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Wine Basic

Das Glas

engl. glass; franz. verre; ital. bicchiere; span. vaso

Ohne es geht’s nicht beim Weintrinken. Gibt’s von fabrik-billig bis mundge blasen-teuer, eines aus klarem Glas ist am besten. Für den Anfang genügt eine Glasform. Ideal: mittellanger Stiel, hoher leicht bauchiger Kelch, der sich nach oben verjüngt. Für alle Weine geeignet: das DIN-Prüfglas der Profis (mehr dazu auf >).

Ideen: Für den leichten Schoppen geht auch ein Wasserglas. • Ein Glas muss wirklich nicht teurer sein als der Wein, den man daraus trinkt. • Je größer der Wein, desto größer das Glas? Muss auch nicht sein. • Gläser sammeln ist erlaubt und macht Spaß.

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Das Buch zum Trinken

Der Lebensmittelladen ums Eck hat eine Sorte Bananen. Reicht. Vier Sorten Äpfel. Kennen wir. Und wenn man den netten Herrn im weißen Kittel fragt, was für einer als Bratapfel taugt, sagt er Boskop oder Cox Orange. Kennt er.

Das Weinregal in unserem Laden ist länger als alle Obst- und Gemüsekisten nebeneinander. Über 50 verschiedene Flaschen stehen da drin, plus die Abteilung Sekt bis Port. Da kennen wir nun ganz wenige und der nette Herr weiß auch nicht viel mehr dazu zu sagen. Höchstens mal: »Der ist harmonisch.« Hat er hinten auf dem Etikett gelesen. Harmonisch? Mit wem? Mit mir, mit der Welt, mit Spaghetti? Und ist der Rest dann unharmonisch? Da stehe ich nun vorm Regal wie der Torwart beim Elfmeter.

Da hilft nur eins: riskieren und probieren. Also seinem Torwart-Instinkt folgen und rechts oben ins Eck langen. Entweder wird’s ein guter Fang oder keiner. Denn im Grunde gibt es nur zwei Sorten Wein: »schmeckt« und »schmeckt nicht«. Stimmt schon, diese Methode kann anstrengend werden, wenn nur in einem kleinen Laden schon 50 Weine warten. Aber irgendwo muss man mal anfangen. Und dann gibt es ja noch dieses Buch.

Das beginnt nicht bei den alten Römern und den großen Namen, sondern da, wo das Trinken anfängt: im Glas. Nach einem Schnüffel-Grundkurs begleitet es uns auf dem Weg zum Wein – im Laden, im Kämmerlein, beim Winzer, im Keller, am Esstisch. Und gibt Antworten auf die Fragen, die wirklich zählen: »Wie schmeckt dieser Wein? Schmeckt mir dieser Wein? Und was schmeckt mir noch?« Also Flaschen auf, denn im Glas findet sich die Wahrheit. Oder »salud, amor y dinero«, wie die Spanier sagen: Gesundheit, Liebe und Geld. Was alles im Wein stecken kann …

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Wein & ich

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Für jede Art von Durst gibt’s was zu trinken. Sogar einen Wein. Aber der kann noch mehr.

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Es gibt Getränke, die den Durst löschen, z.B. Ice-Tea, Mineralwasser oder Bier. Es gibt Cola, Cocktails oder Weiße mit Schuss – alles Getränke für den Fun. Für Fitness und Gesundheit gibt es Isotonic-, Multivitamin- und Slim-Drinks. Es gibt auch Alkoholika wie Whisky, Korn oder Jägermeister, die getrunken werden, um davon einen Schwips zu bekommen. Es gibt Mittel, die aufwecken wie Kaffee, Tee, Red Bull oder Viagra. Und es gibt auch solche, die den Schlaf fördern wie heiße Milch mit Honig oder Baldrian.

Aber es gibt auch ein Getränk, das alles in sich vereint: der Wein. Spritzige und leichte Weine stillen pur oder als Schorle den Durst. Schäumende und prickelnde wie Prosecco und Champagner oder lustige wie ein White Cabernet mit Minze und Eiswürfeln sind zuständig für Spaß und gute Laune, und wenn man zu viel davon trinkt, kann man sogar beschwipst werden. Der richtige Wein zur rechten Zeit kann uns munter oder auch müde machen. Und: Wertvolle Inhaltsstoffe lassen den Wein fast zum Gesundheitselixier werden.

