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Wo keiner dich hört

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1
    1. San Francisco, Kalifornien 15. Mai
  7. 2
    1. Akademie des FBI, Quantico, Virginia Sieben Jahre später
  8. 3
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  10. 5
  11. 6
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  42. 37
  43. Epilog

Über dieses Buch

Wenn Deine Vergangenheit Dich einholt ...

Lacey Sherlock hat nur ein Ziel: Rache für den Mord an ihrer Schwester. Sieben Jahre später wird die FBI-Agentin im Rahmen einer Sonderermittlung nach Washington geholt. Doch dann wird wieder eine Frau umgebracht – auf den Tag genau sieben Jahre nach dem Tod ihrer Schwester. Lacey ist sich sicher, dass es derselbe Mörder ist, und gerät immer tiefer in ein Netz von Gefahr und Brutalität ...

Über die Autorin

Catherine Coulter wuchs auf einer Ranch in Texas auf und schrieb nach ihrem Uniabschluss Reden an der Wall Street, bevor sie sich voll und ganz dem Schreiben widmete. Inzwischen hat sie mehr als 70 Romane veröffentlicht – darunter viele Regency Romances, aber auch einige Thriller. Ihre Bücher stürmen regelmäßig die Bestsellerlisten der New York Times. Catherine Coulter lebt mit ihrem Ehemann und drei Katzen in Nordkalifornien.

1

San Francisco, Kalifornien
15. Mai

Es würde nicht aufhören, niemals.

Sie konnte nicht atmen. Sie würde sterben. Keuchend saß sie in ihrem Bett und versuchte, die Panik unter Kontrolle zu bekommen. Sie knipste die Lampe neben dem Bett an. Da war nichts. Nichts, außer den Schatten, die die Zimmerecken dunkel und furchterregend erscheinen ließen. Aber die Tür war geschlossen. Sie machte die Schlafzimmertür nachts grundsätzlich zu, verriegelte sie und klemmte dann die Rückenlehne eines Stuhls unter den Türknauf. Nur zur Sicherheit.

Sie starrte die Tür an. Sie bewegte sich nicht, saß fest im Rahmen. Auch der Knauf drehte sich nicht. Da draußen war niemand, der sich Zutritt verschaffen wollte.

Dieses Mal nicht.

Sie zwang sich, zum Fenster hinüberzuschauen. Als sie vor sieben Monaten hierhergezogen war, hatte sie eigentlich vor jedem Fenster ein Gitter anbringen lassen wollen, aber im letzten Augenblick war ihr klar geworden, dass sie sich damit selbst lebenslänglich eingesperrt hätte. Und deshalb hatte sie die Wohnung im vierten Stock genommen. Über ihr gab es noch zwei weitere Stockwerke, aber keine Balkone. Durch das Fenster konnte also niemand einbrechen, und keiner würde sie für verrückt erklären, nur weil sie im vierten Stock wohnte.

Es war eine gute Entscheidung gewesen. Denn sie konnte unmöglich weiter zu Hause bleiben, wo Belinda gewohnt hatte. Wo Douglas gewohnt hatte.

Die Bilder waren in ihrem Kopf, verblasst, verschwommen, aber immer noch präsent und immer noch bedrohlich: blutige Bilder, die sie einfach nicht klar sehen konnte. Sie befand sich in einem großen dunklen Raum. Er war riesig, sie konnte weder das eine noch das andere Ende sehen. Aber ein Licht war da, ein scharf gebündelter Strahl, und sie hörte eine Stimme. Und die Schreie. Laut, direkt neben ihr. Und Belinda, ständig war Belinda dabei. Noch immer drohte die Angst sie zu ersticken. Sie wollte nicht aufstehen, aber sie zwang sich dazu. Sie musste zur Toilette. Gott sei Dank ging das Badezimmer direkt vom Schlafzimmer ab. Gott sei Dank musste sie nicht die Schlafzimmertür aufschließen, den Stuhl unter dem Knauf wegziehen und auf den dunklen Flur hinaustreten.

Sie knipste das Licht an, bevor sie das Badezimmer betrat, und blinzelte heftig in die gleißende Helligkeit. Aus dem Augenwinkel sah sie eine Bewegung. Vor Schreck stockte ihr der Atem. Sie wirbelte herum: Es war nur ihr eigenes Spiegelbild. Sie starrte das wilde Wesen an, das ihr entgegenblickte, und erkannte sich nicht wieder. Da war nichts als nackte Angst: die zuckenden Augen, die Schweißperlen auf der Stirn, die zerzausten Haare, das nassgeschwitzte Nachthemd.

Sie beugte sich bis dicht vor den Spiegel und betrachtete die jammervolle Frau, deren Gesicht vor Angst immer noch ganz starr war. In diesem Augenblick wurde ihr klar, dass die Frau im Spiegel nicht mehr lange durchhalten würde, wenn sie nicht einige grundlegende Veränderungen vornahm.

Sie sagte zu der Frau, die ihren Blick erwiderte: »Vor sieben Monaten sollte ich eigentlich nach Berkeley gehen, um Musik zu studieren. Ich war die Beste. Es gab für mich nichts Schöneres, als Musik zu machen, alles, von Mozart bis zu John Lennon. Ich wollte die Fletcher Competition gewinnen und auf die Juilliard-Musikschule gehen. Aber nichts davon habe ich gemacht. Und jetzt habe ich Angst vor allem, sogar vor der Dunkelheit.« Langsam wandte sie sich vom Spiegel ab und ging zurück in ihr Schlafzimmer. Sie trat ans Fenster, entfernte die drei Schlösser, mit denen es gesichert war, und machte es auf. Das war nicht leicht, denn seit ihrem Einzug war das Fenster kein einziges Mal geöffnet worden.

Sie schaute hinaus in die Nacht. Der Mond war zu einem Viertel zu sehen, und Sterne erhellten den Himmel. Die Luft war kühl und frisch. Sie konnte Alcatraz erkennen, dahinter Angel Island und die wenigen Lichter von Sausalito, auf der anderen Seite der Bucht. Das hell erleuchtete Transamerica Building ragte wie ein Leuchtfeuer im Zentrum von San Francisco empor.

Sie drehte sich um und ging zur Schlafzimmertür. Dort blieb sie lange stehen. Schließlich zog sie den Stuhl weg und stellte ihn an seinen Platz in der Ecke neben der Leselampe. Sie schloss die Tür auf. Genug! dachte sie und starrte die Tür an. Genug! Sie riss sie auf, trat hinaus auf den Flur und verharrte. Jede Regung ihres langsam aufkeimenden Mutes erstickte im Geräusch einer knarrenden Diele, unüberhörbar, keine sechs Meter entfernt. Da war es schon wieder. Nein, kein Knarren, es klang heller. Es schien aus dem kleinen Flur an der Wohnungstür zu kommen. Aber wer würde so ein Spiel mit ihr treiben? Ihr Atem ging pfeifend. Sie zitterte und hatte solch eine Panik, dass ihr Mund nach Kupfer schmeckte. Kupfer? Sie hatte sich die Lippe blutig gebissen.

