prangte ein Kaffeefleck, und die Hose fühlte sich an, als könnte sie von allein stehen. Aber was konnte sie dafür, dass das Flugzeug genau in dem Moment in Turbulenzen geriet, als der Steward ihr Kaffee nachschenken wollte? Und ihr Gesicht … nun, ja … zumindest war es sauber. Der Schwall heißes Wasser, der vorhin unvermittelt aus der Dusche geströmt war, hatte ihr sechsunddreißig Stunden altes Make-up restlos verdampft – und die oberste Hautschicht wahrscheinlich auch. Ihr feines blondes Haar hatte die waschmittelähnliche Substanz mit der Flaschenaufschrift Shampoo, die sie in der Pension vorgefunden hatte, nicht besonders gut vertragen. Und ohne ihre Bürsten und ihren Hochleistungsföhn konnte sie es nicht wie gewohnt zu einer glänzenden Bobfrisur stylen. Es lag eher wie ein Helm aus Stroh auf ihrer Kopfhaut.

Sie atmete kräftig aus und hob die Hand, um an die erstbeste Tür zu klopfen. Bevor ihre Knöchel jedoch das Holz berühren konnten, wurde die Tür aufgerissen, und im nächsten Moment prallte Eloise mit einer großen, muskulösen Gestalt zusammen.

„Oh … Entschuldigung.“ Ein dunkelhaariger Mann sah auf sie herunter, die Arme ausgestreckt, um sie zu stützen. „Ich hatte keine Ahnung, dass Sie da stehen. Habe ich Ihnen wehgetan?“

Eloise blinzelte ein paarmal, während ihr Herz kleine Saltos vollführte. Sie schluckte und riss sich zusammen. Du bist nur benommen von dem Zusammenprall, sagte sie sich. Sonst nichts!

Es hatte nicht das Geringste mit den intelligenten whiskyfarbenen Augen zu tun, die sie abwartend anblickten, und auch nichts damit, dass sie kräftige Männerhände auf ihren Armen spürte. Zum ersten Mal, seit … nun, seit ziemlich langer Zeit.

„Ich … nein, alles in Ordnung“, antwortete sie zögernd. „Ich hatte geläutet, aber es kam niemand. Und ich wollte gerade klopfen, als Sie herauskamen.“

Sein Lächeln zeigte weiße Zähne und verlieh ihm einen charmanten jungenhaften Ausdruck, obwohl er, wie Eloise vermutete, schon Ende dreißig war.

„Tut mir leid, dass der Empfang nicht besetzt ist. Der diensthabende Constable wurde vor einer halben Stunde zu einem Einsatz gerufen, und der andere ist krank. Was kann ich für Sie tun?“

Eloise strich sich mit der Zunge über die Lippen, eine nervöse Geste, die sie sich eigentlich vor langer Zeit abgewöhnt hatte. Doch ohne ihr schlichtes Businesskostüm, vernünftige Schuhe und ein zwar unauffälliges, aber perfektes Make-up fühlte sie sich plötzlich wie ein schüchterner Teenager.

Es half nicht gerade, dass er so groß war.

Um Blickkontakt zu halten, musste sie den Kopf in den Nacken legen. Vielleicht sollte sie sich das mit den vernünftigen Schuhen noch einmal überlegen und sich stattdessen welche mit höheren Absätzen kaufen. Sonst könnte sie wöchentlich zur Krankengymnastik rennen, um sich die Nackenverspannungen wegmassieren zu lassen. Der Mann war fast einsneunzig, hatte beeindruckend breite Schultern und sonnengebräunte Haut, so als hielte er sich oft am Meer auf.

„Ich bin Chief Inspector Lachlan D’ Ancey.“ Er streckte ihr seine Hand hin.

Jetzt machte auch ihr Magen einen Salto. Überrascht starrte sie ihr Gegenüber an.

Er war der Chief Inspector?

Sie hatte einen übergewichtigen Mann mit Halbglatze erwartet, der ein Päckchen Zigaretten am Tag rauchte und kurz vor der Pensionierung stand. Aber nicht einen durchtrainierten Hünen, der aussah, als könnte er zwei Marathons hintereinander laufen, ohne dabei groß zu schwitzen.

Eloise gab ihm die Hand. Zu Hause war sie für ihren energischen, fast männlichen Händedruck bekannt, aber hier konnte sie ihn irgendwie nicht anbringen. Als seine schlanken, gebräunten Finger sich um ihre schlossen, erschauerte sie unwillkürlich. Sie spürte seine leicht schwielige Haut an ihrer und fühlte sich plötzlich schwach und durch und durch weiblich.

„Hm … Eloise Hayden“, brachte sie hervor. „Dr. Eloise Hayden … aus Australien. Sydney, genauer gesagt. Ich wohne dort … in der Stadt … in der Nähe des Strands …“ Halt den Mund, ermahnte sie sich. Du stammelst wie eine Idiotin.

