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Wie ein erotischer Traum

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1. KAPITEL

Was für eine lahme Party! Und es war auch noch seine Party. Wie war das möglich? Normalerweise waren die Feste von Gabriel Montoro berühmt.

Sehr zum Missfallen seiner Familie machte Gabriel seinem Spitznamen „Partykönig“ alle Ehre. Musik, Alkohol, schummriges Licht, Lachen und Tanzen – wo Gabriel auftauchte, gehörte das alles einfach dazu, und es herrschte immer ausgelassene Stimmung. Aber seit er die Last der Königswürde für den kleinen Inselstaat Alma hatte übernehmen müssen, war mit dem Partykönig nicht mehr viel los.

Verärgert griff Gabriel nach seinem Champagnerglas und sah sich im Ballsaal des Familiensitzes Coral Gables um. Irgendwie kam ihm das tropische Paradies in Florida diesmal spießig vor. Keiner seiner exzentrischen Freunde war hier. Und nicht ein einziger wilder Papagei war zu sehen. Normalerweise fanden immer einige Vögel des großen Schwarms, der auf dem weitläufigen Gelände lebte, den Weg durch die offenen Türen. Die Montoros waren sehr wohlhabend, hatten aber nie mit ihrem Reichtum angegeben, sondern immer jeden willkommen geheißen. Auch die Papageien …

Doch seit sich dieser kleine europäische Staat Alma entschlossen hatte, nach Jahren der Diktatur wieder die parlamentarische Monarchie einzuführen, war alles anders geworden. Plötzlich war Gabriel Prinz Gabriel, denn die Montoros, die früher die Könige gestellt hatten, waren nach Alma zurückgerufen worden.

Und obwohl Gabriel erst an dritter Stelle in der Thronfolge stand, würde er nun bald die Krone tragen müssen. Da sein Vater geschieden war, kam er nach der Verfassung von Alma nicht infrage. Und Gabriels älterer Bruder war mit einer Barfrau durchgebrannt.

Gabriel lächelte bitter. Er und König? Jeder erwartete plötzlich, dass aus dem Playboy Gabriel wie durch ein Wunder ein passabler König werden würde. Wenn sie sich da nur nicht täuschten. Wieder sah er sich in dem großen Raum um. Diese öde Abendgesellschaft war der Anfang seines neuen Lebens. Als Nächstes musste er sein luxuriöses Penthouse in South Beach für einen fremden Palast aufgeben und seine kurzen Liebschaften gegen eine Adelige mit Stammbaum eintauschen, die er auch noch heiraten sollte.

Was er sagte und was er anzog, würde von seinem Volk kritisch betrachtet werden. Von Leuten, die er nicht kannte und die in einem Land lebten, das er nur einmal besucht hatte. In einer Woche würde er es wiedersehen. Und in ein bis zwei Monaten sollte die Krönung stattfinden. Ein entsetzlicher Gedanke.

Dies war also eine Art Abschiedsparty, wenn sie überhaupt als solche bezeichnet werden konnte. Ein kleines Orchester spielte klassische Musik, die Drinks waren vom Feinsten, und die Frauen hatten viel zu viel an. Bei dem Gedanken, dass so sein zukünftiges Leben aussehen würde, wurde Gabriel ganz elend. Langweilige Partys mit langweiligen Menschen, die er nicht kannte und die ihn nicht interessierten. Menschen, die ihn hofierten und sich bei ihm einschmeicheln wollten. Widerlich.

Ungefähr zweihundert Gäste waren heute Abend hier, aber Gabriel kannte nur einen Bruchteil von ihnen. Wieder verzog er die Lippen. Erstaunlich, wer plötzlich aus der Versenkung auftauchte und sich an ihn heranmachte, seit bekannt geworden war, dass sein Bruder Rafe den Thron nicht übernehmen würde.

Jetzt stand er also im Rampenlicht. Plötzlich war er nicht nur Vizepräsident des Familienunternehmens, verantwortlich für die Geschäfte in Südamerika, sondern ein zukünftiger König und absolutes Stadtgespräch von Miami.