Wie lange konnte sie so noch weiterleben?

Sie rannte los und schaltete dabei jedes einzelne Licht an, an dem sie vorbeikam. Da war das Geräusch schon wieder, dieses Mal so, als würde etwas ganz leicht gegen ein Möbelstück stoßen – etwas, das sehr viel kleiner war als sie, etwas, das Angst vor ihr hatte. Dann sah sie es in die Küche huschen. Sie brach in Lachen aus, sank langsam zu Boden und heulte los, die Hände vors Gesicht geschlagen.

2

Akademie des FBI, Quantico, Virginia
Sieben Jahre später

Sie würde es bis ans Ende dieses Seils schaffen, und wenn es sie das Leben kostete. Viel fehlte nicht mehr. Sie konnte genau spüren, wie sich jeder Muskel in ihren Armen zusammenzog und streckte, fühlte den stechenden Schmerz und die wellenartigen Krämpfe, die sie bewegungsunfähig zu machen drohten. In diesem Fall würde sie sich einfach auf die Matte fallen lassen. Ihr Kopf war schon völlig betäubt, aber das war in Ordnung so. Der Kopf musste schließlich nicht klettern. Er war allerdings dafür verantwortlich, dass sie jetzt in dieser verzwickten Lage steckte. Und das war erst die zweite Runde. Es kam ihr vor, als hinge sie schon ewig an diesem Seil.

Nur noch sechzig Zentimeter. Sie konnte es schaffen. Neben sich hörte sie MacDougals gleichmäßigen, ruhigen Atem. Aus dem Augenwinkel sah sie seine mächtigen Hände über das Seil gleiten. Systematisch setzte er einen Griff nach dem anderen, anstatt, wie sonst, das Seil förmlich zu verschlingen. Nein, er hielt sich auf ihrer Höhe, er würde sie nicht alleine lassen. Sie war ihm so dankbar. Diese Prüfung war wichtig, war wirklich wichtig.

»Was schaust du denn so kläglich, Sherlock? Du jammerst, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Los jetzt, bring deine dünnen Ärmchen auf Trab. Zieh!«

Ganze fünf Zentimeter über ihrer linken Hand bekam sie das Seil wieder zu fassen und zog mit aller Kraft.

»Weiter, Sherlock«, rief MacDougal. Der Kerl hing neben ihr und grinste sie an. »Blamier mich jetzt nicht. Ich habe zwei Monate lang mit dir trainiert. Du bist jetzt bei Sechs-Kilo-Gewichten angelangt. Na gut, mit dem Bizeps schaffst du zwar nur zehn Wiederholungen, aber mit dem Trizeps fünfundzwanzig. Also los jetzt, zieh, und häng nicht einfach da wie ein kleines Mädchen.«

Jammern? Sie hatte gar nicht genug Luft, um zu jammern. Er wollte sie anfeuern, und das machte er ziemlich gut. Sie versuchte, wütend zu werden. Aber in ihrem Körper war kein Platz für Wut, da gab es nur Schmerz, tiefen, brennenden Schmerz. Noch zwölf Zentimeter, nein, eher vierzehn Zentimeter. Zwei Jahre würde sie brauchen, um diese vierzehn Zentimeter zu überwinden. Sie sah zu, wie ihre rechte Hand sich vom Seil löste und nach der Stange am Ende des Seils griff. Es war auf jeden Fall zu weit. Das konnte sie niemals in einem Zug bewältigen, aber ihre Hand schloss sich um die Stange. Sie wusste: Entweder würde sie es jetzt schaffen oder scheitern. »Du schaffst es, Sherlock. Denk an letzte Woche in Hogan’s Alley, wo du dich über diesen Typen geärgert hast, der dir Handschellen anlegen und dich als Geisel nehmen wollte. Den hättest du beinahe umgebracht. Am Schluss hast du dich sogar bei ihm entschuldigen müssen, und das hat mehr Kraft gekostet als das hier. Denk dir was Fieses aus! Was Bösartiges! Mach ihn fertig! Zieh!«

Sie dachte nicht an den Kerl in Hogan’s Alley. Nein, sie dachte an die Bestie, konzentrierte sich auf ein Gesicht, das sie noch nie gesehen hatte, auf das abgrundtiefe, sieben Jahre währende Elend, in das dieser Mensch sie gestürzt hatte. Sie bekam es nicht einmal mit, wie sie sich die letzten Zentimeter nach oben wuchtete.

Da hing sie nun, schwer atmend, und vertrieb die Erinnerung an jene schreckliche Zeit aus ihrem Kopf. MacDougal neben ihr lachte und war nicht einmal außer Atem. Aber er bestand auch zu hundert Prozent aus schierer Kraft, das hatte sie ihm oft genug gesagt. Er war in einem Fitnessstudio auf die Welt gekommen, unter einem Stapel mit Gewichten.

Sie hatte es geschafft.

Unter ihnen stand Mr. Petterson, ihr Ausbilder. Es lagen mindestens zwei Stockwerke zwischen ihm und ihnen, darauf hätte sie jeden Eid geleistet. Er brüllte nach oben: »Gut gemacht, ihr Zwei! Kommt jetzt runter. MacDougal, Sie hätten auch ein bisschen schneller sein können. Glauben Sie eigentlich, Sie haben Urlaub, oder was?«

Da sie keine Luft zum Reden hatte, antwortete MacDougal dem Ausbilder: »Wir kommen, Sir!« Mit einem Grinsen, das so breit war, dass sie die Goldfüllung in einem seiner Backenzähne sehen konnte, sagte er zu ihr: »Gut gemacht, Sherlock. Du bist stärker geworden. Und die bösartigen Gedanken haben auch geholfen. Klettern wir runter, dann können sich zwei andere bösartige Gestalten hier austoben.«

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen, denn abwärts kletterte sie sehr gerne. Der Schmerz verschwand, wenn der Körper wusste, dass es dem Trainingsende entgegenging. Sie war fast so schnell unten wie MacDougal. Mr. Petterson winkte sie mit einem Kugelschreiber heran und kritzelte dann etwas auf seinen Block. Er schaute auf und nickte. »Das war’s, Sherlock. Sie sind im Zeitlimit geblieben. Und Sie, Mac, waren zwar viel zu langsam, aber auf dem Zettel steht: bestanden, also haben Sie auch bestanden. Die Nächsten!«

»Das war einfach«, sagte MacDougal und reichte ihr ein Handtuch. »Sieh nur, wie du schwitzt.«

Wenn sie genug Kraft gehabt hätte, hätte sie ihm eine verpasst.