Aber eines kann eigentlich nur der Wein: den Genuss daran durch Riechen und Schmecken noch erweitern – und ein Essen anständig begleiten. Wie das alles geht, steht auf den nächsten Seiten.

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Wein entdecken

Der Wein, das geheimnisvolle Wesen? Ach was. Weine sind von Natur aus kommunikativ, richtige Schauspieler, die in unseren Sinnen eine eigene Welt entstehen lassen.

Wir sitzen im Kino, räkeln uns im Polster zurecht. Das Licht geht aus, Vorspann. Wer die Hauptrolle spielt, wird noch nicht verraten, nur, dass es ein Rotwein ist. Der Korkenzieher beginnt sein Werk und zieht mit einem herrlich satten »Plopp« den Korken aus dem Flaschenhals. So ein Ploppen, das kann nur ein langer, echter Korkstopfen sein. Da hat wohl einer beim Verschließen schon daran gedacht, dass der Wein noch ein paar Jahre liegen darf. Bei einem schlechten Film wäre das die Stelle, wo der Nachbar an der Tür läutet und fragt, ob er sich eine Tasse Zucker borgen könne. Weil er den Plopp durch die Wand gehört hat…

Passiert hier aber nicht. Der Star gluckert geheimnisvoll ins Glas. Ein Newcomer, der aber in seiner Heimat schon ziemlich Karriere gemacht hat, so viel sei verraten. Könnte ihm hier auch passieren. Schön, er ist nicht mehr der Jüngste, sechs Jahre alt. Kein jugendlicher, ungestümer Liebhaber mehr, sondern eher ein ruhiger, bedächtiger Charakter. Im Glas leuchtet er mit einem frischen Rot wie reife Kirschen, am Rand erinnert es schon ein wenig an das Orangerot von Dachziegeln. (Das sind beim Wein die kleinen Fältchen, die sich bei uns um die Augen zeigen.) Ein Zoom zurück aufs Glas, es wird geschwenkt. Und jetzt läuft der Wein in kräftigen hellen, fast klaren Schlieren am Glasrand herab, wie kleine Beine mit Tröpfchen am Ende, die langsam nach unten ziehen – das sieht beinahe aus wie alte, wunderschöne Kirchenfenster.

Die Nase riecht ins Glas. Ja, da ist auch ein Duft nach roten Kirschen. Aber nach den dunkelroten reifen Herzkirschen, die beim Obsthändler im Sommer schon von weitem Wohlgeruch verbreiten. Dazu gesellt sich ein Hauch von Kirschkernen, die ein bisschen an Bittermandeln erinnern, wenn man sie mit einem Stein aufschlägt. Und dann – schwarze Brombeeren, wenn die Sonne darauf scheint und die Mittagshitze sie gleich zu Konfitüre kocht. Oder als ob Großmutter das Pflaumenmus im Topf rühren würde. Ist da nicht auch eine Spur von Wachs, von Kerzenwachs zu erkennnen? Und Schokolade! Ja, Schokolade wird immer deutlicher, die feine Bitterschokolade, die fast ein wenig nach Rauch und Tabak riecht. Erneut wird das Glas leicht geschwenkt – jetzt kommen auch noch Walddüfte dazu: Harz, Fichtennadeln, Pinienzapfen. Mensch, irgendwoher kenne ich diesen Wein doch…

Das Bild verschwimmt. Plötzlich befinden wir uns in der Wüste. Eine Gewürzkarawane zieht vorbei. Der typische Geruch nach dem Leder der Kamelsättel liegt in der vor Hitze schwirrenden Luft – und auch der von Zimtstangen und Gewürznelken. Der Orient steigt in die Nase. Das Glas wird nochmals geschwenkt, daran gerochen – und auf einmal ist da schwarzer Gummi, Autoreifen. Spielt denn die Nase verrückt?

Rasch wird ein Schluck genommen, aber ein wirklich ordentlicher. Hhm, kräftig schmeckt er. Nach schwarzen Beeren. Vielen Beeren. So richtig voll nach wunderbar reifen Brombeeren, schwarzen Johannisbeeren – und auch nach dunkelroten Kirschen. Wie heißt doch wieder dieser französische Likör für den »Kir«? Ach, »Cassis«. Genau, nach Cassis schmeckt der Schluck. Vorn auf der Zunge eine fein-pikante Säure, fast wie edelsüßes Paprikapulver, mit ganz zarten Röstaromen wie bei Räucherwurst oder Schinken.

