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Wiedersehen in Dorset

Inhalt

Über dieses Buch

London 1939: die junge Poppy wird von ihren Eltern an die Küste Englands geschickt, um den Kriegswirren in London zu entgehen.

Poppy wird von der wohlhabenden Familie Carroll aufgenommen und fühlt sich in eine andere Welt versetzt: lebte ihre Familie in London in einfachsten Verhältnissen, so ist ihr neues Zuhause mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet.

Doch dann schlägt das Schicksal unbarmherzig zu und Poppy muß ihr neues Heim wieder verlassen und in das zerbombte London zurückkehren.

Zerrissen zwischen der Sehnsucht nach Dorset und der Freude wieder bei ihrer Familie zu sein, wird Poppy erneut vom Schicksal geprüft …

Über die Autorin

Lily Baxter wuchs in London auf und begann ihre Karriere in dem Bereich Werbung und TV.

Mittlerweile lebt sie mit Ihrer Familie in Dorset und ist Autorin zahlreicher Romane.

LILY BAXTER

WIEDERSEHEN
IN
DORSET

Aus dem Englischen von Nina Restemeier

 

Für Jackie und Alan in Liebe

London und Barton Lacey, Dorset, in der Zeit zwischen August 1939 und Juni 1944

Erstes Kapitel

Das Seufzen der Dampflok, die aus dem Bahnhof tuckerte, war das Traurigste, das Poppy jemals gehört hatte. Sie biss sich auf die Lippe und versuchte, nicht zu weinen, als mit Waterloo Station ihre letzte Verbindung zum Londoner East End und ihrem Zuhause in der diesigen Nachmittagssonne verschwand.

Die Frau, die für die Schüler verantwortlich war, war nicht ihre Lehrerin, und bevor sie in Waterloo in den Zug gestiegen waren, hatte die furchteinflößende Dame sie gewarnt, dass mit ihr nicht zu scherzen sei. Sie sollten sie mit Mrs. Hicks anreden, und wehe dem, der sie Miss nannte! Aber wundersamerweise war niemand während ihrer dreistündigen Reise in diese Falle getappt. Jetzt ließ Mrs. Hicks sie alle auf dem Bahnsteig antreten, um ihre Namen aufzurufen. Es herrschte Schweigen, woran Poppy merkte, dass die anderen Kinder genauso müde, hungrig und verängstigt waren wie sie selbst. Mrs. Hicks war eine dicke Frau, und die Knöpfe an ihrer Bluse liefen ständig Gefahr, in alle Richtungen davonzuspringen, wenn sich ihr üppiger Busen unter ihren ungeduldigen Seufzern hob und senkte. Ihr Tweedrock spannte über dem beachtlichen Bauch, und als Bobby Moss sie gefragt hatte, ob sie ein Baby da drin habe, hatte er sich prompt eine Ohrfeige eingefangen. Das hatte ihn eine Weile ruhig gestellt, sehr zu Poppys Erleichterung, denn er hatte sie die ganze lange Fahrt über gehänselt und an den Haaren gezogen. Doch er hatte ihr auch ein wenig leidgetan, wie er dann in einer Ecke des Waggons gekauert und sich das Ohr gehalten, geschnieft und sich die Nase am Ärmel abgewischt hatte.

»Poppy Brown, hör auf zu träumen und geh mit den anderen auf den Vorplatz, wo der zuständige Beamte euch, wie er es für angemessen hält, einquartieren wird.« Mrs. Hicks’ durchdringende Stimme hallte durch den leeren Bahnhof, als Poppy sich neben Bobby in Bewegung setzte. Durch die Schalterhalle wurden sie nach draußen auf den Vorplatz geführt. Sie waren etikettiert wie Päckchen und trugen ihre wenigen Habseligkeiten in braunen Papiertüten, zusammen mit dem Objekt in der Schachtel, das, obwohl Vorschrift und jedem ausgehändigt, geheimnisvoll geblieben war: einer Gasmaske. Einige Kinder schluchzten jämmerlich; andere ließen den Kopf hängen und starrten auf ihre Stiefel, während ein paar der älteren Jungs rauften wie Wolfsjungen, die versuchen, in ihrem Rudel eine Rangordnung durchzusetzen.

Poppy hätte gern geweint wie Colin, der Junge in der abgerissenen Kleidung neben ihr, der sich in die Hose gemacht hatte. Verständlicherweise hatte er nun Angst, dass es auffiele. Poppy tätschelte ihm die Schulter. »Schon gut«, flüsterte sie. »Sie bringen uns bestimmt irgendwohin, wo es nett ist, und wir bekommen einen leckeren Tee.« Sie glaubte es selbst nicht, aber sie wollte nicht zugeben, dass sie eine Heidenangst hatte. Sie hob den Kopf und reckte das Kinn vor. ›Auf in den Kampf!‹, sagte ihr Großvater immer, wobei er seine Pfeife aus dem Mund nahm und ins Kaminfeuer spuckte, wie um die Bedeutung seiner Worte zu betonen. Und zum Abschied hatte er ihr mitgegeben: »Lass dich von den Landleuten bloß nicht ins Bockshorn jagen, mein Liebling! Wenn das einer von denen versucht, komme ich mit dem nächsten Zug und werd’s dem zeigen. Kopf hoch, Poppy. Du stammst aus einer Familie von tapferen Soldaten, vergiss das nicht!«

Poppy fühlte sich nicht wie ein tapferer Soldat – sie fühlte sich gerade überhaupt nicht tapfer. Mrs. Hicks war verschwunden. Vielleicht hatte sie einen Keks zu viel gegessen und war irgendwo außer Sichtweite geplatzt. Ein Mann mit Klemmbrett hatte sie ersetzt. Er trug eine Schildpattbrille, durch die er sie alle ansah wie eine kurzsichtige Eule.

»Ich bin Mr. Walker«, verkündete er, als wäre das etwas, das sie wissen müssten. »Ich bin der für euch zuständige Quartiermeister, und ich finde für euch eine Bleibe, wo ihr es gut haben werdet.« Er wandte sich einer kleinen Menschengruppe zu, die sich hinter ihm versammelt hatte. Niemand davon sah besonders begeistert aus, ein Kind aus dem East End aufzunehmen, und die bunt zusammengewürfelte Reihe, die die Kinder gebildet hatten, geriet noch mehr aus den Fugen, als sich einige tränenüberströmt zu Boden plumpsen ließen und andere sich übergaben. Wahrscheinlich alles Angst, dachte Poppy, als sie die zukünftigen Gastgeber musterte und sich Mutters letzte Worte in Erinnerung rief, die bei der tränenreichen Verabschiedung heute Morgen um fünf Uhr dreißig vor dem Schultor gefallen waren.

»Achte auf ihre Schuhe und Hüte, Poppy«, hatte sie ihrer Tochter eingetrichtert. »Gute Schuhe und ein hübscher Hut bedeuten ein sauberes Haus und keine Bettwanzen oder Läuse. Sei ein gutes Mädchen, wasch dich hinter den Ohren und sprich jeden Abend vor dem Schlafengehen dein Gebet. Denk immer daran: Mum und Dad haben dich lieb. Und Joe auch, selbst wenn er das nicht so gut zeigen kann. Gran und Grandad werden dich vermissen. Wir alle werden dich vermissen.«

Poppy sprach ein Stoßgebet, als ihr Blick den einer schmallippigen, kleinen Frau mit Baskenmütze und mürrischem Gesicht kreuzte. Ihre Schuhe waren ausgetreten und mussten dringend geputzt werden. Poppy schaute weg und blickte die Reihe entlang, bis sie zu einem hübschen Paar zweifarbiger Pumps kam, braun und cremefarben. Als sie den Blick hob, bemerkte sie einen feschen braunen Velourshut mit einer langen Feder. Er erinnerte sie an das Filmplakat, auf dem Errol Flynn als Robin Hood zu sehen war. Das Gesicht unter diesem Hut hätte eine weibliche Version des Filmstars sein können, aber die Miene der Frau war weder freundlich noch charmant. Poppy war enttäuscht, als sie Langeweile und Gleichgültigkeit in den braunen Augen erkannte, die sie ohne zu zwinkern ansahen. Aber die Frau hatte gute Schuhe, der Hut war ganz neu, und sie trug ein gut geschnittenes Tweedkostüm mit einer goldenen Brosche am Revers. Poppy gab sich alle Mühe zu lächeln.

Die Dame mit dem Robin-Hood-Hut wandte sich an den Quartiermeister. »Wie heißt diese da?« Sie deutete vage in Poppys Richtung.