Sie befand sich in Hogan’s Alley, der Stadt mit der höchsten Verbrechensrate der Vereinigten Staaten. Sie kannte jeden Winkel in jedem Gebäude dieser Stadt, kannte sich auf jeden Fall besser aus als die Schauspieler, die für acht Dollar pro Stunde die Bösen mimten, und auch besser als viele der FBI-Angestellten, die sowohl Verbrecher als auch Zeugen sein konnten. Hogan’s Alley sah aus wie eine echte Stadt. Es gab sogar einen Bürgermeister und eine Postbeamtin, aber sie lebten nicht hier. Niemand lebte oder arbeitete wirklich hier. Hogan’s Alley war die typisch amerikanische Stadt des FBI, voll mit Kriminellen, die zu fangen, und mit problematischen Situationen, die zu lösen waren – am besten, ohne dass dabei jemand ums Leben kam. Die Ausbilder sahen es nicht gern, wenn unschuldige Passanten einem Schusswechsel zum Opfer fielen.

Heute würde sie zusammen mit drei anderen Auszubildenden einen Bankräuber fangen. Das hoffte sie zumindest. Man hatte ihnen lediglich gesagt, dass sie die Augen offen halten sollten. In Hogan’s Alley fand an diesem Tag ein festlicher Umzug statt, was das Ganze wesentlich problematischer machte. Es hatte sich eine große, Mineralwasser trinkende und Hotdogs essende Menschenmenge versammelt. Das würde nicht einfach werden. Gut möglich, dass der Räuber versuchte, sich unter die Menge zu mischen, und sich so unschuldig und unauffällig wie möglich gab. Darauf würde sie wetten. Wenn sie nur einen kurzen Blick auf den Räuber hätten werfen können... Aber das war ihnen nicht gelungen. Die Lage war schwierig. Überall liefen unbeteiligte Passanten herum, und dazwischen ein Bankräuber, der wahrscheinlich aus der Bank gelaufen kam und vermutlich sehr gefährlich war.

Sie sah Buzz Alport. Er war Nachtkellner in einer Raststätte an der Interstate 95. Er pfiff vor sich hin und sah aus, als könnte ihn nichts auf der Welt erschüttern. Nein, Buzz war heute kein Bösewicht. Sie kannte ihn zu gut. Er lief knallrot an, wenn er einen Verbrecher spielen musste. Sie versuchte, sich jedes Gesicht einzuprägen, damit sie den Räuber sofort erkannte, falls er plötzlich auftauchte. Langsam beobachtete sie die Leute, ruhig und ohne Hast, so wie sie es gelernt hatte. Sie entdeckte auch einige Besucher aus dem Kongress. Sie standen etwas abseits und beobachteten das Rollenspiel der Agenten. Die Auszubildenden mussten aufpassen. Es würde kein gutes Licht auf das FBI werfen, wenn einer von ihnen einen Kongressabgeordneten tötete.

Es ging los. Sie und Porter Forge – ein Südstaatler aus Birmingham, der ein wunderbares, akzentfreies Französisch sprach – sahen einen Bankangestellten zum Haupteingang heraustaumeln. Er schrie in den höchsten Tönen und zeigte verzweifelt auf einen Mann, der gerade durch einen Seiteneingang geflüchtet war. Sie sahen ihn nur ganz kurz und rannten ihm nach. Der Übeltäter tauchte in der Menge unter und verschwand. Wegen der vielen Passanten ließen sie ihre Waffen im Halfter. Sollte ein Unbeteiligter verletzt werden, würde es verdammt ungemütlich werden.

Drei Minuten später hatten sie ihn verloren.

Da entdeckte sie Dillon Savich, FBI-Agent und Computergenie. Er unterrichtete gelegentlich hier in Quantico. Jetzt stand er direkt neben einem anderen Mann, den sie noch nie gesehen hatte. Beide trugen Sonnenbrillen, blaue Anzüge und blaugraue Krawatten.

Sie hätte Savich überall erkannt. Was machte er hier, ausgerechnet jetzt? Hatte er gerade unterrichtet? Sie hatte noch nie gehört, dass er sich auch an den Übungen in Hogan’s Alley beteiligte. Könnte er der Verdächtige sein, auf den der Bankangestellte gezeigt hatte und der dann in der Menge verschwunden war? Vielleicht. Sie versuchte, ihn in die Momentaufnahme jener Szene zu integrieren, die sie im Kopf hatte. Möglich wäre es. Allerdings wirkte er überhaupt nicht außer Atem, obwohl der Räuber mit einem Höllentempo aus der Bank gerannt war. Savich wirkte ruhig und gelangweilt. Nein, Savich konnte es nicht sein. Savich würde doch niemals an einer Übung teilnehmen, oder? Plötzlich sah sie etwas weiter weg einen Mann, der langsam die Hand unter sein Jackett gleiten ließ. Mein Gott, er hatte eine Kanone. Sie schrie Porters Namen. Als die anderen Auszubildenden abgelenkt waren, entfernte sich Savich plötzlich von dem Mann, mit dem er sich unterhalten hatte, und versteckte sich hinter drei Passanten. Drei weitere, die in der Nähe des anderen Mannes standen, schrieen, drängelten und versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Was war dort los?

»Sherlock! Wo ist er hin?«

Sie lächelte, als auch andere Agenten anfingen, zu drücken und zu schieben – ein verzweifelter Versuch, herauszufinden, wer nun eigentlich wer war. Sie ließ Savich keine Sekunde aus den Augen und tauchte in die Menschenmenge ein. Es dauerte keine Minute, bis sie hinter ihm war.

Direkt neben ihm stand eine Frau, und es bestand die unmittelbare Gefahr einer Geiselnahme. Sie sah, wie Savich langsam seine Hand nach der Frau ausstreckte. Sie konnte kein Risiko eingehen, zog ihre Waffe, stellte sich direkt hinter ihn und drückte ihm den Lauf ihrer Neun-Millimeter-SIG ins Kreuz. Dabei flüsterte sie ihm ins Ohr: »Keine Bewegung! FBI!«

»Miss Sherlock, habe ich Recht?«

Ihre Verunsicherung hielt nur einen Augenblick lang an. Sie hatte den Bankräuber, er wollte sie nur durcheinander bringen. »Hör zu, Freundchen, das gehört nicht zum Drehbuch. Du kennst mich nicht. Und jetzt: Hände auf den Rücken, sonst bekommst du echte Schwierigkeiten.«

»Das glaube ich kaum«, sagte er und drehte sich um.

Die Frau neben ihnen sah die Pistole, schrie auf und kreischte: »Oh, mein Gott, der Bankräuber ist eine Frau! Da! Sie will jemanden umbringen! Sie hat eine Pistole! Hilfe!«

»Hände auf den Rücken!« Aber wie sollte sie ihm Handschellen anlegen? Die Frau kreischte immer noch. Jetzt schauten auch andere Leute her, unsicher, wie sie reagieren sollten. Sie hatte nicht viel Zeit.

