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Wild Games – Mit einem einzigen Kuss

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7.   1
  8.   2
  9.   3
  10.   4
  11.   5
  12.   6
  13.   7
  14.   8
  15.   9
  16. 10
  17. 11

Weitere Titel der Autorin

Wild Games – In einer heißen Nacht

Wild Games – In deinen starken Armen

Wild Games – Ein verführerisches Spiel

Midnight Liaisons – Zur Gefährtin erwählt

Midnight Liaisons – Zum Biss verführt

Midnight Liaisons – Zur Unsterblichkeit geboren

Midnight Liaisons – Zur Liebe verdammt

Midnight Liaisons – Zur Leidenschaft bestimmt

Perfect Touch – Ungestüm

Perfect Touch – Intensiv

Perfect Touch – Ergeben

Perfect Touch – Untrennbar

Perfect Touch – Vereinigt

Über dieses Buch

Wie konnte das nur passieren? Statt die nächste Köstlichkeit zu backen, findet sich Konditorin Katy plötzlich in der Reality-Show World Races wieder: einem Rennen um die Welt! Das Preisgeld kann sie zwar für ihre frisch eröffnete Bäckerei gut gebrauchen, aber dass sie ausgerechnet mit dem Rockstar und Frauenschwarm Liam ein Team bilden muss, ist wirklich eine harte Nuss. Vor allem, weil sie eine heiße Romanze vortäuschen müssen, um nicht aus der Show zu fliegen. Doch Katy weiß schon bald nicht mehr, was gespielt ist - und was echt …

Über die Autorin

Jessica Clare lebt mit ihrem Mann in Texas. Ihre freie Zeit verbringt sie mit Schreiben, Lesen, Schreiben, Videospielen und noch mehr Schreiben. Sie veröffentlicht Bücher in den unterschiedlichsten Genres unter drei verschiedenen Namen. Als Jessica Clare schreibt sie erotische Liebesgeschichten. Ihre Serie Perfect Passion erschien auf den Bestseller-Listen der New York Times, der USA Today und des Spiegel.

JESSICA CLARE

Wild Games

MIT EINEM EINZIGEN KUSS

Aus dem amerikanischen Englisch von
Angela Koonen

1

»Warum will ich bei der Sendung dabei sein? Weil das Label es wollte? Es ist nicht so, als hätte ich sie angefleht, mich ins Fernsehen zu bringen. Ich würde lieber im Studio sitzen.« – Liam Brogan, Lead-Gitarrist von Finding Threnody, Vorabinterview

»Stellen Sie sich vor die Kamera, Schätzchen, und sagen Sie uns, wie Sie heißen.« Die Stimme der Assistentin schallte durch die Casting-Kabine.

Nervös trat ich mit meiner großen Schachtel ins blendende Licht. Ich ignorierte den Impuls, meine Augen mit der Hand abzuschirmen, und begnügte mich damit, sie zusammenzukneifen. »Hallo allerseits. Ich heiße Katy Short.«

»Erzählen Sie uns, wie alt Sie sind und was Sie beruflich machen.« Die Stimme jenseits des Lichtkegels klang unendlich gelangweilt.

»Ich bin dreiundzwanzig, habe kürzlich meine Kochausbildung abgeschlossen und anschließend ein Unternehmen gegründet. Ein Cupcake-Geschäft.«

»Süß. Und warum wollen Sie bei Endurance Island mitmachen?«

»Das ist eine komische Geschichte«, erklärte ich grinsend. Ich bemühte mich, nett und offen zu wirken, was eigentlich nicht meine Art ist. Nicht umsonst nannte man mich auch die knatschige Katy. »Eigentlich bin ich nicht meinetwegen hier, sondern weil mein Bruder Brodie unbedingt bei Endurance Island teilnehmen will. Also helfe ich ihm dabei. Wir dachten, er hat eine bessere Chance, wenn wir zu zweit vorsprechen.« Ich strahlte in die Kamera und klappte den Deckel der Schachtel hoch. »Und deshalb habe ich für alle etwas mitgebracht, damit Sie uns nicht vergessen, eine kleine Aufmerksamkeit von Katy’s Short Cakes

Bei der Enthüllung des Gebäcks gab es einige Ahs und Ohs von der Crew, was mich freute. Ich hatte mir ausgerechnet, dass sie um diese Uhrzeit vermutlich Hunger haben würden, und war deshalb bis in die Nacht aufgeblieben, um zu backen, damit die Kuchen ganz frisch waren. Ich musste zugeben, sie sahen lecker aus. Gelbe Zuckerguss-Spiralen auf makellosen dunklen Schoko-Cupcakes, jeder mit einer schimmernden Schokoladenganache beträufelt und mit einer Kirsche garniert. Bei den Cupcakes in der Mitte fehlte die Kirsche, dafür hatte ich Marzipanbuchstaben geformt, die aneinandergereiht Brodies Namen ergaben, und zwar extra in der Schriftart des Endurance-Island-Logos.

Das gehörte alles zu unserem Plan, ihnen meinen Bruder als Kandidaten schmackhaft zu machen. Er redete über nichts anderes mehr, und ich dachte, wenn meine Kuchen helfen konnten, lohnte es sich, einen Samstagmorgen beim Casting zu verbringen. Brodie hatte sich in Gelb und Dunkelbraun gekleidet, passend zu den Cupcakes, und auch ich trug braune Leggings zu einem langen, weiten T-Shirt, auf dem »Nehmt Brodie« stand. An meinen blonden Zöpfen steckten zwei Kirschen. Wir waren zu allem bereit, um die Casting-Leute zu überzeugen.