Ausgerechnet ich!

Gabriel war das mittlere Kind, der Bad Boy der Familie, der von den arroganten Freunden seiner Eltern früher nie beachtet worden war. Aber kaum hatte sich die Nachricht von seiner künftigen Königswürde verbreitet, konnte er sich vor sogenannten Freunden nicht mehr retten.

Tut mir leid, Leute, ich habe keine Freunde …

Jedenfalls keine echten. Denn Gabriel konnte nur schwer sein Misstrauen anderen Menschen gegenüber ablegen. Zu früh hatte er schlechte Erfahrungen machen müssen. Und Vertrauen war nun mal die Grundlage einer Freundschaft. Selbst auf die Familie konnte er sich nicht immer verlassen, manchmal nicht einmal in Situationen, in denen er ihre Unterstützung dringend gebraucht hätte.

Wenn man vom Teufel spricht …

Sein Cousin Juan Carlos Salazar II. hatte ihn gesehen und kam quer durch den Saal auf ihn zu. Seine düstere Miene überraschte Gabriel nicht. Juan Carlos war immer ernst, ja, er schien gar nicht zu wissen, wie man sich amüsierte. Er fühlte sich für alles und jeden verantwortlich, arbeitete ständig und unterhielt sich eigentlich nur über Geschäftliches. So ein Mann sollte König von Alma werden, nicht aber jemand wie er, der sein Leben genoss.

Aber leider hatte es sich bei der Bevölkerung von Alma noch nicht herumgesprochen, dass blaues Blut allein keine Garantie für einen starken König war.

„Du unterhältst dich mit niemandem“, tadelte Juan Carlos und blickte von seinen fast zwei Metern auf ihn herab. „Das ist nicht gut.“

„Wieso?“ Gabriel war entschlossen, Juan Carlos Kontra zu geben. Dessen Meinung, wie überhaupt die anderer Leute, war ihm sowieso egal. „Keiner unterhält sich mit mir“, stellte er richtig.

„Wenn du dich auch in eine Ecke verkriechst und schmollst.“

„Stimmt doch gar nicht.“

„Es ist hoffnungslos.“ Juan Carlos verdrehte die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Als was würdest du denn dein Verhalten bezeichnen?“

„Ich lasse meine Blicke über die Menge schweifen“, bemerkte Gabriel lächelnd. „Hört sich doch ziemlich königlich an, oder?“

„Hör auf!“ Juan Carlos stöhnte. „Du brauchst gar nicht so zu tun, als sei dir das alles hier wichtig. Ich weiß genau, dass du jetzt viel lieber in South Beach und hinter einem Mädchen her wärst. Wenn du glaubst, uns etwas vormachen zu können, ist das beleidigend für deine Familie und auch für dein Land.“

Recht hatte er. Natürlich wäre Gabriel viel lieber in einer Bar mit Musik, Alkohol und schönen Frauen gewesen. Nur mit einem Mädchen im Arm konnte er vorübergehend vergessen, in was für einer fatalen Situation er steckte. Aber nachdem Rafe sich eine Frau in einer Bar aufgetan und deshalb auf den Thron verzichtet hatte, hielt die Familie ihn an der kurzen Leine. Noch einen Skandal konnten die Montoros sich nicht leisten.

Dennoch würde er sich nicht dafür entschuldigen, dass er so war, wie er war. Schließlich war er nicht zum König erzogen worden.

Nachdem das Volk von Alma viele Jahrzehnte unter der Diktatur geächzt hatte, hatte es sich endlich befreien können und die Demokratie wieder eingeführt. Doch zur großen Überraschung, speziell der Montoros, sehnten sich die Bürger nach einer parlamentarischen Monarchie und wollten vor allem ihre königliche Familie wiederhaben.

Auch Gabriel war von dieser Entwicklung kalt erwischt worden. Und als dann noch sein älterer Bruder Rafael wegen seiner großen Liebe auf den Thron verzichtet hatte, musste er zwangsläufig in den sauren Apfel beißen.

