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Wie ein Schwert mitten ins Herz

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1. KAPITEL

Schottland – April 1296

Schneller, du krummbeiniges Klappergestell!“ Gaira vom Clan der Colquhoun beugte sich tief über den Hals ihres gestohlenen Pferdes.

Wie viel Zeit blieb ihr noch, bis der Mann, dem sie versprochen war, ihr auf die Spur kommen und ihr folgen würde? Es wurde immer knapper, noch rechtzeitig zu ihrer Schwester zu gelangen.

Sosehr sie das Pferd auch antrieb, es konnte einfach nicht schneller laufen. Seine Flanken waren schon schweißnass, und bei jedem Schritt keuchte es rasselnd. Auch Gaira atmete schwer.

Zum Glück mussten sie nur noch über den nächsten Hügel gelangen, und dann waren sie endlich in Sicherheit. Sie würden etwas zu essen bekommen und konnten sich ausruhen. Und ich kann mich ganz der Fürsorge und dem Trost meiner geliebten Schwester hingeben, dachte Gaira voller Vorfreude.

Sie drehte sich um. Es sah nicht so aus, als ob ihr jemand gefolgt wäre. Die Angst, die ihr Herz mit eisigem Griff umklammert hatte, ließ nach, und sie lockerte die Zügel.

„Wir haben es geschafft. Nur noch ein kleines Stück, und du kannst so viel Hafer fressen, wie du willst.“

Gestank schlug ihr entgegen, noch ehe sie die Hügelkuppe erreichten. Der Geruch von Rauch, verbranntem Gras und verwesendem Vieh stieg ihr scharf in die Nase. Das Pferd scheute und warf den Kopf hoch, doch Gaira trieb es energisch weiter, bis sie schließlich oben ankamen.

Von der Anhöhe aus bot sich ihr ein schreckliches Bild. Völlig benommen vor Angst, ließ sie sich vom Sattel fallen. Ihr linker Knöchel knickte unter ihrem Gewicht ein, als sie auf dem Boden aufkam, doch sie spürte den Schmerz nicht. Sie krümmte sich, ging auf die Knie und erbrach das Haferbrot und das Wasser, aus dem ihr spärliches Frühstück bestanden hatte.

Eine Weile kauerte sie auf dem Boden, ehe sie merkte, dass ihr Pferd war nicht mehr da. Schnell stand sie auf und atmete tief ein. Sofort wurde sie von heftigem Husten geschüttelt. Und mit einem Mal wurde ihr klar, dass der Gestank nicht von verwesendem Vieh stammte, wie sie zuerst gedacht hatte, sondern von verbranntem menschlichem Fleisch.

Nichts außer diesem beißenden Gestank war vom Dorf ihrer Schwester übrig geblieben. Die Hütten sahen aus wie schwarze Gerippe, Dächer und Seitenwände hatten sich in Rauch aufgelöst. Nur die verbrannten Balken standen noch und glühten rötlich.

Das Tal sah aus, als wäre ein riesiger Felsblock hindurchgerollt und hätte alles verwüstet. Große schwarze Rauchsäulen stiegen in den Morgenhimmel.

Es herrschte absolute Stille. Kein Vogelzwitschern war zu hören, keine Blätter raschelten im Wind, kein Insekt summte.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Vielleicht war ihre Schwester gar nicht dort unten. Vielleicht war es Irvette gelungen, dem Grauen zu entkommen. Sie zwang sich dazu, weiterzugehen, doch sie stolperte, weil ihr verletzter Knöchel nachgab. Unmöglich, den steilen Abhang hinunterzuklettern.

Sie blickte sich um. Ihr Pferd rannte panisch am Fuße des Hügels entlang. Der Gestank und die sengende Hitze hatten ihm Angst eingejagt. Sie rief nach ihm, doch es kam nicht zurück.

Gaira ging auf die Knie und kletterte rückwärts auf allen vieren in Richtung Tal. Der Rauch stieg ihr in die Nase, und sie musste husten. Als sie unten angekommen war, richtete sie sich auf und bedeckte ihren Mund mit ihrem Hut.

Sie ließ ihren Blick durch das Dorf schweifen und versuchte zu begreifen, was sie dort sah. Verkohltes Stroh, versengte Holzbalken und Möbelreste lagen verstreut auf dem Boden und den Wegen herum, genau wie die Dorfbewohner, Männer, Frauen und Kinder.

Niemand bewegte sich mehr.

Sie betrachtete verbrannte Körper. Vor nicht allzu langer Zeit waren diese Menschen ermordet worden. Auf der lehmigen Dorfstraße entdeckte sie Hufspuren, doch es war kein einziges Pferd mehr da und auch keine Schweine oder Hühner.

Gaira humpelte durch das brennende Dorf. Schließlich erreichte sie das äußerste Ende der Zerstörung und hielt vor der letzten Hütte an. Auch sie hatte man angezündet, aber das Feuer schwelte nur noch, und sie war nicht vollkommen zerstört.

In der Nähe der Eingangstür entdeckte sie die leblosen Körper eines Mannes und einer Frau. Der Mann war vollkommen verkohlt. Sein abgetrennter Kopf lag neben ihm auf dem Boden.

Dann betrachtete sie die Frau und erkannte sie sofort: Ihr flammenrotes Haar war nur leicht versengt, das graue Kleid war dreckverschmiert und voller Blut. Dann sah sie die zwei Schwerthiebe im Bauch.

Irvette!

Ihr wurde übel, alles drehte sich um sie. Auf einmal hörte sie einen schrillen, hohen Ton, der immer lauter wurde, bis sie schließlich merkte, dass sie selbst vor lauter Schmerz schrie.

Sie hielt inne, atmete ein paarmal ein und aus, um sich zu beruhigen, und dann hörte sie es: ein leises, verzweifeltes Weinen. Schnell humpelte sie zu der Hütte hinüber und sah sich hektisch um.

„Bei allen Wildschweinen und Nattern des Waldes!“, flüsterte sie. „Ein Glück – du lebst!“

2. KAPITEL

Schottland, an der Grenze zu England

Der Regen prasselte in einem nicht enden wollenden Schwall auf das Schlachtfeld hinab und verwandelte den Boden in eine Schlammlache.

Robert of Dent kämpfte verbissen. Sein Waffenrock war vollkommen durchnässt, sodass er ihm keinen Schutz vor dem Kettenhemd bot, das sich schmerzhaft in seine Haut bohrte. Dass ihm die Haare tropfnass über den Augen hingen und ihm die Sicht nahmen, machte nichts, da er in dem strömenden Regen ohnehin nicht viel erkennen konnte. Er sah seine Männer nicht mehr, wusste nicht, ob sie noch standen oder gefallen waren. Unermüdlich schwang er sein Schwert und schlug Angreifer nieder.