Ich hielt mein Mitbringsel einladend ausgestreckt. »Ich dachte, um diese Zeit hat hier vielleicht jemand Hunger.«

Sofort eilte einer von der Crew herbei und nahm mir die Schachtel ab, worauf ein halbes Dutzend Hände zugriffen. Ich grinste, als ein paar freudige Ausrufe zu hören waren. Eine Frau mit Klemmbrett trat mit einem Cupcake in der Hand zu mir. Sie legte ihn ab, leckte sich Zuckerguss von den Fingern und nahm ihren Kuli.

»Die sind fantastisch. Wie war noch mal Ihr Name?«

»Katy Short«, wiederholte ich fröhlich. »Und ich bin hier, damit mein Bruder Brodie …«

»Was tun Sie beruflich, Katy?«

Ich verkniff es mir, die Stirn zu runzeln. Mensch, hatten die die Aufmerksamkeitsspanne einer Mücke, oder was? Ich blickte zu ihrem Cupcake. Das B war abgerutscht. Na, hoffentlich suchten die später, wenn sie anrufen wollten, in ihrer Liste nicht nach einem Rodie statt nach Brodie. »Ich bin Buchhalterin.«

Ausdruckslose Mienen.

Ja, sie hatten tatsächlich nicht aufgepasst. War ja klar. »War nur ein Scherz. Ich habe einen Onlineshop namens Katy’s Short Cakes. Ich backe Cupcakes nach Kundenwünschen und liefere landesweit.« Automatisch zog ich eine Geschäftskarte aus der Tasche und reichte sie dem Nächststehenden.

Die Frau zupfte sie mir aus den Fingern, warf einen Blick darauf und heftete sie an ihr Klemmbrett. »Sie sind bezaubernd, Katy. Und keck. Das gefällt uns. Also, erzählen Sie uns doch ein bisschen von sich.«

»Na ja«, begann ich gedehnt. »Ich bin mit meinem Bruder Brodie hier. Der ist auf jeden Fall noch kecker als ich.«

Als hörte sie das zum ersten Mal, blickte sie von ihren Notizen auf. »Sie haben einen Bruder?« Ein bedeutsames Funkeln trat in ihre Augen. Sie griff nach dem Cupcake und biss hinein. Dann streckte sie den Arm über den Kopf, schnippte mit den Fingern und machte mit der Hand eine Kreisbewegung. »Bring mal einer den Bruder her«, rief sie.

»Brodie heißt er. Sie essen gerade sein B. Ich bin nur seinetwegen hier.«

»Sie wollen nicht ins Fernsehen, Katy?«

Ich zuckte die Achseln. »Mir ist wichtiger, mein Geschäft voranzubringen. Aber es könnte doch ziemlichen Spaß machen.« Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Wenn die mich an Brodies Stelle casteten, würde er mich umbringen.

»Wie sportlich sind Sie?«

»Ähm.« Ich überlegte kurz. »Ich kann drei Dutzend Cupcakes tragen, ohne ins Schwitzen zu kommen.«

Aus der Richtung der Gebäckschachtel war Gekicher zu hören.

Die Casterin lächelte. An ihren Zähnen klebte gelber Zuckerguss. Ich leckte mir über die Schneidezähne, um ihr einen Wink zu geben. »Haben Sie einen Reisepass, Katy?«

Ich musste einen Moment überlegen, dann nickte ich. »Ja, und Brodie auch.«

»Perfekt«, sagte die Frau und schrieb dabei etwas auf ihr Klemmbrett. »Hat schon jemand den Bruder aufgetrieben?«, rief sie dann.

Ein langer, unangenehmer Moment verstrich, während ich von einem Bein aufs andere trat. Niemand fragte mich etwas, aber die Aufnahme lief weiter. Vielleicht war das ein gutes Zeichen. Dass sie nach Brodie suchten, hieß doch, sie waren an ihm interessiert, oder?

Jedenfalls erschien mein Bruder ein paar Minuten später. Neben dem kahlen Assistenten, der ihn hereinbrachte, fiel sein blonder Schopf besonders auf. Er wirkte aufgeregt. Ich drückte ihm in Gedanken die Daumen.

Der Assistent stellte Brodie neben mich.

Der nahm mich sofort in den Schwitzkasten und rieb mir mit den Fingerknöcheln über den Scheitel, dass es ziepte.

Ich kreischte auf und wand mich aus seinem Arm. »Du Blödmann!«

»Katy«, sagte er warnend, aber noch mit einem Lächeln, »das ist nur Spaß.«

»Dann hast du auch nichts dagegen, wenn ich dir aus Spaß in die Eier trete?«, brummte ich und strich mir über die misshandelte Stelle. Zu Hause war das schön und gut, na ja, jedenfalls nicht ganz so unerträglich. Aber hier? Vor laufender Kamera?

Zum Glück lachten alle. »Ihr seid süß«, meinte die Klemmbrettfrau.

Darauf legte Brodie einen Arm um meine Schultern, zog mich an seine Seite und strahlte in die Kamera. »Wie ich sehe, haben Sie meine kleine Schwester schon kennengelernt?«

»Partnerlook«, flüsterte jemand. »Die sind genau richtig. In der Besetzung fehlt doch noch ein Geschwisterpärchen, oder?«

»Ich weiß«, raunte die Casterin nach hinten. Dann lauter: »Also, Brodie, Sie sind der ältere Bruder?«

»Ja, Ma’am«, bestätigte er gut gelaunt. »Katy ist heute Morgen als seelischer Beistand mitgekommen. Sie weiß, wie gerne ich bei Endurance Island mitmachen will. Wir haben ein enges Verhältnis, verstehen uns bestens.«

Ich schnaubte.

