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Winterhochzeit auf Burg Laochre

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1. KAPITEL

Irland, 1192

Liam MacEgan hat sich meinen Befehlen widersetzt. Dafür verdient er den Tod.“

Erbarmungslose Kälte lag in Richard Löwenherz’ Stimme. Er hatte die Tötung von mehr als tausend Geiseln befohlen, samt und sonders Frauen und Kinder, und Liams Befehlsverweigerung war der Grund, dass man ihn, den König, gefangen gesetzt und gefoltert hatte.

„Sire, ich flehe Euch an“, flüsterte Adriana. „Lasst Gnade walten.“ Sie konnte die Vorstellung der Qualen, die ihr zukünftiger Ehemann in diesem Moment erleiden musste, kaum aushalten.

Doch in Richards lächelnder Miene zeigte sich keinerlei Mitgefühl, als er die Hand ausstreckte und ihr über die Wange streichelte. Adriana spürte, wie sich ihr der Magen vor Angst verknotete. Anfangs war der König seiner Gattin treu geblieben, doch seit einiger Zeit zeigte er auch an anderen Frauen Interesse. Als er seine Finger an ihrer Kehle hinunterwandern ließ, unterdrückte Adriana einen Schauder des Widerwillens.

„Was wärt Ihr bereit, für seine Rettung zu tun?“

Es war noch dunkel, als Adriana aus dem Schlaf hochschreckte. Wie jedes Mal, zitterte sie am ganzen Körper. Der Himmel mochte ihr beistehen, warum plagte sie dieser abscheuliche Albtraum noch immer? Sie blinzelte und versuchte die entsetzlichen Bilder zu vergessen.

Lautlos schlüpfte sie aus dem Bett und schlich sich auf Zehenspitzen aus dem Schlafgemach. Der Steinboden war eiskalt unter ihren Fußsohlen, doch sie brauchte einen Moment für sich, um sich zu beruhigen und ihre Gedanken zu sammeln. Keine der Frauen, mit denen sie das Gelass teilte, wachte auf, als sie die Tür so leise wie möglich öffnete und ins Stiegenhaus trat.

Die Tür zu Liams Kammer ging auf, und im spärlichen Licht der Fackel, die im Treppenhaus brannte, kam er ihr entgegen. Sein markantes Gesicht war unbewegt, doch in seinen grauen Augen stand Sorge um sie. „Du hast schlecht geträumt?“

Sie nickte voller Bedauern, dass sie ihn geweckt hatte. Aber vielleicht war er aus seinen eigenen Albträumen aufgeschreckt. Nach ihrer Flucht aus dem Heiligen Land hatten sie die furchtbaren Erlebnisse mit keinem Wort mehr erwähnt. Als hielten sie sich an einen unausgesprochenen Schwur.

Liams Narben waren die sichtbare Erinnerung an die Foltern, die er ausgestanden hatte. Ihre waren unsichtbar, tief in ihr verborgen, und er durfte sie niemals sehen.

Er zog sie in seine Arme. „Du hast diesen Albtraum immer öfter.“

„Mach dir keine Sorgen, es ist ja nur ein Traum.“ Doch als sie sich an ihn klammerte, hatte sie nur noch den Wunsch, dass die nächtlichen Schreckgespenster verschwanden, dass Liam ihr half, sie zu vergessen. Sie hob die Hand und streichelte ihm über die Haare, die er kurz geschnitten trug, damit sie besser unter den Eisenhelm passten.

„Es ist gut, dass deine Eltern bald kommen.“ Er führte sie zur Treppe. „Sobald wir verheiratet sind, teilen wir ein Bett. Und wenn du schlecht träumst, bin ich da, um dich in die Arme zu nehmen.“

Sie brachte etwas zustande, das als Lächeln durchgehen konnte.

Liam setzte sich auf die oberste Stufe, zog Adriana auf seinen Schoß und massierte ihre kalten Füße mit seinen großen warmen Händen.

Adriana barg ihr Gesicht an seiner Brust. Er war am Leben, er war stark, und sie würde ihm nie enthüllen, was im Heiligen Land geschehen war. Es war das Beste, alles zu vergessen, und die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen.