Blut spritzte durch die Luft. Es war überall: auf seinen Kleidern, in seinen Haaren, es rann ihm über Mund und Bart, lief ihm an den Armen hinab und über die Hände. Auch sein Schwert war blutverschmiert.

Den nächsten Angreifer sah er erst, als der schon mit seiner Axt nach ihm ausholte. Blitzschnell stieß er selbst zu und bohrte dem anderen die Klinge tief durch den Hals. Sie steckte fest, und er musste sie mit aller Kraft wieder herausziehen.

Kurz verlor er durch den Ruck das Gleichgewicht, doch er fing sich gerade rechtzeitig, um einen Axthieb eines neuen Angreifers abzuwehren. Die Wucht des Angriffs brachte ihn aus dem Gleichgewicht, er fiel auf die Knie. Schnell rollte er zur Seite, um dem Todesschlag seines Feindes auszuweichen. Die Axt des Schotten grub sich tief in den Schlamm. Noch in der Bewegung schlitzte Robert dem Mann über die Schienbeine, sodass dieser zu Boden ging. Robert stand auf und bohrte ihm die Klinge in die Brust.

Er spuckte den Schlamm und das Blut aus und bewegte sich weiter voran. Seine Stiefel rutschten auf dem glitschigen Boden, doch er wehrte seine Angreifer sicher ab.

Er dachte an nichts anderes als ans Kämpfen. Weder an Ruhm noch ans Überleben. Sein Kopf war vollkommen leer. Ohne nachzudenken, setzte er sein Schwert gegen die Feinde ein.

Wenn die Schlacht vorüber war, würde man die Verwundeten und die Toten wegtragen. Danach würden er und seine Soldaten essen, ein wenig schlafen, und dann ging es in den nächsten Kampf. Er kannte es nicht anders, das war sein Leben. Nie dachte er an sein früheres Leben zurück.

Robert schritt über das schlammige Schlachtfeld. Er hörte die Schmerzensschreie seiner verwundeten Männer. Doch noch schlimmer war es, wenn er nichts mehr von ihnen hörte.

Er schluckte seine Wut hinunter. Sie waren zu voreilig gewesen und hatten teuer dafür bezahlen müssen. Er war erschöpft, aber seine Männer waren viel schlimmer dran. Seit König Edward mehr Soldaten rekrutiert hatte, waren die blutigen Auseinandersetzungen mit den Schotten häufiger und hitziger geworden. Die Männer hatten kaum genug Zeit, um sich zwischen den Kämpfen richtig auszuruhen, und so musste er unerfahrene junge Burschen, die gar nicht auf ein Schlachtfeld gehörten, sterben sehen.

Er blickte auf. Hugh of Shoebury kam langsam auf ihn zu und führte ein Pferd am Zügel, das davongelaufen war. Hugh war kein erfahrener Anführer, er war noch zu jung. Er war blond und hatte blaue Augen, und seine Haut war so weiß, dass sie in der Sonne sofort rot wurde.

„Wie viele?“, fragte Robert, als Hugh bei ihm war.

„Zu viele, um sie zu zählen“, antwortete dieser und legte dem verängstigten Pferd beruhigend eine Hand auf die Flanke. „Was sind die nächsten Anweisungen?“

„Wir schlagen unser Lager auf und warten ab, welche Befehle König Edward schickt.“

„Wenigstens können wir uns ausruhen.“

Robert wandte seinen Blick vom Schlachtfeld ab und ging auf das Lager zu. „Hoffen wir, dass die Ruhepause eine Weile andauert. Wir haben mit zu vielen Problemen zu kämpfen in diesem Krieg.“

„Man kann nicht wirklich von Krieg sprechen“, wandte Hugh ein. „Balliol hat nicht genügend Männer, um sich gegen Edwards Truppen zu verteidigen.“

„Ich hielt es für sinnvoll, nach Balliols Krönung zum König von Schottland unsere nördlichen Grenzen zu sichern. Aber ich frage mich wirklich, warum eine bewaffnete Truppe in den Norden geschickt wurde.“

Hugh zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es auch nicht. Wir haben nur unsere Befehle ausgeführt. Der König kann ‚Black Robert‘ also nichts vorwerfen.“

Er überhörte absichtlich, dass Hugh ihn mit diesem Namen ansprach, denn er mochte es überhaupt nicht, so genannt zu werden, nicht einmal an guten Tagen. Und heute war ganz bestimmt kein guter Tag. Zu hoch waren die Verluste, die der Sieg sie gekostet hatte. „Wir werden mehrere Wochen brauchen, um uns von diesem Kampf zu erholen.“

„Ja, aber der König wird sehr zufrieden mit dem Ausgang des heutigen Tages sein. Sogar die Geschehnisse im Norden konnten ihn nicht bremsen.“

„Welche Geschehnisse im Norden?“

„Hast du nichts gehört? Hinter der Grenze, in einem Tal nordwestlich von Dumfries, liegt Doonhill, ein kleines Dorf. Sir Howe ist mit einer Hundertschaft von Männern dorthin geritten, als es so aussah, dass wir die Schlacht verlieren würden.“

„Howe hat seine Truppen wissentlich abgezogen, während noch gekämpft wurde?“ Robert beschleunigte seinen Schritt. „Das hätte uns den Sieg kosten können!“

„Ja, aber Sir Howe hat gesagt, dass sie sonst alle gestorben wären.“

Die Geschichte kam Robert bekannt vor. „Howe? Hatte er nicht auch das Kommando in Lockerbie und ist ebenfalls vorzeitig vom Schlachtfeld geflohen?“

„Genau der.“ Hugh hustete.

„Der Bastard hat es also erneut getan?“ Robert presste die Kiefer wütend aufeinander. „Was ist in Doonhill passiert?“

„Es war nur eine kleine Ortschaft. Aber anscheinend lebten dort viele Frauen.“

Hugh brauchte nichts weiter zu sagen. Robert wusste, dass es im Krieg trauriger Alltag war, zu plündern und Frauen zu schänden. Viele Männer waren sogar der Meinung, es stünde ihnen zu.