Mr. Walker überflog die Liste auf seinem Klemmbrett, aber er runzelte die Stirn, als würden ihn die Namen und Altersangaben der Kinder verwirren. Er trat einen Schritt auf Poppy zu. »Wie heißt du, Kleine?«

»Poppy Brown, Sir.«

»Poppy«, sagte er mit einem angedeuteten Lächeln. »Nach der Mohnblume, stimmt’s, Kleine?«

»Nee, Mister. Nach dem Lieblingsparfüm von meiner Mutter. Californian Poppy. Von Woollies.«

Die schicke Dame verdrehte die Augen. »Mein Gott, was für ein Akzent!« Sie musterte Poppy von oben bis unten. »Aber sie ist die Sauberste aus dem ganzen Haufen und alt genug, um sich nützlich zu machen. Sie ist so weit in Ordnung.«

»Du hast Glück, Poppy Brown.« Mr. Walker berührte sie an der Schulter und schob sie sanft in Richtung ihrer Wohltäterin. »Du musst Mrs. Carroll sehr dankbar sein, und ich hoffe, du benimmst dich auf Squire’s Knapp wie ein braves Mädchen.«

»Komm mit, Kind.« Mrs. Carroll schritt zu einem großen schwarzen Auto, ihre Absätze klapperten auf dem Beton, und die wippende Feder auf ihrem Hut schien Poppy zu sich zu winken. Sie folgte ihr gehorsam, aber schrak zurück, als ein großer Mann, der von der Schirmmütze bis zu den glänzenden Lederstiefeln komplett schwarz gekleidet war, hervorsprang, um die Autotür zu öffnen.

»Trödel nicht, Mädchen«, sagte Mrs. Carroll ungeduldig. »Steig ein.«

Poppy blickte zu dem Chauffeur auf, aber der starrte einfach geradeaus. Sie kletterte auf den Rücksitz und machte sich in der hintersten Ecke so klein wie möglich. Vom ungewohnten Geruch der Ledersitze und dem nagenden Hunger, der ihren Magen knurren ließ, wurde ihr übel, und sie schloss die Augen. Die Marmeladensandwiches, die Mum ihr früh am Morgen gemacht hatte, waren schon aufgegessen, bevor der Zug am Bahnhof Elephant and Castle gehalten hatte. Das Stück Lebkuchen hatte sie sich bis zum Schluss aufgehoben, es aber mit dem heulenden Grundschulmädchen geteilt, um sie zu trösten. Die Tropfen an der Nase der Kleinen waren jedes Mal länger geworden, je mehr sie geschluchzt hatte.

»Wir fahren direkt nach Hause, Jackson«, sagte Mrs. Carroll gelangweilt. »Ich möchte doch nicht in die Bibliothek.«

Das Auto nahm Fahrt auf, als sie die Ortschaft verließen, und die kühle Brise, die durchs Fenster hereinkam, belebte Poppy so weit, dass sie die Augen wieder öffnen konnte. Sie reckte den Hals, um hinauszusehen.

»Du bist recht klein«, bemerkte Mrs. Carroll und zündete sich eine Zigarette an, die sie gerade in eine grüne Onyx-Zigarettenspitze eingesetzt hatte. »Wie alt bist du?« Sie zog mit sichtlichem Genuss daran und atmete langsam aus, während sie die goldene Zigarettendose und das Feuerzeug wieder in der Handtasche verstaute.

Poppy war beeindruckt. Ihr Dad rauchte auch, aber er drehte sich seine Zigaretten immer selbst und zündete sie mit Swan-Vestas-Streichhölzern an. Manchmal, wenn Mum in der Fabrik eine Bonuszahlung bekam, kaufte sie ihm eine Schachtel Woodbines-Zigaretten als Überraschung. Gran sagte immer, es gehöre sich nicht für eine Lady, auf offener Straße zu rauchen. Poppy fragte sich, was ihre Großmutter wohl über eine Lady sagen würde, die im Auto rauchte.

»Nun?« Mrs. Carroll sah sie von der Seite an. »Hat es dir die Sprache verschlagen, Mädchen?«

»Nein, Miss. Ich bin dreizehn. Im April bin ich dreizehn geworden.«

»Du bist sehr klein für dein Alter. Und du nennst mich Mrs. Carroll oder Ma’am, nicht Miss. Hast du verstanden, Poppy?«

»Ja, Mi… Ma’am.«

Mrs. Carroll rauchte schweigend ihre Zigarette, hin und wieder schnipste sie die Asche in einen Aschenbecher irgendwo neben sich. Poppy fiel ein, dass Gran auch immer sagte, es sei unhöflich, jemanden anzustarren, also sah sie wieder aus dem Fenster. Zwischen den Hecken hindurch konnte sie Kornfelder erkennen, gesprenkelt mit rotem Mohn und dunkelblauen Kornblumen. Aus Büchern wusste sie einiges über ländliche Gegenden, und die Felder, die sich in den weiten Ebenen von Essex erstreckten, sah sie jeden Sommer bei ihrem Familienausflug nach Southend-on-Sea aus dem Zugfenster. Aber die sanfte hügelige Landschaft von Dorset war neu für sie. Sie rutschte in ihrem Sitz nach vorn, als sie an einer saftig grünen Wiese vorbeikamen, auf der schwarz-weiß gescheckte Kühe weideten, und sie war beeindruckt von deren Größe und auch ein wenig eingeschüchtert, besonders, als zwei von ihnen den Kopf über das Gatter streckten und laut muhten, als das Auto vorbeifuhr. Ihr wurde wieder übel, und sie war erleichtert, als Jackson die Limousine vor einem großen schmiedeeisernen Tor zum Stehen brachte. Er stieg in aller Ruhe aus und entriegelte das Tor, dessen rostige Scharniere beim Aufschwingen protestierten. Langsam fuhr er eine von Bäumen gesäumte Zufahrt entlang. Die weinroten Blätter der knorrig und alt wirkenden Riesen hingen an dicht miteinander verwobenen Zweigen, sodass der Eindruck entstand, es ginge durch einen dunklen Tunnel.

»Das sieht aus wie der Park zu Hause«, freute sich Poppy.

»Soso.«

Mrs. Carroll klang gleichgültig. Poppy nahm es hin. Die Erwachsenen schenkten dem, was Kinder sagten, nie große Beachtung, und gerade hatte sie einen kleinen Teich entdeckt, mit einer Insel in der Mitte und einem weißen marmornen Zierbau in Form eines römischen Tempels. Es sah aus wie aus einem Film, und sie wollte Mrs. Carroll gerade fragen, ob das alles ihr gehöre, als sie das Donnern von Pferdehufen hörte und das Auto plötzlich anhielt. Als wäre er aus dem Nichts erschienen, lenkte der Reiter sein Pferd auf Poppys Seite des Autos. Das Tier wieherte und rollte mit seinen großen Augen. Es blähte die Nüstern, und Poppy fürchtete, es würde seinen Kopf durch das offene Fenster hereinstecken und sie beißen. Sie schrie auf, duckte sich und riss die Hände schützend vor die Augen.

»Du meine Güte, wen hast du denn da, Mutter?«

Die Stimme klang jung und männlich - nach jemandem, der sich auszudrücken verstand, aber Poppy wagte nicht aufzuschauen.

»Guy, musst du immer reiten wie in einer Wildwestshow?«, fragte Mrs. Carroll missbilligend. »Bleib mit dem Tier vom Bentley weg, bevor es noch Schaden am Wagen anrichtet.«

»Und, Mutter, hast du sie entführt, die Kleine? Ich dachte, du kannst Kinder nicht ausstehen.«

Der Tonfall verriet selbst Poppy, dass das nicht ganz ernst gemeint sein konnte. Sie zwang sich aufzusehen. Doch als sie den Kopf hob, sah sie das Pferd die riesigen gelben Zähne blecken, als wollte es ihr doch noch den Kopf abbeißen. Ihr wurde schwarz vor Augen.

Sie erwachte, weil ihr etwas Kaltes, Nasses den Nacken hinabtropfte. Ein rundes, rosiges Gesicht schwebte über ihr, und für einen Augenblick glaubte Poppy, sie wäre zu Hause in West Ham.

»Gran, bist du das?«

»Gran? Unverschämtheit!«

»Nun, Mrs. Toon, im Großmutteralter sind Sie ja nun schon, nicht wahr?«

»Mag ja sein, Violet. Aber ich bin sicher nicht die Großmutter irgendeiner Göre aus den Arbeitervierteln Londons.«

Jemand half Poppy, sich aufzusetzen, und die jüngere Frau, die Violet sein musste, drückte ihr ein Glas Wasser in die Hand.

»Nimm mal einen Schluck, Herrgott nochmal.«

Voller Staunen betrachtete Poppy ihre Umgebung. Sie befand sich in einer Küche, aber die war riesig. Das gesamte Erdgeschoss ihres Zuhauses in West Ham hätte locker in den Raum gepasst.

»Wir dachten schon, du wärest tot«, meinte Violet fröhlich. »Aber jetzt sehen wir ja, dass du quicklebendig bist.«

Poppy trank einen Schluck Wasser und fühlte sich sofort etwas besser. »’tschuldigung, hab gedacht, ich wär wieder zu Hause.«

Mrs. Toon räusperte sich lautstark und wischte sich die Hände an ihrer gestärkten weißen Schürze ab. »Na, na. Du hast wirklich Glück, dass Mrs. Carroll dich aufgenommen hat. Ich hoffe, du machst uns keinen Ärger, Poppy Brown.«

»Ich hab nicht herkommen wollen, Missis, ganz sicher nicht.«

Mrs. Toon und Violet sahen sich vielsagend an, was wohl so viel bedeutete wie: »Hab ich’s nicht gleich gesagt!«

»Werd nicht frech, junges Fräulein!«, tadelte Mrs. Toon Poppy scharf. »Du bist Gast in diesem Haus, auch wenn ich noch nicht genau weiß, was wir mit dir anfangen sollen. Sollst du unten oder oben wohnen? Mrs. Carroll hat uns nichts gesagt. Aber wie auch immer, sei höflich, sonst kriegst du es mit mir zu tun!«

»Sehr wohl, Ma’am«, antwortete Poppy, die sich an Mrs. Carrols Lektion in Sachen Höflichkeit erinnerte.

