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Wild Claws: Im Auge der Python

Max Held

Max Held wurde in Nairobi geboren. Schon immer interessierte er sich für Tiere, und so verbrachte er endlose Stunden mit der Beobachtung von Gorillas, Krokodilen und Jaguaren. Als Erwachsener arbeitete er in Nationalparks rund um die Welt, bevor er sich schließlich in Deutschland niederließ und damit begann, seine Abenteuer in Form von Kinderbüchern niederzuschreiben. Treue Begleiterin seit vielen Jahren ist seine Vogelspinne Elfriede.

Timo Grubing

Timo Grubing, 1981 in Bochum geboren, ist nach seinem Designstudium in Münster in seine Geburtsstadt zurückgekehrt. Dort lebt und arbeitet er als freier Illustrator für Kinder- und Jugendbücher, Schulbücher oder auch für Familienspiele und Rollenspiele. Seine Begeisterung für schuppige Tiere geh so weit, dass er liebend gern einen Drachen als Haustier hätte, und wäre der Traum, Illustrator zu werden, nicht in Erfüllung gegangen, so würde er als Tierpfleger im Jurassic Park arbeiten.

Mrs Carwinkle spitzte die Ohren. Diesmal hörte sie das Geräusch ganz deutlich. Es kam von draußen.

Die alte Dame trat leise auf den Flur hinaus und öffnete den Wandschrank unter der Treppe. Sie griff nach der doppelläufigen Schrotflinte, die noch von ihrem Mann stammte – Gott sei seiner armen Seele gnädig –, und prüfte die Patronenkammern. Zwei Kugeln steckten in den Läufen.

Mrs Carwinkle schloss den Lauf und schlich zur Tür. Rudi stürmte bellend heran.

»Bist du wohl still!«, ermahnte Mrs Carwinkle den Schäferhund. Dann öffnete sie vorsichtig die Haustür.

Schwülwarme Tropenluft schwoll ihr entgegen. Der September gehörte zu den wärmsten Monaten in Florida und selbst nachts fielen die Temperaturen nur selten unter fünfundzwanzig Grad Celsius. Die feine Sichel des zunehmenden Mondes zeichnete sich am schwarzen Nachthimmel ab, umringt von Tausenden Sternen. Ein leises Plätschern erinnerte daran, dass die feuchte Marschlandschaft, in der Mrs Carwinkles Haus wie eine einsame Bastion stand, permanent in Bewegung war.

Erst jetzt bemerkte die alte Dame, dass etwas fehlte. Die Geräusche der Tiere. Normalerweise war es in Floridas Sumpfgebieten niemals still. Schon gar nicht nachts. Wenn die von Menschen gemachten Geräusche verebbten, brandeten die Laute der Natur wie Wellen auf dem Ozean auf. Grillen zirpten, Frösche quakten und Uhus riefen. Schlangen krochen durch das feuchte Gras und Alligatoren schwammen wedelnd durch die reichlich vorhandenen Wasseradern, die am Ende der Regenzeit gut gefüllt waren. Vier Monate lang hatte es nahezu täglich geregnet, meist ab nachmittags. Der ausgetrocknete Boden hatte die Feuchtigkeit gierig aufgesogen und die Tier- und Pflanzenwelt war zu üppigem Leben erwacht, um die Periode bis zur Trockenzeit zur Fortpflanzung zu nutzen. Die schwüle Luft war erfüllt vom Rufen der Amphibien und Insekten auf der Suche nach paarungsbereiten Artgenossen. Und ihre Geräusche waren selbst bei geschlossenen Fenstern mitunter so laut, dass Mrs Carwinkle schon einige Male mit dem Gedanken gespielt hatte, das betagte Haus mit doppelverglasten Fenstern nachzurüsten.

Umso verwunderter war sie, dass jetzt nichts zu hören war. Es war nicht nur leise – es war totenstill. Eine bedrohliche Stille, die von etwas verursacht wurde, das sich ganz nah am Haus der alten Dame aufhielt. Mrs Carwinkle konnte es spüren: Etwas schlich durch die Dunkelheit.

»Hallo?«, rief sie zögerlich in Richtung des dichten Kiefernstreifens, der sich etwa fünfzig Meter entfernt wie ein schwarzer Vorhang erstreckte. »Ist da wer?«

Mrs Carwinkle hoffte beinahe, dass jemand antwortete. Dann wüsste sie wenigstens, dass es ein Mensch war, der da um ihr Haus strich – auch wenn seine Absichten höchstwahrscheinlich zweifelhaft waren.

Natürlich konnte es sich um irgendein nachtaktives Tier handeln – einen Puma oder Schwarzbären, der durch den Müll im Abfallcontainer angelockt worden war. Aber würde deshalb die Natur komplett verstummen?