„Und wie hat der König darauf reagiert?“

„Er sagte, dass er Balliol eine Nachricht schickt, um die eventuellen Folgen zu besprechen.“

„Warum sollte er Konsequenzen befürchten? Alles, was er tun muss, ist, die Männer von Doonhill zu entschädigen, so wie immer.“

„Es gibt keine Männer mehr, Robert, und auch keine Frauen oder Kinder, denen er Geld geben könnte.“ Hugh sprach jetzt langsam und eindringlich. „Unsere Männer haben das gesamte Dorf in Schutt und Asche gelegt.“

Robert wurde von glühendem Zorn gepackt. Er konnte nicht glauben, was er da hörte. „Wie ist das möglich?“

„Das bringt so ein Krieg wohl mit sich.“ Hughs Schlachtross zerrte ungeduldig am Zügel. „Aber jetzt musst du mich entschuldigen, denn ich muss dieses Pferd zum Lager bringen.“

Robert hatte schon lange damit aufgehört, die Vergangenheit ändern zu wollen. Das Dorf war zerstört, seine Bewohner waren tot, und das konnte durch nichts rückgängig gemacht werden. Also schob er die unangenehmen Gedanken beiseite und klopfte Hugh freundschaftlich auf den Rücken. „Ich komme gleich nach. Ich merke erst jetzt, wie hungrig und müde ich bin.“

Robert ritt den Hügel hinauf. Hugh war nicht damit einverstanden gewesen, dass er allein in feindliches Gebiet reiten wollte. Doch als er die Kuppe erreichte und auf das Tal blickte, wurde das alles vollkommen bedeutungslos.

Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu, aber selbst die aufkommende Dunkelheit konnte das Ausmaß der Zerstörung nicht verbergen. Es war weit schlimmer, als er befürchtet hatte. Howe musste für diese Gräueltat bezahlen, dafür würde er sorgen.

Er stieg ab, band die Zügel seines Pferds an einen Ast und lief den steilen Abhang ins Tal hinunter. Leichengeruch und beißender Rauch stiegen ihm scharf in die Nase. Er atmete durch den Mund und sah sich um. Er konnte keinen einzigen Toten sehen, obwohl er sie riechen konnte. Immer schneller rannte er durch das zerstörte Dorf.

In der Nähe eines kleinen Sees sah er ein Stück frisch umgegrabener Erde. Dort mussten die Gemüsebeete sein. Der Gestank war jetzt so durchdringend, dass er am liebsten die Luft angehalten hätte.

Er sah frisch ausgehobene, flache Gräber neben Reihen von verbrannten Beeten. Und dann entdeckte er die Leichen, die dicht beieinander auf dem Boden lagen. Auf der Erde zwischen den Toten und dem Garten sah man eine lange Schleifspur. Jemand hatte sie also zu ihrer letzten Ruhestätte gezogen.

Und das bedeutete, dass es Überlebende geben musste. Er entdeckte auch Fußspuren. Sie schienen alle von derselben Person zu stammen, und es sah so aus, als würde diese Person einen Fuß hinterherziehen. Er horchte, doch alles war vollkommen still.

War es nur einer, der versuchte, die Toten zu begraben?

Da er nun wusste, dass er nicht allein war, legte er die Hand auf den Griff seines Schwertes, bereit, es blitzschnell zu ziehen. Und dann hörte er es: ein kurzes lautes Kratzen, das aus einer der niedergebrannten Hütten kam.

Er wollte sichergehen, dass der andere ihn auch hörte, also ging er näher an das Haus heran. „Ich komme in Frieden!“, rief er zunächst auf Englisch und dann noch einmal auf Gälisch. „Ich tue Euch nichts.“

Wieder hörte er das Kratzen. Es war definitiv jemand in der Hütte.

„Ich möchte Euch helfen.“ Er versuchte, so überzeugend wie möglich zu klingen. Die Person in dem Haus hatte sicher keinen Funken Gastfreundschaft für einen Engländer übrig.

Er ging auf die geöffnete Tür zu. Er hätte es vorgezogen, wenn der Mensch in der Hütte herauskäme, doch vielleicht war er verletzt und brauchte Hilfe.

Vorsichtig betrat er die Hütte. Ein paar spärliche Strahlen Mondlicht fielen durch das zerfallene Dach. Der Innenraum war quadratisch und klein. Dennoch konnte er kaum etwas erkennen. Und so schaffte er es nicht mehr rechtzeitig, dem Eisenkessel auszuweichen, der fest gegen seinen Kopf geschwungen wurde. Dann wurde es schwarz um ihn herum.

3. KAPITEL

Katzenschwanz und Mäusezahn! Ich habe ihn umgebracht!“

Gaira hielt den Kessel noch immer in der Hand, als sie sich neben den Mann kniete. Ganz langsam führte sie ihm eine Hand vor den Mund. Sie fühlte seinen warmen Atem auf dem Handrücken. Gott sei Dank! Er lebte.

Erleichtert atmete sie aus. Ihr war schwindlig, und sie schloss die Augen. Als sie sich besser fühlte, sah sie sich den Mann genauer an.

Er war groß, nicht größer als ein Schotte, aber kräftiger. Seine Kleidung wies darauf hin, dass er Engländer war. Und er hatte Englisch gesprochen. Im Mondlicht konnte sie seine Gesichtszüge nicht erkennen, doch sie sah, dass sein Haar lang und zerzaust war, ebenso wie sein Bart, was sie verwunderte, denn die meisten Engländer waren glatt rasiert.

Dieser Mann trug einen Bart wie ein armer Leibeigener, der nicht einmal einen Kamm besaß.

Sie strich ihm über die Brust, um zu erkunden, ob er dort verletzt war. Sein Körper unter der Tunika war fest und unnachgiebig. Unnachgiebig? Ein seltsames Wort, um einen Körper zu beschreiben.

Nun ließ sie die Hände tiefer gleiten. Plötzlich wurden sie feucht und begannen zu prickeln, und sie hielt rasch inne. Sie wollte ihn weiter untersuchen, doch mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie ihn nicht länger nach Verletzungen untersuchte.

Was war nur mit ihr los? Sie hatte drei ältere Brüder. Und dieser Mann unterschied sich kein bisschen von ihnen. Dennoch fühlte er sich anders an! Sie schob den Gedanken ärgerlich beiseite. Sei nicht so dumm! Ihre Hände prickelten gewiss nur, weil sie Angst hatte, dass er aufwachte. Ja. Das musste es sein!

Sie zwang ihre Hände dazu, ihr zu gehorchen, und tastete seinen Kopf ab. Hatte sich sein Atem verändert? Nein. Seine Augen waren noch immer geschlossen. Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen. Anscheinend war der Engländer nicht verletzt – aber möglicherweise bewaffnet? Oft trugen Männer einen Dolch im Stiefel. Während sie langsam an seinen muskulösen Beinen hinabfuhr, hielt sie den Atem an. Als sie an einem seiner Stiefel ankam, fühlte sie tatsächlich den harten Griff eines Dolches. Sie zog ihn heraus. Er lag schwer in ihrer Hand, und sie fühlte die kunstvollen Ornamente auf seinem Griff.

