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Wie die Sonne in der Nacht

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Wie die Sonne in der Nacht ist auch als Hörbuch erhältlich.

Inhaltsverzeichnis

Zuvor

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Nachwort

When mountains die, we die.
When rivers run backwards into time,
our spirits will travel alone.
All is a circle in within us.
What ends here begins in some other place.
What begins here, has no end.
Tiwa Prayer

Ohne Mais gibt es kein Lied.
Ohne Lied gibt es keinen Tanz.
Ohne Tanz kein Regen,
ohne Regen kein Mais.
Wenn der Mais stirbt,
sterben auch wir.
Robert Mirabal

Zuvor

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Der Schein roter Flammen flackerte auf seiner nackten Brust mit den lehmigen hellen Streifen und warf seinen tanzenden Schatten auf die uralten Steinmauern. Vor langer Zeit hatten seine Vorfahren hier gelebt, gehofft und geträumt. Träume, die die Mauern nicht vergessen konnten. Pueblo Ánima war eine Wohnstatt der Geister und er war von ihren Stimmen gerufen worden. Die Ewigen Wesen verfolgten ihn in seinen Träumen, flüsterten ihm ins Ohr, wenn er schlief, und versuchten, ihn in ihre Welt zu holen, damit er die alte Ordnung der Welt wiederherstellen konnte.

Denn er war der Auserwählte, vom selben Blut wie der große Po-se-yemo, der vor Hunderten von Jahren in einer Höhle in diesen Bergen geboren war. In seiner Kindheit hatte Po-se-yemo gehungert, er war schwach und unbedeutend gewesen – so wie er selbst. Doch später hatte er die Menschen mit seiner Fähigkeit, Regen zu machen, überzeugt, und sie erkannten in ihm ihr Oberhaupt.

Po-se-yemo lehrte die Menschen die Regeln spirituellen Lebens und wie man Adobe-Dörfer baute. Als das getan war, entzündete er ein Feuer, das niemals erlöschen durfte. Wenn die Menschen diese heilige Flamme am Leben hielten – so prophezeite er –, würde er eines Tages zurückkehren, um sie von den Eindringlingen, die über das Meer kommen und das Land überschwemmen würden, zu befreien. Nur er war dazu bestimmt, die Pueblo-Völker wieder zu einem mächtigen Stamm zu vereinen.

Er legte neue Äste ins Feuer und Funken stoben bis zur mächtigen Felsdecke, die sich über die Mauern der Klippensiedlung wölbte wie eine schützende Hand. Er erhob sich und sein Schatten an der Mauer wurde größer und mächtiger, so wie er es auch bald sein würde. Es war an der Zeit, Po-se-yemos Prophezeiung zu erfüllen.

Dazu brauchte er die Hilfe von Lightning Man.

Doch der Regen-Katchina, er ruhte im Verborgenen im Pueblo der Seelen. Einem Ort, wo sich das Wissen der Ersten Alten verdichtete, ein Ort, wo Macht und Zeit zusammentrafen.

Und Lightning Man war zornig auf ihn, weil er einen Fehler begangen hatte. Er hatte getötet. Doch er hatte es für die Zukunft seines Volkes getan und manchmal waren Opfer eben erforderlich.

Ein großer Schatten tauchte hinter seinem Schatten auf und trotz des Feuers bekam er eine Gänsehaut, spürte, wie kalte Angst durch seine Adern kroch.

»Ich bringe das in Ordnung«, flüsterte er. »Ich bin deiner würdig und werde dich nicht enttäuschen. Ich schwöre, ich bringe es wieder in Ordnung, Lightning Man.«

1. Kapitel

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Rosaria platzte in mein Zimmer. »Hast du meinen hellblauen Bra irgendwo gesehen?«

Ich hob den Blick von meinem Tagebuch, in dem ich gerade versuchte, Frust und Kummer loszuwerden. »Nein, sorry.«

»Mierda«, murmelte sie panisch und war gleich wieder verschwunden. Der hellblaue Hauch mit Spitze von Victoria’s Secret war Rosarias Lieblings-BH, und den musste sie natürlich tragen, wenn sie Frankreichs Männerwelt eroberte. Wie sie das mit ihren Eltern im Schlepptau anstellen wollte, war mir allerdings schleierhaft.

Ich würde meine Herzensschwester furchtbar vermissen – und nicht nur sie. Noch eine halbe Stunde, dann stieg meine Gastfamilie in ihren weißen SUV, um nach Albuquerque zum Flughafen zu fahren. Noch dreißig Minuten, und ich würde allein in dem großen Adobe-Haus am Stadtrand von Taos sein, das mir während der vergangenen zehneinhalb Monate zu einem Zuhause geworden war.

Meine Gasteltern David und Lucia Elliot und ihre Tochter Rosaria brachen zu einer vierwöchigen Reise nach Frankreich auf. Vier Wochen, in denen sie Sehenswürdigkeiten abklappern und auf die Suche nach einer passenden Uni für Rosaria gehen wollten. Unterdessen würde ich das Haus hüten. Auf diese Zeit hatte ich mich wie verrückt gefreut, denn ursprünglich hätte Nils kommen sollen, mein Liebster mit den kornblumenblauen Augen, den verrückten Ideen und den unumstößlichen Grundsätzen. Nils, dem ich zehn Monate lang treu geblieben war, obwohl es da einen Jungen auf der Highschool von Taos gegeben hatte, der mir das Treubleiben nicht leicht gemacht hatte.

Dass Nils, der eigentlich in drei Tagen aus Deutschland eintreffen sollte, nicht kommen würde, wusste ich erst seit gestern Abend. Ein Bänderriss am Knöchel (vermutlich war er mal wieder vor der Polizei davongerannt), eine anstehende Operation, sein Flug war bereits storniert. Am Telefon hatte Nils eine Menge traurige Worte gefunden, doch ich kannte seine Stimme. In ihr hatte nicht das geringste Bedauern gelegen, und ich ahnte, dass er mir nur die halbe Wahrheit erzählt hatte.

Dass mein Freund nicht kommen würde, hatte ich den Elliots verschwiegen. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machten um mich – und dem Housesitter vielleicht noch einen Babysitter verpassten. Aber es war gar nicht so einfach, ein fröhliches Gesicht zur Schau zu tragen, wenn einem innerlich zum Heulen war.

Die aufgeregten Stimmen von David, Lucia und Rosaria flogen durchs Haus. Ich hörte das Klacken der Rollkoffer, als sie über den Fliesenboden im Erdgeschoss zur Tür gezogen wurden. Ich wünschte, meine Gastfamilie würde nicht verreisen und alles so bleiben, wie es immer war. Gleichzeitig wünschte ich, sie wären endlich fort, damit ich mich nicht mehr verstellen musste.

»Mara!«, rief es schließlich dreistimmig.

»Ich komme.« Ich eilte die Treppe hinunter. In der großen Wohnküche duftete es nach Lucias Zimtbrötchen, von denen sie extra für mich noch einen Vorrat gebacken hatte. Draußen stach die Sonne unbarmherzig vom strahlend blauen Himmel. David verstaute den letzten Koffer im Wagen. Lucia, klein und mollig, umarmte mich fest. »Der Zettel mit allen wichtigen Telefonnummern liegt auf dem Küchentisch. Hab viel Spaß mit deinem Nils, chamaca. Und gib Josefita Bescheid, bevor ihr beiden auf Reisen geht.«

Ich nickte. Die Tränen kamen, ich konnte nichts dagegen tun. Es kam nicht oft vor, dass ich heulte, aber dieser Abschied machte mich echt fertig. Die Elliots waren die besten Gasteltern, die ich mir denken konnte, und ich vermisste sie jetzt schon.

»Hasta luego, Süße«, flüsterte mir Rosaria ins Ohr, die mich als Nächste in die Arme schloss. »Treib es nicht zu wild, hörst du!«

Ich nickte wieder. Heulend. Lächelnd.

Gestern Abend war unser Abschiedsessen im Doc Martin’s gewesen, dem angesagtesten Restaurant in Taos, mit den rauen Lehmwänden, den türkisfarbenen Stühlen und den köstlichsten Chiligerichten. Alles war tausendmal besprochen, alle Einzelheiten geklärt. Die Elliots vertrauten mir für vier Wochen ihr Heim an, während meine Mutter mir nicht mal zugetraut hatte, ein Wochenende alleine zu Hause zu verbringen, ohne dass ihrer kostbaren Eigentumswohnung Schaden zugefügt wurde.

David, blond und bärtig, schlug die Heckklappe zu und umarmte mich als Letzter. »Wir sehen uns in vier Wochen, Mara. Pass gut auf meine Schätze auf!«

David lehrte als Professor der Archäologie am Fort Burgwin Center und das Adobe-Haus der Elliots war ein halbes Museum für indianische Artefakte der Indianerkulturen des Südwestens.

Ich nickte zum dritten Mal. »Adios«, war alles, was ich noch hervorbrachte. Dann klappten die Türen. Ich winkte und zwei Minuten später verschwand der SUV aus der Einfahrt. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht, schloss das zweiflügelige hölzerne Tor und schleppte mich nach drinnen.

Die plötzliche Stille im Haus empfing mich wie ein Tritt in die Magengrube. Allein. Für vier lange Wochen. In meinem ganzen Leben war ich noch nie länger als einen Tag alleine gewesen, und bereits nach einer halben Stunde wurde mir klar, dass ich nicht fürs Alleinsein geschaffen war. Und zwar überhaupt nicht. Ich brauchte Menschen um mich, wenigstens einen Menschen, sonst wurde ich trübsinnig, gaga, loco.

Die Hälfte meiner Klassenkameraden aus der Taos Highschool war jetzt in einem Ökocamp in Montana und forstete den Wald auf, der Rest war mit seinen Eltern verreist. Ich hätte auch in diesem Camp sein können – zusammen mit Valerio, dem Jungen, der Gedichte über meine roten Haare geschrieben hatte und den ich sehr mochte. Doch ich hatte mich fürs Haushüten entschieden – und fürs Treubleiben.

Vor einem halben Jahr hatte ich Nils vorgeschlagen, nach New Mexico zu kommen. Feuer und Flamme war er gewesen, als er hörte, dass ich einen Führerschein hatte und die Elliots mir erlaubten, ihren Pick-up zu fahren. Nils wollte die Earthship Community von Taos sehen, Häuser, die aus Autoreifen gebaut waren und ausschließlich mit Wind- und Solarenergie betrieben wurden. Außerdem wollte er nach Los Alamos, wo die Atombombe entwickelt worden war, und nach White Sands, wo man 1945 den ersten oberirdischen Kernwaffentest durchgeführt hatte. Zwei Orte, die Nils mit eigenen Augen sehen wollte, um seine feurige Verachtung über sie auszuschütten.