Jedoch: Irgendwie trippelt der Wein leichtfüßig über die Zunge, ist nicht schwer und macht nicht gleich satt, so dass man nicht mehr davon trinken möchte. Oben im Gaumen fühlt er sich samtig an, so feinkörnig wie Babypuder. Dann tauchen wieder die reifen roten Beeren, vor allem Himbeeren, auf und Kirschen (die aber als Likör), weich. Und dann erneut Cassis. Beim Runterschlucken eine feine Herbe und ein reiner Fruchtgeschmack. Wie ein Lebenselixier, wie ein edler Obstbrand. Na gut, er hat auch 14,5 Prozent Alkohol. Das merkt man. Da wird man nach zwei Gläsern schon recht philosophisch. Die Spannung wächst, ist’s vielleicht ein Österreicher? Schnitt: Die Flasche wird verkorkt und beiseite gestellt.

Grundregeln für den Einstieg

1. Regel: Nicht von großen Namen oder Auszeichnungen blenden lassen. Mit einfachen, aber guten Weinen beginnen. Solche Weine gibt es eher im Weinfachgeschäft als im Supermarkt. Beraten lassen.

2. Regel: Mit allen Sinnen probieren. Geruch und Geschmack sind die wichtigsten, aber erst durch Beobachtung den Wein erspüren. Dann mit der Zunge erfühlen, dabei alte Erinnerungen mit einbeziehen und die Fantasie spielen lassen.

3. Regel: Ausschließlich der eigene Geschmack ist der entscheidende. Ein Wein, der von Testern hoch bewertet wird, muss mir nicht auch schmecken. Wichtiger ist, dass ich herausfinde, welche Weine mir liegen und welche nicht.

4. Regel: Dem Wein eine zweite Chance geben. Manchmal schmeckt ein Wein beim ersten Probieren nicht. Vielleicht hat er nicht zum Essen gepasst, vielleicht war er (oder ich) auch gerade nicht in der richtigen Laune. Einfach zustöpseln und ihn am nächsten oder übernächsten Tag noch mal testen.

Pause

Am nächsten Tag wird erneut probiert. Schau an, er ist gar nicht schlechter geworden. Vielleicht ist ein Hauch von Äpfeln dazugekommen. Geschälte und klein geschnittene Äpfel, die eine Zeit lang herumgelegen und ein wenig braun geworden sind. Aber nicht unangenehm. Und irgendwie ein Schuss Cognac. Oder Piemont-Kirschpralinen mit ihrem intensiven Duft. Auch ein paar Dörrpflaumen haben sich dazugesellt. Jetzt spürt man den schwarzen Gummi auch im Mund. Oder ist es eher Lakritz? Omas Pflaumenmus, die Latwerge? Jedenfalls schmeckt er »schwarz-rot«. Basta. Aber der Gummi – das kann dann doch kein Österreicher sein.

Nachspann

Das Geheimnis wird gelüftet. Der Hauptdarsteller war ein Zinfandel. Eine Traubensorte, die in Kalifornien heimisch ist und dort am besten an der kühleren Nordküste (Sonoma Valley) wächst. (Aaach, klar! Der hat doch in dem Film »Lamm mit Orangensauce und Chilis« so toll mitgespielt!)

Fast ein altmodischer Rotwein. Die zerdrückten Beeren durften lange mit den Beerenhäuten vergären, dann reifte der Wein in kleinen Fässern aus französischem und amerikanischem Eichenholz. Ein Star, der komplex und vielschichtig ist, ohne anstrengend zu sein, der schon jung schmeckt, aber auch lange reifen kann. Ein Star, den jeder gleich gut versteht. Der das Aroma von Beeren und Früchten in sich konzentriert und bestens zum Essen passt. Und der sogar einen Bruder hat, der auch nicht schlecht spielt: der Primitivo aus Apulien – schlanker, kraftvoller und meist etwas rauer. Ein Star mit allen Qualitäten für den heutigen Erfolg bei Jung und Alt.

Dass es ein Wein aus der Neuen Welt war, hätte man sich denken können – der »Kragen« am Flaschenhals (das ist eine Ausbuchtung am Ende des Halses und typisch für kalifornische Flaschen) hat ihn eigentlich schon ganz am Anfang verraten. Ohne Kragen hätte die Flasche auch aus Frankreich, aus dem Bordeaux stammen können. Aber nein, der kleine runde Papieraufkleber auf dem Korken statt einer Stanniolkapsel, das gibt es noch nicht in Frankreich.