Ein Bauer ist er wohl nicht. Sie legte den Dolch beiseite und setzte ihre Erkundungen fort. Diesmal glitt sie an seinen kräftigen Armen hinab und zu seiner Hüfte. Sie zuckte zurück, als sie den kühlen Stahl eines Schwertes unter ihrer Hand spürte.

Du Lügner! In Frieden! Dass ich nicht lache! Doch nicht mit blankem Schwert!

Mit zitternden Fingern löste sie seine Hand von Griff der Waffe. Das Breitschwert war so schwer, dass sie es kaum halten konnte. Sie lehnte es gegen die Wand. Dann griff sie nach dem Strick, den sie um ihre Hüften gebunden hatte. Er war nicht lang genug, um sowohl seine Hände als auch seine Füße zu fesseln. Doch sie machte sich vor allem Sorgen um die Gefahr, die von seinen Händen ausgehen konnte.

Ihr Herz klopfte schnell und heftig. Sowohl sein muskulöser Körper als auch die Tatsache, dass er Englisch und Gälisch sprach, waren Anzeichen dafür, dass er Soldat war. Es würde nicht einfach sein, ihn außer Gefecht zu setzen.

Er würde zweifellos nicht sehr gut gelaunt sein, wenn er erwachte. Doch sie hatte keine andere Wahl. Sie hatte ihn schließlich nicht in die Hütte gebeten. Es war nicht ihre Schuld, dass der verdammte Kerl hereingekommen war. Sie hatte ihm den Eisenkessel auf den Kopf schlagen müssen, um sich zu schützen.

Aber was sollte sie jetzt tun? Er würde bald aufwachen. Zwar war er Engländer, doch sie wusste nicht, ob er einer der Männer war, die das Dorf niedergebrannt hatten. Sie konnte kein Risiko eingehen. Schließlich stand nicht nur ihr eigenes Leben auf dem Spiel.

Denk nach, Gaira, denk! Wenigstens hatte sie seine Waffen. Damit hatte sie ihn unter Kontrolle. Schnell zog sie den letzten Knoten zu und kroch dann zurück in die Dunkelheit.

„Was meinst du damit, sie ist nicht bei ihrem Bruder?“ Busby of Ayrshire spuckte aus. Der Speichel landete direkt auf der Schuhspitze seines Boten.

„Sie … ist nicht auf den Ländereien des Colquhoun Clans, mein Laird“, stieß der Bote stotternd hervor. „Ihre Brüder waren äußerst überrascht über meine Ankunft.“

Busby wischte seine dicken Finger an seiner braunen Tunika ab. Das Einzige, was ihn an dieser Nachricht erfreute, war, dass der Bote vor Angst zitterte. Es gefiel ihm, wenn die Leute ihn fürchteten.

„Hast du diesem Hurensohn Bram erklärt, dass unser Handel platzt, wenn er seine Schwester nicht innerhalb einer Woche wieder bei mir abliefert?“

„Ja. Wir haben sogar die Burg durchsucht.“

Busby trat einen Schritt vor. „Hast du ihm gesagt, dass ich für diese Unannehmlichkeiten noch einmal fünf Schafe verlange? Und dass ich die Frau gar nicht erst genommen hätte, wenn ich gewusst hätte, dass sie mir so viel Ärger bereitet? Und dass sie gerne Krieg zwischen unseren Clans haben können, wenn sie es so wollen?“

„Aye, mein Laird. Ich habe es ihnen genau so gesagt. Aber es gab tatsächlich kein Anzeichen von der Frau.“

Das Weib war nun schon seit mehreren Tagen verschwunden. Zunächst hatte er gewartet, dass sein Bote zurückkehrte, und gehofft, dass er entweder sie oder wenigstens eine brauchbare Nachricht dabeihatte. Da das nicht der Fall war, stieg Zorn in ihm auf.

„Berichte mir genau, was sie geantwortet haben“, befahl Busby.

Der Bote trat von einem Fuß auf den anderen und machte dabei kaum merklich einen Schritt nach hinten. „Sie waren nicht sehr erfreut.“

„Was soll das heißen?“, knurrte Busby.

Der Bote wich jetzt einen weiteren Schritt zurück.

„Sie waren sehr verärgert. Ich … äh … ich hatte Angst um mein Leben. Sie sagten, dass es Eure Schuld wäre, wenn ihrer Schwester etwas passiert.“

„Was?“, brüllte Busby und packte den Boten an der Kehle.

Der Mann brachte nur einen heiseren Ton hervor, sodass Busby den Griff lockerte. „Sie haben gesagt, sie würden das Gebiet bis zum Land der Campbells absuchen, und dass Ihr in Richtung Süden gehen sollt.“

Er ließ den Mann los, der nach hinten stolperte. „Richtung Süden? Warum?“

„Ihre Schwester lebt dort, in Doonhill“, keuchte der Bote.

„Das liegt viele Tagesritte südlich von hier! Sattle ein Pferd. Ich will nicht noch mehr Zeit verlieren.“

Busby zitterte vor Wut. Und die würde diese undankbare Weibsperson zu spüren bekommen, sobald er sie aufgespürt hatte!

Robert wachte auf und spürte einen stechenden Schmerz an der Schläfe. Er öffnete die Augen und versuchte, sich aufzusetzen.

„Eine falsche Bewegung, Engländer, und dieser Dolch landet in deinen Weichteilen.“

Er hielt inne. Die Stimme kam aus der anderen Ecke der Hütte. Eine Frau trat auf ihn zu.

Im Mondlicht sah er, dass sie eine Tunika und Beinlinge trug, die ihr viel zu groß waren, obwohl sie hochgewachsen und schlank war. Ihr geflochtenes Haar fiel ihr in mehreren Zöpfen über die Brust. Sie stand breitbeinig da und hielt drohend einen Dolch auf ihn gerichtet. Er sah ihn sich genauer an. Es war sein Dolch!

„Ihr habt einen Kessel nach mir geworfen“, sagte er in anklagendem Ton auf Gälisch.

„Ich würde eher sagen, ich habe ihn Euch übergezogen. Schließlich hättet Ihr die Absicht haben können, mich zu töten. Immerhin habe ich ein Schwert und einen Dolch bei Euch gefunden.“

Er bewegte vorsichtig die Arme und spürte, dass seine Hände gefesselt waren. Doch seine Beine waren frei, sodass er sich hinsetzen konnte. Die Frau umklammerte den Dolch fester, und er verlangsamte seine Bewegungen. In all den Schlachten, die er bestritten hatte, hatte er die Erfahrung gemacht, dass panische Menschen mindestens ebenso gefährlich waren wie wütende. Und die schmerzende Stelle an seinem Kopf, wo ihn der Eisenkessel getroffen hatte, verriet ihm, dass sie beides war.