In Wirklichkeit waren wir die sich ewig kabbelnden Geschwister, aber der Rest stimmte. Seit wir von dem Casting in unserer Stadt erfahren hatten, war Brodie ganz aus dem Häuschen gewesen. Dies sei seine Chance, hatte er immer wieder zu mir gesagt. Viele Reality-TV-Stars nutzten die Gameshow, um in Hollywood einen Fuß in die Tür zu bekommen, und wenn er auf diese Weise eine Karriere als Model oder beim Fernsehen starten konnte, dann war er bereit, alles zu geben. Ich hatte meine Zweifel, da von den Leuten im Reality-TV nur selten jemand nennenswerten Erfolg im Showgeschäft hatte. Brodie ließ sich davon jedoch nicht abhalten.

»Und ihr seid von hier?«

»Ja, Ma’am. Aus Broken Arrow, Oklahoma.«

»Schon mal durch die Welt gereist?«

Brodie sah zu mir runter. »Wir waren mal mit der Familie in Cancun. Katy hat sich einen Wahnsinnssonnenbrand geholt, sie war rot wie eine Tomate.«

»Das ist glatt gelogen«, warf ich ein und stieß ihn in die Seite. »So rot war ich gar nicht. Und er vergisst zu erwähnen, dass wir letzten Sommer für eine Woche in London waren. Aber wahrscheinlich zählt das nicht als Reise, da wir kaum aus den Pubs rausgekommen sind.«

Das brachte mir ein paar Lacher ein, und Brodie drückte mich nahezu schmerzhaft an der Schulter. Dafür griff ich von hinten in seine Seite, um ihn zu kneifen, wie immer, wenn er den großen Bruder herauskehrte.

»Katy will gar nicht wirklich mitmachen«, sagte er schnell, »sie ist nur als Unterstützung mitgekommen.«

Ich kniff ihn noch mal, damit er die Klappe hielt. Wo war sein weltmännisches Auftreten, wenn man es brauchte? Er kam rüber wie ein täppischer Hinterwäldler.

»Es tut uns leid«, sagte die Klemmbrettfrau. »Wir haben schon ein blondes Südstaatenpärchen für Endurance Island. Die Besetzung steht.«

Was für eine Enttäuschung! Armer Brodie. Bestimmt war er niedergeschmettert. Sein Arm auf meiner Schulter erschlaffte.

»Aber«, sprach die Frau weiter, »wir suchen noch Teams für die World Races, und das Bruder-Schwester-Duo ist in letzter Minute ausgefallen. Uns fehlt also ein Team.«

»Für die World Races?«, fragte Brodie.

»Team?«, quiekte ich.

»Ja«, bekräftigte die Frau begeistert. »Wir hätten Sie beide gern in Hollywood beim zweiten Casting dabei. Wenn Sie genommen werden, würden Sie für ein paar Wochen quer durch die Welt reisen. Das läuft ein bisschen anders als bei Endurance Island, aber Sie bekommen fremde Länder zu sehen. Was halten Sie davon?«

»Für ein paar Wochen?«, wiederholte ich. Meine Gedanken überschlugen sich. Zu Hause warteten Bestellungen auf mich. Eine große Hochzeit, mein wichtigster Auftrag bisher, musste in zwei Wochen beliefert werden, und mein Zeitplan war eng. Ich wollte die Cupcakes nach Dallas bringen und an Ort und Stelle verzieren, damit sie makellos aussahen. Eine mehrere Wochen dauernde Auszeit konnte ich mir nicht leisten.

Brodie wusste offenbar, was mir durch den Kopf ging, denn er fasste mir energisch um die Schultern. »Ich werde mir ganz sicher dafür freinehmen können.«

Ich verkniff mir eine sarkastische Bemerkung. Natürlich konnte er. Brodie kellnerte.

»Wenn Sie genommen werden, bekommen Sie ein Honorar von zwanzigtausend Dollar pro Team. Das Siegerteam gewinnt außerdem eine Viertelmillion Dollar.«

Mein Verstand setzte aus. Moment mal. Man würde uns dafür bezahlen, dass wir im Fernsehen auftraten? Zwanzigtausend Dollar, das hieß, zehn Riesen für jeden. Mit zehn Riesen würde ich mir eine spitzenmäßige Webseite und Werbung leisten können. Für meine Geschäftsgründung hatte ich nämlich keinen Kredit bekommen.

»Soll ich Sie als interessiert vermerken?«, fragte die Klemmbrettfrau. »Unserer Meinung nach sind Sie genau die Richtigen. Sie haben den typischen Südstaatencharme, sehen im Partnerlook super aus, und wir brauchen wie gesagt ein Geschwisterpärchen.«

»Wir sind dabei«, sagte Brodie ohne Zögern.

»Zwanzigtausend Dollar?«, platzte ich heraus, ehe ich mich besinnen konnte.

Die Klemmbrettfrau schmunzelte. »So ist es.«

»Klingt gut«, sagte ich. »Wann sollen wir nach Hollywood kommen?«

»Am nächsten Wochenende, wenn Sie Zeit haben.«

»Und ob wir Zeit haben«, versicherte Brodie und drückte mir so fest die Schulter, dass bestimmt ein blauer Fleck zurückbleiben würde. »Wir haben definitiv Zeit.«

2

»Ehrlich gesagt sehe ich in den anderen Teams keine ernsthafte Konkurrenz. Sie kennenlernen? Nein danke. Das überlasse ich Tesla. Sie ist die Kontaktfreudige von uns beiden. Ich bin bloß der Gitarrist.« – Liam Brogan, am ersten Tag der World Races

Mir war schlecht.

Die Sonne brannte auf uns herunter, der Rucksack auf meinen Schultern wog eine Tonne, und ich hatte das Gefühl, mich jeden Moment übergeben zu müssen, als eine der Spielassistentinnen uns an die Startlinie winkte.

»Es geht los«, sagte Brodie aufgeregt und schüttelte mich am Oberarm. »Bist du bereit?«

»Ich kotze gleich, wenn du mich weiter so schüttelst«, brummte ich.