Wir hatten geplant, gleich zwei oder drei Tage nach seiner Ankunft aufzubrechen. Mein Rucksack stand schon seit zwei Wochen fertig gepackt in meinem Zimmer.

Nils war ein Naturfreak, ein Ökokämpfer, und mein erster richtiger Freund. Von seiner Mutter, einer Schwedin, hatte er die blauen Augen und die blonden Haare geerbt. Alles an ihm war hell, bis auf die bunten Tattoos, die seinen blassen Körper zierten.

Wochenlang hatte ich mich gefragt, wie er ausgerechnet auf mich gekommen war – woher er gewusst haben konnte, wie satt ich es hatte: dieses ständige Gefühl, etwas zu versäumen und nur in meinen erdachten Geschichten zu leben.

Mein Vater war Redakteur bei einer Thüringer Tageszeitung und meine Mutter arbeitete seit einer gefühlten Ewigkeit an ihrer politischen Karriere im Thüringer Landtag. Beide waren beruflich sehr eingespannt, sodass ich mehr Zeit im Garten meiner Oma Inge verbrachte als zu Hause mit meinen Eltern. Ich war ein Schlüsselkind und kannte es nicht anders.

Praktischerweise war ich eins von den braven kleinen Mädchen, die niemals Ärger machten. Auch als ich älter wurde, änderte sich daran wenig: Ich trug einen langweiligen Namen (Marie-Johanna), langweilige Klamotten, war eine Musterschülerin und abends immer vor zehn zu Hause. Wilde Geschichten schreiben (in denen ich die Hauptrolle spielte) und gärtnern waren meine liebsten Hobbys. Fazit: Strebernoten und mit fünfzehn noch ungeküsst.

Doch so brav ich auch nach außen wirkte, in meinem Inneren sah es anders aus. Da brodelte etwas, war kurz davor, überzukochen. Ich wollte etwas Verrücktes tun, nach meinen eigenen Vorstellungen leben.

Oma Inge, die seit der Wende die Grünen wählte, hatte mir von klein auf ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein mitgegeben. Ich war fest davon überzeugt, die Welt ein wenig besser zu machen, wenn ich keinen Müll auf der Straße fallen ließ, beim Einkaufen den Plastikbeutel ablehnte, kein Fleisch aß, auf Schminke verzichtete und nicht jeden Tag duschte.

Schon Anfang August jeden Jahres waren die natürlichen Ressourcen unseres Planeten durch uns Menschen aufgebraucht. Wir nahmen der Erde mehr weg, als sie uns geben und nachproduzieren konnte. Grenzenlose Raffgier zerstörte unsere Umwelt und brachte Armut, Elend und Tod. Wir betrachteten die Natur als alles schluckende Müllkippe, manipulierten Saatgut, schlachteten Tiere im Akkord, fischten die Weltmeere leer, holzten überall auf der Welt die Wälder ab – und kaum jemand kümmerte sich um die, die dabei auf der Strecke blieben.

Ich wollte nicht in den Tag hineinleben, wollte etwas ändern, das nur ich ändern konnte – und nicht nur Eier von freilaufenden Hühnern essen oder Geld für die Hungerhilfe spenden, wie meine Mutter das tat.

Wenn ich mit meinen Freundinnen zusammen war, langweilte ich mich schnell zu Tode, wenn pausenlos von den angesagtesten Klamotten, den ultimativsten Smartphones und den süßesten Jungs die Rede war. Und ich langweilte die anderen mit meinen Weltverbesserungstheorien.

Sogar meine beste Freundin Caro verdrehte die Augen, wenn ich versuchte, ihr etwas über Tierversuche und Konsumidiotie zu erzählen, um sie davon abzubringen, Lippenstift und Makeup zu benutzen. Sie war der Meinung, ihre Augen wären zu klein und nur Eyeliner könne diesen Makel beheben.

Als Nils an unser Gymnasium kam, ging ich in die Zehn und er in die Elf. Caro hatte ihn zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen, und nach einer Weile merkte ich, dass dieser charismatische Junge immer dort war, wo auch ich war. Irgendwann tanzten wir zusammen, und wenn Nils mich ansah mit seinen durchdringenden blauen Augen, lächelte er amüsiert. Die einzige Erklärung, die mir dazu einfiel, war, dass er wahrscheinlich mit seinen Freunden irgendeine blöde Wette abgeschlossen hatte: Kriege ich die kleine Rothaarige heute Abend ins Bett, schuldet ihr mir einen Kasten Bier – oder so etwas in der Art.

Also war ich auf der Hut. Als Nils mich küsste, bedauerte ich, auf der Hut sein zu müssen, denn sein Kuss war schön und machte Lust auf mehr. Er fuhr mit den Fingern in mein widerspenstiges Haar und flüsterte an meinem Ohr: »Ein roter Pelz reicht nicht allein, ein bisschen Fuchs musst du schon sein.«

Nils hatte keine Wette abgeschlossen. Und sein Spruch, der ging mir nicht mehr aus dem Kopf – genauso wenig wie sein Kuss. Nils war eine Art Initialzündung für mich – in jeglicher Hinsicht. Zwei Monate später hatte ich ein kleines rotbraunes Fuchstattoo über der linken Brust, nannte mich Mara und war keine Jungfrau mehr. Ich kleidete mich nachlässig, trug ein Nasenpiercing und sagte laut, was ich dachte.

»Sich zu entstellen, ist das Vorrecht der Jugend«, kommentierte Pa amüsiert meine äußerliche Verwandlung.

Meine Mutter fand das Ganze gar nicht lustig. Es würde ihrer politischen Karriere schaden, wenn ihre Tochter so in der Stadt herumlief. Ma bekam einen hysterischen Anfall, als sie das Tattoo entdeckte, nannte es einen bleibenden Schaden, denn jede andere Dummheit, die ich mal getan hatte, war für sie nichts weiter als eine Phase gewesen.

Nur mit einer ganzen Reihe von Versprechungen konnte ich sie davon abhalten, den Freund von Nils’ Mutter anzuzeigen, dem das Tattoostudio gehörte, wo es entstanden war. Dabei war der kleine stilisierte Fuchs wirklich schön, den Nils für mich nach langer Suche im Internet gefunden hatte.

Auch den Namen Mara hatte er für mich gefunden. Alle dachten, er wäre bloß eine Abkürzung für Marie-Johanna, aber Nils hatte mir aufgezählt, was der Name bei den verschiedenen Völkern bedeutete. Meer auf Gälisch und auf Hebräisch bittersüß. In Weißrussland bedeutete Mara Traum und in Nigeria schön. Auf Syrisch und Maltesisch bedeutete es Frau.

Nils nannte mich seine schöne Meerestraumfrau.

Ich war rettungslos verknallt, aber Ma konnte Nils nicht leiden. Sie machte ihn für alles verantwortlich, was ihr an mir nicht passte. Und das war eine Menge. Dabei hatte sie nicht die geringste Ahnung, was ich so trieb, wenn ich vorgab, bei Caro oder Oma Inge zu sein.

Meine Oma war vergesslich geworden, das machte mir das Herz schwer, aber manchmal war es auch von Vorteil. Oma Inge mochte Nils nämlich, und wir besuchten sie oft in ihrem kleinen Haus am Stadtrand, in dem sie seit dem Tod meines Opas alleine lebte. Wir kauften für sie ein, machten sauber und halfen ihr im Garten. Unkraut jäten, den Kompost wenden, Laub zusammenrechen. Na ja, ich half gerne, und Nils tat es mir zuliebe, denn Gartenarbeit war eigentlich nicht sein Ding, auch wenn er das vor mir nicht zugab.

Wenn Ma dann nachfragte, wusste Oma Inge später oft nicht mehr, ob wir nun an einem bestimmten Tag da gewesen waren oder nicht. Manchmal schlichen wir in der Nacht durch die Straßen der Stadt und sprühten Sprüche an die Hauswände wie etwa: GEN-DRECK WEG! Oder: ES GIBT KEINE UNSCHULDIGEN.

Wir rannten oft um die Wette, um das Weglaufen zu üben, und Nils schleifte mich in eine Kletterhalle, um das Wegklettern zu lernen. Sport war nicht unbedingt mein Lieblingsfach, aber nun kam ich in Form und bekam Muskeln in den Waden und Armen.

Ich schrieb keine wilden Geschichten mehr, denn ich spielte die Hauptrolle in Nils’ Leben und für etwas anderes blieb kaum noch Zeit. Wir klebten Plakate gegen TTIP und CETA, die geplanten Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada. Ein Thema, über das ich hitzige Diskussionen mit meiner Mutter führte, wenn sie denn mal da war und nicht zu gestresst, um mit mir zu reden.

»Marie-Johanna«, sagte sie, »diese Abkommen sind notwendig, um Arbeitsplätze zu schaffen und das Wirtschaftswachstum zu fördern.«

»Alles gequirlte Scheiße«, ereiferte sich Nils, wenn ich ihm die Argumente meiner Mutter darlegte. »Ist doch klar, dass wieder nur die großen Konzerne von diesen Abkommen profitieren werden. Die Folgen sind ungehemmtes Wirtschaftswachstum und eine immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Die Scheißkapitalisten kapieren einfach nicht, dass man einem toten Planeten keinen Profit mehr abringen kann. Ich habe echt keine Lust, mich von der Politik weiter verarschen zu lassen.«

Sagte er zur Tochter einer Politikerin.

Nils stellte alles infrage, sogar sich selbst. Nach und nach griff er zu immer radikaleren Mitteln, um auf die Zerstörung der Erde aufmerksam zu machen. Und mit seiner Leidenschaft, mit der er alles anging, was ihm in den Kopf kam, schaffte er es, mich von der Notwendigkeit seiner Aktionen zu überzeugen.

»Die Leute werden anfangen nachzudenken, ob sie wollen oder nicht«, argumentierte er.

Wir zogen also mit Schraubenziehern los und zerstachen Autoreifen – was nicht so leicht war, wie es sich anhört. Am Morgen fanden die verärgerten Autofahrer dann einen Handzettel unter dem Scheibenwischer, auf dem stand: GEGEN DIE ÜBERMACHT DER AUTOS.