„Es war dunkel im Haus. Es wäre nicht sehr klug gewesen, unbewaffnet hineinzugehen.“

„Und das soll ich glauben?“, fragte sie spöttisch.

Das Gespräch verlief nicht besonders gut.

Sie war eine wütende schottische Frau. Und er war ein Engländer in einem schottischen Dorf, das von seinen Landsleuten in Schutt und Asche gelegt worden war. Sie bedrohte ihn mit einem Dolch, und er war gefesselt. Es sah nicht sehr gut für ihn aus.

Soweit er es abschätzen konnte, war niemand außer ihr und ihm da, und sie konnte ihn nicht ewig hier auf dem Boden festhalten. Er fragte sich, wie sie überlebt hatte.

„Ich möchte Euch keinen Schaden zufügen“, sprach er auf Gälisch weiter. „Warum seid Ihr hier?“

„Diese Frage sollte ich Euch stellen!“

„Ich bin nur ein Reisender.“

„Und ein Engländer, obwohl Ihr so stümperhaft versucht, unsere Sprache zu sprechen.“ Dann sprach sie auf Englisch weiter: „Wie lautet Euer Name?“

Sie sprach absolut akzentfrei, so wie die Leute am Hof. Sie war definitiv keine einfache Dorfbewohnerin. „Man nennt mich Robert of Dent. Und ich glaube nicht, dass es ein Verbrechen ist, Engländer zu sein.“

„Doch, das ist es, denn meine Verwandten wurden hier in diesem Dorf von Engländern ermordet.“

Sie hielt den Dolch weiter auf ihn gerichtet. Seine Hände waren noch immer gefesselt, aber er hatte schon begonnen, den Strick zu lösen. „Ich bin erst heute hergekommen. Ich habe nichts damit zu tun. Wer seid Ihr? Wie heißt Ihr?“

Sie reagierte nicht auf seine Frage. „Woher soll ich wissen, dass Ihr keine Schuld an ihrem Tod tragt?“

„Ihr seid also nicht aus diesem Dorf?“

Sogar in dem spärlichen Licht konnte er erkennen, wie sie erst vollkommen blass und dann rot vor Wut wurde. „Natürlich nicht, du dreckiger Pottwal! Wie kann ich ein Dorfbewohner sein? Ich bin schließlich noch am Leben!“ Sie hielt inne. Als sie weitersprach, liefen ihr die Tränen über die Wangen. „Ihr müsst doch gesehen haben, was mit den Menschen hier passiert ist.“

Er verstand nicht. „Ihr seid also entkommen?“

„Nein, ich war auch auf der Reise.“

Seine Hände waren jetzt frei. „Ihr seid aber nicht einfach nur eine Durchreisende. Ihr sagtet, Ihr hättet Verwandte hier. Sind sie tot?“

Sie erschauerte bei seiner Frage. „Ihr seid also zufällig hier vorbeigeritten?“, fragte sie.

Sie hatte ihm nicht geantwortet. Aber angesichts der Umstände war es verständlich, dass sie ihm misstraute.

„Ja“, log er sie an.

„Hah! Mit blankem Schwert und einem so feinen Dolch! Soll ich Euch das wirklich glauben?“

Er wusste, dass er nicht so einfach aus der Sache herauskommen würde. „Bitte …“

Plötzlich waren Schritte zu hören.

„Tante Gaira, oben auf dem Hügel steht ein Pferd. Tante Gaira, ist alles in Ordnung? Ich wollte dich warnen.“

Die Frau blickte zur Tür. Auf diesen Moment hatte er gewartet. Er ließ den Strick zu Boden fallen, sprang auf die Füße und schnappte sich den Jungen, der in die Hütte hineingelaufen kam.

„Lasst ihn sofort los!“, schrie sie. „Er hat Euch nichts getan! Hört Ihr?“

Der Junge fing an, wild um sich zu treten und sich heftig zu wehren. Robert stöhnte vor Schmerz auf, als er mit seinen kleinen Zähnen zubiss. Er schob den Knaben mit einem Ruck weg und hielt ihn mit ausgestreckten Armen vor sich. „Ich habe hier etwas, das Euch gehört.“

„Er ist unschuldig!“

„Vielleicht. Aber wir dürften jetzt quitt sein. Ihr habt meinen Dolch, ich hingegen habe Euren Jungen. Ich denke, Ihr werft den Dolch jetzt besser auf den Boden.“

Die Frau sah ihn herausfordernd an. Er machte sich bereit, sofort zur Seite zu springen, wenn sie den Dolch nach ihm warf. Er wollte auf keinen Fall, dass der Junge verletzt wurde.

Sie warf ihm den Dolch vor die Füße. „Ihr könnt mit mir tun, was Ihr wollt. Aber ich flehe Euch an, lasst den Jungen in Frieden! Er hat schon genug durchgemacht.“

Er hob den Dolch auf. Der Junge rannte zu der Frau und warf sich ihr in die Arme. Er hörte, wie sie erleichtert aufatmete.

„Kann der Junge gehen, bevor wir anfangen?“, fragte sie.

In ihrer Stimme schwang Unbehagen mit. Sie klang so anders als noch zuvor, und zunächst verstand er nicht, was sie meinte. Doch mit einem Mal dämmerte es ihm. Sie dachte, dass er ihr Gewalt antun wollte! Welche abscheulichen Dinge hatte sie wohl mit ansehen müssen?

Zwei Tage waren seit dem Angriff auf das Dorf vergangen. Der faulige Geruch, der in der Luft hing, verriet ihm, dass viele der Leute an Schwertwunden gestorben war. Doch die meisten von ihnen waren verbrannt. Sie war schon länger hier als er und hatte den ganzen Schrecken gesehen.

„Ich werde weder Euch noch dem Jungen etwas antun. Ich mag zwar Engländer sein, aber als ich rief, dass ich in Frieden komme, habe ich die Wahrheit gesagt.“

„Euer Frieden kann uns auch nicht mehr helfen.“

Mit einem Mal fühlte er sich schuldig. Er mochte dieses Gefühl ganz und gar nicht, ebenso wenig wie den plötzlichen Drang, sie zu beschützen. Sie wirkte so verletzlich, wie sie da stand, die Arme um das Kind geschlungen. Und doch hatte sie ihn herausgefordert. Sie war mutig, aber im Mondlicht konnte er erkennen, wie erschöpft sie war, und er hörte die tiefe Trauer in ihrer Stimme, wenn sie sprach.

