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Wo Träume wahr werden - vier erotische Fantasien

Carly Phillips, Janelle Denison, Julie Kenner

Wo Träume wahr werden - vier erotische Fantasien

PROLOG

Merrilee Schaefer-Weston blätterte in den gerade eingetroffenen Unterlagen auf ihrem Schreibtisch. Der Ordner enthielt detaillierte Informationen über Juliette Stanton – ihre Vorlieben, Abneigungen, Kleider- und Schuhgröße. Alles, was zur Vorbereitung nötig war, um die heimlichen Fantasien einer Frau wahr werden zu lassen. Juliette Stanton, die Tochter des allseits geachteten Senators Stanton, war unfreiwillig zu einer Person des öffentlichen Interesses geworden, dank des Skandals um ihre in letzter Minute geplatzte Hochzeit mit Stuart Barnes. “Chicagos Braut, die sich nicht traut”, so nannte die Presse sie.

Merrilee las Juliettes Antwort auf die erste Frage, die sie allen Kunden stellte: Was ist Ihre ganz spezielle Fantasie? Denn genau darum ging es bei ihrer Reiseagentur “Fantasies, Inc.”. Auf den vier luxuriösen Urlaubsinseln, die dem Unternehmen gehörten, drehte sich alles darum, die geheimen Wünsche der Gäste zu erfüllen.

Die Antworten der Gäste auf die Frage nach ihren persönlichen Fantasien waren meistens recht allgemein gehalten. In Juliette Stantons Fall lautete sie: “Ich wünsche mir, von einem ganz besonderen Mann verwöhnt und begehrt zu werden. Ich möchte mich geliebt fühlen, im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stehen und den Schmerz einer aufgelösten Verlobung vergessen.”

Obwohl sie Juliette nur das geben konnte, was sie suchte, bemühte sich Merrilee doch immer, noch einen Schritt weiter zu gehen, indem sie ihren Gästen ein Happy End bereitete, das ihr selbst verwehrt geblieben war.

Jemand klopfte an ihre Tür. Sie stand auf. “Herein.”

Die Tür wurde geöffnet, und ein großer, imposanter Mann betrat den Raum. “Mr. Houston?” Auf sein Nicken hin bedeutete sie ihm, näher zu treten. “Ich bin Merrilee Schaefer-Weston. Willkommen auf Secret Fantasy. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug.”

Er machte es sich in dem Sessel vor ihrem Schreibtisch bequem. “Ausgezeichnet. Nennen Sie mich bitte Doug.” Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln, das bei jeder jüngeren Frau sicher Wunder wirkte.

Merrilee faltete die Hände auf dem Tisch und kam gleich zur Sache. “Ich nehme an, Sie haben eine Fantasie, die Sie ausleben möchten?”

“Hat das nicht jeder?”

“Allerdings. Und davon lebt mein Unternehmen.” Obwohl er lachte, registrierte Merrilee die zögernde Bereitschaft ihres Besuchers, über sich zu reden. “Möchten Sie die Insel lieber erst besichtigen, bevor Sie mir von Ihrer Fantasie erzählen?”

Doug schüttelte den Kopf und rutschte unbehaglich in seinem Sessel herum. “Ich bin Reporter bei der “Chicago Tribune”.”

Interessant, dachte Merrilee. Und als er ihr in die Augen sah, erkannte sie, dass sein Unbehagen echt war. “Bitte fahren Sie fort.”

Er räusperte sich. “Ich habe eine Beziehung hinter mir, die unglücklich endete. Ich war in den letzten zwei Jahren mit einer Frau zusammen, aber nicht bereit zu heiraten. Nur habe ich ihr das nicht gesagt.” Er fuhr sich durch die schwarzen Haare. “Dennoch, ich dachte, alles liefe gut. Leider kann der Schein manchmal trügen.”

“Und Beziehungen können manchmal sehr kompliziert sein.”

“So ist es.”

Merrilee nickte, denn sie verstand ihn besser, als er dachte. Sie sah auf den schmalen, mit Rubinen besetzten Goldreif an ihrem Ringfinger – das Symbol einer Liebe, die durch den Vietnamkrieg jäh beendet wurde. Ihr Leben war nicht so verlaufen, wie sie es geplant hatte, aber wessen Leben tat das schon, wenn das Schicksal es anders wollte? “Welchen Bezug hat Ihre jüngste Vergangenheit zu Ihrem jetzigen Wunsch?” fragte sie Doug.

“Meine Expartnerin und mich verband Arbeit und Vergnügen. Wir verstanden uns ausgezeichnet, und da sie sehr gute Verbindungen zu gewissen gesellschaftlichen Kreisen besaß, traute ich ihren Informationen.” Er schüttelte frustriert den Kopf.

“Ich nehme an, sie war nicht zuverlässig?”

“Sie war zuverlässig, bis sie mich rundheraus fragte, wann ich bereit sein würde, sie zu heiraten. Das war ich nicht. Sie schien es aber zu akzeptieren. Zumindest dachte ich das. Wie sich herausstellte, war sie von da an der Ansicht, ich würde sie benutzen, um an bestimmte Storys heranzukommen. Daher fütterte sie mich mit Informationen, doch als die Story veröffentlicht war, stellte sich plötzlich heraus, dass sie auf falschen Tatsachen beruhte.” Er grinste schief. “Die typische Rache einer verschmähten Frau.”

“Und wie denken Sie heute darüber? Ich meine, haben Sie Ihre Geliebte benutzt?”

Doug überlegte. Dass er nicht sofort mit Nein antwortete, zeigte Merrilee, dass er die Wahrheit ebenso sehr schätzte wie sie.

Er seufzte leise. “Damals hätte ich diese Frage verneint. Rückblickend nehme ich jedoch an, dass mir die Beziehung zu einem großen Teil deshalb so reizvoll erschien, weil ich so Einblick in gewisse gesellschaftliche Kreise erhielt.”

Merrilee musste seine Aufrichtigkeit anerkennen und nickte verständnisvoll. “Und jetzt sind Sie hier. Bitte verraten Sie mir, was Ihre Fantasie ist.”

Er beugte sich vor. “Ich möchte wieder gutmachen, was ich getan habe. Ich möchte mir wieder im Spiegel ins Gesicht sehen können.” Er holte tief Luft. “Ich muss wissen, dass ich die Bedürfnisse einer Frau über meine eigenen stellen kann.”

“Sie bitten mich also …”

“… mich mit Juliette Stanton, ‘Chicagos Braut, die sich nicht traut’, zusammenzubringen. Ich weiß, dass sie einen Aufenthalt hier gebucht hat.”

Merrilee kniff die Augen zusammen. “Woher wissen Sie das?” Denn wenn er sich die Mühe gemacht hatte, Juliette aufzustöbern und Informationen zusammenzutragen, die andere Reporter nicht hatten, würde er möglicherweise sowohl ihr als auch Juliette Stanton nichts als Ärger bereiten.

“Durch einen Tipp von jemandem, der der Ansicht war, ich sollte es wissen. Sehen Sie, die Story, von der ich Ihnen eben erzählte, betrifft Juliette Stantons Verlobten. Ich kann einfach nicht glauben, dass ihre Flucht so kurz vor der Trauung reiner Zufall gewesen ist oder auf einer momentanen Laune beruht. Die Klatschspalten machen sich lustig über sie, und die Radiostationen veranstalten Wetten über die Gründe, weshalb sie aus der Kirche gerannt ist. Mein Gefühl sagt mir, dass die Frau in ihrem Innersten verletzt ist und ich der Grund dafür bin. Ich will ihr helfen, darüber hinwegzukommen.”

“Und was ist mit Ihrem journalistischen Instinkt? Woher weiß ich, dass Sie nicht einfach über sie berichten wollen, so wie alle anderen Reporter? Woher weiß ich, dass Sie die Informationen nicht für einen Artikel benutzen werden? Merrilees Ruf als diskrete Reiseveranstalterin sowie Juliettes Wohlbefinden hingen von seiner Aufrichtigkeit ab. Merrilee beobachtete Doug prüfend, damit ihr keine Regung, die sich in seinem Gesicht zeigte, entging.

Doch er hielt ihrem Blick stand. “Sie wissen es nicht. Jeder Mann, mit dem Sie sie zusammenbringen, könnte dieselben Informationen über sie herausfinden und sie gegen sie verwenden, ob er nun Reporter ist oder nicht.”

Merrilee nickte, da er Recht hatte. Theoretisch konnte jeder die Gründe dafür aufdecken, weshalb Juliette die Hochzeit hatte platzen lassen, und sie veröffentlichen, um persönliche Vorteile daraus zu ziehen. Dessen musste sich Juliette bewusst sein, wenn sie ihre Fantasie auslebte. Sie hatte keine Einschränkungen gemacht, was den Mann betraf, mit dem sie ihre Fantasie ausleben wollte. Merrilee neigte den Kopf und wartete, dass Doug fortfuhr.

Er enttäuschte sie nicht. “Hören Sie, ich bin Ihnen gegenüber vollkommen ehrlich, und ich gebe Ihnen mein Wort – ich habe nicht vor, ihr wehzutun.”

Merrilee nickte langsam. “Verraten Sie mir eines, Doug. Glauben Sie an ewige Liebe?” Merrilee musste mehr über Doug Houstons Charakter und Absichten erfahren, bevor sie sich einverstanden erklärte, ihn mit Juliette Stanton zusammenzubringen.

Er zog die Brauen zusammen, und seine Miene wurde angespannt. “Ja, Ma’am, das tue ich. Meine Eltern feiern dieses Jahr ihren vierzigsten Hochzeitstag.”

“Das ist wundervoll, aber eine ausweichende Antwort. Nicht, dass mich das überrascht, schließlich sind Sie Reporter. Aber was ich wissen will, ist, ob Sie es für möglich halten, eine solche Liebe selbst zu erleben?”

“Wenn ich eines Tages die richtige Frau treffe und sie mich so nimmt, wie ich bin, dann ja.” Er blickte Merrilee unverwandt an. Dann stand er auf, offenbar zufrieden darüber, seinen Standpunkt dargelegt zu haben. “Ich werde Ihre Zeit nicht länger beanspruchen. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie über meine Bitte nachdenken und sich bei mir melden würden.”

“Das werde ich.” Merrilee stand ebenfalls auf und schüttelte Doug die Hand, bevor er ging.

Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, setzte sie sich wieder, faltete die Hände über Juliette Stantons Akte und dachte nach. Merrilee war schon lange in diesem Geschäft, und ihre Entscheidungen beruhten auf Erfahrung, Instinkt und Vertrauen. Sie konnte Doug Houstons Bitte abschlagen. Dieses Risiko war er eingegangen, indem er seine Karten offen auf den Tisch gelegt hatte. Oder sie konnte das Schicksal entscheiden lassen.

Juliette brauchte Trost. Doug brauchte die Chance, Wiedergutmachung für seinen Fehler zu leisten. Vielleicht würde er dann erkennen, dass Menschen wichtiger waren als eine Karriere.

Und dass Liebe das Wichtigste von allem war.

1. KAPITEL

“Zupf den Rock zurecht. Er ist am Saum umgeschlagen.” Juliette Stanton seufzte, strich den Jeansminirock glatt, den sie sich von ihrer temperamentvolleren Schwester geliehen hatte, und zupfte ihr weites Baumwolltop zurecht, das ihr an einer Schulter heruntergerutscht war. “Das ist absoluter Wahnsinn.” Sie zog den Reißverschluss ihres Koffers zu und drehte sich zu Gillian, ihrer Zwillingsschwester, um. “Sag mir noch einmal, wieso du dein hart erspartes Geld ausgegeben hast, damit ich Urlaub machen kann.” Juliette liebte ihre Schwester sehr, aber sie wollte nicht, dass sie sich ihretwegen Sorgen machte, nur weil sie gerade eine schwierige Zeit durchlebte. Juliette überprüfte den Namensanhänger ihres Koffers, murmelte etwas und wartete nicht auf Gillians Antwort. “Sosehr ich die Geste auch zu schätzen weiß – ich will keinen Urlaub. Ich brauche keinen. Ich muss einfach nur wieder in mein altes Leben zurückfinden.”

Gillian lachte. “Absolut richtig. Du sollst dein Leben wieder genießen, und genau aus diesem Grund machst du diese Reise.” Sie stemmte die Hände in die Hüften und zerknitterte auf diese Weise den cremefarbenen Hosenanzug, den sie sich von Juliette geborgt hatte. Die Zwillinge hatten heimlich die Rollen getauscht, als Teil eines sorgsam ausgearbeiteten Plans, damit Juliette den Reportern entfliehen und unbemerkt zum Flughafen gelangen konnte.

Juliette warf ihrer Schwester einen verärgerten Blick zu, doch ihr Ton wurde sanfter. “Ich mache diese Reise, weil du sie für mich arrangiert hast.”

“Und du musst zugeben, dass es verlockend ist, der Boulevardpresse und den Gerüchten zu entfliehen”, fügte Gillian hinzu.

Da ihre Schwester natürlich Recht hatte, drückte Juliette sie an sich.

“Du weißt, dass ich dich liebe”, sagte Gillian.

Das wusste Juliette. Ohne die Unterstützung ihrer Zwillingsschwester hätte sie die letzten Wochen nicht überstanden. Seit dem Tag, an dem Juliette aus der Kirche geflohen war, hatten die Reporter sie rücksichtslos verfolgt und sowohl Juliettes Haus als auch Gillians Apartment observiert, in der Hoffnung auf einen Bericht über die geflohene Braut. Aber niemand außer Gillian und dem Bräutigam wusste, wieso Juliette die Hochzeit hatte platzen lassen.

Und niemand sonst würde etwas davon erfahren. Zumindest nicht eher, bis sie herausgefunden hatte, wie sie ihren Vater schützen konnte, damit er sich ohne Schädigung seines guten Rufs aus dem Senat zurückziehen konnte. Danach konnte die Presse ruhig über Stuart Barnes herfallen und sich über seine schmutzigen Geschäfte verbreiten.

“Hast du etwas von dem Mistkerl gehört?” fragte Gillian, schnappte sich ein Kissen und setzte sich.

Juliette schüttelte den Kopf. Die aufsteigenden Gefühle schnürten ihr die Kehle zu. Obwohl sie keinesfalls behaupten konnte, dass sie Stuart geliebt hatte, war ihre Beziehung doch angenehm und sicher gewesen, wenn auch sehr oberflächlich, wie ihr inzwischen klar war.