Meine Noten sackten in den Keller, denn ich hatte anderes zu tun, als Punkte zu zählen. Gute Noten, gutes Abi, erfolgreiches Studium, super Job, gutes Geld und Sicherheit waren längst keine Option mehr für mich. Ma und ich stritten oft, weil ich keine Lust mehr hatte, ihre Erwartungen zu erfüllen. Aber meistens hörte Ma mir gar nicht richtig zu. Sie hatte andere Probleme. Probleme, die bald auch mich betrafen und unsere heile Familienwelt wie ein Kartenhaus zusammenfallen ließen.

Durch einen blöden Zufall flog nämlich auf, dass mein Vater seit Monaten eine Freundin hatte. Sie war erst sechsundzwanzig und von ihm schwanger. Ich hatte mich schon ein wenig darüber gewundert, als er sich auf einmal ein Hipster-Outfit zulegte, dachte aber, die Midlife-Crisis hätte ihn gepackt und es wäre nur eine Phase.

Okay, Ma hatte wenig Zeit für uns, oft war ihr die Politik wichtiger. Meistens hastete sie von einem Termin zum anderen und trug dabei irgendwelche strengen Kostüme, die sie seriös aussehen ließen. Pa und ich mochten sie in Jeans und T-Shirt, doch darin sahen wir sie nur noch selten.

Aber musste er deshalb gleich unser ganzes Leben über den Haufen werfen?

Im Grunde wollte ich doch nur, dass alles gut wurde – für jeden auf der Welt. Natürlich auch für Oma Inge, meine Eltern und mich. Aber so funktionierte das Leben nun mal nicht: Irgendwer blieb immer auf der Strecke. In diesem Fall war ich das. Jegliche Versöhnungsversuche blieben erfolglos, meine Eltern reichten die Scheidung ein. Und da ich zu dem Ganzen einen klaren Standpunkt hatte, blieb ich bei meiner Mutter und wir machten uns weiterhin gegenseitig Stress.

Schließlich wurden Nils und ich in einer Nacht in flagranti beim Sprayen erwischt. Ma rastete aus. Aber da die Polizei uns nur die Sprayerei nachweisen konnte und nicht die Sachbeschädigung an den Autos, kamen wir mit Arbeitsstunden davon, die wir in einem Tierheim ableisteten.

Mein Vater versuchte, die Wogen zu glätten, und hielt Ma einen Vortrag über die Notwendigkeit von Protestverhalten, das jungen Menschen dabei half, ihre Identität zu finden. »Marie-Johanna ist gerade in ihrer Katastrophenphase und die geht vorbei«, sagte er. Aber davon wollte meine Mutter nichts hören und strafte mich zusätzlich mit Hausarrest.

Wir waren wohl alle schwer erleichtert, als ich im August vergangenen Jahres in den Flieger nach Albuquerque, New Mexico stieg. Obwohl mir der Abschied von Nils und meiner vergesslichen Oma furchtbar schwerfiel, war ich froh über das bevorstehende Auslandsschuljahr an der Highschool von Taos, denn es rettete mich aus der Schusslinie eines hässlichen Scheidungskrieges, der zwischen meinen Eltern entbrannt war.

In der ersten Zeit skypten Nils und ich jeden zweiten Tag, später dann nur noch einmal die Woche. Nach ein paar Monaten in Taos merkte ich, dass zwischen meinem Liebsten und mir nicht nur ein Ozean voller Salzwasser lag, sondern auch ein Meer neuer Eindrücke, Erlebnisse und neuer Sichtweisen.

La Tierra del Encanto – Land of Enchantment, stand auf den Nummernschildern von New Mexico, und das war keine Übertreibung.

»In New Mexico sind Mythen, Legenden und Wirklichkeit alles dasselbe«, hatte Lucia mal zu mir gesagt – und wie sehr das der Wahrheit entsprach, sollte ich bald erfahren.

Ich liebte Taos, die kleine Stadt am Fuße der Sangre de Christo Mountains mit den lehmfarbenen Häusern, den blutroten Chilizöpfen und den dreihundert Sonnentagen im Jahr.

Bei den Elliots fühlte ich mich vom ersten Tag an zu Hause, was vor allem Rosaria und ihrer Mutter zu verdanken war. An meiner neuen Schule in Taos war ich herzlich aufgenommen worden und ich hatte mich von Anfang an nicht ein einziges Mal fehl am Platz gefühlt. Hier lief alles viel entspannter. Ich musste immer noch lachen, wenn ich an meinen ersten Schultag dachte, an dem mich die Lehrerin meiner neuen Klasse mit meinem vollen Namen vorstellte und nach ein paar Sekunden tödlicher Stille plötzlich alle loskicherten.

»Marie-Johanna«, meinte Ronnie Salazar aus der hintersten Reihe, »das klingt ja wie Marihuana

Ich mochte meine Klassenkameraden, ihr Sprachengemisch aus Spanisch und Englisch. Ich mochte Taos mit seinen Pueblo-Indianern und den Familien mit hispanischen Wurzeln. Der Rest der Bewohner war ein Sammelsurium aus Künstlern, Hippies, Ökotypen und alternden Filmstars. Im Sommer kamen dann noch die Touristen aus aller Welt dazu.

Ich war sozusagen im Paradies gelandet, und abgesehen davon, dass ich Nils vermisste, war ich rundum glücklich – bis gestern Abend.

Mit Füßen schwer wie Blei stieg ich die Holzstufen hinauf in mein Zimmer und meldete mich auf Skype an. In Deutschland war es jetzt 10 Uhr abends, eine gute Zeit, um Caro vor ihrem Laptop zu erwischen. Der Skype-Klingelton erklang und nach einem leisen Pling! hatte ich meine beste Freundin auf dem Bildschirm. Sie machte ein betont fröhliches Gesicht. »Hey, wie geht es dir?«

»Ich glaub, ich habe mich noch nie so allein gefühlt wie in diesem Augenblick. Vor einer halben Stunde sind sie gefahren.«

»Das wird schon«, versuchte Caro, mich zu trösten. »Das ist nur der erste Schock. Wer weiß, wozu …«

»Caro?«, unterbrach ich sie.

»Ja?«

»Ich muss dich etwas fragen und bitte lüg mich nicht an, okay?«

»Oooookaaaay.«

»Was ist los mit Nils?«

Caro schwieg eine Weile, schließlich sagte sie: »Er hatte wirklich einen Bänderriss und ist heute operiert worden. Die Polizei hat ihn verhört und wahrscheinlich kriegen sie ihn dran wegen der Reifenschlitzerei. Deshalb darf er auch das Land nicht verlassen.«

Mein armer Nils, schoss es mir durch den Kopf.

»Mara, da ist noch etwas.«

»Ja?« Mein Magen zog sich zusammen.

Caro wand sich ein wenig. »Nils … er hat eine andere. Er wollte es dir sagen, aber wie es aussieht, war er zu feige.«

Ich starrte Caro an, oder besser: durch sie hindurch. Tief in meinem Inneren hatte ich eine Vorahnung gehabt, trotzdem fühlte sich auf einmal nicht nur mein Magen, sondern auch mein Herz an wie eingeschnürt. Tränen drängten in meine Augen.

»Verdammter Mistkerl«, stieß ich hervor, »ich hasse ihn!«

Sie nickte. »Er hat es verdient. Nur finde ich, er sollte deinen Hass auch elementar spüren. Aber dafür müsstest du nach Hause kommen.«

»Einen Teufel werd ich tun.«

Caro lachte. »Das ist die Mara, die ich kenne.«

»Wer ist es?« Ich schluckte zweimal. »Kenne ich sie?«

»Glaub nicht. Sie heißt Jenna und ist so eine Ökoemanze vom Roten Berg.«

Ich brachte kein Wort hervor, versuchte, das Gesagte zu verarbeiten.

»Nils hat sich wie ein Arsch benommen und du bist meine beste Freundin. Ich … ich musste dir die Wahrheit sagen.«

»Schon gut. Ich muss das nur erst einmal alles verdauen.«

»Hey, Kopf hoch, Mara, du schaffst das.« Caro machte ein betont aufmunterndes Gesicht. »Versuch es doch mal positiv zu sehen: Niemand, der dir über die Schulter schaut, niemand, der dir reinredet. Du kannst tun und lassen, was du willst.«

Na toll!

»Ich melde mich wieder, okay?« Ich winkte ihr und verließ Skype. Hockte mich mit dem Rücken zur Wand auf mein Bett und starrte auf meinen gepackten Rucksack. Kein Roadtrip mit Nils, keine Nächte im Zelt unter dem irren Sternenhimmel von New Mexico. Ich vermisste diesen Idioten. Vermisste sein Lachen und seine blöden Witze, vermisste seine Küsse.

Es tat weh, aber vor allem war ich wütend auf ihn. Caro hatte recht. Der adrenalinsüchtige Nils war ein Feigling, wenn es um Gefühle ging. Hätte er den Mumm gehabt, ehrlich zu sein, dann würde ich jetzt mit Valerio in der Wildnis von Montana Bäume pflanzen und hätte vielleicht einen prickelnden Sommerflirt. Nils hatte mich nicht nur feige abserviert, er hatte auch all meine Pläne für diesen Sommer und meine Zukunft zunichtegemacht.

Selbst schuld, dachte ich, dabei flossen ein paar verzweifelte Tränen. Aber dann gab ich mir einen Ruck und beschloss, mich nicht dem Selbstmitleid zu ergeben.

Ich zog meinen Bikini an und cremte mich mit Sonnenschutz ein. Das Taos-Plateau lag zweitausend Meter über dem Meeresspiegel und als Bleichgesicht bekam man hier schnell einen Sonnenbrand. In den ersten Tagen in Taos hatte ich ständig eine trockene Nase und häufig Nasenbluten gehabt, was von der Höhenlage kam. Inzwischen hatte sich mein Körper daran gewöhnt, doch vor der Sonne musste ich mich in Acht nehmen.

Ich legte mich auf eine Liege im Garten. An meiner goldenen Bräune hatte ich lange gearbeitet, sie sollte kaschieren, dass ich in den letzten zehn Monaten drei Kilo zugelegt hatte, woran Lucias unübertreffliche Kochkünste schuld waren. Um die überflüssigen Pfunde vor Nils’ Ankunft wieder loszuwerden und für die Bergwanderung fit zu sein, hatte ich sogar begonnen zu joggen. Rosaria, mit dunklem Teint und mollig wie ihre Mutter, hatte mich ständig deswegen aufgezogen.