Er senkte den Blick. Sie trug einen Verband am Knöchel. Es waren also ihre Fußspuren gewesen, die er bei den Gräbern entdeckt hatte. Nur ihre!

„Ich bin an Eurem … Garten vorbeigekommen. Richtet Ihr die Beete für das Frühjahr her?“

Sie ging in die Hocke und versuchte, den Jungen umzudrehen, damit er sie ansah. „Alec, geh bitte hoch zum Lager.“

Der Junge wandte sich ihm ruckartig zu und warf ihm einen misstrauischen Blick zu. „Ich will nicht.“

„Alec, du hörst mir jetzt zu. Du weißt, dass ich dir verboten habe, ins Tal herunterzukommen. Du hast mir nicht gehorcht. Aber ich werde dich nicht bestrafen, wenn du jetzt gehst.“

Der Junge bewegte sich nicht von der Stelle.

Sie versuchte es in sanfterem Ton. „Alec, wenn du jetzt gehst, dann gebe ich dir später meine letzte Honigwabe.“

Der Junge sah sie an und verzog missmutig das Gesicht. Sie nickte ihm auffordernd zu, und er drehte sich um und rannte hinaus.

Als der Knabe draußen war, richtete die Frau sich langsam auf.

„Süßes funktioniert immer. Ach, wie gern wäre ich auch noch mal fünf!“, sagte sie leicht wehmütig. Dann lächelte sie und faltete die Hände. „Ich fürchte, dass es ein Missverständnis zwischen uns gegeben hat. Ich bin Gaira vom Clan der Colquhoun.“

Er fragte sich, wo ihre Wut und ihre Kampfbereitschaft geblieben waren. Sie wirkte mit einem Mal völlig verändert, und er wurde misstrauisch. „Warum verhaltet Ihr Euch mit einem Mal so?“

„Ihr mögt zwar Engländer sein, aber Ihr seid nicht wie die Männer, die Doonhill niedergebrannt haben.“

Diese Frau war ihm ein Rätsel. „Das stimmt. Doch woher wisst Ihr das plötzlich?“

„Garten?“, sagte sie und sah ihn erwartungsvoll an.

Nun war er völlig verwirrt. Wollte sie mit ihm über Pflanzen sprechen?

„Ihr habt nicht gefragt, ob ich die Toten begraben habe, sondern Ihr habt gefragt, ob ich den Garten herrichte. Und ein Mann, der bemüht ist, die Gefühle eines Kindes nicht zu verletzen, kann keine von diesen Bestien sein, die dieses Dorf zerstört und seine Bewohner getötet haben.“

Sie drehte sich um und bückte sich. Die weite Tunika rutschte nach oben, und er sah ihre Rückseite in den engen Beinlingen. Welch verführerischer Anblick!

Plötzlich konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen. Er wusste, dass das Mondlicht ihm einen Streich spielte und seine Fantasie anfachte. Sofort stellte er sich lebhaft vor, wie diese Kurven wohl nackt … Am liebsten hätte er … Schluss!

Er war so lange mit keiner Frau zusammen gewesen und kein einziges Mal in Versuchung gekommen, obwohl zahlreiche Frauen ihn zu verführen versucht hatten, indem sie ihm ihre Brüste gezeigt oder sich verführerisch über die Lippen geleckt hatten. Es hatte nie etwas anderes in ihm ausgelöst als Ärger. Doch beim Anblick dieser Rundungen fuhr ihm mit einem Mal die Hitze in die Lenden. Ihm wurde ganz heiß, und er zwang sich dazu, seine Aufmerksamkeit dem Gegenstand zuzuwenden, den sie in der Hand hielt.

Es war ein Schwert, und seine Spitze zeigte auf ihn.

„Ich danke Euch“, sagte sie nun in höflichem Ton. „Ich habe versucht, Alec vor der grausamen Wahrheit zu bewahren.“

Sie räusperte sich und schwieg. Offensichtlich erwartete sie eine Antwort.

Es war nicht irgendein Schwert. Es war sein Schwert. Die Lust, die er gerade noch gespürt hatte, ließ nach, und plötzlich kam er sich lächerlich vor. Das Schwert wackelte leicht. Es wäre so einfach, es ihr abzunehmen. Sie konnte kaum das Gleichgewicht halten, es war viel zu schwer für sie. Sie stellte keine Bedrohung für ihn dar.

Er hingegen war eine echte Bedrohung für sie. „Was tut Ihr da?“

„Ich halte eine Waffe auf Euch, das tue ich.“

„Ich dachte, Ihr hattet gesagt, dass ich keine Bestie bin.“

„Aye. Ich habe gesagt, Ihr seid keiner von den Bestien, die das Dorf niedergebrannt haben. Aber Ihr seid trotzdem Engländer, und deswegen kann ich Euch nicht trauen.“ Sie nickte ihm zu. „Schiebt den Strick und den Dolch mit dem Fuß zu mir.“

Er konzentrierte sich ganz auf seine Bewegungen und nicht auf seine Gedanken über ihr Aussehen. Ganz langsam schob er die Gegenstände zu ihr hinüber.

„Aber dieses Mal bin ich wach, und Ihr seid ganz allein“, sagte er. „Warum sollte ich stillhalten, damit Ihr mich wieder fesseln könnt?“

Sie sah ihm fest in die Augen. „Um mir zu beweisen, dass Ihr keine dieser Bestien seid.“

Er dachte nach. Er wusste, dass eine Frau und ein Junge hier waren. Er wusste nicht, ob es noch weitere Überlebende gab.

„Und mein Schwert?“

„Das behalte ich. Genau wie Euren Dolch.“

Er schluckte seine Bemerkung herunter. Sie war zwar eine feindliche Schottin, aber sie war eine Frau, und sie hatte Alec, den sie beschützen musste. Sie war ohnehin schon in einer schwierigen Lage, auch ohne dass er ihr noch mehr Angst einjagte. Doch er brauchte Antworten von ihr, und sie würde nicht mit ihm reden, solange er eine Bedrohung für sie darstellte. Er hielt ihr die Hände hin.

Sie schüttelte den Kopf. „Hinter den Rücken. Und dann dreht Euch um.“

„Ich muss mich irgendwann auch erleichtern.“

Er merkte, wie sie seine Worte innerlich abwog. Dann nickte sie und ließ das Schwert zu Boden sinken.

„Ihr seid zwar Engländer, aber Ihr habt recht.“ Langsam kam sie auf ihn zu.