»Los jetzt, oder ich schieße.«

Er war so schnell, dass sie keine Chance hatte. Mit der rechten Hand schlug er ihr die Pistole weg und lähmte ihr den ganzen Arm. Dann rammte er ihr seinen Kopf in den Magen, so dass sie, um Atem ringend, rückwärts in das Petunienbeet neben dem Postamt geschleudert wurde.

Er lachte. Das Schwein lachte sie aus. Sie versuchte einzuatmen, so schnell und so gut sie konnte. Ihr Magen brannte. Er streckte seine Hand aus, um sie hochzuziehen. »Sie sind verhaftet«, sagte sie und zog einen kleinen Colt, Kaliber 38, aus ihrem Knöchelhalfter. Dabei schenkte sie ihm ein breites Grinsen. »Keine Bewegung! Sie würden es garantiert bereuen. Seitdem ich das Kletterseil überstanden habe, weiß ich, dass ich praktisch alles schaffen kann.«

Das Lachen blieb ihm im Hals stecken. Sein Blick fiel auf die Pistole und dann auf sie, die, auf die Ellbogen gestützt, im Petunienbeet lag. Um sie herum standen ein halbes Dutzend Männer und Frauen, die atemlos zuschauten. Sie schrie: »Zurücktreten, alle zurücktreten! Dieser Mann ist gefährlich. Er hat soeben die Bank ausgeraubt. Nicht ich, sondern er war es! Ich bin vom FBI! Treten Sie zurück!«

»Dieser Colt gehört aber nicht zur FBI-Ausrüstung.«

»Ruhe. Halt, bei der kleinsten Bewegung schieße ich.«

Er hatte eine winzige Bewegung in ihre Richtung gemacht, aber sie würde sich nicht noch einmal überraschen lassen. Er war Kampfsportler, oder nicht? Sie war sich bewusst, dass sie die Petunien zertrampelte, aber sie hatte keine Wahl. Mrs. Shaw würde ihr kräftig die Leviten lesen, weil die Blumenbeete ihr ganzer Stolz waren, aber sie machte schließlich nur ihre Arbeit. Sie konnte sich nicht noch einmal überrumpeln lassen. Zentimeter für Zentimeter entfernte sie sich von ihm, den Colt immer auf seine Brust gerichtet. Langsam stand sie auf und achtete darauf, dass der Abstand nicht kleiner wurde. »Umdrehen und Hände auf den Rücken.«

»Das glaube ich kaum«, sagte er noch einmal. Sie konnte sein Bein nicht einmal sehen, nahm nur das Geräusch seiner zerreißenden Hosen wahr. Der Colt landete auf dem Bordstein.

Er hatte sie erneut überrumpelt. Ein Dieb auf der Flucht würde sich jetzt umdrehen und flüchten und nicht einfach stehen bleiben und sie anschauen. Er verhielt sich anders, als er eigentlich sollte. »Wie haben Sie das gemacht?«

Wo waren ihre Partner?

Wo war Mrs. Shaw, die Postbeamtin? Sie hatte einmal einen Bankräuber gefasst, indem sie ihn mit einer Bratpfanne bedroht hatte.

Dann war er über ihr, doch dieses Mal war sie genauso schnell wie er. Sie wusste, dass er sie nicht verletzen, sondern nur außer Gefecht setzen, sie auf das Gesicht drücken und vor allen Umstehenden demütigen würde. Aber genau das wäre unendlich viel schlimmer, als wirklich verletzt zu werden. Sie rollte sich zur Seite, sprang auf, sah aus dem Augenwinkel Porter Forge, fing seine SIG auf, drehte sich um und schoss. Sie erwischte ihn genau im Sprung.

Auf seinem weißen Hemd, der konservativen Krawatte und auf dem dunkelblauen Anzug – überall breitete sich die rote Farbe aus. Er fuchtelte mit den Armen und konnte gerade noch das Gleichgewicht halten. Dann richtete er sich auf, starrte auf sein Hemd, ächzte und fiel mit ausgebreiteten Armen rückwärts in das Blumenbeet.

»Sherlock, Sie Trottel, Sie haben gerade den neuen Trainer unserer Highschool-Footballmannschaft erschossen!« Der Bürgermeister von Hogan’s Alley war alles andere als begeistert. Brüllend stand er über ihr. »Lesen Sie keine Zeitung? Haben Sie sein Bild nicht gesehen? Sie leben hier und haben keine Ahnung, was eigentlich vor sich geht? Trainer Savich ist erst letzte Woche eingestellt worden. Sie haben gerade einen unschuldigen Mann ermordet.«

»Außerdem ist sie schuld daran, dass ich meine Hosen zerrissen habe«, sagte Savich und erhob sich elegant. Er schüttelte sich und wischte seine schmutzigen Hände an den völlig verdreckten Hosen ab.

»Er wollte mich umbringen«, sagte sie und stand langsam auf. Der Lauf der SIG zeigte noch immer auf ihn. »Außerdem sollte er nicht sprechen. Er sollte sich tot stellen.«

»Sie hat Recht.« Savich ließ sich wieder auf den Rücken fallen, die Arme ausgebreitet, die Augen geschlossen.

»Er hat sich nur verteidigt«, sagte die Frau, die sich fast die Seele aus dem Leib geschrien hatte. »Er ist der neue Trainer, und Sie haben ihn umgebracht.«

Sie wusste, dass sie Recht hatte.

»Davon hab ich nichts gehört«, sagte Porter Forge. Sein Südstaatenakzent war so breit, dass ein anderer diesen Satz in derselben Zeit mindestens dreimal hätte sagen können. »Hm« – er wandte sich an den Bürgermeister, der neben ihm stand –, »ich glaub, ich hab den Typen auf ’nem Fahndungsplakat gesehen. Er hat überall im Süden Banken ausgeraubt. Genau, da hab ich sein Bild gesehen, auf ’nem Plakat der Kollegen in Atlanta. Sherlock hat gute Arbeit geleistet. Hat einen richtig bösen Buben erwischt.«

Das war eine erstklassige Lüge. Sie verschaffte ihr ein bisschen Luft, um etwas zu unternehmen, irgendetwas, um ihre Haut zu retten.

Und dann wurde ihr bewusst, was sie schon die ganze Zeit an ihm gestört hatte. Seine Kleidung saß einfach nicht richtig. Sie beugte sich vor, fasste in Savichs Taschen und brachte etliche Bündel mit gefälschten Hundert-Dollar-Noten zum Vorschein.

»Schätze mal, dass man auf den Scheinen die Seriennummern der Bank finden wird, oder? Was meinst du, Sherlock?«

»Na klar, da bin ich ganz sicher, Agent Forge.«

»Führen Sie mich ab, Miss Sherlock«, sagte Dillon Savich, sprang auf die Füße und streckte seine Hände aus.