Rückblickend erkannte sie ganz genau die Gründe für diese Beziehung. Es waren zwei einfache Gründe. Sie liebte ihre Mutter und ihren Vater, deren liebevolle Beziehung für sie das Ideal war. Sie waren wunderbare Eltern, denen es gelungen war, eine intakte Familie zu haben, obwohl sie ein Leben in der Öffentlichkeit führten. Juliette wollte ein harmonisches Familienleben und eine glückliche Ehe, wie ihre Eltern sie hatten. Sie hatte geglaubt, diesen Traum mit Stuart verwirklichen zu können, den sie seit ihrer Kindheit kannte.

Und dann war da der zweite Grund, weshalb sie sich verlobt hatte – der, den sie sich nur ungern eingestand. Zwar hatten weder ihre Mutter noch ihr Vater sie je darum gebeten, sich zu opfern, doch hatte sie stets die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt. Vielleicht weil Gillian die Wildere von beiden gewesen war, hatte Juliette, die wenige Minuten Ältere, die Rolle der Vernünftigen übernommen. Als Stuart seine Absichten bekundete, hatte sie sofort zugestimmt. Nachdem ihr kurz vorher ein Mann wehgetan hatte, der mehr am Namen und den Verbindungen ihres Vaters interessiert gewesen war, war ihr Stuart, der immer zu ihrem Leben gehört hatte, als eine sichere Wahl erschienen. Und weil ihre Eltern ihn mochten und ihm vertrauten, waren sie begeistert und verkündeten, sie hätten schon die ganze Zeit gewusst, dass Stuart und Juliette zusammengehörten.

Aber sie gehörten nicht zusammen, und wenn Juliette genau hingesehen hätte, wären ihr die Zeichen auch nicht entgangen. Doch sie hatte ihre Beziehung nie in Frage gestellt, nicht einmal den lauwarmen Sex, für den sie sich insgeheim die Schuld gab. Ihre vorangegangene unglückliche Affäre hatte ihr Selbstbewusstsein in dieser Hinsicht nicht gerade gestärkt. Möglicherweise hätte sie bei genauerer Betrachtung rasch festgestellt, dass sie ihren Fehler nur wiederholte. Stuart strebte nach Einfluss, und das hieß für ihn, er wollte ihrem Vater im Amt folgen, sobald dessen Senatorensitz frei wurde. Mehr wollte er nicht. Juliette begehrte er nicht, sie war für ihn nur ein Mittel zum Zweck.

“Erde an Juliette.” Gillian schnippte mit den Fingern.

Juliette schüttelte den Kopf. “Entschuldige. Ich denke zu viel nach. Nein, seit dem Streit in der Kirche habe ich nichts mehr von ihm gehört. Aber was soll er auch schon sagen? ‘Danke, dass du mir die Presse vom Hals hältst, damit ich im November den Platz deines Vaters im Senat übernehmen kann.’?”

Gillian schnaubte angewidert. “Er könnte sagen: ‘Ich bin ein Mistkerl.’ Das wäre zumindest ein Anfang.”

“Da stimme ich dir zu. Und da er gedroht hat, Dad mit in die Sache hineinzuziehen, vertraut er darauf, dass ich den Mund halte.” Stuart war der Protegé ihres Vaters gewesen, der von ihm selbst auserwählte Nachfolger für sein Amt. Wenn Stuarts Machenschaften ans Licht kamen, würde das den Ruf ihres Vaters schädigen und einen Schatten auf seine ganze Amtszeit werfen.

Gillian biss die Zähne zusammen. “Er spekuliert auf deine Liebe zu Dad.”

Juliette lachte bitter. “Da hast du Recht.” Sie hatte geglaubt, dass Stuart und sie, basierend auf den Jahren ihrer Freundschaft, eine liebevolle und rücksichtsvolle Beziehung führten. Selbst als die Presse über den Skandal berichtete und man Stuarts Geschäftspartner, dem Kongressabgeordneten Haywood, vorwarf, mit Hilfe von Coffee Connections, ihrer Import-Export-Firma, Mafiageld zu waschen, hatte sie den Beteuerungen ihres Verlobten geglaubt. In diesem Moment hatte sie zwar die Augen nicht vor der Wahrheit verschlossen, aber genau wie ihr Vater an Stuarts Integrität geglaubt. Und da Stuart nicht als Mitbeschuldigter bezeichnet wurde und man die Vorwürfe gegen den Kongressabgeordneten Haywood später zurückzog, vertraute sie ihrem Instinkt.

Wie sehr sie sich geirrt hatte! Sie hatte Stuart dabei ertappt, wie er mit seinem Geschäftspartner und einem bekannten Mafiaboss wenige Minuten vor der Trauung in der Kirche zusammenkam.

Also stellte sie Stuart zur Rede und verschwand. Und obwohl ihre Eltern für ihre Entscheidung und ihren Wunsch nach Ruhe Verständnis aufbrachten, wusste sie, dass auch sie auf eine Erklärung warteten.

Gillian stöhnte auf. “Wir sind uns beide einig, dass die Sache geheim bleibt, bis du einen Plan hast. Allerdings gefällt es mir nicht, dass Stuart einfach zusieht, wie die Presse aus dir ‘Die Braut, die sich nicht traut’ macht.” Sie hielt das Video des gleichnamigen Films hoch. “Auch wenn du ähnliche Haare wie Julia Roberts hast. Habe ich dir schon gesagt, wie gut ich deine Locken finde?” Sie zupfte an einer von Juliettes langen Locken. “Du ahnst ja nicht, wie froh ich bin, dass ich heute zum letzten Mal meine Lockenpracht stundenlang glatt föhnen musste, um die Reporter täuschen zu können.”

Juliette lachte. “Danke für dein Kompliment.” Sie mochte ihre neue Frisur.

Insgeheim hatte sie ihre Schwester um die Fähigkeit beneidet, sich über Konventionen hinwegzusetzen und ungeachtet der Presse ganz sie selbst zu sein. Juliette hoffte, dass die leichte Dauerwelle, die sie jetzt mit ihrer Schwester gemeinsam hatte, sowohl ihr Aussehen als auch ihre Einstellung zu der bevorstehenden Reise ändern würde. Wenn es eine Zeit gab, lockerer zu werden, dann in diesem Urlaub.

“Hast du alle Sachen, die ich brauche, für mich eingekauft?” fragte Juliette ihre Schwester. Wenn ihr Verlobter daran interessiert gewesen wäre, in die Flitterwochen zu fahren, statt eine Wahlkampagne zu planen, hätte sie nun die geeignete Kleidung besessen. Aber Stuart hatte darauf bestanden, dass sie nicht fahren konnten. Jetzt wusste sie, warum.

“Ich habe alles in deinem Koffer verstaut, als du vorhin telefoniert hast. Du wirst stolz auf mich sein, weil es mir gelungen ist, diese Reise zu arrangieren, ohne dass jemand Wind davon bekommen hat.” Gillian grinste, zufrieden mit sich selbst.

Juliette verzog das Gesicht. “Ich bin sicher, dass ich das gar nicht genau wissen will. Anscheinend bringt momentan jeder Opfer für mich, um mir Unannehmlichkeiten zu ersparen.” Sie fand es schrecklich, was die anderen ihretwegen über sich ergehen lassen mussen. Ihr Stylist hatte sich bereit erklärt, ihr das Haar bei ihr zu Hause zu machen, weil er nicht wollte, dass sein Salon von der Presse gestürmt wurde. Und jetzt lief ihre Schwester auch noch wie eine Undercoveragentin herum – und genoss jede Minute.

“Es sind keine Opfer, sondern Gefälligkeiten. Wir lieben dich, also mach dir deswegen keine Gedanken. Aber es gefällt mir nicht, dass du dich im Haus verkriechen musst.” Gillian klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Holzfußboden. “Verdammt, ich wünschte, wir könnten diese Story der Presse zuspielen. Aber das geht nicht.”

“Noch nicht. Dad blickt auf eine lange Dienstzeit zurück. Er ist allgemein beliebt und wird respektiert. Er hat sich seinen Platz in der Geschichte verdient. Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass sein Ruf durch diesen Skandal beschädigt wird. Das verdient er nicht.”

Gillian nickte. “Da gebe ich dir Recht.”

Um ihres Vaters willen würde das Geheimnis noch eine Weile gewahrt bleiben müssen. Juliette atmete tief durch. “Ich bin bereit.”

“Gut.” Gillian stand auf und nahm eine Tasche.

“Lass mich unseren Plan noch einmal zusammenfassen. Ich fahre deinen Wagen, angezogen wie du, während du auf dem Beifahrersitz sitzt und meine Rolle übernimmst”, sagte Juliette.

“So weit, so gut.”

“Wir fahren an den Reportern vorbei zu deinem Apartment, wo der Rest der Meute wartet. Dort verschwinden wir in der sicheren Tiefgarage.”

Gillian nickte. “Zu der sie keinen Zugang haben.” Sie lachte übermütig bei der Vorstellung, die Presse auszutricksen. “Sie glauben, du besuchst mich, und um diesen Eindruck zu verstärken, gehe ich, gekleidet wie du, hinauf in die Lobby und zum Lebensmittelladen an der Ecke hinaus, bevor ich ins Haus zurückkehre. Sie werden nicht damit rechnen, dass wir irgendwohin gehen, da wir ja offenbar bei mir, sprich Juliette Stanton, sind.”

“In der Zwischenzeit schlüpfe ich auf den Rücksitz von Dads Wagen, den sein Chauffeur fährt, verstecke mich unter einer Decke und lasse mich zum Flughafen fahren”, ergänzte Juliette.

“Und falls dich jemand zufällig sieht, werden sie denken, sie hätten Gillian Stanton vor sich, und der werden sie nicht folgen, denn sie sind ja hinter dir her. Und dann bist du frei.”

Juliette breitete die Arme aus. “Und bereit für eine herrliche Woche voll mit Sonnenschein und Spaß. Allein. Ist das nicht wundervoll?

Ihre Schwester grinste schief. “Was die ersten beiden Dinge angeht, liegst du richtig.”

Juliette kniff die Augen zusammen. Sie kannte ihre abenteuerlustige Schwester viel zu gut. Irgendetwas führte sie im Schilde. “Was soll das nun wieder heißen?”

“Überhaupt nichts.” Gillian schaute auf ihre Uhr. “Wir müssen los, wenn du deinen Flug nicht verpassen willst.”

Juliette schnappte sich ihre Handtasche. “Na schön. Und falls ich es noch nicht gesagt habe, weil ich so mit Jammern beschäftigt war – ich bin zutiefst gerührt, dass du dein Erspartes für mich ausgegeben hast. Ich werde es dir zurückzahlen.” Obwohl beide Frauen Treuhandfonds besaßen, die nach dem letzten Willen ihrer Großmutter eingerichtet worden waren, rührten sie das Stammkapital nicht an. Beide hatten beschlossen, ihren Weg aus eigener Kraft zu gehen, Juliette als PR-Beraterin bei einem Pharmakonzern, Gillian als Lehrerin.

“Wenn du mir das Geld zurückgibst, ist es doch kein Geschenk mehr. Betrachte es als mein Geschenk zur gescheiterten Hochzeit.”

Juliette drückte ihrer Schwester die Hand. “Ich bin so froh, dass ich dich habe.”

Gillian grinste. “Dazu hast du auch allen Grund.”

Sie gingen in die Doppelgarage, die zu dem alten Haus gehörte, das Juliette gemietet hatte. Dort stand Gillians Wagen.

“Versprichst du mir etwas?” meinte Gillian. “Auf der Insel bist du ungestört, und wenn wir alles richtig gemacht haben, werden dir keine Kameras folgen, und keine Presse wird da sein, um dir Fragen zu stellen. Entspann dich, und sei ganz du selbst, ja?”

“Du liest meine Gedanken.” Juliette war nicht überrascht, dass die geheimnisvolle Verbindung, die zwischen den meisten eineiigen Zwillingen besteht, wieder einmal funktionierte. Sie lachte, da sie längst beschlossen hatte, diesen Inselaufenthalt zu nutzen, um herauszufinden, wer Juliette Stanton wirklich war. Sie setzte sich auf den Fahrersitz, schob den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn um.

“Also”, sagte sie über das Brummen des Motors hinweg, “lassen wir das Abenteuer beginnen.”

Eine Woche nach seinem ersten Besuch bei Merrilee Schaefer-Weston stand Doug Houston in der beeindruckenden Freilichtlobby des Hauptgebäudes auf Secret Fantasy und erwartete das Objekt seiner heimlichen Fantasien.

Schuldgefühle nagten an ihm bei dem Gedanken an diese Reise und die Scharade, die er würde aufführen müssen, um seine Story zu bekommen. Schuldgefühle waren ihm eigentlich fremd, besonders wenn es um seinen Job ging. Diesmal war es anders. Aber diese Sache war zu wichtig, um sich durch ein schlechtes Gewissen aus dem Konzept bringen zu lassen.

Er befand sich auf Secret Fantasy, um Juliette Stanton, “Chicagos Braut, die sich nicht traut”, aufzuspüren und dadurch belastendes Material über ihren Exverlobten zu sammeln. Und genau darin lag der Grund für seine Schuldgefühle. Sicher, er konnte sich mit der Tatsache trösten, dass er ja kein belastendes Material über Juliette zusammentragen würde und dass er Merrilee zumindest in dieser Hinsicht nicht belogen hatte. Nur sagte Dougs Instinkt ihm, dass Juliettes Gründe für ihre Flucht vor der Hochzeit mit seinem jüngsten Ärger zu tun hatten – und sein Adoptivvater hatte ihm beigebracht, stets auf seinen Instinkt zu hören.

Doug war kein Anfänger mehr und war ständig auf der Hut vor unzuverlässigen Quellen. Dass seine letzte Story sich als falsch erwies, kam für ihn völlig überraschend. Sein Adoptivvater, ein Journalist, der großes Ansehen genoss, hatte ihn dazu erzogen, der Beste zu sein. Umso schlimmer war es für Doug, in Ungnade zu fallen, nachdem er über die verhängnisvolle Verbindung des Kongressabgeordneten Haywood zu einem berüchtigten Mafiaboss und die Geldwäsche durch ein Import- und Exportunternehmen berichtet hatte.

Der Kongressabgeordnete war der Geschäftspartner von Juliette Stantons Verlobten, des Mannes, der nach dem Sitz von Juliettes Vater im Senat trachtete. Ein Mann, der Dougs Ansicht nach ebenso korrupt wie sein Partner war. Doug war nach wie vor fest davon überzeugt, dass seine Story der Wahrheit entsprach. Nur verfügte er über keinerlei Beweise, die seine Behauptungen stützten. Beweise, von denen er ganz sicher war, dass Juliette sie ihm liefern konnte.