Er hielt still und ließ sich von ihr die Hände zusammenbinden. „Recht? Womit?“

Sie schlang ihm den Strick um die Handgelenke, diesmal machte sie mehr Schlaufen als beim ersten Mal und knotete ihn auch fester zusammen. Er hatte allerdings ein wenig Platz zwischen seinen Händen gelassen, sodass er sich später befreien konnte. Das hatte sie im schwachen Licht nicht bemerkt.

„Ich habe die Toten begraben“, sagte sie und trat zurück. „Aber nur nachts. Mit meinem Knöchel komme ich auch nicht sehr schnell voran.“

Er drehte sich um und sah, wie sie sein Schwert und seinen Dolch aufhob. Auch diesmal hatte er eine gute Sicht auf ihre gerundete Kehrseite und die langen, wohlgeformten Beine.

„Warum nachts?“ Er räusperte sich, denn seine Stimme klang mit einem Mal ganz heiser.

„Damit keiner merkt, was ich tue“, antwortete sie.

Er dachte daran, dass der Junge doch bestimmt an den Gräbern vorbeigekommen war. Er war zwar noch klein, dennoch musste ihm klar sein, was sie dort tat. „Da liegen noch viele Tote, die begraben werden müssen.“

„Aye. Der Gestank ist mittlerweile so stark, dass ich es kaum noch aushalten kann.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Aber ich werde Doonhill erst verlassen, wenn ich fertig bin.“

Er versuchte, ihre Worte nicht an sich herankommen zu lassen. Er war hierhergeritten, um sich ein Bild über das Massaker zu machen und König Edward Bericht zu erstatten. Nicht um dieser Frau dabei zu helfen, ihre Verwandten zu beerdigen.

Sie zeigte auf die Tür, und er trat aus der Hütte hinaus. Sie folgte ihm in einigem Abstand mit seinem Schwert. Sie hatte es sich auf die Schulter gelegt, damit sie das Gewicht stemmen konnte. Es war so scharf geschliffen, dass es ihren Hals leicht durchschneiden konnte, und mit ihrem verletzten Knöchel war sie etwas unsicher auf den Beinen.

„Bitte, steckt es in die Schwertscheide an meinem Gürtel“, bot er an.

„Er passt nicht um meine Hüften.“

Er blieb stehen. „Ihr müsst es nicht an der Hüfte tragen. Aber bitte steckt es weg; sonst verletzt Ihr Euch womöglich noch!“

Sie sah ihn verwundert ab, doch sie tat, was er gesagt hatte. Nachdem sie das Schwert in dem Futteral wieder auf die Schulter gelegt hatte, liefen sie weiter.

Er verstand selbst nicht, warum er ihren Hals hatte retten wollen. „Euer Name ist also Gaira?“

Sie erstarrte. „Warum fragt Ihr?“

„Ich dachte, Gaira bedeutet …“

„Klein“, unterbrach sie ihn. Ihre Anspannung ließ nach. „Das stimmt. Ich glaube, meine Mutter hatte die Hoffnung, dass ich vielleicht nicht so hoch gewachsen wie meine Brüder werden würde.“

Sie hatte also Brüder. Hatte sie sie hier beerdigt, oder waren sie in der Nähe? Er hatte keinerlei Absichten, von ein paar Schotten aufgeknüpft zu werden.

„Ist der Junge jetzt in Sicherheit?“, wechselte er das Thema.

„Aye. Unser Lager liegt auf dem Hügel in einem Wäldchen. Er wartet dort, bis ich zurückkomme. Er wird sich nicht trauen, noch einmal ungehorsam zu sein.“ Sie hielt an und zuckte mit den Schultern. „Oder er ist zu sehr damit beschäftigt, Honig zu naschen. Habt Ihr auch ein Lager hier?“

„Nein, ich bin gerade erst eingetroffen.“

„Kommen noch mehr Engländer?“

„Hättet Ihr das nicht besser fragen sollen, bevor Ihr mich gefesselt in Euer Lager bringt?“

Sie lachte, aber es klang ein wenig panisch.

Er fragte sich erneut, warum er bisher so ruhig mitgespielt hatte. Doch nun stieg leichte Besorgnis in ihm auf.

Sie hatte nicht erwähnt, ob außer ihr noch andere Leute in dem Lager waren. Er war sich ziemlich sicher, dass sie allein war. Außer ihren Fußspuren hatte er keine weiteren gesehen, doch das musste nichts bedeuten.

Gegen eine einzelne Schottin konnte er sich verteidigen. Aber er wusste nicht, was passieren würde, wenn sich dort weitere Menschen aufhielten. Er wollte nicht noch mehr Blut vergießen. Sie hatte ihn zwar gefesselt und ihm sein Schwert abgenommen, das bedeutete jedoch nicht, dass er sich nicht zur Wehr setzen konnte. Es sei denn, die Übermacht wäre zu groß. „Verzeiht bitte, aber ich fürchte …“

„Ihr braucht Euch nicht zu fürchten. Ich werde Euch schon nicht beißen. Dafür seid Ihr viel zu haarig.“

Er kniff verwundert die Augen zusammen, denn er verstand zunächst nicht, was sie meinte. Doch dann fiel ihm wieder ein, dass sein Bart und seine Haare wild wucherten.

Haarig. Der Ausdruck reizte ihn zum Lachen.

4. KAPITEL

Gaira blickte nach hinten und sah, dass der Fremde ihr ruhig folgte. Nein, ruhig war er nicht. Er wirkte nachdenklich und düster. So tief und dunkel wie der Grund eines wilden Flusses. Ja, dieser Mann hatte ebenso viel Kraft wie ein schottischer Gebirgsfluss. Und dieser Gedanke machte sie unruhig.

Er hatte kein Wort gesagt, seit er sein Pferd zurückgeholt hatte. Mit dem riesigen Tier am Zügel lief er hinter ihr her. Sie hatte zwar seinen Dolch und das Schwert, doch am Sattelknauf war ein noch größeres Schwert befestigt. Außerdem führte er einige Decken und zwei Beutel mit sich. Einer davon schien voller Münzen zu sein. Jedenfalls hatte sie das aus dem klimpernden Geräusch geschlossen. Er schwieg, doch sie konnte seine Gedanken beinahe fühlen, und sie versuchte, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen.

Sie hatte einen Fremden in ihr Lager geholt. Einen englischen Soldaten, der ein blankes Schwert bei sich getragen hatte und der noch haufenweise andere Waffen dabeihatte. Doch ihr blieb keine andere Wahl, als ihn mitzunehmen.

Wenn er ihr wirklich etwas antun wollte, dann musste er ihr lediglich zum Lager folgen und warten, bis sie einen Moment unaufmerksam war. Daher würde es das Beste sein, ihn nicht aus den Augen zu lassen und ihm die Fesseln nicht abzunehmen. Doch sie war nicht dumm. Zunächst musste sie etwas klarstellen.