Sie gab Porter seine SIG zurück und blickte Savich an, die Hände in die Hüften gestemmt und ein Grinsen im Gesicht. »Wozu sollte ich Ihnen Handschellen anlegen, Sir? Sie sind tot. Ich hole einen Leichensack.«

Savich lachte, während sie zu dem wartenden Krankenwagen ging. Zum Bürgermeister sagte er: »Das war gute Arbeit. Sie hat ein Näschen für Gauner. Sie hat mich ausgespäht und geschnappt und hat sich auch nicht verunsichern lassen. Ich war gespannt, ob sie wirklich so viel Mut hat. Jetzt weiß ich’s. Tut mir leid, dass ich die Übung am Schluss in eine Komödie verwandelt habe, aber ich konnte nicht anders. Wie sie mich angeschaut hat...«

»Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Allerdings glaube ich nicht, dass wir Sie noch einmal einsetzen können. Wenn mich nicht alles täuscht, wird diese Geschichte noch lange durch die Ausbildungskurse geistern.

Keiner wird mehr glauben, dass Sie der neue Trainer und gleichzeitig ein Gauner sind.«

»Es hat dieses eine Mal geklappt, und das Ergebnis ist ausgezeichnet. Beim nächsten Mal denke ich mir etwas anderes aus.« Savich entfernte sich, ohne sich bewusst zu sein, dass er gut fünfzig Menschen freien Ausblick auf seine königsblauen Boxershorts ermöglichte.

Der Bürgermeister begann zu lachen, und die Umstehenden fielen mit ein. Schnell breitete sich das Gelächter aus, und die Leute zeigten mit dem Finger auf Savich. Sogar ein Verbrecher, der am anderen Ende der Stadt eine Geisel am Hals gepackt hatte und sie mit einer Pistole am Ohr in Schach hielt, wollte sehen, wo der plötzliche Lärm herkam. Das hätte er nicht tun sollen.

Agent Wallace verpasste ihm einen Schlag auf den Kopf und legte ihn flach.

Es war ein guter Tag im Kampf gegen das Verbrechen in Hogan’s Alley.

3

Sie hatte einen Termin bei Colin Petty, einem der Leiter der Personalabteilung. Im FBI wurde er nur der »Glatzenadler« genannt. Er war schlank, trug einen dicken schwarzen Schnurrbart und hatte eine leuchtende Glatze. Ohne Umschweife teilte er ihr mit, dass sie auf etliche wichtige Leute Eindruck gemacht hatte. Das allerdings war in Quantico, hier in der Zentrale war sie bis jetzt noch nicht besonders aufgefallen. Sie würde arbeiten müssen bis zum Umfallen. Sie nickte, da sie bereits wusste, wo man sie eingeteilt hatte. Es war hart, aber sie konnte sich zumindest einen Hauch Begeisterung abquälen.

»Ich freue mich, dass ich ins Regionalbüro nach Los Angeles gehen kann«, sagte sie und dachte: Ich will nicht das Geringste mit Banküberfällen zu tun haben. Sie wusste, dass kein anderes Regionalbüro sich mit mehr Banküberfällen herumschlagen musste als das in L. A. Wahrscheinlich war es ja besser als Montana, aber dort hätte sie zumindest Skifahren können. Wie lange blieb man normalerweise auf einer Stelle? Irgendwie musste sie wieder hierher zurückkommen.

»Für einen Agenten, der frisch von der Akademie kommt, gilt Los Angeles als Sahnestückchen«, sagte Mr. Petty beim Durchblättern ihrer Personalakte. »Wie ich sehe, haben Sie sich ursprünglich für die Zentrale beworben, Ressort Kriminalforschung, aber dort wurde beschlossen, Sie nach Los Angeles zu schicken.« Er schaute sie über den Rand seiner Brille hinweg an. »Sie haben in Berkeley einen Abschluss in Kriminaltechnik und ein Diplom in Kriminalpsychologie erworben«, fuhr er fort. »Sieht so aus, als würden Sie sich wirklich stark für diesen Bereich interessieren. Warum haben Sie sich nicht bei der Abteilung Investigative Services Unit, der ISU, beworben? Mit Ihren Spezialkenntnissen, um Kollegen bei den Ermittlungen zu unterstützen, hätte man Sie dort wahrscheinlich mit offenen Armen empfangen. Ich nehme an, Sie haben Ihre Meinung geändert?«

Sie wusste, dass die ganze Sache in ihrer Akte vermerkt war. Warum tat er so ahnungslos? Natürlich! Er wollte sie zum Reden bringen, wollte ihre Sicht der Dinge erfahren, ihre geheimsten Gedanken. Sie wünschte ihm insgeheim viel Glück dabei. Es stimmte: Sie allein war schuld daran, dass sie nach Los Angeles versetzt wurde, und der Grund dafür war kein Geheimnis. Sie rang sich ein Lächeln ab und zuckte die Schultern. »Tatsache ist, dass ich einfach nicht die Courage habe, das zu tun, was diese Leute tagtäglich und wahrscheinlich auch noch nachts in ihren Träumen machen. Sie haben Recht, ich habe mich ganz gezielt auf diesen Beruf vorbereitet. Ich war fest davon überzeugt, dass ich genau diese Arbeit tun wollte, aber ...« Wieder zuckte sie die Schultern und schluckte. So viele Jahre hatte sie mit dieser Ausbildung zugebracht, und dann hatte sie versagt. »Unterm Strich bringe ich dafür einfach nicht genügend Mut auf.«

»Sie wollten schon immer Täterprofile erstellen?«

»Ja. Ich habe Mindhunter von John Douglas gelesen, und ab da war ich mir sicher, dass das das Richtige für mich ist. Aber für die Polizeiarbeit habe ich mich schon lange vorher interessiert. Daher auch die Wahl meiner Hauptfächer auf dem College und an der Uni.« Das war eine Lüge, aber es spielte keine Rolle. Sie kam ihr mühelos von den Lippen, ohne Stocken. Im Lauf der letzten Jahre hatte sie praktisch selbst angefangen, daran zu glauben. »Ich wollte einfach mithelfen, diese Bestien aus dem Verkehr zu ziehen. Aber nach den Vorträgen von Leuten aus der Abteilung ISU, und nachdem ich nur eine Woche lang dort hospitiert und gesehen hatte, womit man dort tagtäglich konfrontiert ist, da habe ich gewusst, dass ich dieses Grauen einfach nicht ertragen könnte. Die Leute, die Täterprofile erstellen, bekommen unvorstellbare Szenen zu sehen, und sie leben mit den Konsequenzen. Jedes dieser Monster hinterlässt einen tiefen Eindruck bei ihnen. Und die Opfer, die Opfer ...« Sie holte tief Luft. »Mir ist klar geworden, dass ich das nicht verarbeiten könnte.«

So, jetzt konnte sie auf die Jagd nach Bankräubern gehen. Er würde weiterhin auf freiem Fuß bleiben, und sie wollte nur noch heulen. Die viele Zeit, all ihre Hingabe, die unglaublich harte Arbeit – und sie würde Bankräuber jagen. Eigentlich müsste sie den Dienst quittieren, aber in Wahrheit hatte sie nicht die Kraft, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Und das wäre die Konsequenz gewesen.