„Tut mir leid, dass es deine Empfindungen verletzt, J. C., aber ich habe mich nicht darum gerissen, König zu sein.“

„Das weiß ich doch. Und wahrscheinlich auch jeder hier im Saal. Aber es hilft nichts, die Krone ist dir in den Schoß gefallen, und du musst dich ihrer würdig erweisen, ob es dir passt oder nicht. Werde endlich erwachsen, Gabriel.“

Gabriel grinste kurz. Das hatte er im Laufe seines Lebens oft genug gehört. Die Familie wollte einfach nicht begreifen, dass er schon lange erwachsen war.

Als junger Mann war er entführt worden und hatte tagelang in einem dunklen Keller gefesselt gelegen. Damals hatte er quasi mit dem Leben abgeschlossen. Er hatte seine Kindheit hinter sich gelassen und sein Vertrauen in die Welt verloren. Seine Familie hatte seiner Einschätzung nach viel zu wenig getan, um ihn zu retten. Er hatte sich schließlich aus eigener Kraft befreien können und sich seitdem nur noch auf sich selbst verlassen. Er lebte das Leben, das er wollte, und ließ sich von keinem reinreden.

Bis jetzt. Gabriel leerte sein Glas in einem Zug. Die Tage der Freiheit ließen sich bald an zwei Händen abzählen. Und dann würden ihm nicht nur sein Vater und sein Cousin sagen, was sie von ihm erwarteten.

„Es war wie immer ein Vergnügen, mit dir zu plaudern, J. C.“, sagte Gabriel und lächelte breit. „Aber ich bin sicher, hier wartet irgendwo eine Schönheit auf dich, die du betören willst.“

Ohne etwas zu sagen, drehte Juan Carlos sich um und ging zum Buffet, wo er sehr schnell mit jemandem ein Gespräch anfing. Bestimmt war das ein ganz wichtiger Mann, dessen Namen Gabriel nur leider vergessen hatte. Er wandte sich ab und bemerkte, dass die Seitentür zur Terrasse und zum Gartenpavillon offen stand. Vielleicht konnte er ungesehen entkommen? Kurz sah er sich um. Sein Vater kehrte ihm den Rücken zu, und seine Schwester Bella stand mit einer Gruppe Frauen in einer Ecke zusammen.

Das war die Gelegenheit. Unbemerkt schlüpfte er aus der Tür und prallte zurück. Die gut funktionierende Klimaanlage hatte ihn fast vergessen lassen, wie heiß und feucht es im Juli in Florida war. Aber egal, er musste hier raus. Schnell verschwand er im Schatten der hohen Hecke.

Auch draußen standen festlich gedeckte Stühle und Tische. Aber keiner war da. Klar, die Damen waren nicht daran interessiert, sich dieser Hitze auszusetzen, die Kleidung, Make-up und die kunstvoll drapierten Frisuren ruinieren würde.

Aber was war das? Stand dahinten nicht jemand an der Terrassenmauer und blickte in den Garten? Irgendwie kam ihm die große schlanke Frau bekannt vor, und als sie sich halb umwandte und einem Vogel hinterher sah, wusste er auch, woher. Diese Superfigur, die hohen Wangenknochen, für die sie berühmt war …

Serafia …

Sofort wurde ihm noch heißer, sein Herzschlag beschleunigte sich, und er spürte, wie drängendes Verlangen in ihm aufstieg. Schon als Teenager hatte er sich fürchterlich in sie verknallt, was kein Wunder war. Denn jeder halbwegs normale Mann musste so auf sie reagieren. Vor acht Jahren war Serafia ein weltbekanntes Model gewesen und hatte für die Topdesigner in Paris, New York und Mailand gearbeitet.

Doch dann hatte sie sehr plötzlich ihre Karriere aufgegeben, aus gesundheitlichen Gründen, hieß es. Später hatte sie ihre eigene Firma gegründet und war damit offenbar auch erfolgreich.