Nein, es musste etwas anderes sein. Etwas jenseits von Mensch und Tier. Vielleicht ein Dämon. Oder ein … Wendigo.

Ein lautes Geräusch ließ sie zusammenzucken. Mrs Carwinkle riss die Flinte hoch. Ein Schatten erhob sich aus den Kiefernwipfeln und flatterte davon. Am trägen Flügelschlag erkannte die alte Dame, dass es ein Pelikan gewesen sein musste. Aufgescheucht durch …

Da war es wieder! Dieses Schlurfen und Schmatzen, das Mrs Carwinkle schon im Haus gehört hatte. Als würde ein dicker Schlauch durch eine Pfütze gezogen.

Rudi bellte. Er wollte raus und den unheimlichen Eindringling verscheuchen. Aber Mrs Carwinkle versperrte ihm den schmalen Durchlass zwischen Tür und Rahmen mit dem Bein. Denn wenn dort wirklich ein Wendigo herumschlich …

Da! Wieder!

»Verschwinde!«, rief Mrs Carwinkle und ihre Stimme überschlug sich fast. »Hau ab oder ich schieße!«

Sie wusste zwar nicht, ob man einen Wendigo überhaupt erschießen konnte. Aber was sollte sie sonst tun? Jemanden zu Hilfe rufen konnte sie nicht, sie besaß ja nicht mal ein Telefon.

Langsam gewöhnten sich ihre altersschwachen Augen an die Dunkelheit und sie glaubte, einen Schatten zwischen den Bäumen zu erkennen. Er war groß wie ein ausgewachsener Mann und bewegte sich rasch entlang des Kiefernstreifens.

Die alte Dame setzte den Gewehrkolben an die rechte Schulter und drückte ab. Der Schuss zerfetzte die Stille. Dutzende Vögel flatterten auf. Und für einen Augenblick war Mrs Carwinkle vom lauten Knall der abgefeuerten Kugel wie benommen.

Deshalb bemerkte sie zu spät, dass sich Rudi an ihr vorbeidrängte und laut bellend ins Dunkel hetzte – genau zu der Stelle, auf die Mrs Carwinkle gefeuert hatte.

»Rudi!«, rief sie erschrocken aus. Aber der Schäferhund hörte nicht. Er stürzte sich ins Dickicht und knurrte wütend. Dann jaulte er auf.

»Rudi!«, brüllte Mrs Carwinkle noch einmal. »Rudi!«

Hektisch holte sie aus der Kammer unter der Treppe eine Taschenlampe. Mit zitternden Händen richtete sie einen Lichtstrahl in die Dunkelheit. Ein rotes Auge leuchtete auf und funkelte ihr entgegen. Das war zu viel für die alte Dame. Zu Tode erschrocken ließ Mrs Carwinkle die Taschenlampe fallen, im nächsten Moment brach sie bewusstlos zusammen.

Das schmatzende Geräusch zog sich ins Dunkel zurück. Dann wurde es wieder still. Totenstill.

Die Everglades, eine tropische Marschlandschaft, die selten höher als zwei Meter über den Meeresspiegel reicht, liegen ganz im Süden der USA, im Bundesstaat Florida. Im Laufe der Besiedelung wurde ein großer Teil des Sumpfgebiets trockengelegt und für Wohnflächen und Äcker genutzt. Tiere und Pflanzen reagierten auf diese Eingriffe des Menschen so empfindlich, dass schließlich ein Fünftel der Fläche zum Nationalpark erklärt und sogar UNESCO-Weltkulturerbe wurde – und nicht nur das: Inzwischen steht diese Landschaft auch auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes.

Der Everglades Nationalpark war bis auf wenige Ausnahmen unbebaut. Nur eine einzige feste Straße führte von der nächsten größeren Stadt Homestead ins Sumpfgebiet und endete in Devils Horn, einem kleinen Ort, der durch die Tropenstürme Katrina und Wilma im Jahre 2005 so stark zerstört wurde, dass die meisten der ohnehin nicht gerade zahlreichen Bewohner in den Norden Floridas oder auf die südlich gelegenen Florida Keys, eine Reihe tropischer Inseln, gezogen waren. Übrig blieb eine Handvoll Idealisten in einem Dutzend Wohnhäuser sowie die Rangerstation Wild Claws.