»Etepetete, aha!«, kicherte Mrs. Toon. »Gib ihr eine Schüssel Suppe und etwas Brot und Butter, Violet. Und dann nimm sie mit rauf und lass ihr ein Bad ein.«

»Es ist doch gar nicht Freitag.« Poppy suchte nach dem Waschzuber neben dem gusseisernen Herd, aber es gab keinen. Genauer gesagt, gab es nicht einmal einen Herd. Es gab nur einen großen Gaskocher und riesiges Gerät mit glänzenden Metalldeckeln darauf, aber das war alles. Sie seufzte erleichtert. »Nun, da Sie offensichtlich kein heißes Wasser haben, lasse ich das Bad ausfallen, danke.«

»In einem ordentlichen Haus badet man jeden Tag«, sagte Mrs. Toon streng. »Und wie kommst du darauf, wir hätten kein heißes Wasser? Hier auf Squire’s Knapp hatten wir schon immer das Neueste vom Neuen.«

»Das stimmt«, nickte Violet. »Hier gab es schon eine Zentralheizung, bevor unsere verehrte Frau Köchin geboren wurde. Und das ist schon eine Weile her.« Sie stellte eine Schüssel mit dampfender Suppe auf einen Schemel und schob ihn Poppy hin. »Bei euch in den Armenvierteln gibt es bestimmt keine richtigen Badezimmer. Iss auf, dann zeige ich dir, wie die feinen Leute leben.«

Die Suppe ist so gut wie eine von Gran, dachte Poppy dankbar, während sie von dem frisch gebackenen Brot abbiss, das großzügig mit dicker gelber Butter bestrichen war. Sie hatte noch nie Butter gegessen, da es zu Hause immer nur Margarine gab. Beim Gedanken an ihre Familie hörte sie auf zu kauen, und plötzlich fiel ihr das Schlucken schwer. Sie hatte das Zeitgefühl verloren, aber ein Blick auf die große weiße Küchenuhr an der Wand verriet ihr, dass es Zeit fürs Abendessen war. Dad und ihr großer Bruder Joe waren sicher schon von der Arbeit bei der Eisenbahn zurück; Mum würde den Kohleofen schüren, um Wasser warm zu machen, damit sie den Dreck des Tages von sich waschen könnten, und Gran würde Kartoffeln schälen, die sie kochen und mit einem Stück Speck oder Kabeljau servieren würde, und Grandad wäre hinten im Garten, wo er seine Pfeife rauchen und nach den Brieftauben des Nachbarn Ausschau halten würde. Eigentlich sollten die Vögel auf direktem Wege nach Hause fliegen, doch sie neigten dazu, eine Rast einzulegen und Kohlsprossen zu stibitzen.

»Was ist los?«, fragte Violet. »Magst du kein richtiges Essen? Deine Familie in London ernährt sich wohl von Mäusen und Ratten.«

Mrs. Toon, die diese Bemerkung offenbar gehört hatte, gab Violet eine Ohrfeige. »Ärger das Mädchen nicht, Violet Guppy! Wie würdest du dich fühlen, wenn du von zu Hause fortgeschickt würdest und bei Fremden leben müsstest? Geh nach oben und lass Wasser ein. Und trödle nicht.«

Laut heulend lief Violet aus der Küche und hielt sich das Ohr. Poppy schluckte schwer und blinzelte, fest entschlossen, sich auf keinen Fall die Blöße zu geben und in Tränen auszubrechen. Für ihre Gran waren Tränen ein Zeichen von Schwäche, genauso, wie wenn man die Schere mit der linken Hand nicht halten konnte, um sich die rechten Fingernägel zu schneiden. Gran sagte immer, wer seine Gefühle oder seine linke Hand nicht unter Kontrolle habe, habe bloß einen schwachen Willen, und das gehöre sich einfach nicht.

»Iss auf, Kleine«, befahl Mrs. Toon. »Ich kann nicht den ganzen Tag mit dir vertrödeln, verstehst du?«

»Mrs. Toon, ich habe eine Nachricht von oben.«

Poppy drehte sich auf ihrem Stuhl um und sah ein Hausmädchen in schwarzem Kleid, mit weißer Haube und Schürze in der Tür stehen.

»Mrs. Carroll möchte Sie und das Mädchen im Salon sehen, sobald es gegessen und gebadet hat.«

Mrs. Toon nickte so heftig, dass die Haube auf ihrem silbergrauen Haar verrutschte. »In Ordnung, Olive. Sie hat fast aufgegessen; bring sie also nach oben ins Badezimmer. Und hab ein Auge auf deine Cousine Violet. Das Mädchen hat eine boshafte Ader, und ich möchte nicht, dass sie versucht, die kleine Poppy zu ertränken. Das würde Mrs. Carroll nicht gefallen.«

»Mrs. Carroll sagt, wir sollen die Kleider des Mädchens verbrennen, weil die bestimmt … Sie wissen schon.« Sie zwinkerte und nickte und senkte die Stimme. »Wir sollen ein paar von Miss Pamelas alten Sachen raussuchen und schauen, ob sie passen.«

»Als ob ich sonst nichts zu tun hätte!« Mrs. Toon schnalzte mit der Zunge und seufzte. »Dinner vorbereiten, ein landverschicktes Kind füttern und einkleiden. Ich habe keine Zeit, in Miss Pamelas Zimmer herumzukramen. Das wirst du machen müssen, Olive.«

Poppy sprang auf. »Sie dürfen meine Sachen nicht verbrennen. Meine Mum hat mich in meinen Sonntagskleidern geschickt, und ich habe keine Flöhe. Nur die armen Kinder haben Flöhe, aber nicht, wer in der Quebec Road in West Ham wohnt.«

Ein langer, dünner Arm schoss vor, und Olive packte Poppy am Genick. »Sei nicht so frech, junges Fräulein! Achte auf deine Manieren, sonst schickt dich Mrs. Carroll zurück nach London und zu den deutschen Bomben!«

Poppys Herz schlug mit einem Mal so heftig, dass es wehtat, fast, als ob Olive ihr einen Schlag in die Magengrube versetzt hätte. »West Ham wird doch wohl nicht bombardiert, oder?«

»Was glaubst du, warum die Regierung alle Kinder aufs Land schickt und uns damit belästigt? Dummes Gör!« Olive schob sie zur Tür. »Ab nach oben! Wollen wir doch mal sehen, ob du nicht irgendwelche kleinen Untermieter mitgebracht hast.«

Das Baden war eine einzige Qual: In gefühlt kochendem Wasser hatte Violet Poppy den Rücken mit einem Luffaschwamm geschrubbt, der sich wie Stacheldraht anfühlte, und Olive ihr beim Haarewaschen boshaft die Finger in die Kopfhaut gegraben. Dann, endlich, wurde Poppy für sauber genug befunden, um in den Salon geführt zu werden. In teurer, aber mindestens zwei Nummern zu großer Kleidung wartete sie nervös vor der Tür, während Olive hineinging, um anzukündigen, dass sie nun zur Inspektion bereit sei. Kurz darauf kam sie zurück. »Rein mit dir. Und sprich nur, wenn du etwas gefragt wirst.«

Poppy betrat das Zimmer so nervös, als wagte sie sich in einen Käfig voller wilder Tiere. Mrs. Carroll saß in einem großen Lehnstuhl aus blauem Samt, die Füße hatte sie auf einem bestickten Hocker hochgelegt. In der einen elegant manikürten Hand hielt sie ein Glas Sherry, zwischen zwei Fingern der anderen ihre Zigarettenspitze. Sie sprach mit einem schlanken, weißhaarigen Mann, der in einem Sessel auf der gegenüberliegenden Seite eines großen Kamins saß. Sie verstummte und sah Poppy an. »Sie sieht gleich viel sauberer aus, Olive. Ein Glück, dass ich noch keine Zeit hatte, Pamelas alte Kleider dem Waisenhaus zu spenden. Sie passen Poppy recht gut, wenn man bedenkt, wie dünn sie ist.«

Olive machte einen Knicks. »Mrs. Toon hätte gern gewusst, wo sie sie unterbringen soll, Ma’am.«

Mrs. Carroll nippte an ihrem Sherry und seufzte. »Ich weiß nicht. Im Dienstbotentrakt muss doch noch etwas frei sein.«

An ihrem scharfen Einatmen erkannte Poppy, dass Olive damit nicht einverstanden war.