Gabriel betrachtete sie genauer. Das rote Kleid umschloss ihre aufregenden Kurven wie eine zweite Haut. Auch heute noch würde sie jedes andere Model auf dem Laufsteg ausstechen, davon war er überzeugt.

Seit Jahren hatte er nicht mit ihr gesprochen. Auch die Espinas, Serafias Familie, hatten nach der Machtergreifung des Diktators Tantaberra ihre Heimat Alma verlassen müssen. Sie waren aber nicht wie die Montoros nach Florida, sondern in die Schweiz geflohen. Bei Ferien an der spanischen Riviera hatten sich die beiden Familien wiedergetroffen. Zu der Zeit waren Gabriel und Serafia beinahe noch Kinder gewesen. Gabriel war damals zehn oder elf und sehr schüchtern. Serafia war fast fünf Jahre älter und bereits eine Schönheit. Sie hatte ihn, den kleinen Jungen, gar nicht wahrgenommen.

Nun, die Zeiten hatten sich geändert. Sie waren beide keine Kinder mehr, und der zukünftige König von Alma war nicht mehr so leicht zu übersehen.

Serafia spürte, dass jemand sie ansah. Seit ihrer Zeit als Model hatte sie einen sechsten Sinn dafür entwickelt, wenn sie jemand von oben bis unten musterte, und sie empfand die Blicke wie eine Berührung. Sie wandte sich um. Nur wenige Schritte von ihr entfernt stand ein Mann, besser gesagt, der Mann des Abends, für den dieses Fest veranstaltet wurde.

Serafia schaute ihn genauer an. Gabriel Montoro war erwachsen geworden, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Wie die meisten Männer betrachtete er sie mit unverhohlenem Verlangen. Wahrscheinlich sollte sie sich deshalb geschmeichelt fühlen. Schließlich würde er bald König sein. Aber er war viel zu jung für sie, noch in den Zwanzigern. Da sollte er sich lieber nicht mit einem früheren Model einlassen, das älter war als er und in seinem Leben schon genug durchgemacht hatte.

„Eure Hoheit …“ Sie neigte grüßend den Kopf.

Er kniff kurz die Augen zusammen. „Willst du dich über mich lustig machen?“

Serafia sah Gabriel überrascht an. Mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. „Oh, nein, keineswegs. Hörte sich das so an? Das tut mir leid.“

„Okay.“

Wie er jetzt auf sie zukam, wirkte er gar nicht wie ein König. Von ihm ging etwas aus, das sie nicht genau beschreiben konnte. Sein Gang hatte die geschmeidige Eleganz eines prachtvollen Raubtiers, gepaart mit einer Aura von Gefahr. Der schwarze Smoking saß perfekt. Zu dem weißen Hemd trug er eine blutrote Krawatte, und er sah sie an, als sei sie eine begehrenswerte Beute.

Als er näher kam, schlug ihr Herz schneller, und ihr fiel das Atmen schwer. Sein Eau de Cologne, der betörende Duft der tropischen Vegetation, all das hemmte ihren Fluchtinstinkt. Schlimmer noch, sie fühlte sich zu ihm hingezogen. Zu ihrer Überraschung trat er nur ruhig neben sie, stützte sich auf das Geländer und blickte in den dunklen Garten.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen“, sagte er leise. „Ich habe mich selbst noch nicht an diesen ganzen Unsinn mit dem Königstitel gewöhnt.“

Unsinn? Er betrachtete die neue Königswürde als Unsinn? Irritiert blickte Serafia ihn an. Das würde den Bürgern von Alma aber gar nicht gefallen. Nachdem sie den Diktator verjagt hatten, setzten sie große Hoffnungen auf die Wiedereinführung der Monarchie und versprachen sich davon Stabilität und Wohlstand. Aber Gabriel schien das nicht zu kümmern.

Alma und die Monarchie bedeuteten ihm offensichtlich nichts. Sicher, er war nicht in Alma aufgewachsen. Doch das traf auch auf sie zu. Allerdings hatten ihre Eltern viel Wert darauf gelegt, dass sie die alte Heimat nicht vergaß.