Schon bald wurde mir zu heiß in der Sonne. Ich holte mir einen Eistee, meine Lieblingsschokoladenkekse (jetzt war auch schon alles egal) und mein Buch und zog damit in den Schatten der großen Ulme um. Der Garten der Elliots war eine von einer hohen Adobe-Mauer umgebene Oase und Lucias ganzer Stolz. Es blühte in allen Farben. Weißer Flieder, Strauchrosen, Kornblumen von Weiß über Rosafarben bis zu tiefem Blau und knallig rote Mohnblumen mit Blüten so groß wie Hände. Weiter hinten lag Lucias Gemüsegarten, wo sie auf kleinen Beeten Bohnen, Tomaten, Chili und verschiedene Kräuter anbaute.

Auf der Terrasse, die halb vom Balkon vor meinem Zimmer überdacht war, standen Terrakottatöpfe mit roten Pelargonien und großen, stachligen Kakteen. Das Adobe-Haus der Elliots war uralt und seit Generationen im Besitz von Lucias Familie, die Nachfahren der ersten spanischen Siedler in dieser Gegend waren. Die beiden dicken, mit Schnitzereien verzierten Säulen, die den Balkon stützten, waren an die dreihundert Jahre alt, genauso wie die Adobe-Ziegel, aus denen das Haus gebaut war.

Diese Ziegel bestanden aus Lehm und Stroh und waren nicht gebrannt, sondern schlicht an der Luft getrocknet worden. Die Mauerwände waren dick mit Lehm verputzt und hielten ewig, wenn man den Verputz regelmäßig erneuerte.

Ich liebte das Haus und den Garten, und der Gedanke, in ein paar Wochen für immer nach Deutschland zurückzukehren, trübte meine Stimmung noch mehr.

Schließlich tauchte Zambo in den Zweigen der Ulme auf, ein Rabe mit einem Klumpfuß, den Rosaria mit kleinen Leckerbissen fütterte und dem sie ein paar spanische Worte beigebracht hatte. Er flog auf den schmiedeeisernen Gartentisch und begrüßte mich mit »Hola, guapa!« – Hallo Hübsche!

Ich musste lachen, und Zambo bekam ein paar Brocken von meinen Schokoladenkeksen, die er genüsslich verspeiste. Als die Sonne sank, wässerte ich Lucias kleinen Gemüsegarten und ihre Blumen, was mich für eine Weile von meinen trübsinnigen Gedanken ablenkte.

Gegen Abend wurde es kühl draußen, und ich ging ins Haus, wo mich die Stille in ihre Arme nahm. In den vergangenen zehn Monaten waren die Räume des Adobe-Hauses von geschäftigem Leben und den Stimmen meiner Gastfamilie erfüllt gewesen. Jetzt hatte ich das Gefühl, als würden Davids gesammelte Masken an den Wänden und die bunten Katchina-Figuren auf den Regalen mich anstarren und fragen, was ich hier eigentlich wollte.

»Auf euch aufpassen«, antwortete ich ihnen.

Ich stellte das Radio an und machte ich mir Lucias unübertroffene Hühner-Posole warm – eine Art dicke Suppe mit Hühnerfleisch, gequollenen Maiskörnern, Limetten, Zwiebeln und Chilisoße – und hockte mich damit, eingewickelt in eine Decke, auf die Ledercouch vor den gigantischen Fernseher. Vegetarierin war ich schon seit einem halben Jahr nicht mehr. Ich hatte Lucias Kochkünsten einfach nicht widerstehen können.

Posole löffelnd, sah ich mir eine Folge Hell on Wheels auf Netflix an, dann ging ich ins Bett.

2. Kapitel

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Die Stille im Haus war unnatürlich, die üblichen Morgengeräusche fehlten und davon wurde ich wach. Ich ging hinaus auf meinen Balkon, stützte mich auf die Brüstung und blickte sehnsüchtig hinüber zu den Bergen, über denen in diesem Moment die Sonne aufging. Ihr Licht erfüllte die Landschaft nach und nach mit Farben.

In diesen Bergen hatte ich zusammen mit Nils wandern gehen wollen. Von der Highschool aus hatten wir im Herbst eine Art Kennenlernwoche in einem Camp bei Tres Ritos veranstaltet, und ich war so begeistert davon gewesen, dass ich das mit Nils unbedingt wiederholen wollte. Doch daraus würde nun nichts werden. Und auch die anderen geplanten Highlights fielen ins Wasser: Los Alamos, White Sands, die Carlsbad-Höhlen.

Im Nachhinein war ich den Elliots unheimlich dankbar dafür, dass sie in den vergangenen Monaten so viel mit mir unternommen hatten, denn so hatte ich zumindest einiges von diesem faszinierenden Land zu sehen bekommen und dabei auch viel über die verschiedenen Kulturen erfahren.

Lucia arbeitete als Kunstlehrerin an der Highschool und Davids Herz schlug für die Pueblo-Indianer. Mit seinen unzähligen Geschichten über sie und ihre Urahnen, die sagenumwobenen Anasazi, hatte er es mühelos geschafft, mich für diese Welt zu begeistern.

Archäologie? Keine Ahnung, vielleicht war das ja was für mich, eine Richtung, die ich später einschlagen konnte. Eigentlich wollte ich schon mein Leben lang Schriftstellerin werden und im Nebenberuf Biobäuerin. Ein eigener Hof, bunte Ziegen auf der Weide, Biogemüse und eine Streuobstwiese hinter dem Haus, auf die ich beim Schreiben blicken konnte.

Doch ich hatte schnell festgestellt, dass Nils nicht der sesshafte Typ und daher für so ein Lebensprojekt ungeeignet war. Deshalb hatte ich einen neuen Plan gefasst. Ich würde Journalistin werden, mit ihm um die Welt reisen und über die Umweltzerstörung berichten. Ich hatte bereits einige Artikel für unsere Schulzeitung geschrieben und war darin (laut Pa) ziemlich gut.

»Mit Schreiben kann man kein Geld verdienen«, hatte Ma gesagt, doch Pa hatte mir den Rücken gestärkt.

»Die erforderliche Neugier liegt dir im Blut, Mara«, hatte er stolz gesagt, als er mitbekam, dass ich in seine Fußstapfen treten wollte. »Und die Dinge auf den Punkt bringen kannst du auch.«

Inzwischen wusste ich nicht mehr, was ich eigentlich wollte. Alles war wieder offen. Noch hatte ich die zwölfte Klasse und eine Abiturprüfung am Heinrich-Mann-Gymnasium in Erfurt vor mir. Plan A war gewesen, danach ein Jahr lang mit Nils durch Europa zu reisen.

Wenn du keinen Plan B hast, bist du erledigt, hörte ich Nils sagen. Er hatte immer einen und den probierte er vermutlich gerade aus. Auch für mich musste ein guter Plan B her, und dabei wollte ich mir von niemandem mehr hineinreden lassen, schon gar nicht von meinen Eltern.

Nachdem ich geduscht hatte, ging ich nach unten, um mir Frühstück zu machen. Das Ticken der Wanduhr und das Brummen des Kühlschrankes schien immer lauter zu werden, und auch die spanische Musik aus dem Radio half diesmal nicht. Das Leben im Haus der Elliots war stets voller Geräusche und Berührungen gewesen und der Gedanke an vier einsame Wochen senkte sich wie eine schwere Decke auf mich herab. Ich überlegte krampfhaft, was ich mit dem Tag anfangen sollte. Und mit dem danach. Und mit allen anderen, die noch folgen würden, bevor mein Flieger ging.

Vielleicht sollte ich einfach nicht feige sein und den Roadtrip ohne Nils durchziehen. Ein roter Pelz reicht nicht allein, ein bisschen Fuchs musst du schon sein, Mara. Du kannst tun und lassen, was du willst, Mara.

Hey, zog ich tatsächlich in Erwägung, alleine loszufahren? Was sollte schon passieren? Meine Fahrkünste waren okay, ich hätte ja ohnehin die ganze Strecke fahren müssen. Ich konnte Rosarias kleines Zelt nutzen und war ausgestattet mit unzähligen guten Tipps von David und Lucia, was ich mir unbedingt noch ansehen musste, bevor ich wieder nach Deutschland zurückkehrte.

Aber ich wollte auch nichts überstürzen, wollte noch einmal drüber schlafen, bevor ich mich endgültig entschied. Und eins war klar: Weder meine Eltern noch die Elliots noch Josefita, die Haushaltshilfe, durften davon wissen, wenn ich mich allein auf den Weg machte.

Schon der Gedanke an die Möglichkeit eines bevorstehenden Abenteuers holte mich aus meiner Lähmung und beflügelte mich. Der Himmel war strahlend blau, ein weiterer heißer Tag kündigte sich an, und ich beschloss, Nils, so gut es ging, zu vergessen.

Ich zog meinen Bikini unter T-Shirt und Shorts, packte Sonnenschutz, mein Buch und ein Badehandtuch ein und lenkte den kirschroten Pick-up zur Stadtmitte und von dort auf die Hauptstraße gen Süden. Mein Ziel war eine der Brücken über den Rio Grande, die Camino de las Vacas Bridge bei Pilar, ein beliebter Treffpunkt von Rosaria und ihren Freunden.

Vorbei an kleinen Banken, Restaurants, Baumärkten und Geschäften fuhr ich bei Musik von Robert Mirabal aus der Stadt hinaus. Nachdem ich den kleinen Ort Ranchos de Taos mit seiner festungsähnlichen Adobe-Kirche hinter mir gelassen hatte, endete nach wenigen Meilen das kahle Hochplateau und die Straße führte in einer felsigen Schlucht hinab, bis sie bei Pilar auf den Rio Grande traf. Der Fluss entsprang in den Rocky Mountains und floss in einer tiefen Talrinne durch New Mexico in Richtung Süden, war auf vielen Kilometern der Grenzfluss zwischen Mexiko und den USA, bevor er dem Golf von Mexiko zuströmte.

Nach ein paar Meilen erreichte ich Pilar, eine winzige Ortschaft, die ein beliebter Anlaufpunkt für Raftingtouren war. Ich bog rechts ab und folgte, nachdem ich die Häuser hinter mir gelassen hatte, dem Lauf des Rio Grande, dessen felsiges Ufer gesäumt war von Tamariskensträuchern mit fliederfarbenen Blüten, Cottonwoods und wilden Rosenbüschen.