Eine der dunklen Brauen ging in die Höhe. „Sie sind die Pathologin?“

Sie wusste nicht, was sie von seinem Tonfall und der verblüfften Miene halten sollte. Jetzt glitt sein Blick langsam über sie, verweilte auf dem Kaffeefleck über ihrer linken Brust und erreichte wieder ihre Augen.

„Ja“, antwortete sie steif und entzog ihm ihre Hand. „Die bin ich.“

Amüsiert blitzten seine Augen auf, und seine Mundwinkel zuckten. „In Down Under scheinen sie mit der Ausbildung früher fertig zu sein als bei uns. Ich hatte jemand Älteres mit ein bisschen mehr Erfahrung erwartet.“

Eloise straffte die Schultern. „Ich bin zweiunddreißig und kann Ihnen versichern, dass ich über jede Menge Erfahrung verfüge“, gab sie scharf zurück.

Diesmal hatte sie keine Mühe, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. „Nun, Dr. Hayden aus Australien“, entgegnete er ironisch, „ich hoffe, Ihre Erfahrung wird uns von Nutzen sein, solange Sie hier bei uns in Penhally Bay sind.“

Unwillkürlich presste sie kurz die Lippen zusammen und packte den Riemen ihrer Schultertasche fester. „Worauf Sie sich verlassen können, Chief Inspector.“

Wieder musterte er sie von oben bis unten. „Ich bin kein pingeliger Chef, aber für unser erstes Treffen hätte ich jemanden erwartet, der sich dem Anlass entsprechend kleidet. Oder üben Sie im Nebenjob verdeckte Ermittlungen aus?“

Sie hob das Kinn, und ihre blauen Augen sprühten Funken. „Ich komme direkt vom Flughafen, nach einem Auslandsflug, der mehr als zwölf Stunden Verspätung hatte, und ohne mein Gepäck – wahrscheinlich reist es gerade durch den Mittleren Osten. Falls Sie also ein Problem mit meiner Kleidung haben, Chief Inspector D’ Ancey, beschweren Sie sich bei der Fluggesellschaft, nicht bei mir.“

Lachlan unterdrückte ein Lächeln. Constable Derrey hatte recht gehabt. Sie war leicht reizbar und angriffslustig wie alle Karrierefrauen, die sich von einem Mann nichts sagen lassen wollten.

Andererseits war sie für eine knallharte Karrierefrau bemerkenswert attraktiv. Mit ihrer schlanken Figur und Kurven an genau den richtigen Stellen hätte sie auch auf einem Laufsteg großartig ausgesehen. Ihr kurzes platinblondes, leicht zerzaustes Haar und die strahlend hellblauen Augen hätten jeden Mann zu einem zweiten Blick verführt. Und der ärgerliche Zug um ihren Mund konnte nicht verbergen, dass sie fein geschwungene Lippen hatte. Lachlan fragte sich unwillkürlich, wie oft sie schon geküsst worden war.

Unwillkürlich glitt sein Blick zu ihren Händen. Kein Ehering, also war sie unverheiratet. Am schmalen Handgelenk trug sie eine teure silberne Uhr, die nicht recht zu den Jeans und dem kaffeefleckigen Top passen wollte. Trotzdem würde er sich für seine Bemerkung nicht entschuldigen. Dr. Eloise Hayden führte sich auf, als könnte sie einen Dämpfer vertragen, und er war gern bereit, dafür zu sorgen. „Wo werden Sie wohnen?“

„Im Trevallyn House.“

Ein spöttischer Blick traf sie. „Ihre Abteilung muss Kosten sparen, wie?“

Eloise hätte ihn ohrfeigen können. Solche Spielchen kannte sie, und sie kannte auch die Sorte Männer, die sie spielten – machthungrige Typen, die von einer jüngeren Frau keine Anweisungen entgegennahmen.

Aber sie war nicht von einem Kontinent zum anderen gereist, um sich wie eine Anfängerin behandeln zu lassen. Sie hatte einen Job zu erledigen, und wehe dem, der sich ihr in den Weg stellte! Es war ihr erster Auftrag auf internationaler Ebene, und ein Erfolg würde ihr den Ruf sichern, einer der besten forensischen Pathologen Australiens zu sein.

Obwohl ihr Nacken zu schmerzen begann, blickte sie dem Mann fest in die Augen. „Ich bin mit der Unterbringung sehr zufrieden. Sie liegt mitten im Ort, und ich kann durchaus auf Bequemlichkeiten verzichten, wenn es nötig ist.“

„Das werden Sie in Trevallyn House auch müssen. Neulich habe ich gehört, dass nur eine Toilette funktioniert.“

„Ich sehe wenig Sinn darin, Steuergelder für eine luxuriöse Unterkunft zu verschwenden, falls die Untersuchung länger dauert als erwartet“, antwortete sie spitz.