Vielleicht war Gabriel einfach noch zu unreif. Wieder musterte Serafia ihn prüfend. In so jungen Jahren alle Augen auf sich gerichtet zu sehen, war nicht leicht zu ertragen. Das wusste sie aus eigener Erfahrung.

Mit sechzehn Jahren war sie von einer Modelagentur entdeckt worden. Zu einer Zeit, in der die meisten Teenager sich nur mit der ersten Liebe und ihren Hausaufgaben herumschlugen, musste sie hochkarätige Verträge mit berühmten Modehäusern erfüllen. Und mit achtzehn war sie bereits weltweit bekannt gewesen.

Der Druck hatte ihr manchmal die Luft abgeschnürt und sie gezwungen, bis an ihre Grenzen zu gehen. Zwar war Gabriel jetzt ein paar Jahre älter als sie damals. Aber sie mochte sich nicht einmal vorstellen, was es hieß, in seinem Alter ein Volk regieren zu müssen und sich für so viele Menschen verantwortlich zu fühlen.

„Ich bin davon überzeugt, du wirst dich schnell an die neue Situation gewöhnen“, sagte sie, lehnte sich seitlich gegen das Geländer und nippte an ihrem Wein. „So viel Macht zu haben, eröffnet dir doch ganz neue Möglichkeiten.“ Sie lachte leise.

Gabriel blieb ernst. „Von wegen. Auch wenn ich König bin, wird meine Familie streng über mich wachen, um sicher zu sein, dass ich sie nicht blamiere.“

„Was? Ich dachte, ein König kann tun und lassen, was er will.“

„Wenn das so wäre, bräuchte ich mir keine Sorgen zu machen. Dann könnten ja auch mein Vater oder mein Bruder König werden. Außerdem muss auch ein König an seine Familie denken – und auf seine Mutter hören.“ Er sah sie lächelnd an und strich sich das zu lange Haar zurück.

Er sieht tatsächlich nicht wie ein König aus, ging es Serafia durch den Kopf. Sein dunkles Haar war leicht zerzaust und von der Sonne gebleicht. Er war braun gebrannt, und selbst in dem maßgeschneiderten Smoking wirkte er mit seiner kraftvollen, wenn auch schlanken Figur eher wie ein Profisportler.

„Ich kann mich noch gut an deine Mutter erinnern“, sagte sie lachend. Señora Adela war eine schöne und energische Frau, die ein bewegtes und leidenschaftliches Leben führte. Serafia dachte daran, wie seine Mutter Gabriel einmal am Ohr den Flur entlang gezerrt hatte. „Du solltest dich also lieber gut benehmen.“

„Ich will es versuchen. Und wie geht es dir?“, wechselte Gabriel das Thema. „Seit deiner Zeit als berühmtes Model habe ich dich nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich hast du uns kleine Leute längst aus dem Blick verloren.“

„Mir geht es gut.“ Serafia lächelte freundlich. So genau wollte er es wahrscheinlich gar nicht wissen. Wie die meisten Menschen, die sich nach ihr erkundigten, war er einfach nur höflich. „Seit ich nicht mehr als Model arbeite, habe ich meine eigene Beratungsfirma. Und ich kann mich nicht beklagen, ich habe gut zu tun.“

„Was für eine Art von Beratung machst du?“

„Imageberatung, meist Auftreten und Benehmen. Als Model bin ich in der ganzen Welt herumgekommen. Für Angestellte international tätiger Unternehmen ist es oft nicht leicht, sich in einem fremden Land zurechtzufinden. Und so versuche ich, ihnen etwas über die Sitten und Gebräuche beizubringen. Wie die Gesellschaft in dem fremden Land funktioniert, sozusagen. Manchmal werde ich auch von reichen Eltern engagiert, damit ich ihren Töchtern beibringe, wie man sich als Lady benimmt.“

Dabei versuchte sie immer, den jungen Mädchen klarzumachen, dass Schönheit allein nicht alles war. Es war oft ein vergebliches Bemühen, da es nicht nur den Mädchen, sondern auch deren Eltern im Wesentlichen auf Etikette, Aussehen und Auftreten ankam, und nicht auf die inneren Werte. Außerdem sei es für sie als Supermodel leicht, auf Schönheit nicht so viel Wert zu legen, wurde immer wieder behauptet. Da konnte Serafia schlecht widersprechen.