Doug fuhr sich durch die kragenlangen, vom Wind zerzausten Haare – ein weiterer Teil seiner Scharade. Kein Haarschnitt, keine Rasur, bis sein Aufenthalt auf dieser Insel vorbei war. Bis er sicher war, dass Senator Stantons Tochter ihn nicht anhand eines Fotos über seiner Tribune-Kolumne erkennen würde.

Eine Woche auf einer tropischen Insel zu verbringen wäre nicht so schlimm, wenn sein Vater nicht im Krankenhaus läge. Doug, der unter normalen Umständen so ein Paradies wie Secret Fantasy lieben würde, musste so rasch wie möglich wieder von hier verschwinden, nachdem er dem Tipp in Bezug auf Juliette nachgegangen war. Ein Tipp, von dem er glaubte, dass niemand sonst ihn bekommen hatte. Und nachdem er ein wenig Geld an die richtigen Leute verteilt hatte, hoffte er der Einzige zu sein, der wusste, dass Juliette die Stadt verlassen hatte. Der Einzige, der eine ungestörte Woche allein mit der entflohenen Braut verbringen würde – sobald er das endgültige Okay von Merrilee bekommen hatte. Sie hatte ihn zwar nicht von der Insel gejagt, obwohl er zu einem Zeitpunkt auftauchte, der mit Juliettes Besuch zusammenfiel, aber er wusste, dass Merrilee ihn mit Argusaugen beobachten würde.

Er hatte einem alten Kriegskameraden seines Vaters viel Geld gezahlt, damit er Merrilees Sicherheitssystem überwand und ihm die benötigte Information beschaffte – Juliette Stantons Eintragungen über die Fantasie, die sie auf Secret Fantasy zu verwirklichen hoffte. Dabei hatte Doug festgestellt, dass man ihr wehgetan hatte – woran er nicht unschuldig war.

Sosehr er sich auch einredete, dass er Juliette helfen würde, ihren Schmerz zu vergessen, und dass er nicht die Absicht hatte, ihr wehzutun – es ließ sich nicht leugnen, dass er eine Frau benutzte, um an Informationen zu gelangen. Wieder einmal.

Aber Doug blieb keine andere Wahl. Diese Story würde ihn wieder zum Ass unter den politischen Reportern der “Tribune” machen. Und genau danach sehnte er sich verzweifelt. Nicht aus Eitelkeit. Einen Schlag gegen sein Ego hätte er durchaus verkraften können. Aber nicht die Enttäuschung seines Adoptivvaters, des Mannes, dem er so viel verdankte. Doug war zehn Jahre alt gewesen, als seine Mutter starb, und er war gerade aus einem Heim weggelaufen, als Ted Houston ihn bei dem Versuch erwischte, seine Brieftasche zu stehlen. Doug war der Ansicht gewesen, dass er dringender etwas zu essen brauchte als der Mann mit all seinen Fragen sein Bargeld. Doch innerhalb einer Stunde kannte der gewiefte Journalist Dougs Lebensgeschichte und hatte ihn in sein Zuhause und sein Herz aufgenommen.

Dieses Herz war jetzt krank, und der Stress durch Dougs berufliche Probleme hatte seinen Tribut von Ted gefordert, ebenso von Dougs Mutter – der Frau, die ihn wie ihren eigenen Sohn großgezogen hatte. Was bedeutete, dass Doug herausfinden musste, was die flüchtige Braut über ihren Exverlobten und dessen schmutzige Geschäfte wusste. Wenn er den anderen Zeitungen zuvorkam, würde er wieder ganz oben sein. Doug gab sich keinen Illusionen hin. Er wusste, dass die Wiederherstellung seines Rufes seinen Vater nicht heilen konnte. Aber gute Nachrichten würden dem alten Mann seelischen Auftrieb geben und seine Genesung vorantreiben. Dieser Ansicht waren zumindest die Ärzte. Und sie hatten Recht. Denn schon allein das Wissen, dass Doug versuchte, seine Behauptungen zu untermauern, hatte Wunder für die psychische Verfassung seines Vaters gewirkt. Und das wiederum hatte Doug den nötigen Anstoß gegeben, auf der Insel zu bleiben und sein Bestes zu versuchen. Außerdem war er es der “Tribune” und seinem Boss dort schuldig, exakte Beweise für seine Story zu liefern.

Jetzt erwartete er also seine Beute. Dank der Schwarzweißfotos in den Zeitungen und der Farbfotos, auf die er bei seiner Recherche gestoßen war, wusste er, wie Juliette aussah. Das glatte rotbraune Haar, das markante Profil, die Eleganz, mit der sie auftrat – eine Eleganz, wie man sie praktisch von klein auf antrainiert bekommt, wenn man in einer prominenten Familie aufwächst. Bis zu ihrer Flucht vor der Hochzeit war Juliette die Perfektion in Person gewesen. Und für einen Mann wie Doug, der gleichzeitig eine Romanze mit ihr beginnen und Enthüllungen über ihren dubiosen Verlobten in Angriff nehmen wollte, war sie überaus reizvoll.

Jetzt betraten Merrilee, ihre Assistentin und eine Frau, die Doug noch nie zuvor gesehen hatte, die Lobby. Die Frau hatte lange, vom Wind leicht zerzauste Korkenzieherlocken, die ihr bis auf den Rücken reichten. Durch den Wind und die Luftfeuchtigkeit sahen ihre Haare aus wie am Morgen nach einer heißen Liebesnacht. Jenem Moment, in dem eine Frau besonders sinnlich wirkt und leicht zu erregen ist. So erregt wie Doug jetzt, allein durch ihren Anblick.

Der weiße Rüschensaum an ihrem Jeansminirock wehte provozierend im Wind, und als ihr weißes Baumwolltop ihr von einer Schulter rutschte, entblößte es cremefarbene Haut, die einen starken Kontrast zu ihrem rotbraunen Haaren bildete. Haare, die Doug nur zu gern gestreichelt hätte.

Dann kam sie näher, und er betrachtete ihr Profil, registrierte die hohen Wangenknochen, die vollen Lippen, die immer ein wenig aussahen, als zöge sie einen Schmollmund.

Er war so sicher gewesen, dass er Juliette auf den ersten Blick erkennen würde. Und obwohl er jetzt sah, dass sie ihrer Zwillingsschwester ähnelte, war ihr Aussehen doch zu charakteristisch, um sie mit irgendeiner anderen Frau zu verwechseln. Es war nicht nur die prächtige Mähne, die sie verändert hatte, sondern auch das Gefühl des Befreitseins, das sich durch eine lebhaftere Mimik und Gestik ausdrückte. Ihre Hände fuhren durch die Luft, während sie sich mit Merrilee unterhielt. Ihre Augen funkelten vor Erstaunen und Bewunderung, während sie der älteren Frau zuhörte.

Juliette ähnelte nicht mehr der unauffälligen Verlobten von Stuart Barnes oder der fügsamen Senatorentochter. Diese Frau strahlte Temperament und Intensität aus. In ihr schien es zu brodeln.

Seit ihrer Beinahe-Heirat hatte sie eine Wandlung durchgemacht, und die Gründe dafür interessierten Doug mindestens ebenso wie die Story.

Das war also Secret Fantasy. “Cool”, wie die Schüler ihrer Schwester sagen würden. Schon der Name der Insel hätte Juliette verraten müssen, dass dies nicht irgendeine Ferienanlage war. Überhaupt hätte sie wissen müssen, dass ihre Schwester nichts Gutes im Schilde führte, als sie ihr das Versprechen entlockte, lockerer zu werden. Und Juliette eine Woche Dekadenz und Sex zu bescheren – auf Letzteres würde es hinauslaufen, wenn man sie mit einem aufregenden Fremden zusammenbrachte –, war eindeutig nichts Gutes.

Oder doch? Juliette kaute auf ihrer Unterlippe, denn sie erkannte die Chance, all das nachzuholen, was ihr entgangen war, indem sie stets den sicheren und von ihr erwarteten Weg eingeschlagen hatte.

“Offenbar waren Sie darauf nicht eingestellt. Falls Sie sich entschließen wieder abzureisen, erhalten Sie eine vollständige Kostenrückerstattung.” Merrilee Schaefer-Weston schüttelte den Kopf und lachte. “Oder sollte ich besser sagen, dass ich Ihrer Schwester die Kosten zurückerstatte? Ich muss gestehen, dies wäre das erste Mal für “Fantasies, Inc.”, dass so etwas passiert.” Sie berührte Juliettes Arm. “Aber bitte bleiben Sie wenigstens als mein Gast über Nacht. Vielleicht erschließt sich Ihnen der Zauber der Insel ja doch noch.”

Juliette sah die ältere, aber immer noch schöne Besitzerin der Anlage an. “Zauber?” wiederholte sie gequält.

Merrilees Augen leuchteten. “Wie würden Sie eine Woche fern von neugierigen Blicken sonst nennen? Eine Woche ganz für Sie allein, in der niemand weiß, was Sie sagen oder tun?”

“Mit Ausnahme des Mannes, mit dem ich hier zusammen sein werde.” Juliette erschauerte wohlig bei der Aussicht, ihren Urlaub mit einem attraktiven Fremden zu verbringen. Kein Stuart, kein Skandal, keine Reporter … “Ich werde die Woche bleiben”, entschied sie spontan.

Falls Merrilee überrascht war, zeigte sie es jedenfalls nicht. “Wunderbar! Sie werden es nicht bereuen.”

Das hoffte Juliette auch. Denn eigentlich entsprach Spontanität nicht ihrem Charakter. Aber was hatte ihr sorgfältig planendes, braves Benehmen aus ihr gemacht? Eine enttäuschte Frau, die sich ausgenutzt fühlte. Niemand würde für möglich halten, dass die so konservative Juliette Stanton, die sonst jeden Schritt vorher genau durchdachte, einem Impuls folgte. Doch wie Merrilee sagte und ihre Schwester ihr bereits versichert hatte – jetzt hatte sie die Chance dazu.

“Einen Moment, ich werde mal nachschauen, wo wir Sie untergebracht haben.” Merrilee ließ sie im Zentrum der Lobby stehen, die eine Kombination aus üppigen tropischen Pflanzen, gemustertem Marmorfußboden und Säulen war. Eine schöne Zufluchtstätte auf der Insel.

Juliette neigte den Kopf und sah nach links, weil sie spürte, dass sie intensiv beobachtet wurde, und zwar von einem Mann mit dunkler Sonnenbrille und noch dunkleren Haaren. Einem gebräunten Mann, der eine Badehose trug und sonst nichts. Sie schluckte.

Er setzte seine Brille ab, und ihre Blicke trafen sich. Wärme durchströmte Juliette, die nichts mit dem herrlichen Wetter zu tun hatte.

“Es ist alles bereit.” Merrilees Stimme überraschte sie. “Wir haben Hütten in ungestörter Lage, die Ihnen sicher gefallen werden.”

Widerstrebend löste Juliette den Blick von dem Fremden. “Es wird mir bestimmt gefallen, und ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mich vor neugierigen Blicken schützen.” Sie drehte sich noch einmal um, musste jedoch zu ihrer großen Enttäuschung feststellen, dass er fort war.

“Keine Sorge, ich habe den Verdacht, dass Sie ihn wieder sehen werden”, bemerkte Merrilee leichthin.

Juliette gab sich ahnungslos. “Wen wieder sehen?”

Merrilee lachte nur. “Lassen Sie mich Ihnen die Hütten zeigen. Ihr Gepäck wird Ihnen gleich nachgebracht.”

Sie führte Juliette einen gewundenen Pfad entlang, der von grünen Blätterpflanzen und pinkfarbenen Blumen gesäumt war, deren Namen sie zwar nicht kannte, die sie jedoch wunderschön fand. Während sie am Pool und verschiedenen Restaurants vorbeikamen, hielt sie Ausschau nach ihm.

Ihre Schwester war der Ansicht, dass sie ihr Leben genießen sollte. Und jetzt würde sie anscheinend damit anfangen.

2. KAPITEL

Nachdem sie ein kurzes Nickerchen gehalten und rasch ausgepackt hatte, zog Juliette sich um und machte sich auf den Weg zum Strand. Unterwegs blieb sie stehen, um die Aussicht zu genießen. Vor ihr lagen ein weißer Sandstrand und das blaue Meer, das sich bis zum Horizont erstreckte, wo es mit dem azurblauen Himmel zusammentraf, an dem nur wenige winzige weiße Wolken zeigten, die Wattebäusche glichen. Zu ihrer Linken befanden sich üppige Blumengärten, und zu ihrer Rechten ein riesiger, unsymmetrischer Pool mit einem Wasserfall in der Mitte.

“Ein echter Garten Eden”, murmelte sie.

“Adam und Eva müssen dumm gewesen sein, ihn jemals zu verlassen”, bemerkte eine tiefe männliche Stimme.

Juliette wusste sofort, wer neben ihr stand, und ihr Herz schlug schneller. “Wenn ich mich recht erinnere, verließen sie ihn nicht freiwillig. Sie wurden verbannt.”

“Weil sie zu neugierig waren und von der verbotenen Frucht gekostet hatten.”

Seine Worte ließen Juliette erschauern, und sie musterte ihn verstohlen.

Schon von weitem hatte er gut ausgesehen, doch aus der Nähe betrachtet, war er geradezu umwerfend sexy. Seine Augen waren leuchtend blau, seine Züge besaßen eine raue Attraktivität. Im Gegensatz zu ihrem Exverlobten wirkte dieser Mann verwegen mit seinen dunklen Haaren, der gebräunten Haut und den Bartstoppeln.

Juliettes Gedanken überschlugen sich. Dies war der Mann, der nachts in ihren Träumen zu ihr kam. Der ihr Herz im Sturm eroberte und sie zum Mittelpunkt seiner Welt machte. Für den nichts anderes mehr zählte.

Er streckte die Hand aus. “Ich bin Doug. Und Sie sind?”

“Erfreut, Sie kennen zu lernen”, erwiderte sie mit einem zögernden Lächeln. “Ich bin Juliette.” Da er seinen Nachnamen nicht genannt hatte, verzichtete sie ebenfalls darauf und reichte ihm die Hand. Sofort durchströmte es sie heiß. Dem Aufflackern in seinen Augen nach zu urteilen, ging es ihm ähnlich. Erschrocken über die Intensität der Anziehung zwischen ihnen versuchte sie zurückzuweichen.