Liam durfte niemals erfahren, welchen Preis sie für sein Leben bezahlt hatte.

Seit er zurück war auf der Burg seines Vaters, fühlte Liam sich, als würde er nicht nach Laochre gehören. Er hätte erleichtert sein sollen, wieder in Éirann zu sein, doch er schaffte es nicht, die Anspannung des vergangenen Jahres loszulassen. Es war ihm zur zweiten Natur geworden, mit der Waffe zu schlafen, Feinde zu besiegen und um die Herrschaft über Akkon zu kämpfen. Er hatte so viel Blut gesehen, so viele Tote, dass es unmöglich schien, zu einem Leben im Frieden zurückzufinden.

In der Nacht zuvor hatten ihn Albträume geplagt, genau wie Adriana. Auch für sie war das Blutvergießen auf dem Kreuzzug Alltag gewesen, obwohl sie nicht darüber sprach. Aber er sah, dass ihre Erinnerungen sie genauso quälten wie ihn seine. Sie verstanden einander.

Sie hatte ihm Halt gegeben auf der langen Reise von Akkon hierher, war immer da gewesen, wenn er sie brauchte. Aber bisher hatte er das Bett nicht mit ihr geteilt. Bei den wenigen Gelegenheiten, wo er sie berührt hatte, war sie zurückgescheut, und er wollte sie nicht drängen. Nach der Hochzeit war genug Zeit für diese Dinge.

Liam trat vor die Tür. Kalte Winterluft schlug ihm entgegen, und unter seinen Stiefelsohlen knirschte der Schnee. Er fand Adriana auf dem Übungsplatz, zusammen mit ihrem Bruder und Brianna. Sie hatte das lange dunkle Haar zurückgebunden, ihre Wangen waren von der Kälte gerötet, und der blaue Schal, den sie sich um Kopf und Schultern gewunden hatte, bildete einen reizvollen Gegensatz zu ihrer olivfarbenen Haut. Mit ihren fremdartigen Gesichtszügen wirkte sie wie eine seltene Blume unter den hiesigen hellhäutigen Frauen.

Einem Mann mochte sie scheu und zerbrechlich erscheinen … bis sie ihm einen Dolch an die Kehle hielt. Als Hofdame und Leibwache Königin Berengarias hatte Adriana gelernt, sich gegen so gut wie jede Bedrohung zur Wehr zu setzen.

Und gerade war es ihr gelungen, ihrem Bruder sein Messer zu entwenden. Als sie sah, dass Liam sie beobachtete, gab sie Arturo die Waffe zurück und kam auf ihn zu.

„Hättest du Lust auf einen Spaziergang?“, fragte er sie. „Wir könnten auch zur Küste reiten, wenn du willst.“

Adriana nickte und nahm seine Hand. Sie winkte Arturo und Brianna zum Abschied zu, dann gingen sie gemeinsam Richtung Burgtor. „Ihr habt Waffenübungen mit Brianna gemacht?“

„Sie will lernen, sich zu verteidigen. Aber ich glaube, für meinen Bruder ist ihr Ansinnen ein willkommener Vorwand, sie besser kennenzulernen.“ Adriana lächelte leicht. „Ich wäre nicht überrascht, wenn er sich eine Braut sucht, solange er hier ist. Er war viele Jahre allein. Und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat“, fuhr sie nach einem Blick über die Schulter fort, „ruht er erst, wenn er es hat.“

„Solange er unsere Frauen respektvoll behandelt, stört das niemand. Falls nicht, werden ihm ein paar Zähne fehlen, wenn er nach Spanien zurückkehrt.“

„Die Frauen lieben Arturo“, entgegnete Adriana lächelnd. „Wahrscheinlich sind sie es, die ihn nicht in Ruhe lassen.“

Liam zuckte mit den Schultern. „Trotzdem ist er gut beraten, Abstand zu halten.“ Obwohl er einen leichten Ton anschlug, sprach er die Wahrheit. Wenn Arturo seine Cousine Brianna umwerben wollte, war dagegen nichts einzuwenden. Aber wenn er ihr das Herz brach, würden die MacEgans ihm das Leben schwer machen.