»Du hättest was essen sollen«, meinte er ohne einen Anflug von Mitgefühl. Er beschirmte sich die Augen und beobachtete die anderen Teams, die an den Start kamen. »Glaubst du, wir sind die Fittesten?«

»Keine Ahnung, ist mir egal. Ob wir Zweiter oder Letzter werden, wir kriegen dasselbe Geld. Wobei uns selbst der letzte Platz noch drei Wochen Ferien in Acapulco einbringt.« Wer aus dem Rennen ausschied, wurde offenbar nach Acapulco in ein abgeschiedenes Strandhaus geschickt, damit keine Spoiler im Internet auftauchen konnten. Seit ich das erfahren hatte, war meine Motivation zu gewinnen im Keller. Geld und die Aussicht, sich für ein paar Wochen am Strand zu aalen? Wer wollte da noch auf Flughafenbänken schlafen?

Als hätte er meine Gedanken gelesen, warf er mir einen bösen Blick zu. »Katy, du solltest um den Sieg kämpfen wie noch nie in deinem Leben, denn sonst, ich schwöre bei …«

Ich hob eine Hand. »Werde ich. Erwarte bloß keine Begeisterung von mir, okay? Das Einzige, wofür ich mich jetzt ins Zeug legen würde, ist eine Tablette gegen Übelkeit.«

Aber er hatte recht: Ich hätte vorher etwas essen sollen. Natürlich hatte ich nicht damit gerechnet, dermaßen nervös zu sein.

Wir waren am Abend zuvor angereist und sofort in ein Hotelzimmer gebracht worden. Kein Kontakt mit der Außenwelt für die nächsten drei Wochen, so lautete unsere Geheimhaltungsvereinbarung. Keine Anrufe, keine E-Mails, nichts. Ich musste mein Geschäft vorübergehend ruhen lassen, und das machte mir ein bisschen zu schaffen, aber der Gedanke an die zwanzig Riesen half mir darüber hinweg. Ich würde es bei den enttäuschten Kunden später wettmachen.

Sofort nach dem Aufstehen wurden wir durch eine Reihe eng getakteter Vorbereitungen geschleust. Die für uns zuständige Casting-Assistentin durchsuchte unsere Taschen und entfernte alles, was »die Erfahrung beeinträchtigen« könnte. Also keine Sonnenbrille, keine Mützen außer den vorab vom Sender genehmigten, keine Kleidung außer der vorgeschriebenen, die uns zur Verfügung gestellt wurde. Ein Rucksack pro Nase. Keine Nahrungsmittel oder Getränke, nichts, was man an der Sicherheitsschleuse abgeben musste, und, speziell bei mir, kein auffälliger Lippenstift. Sie waren sogar so weit gegangen, meine Frisur festzulegen – die zwei albernen Zöpfe, die ich beim ersten Casting getragen hatte. Sie wollten mich mit einem bestimmten Look, hieß es. Wir würden in der Show jeder einen bestimmten Charakter darstellen, und jeder Charakter brauche ein einprägsames Äußeres. Das stand so in den Verträgen, und denen musste ich mich fügen. Leider war für mich der Look eines hinterwäldlerischen Cowgirls vorgesehen.

Daran war ich vermutlich selbst schuld. Wegen der blöden Zöpfe beim Casting.

Unsere Kleidung war gar nicht so übel. Die Sendung wurde von einem Sportartikelhersteller gesponsert, sodass alles, was wir am Leib trugen, mit dessen Logo versehen war, selbst mein Sport-BH und Slip. Jedes Team hatte mehrere Shirts in der Teamfarbe mit aufgedrucktem Vornamen. Brodie und ich waren gelb, und ich hatte schwarze Leggings mit einem gelben Streifen an der Seite, ein gelbes Shirt, einen passenden Hoodie und eine dick wattierte gelbe Jacke für kältere Klimazonen.

Nach der besagten Kontrolle wurden wir zu Vorabinterviews geschleift. Der Sender nahm ein gut einstündiges Interview mit mir auf, dann eins mit mir und Brodie zusammen, und anschließend wurden wir zu verschiedenen Presseauftritten für Radio und Fernsehen gescheucht, die irgendwann mal gesendet würden.

Zu guter Letzt wurden wir in ein Auto verfrachtet und zu dem Football-Stadion gefahren, in dem wir nun standen. Es war nicht irgendeins, sondern das der Cowboys. Über uns ragten die Tribünen mit den Sitzreihen auf, als wir umringt von Kameras aufs Spielfeld gingen.

In der Endzone blieben wir wie angewiesen stehen. In der Nähe testeten Kameraleute ihre Ausrüstung, während andere uns fürs Intro filmten. In einiger Entfernung saß der Moderator in einem Regiesessel und ließ sich das Make-up auffrischen. Brodie und ich waren die Ersten, was uns die Gelegenheit gab, die anderen ausgiebig zu mustern, wenn sie nach und nach eintrafen.

Ich wollte jetzt schon vor Lampenfieber zusammenbrechen. Wer hätte gedacht, dass ein Spiel derart stressen konnte?

Brodie stieß mich an. »Guck mal. Da kommt das erste Team.«

Wir hatten uns die ersten zwei Staffeln der World Races bei einem Fernseh-Marathon angesehen, um herauszufinden, wen wir als Konkurrenz zu erwarten hatten. Wie beim Casting erwähnt, gab es bevorzugte Rollentypen: Jungvermählte, beste Kumpel, beste Freundinnen (die sich natürlich mit den besten Kumpeln anfreunden sollten), ein Pärchen in der Kennenlernphase, Zwillinge, ein Elternteil mit Kind, ein Schwulenpaar, zwei D-Promis und ein Paar Ulknudeln zur Auflockerung. Dafür kamen entweder Rednecks oder Nerds infrage. Die schnitten bei den sportlichen Aufgaben immer unterirdisch ab, weil bei ihnen Fitness kein Auswahlkriterium war.