»Die unbenutzten Räume sind seit Jahren abgeschlossen, Ma’am.«

Der freundliche Gentleman hatte bis jetzt nichts gesagt, aber nun runzelte er die Stirn und schüttelte den Kopf. »Du kannst das Mädchen nicht dort oben hinstecken, Marina. Was ist mit der alten Kinderstube?«

»Sei nicht albern, Edwin. Dort muss Pamela Rupert unterbringen, wenn sie zu Besuch kommen.«

»Nun, dann zumindest vorübergehend, meine Liebe. Das Kind wird sich in der Kinderstube am ehesten zu Hause fühlen.«

Poppy sah ihn dankbar an. Er schien nett und hatte freundliche Augen.

»Du bist also Poppy Brown«, stellte er fest und streckte die Hand aus. »Sehr erfreut. Mein Name ist Edwin Carroll.«

»Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mister.« Poppy schüttelte ihm die Hand und war überrascht, wie zart seine Haut war. Ganz anders als die schwieligen Hände ihres Dads.

Mrs. Carroll schnaubte hörbar. »Die Antwort auf ›sehr erfreut‹ ist einfach ›sehr erfreut‹, nicht ›Es freut mich, Sie kennenzulernen‹. Und es heißt ›Sir‹, nicht ›Mister‹.«

Mr. Carrolls Stirnfalten verzogen sich zu einem Runzeln. »Ich denke, die Benimmregeln haben Zeit, bis sich das Mädchen eingelebt hat, Marina.« Er lächelte sie mit seinen von dicken Brillengläsern vergrößerten Augen freundlich an. »Geh jetzt mit Olive. Sie wird dir die Kinderstube einrichten. Und morgen plaudern wir ein wenig, dann kannst du mir von deiner Familie in – was war es noch? – Caterham erzählen.«

»West Ham, Edwin«, meinte Marina schnippisch. »Nimm sie mit, Olive. Wir essen um acht Uhr zu Abend, ganz egal, ob Guy pünktlich nach Hause kommt oder nicht.«

»Ja, Ma’am.« Olive packte Poppy am Arm und zog sie aus dem Zimmer.

Mrs. Toon erklärte, sie sei viel zu beschäftigt mit dem Abendessen, um sich um Kleinigkeiten wie Poppys Komfort zu kümmern. Also beauftragte sie Olive und Violet damit, die alte Kinderstube für Poppy herzurichten.

Murrend stapfte Olive die drei Treppen nach oben; Violet trug widerwillig einen Stoß frischer Bettwäsche, und Poppy folgte ihnen erschöpft mit nichts als der Gasmaske und ihrer Zahnbürste, was alles war, was ihr noch blieb, nachdem Mrs. Toon ihre spärlichen Besitztümer in dem Ding verbrannt hatte, dass sie Aga-Herd nannte.

Olive und Violet richteten Poppy im Schlafzimmer neben der Kinderstube ein Bett her. Nach einer Menge Gezänk und ein wenig halbherzigem Herumwischen mit einem Staubwedel befanden sie, dass sie ihr Tagewerk getan hätten. Olive stolzierte aus dem Raum, gefolgt von Violet, die sich an der Tür noch einmal umdrehte und Poppy die Zunge herausstreckte. »Schlaf gut, Popeye. Und keine Angst vor dem Gespenst. Die weiße Lady macht nicht mehr, als einem die Bettdecke wegzuziehen oder Sachen im Zimmer herumzuwerfen.«

Die Tür fiel ins Schloss, und Poppy hörte regungslos zu, wie sich Olives und Violets Schritte die Treppe hinunter entfernten, dann wurde es still um sie. Sie war keine Stille gewöhnt. In den beengten Wohnverhältnissen in der Quebec Road Nummer 18 ging es immer laut zu: Das Haus hallte von tiefen Männerstimmen und dem Trampeln von Dads und Joes schweren Stiefeln auf dem Linoleum wider; oder Mum und Gran plauderten lautstark, während sie die Wäsche auf dem gläsernen Waschbrett schrubbten, die Asche aus dem Ofen siebten oder auf die abgewetzten Teppiche eindroschen, die im kleinen Garten auf der Teppichstange hingen. Poppy kamen die Tränen, als sie an Mum und ihr müdes, aber immer noch hübsches Gesicht und ihre von der Arbeit geschundenen Hände dachte. Sie roch immer nach Lifebouy-Seife, außer wenn sie mit Dad ins Kino ging. Dann trug sie ein wenig von dem Californian-Poppy-Parfüm auf, das Poppy von ihrem Ersparten bei Woolworth’s gekauft und ihr zum Geburtstag geschenkt hatte.

In der Kinderstube standen Möbel, die offenbar in den Empfangsräumen nicht mehr benötigt wurden. Unter einem der großen Fenster standen ein Kindertisch und –stuhl, und in einer Zimmerecke sah Poppy ein ramponiertes Puppenhaus. Ein Teetischchen und zwei Stühle nahmen die Mitte des Raums ein, und zwei durchgesessene Lehnstühle standen zu beiden Seiten des Kamins. Es war kein besonders heiterer Ort, und Poppy fröstelte, obwohl es heiß und stickig im Zimmer war. Sie konnte sich gut vorstellen, wie die weiße Lady in einem der Sessel säße oder mitten in der Nacht zu ihr käme. Sie hatte schon von Spukhäusern gelesen, und die waren immer alt und riesig, genau wie Squire’s Knapp.

Sie hastete ins Schlafzimmer hinüber und schloss die Tür hinter sich. Dieses Zimmer war etwas kleiner und heimeliger. Ein Gitterbett stand in der Ecke, ein flauschiger Teddybär lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Kissen. Den Rest des Zimmers nahmen zwei Betten ein, die von einem weißgestrichenen Nachtschränkchen getrennt wurden. Ein gelangweiltes Kind hatte mit Wachsmalern und Bleistift darauf herumgekritzelt. Für einen Augenblick war Poppy abgelenkt, und sie kletterte auf das Bett unter dem Fenster und ließ die Beine baumeln, während sie versuchte, die verwischte Schrift zu entziffern. Ihr war mehrmals mit Scheuermittel zu Leibe gerückt worden, sodass jetzt nur noch Strichmännchen mit sechs Fingern an jeder Hand und immer wieder der Name GUY in fetten Großbuchstaben zu erkennen waren. Poppy legte sich auf die Daunendecke aus roséfarbenem Satin und schloss die Augen. Sie war zu erschöpft, um sich die Zähne zu putzen oder das Flanellnachthemd anzuziehen, das Olive ihr unters Kissen gesteckt hatte.

Als Poppy am nächsten Morgen aufwachte, dachte sie für einen Augenblick, sie wäre wieder zu Hause in ihrer Kammer. Doch die leuchtend bunten Cretonne-Vorhänge, die in der Brise vor dem offenen Fenster wehten, waren nicht die Vorhänge in ihrem Schlafzimmer. Die Beatrix-Potter-Illustrationen an den Wänden waren ganz anders als die Zeitungsausschnitte und Bilder von Filmstars, die zu Hause über ihrem Bett hingen.

Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen, als sie die Erinnerungen an den gestrigen Tag wie eine schmerzliche Welle überfluteten. Sie lauschte auf Lebenszeichen im Haus, aber außer den Vögeln, die unten im Garten vor sich hin sangen, war alles still. Sie kniete sich aufs Bett und stützte die Ellbogen auf das Fensterbrett, während sie hinaussah. Ihr Zimmer befand sich auf der Rückseite des Hauses, mit Blick auf eine weite grüne Rasenfläche, ganz genau wie das Cricketfeld im West Ham Park. Zwischen einem Birkenwäldchen und dichten Sträuchern schimmerte der See wie ein Spiegel hervor. Eine Bewegung erregte Poppys Aufmerksamkeit, als weiter unten eine körperlose Hand aus einem Fenster auftauchte, einen gelben Staubwedel ausschüttelte und sofort wieder verschwand.

Poppy glitt vom Bett und wagte einen Vorstoß in das weiß gekachelte Badezimmer mit der riesigen gusseisernen Badewanne, die auf Klauenfüßen stand. Es gab zudem ein Waschbecken, das so groß war, dass man darin auch hätte baden können, und eine Klosettschüssel aus blaugemustertem Porzellan. Bei ihr zu Hause befand sich die Toilette in einem kleinen Häuschen direkt an der Hintertür. Damit ging es Familie Brown deutlich besser als den Bewohnern der Reihenhäuser in den ärmeren Stadtvierteln, die sich, wenn sie Glück hatten, eine Toilette pro Hinterhof, aber mit Pech mit der ganzen Straße teilen mussten. Poppy putzte sich die Zähne und machte eine Katzenwäsche, wie Gran es genannt hätte, denn sie konnte wohl kaum schmutzig sein, so gründlich wie Violet sie gestern geschrubbt hatte. Widerwillig zog sie die abgelegten Sachen der Tochter des Hauses an, und nach einem erfolglosen Versuch, den Kamm durch ihr zerzaustes Haar zu bekommen, band sie es mit einem Stück Schnur zusammen, das sie im Kinderzimmer gefunden hatte. Sie fragte sich, was sie nun tun sollte. Ihr Magen knurrte; sie hatte schrecklichen Hunger, doch anscheinend hatte man sie vergessen. Vielleicht würde sie hier oben verhungern, und in einigen Jahren würde man ihre Knochen verstaubt in der verlassenen Kinderstube finden. Sie öffnete die Tür und ging den schmalen Korridor entlang bis zum Treppenabsatz. Über das Geländer gebeugt, spitzte sie die Ohren, doch sie hörte nichts als das Ticken einer schlanken Standuhr eine Etage tiefer. Also ging sie die drei Stockwerke hinunter in die Küche. Eine Welle von Geräuschen schlug ihr entgegen, als sie die Tür öffnete und Violet mit Kehrblech und Handfeger an ihr vorbeirauschte.