Sie hatten das Burgtor fast erreicht, als er seinen Vater entdeckte, der mit weit ausgreifenden Schritten auf sie zukam. Liam blieb stehen. Patricks grimmiger Miene nach zu urteilen, war etwas nicht in Ordnung.

„Was ist los?“

Sein Vater deutete Richtung Burgtor. „Heute früh haben die Späher ein Schiff vor der Küste gesehen. Bis Adrianas Eltern eintreffen, dauert es noch, und es war auch kein Fischerboot. Nach dem zu urteilen, was meine Männer sagen, könnte es ein venezianisches Schiff gewesen sein.“

Liam tauschte einen Blick mit Adriana. König Richard hatte ihnen vor Monaten gestattet, nach Hause zurückzukehren. Sie waren wochenlang über Land gereist, hatten sich an der Küste Spaniens mit Arturo getroffen und waren von dort aus nach Irland gesegelt. Welchen Grund sollte es geben, dass ein Schiff ihnen den ganzen Weg hierher folgte – außer er hätte den König mit irgendetwas erzürnt? „Glaubst du, dass es Kaufleute sind, die Handel mit uns treiben wollen?“

Patrick blickte zweifelnd drein. „Nein. Wir mussten uns zwar lange keiner fremden Eindringlinge mehr erwehren, aber es könnten welche sein. Das Schiff war sehr groß.“

„Was hältst du davon, wenn Adriana und ich zur Küste reiten und es uns ansehen?“

„Nicht ohne Begleitung. Nehmt ein paar bewaffnete Männer mit.“ Patricks Züge verfinsterten sich. „Ich war nicht viel älter, als du es heute bist, da töteten Invasoren meinen ältesten Bruder.“

Sein Vater wollte ihm damit sagen, dass etwas Derartiges wieder passieren konnte. Dass er durch den Tod seines Bruders König geworden war – und Liam gezwungenermaßen sein Nachfolger –, ließ er dabei unerwähnt.

In den letzten drei Jahren hatte Patrick darauf bestanden, dass Liam jeder Versammlung der Krieger, jeder Beratung, bei der es um Laochre ging, beiwohnte. Er war von den fähigsten Kämpfern ausgebildet worden, und alle sahen in ihm den nächsten König, wenn Patrick abtrat.

Es lastete schwer auf seinem Vater, dass er keine anderen Söhne und Töchter hatte, die seine Nachfolge übernehmen konnten. Liam wusste, was von ihm erwartet wurde, aber Patrick war derjenige, der sich die Liebe seiner Untertanen erworben hatte. Er war den Eroberern mit einer vereinigten Streitmacht aus Iren und Wikingern entgegengetreten – der beiden Völker, die dabei waren, zu einem Volk zusammenzuwachsen. Seinen Platz einzunehmen würde ein kaum zu bewältigender Kraftakt werden.

„Bei einem einzelnen Schiff kann von einer Invasion kaum die Rede sein“, tat Liam die Befürchtungen seines Vaters ab. „Es gibt keinen Grund für solche Annahmen.“

Zweifel malten sich auf Patricks Zügen. „Solche Annahmen haben dafür gesorgt, dass wir noch am Leben sind und nicht von den Normannen vertrieben wurden. Ich nehme lieber das Schlimmste an, als davon auszugehen, dass eine Bedrohung nicht existiert. Wenn du selbst König bist, wirst du das verstehen.“

Sie waren wieder genau da, wo sie aufgehört hatten; bei dem Streit, den sie seit Jahren führten.

„Ich habe nicht den Wunsch, König zu werden.“

„Du bist dazu erzogen worden“, entgegnete Patrick. „Du verfügst über die Stärke und die Klugheit, die man für diese Aufgabe braucht.“

„Außer dass es mich nicht nach ihr verlangt.“ Entschlossen begegnete Liam dem Blick seines Vaters. „Darum habe ich mich den Kreuzfahrern angeschlossen. Weil dir gleichgültig war, was ich wollte. Weil du nur gelten lassen konntest, was du für richtig hieltest.“

„Das ist nicht wahr!“

„Nein?“ Liam merkte, dass die Unterhaltung Unbehagen in Adriana hervorrief. Er verschränkte seine Finger mit ihren und drückte sie beruhigend.