Manchmal überschnitten sich die Teammerkmale. Wenn die Ulknudeln zugleich Zwillinge waren, blieb dadurch Platz für einen weiteren Promi oder Rollentyp. Von einer redseligen Assistentin erfuhr ich, dass die Produzenten gern mal ein bisschen mischten, im Großen und Ganzen aber bei Stereotypen blieben. Wir kreieren eine Story, erinnerte sie mich.

Als ob ich das vergessen könnte. Typen, Story, beim Casting wurde das alle paar Minuten erwähnt.

»Beste Freundinnen«, murmelte Brodie an meinem Ohr. »Oder Lesben. Die sehen ziemlich muskulös aus.«

»Das ist gemein, Brodie. Du klingst schon wie die Casting-Leute.« Aber ich gebe zu, ich überlegte auch, welchen Rollentyp sie darstellten. Tatsächlich, sie sahen ziemlich kräftig aus. Und ich kannte sie nicht, also waren sie nicht die Promis. Demnach mussten sie die besten Freundinnen sein. Laut T-Shirt hieß die eine Summer, die andere Polly.

Kaum hatten sie auf einer markierten Stelle ein Stück von uns entfernt haltgemacht, kam schon das nächste Team aufs Feld.

»Mutter und Sohn.« Brodie stieß mich erneut an und musterte die beiden, die nach den Athletinnen an ihren Platz traten. »Wendi« und »Rick« waren einfach zu erkennen, fand ich. Wendi hatte graue Haare und eine matronenhafte Figur, und Rick, nun ja, Rick war ein dünner junger Mann mit Brille und engen Jeans, dem die langen Haare ins Gesicht hingen. Damit sollte er wohl trendy wirken, sah in Wirklichkeit aber bloß linkisch aus.

Die übrigen Teams kamen paarweise aus dem Tunnel auf das Spielfeld. Hal und Stefan in leuchtend rosa Shirts gingen Hand in Hand. Süß. Die mochte ich jetzt schon. Nach ihnen zwei blonde Frauen mit voluminöser Frisur und lauter Stimme, die mit den Händen redeten: Steffi und Cristi. Myrna und Fred waren das ältere Ehepaar, sahen aber ziemlich fit aus, trotz der weißen Haare. Es gab zwei Alphamännchen namens Joel und Derron, die auf ihrem Platz sofort eine militärische Haltung einnahmen, worauf Brodie die Stirn runzelte. Mein Bruder hatte was gegen ernstzunehmende Konkurrenten, und diese beiden sahen aus, als wären sie schwer zu besiegen.

Erleichtert war ich über einen Mann und eine Frau, die mit gleichen Vokuhilas, Cowboystiefeln, engen Wranglers und Shirts in Irischgrün auftraten. Gott sei Dank. Die Ulknudeln waren nicht wir.

»Hey, kommt da nicht Dean Woodall?«, flüsterte Brodie. »Der Olympiaschwimmer?«

Das machte mich glatt munter. Ich hatte ihn mal im Fernsehen gesehen. »Meinst du?«

»Ja. Und darüber bin ich gar nicht begeistert. Die haben diesmal eine Menge Sportler genommen.«

»Soviel ich weiß, hat er sich aus dem Sport zurückgezogen.« Ich kannte ihn durch Endurance Island, aus der Staffel vom vorigen Jahr. Ich hatte keine Folge verpasst, wegen der Romanze, die sich zwischen ihm und einer Kandidatin entwickelt hatte. Und tatsächlich war Abby bei ihm, in einem violetten T-Shirt. Ihre lockigen Haare waren zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden, und als sie sich an ihren Platz stellten, legte Dean einen Arm um ihre Taille. Echt süß. Sie waren eindeutig die Jungvermählten und die Promis.

So dachte ich jedenfalls.

»Heilige Scheiße.«

Ich riss mich vom Anblick des Promi-Pärchens los, um meinen Bruder anzusehen. »Was denn?«

»Da kommen die Stars«, hauchte Brodie, den Blick zum Tunnel gerichtet. »Mensch, die haben Finding Threnody engagiert.«

»Hm?« Der Name kam mir irgendwie bekannt vor, aber ich hätte nicht sagen können, woher. Brodie hatte sich direkt vor mich gestellt und versperrte mir den Blick durch die Lücke zwischen den anderen Teams. »Wer soll das sein? Eine Band?«

»Mann, Finding Threnody sind ständig in den Charts. Kennst du nicht ›Dark Stars‹? Oder ›Worm in the Apple‹?«

Äh, okay. »Hört sich nicht nach meiner Musik an. Ich mag keinen Rock.« Ich kniff ihn in den Arm. »Versperr mir nicht den Blick. Du bist nicht durchsichtig, Mann.«

Brodie seufzte und trat einen Schritt zur Seite. Trotzdem hatte ich auch jetzt keine freie Sicht auf die Neuankömmlinge, denn sie waren umringt von Kameraleuten, während sie über das Spielfeld zur Startlinie geschlendert kamen. Sie waren die Stars der Show, soviel war klar. Meinetwegen. Das beeindruckte mich nicht. Beide trugen Schwarz als Teamfarbe, und die Frau hatte sich die Haare schwarz und die Spitzen rot gefärbt. Ihre Nase war gepierct, Hals und Arme großflächig tätowiert. Der Mann hatte Piercings am Mund und in einer Augenbraue, und seine Arme waren genauso dicht tätowiert wie ihre. Er musterte die anderen Kandidaten düster, während die Frau uns alle anlächelte.

Auf den T-Shirts stand »Liam« und »Tesla«.