»Hatte dich ganz vergessen, Popeye«, sagte sie grinsend. »Geh Mrs. Toon besser aus dem Weg. Die ist auf dem Kriegspfad.” Sie schlug die gedämmte Tür zu, die die vornehme Ruhe der Wohnräume von dem Lärm im geschäftigen Untergeschoss abschirmte.

»Ach, du bist es!« Mrs. Toon blitzte Poppy an, während sie Brotteig knetete, als würde sie auf ihren ärgsten Feind einschlagen. »Ich kann dich hier heute nicht gebrauchen; ich habe zu viel zu tun.«

Unschlüssig stand Poppy am Fuß der Treppe und zeichnete mit der Schuhspitze Muster auf den Boden. Mrs. Toons Wangen leuchteten so rot wie die Geranien, die Gran in dem alten Spülstein im Hinterhof angepflanzt hatte. Ein paar graue Haarsträhnen waren aus der weißen Haube der Köchin entschlüpft und wippten wie Sprungfedern, als sie mit dem mehligen Nudelholz in Poppys Richtung wedelte. »Du hast bestimmt Hunger. Haben Kinder doch immer. In dem Topf auf dem Aga steht Porridge. Nimm dir was.”

Vorsichtig ging Poppy auf das Monstrum von Herd zu und wollte gerade nach der Schöpfkelle greifen, als Mrs. Toon zufällig über die Schulter schaute. »Doch nicht so!«, kreischte sie. »Um Himmels willen, Kind, du verbrühst dich noch.” Sie eilte herüber, schnappte die Kelle, füllte eine Porzellanschale mit Porridge und drückte sie Poppy in die Hand. »Auf dem Tisch steht Zucker. Nimm nicht so viel. Und auf dem Marmorbrett in der Speisekammer steht frische Milch. Aber verschütte ja nichts!«

Poppy verzog sich mit ihrem Porridge in die Küchenecke und beobachtete eingeschüchtert, wie Mrs. Toon zwei Frauen in harschem Ton Anweisungen erteilte. Die beiden, offenkundig Küchenhelferinnen, kamen in regelmäßigen Abständen mit großen Schüsseln voll geschältem Gemüse aus der Spülküche. Olive machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, wie Mum sagen würde, als sie mit einem Tablett voll dreckigem Geschirr die Treppe heruntergepoltert kam.

»Ich kann diese verdammten Jagdgesellschaften nicht ausstehen!«, maulte sie.

»Achte auf deinen Ton, Olive«, murrte Mrs. Toon auch gleich, während Olive in der Spülküche verschwand.

Es gab ein lautes Scheppern, und sie stolzierte zurück in die Küche, wobei sie sich die Hände an einem Geschirrtuch abwischte. Als sie Poppy sah, die sich große Mühe gab, unauffällig zu wirken, blieb sie stehen und kniff die Augen zusammen. »Du gehst mir heute besser aus dem Weg. Ich will nicht, dass Madam mir auch noch aufträgt, auf dich aufzupassen. Ich habe schon genug zu tun.« Sie schnappte sich einen Apfel aus einer Schale auf dem Tisch und biss hinein. »Übrigens, Mrs. Toon, halten Sie etwas Frühstück für Mister Guy warm. Er ist heute Morgen ausgeritten und noch nicht zurück.«

Diese Information schien Mrs. Toon nicht besonders gut zu schmecken, und Poppy beeilte sich aufzuessen. Sie brachte ihre leere Schale in die Spülküche, verschwand durch die Hintertür und fand sich auf einem gepflasterten, von Wirtschaftsgebäuden umstandenen Hof wieder. Aus der Waschküche waberten Dampfwolken und der vertraute Geruch von Kernseife und Natron. Eine Welle von Heimweh überkam Poppy, und mit einem Kloß im Hals lauschte sie den Waschfrauen, die während der Arbeit lachten und schwatzten. Zögernd blieb sie in der Tür stehen. Am liebsten wäre sie hineingegangen. Vielleicht war da drinnen eine mütterliche Seele, die sie in den Arm nehmen und ihr sagen würde, dass alles gut würde. Aber es war, als wäre sie unsichtbar. Alle waren viel zu beschäftigt, um sie zu bemerken.

Sie überlegte gerade, was sie nun tun sollte, da entdeckte sie in der steinernen Mauer ein Tor. Als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass es zu den Ställen führte. Der Geruch von Pferdemist, feuchtem Stroh und Leder war ihr fremd, aber nicht so unangenehm, wie sie sich vorgestellt hatte. Ein Pferd steckte seinen riesigen Kopf aus dem Stall, wieherte und stampfte mit den Hufen, und sie wich zurück. Mit diesem mächtigen Kiefer konnte es einem Mädchen bestimmt mit einem Happs den Kopf abbeißen. Einmal wäre sie beinahe von einem Zugpferd niedergetrampelt worden, seitdem hatte sie Angst vor den großen Tieren. Hinter ihr rief einer der Stallburschen etwas Unverständliches. Sie fürchtete, sie hätte etwas Verbotenes getan und rannte in Panik über den Hof, am Kutschenhaus vorbei, und hinein in eine sichere Gruppe von Rhododendren. Die Blätter schlugen ihr ins Gesicht, und die Zweige zerkratzten ihre nackten Beine, während sie sich ihren Weg durch das Geäst bahnte. Als eine große Taube dicht neben ihrem Kopf aufflatterte, schrie Poppy vor Schreck auf.

Plötzlich kam sie wieder in die Sonne, und ihr Herz schlug in ihrer Brust einen Trommelwirbel. Schotter knirschte unter ihren Füßen, als sie die Auffahrt entlanghechtete. Ganz in der Nähe hörte sie einen Hund bellen. Zu spät bemerkte sie das Stampfen von Pferdehufen auf dem trockenen Gras und den Warnruf, sie solle aus dem Weg gehen. Sie drehte sich um und erstarrte vor Angst. Das Pferd vor ihr bäumte sich auf, als der Reiter ihr auszuweichen versuchte. Sie hob schützend die Arme vors Gesicht und stürzte abermals in ein Meer aus Schwärze.

Zweites Kapitel

Als Poppy wieder zu sich kam, blickte sie in ein paar wütende braune Augen, die tief unter dunklen zusammengezogenen Brauen lagen. »Sind Sie Errol Flynn?«, murmelte sie. Sie sah klar umrissene Gesichtszüge und eine markante Kieferpartie, mit der der junge Mann vor ihr in jeder Menschenansammlung aufgefallen wäre. Momentan wirkte er ausgesprochen verärgert.

»Oh Gott, sie hat eine Gehirnerschütterung, Guy. Wir sollten einen Arzt rufen.«

Poppy bemerkte, dass sie auf weichen Kissen lag, und wo eben noch der Himmel gewesen war, befand sich eine Zimmerdecke. Irgendwo hoch über ihr baumelte ein Kristalllüster, und die Frauenstimme gehörte einer jungen, attraktiven Dame mit blonden Haaren, die aussah wie Ginger Rogers.

»Ich bin Arzt. Na ja, fast jedenfalls«, antwortete Mr. Guy mit einem schiefen Lächeln. »Und sie hat keine Gehirnerschütterung; sie ist in Ohnmacht gefallen. Umgefallen wie ein Kegel, nachdem sie den armen Goliath zu Tode erschreckt und mich dazu noch fast aus dem Sattel geholt hat.«

»Wer ist sie überhaupt?«, fragte die junge Dame und starrte Poppy neugierig an. »Und sind das nicht meine alten Sachen?«

»Sie ist aus London evakuiert worden, Schwesterherz. Mutter hat beschlossen, ihren Teil zu den Kriegsanstrengungen beizutragen.« Guy erhob sich von den Knien und strubbelte Poppy durchs Haar, offenkundig, ohne sich dabei das Geringste zu denken. »Wie heißt du noch mal, Kleine?«

»Poppy Brown, Mister.«

»Angenehm, Poppy. Ich bin Guy, und das ist meine Schwester Pamela. Ich fürchte, du hattest keinen sonderlich viel Optimismus produzierenden Start hier bei uns.«

Poppy hatte nicht die leiseste Ahnung, was er damit meinte, aber anscheinend verstand er, wie sie sich fühlte. Außerdem sah er wirklich gut aus, wenn er lächelte. Ihr fiel wieder ein, was Mum ihr über Umgangsformen beigebracht hatte. »Mir geht es gut, danke. Und es tut mir leid, wenn ich Ihr Pferd erschreckt habe, Mister, aber es hat mir zuerst Angst eingejagt.«

»Wir müssen etwas gegen deine Angst vor Pferden unternehmen, junge Dame. Du kannst nicht in dieser Gegend leben und jedes Mal in Ohnmacht fallen, wenn du einen Vierbeiner siehst.«