Sein Vater stieß einen Seufzer aus. „Eines Tages werde ich nicht mehr die Kraft haben, meine Aufgaben wahrzunehmen. Ich möchte das Amt an dich abtreten, ehe ich sterbe, damit ich dich beraten kann, wenn es nötig ist.“

„Sie werden mich nicht als ihren König akzeptieren, solange du am Leben bist“, hielt Liam ihm vor Augen. Und das war die Wahrheit, ob sein Vater es zugab oder nicht.

„Darüber zu reden wird später noch Zeit sein“, mischte Adriana sich ein. „Aber jetzt sollten wir nachsehen, ob das Schiff noch da ist.“

Ihr ruhiger Ton besänftigte seinen Vater. „Ihr habt recht, Lady Adriana. Vielleicht gelingt es Euch, meinen Sohn zur Einsicht zu bringen. Auf jeden Fall werde ich euch ein paar bewaffnete Männer als Eskorte mitgeben.“

Liam sagte nichts, als der König sich in den inneren Burghof begab. Es schien unmöglich, Patrick davon zu überzeugen, dass er nicht der richtige Nachfolger für ihn war. Obwohl er sich für einen passablen Kämpfer hielt, gehörte er nicht zu den besten. Wie konnte er hoffen, dass man ihn als Anführer anerkannte, wenn seine Fähigkeiten nicht herausragend waren?

Als spürte sie seine Ruhelosigkeit, schlug Adriana vor: „Warum reiten wir nicht langsam voraus? Dann können die Männer zu uns aufschließen.“

Liam nickte. Sie warteten, dass ihre Pferde gebracht wurden, dann half er ihr in den Sattel, ehe er selbst aufsaß. Enttäuschung und Unzufriedenheit verdunkelten seine Stimmung, und schweigend ritt er vor Adriana her den abschüssigen Burgweg hinunter.

„Er liebt dich, Liam.“ Adriana lenkte ihr Pferd neben seins. „Und er will nur das Beste für dich.“

„Ich würde lieber als ganz gewöhnlicher Mann unter den anderen leben.“ Er schüttelte den Kopf. „Mir bedeutet mein Geburtsrecht nichts. Aber wenn du lieber Königin werden möchtest …“

Bei seiner Bemerkung presste sie die Lippen zusammen. „Ich will deine Frau werden, nicht Königin.“ Plötzlich wirkte sie kühl und unnahbar.

„Ich habe dir nie unterstellt, dass du mich wegen meines Rangs heiratest.“ Er beugte sich zu ihr und strich ihr entschuldigend über die Wange. Obwohl Adriana sich die Berührung gefallen ließ, hatte er einen kurzen Moment das Gefühl, dass sie am liebsten zurückgezuckt wäre. „Es tut mir leid.“

Sie nahm seine Hand und zog sie von ihrer Wange fort. Sie hielt sie noch einen Moment fest, aber er sah die Bangigkeit in ihren Zügen.

Liam musterte sie. „Konntest du wieder einschlafen nach dem Albtraum gestern Nacht?“

„Nicht wirklich. Verzeih, wenn ich launisch bin.“ Tiefe Zuneigung stand in ihren dunklen Augen, als sie seine Finger drückte.

Adriana hatte immer häufiger Albträume, aber sie wollte nicht darüber sprechen. Sie war nicht die Sorte Frau, die Tränen vergoss und ihre Gefühle enthüllte. Liam bewunderte sie für ihre Stärke, aber manchmal konnte er nicht einschätzen, was sie wirklich fühlte.

Auch diesmal gab sie ihm keine Gelegenheit, in sie zu dringen. Sie stieß ihrem Pferd die Absätze in die Seiten, sodass er gezwungen war, ihr zu folgen. Sobald sie die Ebene erreichten, trieb sie ihre Stute zu einem schnellen Galopp an. Als sie davonritt, rutschte ihr der blaue Schal vom Kopf, und ihr schwarzes Haar wehte im Wind.

Liam setzte ihr nach.

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