Doch er ließ ihre Hand nicht los. “Freut mich ebenfalls, Sie kennen zu lernen, Juliette.”

Sein Daumen strich kurz über ihren Puls, bevor Doug ihre Hand losließ. Ein Gefühl der Freude breitete sich in Juliette aus, wie sie es noch nie zuvor empfunden hatte.

Es gefiel ihr, was sie empfand. Sie genoss jedes Prickeln, jeden Schauer. Nach den Qualen der letzten Wochen merkte sie erst jetzt, wie sehr sie sich danach sehnte, sich schön und begehrenswert zu fühlen. Sie lechzte danach, zu erfahren, dass sie nicht zweite Wahl war. Und dieser Mann, das spürte sie, konnte ihr die dringend benötigte Selbstbestätigung geben.

Doch eine Angst blieb. Obwohl sie auf diese Insel geflohen war, konnte Juliette nicht sicher sein, dass sie auch die Paparazzi abgeschüttelt hatte. Das Letzte, was sie wollte, war, ihrem Vater noch mehr Ärger zu bescheren, indem man sie auf dieser Insel aufspürte.

“Wohin wollten Sie?” erkundigte sich Doug und riss sie aus ihren Gedanken.

“Ich hatte vor, mich an den Strand zu legen.” Sie deutete auf die aufgespannten Sonnenschirme.

“Und ich hatte vor, Ihnen Gesellschaft zu leisten.” Er grinste. “Falls Sie nichts dagegen haben.”

Sie sah ihm in die Augen. Als sie sich entschieden hatte, auf Secret Fantasy zu bleiben, hatte sie gleichzeitig beschlossen, darauf zu vertrauen, dass sie hier geschützt war. Aber sie würde außerdem auch ihre üblichen Hemmungen fallen lassen müssen. Beim Auspacken hatte sie festgestellt, dass ihre Schwester ihre vernünftigen Kleidungsstücke durch unpraktische, sehr aufreizende Sachen ersetzt hatte. Äußerlich war Juliette also von jeglichem Zwang befreit.

Nun würde ihre innere Einstellung folgen müssen. Das war leichter gesagt als getan. Und es würde ihr um einiges leichter fallen, wenn sie nicht auf das sehr offenherzige Dekolletee ihres knappen Bikinis achten würde.

Sie räusperte sich. “Um ehrlich zu sein, ich hätte gern Gesellschaft.” Sie zögerte, dann erinnerte sie sich daran, dass dieser Mann sie ja nicht kannte. Also konnte sie sich völlig ungezwungen verhalten.

Daher legte sie ihre Hand in seine, und sie gingen zum Strand hinunter.

“Woher kommen Sie?” fragte sie nach einem Moment.

“Aus Michigan”, antwortete er. Was technisch gesehen auch stimmte. Er war in Detroit geboren und hatte dort die ersten drei Monate seines Lebens verbracht. Dann hatte sein Vater die Familie verlassen, und seine Mutter war mit ihrem Sohn nach Chicago gezogen.

Natürlich konnte er Juliette nicht sagen, dass er aus Chicago kam, weil sie sonst möglicherweise misstrauisch wurde und sich zurückzog. Ebenso wenig konnte er ihr seinen Nachnamen nennen, da sie ihn eventuell von seinen Artikeln in der “Tribune” kannte. Deshalb umging er die Wahrheit so knapp wie möglich. Je aufrichtiger er war, desto geringer die Gefahr, dass ihm ein Fehler unterlief. Außerdem hoffte er, dadurch nicht so sehr von seinen Schuldgefühlen geplagt zu werden.

Sie nickte. “Ich bin in Chicago geboren.”

Sie schlenderten ein paar Holzstufen hinunter und gelangten so auf den weißen Sandstrand. “Das wirkt fast unwirklich”, meinte Juliette und deutete auf die endlose Weite des blauen Ozeans vor ihnen.

Doug sah sie an, betrachtete ihren knappen dunkelblauen Bikini, der einen großzügigen Blick auf ihre Brüste, ihren flachen Bauch und die unglaublich langen Beine bot. Er bekam einen trockenen Mund. “Ja, allerdings.”

Röte schoss ihr in die Wangen, und Doug erkannte, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er musste es langsam angehen lassen und einen kühlen Kopf bewahren. Was er brauchte, waren Informationen, keinen Sex. Verdammt. Schließlich war er auch nur ein Mann. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er sich eingestehen, dass er durchaus auch Sex brauchte. Doch ganz gleich, wie anziehend er Juliette fand, Sex gehörte nicht zu seinem Plan. Er war hier, um ihre Fantasie wahr werden zu lassen – um sie zu verzaubern und zu umschwärmen, während er gleichzeitig ihr Vertrauen so weit gewann, dass sie ihm die Wahrheit über ihren Exverlobten sagte. Sie hatte unbestreitbar eine heftige Wirkung auf ihn. Doch mit ihr zu schlafen, das kam nicht in Frage. Es wäre ihr gegenüber unfair und selbstsüchtig. Nein, diesen Weg wollte er nicht noch einmal gehen.

Diese Gedanken erstaunten ihn. Der Doug Houston, den er kannte, würde für eine Story so weit gehen, wie es nötig war. Wieso sollte es bei Juliette anders sein?

Weil sie anders war. Er hatte keine Ahnung wieso, aber Juliette und ihre charmante Naivität verhalfen ihm zu einem Blick in sich selbst und seine nicht allzu ruhmreiche Vergangenheit. Eine Vergangenheit, aus der er lernen sollte. Er hatte nicht nur Erin sehr wehgetan, indem er ihr etwas vorgemacht hatte, sondern würde auch ihre Rache nie vergessen. Diese Rache war der Grund, weshalb er sich überhaupt hier auf dieser Insel befand. Rückblickend betrachtet konnte er es Erin jedoch nicht verdenken. Sie hatte keinen Grund zu der Annahme gehabt, dass er nicht heiraten wollte, aber nur, weil er sich ihr nie offenbart hatte. Er hatte mit ihr geschlafen, weil er an ihr interessiert war. Bei ihr geblieben war er – das hatte er inzwischen begriffen –, weil es angenehm war, sowohl in persönlicher wie in beruflicher Hinsicht. Aber geliebt hatte er sie nicht.

Er betrachtete seine Begleiterin. Juliette Stanton war wunderschön. Doug ahnte, wenn er sich mit ihr einließ, würde er diesmal derjenige sein, der am Ende dafür bezahlte. Und er hatte nicht die Absicht, eine solche Erfahrung zu machen.

Er half Juliette, einen Liegestuhl aufzustellen, und breitete ein Badelaken darüber. “Kann ich Ihnen etwas zu trinken holen?”

Sie schüttelte den Kopf. “Ich glaube, ich genieße einfach die Schönheit um mich herum.”

Sein Blick fiel von ihren geröteten Wangen auf ihre Brüste, die sich in dem raffiniert geschnittenen Bikinioberteil wölbten wie zwei verlockende, pralle Äpfel. “Das würde ich auch gern.” Aber er widerstand der Versuchung, es sich neben ihr bequem zu machen.

Er hatte einen Eindruck bei ihr hinterlassen. Das war genug für den ersten Tag. Für sie und für ihn.

“Merrilee erwähnte vorhin, dass heute Abend noch eine kleine Strandparty stattfindet.”

“Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie beim Wet-T-Shirt-Wettbewerb mitmachen.” Das würde er nämlich nicht überstehen.

“Ich fürchte, dann würden die Männer von Merrilee ihr Geld zurückverlangen.” Ein halbherziges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.

Er zwang sich, nicht schon wieder auf ihre Brüste zu schauen. “Ich finde, Sie unterschätzen Ihre Wirkung auf das andere Geschlecht.”

“Oh, ich glaube, ich bin mir meiner Wirkung auf Männer durchaus bewusst.” Sie schloss die Augen, um sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen.

Doug setzte sich zu ihr auf den Rand des Liegestuhls. “Davon bin ich überzeugt.” Er legte ihr die Hand auf den Oberschenkel und spreizte seine Finger. “Wieso habe ich trotzdem den Eindruck, dass Sie sich von der Ansicht anderer Leute haben beeinflussen lassen?”

“Vielleicht weil Sie zu lange in der Sonne waren?” Sie sah ihn mit ihren grünen Augen an und klang amüsiert.

“Ich bin noch nicht so lange in der Sonne, um zu fantasieren. Andererseits war ich lange genug mit Ihnen zusammen, um zu wissen, welche Wirkung Sie auf mich haben.” Sein Daumen strich über ihre weiche Haut.

Sie sog scharf die Luft ein. “Es ist heiß hier draußen.”

“Ja, das ist es.” Und wenn er nicht schleunigst seine Hand fortnahm, würde ihnen beiden noch heißer werden – soviel stand fest.

“Ich denke, Sie haben Ihren Standpunkt klar gemacht.” Juliette befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze, und Doug musste ein Stöhnen unterdrücken.

“Das freut mich. Denn ich kenne Sie zwar nicht gut, aber ich kann Ihnen versichern, dass Sie auf jeden Mann eine heftige Wirkung haben würden.”

Sie grinste. “Das höre ich gern. Und dass Sie mich noch nicht gut kennen, können wir jederzeit ändern.” Sie schüttelte offenbar verlegen den Kopf, so dass ihre langen Locken wippten und über ihre Brüste fielen.

“Soll das eine Einladung sein?” fragte er.

Errötend nickte sie. “Ich glaube schon. Zur Strandparty und dazu, mich besser kennen zu lernen.” Sie mied seinen Blick. “Es sei denn, Sie finden das anmaßend von mir.”

Diese letzte Bemerkung ließ Doug ahnen, dass es ihr nicht leicht fiel, sich zu provozierend zu geben. Er begriff, wie sehr ihr Stolz und ihr Selbstbewusstsein durch den Skandal gelitten hatten. Auch wenn sie es war, die die Hochzeit hatte platzen lassen, sein journalistischer Instinkt, der ihn noch nie getrogen hatte, sagte ihm, dass irgendetwas Gravierendes passiert war, was sie zu diesem dramatischen Schritt gezwungen hatte.

Er nahm ihre Hand. “Nun, Juliette, ich nehme Ihre Einladung sehr gern an.” Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln, um die gleiche Mischung aus Interesse und Vorfreude in ihr auszulösen, die er empfand. Und damit sie sich begehrt fühlte.

“Das freut mich.” Erneut fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Unterlippe. Es war eine faszinierende Geste, sinnlich und unschuldig zugleich.

“Soll ich Sie abholen, oder treffen wir uns dort?”

Sie winkelte die Knie an. “Ich habe vorher noch einiges zu erledigen. Wir treffen uns dort, einverstanden?”

Er nickte. Jetzt fortzugehen fiel ihm schwerer, als es sollte, da er sie doch in wenigen Stunden schon wieder sehen würde. Niemals hätte er damit gerechnet, dass die sonst so zurückhaltende Juliette Stanton den ersten Schritt machen würde. Aber er konnte nicht leugnen, dass sie ihn seinem Ziel ein ganzes Stück näher gebracht hatte.

Merrilee saß an ihrem Schreibtisch und betrachtete den riesigen Strauß roter Rosen mit Schleierkraut und Grün, den man ihr nach Secret Fantasy geliefert hatte. Die dazugehörige Karte war nicht unterschrieben, der Absender anonym.

Jemand klopfte leise an die Tür zu ihrem Büro. “Herein.”

Juliette Stanton trat ein. Sie war gekleidet, als käme sie gerade vom Strand. “Hallo. Tut mir Leid, dass ich Sie störe, aber ich habe mich gefragt, ob Sie wohl eine Minute Zeit für mich … Oh, was für wunderschöne Blumen!” Sie ging zu dem riesigen Blumenstrauß.

“Danke.” Merrilee lächelte. “Das finde ich auch. Allerdings wüsste ich gern, wer sie mir geschickt hat.”

Juliette beugte sich vor und atmete den Duft ein. “Ein heimlicher Verehrer? Wie romantisch!”

Merrilee neigte den Kopf. “Eher geheimnisvoll.”

“War eine Karte dabei?” erkundigte sich Juliette, winkte aber sofort ab. “Entschuldigen Sie, das geht mich ja schließlich nichts an.”

“Oh, es macht mir nichts aus, Ihre Frage zu beantworten. Schließlich haben Sie mir ja auch Ihren Wunschtraum für Ihren Urlaub anvertraut. Ja, es war eine Nachricht dabei.” Merrilee nahm die weiße Karte, die zusammen mit den Blumen überbracht worden war, und las sie vor. “Rosen, rot wie Rubine. Weil sie deine Lieblingsblumen sind.”

Juliette setzte sich in den Lehnsessel vor dem Schreibtisch. “Und sind es Ihre Lieblingsblumen?”

Merrilee nickte. Rote Rubine erinnerten sie an Charlie. Sie sah auf ihren Ring. Aber Charlie war schon lange tot, wie sie nur zu gut wusste. Wegen so einer Geste sentimental und wehmütig zu werden, würde ihn nicht zurückbringen. Und obwohl sie sich natürlich fragte, wer ihre Geheimnisse kannte, war dies nicht der richtige Zeitpunkt, um es herauszufinden. Sie nahm ein Kosmetiktuch aus der Schachtel auf ihrem Schreibtisch und betupfte sich die Augen. “Was kann ich für Sie tun?”

Juliette wirkte verlegen. “Vielleicht ist dies doch nicht der richtige Moment. Ich kann später wiederkommen.”

Merrilee beruhigte sie. “Es ist alles in Ordnung. Erzählen Sie ruhig.”

Juliette knetete ihre Hände im Schoß. “Na ja, ich bin nicht vertraut damit, wie diese Sache mit den Fantasien läuft, aber ich habe eine Bitte, die vielleicht ein wenig ungewöhnlich ist.”

Merrilee lächelte, damit Juliette sich unbefangener fühlte. “Glauben Sie mir, als Verantwortliche für die Erfüllung von Fantasien in meinen Ferienanlagen gibt es wenig, was ich noch nicht gehört oder gesehen habe.”

“Na gut.” Juliette atmete tief durch. “Ich wollte mich nach Doug erkundigen. Seinen Nachnamen weiß ich nicht. Ich glaube, er ist der Mann, mit dem ich meine Fantasie ausleben könnte.”