Ruckartig setzte Poppy sich auf. »Das Pferd vom Gemüsehändler hat mich die Straße runtergejagt und mich in den Hintern gebissen. Nein, Mister, in die Nähe von diesen fiesen Viechern geh ich ganz bestimmt nicht!«

»Zieh das Mädchen nicht auf«, sagte Pamela missbilligend. »Und in vornehmen Kreisen sagen wir nicht Hintern. Deine Ausdrucksweise ist wirklich fürchterlich. Wenn du länger hierbleibst, solltest du so schnell wie möglich in der Dorfschule angemeldet werden. Ich werde mit Mutter sprechen, sobald sie vom Schießen zurück ist.«

Poppy sah sie überrascht an. »Kämpft sie gegen die Deutschen?«

Guy warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Gegen die Deutschen würde ich meiner Mutter jederzeit Rückendeckung geben.«

»Jetzt bestärke sie nicht auch noch, Guy! Das Kind muss noch eine Menge lernen, und sie könnte in Schwierigkeiten geraten, wenn sie so etwas vor anderen Leuten erzählt.«

»Das ist Mutters Angelegenheit. Zum Glück.« Guy beugte sich zu Poppy hinunter, sodass sein Gesicht ganz nah an ihrem war. »Und was dich angeht, junge Dame, haben wir eine Verabredung mit Goliath, sobald es dir besser geht.«

Sie blinzelte zu ihm auf, berauscht vom Geruch von feuchtem HarrisTweed und seinem herben Parfüm. Plötzlich stand sie im Mittelpunkt, und endlich kümmerte sich jemand um sie. Na gut, dachte sie, er ist nicht ganz so hübsch wie Errol Flynn, aber er ist auch nicht übel. Ihre Schulkameradinnen würden grün vor Neid, wenn sie wüssten, dass sie mit jemandem unter einem Dach lebte, der wie ein Filmstar aussah. Guy schlenderte durch die geöffnete Terrassentür in den Garten hinaus. Plötzlich fiel ihr auf, dass Pamela etwas gesagt hatte.

»Du hast kein Wort gehört, Poppy. Bist du sicher, dass dir der Kopf nicht wehtut?«

Poppy sah Pamela an und versuchte, Ähnlichkeiten mit ihrem Bruder zu entdecken. Aber sie fand keine. »’tschuldigung, Miss. Was haben Sie gesagt?«

»Schon gut. Ich werde nach Olive schicken. Sie wird wissen, was mit dir zu tun ist.«

Poppy hielt nicht allzu viel von dieser Idee und kam langsam auf die Füße. »Mir geht’s schon wieder gut, wirklich.«

»Dann solltest du in der Kinderstube ein Buch lesen oder im Garten Ball spielen gehen oder so«, sagte Pamela mit einer vagen Handbewegung. »Hauptsache du bleibst im Dienstbotentrakt, wenn die Jagdgesellschaft im Speisezimmer ihren Lunch einnimmt. Das gilt auch für morgen. Genauer gesagt, dauern die Lunchgesellschaften bis zum Ende der Woche, also mach keinen Unfug. Wenn du nicht weißt, wie du dich beschäftigen sollst, frag einfach Olive oder Mrs. Toon.«

Poppy sah sie misstrauisch an. »Wenn ich etwas fragen darf, Miss. Auf wen schießen sie denn, wenn nicht auf die Deutschen?«

»Nun, der Zwölfte ist ja schon eine Weile her, nicht wahr? Die Jagdsaison hat angefangen. Ich dachte, das wüsste jeder.« Damit eilte Pamela aus dem Zimmer und ließ Poppy genauso ratlos zurück wie zuvor.

»Ach, da bist du, Poppy Brown. Ich habe dich schon gesucht.«

Guys Stimme erschreckte Poppy so sehr, dass sie beinahe vom Baum gefallen wäre. Sie hatte gedacht, sie wäre zwischen den Blättern der alten Eiche, auf die sie sich vor den fremden Menschen im Haus geflüchtet hatte, gut verborgen. Sie wusste nicht, wie lange sie schon auf dem Ast hockte, aber von ihrem Aussichtspunkt hatte sie die Jagdgesellschaft zurückkommen sehen: lauter feine Pinkel, in Tweed gekleidet und mit flachen Kappen, die ganz anders aussahen als die, die Joe und Dad immer trugen, wenn sie zu einem Heimspiel von West Ham gingen.

»Ich sehe dich, Kleine, also kannst du auch antworten.«

»Woher wusstest du, wo ich bin?« Sie hatte ihren Rock in ihre Unterhosen gesteckt, um besser klettern zu können, und wurde sich plötzlich bewusst, dass sie ziemlich viel Bein zeigte. Gran sagte immer, dass eine Lady niemals ihre Knie zeigte. Sie würde einen Anfall kriegen, wenn sie Poppy so sähe.

Mit der Leichtigkeit eines Athleten zog sich Guy hinauf und setzte sich neben sie auf den Ast. »Hier habe ich mich auch immer versteckt, wenn ich nicht gefunden werden wollte.«

»Ich wusste nicht, dass das dein Baum ist.«

»Jetzt weißt du es, Poppy! Aber ich erlaube dir, ihn zu benutzen, wenn nötig.«

»Aber du bist erwachsen. Du brauchst kein Versteck.«

Das Lächeln auf seinen Lippen erreichte nicht ganz seine Augen.

»Jeder braucht mal ein Versteck, Poppy. Erwachsene bilden da keine Ausnahme.«

»Verstehe.« Sie verstand es ganz und gar nicht, aber sie fühlte sich geschmeichelt, dass Guy sich ihr anvertraute. Für einen Augenblick schien er sie vergessen zu haben. Er holte ein Zigarettenetui aus seiner Brusttasche, nahm eine Zigarette heraus und zündete sie mit einem silbernen Feuerzeug an. Poppy sah ihm voller Bewunderung dabei zu, wie er mit dem Mund Rauchringe formte und sie in die Zweige hinauf entließ.

»Ich wünschte, das könnte ich auch.«

»Denk nicht mal dran. Rauchen ist nichts für kleine Mädchen.«

»Ich werde im April vierzehn.«

»Na, das macht natürlich einen großen Unterschied.«

»Du machst dich über mich lustig. Das ist nicht nett.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich wollte dir nicht wehtun. Ich weiß noch, wie das ist, wenn man fast vierzehn ist. Man ist kein Kind mehr und doch noch nicht erwachsen. Niemand nimmt einen ernst.«

Mit seinem Lächeln hätte er einen Eisberg zum Schmelzen bringen können, und Poppy hätte ihm alles verziehen. »Schon in Ordnung«, murmelte sie und wandte den Kopf ab, damit er nicht merkte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.

Er warf den Zigarettenstummel vom Baum. Er glomm kurz auf, bevor er vom feuchten Boden gelöscht wurde. »Und jetzt, Poppy«, verkündete er, »ist es Zeit für deine erste Reitstunde.«

Vor Schreck fiel sie fast vom Ast, aber er hatte sich bereits herabgehangelt, sodass er sich die letzten Zentimeter fallen lassen konnte. Nun stand er unten und forderte sie zum Springen auf. Halb kletterte, halb fiel sie, doch erstaunlich starke Arme fingen sie auf, stärker als Dads Arme, wenn er sie auf die Schultern hob, um mit ihr zu Hause im kleinen Garten Äpfel zu pflücken.

Guy stellte sie auf die Füße und ging mit großen Schritten in Richtung der Ställe davon. Poppy trottete ihm hinterher, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihm bis in die Hölle und wieder zurück zu folgen, oder sich im Bad einzuschließen. Dass sie ihm seine Neckereien verziehen hatte, war eine Sache – dass sie jetzt auf einem dieser furchteinflößenden Tiere reiten lernen sollte, war eine ganz andere.

Bei den Ställen angekommen, winkte er einen der Stallburschen zu sich und wies ihn an, Goliath zu satteln. Poppy zappelte nervös und schluckte reflexartig, als es ihr gallebitter aufstieß. Sie fühlte sich schwach und elend und wollte sich am liebsten wieder in den Schutz der Rhododendren flüchten, aber Guy schien ihre Angst zu spüren. Seine Hand schoss vor und packte sie wie ein Schraubstock am Handgelenk.

»Das machst du nicht«, sagte er streng. »Goliath ist sanft wie ein Lamm. Ich möchte nicht, dass du ihn schon wieder erschreckst.« Die Vorstellung, dass sich ein so riesiges Tier vor einer so zierlichen Person wie ihr erschrecken könnte, erschien Poppy trotz ihrer wachsenden Panik zum Lachen, und sie kicherte nervös. Der Stallbursche führte Goliath aus seiner Box. Guy streichelte sein Maul und sprach so sanft mit dem Tier, dass Poppy ganz eifersüchtig wurde. Sie trat einen Schritt zurück, als Goliath seine Mähne schüttelte und auf dem Kopfsteinpflaster mit den großen metallbeschlagenen Hufen scharrte. Aber Guy hielt sie noch immer am Handgelenk. Ohne ein Wort hob er sie hoch und setzte sie einfach in den Sattel. Poppys Beine waren nicht lang genug für die Steigbügel. Während Guy die Riemen einstellte, umklammerte sie mit geschlossenen Augen den Sattelknauf und betete, dass sie nicht herunterfallen würde. Der Boden schien meilenweit weg, und als sich das Pferd in Bewegung setzte, schrie sie vor Angst auf.