Die Mitarbeiter der Station kümmerten sich um die große Tier- und Pflanzenwelt der Everglades: 1100 Pflanzenarten wuchsen im Nationalpark und mehr als 350 Vogelarten waren hier heimisch. In den Sümpfen gab es Alligatoren, Krokodile, Pumas und Schwarzbären. In tieferen Gewässern schwammen Seekühe, an der Küste zogen Haie ihre Bahnen. Handtellergroße Spinnen und dunkle Skorpione huschten durch die Kiefernwälder, die sich wie Inseln aus dem Marschland hoben. Zwischen den Mangroven an der Küste, die das Süß- vom Seewasser trennten, lebten zahlreiche Fischarten. Und die Luft schwirrte von Mücken. Die Everglades waren das reinste Paradies für Tiere und Pflanzen. Ein Paradies, das geschützt werden musste.

Jacob Matthews jagte das Propellerboot mit Höchstgeschwindigkeit durch die Sümpfe. Er war spät dran, weil er noch auf seinen Kumpel Logan gewartet hatte. Normalerweise fuhren Jack und Logan gemeinsam ins knapp vierzig Kilometer entfernte Homestead, wo sie die Middle School besuchten. Heute jedoch kam Logan nach einigem Hin und Her doch nicht mit: Am Tag zuvor waren Jack und Logan nämlich auf der Suche nach Fröschen durch den Sumpf gestakt – nicht ahnend, dass direkt über ihnen eine Schlange ihren Mittagsschlaf hielt. Logan streifte sie aus Versehen mit seinem Stock, die Schlange fiel ins Wasser und biss zu. In Logans Wade.

Blöderweise handelte es sich um eine Wassermokassin, deren Gift für den Menschen tödlich sein konnte. Glücklicherweise biss sie zu, ohne ihre Giftdrüsen einzusetzen – ein Abwehrbiss, der signalisieren sollte: Hau ab oder ich werde ungemütlich.

Trotzdem waren die beiden Freunde so schnell wie möglich nach Devils Horn zurückgekehrt. Dort wohnten Jack und seine Familie sowie Logan und seine Mum, die außerdem auch noch die Leiterin der Rangerstation Wild Claws war. Sie untersuchte das Bein ihres Sohns und stellte fest, dass ihm kein Serum verabreicht werden musste. Weil sich die Wunde über Nacht jedoch leicht entzündet hatte, sollte Logan nun doch einen Tag zu Hause bleiben, um kein Risiko einzugehen, und so holte Jack jetzt das Letzte aus der Scorpion heraus und raste mit fast fünfzig Stundenkilometern über die Sumpflandschaft hinweg.

Das Propellerboot gehörte zur Flotte seiner Eltern, die in Homestead eine Flugschule und einen Bootsverleih betrieben. Und weil man in den Everglades ohne schwimmenden Untersatz aufgeschmissen war, hatte Jack schon vor zwei Jahren – zu seinem zehnten Geburtstag – ein eigenes Propellerboot bekommen.

Im Laufe der Zeit hatte er die Scorpion mit einigen Extras ausgestattet: einer Angelausrüstung inklusive Catcher, ein paar Käfigen für kleinere Tiere, die er hin und wieder mit Logan für dessen Mum fing, und natürlich den Dosenhaltern, die er direkt neben dem Lenkrad angebracht hatte. So ausgestattet hatten er und Logan schon endlose Stunden im Sumpf mit Angeln, Reden und Chillen zugebracht. Jack liebte die Everglades und alles, was mit ihnen zusammenhing.

Außer die Mücken.

Das Wasser spritzte zu den Seiten, der Bug wippte auf und ab. Jack warf einen nervösen Blick auf die Uhr. Er konnte es noch schaffen, aber es durfte nichts mehr dazwischenkommen. Er zog das Basecap stramm über seine kurzen braunen Haare und prüfte den Sitz seiner Sonnenbrille, die er gegen den Fahrtwind trug. Dann holte er das Letzte aus dem Motor raus.

Als er eine Kieferninsel umfuhr, tauchte plötzlich ein Schatten aus dem Unterholz auf. Reflexartig riss Jack das Steuer herum. Das Propellerboot driftete zur Seite und das Heck schlug aus. Die Wucht der unvorhergesehenen Bewegung schleuderte Jack in hohem Bogen aus dem Boot. Mit einem satten Platsch landete er im Sumpf, während der Nothalt den Propeller abschaltete und das Boot zum Stehen kam.

Noch ganz benommen sah er sich um und fragte sich, was das gewesen sein konnte. Ein Wildschwein? Ein Puma? Ein Schwarzbär? Dann steckte er in Schwierigkeiten. Also wischte er sich so schnell wie möglich das Wasser aus dem Gesicht und rappelte sich auf. Seine abgeschnittene Löcherjeans und sein T-Shirt mit der Karte von Florida waren schmutzig und nass. Aber das machte ihm die geringsten Sorgen. Erst einmal musste er wissen, wer ihn aus dem Sitz gehauen hatte. Als er sah, mit wem er es zu tun hatte, war er überrascht.