Merrilee war klar, dass Juliette Doug Houston meinte, der sich durch Anonymität tarnte. Nach seiner Abreise eine Woche zuvor hatte Merrilee ein paar Erkundigungen angestellt und war somit recht vertraut mit den Hintergründen seiner Fantasie. Schon bevor sie sich einverstanden erklärt hatte, ihn auf der Insel bleiben zu lassen, hatte sie herausgefunden, dass er ihr die Wahrheit gesagt hatte. Das sprach für ihn. Trotzdem war sie auf der Hut.

Merrilee wusste, dass Juliette die Flucht ergreifen würde, wenn sie erfuhr, dass sie sich ausgerechnet für den Mann entschieden hatte, der den Artikel über den Geschäftspartner ihres Exverlobten verfasst hatte. Aber vielleicht wäre ihr Verlangen auch größer als die Angst vor neuen Enthüllungen.

“Sie meinen den Mann aus der Lobby?” fragte Merrilee, um sicherzugehen.

“Ja”, erwiderte Juliette. “Sie sagten, ich würde ihn bestimmt wieder sehen, und das möchte ich gern. Doch vorher wollte ich mich vergewissern, dass er auch wirklich der Mann ist, den Sie für mich ausgesucht haben. Oder ist er bereits vergeben?”

“Offenbar besteht eine starke Anziehung zwischen Ihnen beiden.”

Juliette errötete und wandte den Blick ab. “Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon jemals so empfunden habe.” Sie lachte unbehaglich. “Ich fühle mich, als hätte mich der Blitz getroffen, und jetzt bin ich unsicher, was ich als Nächstes tun soll.”

“Außer ihn nicht mehr gehen zu lassen?” Merrilee war sowohl amüsiert als auch zufrieden, dass Juliette so stark auf Doug ansprach.

Juliette lächelte. “Ganz genau.”

Das machte Merrilee die Entscheidung sehr leicht. Da Diskretion bei Fantasies, Inc. oberstes Gebot war, durfte sie Juliette nichts über Doug Houstons Hintergrund verraten. Diese Dinge mussten die beiden allein klären, wenn die Zeit dafür reif war. Doch hatte sie Doug den ganzen Nachmittag über mit Juliette beobachtet.

Er mochte vielleicht nicht ganz das sein, was zu sein er vorgab, doch glaubte Merrilee auch nicht, dass er Juliette wehtun wollte. “Nun, ich sehe da kein Problem. Was immer auch Dougs Fantasie ist – Sie werden sicher verstehen, dass ich sie Ihnen nicht verraten kann –, eine andere Frau ist nicht im Spiel.”

Juliette war erleichtert. “Dann ist er also …”

“Zu haben.”

Sie lachte. “Ich wollte sagen ‘mein’.”

Merrilee lehnte sich zurück. “Irgendetwas sagt mir, dass der Mann nicht weiß, wie ihm geschieht.”

Juliette grinste. “Es heißt, man darf den Spieß auch durchaus einmal umdrehen. Ich dachte mir, wieso soll ich es nicht mit dem Mann versuchen, der mich am meisten interessiert, solange ich seiner Fantasie entspreche?”

“Und ich nehme an, dass er Ihrer Fantasie auf jeden Fall entspricht?”

“Sie meinen, ob er mir das Gefühl gibt, nichts und niemand sei ihm wichtiger als ich?” Sie nickte. “Darin ist er sehr gut.” “Ich schulde meiner Schwester Dank dafür, dass sie mir diesen Urlaub ermöglicht hat und ich den Problemen zu Hause entfliehen kann.”

Merrilee nickte verständnisvoll. “Meine Hoffnung ist stets, dass die Gäste von hier mit einer neuen Lebenseinstellung weggehen.”

“Ich hoffe, mit einer neuen Einstellung zu sehr vielen Dingen von hier wegzugehen.”

“Nun, falls ich noch irgendetwas für Sie tun kann, schauen Sie gern wieder vorbei.”

“Danke. Für alles. Und bis Sie herausgefunden haben, wer Ihr heimlicher Verehrer ist, freuen Sie sich einfach über die nette Geste”, fügte Juliette hinzu.

Merrilee erhob sich lächelnd. “Genießen Sie Ihren Aufenthalt auf der Insel und stürzen Sie sich ins Vergnügen.”

“Das werde ich”, versprach Juliette und verließ das Büro.

Juliette trat aus ihrer Hütte in die schwüle Abendluft, die erfüllt war vom typischen schweren Blumenduft der Insel. Sie ging den schmalen Pfad entlang, der von den Hütten zum Strand führte, wo die Festlichkeiten des heutigen Abends sie erwarteten. Und hoffentlich auch Doug.

Fackeln säumten den Pfad und die kleine Treppe, der orangefarbene Schein der Flammen bildete einen starken Kontrast zum tintenschwarzen Himmel. Juliette ging die wackeligen Holzstufen hinunter und blieb stehen. An einem Teil des Strandes brannte ein Lagerfeuer, und eine Band spielte auf einer behelfsmäßigen Bühne Musik, die nach den Beach Boys klang. Die Gäste standen paarweise oder in Gruppen zusammen, einige schlenderten allein umher. Juliette war nicht in der Stimmung, sich mit Fremden zusammenzutun, es sei denn mit einem ganz bestimmten, nach dem sie Ausschau hielt.

“Suchen Sie jemanden?” fragte er plötzlich hinter ihr.

Sofort schlug ihr Herz schneller. “Ich schaue mich nur um.”

“Wenn Sie das sagen.” Er lachte.

Die tiefe männliche Stimme ließ sie erschauern.

“Ich habe jedenfalls nach Ihnen gesucht”, gestand er. Sein Ton war sinnlich, doch es war die Wahl seiner Worte, die ein warmes Gefühl in ihr auslöste.

“Sie haben mich gefunden. Ich wollte mich gerade ein wenig umschauen.”

“Klingt gut.” Er bedeutete ihr mit einer Geste, dass sie vorgehen sollte.

“Möchten Sie einen Cocktail?” fragte einer der Kellner und hielt ihnen ein Tablett voller bunter Drinks entgegen

“Piña Colada? Tequila Sunrise?” Doug betrachtete prüfend das Sortiment. “Oder möchten Sie wie ich lieber an die Bar gehen und etwas anderes trinken?”

“Entscheiden Sie.”

Er nahm zwei hohe Gläser vom Tablett, reichte ihr einen cremefarbenen Drink und behielt selbst einen. Der Kellner ging weiter und ließ sie allein. “Piña Colada.”

Sie nahm das kühle Glas und probierte das hübsch dekorierte Getränk. “Hm, ist das süß”, sagte sie erstaunt.

Doug lachte. “Ich dachte, es ist besser, wenn Sie langsam anfangen.”

“Was hat mich verraten?”

“Erstens Ihr neugieriger Blick. Sie haben dieses Tablett angeschaut, als hätten Sie so etwas noch nie vorher gesehen.”

Ihre Unerfahrenheit in so banalen Dingen wie Cocktails machte sie verlegen. “Ich kenne mich eher mit Wein und Champagner aus.” Tropische Cocktails waren etwas völlig Neues für sie.

“Irgendetwas sagt mir, dass Sie ein sehr behütetes Leben geführt haben.”

Juliette zuckte die Schultern. “Eher ein äußerst ruhiges, im Gegensatz zu meiner Zwillingsschwester, die schon alles Mögliche mitgemacht hat.” Sie lenkte das Gespräch auf Gillian, weil sie es einfacher fand, über ihre Schwester zu reden als über sich.

“Nun, nach dieser Woche wird das anders sein.”

Ein Grinsen umspielte ihre Mundwinkel. “Das will ich hoffen. Ich bin hier, um Erfahrungen zu machen.” Jede, die er ihr zu bieten hatte. “Was können Sie mir also noch zeigen?”

Ein Schauer durchlief Doug. Er verkniff sich eine Bemerkung darüber, was er ihr gern alles zeigen würde. Kein Sex, ermahnte er sich.

Doch jedes Mal, wenn er Juliette betrachtete, bekam er einen trockenen Mund. Der sarongartige, an einer Hüfte zusammengebundene Rock zeigte viel nacktes Bein, während das bikiniähnliche Oberteil ihren flachen, gebräunten Bauch frei ließ und ihre vollen, wohlgerundeten Brüste betonte. Ihre Kleidung unterschied sich nicht sehr von der der meisten Frauen am Strand heute Abend. Aber Juliette war nicht wie die meisten Frauen. Keine von ihnen hatte eine solche Wirkung auf ihn.

“Schauen wir uns mal an, was es hier zu essen gibt”, schlug er vor und deutete zu den Ständen mit den Strohdächern, unter denen Buffets aufgebaut waren. “Es geht doch nichts über eine große Auswahl. Was möchten Sie? Hamburger, Hot Dogs oder lieber Seefisch, die Spezialität Floridas?”

Juliette atmete die verschiedenen Düfte ein und rümpfte die Nase, als sie den typischen Fischgeruch wahrnahm. “Ich glaube, ich nehme einen Hamburger.”

Er lachte. “Ich nehme an, konservative Mädchen halten nichts von der Kunst, einen Fisch zu fangen, zu entschuppen und dann auszunehmen.”

Sie schnaubte, als sei sie beleidigt, doch ihr Lächeln verriet sie. “Ich habe nicht behauptet, konservativ zu sein. Ich habe lediglich gesagt, dass ich ein sehr zurückgezogenes Leben geführt habe. Das ist ein großer Unterschied. Und was Sie betrifft, Sie sind so entspannt, dass ich bei Ihnen nicht unbedingt die herkömmliche Erziehung vermute. Habe ich Recht?”

“Ziemlich.” Vielleicht würde sie mehr über sich erzählen, wenn er ein wenig von sich selbst preisgab. “Ich bin adoptiert, und meine Adoptiveltern sind ziemlich unkonventionell.”

“Auf etwas in der Art würde ich auch tippen, besonders wenn Sie von einem der beiden Ihren Geschmack für Kleidung geerbt haben”, witzelte sie und musterte seine wild gemusterten Shorts und das absolut nicht dazu passende kurzärmelige Hawaiihemd.

“Finden Sie es hässlich?” fragte er.

“Na ja, sagen wir … anders”, erwiderte sie und wickelte sich grinsend eine ihrer langen Locken um den Finger.

Doug fragte sich, wann er die Gelegenheit bekommen würde, herauszufinden, ob die Locken so weich waren, wie sie aussahen. “Inwiefern anders?”

“Wo ich herkomme, tragen die Männer dreiteilige Anzüge und Krawatten oder exklusive Freizeitkleidung vom Designer.”

“Tja, falls in meiner Familie jemand Anzug und Krawatte getragen haben sollte, habe ich davon nichts mitbekommen.” Ted Houston hatte nie einen Anzug getragen, nicht einmal als ihm der Ehrenpreis der remmonierten Nachrichtenagentur “Associated Press” verliehen wurde. Zum Glück hatte Politik nie zum Ressort seines Vaters gehört. Doug hingegen verstand es, sich gut zu kleiden. Doch hier auf der Insel machte es ihm Spaß, mal wieder den Rebellen zu spielen, der auf die Konventionen pfiff. “Mein Adoptivvater ist farbenblind”, erklärte er. “Diese Gabe habe ich wohl geerbt.”

Juliette lachte über diesen Witz.

Er genoss den fröhlichen, unbekümmerten Klang ihres Lachens. Allein in ihrer Nähe zu sein half ihm, zum ersten Mal seit langer Zeit ein bisschen abzuschalten. Bis zu diesem Moment war ihm gar nicht klar gewesen, wie dringend er nach dem Fiasko mit dem Artikel und dem Herzinfarkt seines Vaters Entspannung gebraucht hatte.

“He, verstehen Sie mich nicht falsch. Ihr Stil ist mal eine Abwechslung. Genau wie Sie selbst”, fügte Juliette leise hinzu und trank einen Schluck von ihrem Drink. Der Kellner hatte die Strohhalme vergessen, oder Doug hatte sie auf dem Tablett übersehen. Wie dem auch sei, es war ihm egal, denn es gab ihm die Möglichkeit, Juliette zu berühren. Das ließ er sich nicht entgehen. Er streckte die Hand aus und wischte ihr mit dem Daumen den Schaum von der Oberlippe.

Sie hielt erschrocken inne, und der Ausdruck in ihren Augen verriet ihm, dass sie das Gleiche empfand wie er. Sein Verstand sagte ihm, dass er die knisternde Atmosphäre zwischen ihnen zu seinem Vorteil nutzen sollte, da Juliette ihm bisher kaum etwas über sich verraten hatte. Im Gegenteil, es war ihr sogar gelungen, den Spieß umzudrehen und ihn auszufragen. Doch sein Herz pochte laut in seiner Brust und drängte ihn, den Augenblick einfach nur zu genießen.

Er zog die Hand zurück, und während Juliette ihn beobachtete, leckte er den süß schmeckenden Schaum von seinem Daumen. Sie gab einen leisen, atemlosen Laut von sich, der ihn erschauern ließ.

Dann wurde über die Lautsprecheranlage das Essen angekündigt. Die Leute strömten zum Buffet, und Doug kam zur Vernunft. Er hatte sich die perfekte Chance entgehen lassen, Juliette unter dem Vorwand, sie besser kennen lernen zu wollen, weitere Informationen zu entlocken. Es war ihm nicht nur ein Rätsel, wieso er es nicht getan hatte, sondern er war auch völlig aus der Fassung. “Vom Gong gerettet”, murmelte er.

“Wie bitte?”

Er schüttelte den Kopf. “Nichts. Wollen wir uns etwas zu essen holen?”

“Gute Idee.”

Es war schon deshalb eine gute Idee, weil er dringend Abstand von ihr brauchte. Und in welche Schwierigkeiten konnte er schon geraten, wenn er nur mit ihr aß?

Eine halbe Stunde später hatte er seine Antwort. Zu viele Schwierigkeiten. Mit voll beladenen Tellern gingen sie an den Picknicktischen vorbei und, auf Juliettes Vorschlag hin, weiter den Strand hinunter. Sie wählte zielsicher eine abgeschiedene Stelle aus und bat Doug, für ihr kleines privates Picknick zwei Liegestühle zusammenzustellen.

Doug begriff allmählich, dass er ihr nichts abschlagen konnte, wenn dieses aufgeregte Funkeln in ihren Augen erschien. Denn es verriet ihm, dass das, was sie taten, ihr neu war, und das rührte ihn. Bei ihm war es anders; ihre fast kindliche Begeisterungsfähigkeit lag ihm fern. Er war schnell erwachsen geworden, zuerst auf der Straße, wo er Entbehrungen kennen gelernt hatte, später an Ted Houstons Seite, durch den er das Handwerk des Journalismus gelernt hatte. Er hatte gelernt, wie man selbst dem Teufel Informationen entlockte oder an private Unterlagen gelangte. Von der Straße bis zu vornehmen Banketts kannte Doug alles.