»Halt dich fest! Ich werde Goliath um den Hof herum führen. Ich lasse dich nicht herunterfallen, also brauchst du keine Angst zu haben.«

Poppys Beckenknochen federten auf dem Ledersattel, und ihr drehte sich beinahe der Magen um, während sie sich weiter festklammerte.

»Na, das ist doch gar nicht so schlimm, oder?«, sagte Guy, nachdem sie den Hof einmal umrundet hatten. Der Stallbursche und einer der Knechte applaudierten.

»N…nein«, murmelte Poppy, machte ein Auge auf und seufzte erleichtert, weil die Tortur vorüber war.

Guy hob sie aus dem Sattel und setzte sie auf dem Boden ab. Er zog ein paar Zuckerwürfel aus seiner Jackentasche und legte sie ihr in die Hand. »Streck deine Hand flach aus, sonst hält Goliath deinen Daumen für ein Stück Zucker und frisst ihn.«

Sie streckte die Hand aus und hielt die Augen geschlossen, bis sie sanfte, feuchte Lippen spürte, die den Zucker behutsam aus ihrer Hand nahmen. Sie öffnete die Augen und begegnete Goliaths klarem Blick. Es kam ihr so vor, als lächelte er sie an. »Er ist allerliebst«, flüsterte sie entzückt.

»Na siehst du, Poppy. Ich sagte doch, dass du keine Angst zu haben brauchst.« Guy stellte die Steigbügel wieder länger ein, bevor er sich mit der Leichtigkeit jahrelangen Trainings auf das Pferd schwang. Goliath tänzelte aufgeregt, ungeduldig, loszukommen, aber Guy hatte ihn vollkommen unter Kontrolle. Er lächelte zu Poppy herunter. »Cheerio, Kleine. Bis später.«

Sie winkte scheu, als Goliath und er davontrabten. Sie seufzte. Auf einmal fühlte sie sich ganz allein und schutzlos, während sie langsam in Richtung der Ställe ging. Plötzlich schwappte ein Schwall Dreckwasser auf ihre Sandalen und den Saum ihres Rocks.

»Hopsala. Pass auf, Stadtkind!« Der Stallbursche kam ihrem Gesicht ganz nah und entblößte eine Reihe schiefer Zähne. Einer der oberen Schneidezähne fehlte. »Oje. Du bist ganz dreckig. Das gibt Ärger.« Er grinste sie dümmlich an, den leeren Eimer immer noch in der Hand.

All die Gefühle, die sich seit Poppys Abreise von zu Hause angestaut hatten, brachen sich plötzlich in einem Wutanfall Bahn. Sie versetzte ihm einen Stoß gegen die Brust, der ihn aus dem Gleichgewicht brachte, und er fiel der Länge nach auf den Haufen Pferdemist, den er gerade aus den Ställen geschaufelt hatte. Zappelnd rang er nach Atem. Auf dem Hof erscholl das Lachen der anderen Stallburschen und Knechte, die aus der Sattelkammer gekommen waren und die Szene mit offensichtlicher Erheiterung beobachteten. »Geschieht dir recht, Guppy«, rief einer. »Wir haben dir doch gesagt, du bist zu jung, um hier zu arbeiten. Geh lieber wieder die Schulbank drücken.« Poppy richtete sich zu voller Größe auf, warf den Kopf zurück und marschierte in die Spülküche. Es gelang ihr, ungesehen an den Frauen vorbeizuschlüpfen, die im Keramikspülbecken Geschirr abwuschen, ebenso an Mrs. Toon, die mit über die Augen gezogener Haube auf dem Stuhl neben dem Aga-Herd saß und ein Nickerchen machte. Violet war nirgends zu sehen, und Olive und ein paar Frauen aus dem Dorf waren dabei, Tabletts für den Nachmittagstee herzurichten. Poppys Magen knurrte. Sie musste das Mittagessen verpasst haben, aber sie traute sich nicht, nach etwas zu essen zu fragen, damit niemand merkte, wie sie aussah. Zu Hause hatte niemals jemand die Hand gegen sie erhoben, abgesehen von einem Klaps mit einem nassen Wischtuch auf die Beine, als sie einmal Mum geärgert hatte. Aber sie war sich nicht sicher, ob man in diesem Haus nicht vielleicht doch die Rute benutzte. Wenn sie loszogen, um unschuldige Vögel zu erschießen, was würden sie dann erst mit einem Mädchen anstellen, das ein paar tadellose Kleidungsstücke ruiniert hatte? Sie schlich die Hintertreppe hinauf und gelangte ungesehen in die Kinderstube. Doch als sie die Tür hinter sich schloss, stand sie Pamela gegenüber, die sie ansah wie etwas, das die Katze auf die Fußmatte gewürgt hatte.

»Wie du aussiehst!«, sagte Pamela streng. »Was um alles in der Welt hast du gemacht? Und wo warst du die ganze Zeit? Mrs. Toon wollte einen Suchtrupp losschicken, wenn du bis zum Abendessen nicht wieder zurück gewesen wärest.«

»Mr. Guy hat mir das Reiten beigebracht«, antwortete Poppy.

»Nun, es sieht so aus, als wärest du dabei ins Torfmoor gefallen. Du solltest dich umziehen. Nein, zuerst solltest du ein Bad nehmen. Du riechst fürchterlich.«

»Ja, Miss.«

Pamela knirschte mit den Zähnen. »Das heißt nicht ›Ja, Miss‹. Das heißt ›Ja, Mrs. Pallister‹. Und bevor du dich waschen gehst, Poppy, möchte ich, dass du meinen Sohn Rupert kennenlernst. Und das ist sein neues Kindermädchen, Nancy Guppy.« Sie nickte in Richtung eines jungen Mädchens, das mit einem Kleinkind auf den Knien an einem niedrigen Tischchen saß. »Nancy wohnt im Dorf und ist nur tagsüber hier.«

›Noch so eine elende Guppy‹, dachte Poppy und beäugte das Mädchen misstrauisch.

»Bis wir entschieden haben, was wir mit dir machen, wirst du dir die Kinderstube mit Rupert teilen. Du bist sicher alt genug, um nachts ein Auge auf ihn zu haben. Glaubst du, damit können wir dich betrauen, Poppy?«

»Ja, M… Mrs. Pallister.« Poppy nickte energisch. Nancy gefiel ihr nicht; sie hatte Sommersprossen und ein verschlagenes Fuchsgesicht, aber Rupert grinste sie fröhlich an, wobei er in Streifen geschnittenen Buttertoast in ein weich gekochtes Ei tunkte.

»Gut.« Pamela klang erleichtert. »Jetzt nimm dein Bad. Ich werde dir nachher dein Abendessen bringen lassen. Mrs. Toon wird dich nicht vor den Füßen haben wollen, wenn sie das Dinner vorbereitet.«

Poppy ließ das Wasser ein. Diese Leute sind wirklich besessen von Sauberkeit, dachte sie, während es in die große eiserne Wanne rauschte. Selbst ihre Großmutter, die sich rühmte, die weißesten Laken der ganzen Straße zu haben, wäre beeindruckt. Gran war eine begeisterte Anhängerin von Unilevers Persil und benutzte das Pulver nicht nur für ihre Kochwäsche, sondern machte daraus auch eine Paste, mit der sie ihre faltige Haut schrubbte und sich sogar die Haare wusch. Immer wenn Poppy Persil roch, musste sie an Gran denken und an die kleine Küche in der Quebec Road an einem Montag, dem Waschtag. Freitag dagegen war Badetag. Während sie sich auszog, schwelgte sie in wohligen Erinnerungen an das Zuhause, das ihr so sehr fehlte, dass es wehtat. Dienstag war der Tag, an dem Mum den Ofen mit Ofenschwärze scheuerte, und mittwochs brachte Dad immer Sprotten mit. Am Donnerstag hatten Mum und Gran ihren Backtag, und das ganze Haus duftete nach warmem Biskuitkuchen und Jam Tarts voller blubbernd heißer Marmelade. Einmal hatte Joe eins vom Rost stibitzt, auf dem sie zum Abkühlen lagen, und hatte sich den Mund verbrannt. Gran hatte gesagt, das komme davon, aber Mum hatte ihm ein Glas kaltes Wasser und einen Kuss auf die Wange gegeben. Freitagabend gab es Fish and Chips, nachdem alle gebadet hatten. Als Jüngste kam Poppy immer als Letzte an die Reihe und war an lauwarmes Wasser und Inseln aus Seifenrückständen gewöhnt. Mit der Zehenspitze prüfte sie jetzt die Wassertemperatur, dann stieg sie in die Wanne, die ungefähr so groß wie die Serpentine im Hyde Park war. Das Wasser war heiß und glasklar, und sie hatte es ganz für sich allein. Keine Brösel auf dem Grund. Das war Luxus, aber es tröstete sie nicht darüber hinweg, dass sie nicht zu Hause bei ihrer Familie war. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Tränen quollen unter ihren Augenlidern hervor, rannen ihr die Wangen hinunter und tropften ins Badewasser.