Na klar, so hießen Rockstars. Innerlich verdrehte ich die Augen, als die Frau an die Startlinie trat und ich ihre Jeans sah, die übersät waren mit Ketten und Reißverschlüssen. »Ich kann dir jetzt schon sagen, dass ich froh sein werde, wenn die wieder weg sind«, raunte ich Brodie zu. Die beiden waren mir spontan unsympathisch. Vielleicht lag es an ihrer Körperhaltung oder dem übertriebenen Interesse der Kameras, in jedem Fall aber brachten sie wenig Begeisterung auf. Sogar Dean und Abby – die ich für die Promis gehalten hatte – schienen sich auf den Wettkampf zu freuen.

Aber diese beiden? Die benahmen sich, als wäre es unter ihrem Niveau, sich mit uns abzugeben. Und das ärgerte mich. Trotz der Zöpfe und der abgeschnittenen Jeans entsprach ich nicht dem Klischee des freundlichen, offenen Mädchens vom Lande. Bevor ich jemanden leiden konnte, musste er sich erst mal bewähren. Und Liam und Tesla standen schon jetzt auf meiner Mag-ich-nicht-Liste.

Ich schaute zum Tunnel, aber dort kam keiner mehr ins Freie. Still zählte ich die Teams, während die Kameras einen Schwenk über die Startlinie machten und die Gesichter aufnahmen. Zehn Teams. Zehn Männer, zehn Frauen. Unter den Frauen würde ich nicht die schnellste sein, schätzte ich, gemessen an der Konkurrenz aber auch nicht die langsamste, und das reichte mir schon. Denn Brodie war fit. Unsere Chancen standen gut.

»Make-up! Hier ist es heiß wie im Backofen, und meine Stirn glänzt. Wo ist die gottverdammte Maskenbildnerin?«

Alle drehten den Kopf in die Richtung, aus der die wütende Stimme kam. Mir blieb der Mund offen stehen, als ich Chip Brubaker sah, den normalerweise lächelnden Moderator von World Races und Endurance Island. Er schritt über das Spielfeld und riss einer Frau eine Puderquaste aus der Hand, um sich die Stirn zu betupfen. »Wenn ich sage Make-up, dann kommen Sie angerannt. Klar?«, schrie er.

Ich neigte mich zu Brodie. »Schätze, er lächelt nur für die Kamera.« Ich sah Abby mit den Augen rollen.

Chip begutachtete sich in dem Spiegel, der ihm hingehalten wurde, dann schritt er an den eifrig wuselnden Assistentinnen vorbei. Jemand bedeutete ihm, sich auf das X auf dem Rasen zu stellen, und es war, als hätte jemand das Licht eingeschaltet: Sein Gesicht hellte sich schlagartig auf. Er strahlte uns an, als wären wir seine besten Freunde. Die Kameras richteten sich sofort auf ihn.

»Willkommen bei den World Races! Ich bin Chip Brubaker, euer Moderator, und euch steht eine fantastische Reise rund um den Globus bevor.« Er breitete die Arme aus, als wäre er jetzt schon überwältigt. »Ihr werdet zu exotischen Orten in ferne Länder reisen und gegeneinander antreten, um eine Viertelmillion Dollar zu gewinnen.«

Wir jubelten und klatschten entsprechend begeistert. Brodie wippte auf den Zehen. Seine Nervosität steckte mich an. Ich griff um die Riemen meines Rucksacks und konzentrierte mich auf Chip, der die Spielregeln herunterrasselte. Blablabla, findet den Hinweis, bewältigt die Challenge, um eine World-Races-Scheibe zu bekommen. Sobald ihr alle drei Scheiben habt, könnt ihr zur Ziellinie der jeweiligen Runde laufen. Es war jedes Jahr dasselbe.

»Diesmal gibt es eine kleine Neuerung«, verkündete Chip und machte eine unheilverkündende Pause. »Das Team, das im ersten Land unserer Route Sieger wird, gewinnt einen Trumpf.« Er hielt eine übergroße Spielkarte mit einem Pikass hoch. »Mit diesem Trumpf darf das Team in jeder Phase des Spiels ein anderes Team vor dem Ausscheiden retten.«

»Warum sollten wir das tun?«, fragte ich Brodie flüsternd. »Ich dachte, es geht darum, die anderen aus dem Rennen zu werfen?«

Er zuckte die Achseln und gab mir mit einem Blick zu verstehen, dass ich still sein solle.

»Ihr könnt das Ass zu eurem Vorteil nutzen und ein Team retten, mit dem ihr euch verbündet habt«, erklärte Chip. »Oder auch nicht. Das könnt ihr entscheiden, wie ihr wollt. Im Laufe des Spiels gibt es nur zwei Asse zu gewinnen.«

Ich erschrak, als die Kameras plötzlich zur Startlinie schwenkten und die Reaktionen der Kandidaten filmten. Chip hob den Arm.

»Seid ihr bereit für das Rennen um die Welt?«, brüllte er. »Am anderen Ende des Spielfelds liegen ein paar Hundert Bälle in der Endzone. Zehn davon tragen Nummern, und die Nummer, die ihr ergattert, entspricht eurem Platz im Flugzeug. Nur das erste, zweite und dritte Team werden an Bord des ersten Fliegers sein. Viel Glück! Möge das beste Team gewinnen!«

In meinem Magen setzte ein nervöses Flattern ein.

Chip senkte den Arm. »Los!«

Und wir rannten.

Brodie war als Erster bei den Bällen. Ich wollte ihn anfeuern, stolperte aber, knickte mit dem Fuß um und schrie überrascht auf. Doch ich fasste mich rasch und humpelte weiter auf die Bälle zu, wo ich als Letzte ankam. Ohne die Kameras zu beachten, die wie Aasgeier um uns kreisten, beobachtete ich kurz, was unsere Konkurrenten taten. Sie warfen ihre Rucksäcke ab und griffen gierig nach den Bällen, als wären es Goldklumpen.