Nachdem ich drei oder vier kleine Campingplätze passiert hatte und mich der Brücke näherte, sah ich sie schon, die braun gebrannten Jungen, die über der Mitte des Flusses hingen, um sich todesmutig in die schlammigen Fluten zu stürzen – begleitet von den bewundernden Seufzern der Mädchen.

Ich stellte den Pick-up auf dem kleinen Parkplatz vor der Brücke ab, schnappte meinen Beutel und schlenderte zum Flussufer, wo ich im Gras meine Decke ausbreitete. Hinter den dunklen Gläsern meiner Sonnenbrille musterte ich die Gesichter der anderen. Ein paar kamen mir bekannt vor, aber da war niemand, den ich mit Namen kannte. Die meisten von ihnen waren Hispanics, aber zwei oder drei Weiße waren auch dabei. Ihre roten Körper glänzten von Sonnenöl. Ein Pärchen küsste sich hingebungsvoll und ich musste mich abwenden, weil ich plötzlich Nils vor mir sah mit dieser Jenna – einem wunderschönen Phantom-mädchen mit radikalen Ansichten.

Ob er ihr auch das Klettern beibrachte? Ihr ein Tattoo verpasste? Verdammt, es wollte mir einfach nicht gelingen, Nils aus meinen Gedanken zu verbannen. Den Ersten vergisst man nie, hatte Oma Inge mal zu mir gesagt. Ich hoffte, dieses eine Mal würde sie nicht recht behalten.

Ich zog mich bis auf den Bikini aus, cremte mich mit Sonnenschutz ein und beobachtete die Jungen beim Springen.

»Na, wenn das nicht die geheimnisvolle Marihuana aus dem fernen Germany ist …«

Erschrocken fuhr ich herum. Hinter mir stand Ronnie Salazar, der beliebteste Footballstar der Taos Highschool. Er gehörte zu den Taos Tigers, war ein Halbgott mit milchkaffeebrauner Haut, pomadisiertem Haar und großen weißen Zähnen, dem alle Mädchen zu Füßen lagen. Ronnie war in meinem Englischkurs und hatte sich ganz zu Anfang des Schuljahres mal eine Zeit lang um mich bemüht, doch zu der Zeit hatte ich niemand anderen als Nils im Sinn gehabt.

Rosaria war zwar der Meinung, Ronnie wäre triebgesteuert und hätte eine Machomacke, aber das musste nichts heißen. In New Mexico waren neunzig Prozent der männlichen Bewohner Machos, und ich war einfach nur froh, dass überhaupt jemand mit mir sprach – es hätte auch ein grünes Marsmännchen sein können.

»Hi, Ronnie«, sagte ich und blickte zu ihm hoch. »Bist du gar nicht mit den anderen in Montana Bäume pflanzen?« Er trug nur Badeshorts und Flipflops und hatte ein Handtuch um den Hals gelegt. Seine Muskeln und sein Sixpack waren reif für ein Hochglanzmagazin.

»No – ich muss meinem Dad bei den Raftingtouren helfen. Und du? Bist du ganz alleine hier? Wo ist denn Rosaria?«

»Mit ihren Eltern in Frankreich, Unis abklappern.«

Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Ach ja, stimmt ja. Hab ich total vergessen.« Ronnie lachte. »Und wieso bist du dann noch hier?« Ich wollte etwas antworten, doch er sagte: »Nein, warte, ich weiß es: Deutschland ist so schrecklich, dass du gar nicht mehr nach Hause willst?«

Ganz unrecht hatte er damit nicht. »Ich bin Housesitter bei den Elliots, bis sie wieder zurück sind.«

»Ganz allein?« Anerkennend pfiff er durch die Zähne und seine braunen Augen funkelten neugierig. Mehr gierig.

Ich hob die Schultern. »War nicht so geplant. Aber mein Freund hat … er hat sich den Fuß verletzt und konnte nicht kommen.«

Mein Gott, Mara, was tust du? Für jemanden wie Ronnie musste das die pure Anmache sein.

»Lo siento mucho«, sagte er, »das tut mir leid.« Und nach einer Pause deutete er auf meine Decke. »Kann ich mein Handtuch und den Autoschlüssel bei dir lassen? Ich springe nur schnell und komme wieder.«

»Ja, klar«, sagte ich betont lässig, »aber nur, wenn du nicht mehr ›Marihuana‹ zu mir sagst.«

Grinsend warf Ronnie seine Sachen auf meine Decke. Er lief, nein, er stolzierte zur Brücke, hangelte sich am Geländer entlang, und dann stand er dort oben, sonnte sich in der Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwurde. Schließlich stieß er sich ab und sprang.

Die braunen Fluten des Rio Grande rissen ihn mit. Das war Teil des Nervenkitzels: den großen Fluss wieder zu verlassen, bevor einen die Strömung bis nach Embudo trug – oder unterwegs verschlang.

Ein paar Minuten später saß Ronnie nass und keuchend neben mir. Sein schwarzes Haar glänzte und seine Zähne leuchteten in der Sonne, als er mich angrinste.

»Cool«, war alles, was ich zu sagen vermochte. Aber ich meinte es auch so. In den Rio Grande zu springen, war definitiv nichts für Feiglinge.

Ronnie redete drauflos. Ich erfuhr, dass er seinem Vater schon von klein auf in seinem Raftingklub half und er den Fluss und seine Strömungen in- und auswendig kannte. Dass er eine ältere Schwester hatte, die verheiratet war und in Santa Fe in einem Restaurant an der Plaza arbeitete, und dass seine Mamacita die besten Enchiladas im Umkreis von einhundert Meilen machte.

Ich lächelte. Offenbar kriegte der Tag doch noch die Kurve.

Eine halbe Stunde später wusste ich so gut wie alles über Ronnie Salazar und vergaß, wie allein ich mich noch vor einer Stunde gefühlt hatte. Ich lachte über seine albernen Machowitze und hoffte, dass meine letzten Wochen in New Mexico vielleicht doch nicht so einsam werden würden, wie es gestern noch den Anschein hatte.

Doch dann tauchten Ronnies Freunde mit einem aufgemotzten Auto, einem Lowrider, am Fluss auf, und ich merkte, dass er für heute genug Konversation hatte. Jetzt wollte er richtigen Spaß haben. »Vielleicht können wir ja mal was zusammen machen«, meinte er, bevor er sich eilig verabschiedete.

»Ja, klar.« Mitleid war das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte.

Gemeinsam mit dem strömungssicheren Ronnie Salazar wäre ich vielleicht im Fluss baden gegangen, aber alleine schien es mir doch keine so gute Idee mehr zu sein. Also packte ich meinen Kram zusammen und machte mich auf den Weg zurück nach Taos.

Aus dieser Richtung kommend, war der Aha-Effekt spektakulär. Obwohl ich die Strecke schon so oft mit den Elliots gefahren war, rann mir auch diesmal wieder ein Schauer über den Rücken, als die Straße nach ein paar Kilometern aus der Schlucht heraus auf das weite Taos-Plateau führte. Zur Linken war die Hochebene am Horizont gesäumt von den Jemez Mountains, rechter Hand erstreckte sich ein silbergraues Salbeimeer bis zu den grünen Flanken der Sangre-de-Christo-Berge. In der Mitte gruben sich die schroffen blauschattigen Schluchten des Rio Grande mehr als zweihundertvierzig Meter tief in die kahle Ebene.

Hinter den Sangre de Christos hing eine schwarze Gewitterwand und in diesem Licht wirkten die hohen Bergkuppen wie Zwerge. Die Sonne ließ das Salbeimeer, das bis an die Straße heranreichte, beinahe violett aufleuchten.

Etwa eine Meile vor Ranchos de Taos bemerkte ich in der flimmernden Hitze über dem Asphalt eine menschliche Gestalt am rechten Straßenrand, viel zu nah an der Fahrbahn. Vor mir fuhr ein riesiger Coca-Cola-Truck, dessen Fahrer warnend sein ohrenbetäubendes Horn hören ließ, jedoch weder abbremste noch einen Zentimeter auswich, obwohl der Idiot keinen Gegenverkehr hatte.

Automatisch ging ich auf die Bremsen und blickte dem Truck hinterher, der weiterfuhr und schnell aus meinem Blickfeld verschwand. Der Herzschlag dröhnte in meinen Ohren und meine Fantasie lief auf Hochtouren. Der Asphalt flimmerte, aber sosehr ich auch auf die Stelle starrte, wo die Gestalt eben noch gestanden hatte – da war niemand. Kein Blut auf dem Asphalt, kein Verletzter, nicht mal eine überfahrene Klapperschlange.

Es gab also nur zwei Möglichkeiten: Entweder hatte ich einen Geist gesehen oder der Truck hatte den Lebensmüden mitgerissen und zwischen die Salbeisträucher geschleudert.

Ich hätte einfach weiterfahren können, mir selbst einreden, ich hätte einen Geist gesehen, und alles wäre anders gekommen. Doch Oma Inge hatte mal zu mir gesagt, dass jede Entscheidung, die wir treffen, uns zeigt, wer wir sind. Und feige wollte ich ganz bestimmt nicht sein.

Im Schneckentempo fuhr ich ganz rechts auf dem unbefestigten Seitenstreifen, reckte den Hals über das Lenkrad und suchte den Straßenrand ab. Als plötzlich ein kleiner Rotfuchs aus dem Salbeigesträuch auf die Straße trat, ging ich auf die Bremsen. Der Fuchs starrte den Pick-up mit seinen grünen Augen an, dann trottete er über die Straße und verschwand. Gleich darauf entdeckte ich zwei Füße zwischen den hüfthohen Sträuchern am Straßenrand. Einer davon war ohne Schuh.

In so einer Situation war ich noch nie gewesen und mein Herz klopfte wie wild. Ich stellte den Motor ab, atmete zweimal tief durch und stieg aus. Der Truck war längst über alle Berge und im Moment weit und breit kein anderes Fahrzeug in Sicht. Zwar hatte ich im vergangenen Herbst einen Erste-Hilfe-Kurs mitmachen müssen, um den Führerschein zu bekommen, befürchtete jedoch, dass ich beim Anblick von Blut in Ohnmacht fallen würde, noch bevor ich mein Wissen anwenden konnte.