„Hört sich gut an.“ Gabriel sah sich hastig um. „Aber bitte tu mir den Gefallen, und erwähne deinen Beruf nicht meinem Vater oder Juan Carlos gegenüber.“

Serafia runzelte die Stirn. „Warum denn nicht? Haben sie Töchter, die ich mir mal vornehmen sollte?“

Gabriels Schwester Bella hatte das bestimmt nicht nötig, entzückend, wie sie heute Abend wieder aussah in ihrem leuchtend blauen Abendkleid und mit den goldblonden Locken.

Zwar hatte Serafia schon häufig gehört, dass die Geschwister Montoro in Florida ein ziemlich wildes Leben führten. Aber wenn sie sie jetzt so ansah, konnte sie nicht sagen, dass sie sich anders benahmen als die jungen Leute anderer königlicher Familien. Sie wollten sich amüsieren, sehnten sich nach der großen Liebe und wollten etwas erleben. Erst wenn dieses Leben mit den Pflichten der Krone nicht zu vereinbaren war, so wie bei Rafael, dem Ältesten, wurde es ernst.

Gabriel leerte sein Glas und schüttelte dann den Kopf. „Nein, es geht hier nicht um Töchter, sondern eher um mich. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Familie dich sofort engagiert, um aus mir so etwas wie einen Gentleman zu machen. Und das könnte ich ihnen nicht einmal übel nehmen. Ich bin wirklich die denkbar schlechteste Wahl für einen König von Alma. Das schwarze Schaf der Familie, ein mieser Ersatz …“

Serafia sah ihn erstaunt an. „Ist das ihre Meinung oder nur deine eigene?“

„Ich glaube, jeder denkt so. Ich natürlich auch.“

„Ganz bestimmt übertreibst du da. Ich weiß zwar nicht, was deine Familie denkt und sagt, wenn sie unter sich ist. Aber bisher habe ich noch nicht gehört, dass dich jemand für ungeeignet hält. Natürlich wundert sich jeder, dass Rafael auf den Thron verzichtet hat. Aber die Bürger von Alma freuen sich, dass du ihr König sein wirst. Das weiß ich, weil ich gerade in unserer alten Heimat war.“

Das hatte sie zwar nicht vorgehabt. Aber da sie eine Anfrage eines möglichen Klienten aus Alma erhalten hatte, hatte sie auf ihrem Weg nach Florida dort einen Zwischenstopp eingelegt. Und sie hatte es nicht bereut. Denn es war einfach herzerwärmend zu sehen, wie sehr sich das ganze Land auf die Montoros freute, und welche Hoffnungen alle auf die Zukunft setzten. Schade, dass Gabriel diese Gefühle so gar nicht teilte.

Er lächelte verächtlich. „Das wird nicht lange dauern. Wer weiß, vielleicht wünschen sie sich schon nach einem Jahr ihren Diktator zurück.“

Offenbar ist sein Selbstbewusstsein noch schlechter ausgeprägt als meins, dachte Serafia und schüttelte traurig den Kopf. „Wie kannst du so etwas sagen? Die Leute haben lange und hart gekämpft, um die Tantaberras loszuwerden. Du müsstest schon ein sehr übler und blutdürstiger Tyrann sein, dass sie sich nach ihm zurücksehnen. Hast du das vor? Ein Terrorregime für dein Volk?“

„Nein, natürlich nicht.“ Gabriel lächelte etwas gezwungen. „Es war mir nicht klar, dass die Erwartungen so niedrig sind. Dann gelte ich also bereits als erfolgreicher König, wenn ich meine Widersacher nicht gleich köpfen lasse und mein Volk nicht zwinge, sich vor mir in den Staub zu werfen? Danke, dass du mich aufgeklärt hast. Jetzt fällt mir die Sache sehr viel leichter.“

Dieser Zynismus! Serafia war entsetzt. In Kürze würde Gabriel nach Alma reisen – mit dieser Einstellung!