Doch ein Leben wie Juliettes konnte er sich nicht vorstellen. Ihm war nicht klar gewesen, wie viel einem Menschen entging, der so behütet aufwuchs wie sie. Zu seiner Überraschung war er froh, dass er ihre schmerzlichen Erinnerungen mit neuen, erfreulicheren Erfahrungen vertrieb. Erinnerungen, an denen er Schuld trug. Er wünschte nur, es fiele ihm nicht so schwer, die Hände von Juliette zu lassen. Ihm wurde schon heiß, wenn er sie nur ansah.

Schließlich legte sie die Serviette beiseite und gähnte hinter dezent vorgehaltener Hand. “Entschuldigen Sie. Ich schwöre, es liegt nicht an Ihnen.”

“Es liegt an der Reise. Ich bin überrascht, dass Sie so lange durchgehalten haben. Möchten Sie sich noch die klägliche Interpretation der Beach Boys anhören oder lieber ins Bett gehen?” Doug war nicht sicher, was er hoffte, wie ihre Wahl ausfallen würde. Aber eine Nacht lang seine Strategie neu überdenken zu können wäre keine schlechte Sache.

Juliette seufzte. “So ungern ich das auch sage, ich glaube, es wäre das Beste für mich, für heute Schluss zu machen.”

Enttäuschung und Erleichterung hielten sich die Waage. “Ich verstehe.”

Nachdem sie ihr Pappgeschirr und den Müll weggeworfen hatten, meinte Juliette: “Ich habe den Abend wirklich sehr genossen.”

“Ich auch. Aber er ist erst zu Ende, wenn ich Sie bis zu Ihrer Hütte gebracht habe.”

“Das brauchen Sie nicht. Aber ich würde mich freuen, wenn Sie es tun.”

Und er würde gern ins kalte Meer springen. Während er Juliette zu ihrer Hütte begleitete, kam er sich wie ein Teenager bei seinem ersten Date vor, nicht wie ein erfahrener Reporter, der es auf eine Story abgesehen hatte. Aber Rom war auch nicht an einem Tag erbaut worden, und ebenso wenig würde er heute Abend bekommen, was er brauchte.

“Da wären wir.” Juliette drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür, die Hände hinter sich verschränkt.

Doug streichelte ihre Wange und wickelte sich eine ihrer Locken um den Finger. Ihr Haar war so seidig, wie er vermutet hatte, und ihre Haut fühlte sich so zart an wie ein Pfirsich.

Behutsam zog Doug Juliette an sich. Würde der Gutenachtkuss, der ihm vorschwebte, außer Kontrolle geraten? Nach wie vor schwor er sich, dass Sex nicht in Frage kam – nicht, solange er Juliette als Informationsquelle betrachtete. Er war Profi und hatte seine Prinzipien

Doch sie jetzt zu küssen hatte nichts mit seiner Story zu tun, sondern ausschließlich mit seiner Begierde. Er beugte sich vor, bis ihre Lippen sich berührten. Ihr Mund war weich, aber fest. Sie erwiderte seinen Kuss, ohne zu zögern und mit einer Hingabe, die ihn erstaunte.

Ihre Zungen fanden sich zu einem erotischen Spiel, und Doug drängte Juliette gegen die Tür. Ihre Hände glitten seine Hüften hinauf, ihre Fingernägel gruben sich durch seine Kleidung in die Haut.

Einen kurzen Moment lang ließ er seinen Körper mit ihrem verschmelzen. Einen kurzen Moment lang ließ er sie fühlen, wie sehr sie ihn erregte. Dann wich er zurück und unterbrach den Kuss, obwohl es ihm sehr schwer fiel. Er legte seine Stirn an ihre und wartete darauf, dass sich sein Herzschlag wieder beruhigte.

“Du bist gut”, flüsterte Juliette.

Doug musste unwillkürlich lachen. “Du bist auch nicht schlecht.” Er hob den Kopf und sah ihr in die Augen.

Sie fuhr ihm mit dem Finger über die Lippen. Ein prickelnder Schauer durchlief ihn. “Das nehme ich als Kompliment.”

“Es war auch als Kompliment gemeint.” Seine Lippen brannten noch von ihrem Kuss, und sein Kopf war voller widerstreitender Gedanken. “Du solltest jetzt schlafen gehen.” Und er sollte sich zurückziehen und sammeln.

Er nahm ihr den Schlüssel aus der Hand und öffnete die Tür. Doch als Juliette an ihm vorbeiging und ihm ein “Gute Nacht” ins Ohr flüsterte, blieb Doug draußen stehen.

Er presste die Lippen zusammen, als sie die Tür hinter sich schloss. “Verdammt.” Er brauchte eine neue Strategie, und zwar dringend. Andernfalls bestand die Gefahr, dass er den Kopf verlor und völlig vergaß, wie wichtig die Informationen für ihn waren, die er von Juliette benötigte.

3. KAPITEL

Juliette rollte sich auf die Seite und stellte fest, dass es bereits Morgen war. Einer der Vorteile dieser luxuriösen Ferienanlage war, dass hier alles viel komfortabler war als in anderen Hotels. Die Matratze war so fest wie die zu Hause, die Kissen groß und weich. Juliette breitete die Arme aus und streckte sich. Das Bett war groß genug für zwei, und letzte Nacht hatte sie noch lange wach gelegen und sich gewünscht, sie wäre nicht allein. Sie hatte sich gewünscht, den Mut zu besitzen, Doug hineinzubitten.

Doch sie hatte ihn nicht gefragt, und er hatte in keiner Weise angedeutet, dass ihm so etwas vorschwebte. Er war eben ein Gentleman – und das gefiel ihr an ihm.

Sie zwang sich aufzustehen und ins Badezimmer zu gehen. Vom Verstand her wusste sie, dass Stuarts Beruf schuld daran war, dass sie an sich zweifelte und sich fragte, ob sie noch begehrenswert war. Trotzdem hatte sie sich danach gesehnt, dass Doug ihr bewies, dass er ebenso an ihr interessiert war wie sie an ihm.

Was diesen Mann betraf, waren ihre Sehnsüchte alles andere als gestillt, und dabei dachte sie nicht nur an körperliches Verlangen. Sie wollte mehr über ihn wissen und erfahren, welches seine Fantasie war und ob sie da hineinpasste. Da One-Night-Stands nicht ihrem Stil entsprachen, war sie froh über die Chance, ihn näher kennen zu lernen.

Nachdem sie sich kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt und die Zähne geputzt hatte, war sie wach genug, um den Tag in Angriff zu nehmen. Jemand klopfte an ihre Tür, und sie erschrak. Dann fiel ihr ein, dass sie gestern Abend die Karte für den Zimmerservice rausgehängt hatte.

“Herein!” Wenn sie gegessen und ihren Kaffee getrunken hatte, würde sie dem Strandleben besser gewachsen sein – sprich ihrem Bikini – in dem sie sich viel zu nackt vorkam – und Doug, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Sie ging zum Schrank, um sich etwas über das kurze Nachthemd zu ziehen. Ihren langen Frotteebademantel hatte Gillian durch einen knappen Morgenmantel aus Seide ersetzt – ein unpassendes Kleidungsstück, um darin an die Tür zu gehen. Juliette wühlte in den Sachen herum, in der Hoffnung, einen Jogginganzug oder sonst etwas zu finden, was sie ein wenig mehr bedeckte. Aber ihre Schwester hatte sämtliche bequemen Sachen gegen sexy Kleidung ausgetauscht.

Erneut wurde geklopft, diesmal lauter.

“Ich komme”, rief sie noch einmal.

Seufzend schlüpfte sie in den knappen Morgenmantel.

Rasch öffnete sie die Tür, bevor der Kellner mit dem Frühstück wieder verschwand. Doch der Mann, der vor ihr stand, war kein Kellner.

Es war Doug. Ihr Herz schlug schneller, und Juliette erkannte, dass es sie schwer erwischt hatte. Er trug die Sonnenbrille, die er aufgehabt hatte, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Doch aus der Nähe betrachtet, mit den Bartstoppeln im Gesicht und dem sinnlichen Grinsen auf den Lippen, verlieh er dem Wort “sexy” eine ganz neue Bedeutung.

Und zu wissen, dass sie genau diese Lippen geküsst hatte … Sie erschauerte und zog instinktiv die Aufschläge ihres Morgenmantels zusammen – als könnte irgendetwas sie gegen Dougs faszinierende männliche Ausstrahlung schützen.

Als würde ich davor geschützt werden wollen, dachte sie sarkastisch. Er neigte den Kopf nach vorn, und trotz der Sonnenbrille wusste sie, dass er ihren Versuch, sich zu bedecken, registriert hatte. Sie spürte, wie sein Blick über ihren Körper glitt.

“Du hast den Zimmerservice bestellt?” fragte er.

Sie war so fasziniert davon, ihn wieder zu sehen, dass sie erst jetzt das Frühstückstablett und den Strauß exotischer Blumen bemerkte, den er sich unter den Arm geklemmt hatte.

Er hielt ihr die Blumen hin, und sie nahm sie und atmete ihren Duft ein. “Danke.”

“Gern geschehen.” Er räusperte sich. “Ich kann das Tablett auf die Terrasse stellen, und wir können dort essen. Wir können auch drinnen frühstücken. Oder ich stelle das Frühstück auf die Kommode und lasse dich allein. Aber hab Mitleid mit mir, denn dieses Tablett ist ganz schön schwer.”

Juliette bezweifelte, dass er ihre Fantasie kannte. Und doch schien er ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Er verstand es, ihr das Gefühl zu geben, etwas ganz Besonderes zu sein, und sich ganz auf sie zu konzentrieren. Und Juliette war ziemlich überzeugt, dass er sich kaum Sorgen darüber machte, sie könnte ihn wegschicken. Wieso sollte er auch, nach gestern Abend? Sie wollte ihn hier ebenso, wie er offensichtlich bleiben wollte.

Sie lächelte. “Wenn ich in der warmen Sonne frühstücke, mit Blick auf den tropischen Garten, dann würde ich es nur ungern allein tun. Die Terrassentür ist offen. Wieso stellst du das Tablett nicht dort ab?” Sie ließ die Hand sinken, so dass sich der Morgenmantel teilte und ihr Nachthemd mit dem Spitzensaum zum Vorschein kam.

Doug schluckte. Er hatte geglaubt, eine Nacht lang darüber zu schlafen, würde ihn die Dinge wieder klarer und distanzierter sehen lassen. Schließlich war er Profi, und sein Vater brauchte ihn zu Hause. Es gab jede Menge Gründe, sich ganz und gar auf sein Ziel zu konzentrieren. Außerdem durfte er nicht vergessen, dass Merrilee ihn beim kleinsten Fehler, den er machte, von der Insel verbannen würde.

Doch als er Juliettes sexy Morgenmantel sah, wurde ihm klar, dass es ihm sehr schwer fallen würde, Distanz zu wahren. Bevor er etwas tun konnte, was er später bereuen würde, trat er ein und ging auf direktem Weg auf die Terrasse. Er ignorierte die offene Schlafzimmertür und das zerwühlte Bett, in dem Juliette geschlafen hatte.

“Davon habe ich geträumt.” Ihre heisere Stimme war hinter ihm.

“Von Brötchen und Butter?” Er hob das Tablett und ließ sie ihre Frühstücksauswahl sehen.

“Davon, mit einem attraktiven Mann auf einer tropischen Insel zu frühstücken.” Sie hielt die Schiebetür mit einer Hand auf und ging zu ihm auf die Terrasse, die einen Blick über die Gartenanlagen bot. “Und wie kannst du ein üppiges kontinentales Frühstück ‘Brötchen und Butter’ nennen?”

Sie setzte sich auf einen weißen schmiedeeisernen Stuhl, schlug die Beine übereinander und entblößte so viel nackte Haut, dass Doug um Fassung rang.

“Weil ich süße Sachen bevorzuge”, sagte er, und seinem Ton war die Wirkung, die Juliette auf ihn hatte, deutlich anzuhören.

Sie nahm eine Erdbeere aus einer Schale mit frischen Früchten. “Solche süßen Sachen?” fragte sie und drehte die reife rote Frucht zwischen zwei Fingern. “Oder eher solche?” Sie hob ein mit Zuckerguss überzogenes Gebäckteilchen aus dem Korb.

“Nein.” Er ging zu ihr und stützte sich auf die Stuhllehne, so dass sein Gesicht dicht vor ihrem war. “Eher solche.” Seine Lippen berührten sacht ihre. Es sollte ein harmloser Kuss werden.

Und das war er auch, federleicht und neckend zart. Es gelang Doug, die Kontrolle zu wahren – bis Juliette seufzte. Seine Bedenken verflogen, so dass er ausgiebig ihren sinnlichen Mund küsste, bevor er sich zurückzog.

Er hob den Kopf und stellte fest, dass sie lächelnd zu ihm aufsah. “Süß genug?” fragte sie.

“Fürs Erste.” Er zuckte die Schultern, obwohl er wusste, dass sein Versuch, sich lässig zu geben, kläglich gescheitert war. Aber jetzt, nachdem er einen Appetitanreger bekommen hatte, konnte er zufrieden sein und sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Er ignorierte die Stimme in seinem Kopf, die ihn einen Narren nannte. Er ging um den Tisch und setzte sich Juliette gegenüber. “Genießt du deine Ferien?”

“Mit jeder Minute mehr.” Ihre Lippen zuckten, da sie ein Lächeln zu unterdrücken versuchte. Offenbar war ihr genau bewusst, welche Wirkung sie auf ihn hatte. “Kaffee?”

“Lass mich das machen. Ich serviere dir das Frühstück, schon vergessen?” Er nahm die Kanne.

“Du hast das Frühstück mitgebracht, aber das heißt nicht, dass ich mich nicht selbst bedienen kann. Ich bin keine hilflose Frau.”

Er lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. “Wenn das so ist, hätte ich gern eine Tasse Kaffee. Schwarz.”

Sie grinste, nahm die weiße Kanne und goss ihm ein.

“So, du bist also keine hilflose Frau, und ich weiß bereits, dass du keine verbissene Feministin bist …”

“Woher weißt du das so genau?” Sie goss sich ebenfalls eine Tasse voll, gab Milch dazu und rührte um, während sie gespannt auf seine Antwort wartete.