»Bist du den Abfluss runtergespült worden?« Nancys schrille Stimme ließ sie aufschrecken. Schnell hielt sie sich ein Handtuch vor die nackte Brust. »Was willst du?«

»Ich will aufs Klo, Dummkopf. Was denkst du denn?«

»Ich komme jetzt raus.«

»Beeil dich, sonst komme ich rein, egal, ob du fertig bist oder nicht.«

Poppy stieg aus der Wanne und hatte sich kaum in das weiße Badetuch gewickelt, als Nancy hereinstürmte und sich ihr marineblaues Höschen herunterzog. Poppy machte, dass sie ins Schlafzimmer kam, und hatte sich gerade noch ein wenig feucht in ihre Sachen gezwängt, da kam Nancy auch schon wieder in die Stube geschneit.

»Puh. Das war knapp. Du hast ganz schön lange da drinnen gebraucht, Popeye. Ich dachte schon, du hättest dich ersäuft.«

»Nenn mich nicht Popeye, so heiße ich nicht.«

»Violet nennt dich so«, entgegnete Nancy grinsend. »Und Violet ist meine Cousine, also sei lieber nett zu mir, Popeye, sonst kriegst du’s mit ihr zu tun.«

Ehe Poppy eine schlagfertige Antwort einfiel, ging die Tür auf, und Violet kam mit einem schweren Holztablett herein, das sie auf das Tischchen knallte. Rupert erschreckte sich und fing an zu heulen.

»Ich hab schon genug zu tun, ohne euch beide zu bedienen«, grummelte sie.

»Da hast du’s, Vi. Du hast Master Rupert zum Weinen gebracht«, sagte Nancy vorwurfsvoll und nahm Rupert in den Arm, woraufhin er nur noch lauter heulte.

»Tja, es ist deine Aufgabe, ihn zu beruhigen«, entgegnete Violet schnippisch. »Und ich, ich muss euch bedienen, zusätzlich zu allem anderen. Ich renn mir hier die Hacken ab, und das Dinner mit den ganzen hochnäsigen Schnöseln kommt erst noch. Du kannst dich glücklich schätzen, Nancy Guppy, du hast es leicht.« Mit einem Türenknallen verließ sie das Zimmer.

»Blöde Kuh!«, murmelte Nancy. »Ich kann sie nicht ausstehen. Eingebildete Ziege.«

Poppy sah sie verwundert an. »Hast du nicht gesagt, sie wär deine Cousine?«

»Ist sie auch, aber deswegen muss ich sie noch lange nicht mögen, oder?« Nancy lud Rupert auf dem Boden ab wie einen Sack Kartoffeln. »Sei brav und geh spielen. Poppy und ich essen jetzt. Ich hab einen Mordshunger.«

Rupert blieb, wo sie ihn abgesetzt hatte, steckte sich den Daumen in den Mund und starrte Nancy mit großen Augen an. Er tat Poppy augenblicklich leid. Er war doch noch so klein, und er schien Angst vor Fuchsgesicht zu haben. Sie hob ihn hoch und nahm ihn auf den Schoß, während sie sich Brot und Milch in den Mund stopfte. Kaum hatte sie ihren größten Hunger gestillt, brach sie ein Stück Shortbread ab und gab es ihm. »Hier, Rupert«, sagte sie sanft. »Du bist ein braver Junge, nicht wahr?«

Er schlang seine kurzen Fingerchen um das Gebäck und lächelte sie an, als er es in den Mund steckte.

Nach dem Essen nahm Nancy das Tablett und ging zur Tür. »Pass mal kurz auf Rupie auf, Popeye. Ich bringe das Tablett runter, bevor sie wieder Vi raufschicken. Ich muss mich mit ihr gut stellen, weil ich mir ihre neue Bluse für den Tanz im Gemeindesaal am Samstag ausleihen will.«

Sie rauschte aus dem Raum. Poppy war erleichtert, mit Rupert allein zu sein. Sie setzte sich neben ihn auf den Boden, wo er still mit ein paar Holzbauklötzen spielte. »Ich bin Poppy, und ich werde abends auf dich aufpassen.« Sie hob ihn auf ihren Schoß.

»Poppy«, wiederholte er glucksend. »Poppy.« Er schlang seine Ärmchen um ihren Hals. Er war weich und warm wie ein Welpe, und es fühlte sich wundervoll an, geliebt und gebraucht zu werden, wenn auch nur für einen Augenblick, denn schon wurde es Rupert langweilig, und er wand sich, bis sie ihn wieder auf den Boden setzte und er zurück zu seinen Bausteinen tapste.

Sie half ihm gerade dabei, einen Turm zu bauen, als die Tür aufging und Pamela hereinkam.

»Wo ist Nancy?«

»Sie hat das Tablett nach unten gebracht, Mrs. Pallister.«

»Sag ihr, sie kann nach Hause gehen, wenn sie Master Rupert ins Bett gebracht hat. Danach musst du bei ihm bleiben. Ich vertraue darauf, dass du gut auf ihn aufpasst.«

Poppy nickte. Sprachlos bewunderte sie Pamelas Seidenkleid. Es schmiegte sich an ihren schlanken Körper und hatte einen schwingenden Saum, genau wie die Kleider, die Ginger Rogers in den Filmen trug. Es musste ein Heidengeld gekostet haben, die zweireihige, schimmernde Perlenkette, die sie um den Hals trug, nicht eingerechnet. Als Pamela sich hinunterbeugte, um ihrem Sohn einen Kuss auf die Locken zu geben, wehte der Hauch ihres teuren Parfüms zu Poppy herüber, das nichts mit den Düften gemeinsam hatte, die man bei Woollies kaufen konnte. Miss Pamelas Mann muss aber ordentlich reich sein, dachte sie neidisch. Wenn sie genug Geld sparte, könnte sie Mum vielleicht eines Tages auch so ein Parfüm kaufen. Mum liebte schöne Dinge, und auch wenn sie sich nie beklagte, hatte Poppy sie oft dabei beobachtet, wie sie durch die alten Modezeitschriften blätterte, die sie von der Arbeit als Putzfrau im Zeitschriftenladen in der High Street mitbrachte.

»Gute Nacht, mein Liebling«, gurrte Pamela. »Gib Mummy einen dicken Kuss.«

Rupert gehorchte und wandte sich dann wieder seinem Turm zu.

»Dann lasse ich euch allein.« Pamela blieb vor dem Spiegel über dem Kamin stehen und strich eine eingebildete Haarsträhne zurück in Position. Poppy war beeindruckt. Sie kannte solche hochgesteckten Locken nur aus dem Picturegoer-Magazin.

»Sie sehen hübsch aus«, sagte sie schüchtern.

»Danke, Poppy. Es ist ja heute Abend auch ein besonderer Anlass.«

»Was ist der besondere Anlass?«, fragte Poppy, als Nancy fast eine halbe Stunde später zurückkam. »Was ist dort unten los?«

»Das geht dich nichts an!«, antwortete Nancy schnippisch, die anscheinend schon wieder bereute, vorhin ein Gespräch mit Poppy angefangen zu haben. »Na, komm, Rupie, alter Junge, ab in die Wanne und dann ins Bett, damit ich nach Hause gehen kann.«

»Aber was ist so Besonderes los? Mrs. Pallister war hergerichtet wie ein Filmstar. Sie sieht so hübsch aus.«

Nancy blieb mit Rupert im Arm, der mit rotem Gesicht lautstark protestierte, in der Tür zum Schlafzimmer stehen.

»Na ja, sie feiern jedenfalls nicht, dass du jetzt hier bist und uns auf die Nerven gehst, Popeye. Aber wenn du’s unbedingt wissen willst, es ist wegen Mr. Guys Freundin, Amy Fenton-Jones. Sie war über ein Jahr lang in der Schweiz, wegen der Gesundheit, aber jetzt ist sie wieder da und kerngesund. Da freut sich jemand, würde ich sagen.«

Poppy antwortete nicht. Mit Schrecken wurde ihr klar, dass ihr Held mit einer jungen Dame ausging, genau wie Joe, der Mabel seit fast sechs Monaten den Hof machte. Nancy stapfte durchs Schlafzimmer und schlug die Badezimmertür hinter sich zu. Poppy hörte Rupert protestieren, Wasser spritzen und einen Schwall böser Worte aus Nancys Mund. Am liebsten wäre sie ins Badezimmer gegangen, um Rupert zu retten. Zum Glück war es nach ein paar Minuten vorbei, und Rupert wurde in seinem Bettchen abgelegt, wo er vor sich hin schluchzte.

Nancy schnappte ihre Strickjacke und ging Richtung Tür. »Ich bin weg. Viel Glück mit Seiner Hoheit. Die unten sagen alle, dass er schlecht schläft. Ich wette, das hat sie dir nicht erzählt.«

Dann war sie fort, und Poppy blieb allein mit Ruperts vereinzelten, unterdrückten Schluchzern. Sie lugte durch die Tür, doch er lag auf dem Rücken, nuckelte am Daumen, und langsam fielen ihm die Augen zu. Sie wartete, bis er eingeschlafen war, dann zog sie die Tür zu.

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