Als ihre Blicke sich trafen, blitzte in seinen Augen kurz etwas auf, was sie nicht recht deuten konnte. Dann wurde sein Gesicht wieder ausdruckslos.

„Wir haben den Fall von allen Seiten beleuchtet, was ich in einer kurzen Zusammenfassung bereits erläutert habe. In spätestens einer Woche werden Sie festgestellt haben, dass dem nichts hinzuzufügen ist – selbst wenn Sie noch so toll in Ihrem Job sind.“

Eloise sah ihn abschätzig an. „Es gibt da ein paar Punkte, zu denen ich einige Fragen hätte. Und das ist doch der Zweck einer externen Nachprüfung … man gewinnt neue Perspektiven, oder?“

Kühl lächelnd schob er die Tür zu seinem Büro weiter auf. „Dann lassen Sie uns anfangen“, sagte er und bedeutete ihr, voranzugehen.

2. KAPITEL

Eloise schob sich an ihm vorbei, beide Arme an den Körper gepresst, um den Mann nicht versehentlich zu berühren. Trotzdem konnte sie nichts dagegen tun, dass ihr ein Hauch Aftershave in die Nase stieg. Es war eine verwirrende Mischung aus Zitrone und Moschus, und sie ertappte sich dabei, wie sie ungewollt tiefer einatmete.

Sie setzte sich auf den Besucherstuhl vor seinem mit Papierstapeln überhäuften Schreibtisch und stellte die Beine dicht aneinander.

Chief Inspector D’ Ancey nahm ebenfalls Platz, wobei er sie mit dunklem Blick ansah. „Verraten Sie mir eines, Dr. Hayden“, begann er betont höflich. „War es Ihre Entscheidung, die weite Reise nach Penhally Bay auf sich zu nehmen, oder stand außer Ihnen niemand zur Verfügung?“

Verärgert schürzte Eloise die Lippen. „Ich war nicht die Einzige, die infrage kam, aber die Einzige, die genügend Erfahrung besitzt, um sich mit diesem Fall zu befassen. Sagt mein Chef“, fügte sie hinzu. „Abgesehen davon wird es meiner Karriere nützen.“

„Ist dies Ihr erster internationaler Einsatz?“

„Ja, doch das heißt nicht, dass ich …“

„Wir leben hier in einer kleinen Gemeinde, in der jeder jeden kennt und alle sich einander verbunden fühlen“, unterbrach er sie. „Wenn Sie in der zweifelhaften Absicht hergekommen sind, im Wespennest zu stochern, nur um zu Hause ein paar Karrierestufen hinaufstolpern zu können, vergessen Sie es.“

„Das hatte ich nicht vor. Ich will nur …“

„Der Obduktionsbericht zeigt, dass Ethan Jenson ertrunken ist“, schnitt er ihr wieder das Wort ab. „Ich bezweifle, dass Sie etwas anderes herausfinden werden, ganz gleich, für wie talentiert Ihr Boss Sie halten mag.“

Eloise hatte Mühe, ihren Ärger im Zaum zu halten. Normalerweise war sie nicht so leicht auf die Palme zu bringen, aber dieser Inspektor verhielt sich ihr gegenüber unverschämt arrogant. Ihre Haut prickelte, wenn er sie spöttisch und mit einem verächtlichen Funkeln in den Augen musterte. Anscheinend hielt er sie für inkompetent und karrieresüchtig, und das machte sie erst recht wütend.

Mit gestrafften Schultern richtete sie sich in ihrem Stuhl auf und fixierte ihn kühl. „Gut, dass Sie es erwähnen, meine erste Frage betrifft nämlich die Autopsie. Ich bin nicht besonders glücklich mit dem Bericht. Die Diagnose Tod durch Ertrinken wurde hauptsächlich aufgrund äußerer pathologischer Befunde gestellt. Aber die Umstände passen meiner Ansicht nach nicht dazu. Wie kann ein Weltklassesurfer im flachen Ufergewässer ertrinken? Man hat nur eine einzige Lungenbiopsie vorgenommen, und die wies keine Ödeme auf. Ich möchte die Obduktion wiederholen und bestehe darauf, dass noch mehr Lungengewebe und außerdem Tracheal- und Bronchialgewebe untersucht wird.“

„Wollen Sie damit ausdrücken, unser Gerichtsmediziner sei unfähig?“, entgegnete er genauso kühl. „Haben Sie sich auch genau überlegt, dass Sie mit einer zweiten Autopsie bei den Angehörigen des Opfers die Wunden wieder aufreißen? Vor allem seine Eltern und seine drei jüngeren Brüder sollten Sie mit solchen unnötigen Aktionen besser verschonen.“

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