“Weil ich gestern Abend deinen Schlüssel genommen und dir die Tür aufgehalten habe, zum Beispiel.”

Sie lachte. “Glaub, was du willst. Aber solltest du jemals auf meinen Rechten herumtrampeln, wirst du schon sehen, wie energisch ich sein kann.”

“Ich bezweifle nicht, dass du dich zu behaupten weißt. Aber zurück zu meiner ursprünglichen Frage. Du bist nicht hilflos und auch keine radikale Feministin. Was bist du denn dann? Willst du mir das verraten?”

“Im wirklichen Leben?” Sie brach ein Stück von ihrem Donut ab und schob es sich in den Mund. Sie deutete auf ihre vollen Wangen und hob den Finger.

Sie zögerte die Antwort hinaus. Er kannte diese Taktik. “Ja, im wirklichen Leben. Ich werde es dir leicht machen, indem ich zuerst etwas über mich erzähle.” Er trank einen Schluck Kaffee und sagte: “Ich bin Schriftsteller.”

Ich bin PR-Beraterin bei einen Pharmakonzern”, erklärte sie. “Und ich bin Single.”

Um ein Haar hätte Doug sich an seinem Kaffee verschluckt.

“Ich dachte nur, das würdest du wissen wollen.” Sie klimperte kokett mit den Wimpern.

Er grinste. “Das bin ich auch. Single, meine ich.”

“Warst du jemals verheiratet?”

“Nein.” Es erstaunte ihn, dass sie persönliche Dinge ansprach und somit die Tür für seine Fragen öffnete.

“Warst du jemals kurz davor?” wollte sie wissen, bevor er die Gegenfrage stellen konnte.

Verdammt, sie war gut. Sie verstand es, eine Frage direkt zu stellen, so dass er nervös wurde. Die Frau verfügte über journalistische Instinkte, von denen sie selbst nichts ahnte. Er betrachtete sie genauer. Sie wirkte ruhig, genoss ihr Frühstück und wartete auf seine Antwort.

Gern hätte er sich ihr anvertraut. Nur würde das seinen Zielen vollkommen zuwiderlaufen. Trotzdem antwortete er ihr, ohne den Blick abzuwenden und seine Gefühle zu verbergen. “Ist das möglich, wenn man nie die Absicht hatte, zu heiraten?”

“Ja, wenn man sich mitreißen lässt.” Juliette wusste das nur zu gut. Sie war so eingelullt gewesen von dem, was sie für die Realität hielt, dass sie für die Wahrheit blind gewesen war.

“Es war eher so, dass meine Freundin und ich verschiedene Dinge wollten. Nur wurde es uns erst klar, als es schon zu spät war.”

“Zu spät wofür?”

“Zu spät, um keinem von beiden wehzutun.” In seinem Ton schwang Reue mit.

Juliette seufzte leise. “Ich weiß, wie das ist.”

Seine Miene verriet Neugier. “Dann haben wir wohl wenigstens das gemeinsam.”

“Hm.” Sie hatte keine Ahnung, wieso sie ihn Dinge fragte, über die sie selbst nicht sprechen wollte. Doch sie freute sich ebenso wie er, dass sie etwas miteinander verband. Allerdings war sie nicht bereit, mehr von sich preiszugeben, ganz gleich, wie sehr sie sich wünschte, ihm näher zu kommen.

Bevor er sie erneut etwas fragen konnte, tupfte sie sich die Lippen mit der Serviette ab und meinte: “Was hast du für heute geplant?”

Er schien das Thema nur widerstrebend zu beenden. Doch er schob seinen Stuhl zurück und stand auf. “Ich dachte, wir probieren ein paar der Aktivitäten aus, die hier angeboten werden.”

“Weil es zu mehreren sicherer ist?” neckte sie ihn.

Er lachte, sah ihr jedoch nicht in die Augen. “Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du schrecklich clever bist?”

“In letzter Zeit nicht.” Die Ereignisse in ihrem Leben sprachen auch nicht gerade für seine Behauptung.

“Mach dich nicht kleiner, als du bist, nur weil andere dir irgendetwas einreden wollen.”

Das war Balsam für ihre Seele, nach allem, was sie mit Stuart erlebt hatte. Sie freute sich schon darauf, die Insel mit Doug zu erkunden. “Ich muss mich duschen und umziehen.”

“Und ich muss noch einiges mit Merrilee klären.”

Im Hinblick auf seine Fantasie oder seinen Aufenthalt auf der Insel? Zu gern hätte Juliette das gefragt. Doch sie schwieg, denn wenn sie seine Fantasie respektierte, würde er vermutlich dasselbe mit ihrer machen. Dann brauchten sie ihre Niederlagen nicht zu diskutieren oder die Gründe für ihre Reise auf die Insel, es sei denn, sie wollte ihm die Geschichte anvertrauen.

“Ich bringe dich zur Tür.”

Er schüttelte den Kopf. “Entspann dich. Ich gehe außen rum und treffe dich später.”

Sie lächelte. “Das hoffe ich.”

“Verlass dich drauf.” Er zwinkerte ihr zu und ging.

Juliette schaute ihm nach und bewunderte seinen festen Po in den Jeansshorts und seine gebräunten, muskulösen Arme. Gütiger Himmel, war dieser Mann sexy!

Ob es nun klug war oder nicht, sie wollte alles, was er ihr zu geben hatte. Sie wollte ihre tiefste Sehnsucht stillen. Und momentan waren ihre Bedürfnisse ziemlich einfach.

Sie wollte in seinen Armen liegen und sich nicht nur begehrt fühlen, sondern auch beschützt und sicher. Sie spürte instinktiv, dass Doug ihr Geborgenheit geben konnte. Und dann wollte sie ihm den Schmerz eingestehen, unter dem sie litt, und sich mit seiner Hilfe davon befreien.

Doug brauchte eine Verschnaufpause. Er ging an den Strand, legte sich auf einen der Liegestühle und ließ sich von der morgendlichen Brise und dem Rauschen des Meeres beruhigen. Nachdem er sich von Juliette verabschiedet hatte, hatte er zu Hause angerufen, um sich nach seinem Vater zu erkundigen.

Der alte Mann war noch nicht aus dem Krankenhaus entlassen worden, weil der Arzt weitere Untersuchungen durchführte. Dougs Mutter bestand darauf, dass er seine Arbeit fortführte, da sich der Zustand seines Vaters nach Dougs Abreise und der Aussicht auf eine Rückkehr mit guten Neuigkeiten erheblich gebessert hatte. Außerdem konnte ohnehin nichts unternommen werden, bis die Untersuchungsergebnisse vorlagen. Erst dann würde eine Entscheidung getroffen werden, ob man ihn operieren musste. Bis jetzt ging es seinem Vater also relativ gut.

Was Doug von sich nicht behaupten konnte.

Er hatte gesehen, wie Juliettes Augen leuchteten, als er mit dem Frühstücktablett und den Blumen vor ihrer Tür stand, und hatte selbst Herzklopfen bekommen. Das gehörte nicht zu seinem Plan und verunsicherte ihn sehr.

“Guten Morgen, Mr. Houston”, sagte eine vertraute Stimme hinter ihm. Merrilee ging um ihn herum und setzte sich neben Doug. “Genießen Sie die Ruhe?”

“Ich genieße alles an diesem Ort.”

“Danke.” Sie klang stolz. “Sie fragen sich sicher, wie meine Entscheidung lautet.”

“Ich vertraue auf Ihr Urteilsvermögen. Ich hoffe, Sie können sich dazu durchringen, mir zu vertrauen.” Er wollte sie mit einem Lächeln und seinem Charme umgarnen, brachte es jedoch nicht fertig. Mittlerweile fragte er sich, was nur auf einmal in ihn gefahren war.

Merrilee schlug die Beine übereinander und sah ihn an. “Interessant, dass Sie scharfsinnig genug sind, um zu wissen, dass Vertrauen beiderseitig sein muss. Ich verlasse mich darauf, dass Sie sich daran erinnern, wenn Sie mit Juliette zusammen sind.”

Doug dachte an seine Unterhaltung mit Juliette vorhin. “Sie ist sehr klug und entlockt mir mühelos Informationen, ohne dass ich die Gelegenheit bekomme, ihr Fragen zu stellen.”

Merrilee lachte. “Heißt das, Sie haben endlich Ihren Meister gefunden?”

Er ging nicht auf ihre Bemerkung ein. “Wollten Sie mir sagen, dass ich bleiben kann?” Er setzte sich auf.

“Mr. Houston, um nichts auf der Welt würde ich mir das entgehen lassen, Ihre Begegnung mit Juliette Stanton zu beobachten. Aber verstehen Sie mich nicht falsch – falls Sie Juliette wehtun, statt sie während ihrer Zeit auf dieser Insel glücklich zu machen, werden Sie sich vor mir und meinen Anwälten rechtfertigen müssen.”

Doug verdrängte die erneut aufsteigenden Schuldgefühle wegen seines geheimen Vorhabens und versuchte sein Gewissen zu beruhigen, indem er wenigstens in einem Punkt die Wahrheit sagte. “Sie haben mein Wort. Ich habe nicht die Absicht, Juliette Stanton wehzutun.” Er gab Merrilee die Hand.

Sie nickte. “Bitte kommen Sie in mein Büro, und unterschreiben Sie die Papiere, in denen Ihr Traumziel für diese Ferien dokumentiert ist.”

“Mit dam allergrößten Vergnügen. Mir ist aufgefallen, dass heute noch einige Gäste eingetroffen sind. Sind Sie nicht die ganze Woche ausgebucht?”

“Zum Glück bin ich seit Eröffnung der Anlage jede Woche ausgebucht. Aber ich habe ein paar Leute außer der Reihe aufgenommen, weil ich fand, sie haben es dringend nötig. Manchmal mache ich so etwas.”

Doug schüttelte ihr die Hand. “Sie sind wirklich eine ehrliche, fürsorgliche Seele.”

Sie lachte. “Und Sie sind ein Charmeur. Wissen Sie, ich habe genug erlebt, um Freude und Schmerz anderer Menschen zu erkennen. Ich denke, dieses Gespür für andere hat entscheidend zum Erfolg meines Unternehmens beigetragen.”

“Verzeihen Sie mir meine Unverblümtheit, aber bei unserer ersten Begegnung habe ich eine Traurigkeit in Ihrem Blick bemerkt.”

Merrilee lächelte. “Sie sind Reporter, Ihrem scharfen Blick entgeht wohl kaum etwas. Ja, Sie haben Recht mit ihrer Beobachtung.” Sie schaute zu Boden und spielte nachdenklich mit einer Franse ihres langen Rocks. “Ich habe meinen Verlobten im Vietnamkrieg verloren. Ich habe zwar später geheiratet, aber das war ein Fehler. Ich habe mein Leben damit zugebracht, mich auf Kosten meiner Bedürfnisse um die eines anderen zu kümmern.” Sie sah wieder auf.

“Mit dieser Ferienanlage tun Sie das auch.”

“Ja, aber es bereitet mir Vergnügen, zu sehen, wie andere ihre Fantasien ausleben. In neun von zehn Fällen ist das Ergebnis am Ende nicht das, was sie beabsichtigt haben, aber dafür besser, als sie es gehofft haben.”

Doug gefiel diese Frau und ihre Lebensphilosophie. “Das klingt rätselhaft.”

“Sprechen Sie noch einmal mit mir, wenn die Woche vorbei ist.” Merrilee stand auf, und Doug folgte ihrem Beispiel. “Aber zögern Sie nicht, in meinem Büro vorbeizuschauen, wenn Ihnen danach ist. Ich mag Sie.”

“Das beruht auf Gegenseitigkeit.”

Merrilee tätschelte seine Hand. “Dann enttäuschen Sie mich nicht.” Sie schlenderte den Strand hinunter.

Doug blickte ihr nachdenklich hinterher. Merrilee erbat nicht mehr, als sie erwarten durfte. Sie verlangte nicht einmal mehr, als er von sich selbst verlangte. Dennoch wurde er das Gefühl nicht los, sich auf sehr unsicherem Boden zu bewegen. Und das ahnte Merrilee.

Auf seinem Weg in die Lobby machte er beim Empfang Halt, um für den Abend etwas Besonderes zu arrangieren. Anschließend ging er zum Pool. Obwohl der Pool inzwischen gut besucht war und überall Handtücher auf den Liegestühlen lagen, hatte er keine Mühe, Juliette in der Menge zu entdecken. Niemand sonst hatte ihre Haarfarbe, und zu keiner anderen Frau fühlte er sich so hingezogen.

Als er sich ihrem Liegestuhl näherte, stellte er fest, dass sie schlief. Er zog sich einen Stuhl vom Nachbartisch heran, stellte seine Füße auf ihren Liegestuhl und betrachtete Juliette. Zum ersten Mal in seinem Leben war er, der stets auf dem Sprung war, damit zufrieden, einfach nur still dazusitzen und eine schlafende Frau anzusehen.

Ihre Brüste waren perfekt gerundet, die Knospen zeichneten sich deutlich unter dem Oberteil des Bikinis ab. Im Kontrast zu ihrem sinnlichen Körper in dem knappen Bikini wirkte ihr ungeschminktes, von Sonnenmilch glänzendes Gesicht beinah unschuldig, und das berührte etwas in ihm.

Er verschränkte die Arme über dem Bauch, betrachtete Juliette und fragte sich, wieso sie eine solche Anziehungskraft auf ihn ausübte. In diesem Moment flatterten ihre Lider. Sie seufzte und bewegte sich unruhig. Er streckte die Hand aus, um sie beruhigend zu streicheln, entschied sich aber dagegen, da sie friedlich weiterschlief. Er fragte sich, ob sie träumte, und wenn ja, wovon. Oder von wem.

Minuten später schreckte sie aus dem Schlaf hoch. Trotz der Hitze überlief sie ein Schauer. Fasziniert beobachtete Doug, wie sie allmählich zu sich kam. “Du bist wach.”

Erschrocken sah sie ihn an. Ihre Wangen waren leicht gerötet. “Wie bist du …” Sie schüttelte den Kopf. “Schon gut. Das will ich bestimmt nicht wissen.”

Er grinste, nicht über ihre Verlegenheit, sondern weil er sich so an ihr freute. “Ich bin erst seit kurzem hier, und falls du dich fragst, du schnarchst nicht.”

“Wie beruhigend.”

“Hast du gut geschlafen?”