Okay, offenbar hatte ich die Anweisung überhört, dass wir uns wie Verrückte aufführen sollten.

Ich trat zwischen die Bälle und tippte einen mit dem Fuß an, damit die Zahl zum Vorschein kam.

»Beeilung, Katy!«, schrie Brodie. »Dreh sie um, aber schnell!«

Seufzend streifte ich meinen Rucksack ab, stellte ihn beiseite und warf mich ins Getümmel. Die Kandidaten schubsten und rempelten. Ich schnappte mir den nächstliegenden Ball. Nichts. Ich warf ihn hin, griff nach dem nächsten. Und da auf dem auch nichts stand, noch einen und noch einen.

»Ich hab die Sechs«, rief jemand. Ein weiteres Team verkündete lauthals seine Nummer – die Neun –, aber weniger begeistert, denn niemand wollte eine hohe Zahl.

Verbissen drehte ich einen Football nach dem anderen um, während ich den aggressiven Konkurrenten (und den rollenden Bällen) auswich. Dabei fiel mir am Rand der Endzone einer auf, der offenbar unbeachtet blieb. An der Unterseite war etwas Weißes zu sehen. Ein nummerierter Ball! Endlich.

In dem Moment, als ich losrannte, hielt auch der Rockmusiker darauf zu. Entschlossen erhöhte ich mein Tempo. Er drehte nicht etwa ab. Der Mistkerl hatte den weißen Fleck auch bemerkt und rannte mit mir um die Wette.

Wir machten im selben Moment einen Hechtsprung. Triumphierend landete ich auf dem Ball.

Und der Typ auf mir.

Der Aufprall trieb mir die Luft aus der Lunge. Ich stöhnte und ächzte, als der Ball unter mir wegschnellte und eine halbe Armlänge weit wegtrudelte.

Der Rockmusiker rollte sich von mir und schnappte sich den Ball.

Ich blieb nach Luft ringend liegen.

Den Ball unter den Arm geklemmt, stand er auf und bot mir eine Hand.

Ich schlug sie weg. Mir brannte es in der Brust bei jedem Atemzug.

Einen Moment lang sah er mich an, dann zuckte er die Achseln und drehte den Ball in den Händen. »Ich habe die Zwei«, rief er. Auf der anderen Seite der Endzone jubelte seine Partnerin.

Verflixt! Der blöde Typ hatte mir den zweiten Platz geklaut. Stöhnend hielt ich mir die Rippen und stemmte mich mühsam auf die Beine. Ganz in der Nähe stand eine Kamera und nahm zweifellos auf, wie ich mit Gewittermiene zum nächsten Ball wankte und ihn umdrehte.

Das Feld lichtete sich allmählich, da ein Team nach dem anderen mit einer Nummer davonzog. Brodie kam mit einem Ball in der Hand angetrabt. »Ich kann nicht glauben, dass er dir die Zwei weggeschnappt hat. Du hättest ihn abwehren müssen.«

Ich rieb mir die Rippen. »Danke der Nachfrage, Brodie. Es tut kaum noch weh.«

Sichtlich frustriert strich er sich durch die Haare. »Tut mir leid, Katy. Hast du dir wehgetan? Bist du verletzt? Soll ich einen Sanitäter holen?«

»Nein. Ich komme klar. Am meisten verletzt ist mein Stolz.« Ich deutete mit dem Kinn auf seinen Ball. »Was steht drauf?«

»Zehn«, sagte er verärgert. »Such weiter, vielleicht finden wir eine bessere Nummer.«

Ich rieb mir noch mal über die Rippen. »Meinetwegen.«

Nach fünf Minuten blickte ich auf und sah, dass außer uns beiden nur noch ein Team auf dem Platz war, und das gab gerade den Ball mit der Neun bei Chip Brubaker ab. Also blieb es für uns bei der Zehn. Brodie richtete sich auf und warf den Ball, den er gerade aufgenommen hatte, zur Seite, als wäre er zu demselben Schluss gekommen.

Der Wettlauf hatte gerade erst begonnen, und wir waren schon die Letzten.

3

»Einige der Kandidaten sind zäher, als man denkt. Die kleine Blonde mit den Zöpfen zum Beispiel. Die sieht süß und unschuldig aus, lässt sich aber nichts gefallen. Ihr Bruder ist allerdings ein Blödmann. Ich hoffe, die scheiden bald aus.« – Liam Brogan während der Grönland-Etappe

Zu meiner Überraschung fanden wir nach unserer Ankunft im Flughafen und dem Kauf der Tickets die anderen alle am Gate vor, wo sie noch warten mussten und deshalb unzufriedene Gesichter zogen.

»Gut«, sagte Brodie leise. »Wir stecken fest.«

Was ein wenig übertrieben war, es war ja noch nicht mal richtig losgegangen. Irgendetwas stimmte nicht. Ich sah Brodie zielstrebig auf Tesla und Liam zugehen. Lächelnd begrüßte er sie und ging von einem zum anderen. Er mischte sich, ohne zu zögern, unters Volk und hatte seine kleine Schwester, die nicht so extrovertiert war wie er, offenbar vergessen.