Mr. Petty sagte nur: »Ich könnte das auch nicht. Die wenigsten können es. Die Fluktuation in der Abteilung ISU ist unglaublich hoch, und viele Ehen gehen in die Brüche. Nun ja, Sie haben an der Akademie ganz hervorragend abgeschnitten. Sie können gut mit Feuerwaffen umgehen, besonders in der Halbdistanz, Sie können sich ausgezeichnet selbst verteidigen, laufen die zwei Meilen in weniger als sechzehn Minuten, und auch Ihre Leistungen bei der Situationserfassung und -einschätzung liegen deutlich über dem Durchschnitt. Ich lese hier in einer kleinen Randbemerkung, dass Sie bei einer Übung in Hogan’s Alley Dillon Savich aufs Kreuz gelegt haben. Das hat noch kein Auszubildender vor Ihnen geschafft.« Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute er sie an. »Ist das wahr?«

Sie dachte an ihre Wut, nachdem er sie zweimal entwaffnet hatte. Fast im gleichen Moment erinnerte sie sich daran, wie sie gelacht hatte, als er mit dem Riss in der Hose, der den Blick auf seine Boxershorts freigab, weggegangen war. »Ja«, sagte sie, »aber die SIG, mit der ich auf ihn geschossen habe, hat mir mein Partner Porter Forge zugeworfen. Andernfalls wäre ich in Ausübung meines Dienstes gestorben.«

»Aber Dillon musste ins Gras beißen«, sagte Petty. »Das hätte ich mir wirklich gerne angesehen.« Er schenkte ihr das schadenfreudigste Grinsen, das sie jemals gesehen hatte, und nicht einmal sein buschiger Schurrbart konnte es verbergen. Es war unwiderstehlich und machte ihn sehr menschlich.

»Hier steht auch, dass Sie ihn mit einem kleinen Colt bedroht haben, nachdem er Ihnen die SIG aus der Hand geschlagen hatte. Haben Sie die Waffe noch?«

»Ja, Sir. Ich habe schon mit neunzehn Jahren gelernt, damit umzugehen. Ich bin sehr vertraut damit.«

»Nun, ich denke, damit können wir alle leben. Ach ja, noch was. Sie bekommen doch ständig irgendwelche Bemerkungen bezüglich Ihres Namens zu hören, nicht wahr, Agentin Sherlock?«

»O ja, Sir. Da ist im Lauf der Jahre wirklich keine Gelegenheit ausgelassen worden. Ich habe mich daran gewöhnt.«

»Dann will ich Ihnen gar nicht erst eine Pfeife anbieten.«

»Danke, Sir.«

»Und nun zu Ihrer neuen Aufgabe, Agentin Sherlock«, sagte Petty, und sie dachte: Weil ich nicht genügend Courage habe, muss ich jetzt irgendwelche Idioten jagen, die Banken ausrauben. Er fuhr fort. »Der Verbrecher, den Sie in Hogan’s Alley zur Strecke gebracht haben, Dillon Savich, hat darum gebeten, dass Sie seiner Abteilung zugeteilt werden.«

Ihr Herz schlug höher. »Hier in Washington?«

»Ja.«

In einem dieser riesigen Räume, die mit Computern voll gestopft waren? O Gott, nein! Da wären ihr ja die Bankräuber noch lieber. Sie wollte nicht mit Computern herumspielen. Sie kannte sich zwar mit Programmieren aus, war aber weit von einem intuitiven Genie wie Savich entfernt. An der Akademie kursierten die verschiedensten Geschichten darüber, was er alles mit einem Computer anstellen konnte. Er war so etwas wie eine Legende, und sie konnte sich nicht vorstellen, für eine Legende zu arbeiten. Andererseits – hatte er nicht Zugang zu absolut jedem Vorgang? Könnte ja sein ...

»Wie heißt seine Abteilung?«

»Das ist die Abteilung Criminal Apprehension Unit, kurz CAU, es sind die Experten für gezielte Täterermittlung. Dort arbeiten sie direkt mit der Abteilung Investigative Services, der ISU, zusammen, leuchten die Hintergründe des Tatherganges aus, tragen Material für die Erstellung von Täterprofilen zusammen und betrachten die Zusammenhänge aus ihrer Sicht – solche Sachen. Außerdem haben die Mitarbeiter direkten Kontakt zu den Behörden vor Ort, wenn ein Täter seine Aktivitäten von einem Bundesstaat in den nächsten verlagert. Agent Savich hat einen eigenen Ansatz entwickelt, um Straftäter aufzuspüren, aber das soll er Ihnen selbst erzählen. Sie werden die Fähigkeiten einsetzen, die Sie an der Akademie erworben haben, Agentin Sherlock. Wir versuchen wirklich, die Interessen und Erfahrungen unserer Agenten bei der Einteilung zu berücksichtigen, auch wenn Sie ernsthaft daran gezweifelt hätten, wenn wir Sie tatsächlich nach Los Angeles geschickt hätten.«

Am liebsten wäre sie über den Tisch gesprungen und hätte Mr. Petty umarmt. Einen Augenblick lang verschlug es ihr die Sprache. Als ihr klar geworden war, dass sie die Arbeit an Täterprofilen in der ISU einfach nicht verkraften würde, hatte sie ihre Pläne als gescheitert betrachtet. Die eine Woche, die sie in der Abteilung zugebracht hatte, hatte sie krank gemacht. Über eine Woche lang hatte sie wieder die alten Alpträume ertragen müssen, in scheußlich grellen Farben, und mit ihnen den ganzen Horror, genauso lebendig wie vor sieben Jahren. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie sich nie daran gewöhnt hätte. Die Leute aus der Abteilung gaben ja selber zu, dass viele damit nicht klarkamen, ganz egal, wie sehr sie es versuchten. Nein, sie hätte das einfach nicht überlebt, schon gar nicht, wenn sich die Schrecken des Jobs mit denen der Alpträume vermischten.