Ein Zurück gab es nicht. Ich würde tun, was ich tun musste, solange ich dazu in der Lage war. Also umrundete ich den Pickup, hielt die Luft an und wappnete mich vor dem Anblick, der mich erwartete.

Zwischen den Salbeisträuchern lag ein junger Mann mit geschlossenen Augen, und einen furchtbaren Moment lang dachte ich, er wäre tot. Er trug löchrige Jeans und nur einen Schuh, einen perlenbestickten Mokassin. Von der Hüfte aufwärts war er nackt. Seine dunkle Haut war lehm- und rußverschmiert, das lange schwarze Haar grau vom Sand der Wüste.

Plötzlich riss er die Augen auf, und seine Finger krallten sich in die trockene Erde, als befürchte er, ins Bodenlose zu fallen.

Erschrocken und erleichtert zugleich holte ich Luft und atmete einen Schwall süßlich strengen Salbeigeruch ein. Ich registrierte die blutverkrusteten Schrammen im Gesicht des Jungen – vor allem den bösen, drei Zentimeter langen Riss, der unter dem Haaransatz klaffte, verschmutzt und halb verdeckt von strähnigem Haar. Auch am linken Oberarm hatte er eine blutige, ausgefranste Wunde, ein fingerlanger Graben, der in seinen Muskel schnitt, schwarz an den Rändern.

Doch viel mehr sorgten mich Verletzungen, die womöglich nicht zu sehen waren. Schnell zückte ich mein Handy, um Hilfe zu holen, bevor ich vielleicht doch noch schlappmachte.

Die Nummer der Notaufnahme des Krankenhauses von Taos hatte Lucia vorsorglich eingespeichert, bevor sie mir ihr altes Smartphone geschenkt hatte, ohne das ich nicht aus dem Haus gehen durfte. Ich beschrieb, wo ich war, und die Frau von der Rettungsstelle versicherte mir, dass der Krankenwagen in wenigen Minuten da sein würde.

Als ich das Handy wieder in meine Hosentasche schob, ging es mir schon besser. Gleich würde ich die Verantwortung los sein und nach Hause fahren können. Mit Sicherheit hatte der Junge Schmerzen und stand unter Schock. Vielleicht hatte er innere Verletzungen, aber darum würden sich Ärzte und Sanitäter kümmern. Meine Aufgabe war es jetzt, den armen Kerl zu beruhigen, bis Hilfe kam.

»Schön so liegen bleiben«, sagte ich, »die Ambulanz ist gleich da.«

Der Junge, dessen Alter ich nur schwer einschätzen konnte, rührte sich nicht. Ich ging in die Knie und beugte mich über sein dreckverschmiertes Gesicht. Ein schwarzer Blick aus Augen von verwirrender Tiefe traf mich mitten ins Herz. Ich sah weg und schluckte trocken. Dann machte ich einen tiefen Atemzug und begegnete seinem Blick erneut.

»Cómo estás?«, versuchte ich es auf Spanisch. »Wie geht es dir?« Mein Spanisch war inzwischen ganz passabel, aber meine Frage blieb ohne Reaktion. Vermutlich war er vor Schock unfähig zu sprechen. Sein Blick jedoch, der blieb auf meinen Mund gerichtet wie die Nadel eines Kompasses, die stets nach Norden zeigte. Offensichtlich war es für den jungen Indianer in den letzten Tagen nicht besonders gut gelaufen.

»Okay«, sagte ich, um irgendetwas zu sagen, »versuch zu blinzeln, wenn du mich verstehst!«

Der Junge blinzelte, aber vielleicht hatte er ohnehin blinzeln müssen. Hast du Schmerzen?, wollte ich ihn fragen, ließ es aber bleiben. Beruhigen, Mara, nicht noch mehr Angst machen! Das hast du doch im Erste-Hilfe-Kurs gelernt.

In einer tröstlichen Geste legte ich meine Hand auf seinen linken Unterarm. Als ich ihn berührte, ging ein Ruck durch seinen Körper, und aus seiner Kehle kam ein Laut, der nicht Sprache war. In seine schwarzen Augen, die um so vieles älter wirkten als sein Gesicht, kam Leben. Seine Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton heraus. Als er versuchte, sich aufzurichten, legte ich meine Hand sacht auf seine Brust und schüttelte den Kopf.

»Schön liegen bleiben, okay?«

Er sank zurück und schloss die Augen, wie um die Wirklichkeit auszublenden. Oder mich.

Ungeheure Erleichterung überkam mich, als ich die Sirene der Ambulanz hörte und der Taos County-Rettungswagen kurz darauf vor meinem Pick-up hielt. Zwei Sanitäter mit einer Trage und einem Notfallkoffer stiegen aus und kümmerten sich um den Verletzten. Auf ihre besorgten Fragen in Englisch und Spanisch bekamen auch sie keine Antwort. Einer der Sanitäter untersuchte die Hosentaschen des jungen Mannes nach Papieren, doch nada. Nichts. Nur ein schwarzer Stein, den der Sanitäter erst wegwerfen wollte, ihn dann jedoch in die Hosentasche zurücksteckte.

Vermutlich war der Indianer aus der Gegend und hatte bloß einen kleinen Spaziergang machen wollen, als der Truck ihn umgerissen hatte.

Als sie den Verletzten auf die Trage hoben, sah ich das rotbraune Tattoo auf der Innenseite seines rechten Unterarmes, dort wo die Haut heller war. Ein Halbmond, eine Hand und ein Stern. Irgendwo hatte ich das schon mal gesehen, wusste aber nicht mehr, wo. Der Indianer hob den Kopf und seine Augen schienen mich zu fragen: Wo bringen sie mich hin? Und: Warum lässt du das zu?

In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so völlige Verlorenheit gesehen und fühlte mich, als hätte ich soeben einen guten Freund im Stich gelassen, obwohl ich den Jungen nicht mal kannte und auch nicht wusste, was ich hätte anders machen sollen.

Die Tür der Ambulanz schloss sich und der Wagen fuhr mit Blaulicht davon. Ich stand allein am Straßenrand und die grelle Mittagssonne knallte heiß auf mich herab. Als ich zurück zum Pick-up gehen wollte, funkelte etwas in einem Salbeistrauch, das nicht dorthin gehörte. Ich bückte mich und pflückte es aus den weichen Zweigen. Es war ein silberner, etwa fünf Zentimeter großer Kokopelli – der bucklige Flötenspieler des Südwestens – an einem gerissenen Lederband. Mit Sicherheit gehörte er dem unglücklichen jungen Mann. Ich steckte den Anhänger ein und machte mich auf den Heimweg.

Zurück in Taos, holte ich mir im La Cueva Café an der Ecke zwei Tamales, doch als ich dann damit am Küchentisch saß, war meine Kehle wie zugeschnürt und ich bekam kaum einen Bissen herunter. Der flehentliche Blick des Indianerjungen ging mir nicht aus dem Kopf.

Der silberne Kokopelli lag vor mir auf dem Tisch. Dieser Anhänger war alles, was der junge Indianer bei sich gehabt hatte. Ich schob den Teller mit den Tamales zur Seite und nahm den kleinen Flötenspieler in die Hand. Es war eine schöne Silberarbeit und hatte mit Sicherheit eine besondere Bedeutung für den Jungen, war vielleicht sogar eine Art Amulett.

Meine Neugier war erwacht. Kurz entschlossen stand ich auf, schob den Anhänger in meine Hosentasche und schnappte mir die Autoschlüssel. Ich würde den Kokopelli zu seinem Besitzer bringen und dabei vielleicht etwas mehr über ihn erfahren. Das war allemal besser, als herumzusitzen und Trübsal zu blasen.

Das Holy Cross Hospital im Westen der Stadt war im Pseudo-Adobe-Stil gebaut worden, pseudo deshalb, weil unter den im Ockerton verputzten Wänden des Flachbaus sich keine luftgetrockneten Ziegel aus Lehm und Stroh verbargen, sondern schnöder grauer Beton – wie bei vielen der neueren Gebäude in der Stadt.

Ich parkte im Schatten einer Pappel und fragte am Empfang nach dem vor ungefähr einer Stunde eingelieferten jungen Indianer ohne Papiere.

»Sind Sie seine Freundin?« Die ältere Dame mit der Ponyfrisur musterte mich misstrauisch. Wie ich von David wusste, blieben die Pueblo-Indianer lieber unter sich, und Mrs Lujan – das stand auf ihrem Namensschild – war definitiv eine Indianerin.

»Ähm, nein, ich … ich habe die Ambulanz gerufen, und als sie mit ihm weg waren, habe ich das hier gefunden.« Ich zeigte ihr den Kokopelli. »Er gehört dem jungen Mann, und bestimmt ist es wichtig für ihn, dass er ihn wiederbekommt.«

Mrs Lujan hatte offenbar Mitgefühl, deshalb griff sie zum Hörer und telefonierte mit dem zuständigen Arzt.

»Hier ist eine junge Frau, die will zu Ihrem Mister X, Doktor. Sie sagt, sie hat etwas, das ihm gehört.«

Der Gesichtsausdruck von Mrs Lujan veränderte sich, während sie dem lauschte, was ihr der Arzt am anderen Ende der Leitung antwortete. Sie bedachte mich mit einem Blick des Bedauerns und mir fuhr ein eisiger Schreck in die Glieder. War der unglückliche junge Mann etwa tot? Meine Hand umklammerte den Kokopelli so fest, dass das Silber mir in die Hand schnitt.

»Den Gang entlang, bis zur Station 2, junge Frau«, sagte sie. »Fragen Sie nach Dr. Rodriguez.«

»Was ist denn mit dem Verletzten? Geht es ihm gut?«

»Ich darf Ihnen leider keine Auskunft geben, aber Dr. Rodriguez wird mit Ihnen sprechen.«

Im Eilschritt lief ich bis zur Station 2 und fragte nach dem Doktor. Der junge Arzt stand auf dem Gang und erwartete mich bereits.

»Kommen Sie!«, sagte er und führte mich in sein Dienstzimmer, wo er mir einen Platz anbot. Aber ich blieb lieber stehen. Ich hatte nämlich das Gefühl, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.