Sie wirbelte herum und blickte ihm direkt ins Gesicht. Er hielt abrupt an und schaute sie erwartungsvoll an.

Robert sah, wie die Frau ihn wütend anstarrte. In kürzester Zeit hatte er bereits die unterschiedlichsten Gefühle in ihrem Gesicht gelesen: Mut, Angst, Freundlichkeit, Zuneigung, Humor. Jetzt schienen unzählige Gefühle auf einmal auf sie einzustürmen. Doch ihre Miene verriet vor allem Entschlossenheit. Sie wollte ihm eindeutig etwas sagen und suchte nach den richtigen Worten. Gespannt fragte er sich, was es wohl sein mochte. Schon lange hatte es niemand mehr geschafft, seine Neugier zu wecken.

Dann sah er sie.

Hinter ihr erblickte er ein provisorisches Lager. Unter einem dampfenden Kessel brannte ein helles Feuer. Außerdem war Vollmond, sodass es ausreichend Licht gab, um alles deutlich zu erkennen.

„Wer sind sie?“

Ihre Augen, die eben noch so lebhaft und voller Gefühle gewesen waren, wurden plötzlich leer. Sie machte keine Bewegung, spannte dann aber kaum merklich die Schultern an und hob den Kopf. „Ihr werdet ihnen nichts tun, verstanden?“ Sie sprach ganz leise. „Wenn ihr es versucht, dann werde ich Euch noch viel mehr abnehmen als nur Euer Schwert.“

„Wer sind sie?“, wiederholte er.

Sie antwortete nicht, sondern blickte ihm unverwandt in die Augen.

Er ging an Gaira vorbei, direkt auf die vier Kinder zu, die von den Bäumen geklettert waren. Sie postierten sich in einer Reihe wie Soldaten. Gaira lief zu ihnen und stellte sich hinter das größte Mädchen und flüsterte etwas. Dabei beobachtete sie ihn ununterbrochen.

„Kinder, das ist Robert of Dent, er ist Engländer.“ Sie straffte sich und sprach lauter. „Ich glaube nicht, dass er eine Gefahr für uns ist, also habe ich ihn für diese Nacht zu uns ins Lager eingeladen.“

Er spürte, wie ihr Misstrauen zu Angst wurde. Doch sie sagten noch immer keinen einzigen Ton und blieben einfach stehen.

Sie legte dem Mädchen eine Hand auf die Schulter und zeigte dabei kurz auf den Jungen, der links neben ihr stand und genauso groß wie das Mädchen war.

„Das sind Flora und Creighton. Sie sind neun und Zwillinge.“

Flora und Creighton hatten das gleiche braune Haar, und ihre Augen waren hellblau. Doch sosehr sie sich auch ähnelten, ihr Verhalten ihm gegenüber konnte unterschiedlicher gar nicht sein. Flora hielt den Blick starr nach unten gerichtet, ihre Lippen bebten. Creighton starrte ihn voller Wut an und hatte beide Hände zu Fäusten geballt.

Gaira trat zur Seite und streichelte kurz über das störrische, zerzauste Haar des kleineren Jungen. „Alec habt Ihr bereits kennengelernt.“ Alec lächelte, offenbar freute er sich darüber, ihm vorgestellt zu werden.

„Das ist Maisie.“ Gaira zeigte auf das kleine Mädchen an Alecs Hand. „Sie ist noch keine zwei Jahre alt, aber sie spricht schon ein wenig.“

Maisies Haar war hellblond, sie hatte runde tiefgrüne Augen und blickte ihn neugierig an. Er konnte sonst nicht viel von ihrem Gesicht erkennen, da sie ihre freie Hand im Mund hatte.

Er zwang sich dazu zu sprechen. „Sind das Eure?“

„Aye.“ Sie schob ihr Kinn vor.

Die Kinder sahen sich in keiner Weise ähnlich. Und sie ähnelten auch nicht der Frau, die da vor ihm stand. Er ließ den Blick durch das Lager wandern. Es bestand nur aus zwei Decken, die an Bäumen festgebunden waren. Das notdürftige Zelt bot kaum Schutz, sie würden niemals alle hineinpassen. Sie hatten auch nur ein einziges Pferd und lediglich eine Satteltasche.

Die Frau war ganz sicher nicht die Mutter dieser Kinder. Vielleicht war sie nicht einmal mit ihnen verwandt. Er wusste nicht, wer sie war oder ob sie überhaupt dem Clan der Colquhoun angehörte. Aber sie kümmerte sich um vier Kinder, die das Massaker überlebt hatten. Allein.

Und in der Nacht begrub sie die verwesenden Leichen ihrer Eltern. Allein.

Es sah so aus, als gäbe es niemanden, der sie beschützte, während in der Nähe einer der blutigsten Kriege tobte, den er je erlebt hatte.

Sie sah ihn mit herausforderndem Blick an. Ihr Haar löste sich an einigen Stellen aus der Flechtfrisur mit den vielen Zöpfen. Im Licht des Lagerfeuers konnte er sehen, wie groß ihre Tunika war. Das war kein Kleidungsstück einer Frau, sondern das eines Mannes. Warum trug sie Männerkleidung? Hatte sie sie bereits getragen, als sie hier ankam? Es gab zu viele offene Fragen.

Er hatte nicht gewusst, was ihn erwartete, als er in das kleine Bauerndorf aufgebrochen war. Er hatte bloß überprüfen wollen, ob die Gerüchte von den Gräueltaten stimmten, ob seine Landsleute tatsächlich zu solcher Grausamkeit fähig waren. Er hatte nicht mit Überlebenden gerechnet. Doch hier standen sie, direkt vor ihm: vier Kinder und eine Frau.

Und er hatte keine Ahnung, was er mit ihnen tun sollte.

5. KAPITEL

Was wird er tun?, fragte sich Gaira. Einen Moment spürte sie Angst in sich aufsteigen, doch dann beruhigte sie sich wieder. Seine Hände waren gefesselt. Er konnte ihnen nichts antun.

Sie blickte zu den Kindern hinüber. Creighton sah so aus, als ob er Robert am liebsten umbringen wollte, und Flora würde jeden Moment vor Angst in Tränen ausbrechen. Nur Alec schien einfach froh zu sein, dass er bei ihnen war. Maisie blickte mit ihren großen Augen bang umher. Für ihr zartes Alter hatte sie schon viel zu viel mit ansehen müssen.

Die Kinder waren verunsichert, weil sie den Fremden mitgebracht hatte. Doch sie konnte nichts dagegen tun.

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