„Nun hören Sie mir mal gut zu, Mr. Montoro“, sagte sie energisch und baute sich vor ihm auf. „Die Bürger von Alma haben in den letzten siebzig Jahren viel durchmachen müssen. Während die reiche Oberschicht es sich leisten konnte, aus dem Land zu fliehen, waren die einfachen Leute dem grausamen Regime von Tantaberra und seinen Söhnen ausgeliefert.“

Sie trank einen Schluck Wein, bevor sie fortfuhr: „Nun sind sie endlich frei, und viele von ihnen haben ihr ganzes Leben auf diesen Augenblick gewartet. Und genau sie sind es, die deine Familie zurückrufen und mit euch zusammen den Wiederaufbau wagen wollen. Dabei können sie deinen Sarkasmus und dein Selbstmitleid nicht gebrauchen.“

Überrascht sah Gabriel sie an. Als König Verantwortung für ein ihm noch fremdes Land zu übernehmen, passte ihm ganz sicher nicht. Aber ihr Ton ihm gegenüber schien ihn regelrecht zu schockieren.

Doch das war ihr egal. Sie hatte den größten Teil ihres Lebens in Spanien verbracht. Sie war keine seiner Untertaninnen, und sie würde nicht vor ihm kriechen. Schon gar nicht, wenn er sich so unmöglich benahm.

Immer noch schwieg er, doch er war sichtlich rot geworden, und Serafia nahm an, dass er gleich einen Wutanfall bekommen würde. Doch als er sie auf diese ganz bestimmte Art und Weise ansah, die sie unwillkürlich erregte, wusste sie, dass sie sich irrte. Wahrscheinlich war sie ein bisschen zu deutlich geworden, aber irgendwie schien ihm das zu gefallen.

Schließlich nickte er. „Du hast absolut recht.“

Damit hatte sie nun gar nicht gerechnet. Empörtes Aufbrausen, das ja, auch ein Streit oder zumindest ein Themenwechsel. Stattdessen stimmte er ihr zu. Also war er vielleicht doch kein hoffnungsloser Fall. Unter seinem intensiven Blick wurde ihr heiß, und sie wandte sich ab.

„Tut mir leid, dass ich dich so heftig angegangen bin. Aber das musste einfach mal gesagt werden.“

„Nein, bitte, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Seit Rafael auf den Thron verzichtet hat, habe ich darüber nachgegrübelt, wie diese Königswürde wohl mich und mein Leben verändern wird. Aber an die Leute von Alma habe ich nie gedacht oder nur sehr selten. Wie geht es ihnen? Wie fühlen sie sich? So lange haben sie leiden müssen. Da verdienen sie einen König, auf den sie stolz sein können. Ich fürchte nur, dass ich nicht dieser König sein kann.“

„Warum denn nicht?“ Serafia wunderte sich selbst, dass sie davon so überzeugt war. Seit Jahren hatte sie mit Gabriel nicht gesprochen, ihr Kontakt war schon seit Langem abgebrochen. Allerdings las sie Zeitung und durchforschte das Internet. Da war häufig von den „wilden Montoros“ die Rede. Und besonders Gabriel tat sich mit Frauengeschichten, schnellen Wagen und einem gefährlichen Lebensstil hervor. Dennoch spürte sie tief in ihrem Herzen, dass er ein guter Mann war.

Aus ihrem Lächeln sprach Zuversicht. „Vielleicht brauchst du etwas Zeit, um dich an die Rolle zu gewöhnen, aber du wirst es schaffen. Dass du Zweifel hast, spricht eher für dich. Du weißt, dass die Königswürde kein Job ist wie jeder andere.“

Nachdenklich sah Gabriel sie an. Und zum ersten Mal fielen ihr die Sorgenfalten auf seiner Stirn und die feinen Linien um seine Mundwinkel auf.

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