»Sie haben also die Ambulanz gerufen?«

»Ja. Ich kam mit dem Auto aus Richtung Pilar und sah ihn am Straßenrand stehen, ziemlich dicht an der Fahrbahn. Ein Truck fuhr vorbei und dann lag er plötzlich zwischen Salbeisträuchern. Als die Ambulanz mit ihm weg war, habe ich das hier gefunden. Ich möchte es ihm gerne zurückgeben.«

»Sie kommen zu spät«, sagte Dr. Rodriguez. »Vor zehn Minuten …«

»Nein«, stieß ich hervor und meine Kehle wurde eng. Nun ließ ich mich doch auf den Plastikstuhl sinken. Das war alles ein bisschen viel auf einmal.

»Keine Panik, Miss …?«

»Mara. Mara Vogel.«

»Dem jungen Mann geht es gut, Miss Vogel«, sagte der Arzt. »Vor zehn Minuten war ich noch bei ihm, doch nun ist er weg.«

»Weg?« Ruckartig sah ich auf.

»Ja. Ich habe ihn untersucht und ihm eine Tetanusimpfung verpasst. Aber als die Schwester seine Wunden verbinden wollte, ist er auf und davon. Übrigens stammte keine seiner Verletzungen von einem Zusammenstoß mit einem Truck.«

»Nicht?«, fragte ich verwirrt.

»Die Wunden waren schon ein oder zwei Tage alt.« Er sah mich an. »Miss Vogel, als Arzt bin ich verpflichtet, Schusswunden zu melden. Ich war gerade auf dem Weg in mein Büro und wollte den Sheriff anrufen, als ich aufgehalten wurde. Dann meldete mir die Schwester, dass der Patient verschwunden sei, und nun sind Sie hier, mit diesem Kokopelli.«

»Eine Schusswunde?« Ich verstand überhaupt nichts mehr.

»Die Verletzung an seinem Arm ist ein Streifschuss. Und er hat am ganzen Körper Prellungen und Abschürfungen, aber es sind nur oberflächliche Wunden. Er schien mir ein wenig unterernährt und seltsam, ansonsten jedoch kerngesund.«

Ich nickte, obwohl ich immer noch nichts verstand. »Haben Sie herausgefunden, wie er heißt und wo er herkommt?«

»Bedauerlicherweise nicht. Weder die Schwester noch ich konnten ihn zum Sprechen bewegen. Er hat uns bloß angestarrt mit seinen dunklen Augen, als wären wir böse Geister. Er war uns fast ein bisschen unheimlich.«

»Haben Sie ihn der Polizei gemeldet?«

»Ich habe dem Sheriff eine Personenbeschreibung gegeben und er will die Augen offen halten.« Dr. Rodriguez erhob sich und ich ebenfalls. Er reichte mir seine Hand. »Es ehrt Sie, dass Sie hergekommen sind, um dem jungen Mann sein Amulett zu bringen, aber wer immer er auch ist, er ist nicht mehr hier. Behalten Sie das Ding, es scheint mir ein besonders seltenes Stück zu sein. Vielleicht bringt es Ihnen ja mehr Glück als ihm.«

Als die Hitze am Abend endlich nachließ, zupfte ich eine Stunde lang Unkraut in Lucias Gemüsegarten und wässerte später alle Pflanzen. Danach duschte ich und setzte mich mit einem Sandwich, einem Glas O-Saft und meinem Buch auf den kleinen Balkon vor meinem Zimmer und legte die Füße auf die lehmverputzte Brüstung.

Der Roman, den ich gerade las, hieß Arroyo und erzählte von Willie Lee, einer Bluessängerin, die ihre Stimme verloren hatte und die auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit in eine kleine Stadt in New Mexico kam. Willi Lee hatte rotes Haar, so wie ich. Die Autorin, Summer Wood, lebte hier ganz in der Nähe, in San Christobal, und Lucia hatte mir erzählt, dass sie mit ihr zur Schule gegangen war.

Mir gefiel Woods geradliniger, schnörkelloser Schreibstil, wie sie es auf ganz besondere Weise schaffte, mit Worten Gefühle und Stimmungen zu erzeugen. Überhaupt hatte ich festgestellt, dass Englisch eine wunderbar ausdrucksreiche Sprache war, deshalb führte ich, seit ich in Taos war, mein Tagebuch auf Englisch, um mich besser darin ausdrücken zu können. Wie dem auch sei: In den nächsten vier Wochen würde ich vermutlich mehr Zeit mit Schreiben als mit anderen Dingen verbringen.

Heute habe ich einen verletzten Indianerjungen am Straßenrand gefunden, schrieb ich in mein Tagebuch. Er hat nicht gesprochen und ist später aus dem Krankenhaus abgehauen. Ich habe etwas von ihm, das er verloren hat, einen silbernen Kokopelli. Wenn ich den Anhänger in der Hand halte, habe ich das Gefühl, er will mir eine Geschichte erzählen.

Es ist kurz nach acht, die Sonne geht gerade unter und die Hügelkette der Sangre de Christo Mountains erglüht in jenem blutroten Licht, dem sie ihren Namen zu verdanken hat: Berge vom Blut Christi.

Es ist meine zweite Nacht allein im Haus, sechsundzwanzig weitere werden folgen. Unfassbar viele. Ich hasse dich, Nils. Ich vermisse dich, du Blödmann.

Sobald die Sonne fort war, wurde es zu kühl auf meinem Balkon und ich verzog mich nach drinnen. Ich schrieb eine lange Mail an Nils, schickte sie jedoch nicht ab.

Dann löschte ich das Licht und versuchte zu schlafen.

In der Nacht geisterte der junge Indianer durch meine Träume und seine schwarzen Augen baten mich um Hilfe. Wir standen einander gegenüber und ich hielt den silbernen Kokopelli in der Hand. Er streckte seine Finger danach aus, doch bevor sie danach greifen konnten, teilte sich der Boden zu unseren Füßen und ein dunkler Abgrund tat sich auf. Der Anhänger glitt mir aus der Hand und fiel – und der Junge stürzte mit wehendem Haar hinterher. Nein!, wollte ich schreien, doch kein Laut kam aus meiner Kehle.

Plötzlich zerriss ein schauriges, nicht menschliches Gelächter meinen Traum und ich schreckte aus dem Schlaf. Kalter Schweiß bedeckte meine Haut, sie kribbelte, als liefen tausend Ameisen über mich hinweg. Mein Mund war trocken wie ein ausgedörrtes Bachbett und der Geschmack von rotem Staub lag auf meiner Zunge. So intensiv hatte ich lange nicht mehr geträumt.

1:20, sagte die Leuchtanzeige des Radioweckers auf dem Nachttisch. Ein ferner Donnerschlag und dann langsames Grollen – es gewitterte mal wieder in den Bergen. Immer nur dort, nie hier unten in der Ebene. Mai und Juni waren Trockenzeit, erst im Juli begannen die nachmittäglichen Monsunregen, die die Hochwüste zum Leben erwecken würden.

Ich stand auf, tappte zur offenen Balkontür und trat hinaus. Gleich hinter der Gartenmauer der Elliots begann die silbern schimmernde Salbeiwüste, die sich bis zu den Ausläufern der Berge zog. Das samtene Nachtblau des Himmels wurde von violetten Blitzen zerrissen, die sich wie ein Netz über den hohen Bergkuppen spannten.

Unten, im Garten, klapperte etwas. Vermutlich Pilgrim, der rot getigerte Streuner, der sich zu seinem Nachtmahl eingefunden hatte. Ich beugte mich über die Lehmmauer, sah Bäume, Sträucher, Schatten – sonst nichts.

Aus der Dunkelheit erscholl erneut das wilde Gelächter. Ich wusste, was das war. Dieses Bellen, Jaulen und Wimmern kam von einem Rudel Kojoten, das auf der Jagd war. Der Sound der Wüste, wie Rosaria das Geheul nannte.

Plötzlich drang von drinnen ein Klappern an mein Ohr und ich horchte auf. War Pilgrim etwa ins Haus gelangt? Manchmal kam es vor, dass der Kater hineinschlüpfte und sich irgendwo ein gemütliches Plätzchen suchte, wo er unbehelligt schlafen konnte. Aber ich hatte ihn doch gerade erst im Garten gehört …

Ich ging wieder hinein, lauschte durch die offene Zimmertür auf den Flur hinaus und nahm einen seltsamen, herben Geruch wahr, den ich nicht einordnen konnte. Ich rief nach dem Kater, bekam jedoch keine Antwort, dafür war er viel zu clever. Und warum sollte er nicht eine gemütliche Nacht unten auf der Couch verbringen, in Sicherheit vor den Kojoten? Lucia mochte es nicht, wenn Pilgrim im Haus war, aber Lucia war nicht da.

Die Tür zu meinem Zimmer stand ohnehin offen, also konnte er über den Balkon nach draußen, wenn er das wollte. Um meinen Durst zu löschen, ging ich ins Bad und trank ein paar Schlucke aus dem Wasserhahn. Auf dem Spiegel über dem Waschbecken war neben Rosarias rotem Kussmund der deutliche Abdruck einer Hand zu sehen. War ich das gewesen? Ich hielt meine Hand gegen den Spiegel, aber der Abdruck war größer und Rosaria hatte kleinere Hände als ich.

Spooky, dachte ich, und El Coco, der Schwarze Mann, der unfolgsame Kinder holte, kam mir in den Sinn. Lucia hatte mir von vientos – bösen Winden, von el mal ojo – dem bösen Blick, und el llorana – der weinenden Frau, die man manchmal in der Nacht hören konnte, erzählt. Geschichten über Geister, böse Zauberer und Hexerei, die im Tal des Rio Grande seit Hunderten von Jahren die Runde machten.

Normalerweise war ich für Übernatürliches nicht empfänglich, denn meine Eltern hatten mir von klein auf eingetrichtert, dass es für jegliches Phänomen eine natürliche Erklärung gab. Und die Erklärung für den Handabdruck war, dass er David gehörte, der sich auf dem Badezimmerspiegel neben seiner Tochter verewigt hatte.

Ich ging zurück in mein Zimmer und verriegelte die Tür – auch wenn mir das kaum etwas nützen würde, wenn ich es mit Jenseitswesen zu tun hatte. Als ich wieder im Bett lag, konnte ich einordnen, was in der Luft gelegen hatte: Es war der Geruch nach Raubtier und Salbei.

»Du spinnst, Mara«, murmelte ich und zog mir die Decke über den Kopf.

3. Kapitel

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Am nächsten Morgen musste ich über den Handabdruck und Rosarias Kussmund auf dem Spiegel lachen. Ich duschte, und als ich Zähne putzte, wunderte ich mich eine Sekunde lang darüber, dass meine Zahnbürste über Nacht nicht trocken geworden war. Aber dann bekam ich eine Nachricht von Rosaria auf mein Handy und dachte nicht mehr daran.