Aber jetzt war sie von einer unglaublichen Aufregung gepackt. Sie hatte keine Ahnung von Savichs Abteilung gehabt. Merkwürdig, wo doch sonst an der Akademie über alles und jeden geklatscht wurde. Aber eine solche Abteilung wäre für sie der ideale Ausgangspunkt. Sie würde Zugang zu allen Dateien und Informationssammlungen bekommen, die sie sonst niemals zu Gesicht bekäme. Und niemand würde sich über ihre Neugier wundern, nicht, wenn sie vorsichtig war. O ja, und Freizeit hätte sie auch. Vor Erleichterung schloss sie die Augen.

Bisher hatte sie eigentlich noch nie das Gefühl gehabt, dass sich jemand um ihre Bedürfnisse kümmerte. Und jetzt jagte es ihr fast ein wenig Angst ein, weil sie seit jener längst vergangenen Nacht vor sieben Jahren eigentlich an gar nichts mehr geglaubt hatte. Sie hatte ein Ziel gehabt, sonst nichts, nur dieses eine Ziel. Und jetzt bekam sie eine echte Chance, dieses Ziel zu erreichen.

»So, jetzt ist es zwanzig nach zwei«, sagte Mr. Petty. »Agent Savich möchte Sie in zehn Minuten sprechen. Ich hoffe, dass Sie mit dieser Art von Arbeit klarkommen. Sie werden zwar keine Täterprofile erstellen, aber es wird zweifellos immer wieder schwierig werden, je nachdem, wie der Fall gelagert ist und wie sehr Sie sich persönlich engagieren müssen. Aber zumindest sitzen Sie nicht in Quantico und arbeiten sechs Stockwerke unter der Erde in einem fensterlosen Bunker.«

»Die Leute in der ISU verdienen eine Gehaltserhöhung.«

»Und jede Menge Unterstützung noch dazu. Das war einer der Gründe für die Bildung von Savichs Abteilung. Gut, alles weitere soll er Ihnen selbst erzählen. Danach können Sie sich entscheiden.«

»Sir, darf ich fragen, warum Agent Savich mich angefordert hat?«

Wieder begegnete sie diesem schadenfrohen Grinsen. »Ich schätze, er kann es einfach nicht glauben, dass Sie ihn bezwungen haben, Agentin Sherlock. Wenn Sie’s aber genau wissen wollen, müssen Sie ihn schon selber fragen.«

Er stand auf und brachte sie zur Tür seines kleinen Büros. »Das war natürlich ein Scherz. Sie finden Savich, wenn Sie hier den Flur runtergehen, dann beim dritten Gang rechts. Nach vier Türen und zwei Konferenzräumen biegen Sie links ab. Dann kommt es gleich links. Kennen Sie sich schon ein bisschen aus in unserem Puzzleschloss?«

»Nein, Sir. Dieses Gebäude ist ein einziges Labyrinth.«

»Es hat über zwanzigtausend Quadratmeter und stellt jedes normale Gehirn vor unlösbare Aufgaben. Selbst ich verlaufe mich immer noch, und meine Frau behauptet, dass ich alles andere als normal bin. Geben Sie sich zehn Jahre Zeit, Agentin Sherlock.« Mr. Petty gab ihr die Hand. »Willkommen beim FBI. Ich hoffe, dass Sie mit Ihrer Arbeit zufrieden sein werden. Ach ja, hat eigentlich schon mal jemand einen Tweedhut erwähnt?«

»Ja, Sir.«

»Tut mir leid, Agentin Sherlock.«

Es fiel ihr schwer, nicht gleich aus der Tür zu rennen. Sie legte nicht einmal einen Zwischenstopp in der Damentoilette ein.

Savich schaute auf. »Sie haben zehn Minuten gebraucht, um mich zu finden«, sagte er mit einem Blick auf seine Mickymaus-Armbanduhr. »Das ist gut, Sherlock. Ich habe von Colin Petty gehört, dass Sie sich fragen, wieso ich Sie in meiner Abteilung haben will?«

Er trug ein weißes Hemd, dessen Ärmel bis zum Ellbogen hochgekrempelt waren, eine marineblaue Krawatte und Marinehosen. Die dazugehörige Jacke hing an einer Garderobe in der Ecke des Büros. Während er sprach, erhob er sich langsam von seinem Platz hinter dem Schreibtisch. Er war groß, mindestens ein Meter neunzig, ein dunkler Typ und sehr muskulös. Außer dem Kampfsport machte er mit Sicherheit auch regelmäßig Krafttraining. Seit ihrer Begegnung bei der Übung in Hogan’s Alley wusste sie genau, wie stark und wie schnell er war. Nach seinem Kopfstoß hatte sie drei Tage lang Magenschmerzen gehabt. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass er FBI-Agent war, hätte sie sich vor ihm gefürchtet. Seine ganze Erscheinung wirkte knallhart, mit Ausnahme seiner Augen, die das sanfte Blau eines Sommerhimmels hatten. »Träumeraugen« hätte ihre Mutter dazu gesagt. Aber damit hätte sie falsch gelegen. An diesem Menschen war nichts Sanftes. Geduldig schaute er sie an. Worüber hatte er noch mal gesprochen? Ach ja, wieso er sie in seiner Abteilung haben wollte.

Sie lächelte und sagte: »Ja, Sir.«

Dillon Savich kam hinter seinem Schreibtisch hervor und gab ihr die Hand. »Setzen Sie sich, dann können wir darüber sprechen.«

Vor seinem Schreibtisch standen zwei Stühle, die eindeutig zur FBI-Standardausstattung gehörten, ebenso der Computer auf dem Schreibtisch. Daneben stand noch ein aufgeklappter, summender Laptop – definitiv nicht FBI-Standard. Er stand ein wenig schräg, und so konnte sie grüne Zeichen auf schwarzem Hintergrund erkennen, irgendeine Art Diagramm. War dieses kleine Ding der Computer, den Savich, den Gerüchten nach, zum Tanzen bringen konnte?

»Kaffee?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Verstehen Sie was von Computern, Sherlock?« Einfach nur Sherlock, ohne »Agentin«. Das klang gut. Er schaute sie erwartungsvoll an. Sie enttäuschte ihn nur sehr ungern, aber sie hatte keine Wahl.