Eine Weile blieb ich am Rand der Gruppe stehen, dann sah ich mich um und beschloss, mich allein schlauzumachen. Es gab noch jemanden, der sich von der lärmenden Gruppe fernhielt: Abby, Deans Frau, die bei Endurance Island mitgespielt hatte. Ein Glück, denn sie war die Einzige, bei der ich halbwegs Lust verspürte, eine Unterhaltung anzufangen. Ich ging zu ihr. »Hey. Was ist los? Warum sind alle noch hier?«

Sie lächelte mich an und deutete auf das verwaiste Kontrollpult vor den Sitzreihen. »Icelandair fliegt erst morgen früh wieder. Wir kommen also alle zur gleichen Zeit in Reykjavik an. Von dort sind die Charterflüge gestaffelt, aber es sieht so aus, als würden wir das Rennen alle zusammen beginnen.« Sie zuckte die Achseln und gab mir die Hand. »Dadurch haben wir die Möglichkeit, uns besser kennenzulernen. Ich heiße Abby.«

»Ich weiß«, sagte ich grinsend. »Ich habe die letzte Staffel von Endurance Island gesehen.«

Sie stöhnte. »Da hast du bestimmt viel zu viel von mir gesehen. Ich fürchte, darüber wird nie Gras wachsen.« Mit dem Daumen zeigte sie auf ihren Mann, der ein paar Plätze entfernt saß. »Das ist Dean. Aber das hast du sicher schon gewusst.«

»Und ob. Ich heiße Katy.« Ich zeigte auf meinen Bruder, der sich mit dem schwarzgekleideten Duo bekannt machte. »Der da ist mein Bruder Brodie.«

»Ah, ihr seid das Bruder-Schwester-Team.« Sie nickte, als wären damit einige Fragen für sie beantwortet.

»Ja, das sind wir.«

»Eigentlich braucht sich hier niemand mit Namen vorzustellen. Wir tragen praktisch ein Schild vor uns her.« Sie deutete auf die großen Buchstaben auf ihrem T-Shirt. »Die Produzenten denken offenbar, die Zuschauer können sich nicht merken, wer wer ist.«

Ich kicherte. Abby schien sich vom Showgeschäft nicht beeindrucken zu lassen, und das gefiel mir. »Wir können zumindest versuchen, uns normal zu benehmen.« Ich musterte sie. »Es überrascht mich, dass ihr beide hier seid. Ich dachte, ihr hättet die Nase voll von solchen Shows.«

Sie seufzte leidvoll. »Das dachte ich auch. Aber um der Liebe willen tut man seltsame Dinge.« Ihr Blick wurde warm, und sie schaute voller Zuneigung zu Dean hinüber. »So übel ist es ja auch nicht. Zumindest kann uns hier keiner durch eine Intrige rausdrängen.« Als ein Kameramann sich uns näherte, verzog sie das Gesicht. »Allerdings kann ich nicht behaupten, dass ich diesen Teil der Sache sonderlich vermisst hätte.«

Es war ihr kaum zu verübeln. Auch mir wurde es schon ein wenig unangenehm. Vorsichtig trat ich zur Seite, als ein Kameramann an uns vorbeirauschte und auf Liam, Brodie und Tesla zuhielt. Die waren wohl spannender als wir. »Du bist ja praktisch ein alter Hase. Hast du einen Rat für mich?«

Abby neigte nachdenklich den Kopf. Im nächsten Moment grinste sie listig und beugte sich zu mir. »Du musst dem Zuschauer was bieten.«

»Dem Zuschauer was bieten?«

»Jep.« Sie schnippte gegen einen meiner kecken Zöpfe. Ich wurde rot. Sie musste erraten haben, dass ich mir die Frisur nicht ausgesucht hatte. »Dem Zuschauer was bieten«, wiederholte sie. »Dean glaubt mir nicht, aber ich weiß, dass ich recht habe. Wenn du dem Zuschauer etwas bietest, werden die Produzenten den Lauf der Dinge zu deinen Gunsten beeinflussen, damit du länger im Spiel bleibst. Nicht alle Wettkampfaufgaben werden beliebig gestellt.«

Interessant. Ich hörte Brodie schallend loslachen und Tesla verführerisch kichern und schaute zu ihnen hinüber. Die schienen mächtig Spaß zu haben. Na ja, abgesehen von Liam. Der ignorierte meinen Bruder, der sich wegen Tesla zum Narren machte. Liam starrte aus dem Fenster auf die Rollbahn, trommelte mit den Fingern rhythmisch auf den Rucksack auf seinen Knien, als ob er gerade im Kopf ein Lied komponierte.

»Sieht aus, als hätte sich dein Bruder schon entschieden, dem Zuschauer was zu bieten«, bemerkte Abby. »Oder er will sich mit den beiden verbünden.«

Ich schnaubte. »Wahrscheinlich will er nur ihre Telefonnummer haben.« Trotzdem beobachtete ich ihn stirnrunzelnd, als Tesla ihre rot-schwarzen Haare zurückwarf und schon wieder über eine von Brodies Bemerkungen kicherte. Mit denen würden wir uns auf keinen Fall zusammentun. Das konnte er voll vergessen. Ich wandte mich wieder Abby zu. »Mit denen verbünde ich mich nicht.«

Sie senkte die Stimme. »Du wirkst arglos und produzierst dich nicht vor den Kameras. Damit hast du dich bei mir sofort beliebt gemacht. Wir beide können uns jederzeit heimlich gegenseitig helfen, wenn sich die Gelegenheit ergibt.« Sie hielt mir den kleinen Finger hin.

Ich hakte meinen ein und grinste. »Das ist doch ein Wort. Wir Mauerblümchen müssen zusammenhalten.«

Sie lachte. »Ich wusste, es gibt einen Grund, warum ich dich gut leiden kann.«

Abby und ich plauderten noch lange ein wenig abseits, während die anderen, einschließlich Dean, mal mit diesem, mal mit jenem redeten. Ihr schien das nichts auszumachen. Sie war entspannt und fühlte sich wohl in ihrer Haut, das sah man ihr an. Doch Dean ignorierte sie nicht, so wie Brodie es mit mir tat. Er flirtete mit ihr, neckte sie, brachte ihr Snacks und zog sie auf seinen Schoß, als die Sitzplätze am Gate knapp wurden. Dabei warf sie mir nachsichtige Blicke zu, als würde sie das alles nur ihm zuliebe mit sich machen lassen.

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