Die Elliots waren gut in Paris gelandet, die Stadt war fantástico und Französisch eine sexy Sprache. Ich lächelte. Auf die Frage, wie es Nils in Taos gefiel, schrieb ich, dass er es super fände, dass er gerade unter der Dusche stand und wir gleich zur Plaza gehen und auf dem Farmers Market noch ein paar Lebensmittel für unseren Roadtrip kaufen würden.

Hasta Luego, simste ich und drückte auf Senden. Dabei fiel mein Blick auf die halb leere Schale mit den Jelly Beans und ich schüttelte amüsiert den Kopf. Pilgrim musste sehr hungrig gewesen sein, dass er sich an den bunten Bonbons vergriffen hatte.

Der Landmarkt von Taos fand jeden Samstag statt und war das Highlight der Woche. Außerhalb der Hochsaison war die kleine Plaza, auf der früher unter anderem auch der Sklavenmarkt stattgefunden hatte, meistens wie ausgestorben. Doch an diesem Morgen füllte sich der Platz unter den schattigen Bäumen mit Ständen von Leuten, die von den umliegenden Farmen kamen und ihre Produkte feilboten. Tomaten und Tomatenpflanzen, Salate, Zwiebeln, Knoblauch, Rettiche, Maiskolben und natürlich roter und grüner Chili – das wahre Gold New Mexicos.

Überall duftete es nach Gewürzen und Kräutern. Es gab eisgekühlte selbst gemachte Limonaden, köstliche Suppen, Tees, frische Eier, Honig und verschiedene Marmeladen. Ich liebte diesen Markt, weil alles öko war und vom Überfluss der großen Supermärkte keine Spur. Aber ich war noch nie ohne Lucia oder Rosaria hier gewesen und trotz der vielen gut gelaunten Menschen kam ich mir einsam vor.

Ein indianisches Ehepaar hatte einen Stand mit frischen Maistortillas und dem köstlichen Brot, das die Pueblo-Indianer in den Hornos buken, den runden Lehmöfen, die sie von den Spaniern übernommen hatten. Die beiden waren die einzigen Indianer auf dem Markt. Vielleicht kamen die anderen nicht, weil sie nicht vergessen konnten, dass man ihre Vorfahren an dieser Stelle als Sklaven verkauft oder wegen Aufwiegelei gehängt hatte.

Von diesen alten Geschichten spürte man jedoch am Markttag auf der Plaza nichts. Die Atmosphäre war fröhlich, bunt und ausgelassen. Lokale Musikgruppen musizierten, man unterhielt sich gestenreich und machte seine Einkäufe.

Nachdem ich mich mit Pueblo-Brot und Tomaten eingedeckt hatte, holte ich mir eine Limo aus Melone und Zitrone, den legendären Taos Splash am fahrbaren Stand von Jessie, einer hübschen Blondine aus der Highschool. Wir plauderten ein bisschen, während ich meinen Durst löschte. Plötzlich leuchteten Jessies Augen auf und fixierten jemanden hinter mir.

»Buenos dias, hermositas!« Ronnie Salazar. »Schön, dich zu treffen, Marihu… ähm, Mara«, sagte er und grinste breit. »Wollte dich ohnehin anrufen. Heute Abend gibt es Livemusik in der Adobe Bar.« Sein Blick wechselte zwischen Jessie und mir. »Habt ihr zwei Hübschen Lust?«

Gleich zwei, dachte ich, da hast du dir ja was vorgenommen, Ronnie.

»Tut mir leid«, sagte Jessie, »meine Mom hat Geburtstag und ich kann heute Abend nicht weg.« Sie bedachte mich mit einem eifersüchtigen Blick.

»Schade«, bemerkte Ronnie. »Was ist mit dir?« Er musterte mich hoffnungsvoll, trotzdem beschlich mich das Gefühl, die zweite Wahl zu sein. Die Adobe Bar im Historic Taos Inn war bekannt für ihre extrastarken Margaritas, und Jessie dachte bestimmt, ich bekäme kalte Füße und würde kneifen.

Mit einem lässigen Achselzucken sagte ich: »Ja, klar, warum nicht?«

»Dann hole ich dich gegen sechs ab. Wir können vorher noch im Taos Pizza Out Back eine Pizza essen, okay?«

»Okay.« Ich nickte. Das ging ja schnell. Hatte ich tatsächlich ein Date mit Ronnie Salazar, dem Footballgott? Im Out Back waren die Tische immer ausgebucht, und er würde sich ins Zeug legen müssen, um einen zu ergattern.

Er grinste und zwinkerte Jessie zu. »Vale – alles klar. Dann bis heute Abend.« Und weg war er.

Jessie beugte sich über die Theke zu mir herab und raunte:»Nimm dich in Acht, Redhead. Ronnie ist kein Kind von Traurigkeit.«

»Keine Sorge«, versicherte ich ihr, »ich bin es auch nicht.«

Vielleicht ging Ronnie ja nur mit mir aus, um Jessie eifersüchtig zu machen, doch ich war froh, den Abend nicht alleine verbringen zu müssen. Ronnie Salazar war witzig, sah gut aus, und falls er doch versuchen sollte, bei mir zu landen: Was ich nicht wollte, würde auch nicht passieren.

Ungefähr eine Stunde lang hatte ich vor dem Spiegel gestanden und verschiedene Klamotten anprobiert, sogar ein paar Oberteile aus Rosarias Kleiderschrank. Am Ende entschied ich mich für Jeans und eine einfache weiße Baumwollbluse. Ich bastelte ein neues Lederband an den Kokopelli-Anhänger und trug ihn um den Hals.

Punkt sechs fuhr Ronnie mit seinem grünen 1970er Chevy Impala vor, und zum ersten Mal in meinem Leben saß ich in einem echten Lowrider mit hydraulischen Stoßdämpfern, mit deren Hilfe Ronnie die Karosserie seines Wagens so tief absinken lassen konnte, dass zwischen Stoßstange und Boden nur noch fünf Zentimeter Platz waren. Auf dem Weg zur Pizzeria hob er die Karosserie um einen halben Meter an und ließ das Auto per Knopfdruck mitten auf der Straße tanzen.

Frisierte Autos interessierten mich nicht die Bohne und ein tanzendes Auto war der Gipfel des Schwachsinns, doch ich fand es süß, wie Ronnie auf seine Art versuchte, mir zu imponieren.

Das Taos Pizza Out Back war die beste Pizzeria der Stadt, und wie ich vermutet hatte, waren sämtliche Tische besetzt. Doch Ronnie hatte reserviert, und so saßen wir schon bald über der Speisekarte, die keine Wünsche offen ließ.

Wir bestellten und dann redeten wir. Das heißt: Ronnie redete über Lowriding und ging mir bald auf die Nerven damit. Weshalb ich versuchte, das Thema zu wechseln. Was zur Folge hatte, dass er nun über Football redete. Aber Ronnie war wirklich charmant, und ich mochte die Grübchen in seinen Wangen, wenn er lachte. Er lachte ziemlich viel und ich ließ mich anstecken. Schließlich kam meine Viertelpizza »à la Vera Cruz«, mit Hähnchenbrustfilet, Honig-Chipotle-Soße und mariniertem Gemüse. Ronnie hatte eine halbe Ranchero-Pizza mit viel Chili, Salami und Käse.

Während wir aßen, fragte ich Ronnie nach Pilar und erfuhr, dass der Ort einmal ein Apachendorf gewesen war, das die Spanier im Zuge der Rückeroberung New Mexicos dem Erdboden gleichgemacht hatten.

»Rückeroberung?«, hakte ich nach.

»Na, nach der großen Pueblo-Revolte«, antwortete er. »Die Indianer hatten einundzwanzig Franziskanermönche und an die vierhundert spanische Soldaten matado«, er legte die Handkante an seinen Hals, »abgemurkst. Über tausend spanische Siedler waren von ihnen bis zurück hinter die mexikanische Grenze getrieben worden.« Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und sah mich an. »Erzähl mir nicht, dass dir Rosarias Vater nicht Vorträge darüber gehalten hat.«

Hatte er. Stundenlang. Im Jahre 1680 hatten sich die Pueblo-Dörfer am Rio Grande zusammengetan und die Spanier unter Führung des charismatischen Medizinmannes Popé aus dem Land getrieben. Doch zwölf Jahre später kamen sie zurück, mit mehr Soldaten und besseren Waffen. Und sie hatten sich kein zweites Mal vertreiben lassen.

Von David wusste ich, dass es danach noch zwei Aufstände gegeben hatte, die jedoch beide niedergeschlagen worden waren. Vom Katholizismus der Eroberer hatten die Pueblo-Indianer übernommen, was ihnen gefiel, und hatten es einfach in ihre Kultur integriert.

»Mein Ururururgroßvater bekam Ende des achtzehnten Jahrhunderts vom spanischen König Land am Rio Grande zugeteilt und seitdem lebt meine Familie in Pilar«, erzählte Ronnie stolz. »Einst hat uns Spaniern das ganze Rio-Grande-Tal gehört, aber die Anglos nehmen uns mehr und mehr von unserem rechtmäßig zugeteilten Land weg.«

Ich runzelte die Stirn und wollte ihn fragen, ob er im Geschichtsunterricht nur mit einem halben Ohr zugehört hatte, denn dass die Spanier dieses Land zuvor den Indianern weggenommen hatten, schien er vergessen zu haben. Doch dann besann ich mich. Ich wollte nicht streiten und uns den Abend damit verderben.

Nach dem Essen fuhren wir zur Adobe Bar im Hotel. Die Tex-Mex-Band spielte gut gelaunte Musik und Ronnie und ich tanzten sogar. Ich versuchte, die Gedanken an Nils fortzuspülen, und Ronnie unterstützte mich großzügig dabei, indem er dafür sorgte, dass ich einen Margarita nach dem anderen trank.

Ich war schnell ziemlich beschwipst, und als Ronnie mich nach einem Tanz küsste, wusste ich nicht, ob meine weichen Knie von seinem Kuss kamen oder von den extra starken Margaritas.

Kurz vor Mitternacht führte Ronnie mich zu seinem Lowrider, und erst an der frischen Luft merkte ich, wie betrunken ich tatsächlich war. Nicht gut, Mara.

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