Sie nickte und wich seinem Blick aus, so dass Doug sich erneut fragte, was sie wohl geträumt hatte. “Bist du immer noch daran interessiert, dir die Insel anzuschauen und das Freizeitangebot hier kennen zu lernen?”

Juliette zog die Knie bis unters Kinn. “Na klar. Aber erst mal will ich schwimmen, und dann möchte ich einen kühlen Drink. Was schwebt dir denn vor?”

“Zuerst Beachvolleyball. Und danach gibt es dann eine kleine Überraschung.”

“Ich liebe Überraschungen.”

“Dann lass uns loslegen. Wer ist zuerst am Pool ist?” Doug zog sein T-Shirt aus und warf es auf ihre Strandtasche.

Gebannt verfolgte Juliette seine Bewegungen und betrachtete seine nackte Brust.

“Wenn du mich weiter so ansiehst, wird mich nicht mal der Pool abkühlen können.”

“Es gibt noch mehr Möglichkeiten als den Pool, um sich deines Problems anzunehmen.” Ein sinnliches, unmissverständliches Funkeln erschien in ihren Augen.

Zum ersten Mal seit ihrer Bekanntschaft wandte sie den Blick nicht ab, als sie mit einer provozierenden Erwiderung konterte. Und obwohl ihre Wangen leicht gerötet waren, wirkte sie entschlossen. Doug begriff, dass sie sich in seiner Gegenwart wohl fühlte, und zwar so sehr, dass sie ihre Wachsamkeit vergaß. Die anfängliche Verlegenheit war verschwunden.

Der Himmel möge ihm jetzt beistehen.

4. KAPITEL

Juliette tauchte in den warmen Pool. Zum Glück war das Wasser noch kühl genug, um sie nach ihrem erotischen Traum in die Realität zurückzuholen. Und was für ein Traum das gewesen war! Im Mittelpunkt hatten Doug und seine erotischen Talente gestanden. Sie war in Gedanken an ihn eingeschlafen, insofern war der Traum durchaus verständlich. Doch in dem Traum hatte er ein so unerträgliches Verlangen in ihr geweckt, dass sie abrupt aufgewacht war. Zu ihrem Schrecken hatte sie feststellen müssen, dass er neben ihr saß und sie beobachtete.

Sie tauchte am tiefen Ende des Pools auf und strich ihre nassen Haare zurück.

Doug kam dicht neben ihr aus dem Wasser. “Wie wäre es jetzt mit einem Drink?” Er deutete zum Wasserfall und der Bar dort.

“Ich glaube, ich werde noch eine Weile warten.” Es war ihr zu unsicher, wie sie auf die Kombination aus Alkohol, Sonne und Doug reagieren würde. Sie ließ sich auf dem Rücken im Wasser treiben und genoss es, die Sonne auf ihrem Gesicht zu spüren.

“Wollen wir uns stattdessen ein Floß teilen?”

Sie hob den Kopf und sah, dass er sich eine simple Luftmatratze geschnappt hatte, die irgendjemand im Pool vergessen hatte. Juliette hielt sich an der einen Seite fest und wartete, bis er sich an der anderen Seite festhielt. Dann trieben sie langsam zum tieferen Ende. “Was für ein Leben!” Sie seufzte zufrieden.

“Auf jeden Fall besser als die tägliche Tretmühle.” Doug strich sich die nassen Haare zurück.

“Du sagtest, du seist Schriftsteller.”

“Ich bin in die Fußstapfen meines Vaters getreten.”

Sie legte ihr Kinn auf den Plastikrand. “Macht es dir was aus, wenn ich frage, welcher Vater?”

“Ich rede von meinem Adoptivvater”, erwiderte Doug mit sanfter Stimme. “Er ist der einzige Vater, den ich habe. Mein leiblicher Vater verschwand, also gibt es keinen Grund, mich an ihn zu erinnern.”

“Aber du und deine Adoptiveltern, ihr steht euch nah?”

“Sie sind die Besten.”

Sie lächelte. “Meine Eltern auch. Es ist ein wundervolles Geschenk, wenn man zurückblicken kann und weiß, dass man es gut hatte.” Sie dachte an ihren Vater, seine freundliche, fürsorgliche Art und das regelmäßige Frühstück am Sonntagmorgen mit seinen “Mädchen”, wie er Juliette, Gillian und ihre Mutter nannte.

Er hatte ihnen so viel Liebe und Verständnis gegeben – was vermutlich der Grund war, weshalb es ihr jetzt so wichtig war, ihn zu schützen. “Hast du jemals das Gefühl gehabt, deinen Eltern etwas schuldig zu sein? Nicht nur dafür, dass sie dir ein Dach über dem Kopf gegeben haben?” Gedankenverloren fuhr sie mit der Hand durchs Wasser.

“Ich weiß, dass ich ihnen etwas schuldig bin. Schließlich haben sie mich von der Straße geholt.” Doug räusperte sich.

“Wie das?”

“Ich war zehn Jahre alt und hatte seit Tagen nicht geschlafen, es sei denn, man zählt die Stunden mit, die ich auf Parkbänken gedöst hatte. Gegessen hatte ich noch länger nichts. Ich stand kurz davor, verhaftet zu werden.” Er schaute blinzelnd zum Himmel hinauf. “Manchmal wache ich nachts hungrig auf und muss mich erst wieder daran erinnern, dass unten ein voller Kühlschrank steht und ich kein zehnjähriger Junge mehr bin, der Taschendiebstähle begehen muss, um etwas zu essen zu bekommen.”

Juliette war verlegen. “Als ich dir die Frage stellte, dachte ich an meinen Dad und wie ich ihm helfen könnte. Ich habe mir nicht mal vorstellen können …” Sie verstummte, da sie nicht wusste, was sie noch sagen sollte. Obwohl sie ihren Vater erwähnt hatte, wenn auch nicht namentlich, bereute sie es nicht, da Doug sie so tief in sein Leben hatte blicken lassen.

“Wenn man das Glück hat, gute Eltern zu haben – und glaub mir, ich kenne den Unterschied –, gibt es nicht viel, was man nicht für sie tun würde.”

Juliette nickte. Sicher verstand er ihr Bedürfnis, die Menschen zu beschützen, die sie großgezogen hatten.

“Das klingt, als seist du hier, um etwas zu klären. Etwas, das mit deinem Vater zu tun hat?” Er drückte ihre Hand, als wollte er sie bitten, ihm zu vertrauen.

“Das kann man wohl sagen.” Sie fragte sich, was Doug ihr raten würde, wenn er die Wahrheit wüsste über sie und über das, was sie durchgemacht hatte. Außerdem fragte sie sich, ob sie ihrem Herzen trauen sollte, das heftig pochte und ihr riet, sich auf Doug einzulassen. Schließlich hatte sie schon zu viele Fehler begangen, um ihrem Urteilsvermögen hundertprozentig vertrauen zu können. Doch irgendetwas sagte ihr, dass dieser Mann anders war und sie nicht so benutzen würde, wie Stuart es getan hatte.

Ein lautes Pfeifen ertönte. “Beachvolleyball!” rief eine Frau den Gästen zu und zerstörte so den intimen Augenblick zwischen ihnen. “Noch zehn Minuten bis zum Spiel!”

Juliette war nicht sicher, ob ihr etwas erspart geblieben war oder nicht. “Das nennt man organisiertes Vergnügen. Etwas für Leute, die keinen Müßiggang ertragen.”

“Und die Menschenmengen mögen”, murmelte Doug, ehe er untertauchte und die Flucht ergriff.

Es war ihm ein Rätsel, wie Juliette es schon wieder geschafft hatte, dass er sich ihr öffnete und ihr so viel über sich erzählte. Dabei sollte es genau umgekehrt sein, denn er war derjenige, der Informationen von ihr brauchte. Aber kaum hatte er angefangen zu reden, konnte er nicht mehr aufhören.

Und das verstand er nicht. Noch nie zuvor hatte er jemandem von seiner schmerzlichen Vergangenheit erzählt, schon gar keiner Frau. Dabei wäre Erin so dankbar gewesen, wenn sie mehr über ihn erfahren hätte. Aber Doug hatte nie den Wunsch verspürt, sich Erin anzuvertrauen, obwohl sie immerhin zwei Jahre lang seine Lebensgefährtin gewesen war. Aber schon nach einem Tag kannte Juliette einige seiner intimsten Geheimnisse. Doug war jedoch nicht dumm und wusste, dass es von hier aus noch ein langer Weg war, bis er ihr Vertrauen gewonnen und sie davon überzeugt hatte, sich ihm ebenfalls zu öffnen.

Er wünschte nur, sein Bedarf an Informationen über ihren Exverlobten wäre der einzige Grund, weshalb er sich ihr zuerst geöffnet hatte. Er wünschte, ihre mitfühlende Art würde ihn nicht so für sich einnehmen. Außerdem war alles, was er tat, von Schuldgefühlen begleitet.

Doug tauchte wieder auf, schüttelte das Wasser ab und hielt sich wieder an der Luftmatratze fest. “Interessiert Beachvolleyball dich?”

“Ich weiß, du hast gesagt, du willst ein paar Aktivitäten auf der Insel mitmachen. Aber Beachvolleyball werde ich auslassen.” Juliette sah ihm in die Augen. “Ich ziehe die Gesellschaft einer bestimmten Person der einer großen Menge vor.”

Doug verstand die Andeutung. Obwohl Beachvolleyball sicherer war, stand er zu kurz davor, ihr Vertrauen zu gewinnen, um ihr jetzt einen Korb zu geben und sie damit womöglich zu verprellen. “Ich habe etwas Besonderes für uns geplant. Schon vergessen?”

“Wirst du es mir verraten?”

Er grinste. “Bald. Vorerst musst du nur zurück in deine Hütte gehen. Dort erwartet dich alles, was du für heute Abend brauchst.”

“Wenn ich nicht aufpasse, gewöhne ich mich noch an diese Art von Aufmerksamkeit.”

“Es gibt keinen Grund, weshalb du das nicht tun solltest. Eine Frau wie du verdient das Beste.” Er schlang seine Beine unter Wasser um ihre und wurde mit einem strahlenden Lächeln belohnt.

Sein Herz schlug schnell, und er wusste, dass er verloren war. Er hätte es schon in dem Moment wissen müssen, als er ihr seine Kindheitserlebnisse anvertraut hatte. Doch mit diesem einen Lächeln, das nur ihm allein galt, war es endgültig um ihn geschehen.

Woher weiß er das? dachte Juliette. Sie stand vor den Schranktürspiegeln und betrachtete sich. Sie trug Jeans, ein weißes Oxfordhemd und schwarze Stiefel. Alle Sachen waren bequem und hatten genau die richtige Größe. Erneut fragte sie sich, woher Doug wusste, wie sehr sie sich nach so einfachen Sachen sehnte, die ein ganz normales Leben symbolisierten.

So schlichte Sachen hatte sie seit dem College nicht mehr getragen. Inzwischen besaß sie keine einzige Jeans mehr. Immer im Bewusstsein der öffentlichen Aufmerksamkeit, besonders seit sie mit Stuart zusammen war, hatte sie das Haus nie verlassen, ohne konservativ-elegant gekleidet zu sein.

Als es klingelte, rannte sie zur Tür, um Doug überschwänglich zu danken. Doch als sie ihm die Arme um den Nacken schlang und er die Hände auf ihre Taille legte, wurde aus simpler Dankbarkeit mehr. Etwas Ursprüngliches, Elementares, Wildes und Ungezügeltes.

Sie legte den Kopf zurück, um zu ihm aufzusehen, doch das Ergebnis war, dass ihre Körper sich noch intimer aneinander schmiegten. Sein breiter Oberkörper, den ein Jeanshemd bedeckte, wurde an ihre Brüste gepresst, was Juliettes sinnliches Empfinden noch steigerte.

Doug schnappte nach Luft ein, unterbrach den engen Körperkontakt jedoch nicht. “Womit habe ich diese begeisterte Begrüßung verdient?”

“Du hast meine Bedürfnisse vorausgeahnt.”

“Woher willst du das wissen, wenn ich dir noch gar nicht erzählt habe, was ich für heute Abend geplant habe?”

“Allein die Jeans beweisen es.”

Er hielt ihre Hand und ließ Juliette sich einmal um sich selbst drehen. Er pfiff leise. “Sitzt alles ausgezeichnet.”

Sie errötete.

“Hast du noch nie anerkennende Pfiffe gehört?”

“Doch schon, nur galten sie nie mir.”

“Dann müssen die Männer in Chicago blind sein. Jetzt sag nicht, eine wunderschöne Frau wie du hatte noch nie eine feste Beziehung.”

Juliette seufzte. Plötzlich wurden ihre jüngste Vergangenheit und ihre gespielte Unbeschwertheit eine zu schwere Last. Sie sehnte sich danach, sich jemandem anzuvertrauen. “Wahrscheinlich war ich noch näher daran, zu heiraten, als du.”

“Wie nah?”

“Nah genug, um ein Brautkleid zu tragen.”

“Was für ein Narr hat dich dann noch gehen lassen?”

“Einer, der nach Höherem strebte, als er verdiente”, erwiderte Juliette und schüttelte den Kopf, so dass ihre langen Locken über ihre Schulter fielen. Mit einem frustrierten Stöhnen nahm sie die Haare und band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen, was Dougs Aufmerksamkeit auf ihr hübsches Profil lenkte. “Was hast du denn nun für heute Abend geplant?”

Doug musste den Themenwechsel akzeptieren. Immerhin hatte sie ihm nach nur einem Tag schon viel mehr anvertraut, als er für möglich gehalten hatte.

Er griff in die Tasche und zog ein rotes Halstuch heraus. “Gibt dir das einen Hinweis?”

Neugierig betrachtete sie das Tuch. “Kein bisschen.”

“Ich bin enttäuscht. Nimm die Kleidung und das Halstuch …”

Sie lachte. “Ich habe noch immer keine Ahnung.”

Er runzelte die Stirn. “Dann musst du mir wohl vertrauen.” Er faltete das Tuch zusammen, trat hinter sie und verband ihr die Augen. “Jetzt ist es eine echte Überraschung.” Er gab ihr im Scherz einen Klaps auf die Hände, als sie sie hob.

“Aber es ist dunkel!” beklagte sie sich.

“Das soll es ja auch sein. Nimm meine Hand.” Er führte sie hinaus und half ihr beim Einsteigen in den Elektrowagen, der vor ihrer Hütte wartete. Dann schnallte er sie an, wobei er ihren verlockenden Duft einatmete, und legte ihre Hände aufs Armaturenbrett, damit sie ...

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