»Nicht besonders viel, Sir. Gerade genug, um Berichte zu schreiben und mit den Datenbanken zu arbeiten, die ich für die Arbeit brauche.«

Sie war außerordentlich erleichtert, als er lächelte. »Gut, ich könnte keine ernsthafte Konkurrenz in meiner Abteilung gebrauchen. Wie ich höre, wollten Sie eigentlich Täterprofile erstellen, sind aber letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass Sie die Grausamkeiten nicht ertragen könnten, die diese Abteilung tagtäglich und bis weit in die Nacht hinein überschwemmen.«

»Das stimmt. Wie haben Sie das erfahren? Es ist noch keine Viertelstunde her, dass ich mich von Mr. Petty verabschiedet habe.«

»Das war keine Telepathie.« Er zeigte auf das Telefon. »Es ist ganz praktisch, obwohl ich viel lieber E-Mail benutze. Ich bin übrigens Ihrer Meinung. Ich könnte das auch nicht. Viele, die nichts anderes machen, als Täterprofile zu erarbeiten, sind sehr schnell ausgebrannt, wie Sie sicherlich wissen. Sie beschäftigen sich so intensiv mit der schlimmsten Seite des menschlichen Wesens, dass sie schließlich Schwierigkeiten im Kontakt mit normalen Leuten bekommen und den Blick für das alltägliche Leben verlieren. Ihre Kinder werden ihnen fremd, und ihre Ehen zerbrechen.«

Sie rutschte ein Stück Richtung Stuhlkante, strich ihren marineblauen Rock glatt und sagte: »Ich habe eine Woche in der Abteilung zugebracht und nur einen kleinen Ausschnitt der gesamten Tätigkeit mitbekommen. Aber von da an war mir klar, dass ich zu schwach dafür sein würde. Ich habe mich wie eine Versagerin gefühlt.«

»Um ein Ziel zu erreichen, braucht man eine Menge verschiedener Fähigkeiten, Sherlock. Sie haben nicht versagt, bloß weil Sie nicht in die ISU gegangen sind. Im Übrigen glaube ich, dass wir mit dem, was wir tun, dem normalen Leben näher sind.

Also, ich wollte Sie bei mir haben, weil Sie von Ihrer Ausbildung her genau das mitzubringen scheinen, was ich brauche. Ihre Zeugnisse sind beeindruckend. Allerdings habe ich mich gefragt, warum Sie zwischen dem zweiten und dritten Collegejahr ein Jahr pausiert haben?«

»Ich war krank. Ich hatte das Pfeiffersche Drüsenfieber.«

»Ach ja, genau, hier ist der entsprechende Eintrag. Ich verstehe gar nicht, wie ich das übersehen konnte.« Sie beobachtete, wie er weiterblätterte. Er hatte es nicht übersehen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er überhaupt jemals etwas übersah. Sie würde in seiner Gegenwart vorsichtig sein müssen. Er las schnell, und einmal runzelte er die Stirn. Dann schaute er sie an. »Ich hätte nicht gedacht, dass das Pfeiffersche Drüsenfieber einen Menschen ein ganzes Jahr lang lahm legen kann.«

»Dazu kann ich im Prinzip nichts sagen. Aber ich war neun oder zehn Monate lang einfach völlig erledigt, ausgelaugt und total erschöpft.«

Er blickte auf ein Blatt auf seinem Schreibtisch. »Ich sehe hier, dass Sie gerade siebenundzwanzig geworden sind. Und nach Ihrem Universitätsabschluss sind Sie direkt zum FBI gekommen.«

»Ja.«

»Das hier ist Ihr erster Job.«

»Ja.«

Sie wusste, dass er mehr von ihr hören wollte, ausführlichere Antworten, aber sie würde sich nicht darauf einlassen. Direkte Frage, direkte Antwort, nicht mehr. Sie kannte seinen Ruf. Er war nicht nur klug, er konnte auch in einem Menschen lesen wie in einem Buch. Sie wollte aber nicht, dass er gegen ihren Willen etwas aus ihr herauslas. Sie war es gewöhnt, aufzupassen, und das würde sich auch jetzt nicht ändern. Das konnte sie sich nicht leisten.

Er runzelte die Stirn und warf die Akte auf den Schreibtisch.

Sie trug ein konventionelles dunkelblaues Kostüm, dazu eine weiße Bluse. Ihr rotbraunes Haar war stramm nach hinten gekämmt und wurde im Nacken von einer goldenen Spange zusammengehalten.

Einen Moment lang sah er sie so vor sich wie in Hogan’s Alley, nachdem er sie in die Petunien gestoßen hatte. Damals waren ihre Haare offen nach hinten gefallen. Sie war fast schon zu schlank, ihre Wangenknochen standen ein wenig zu weit vor. Aber sie hatte sich ihm gestellt, hatte weder die Fassung verloren noch ihre Ausbildung vergessen. Er sagte: »Wissen Sie eigentlich, wie unsere Arbeit hier aussieht, Sherlock?«

»Mr. Petty hat gesagt, dass wir oft von den Behörden vor Ort zu Hilfe gerufen werden, wenn ein Verbrecher die Grenzen eines Bundesstaates überschreitet.«

»Genau. Mit Entführungen haben wir aber nichts zu tun. Das machen andere, und zwar ganz ausgezeichnet. Nein, wir halten uns in erster Linie an die Bestien, die immer wieder töten, so lange, bis wir sie daran hindern. Außerdem arbeiten wir, ähnlich wie die ISU, mit lokalen FBI-Büros zusammen, die hoffen, dass ein Außenstehender vielleicht einen Aspekt entdecken könnte, den sie bei der Untersuchung eines Verbrechens bislang übersehen haben. In der Regel geht es dabei um Mord.«

Er legte eine Pause ein und lehnte sich zurück, schaute sie an und sah sie wieder vor sich, wie sie auf dem Rücken im Petunienbeet lag.

»Wie die ISU schalten auch wir uns nur dann ein, wenn wir gebeten werden. Wir müssen sehr einfühlsam sein, intuitiv und gleichzeitig sachlich vorgehen. Im Gegensatz zu den Leuten in der ISU arbeiten wir mit Computerunterstützung. Wir benutzen dafür spezielle Programme, mit deren Hilfe wir ein Verbrechen aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachten können. Wenn es den Anschein hat, als ob ein Täter für zwei oder mehr Verbrechen verantwortlich ist, dann vergleichen wir mit diesen Programmen alle denkbaren Daten, um nichts zu übersehen, was vielleicht wichtig sein könnte. Das Basisprogramm heißt AVP, Analoges Vergleichsprogramm.«

»Sie haben die Programme selbst geschrieben, nicht wahr? Und deshalb leiten Sie auch die Abteilung?«

Er grinste sie an. »Stimmt genau. Ich habe mich schon lange vor der Gründung dieser Abteilung damit beschäftigt. Es macht mir Spaß, Kerle zu schnappen, die der Gesellschaft Schaden zufügen, und der Computer ist nun mal, meiner Überzeugung nach, das beste Hilfsmittel dafür. Mehr aber auch nicht, Sherlock. Man kann damit Muster sichtbar machen und die merkwürdigsten Zusammenhänge herstellen, aber zuerst müssen wir selbst ihn mit den Daten füttern, die uns dann die Ergebnisse liefern. Und dann müssen wir sie genau betrachten und richtig interpretieren. Letztendlich hängt es immer davon ab, aus welchem Blickwinkel wir die Resultate und Alternativen betrachten, die uns der Computer liefert. Und natürlich davon, welche Daten wir überhaupt eingeben. Sie werden sehen, dass das AVP enorm viele Kombinationsmöglichkeiten zur Verfügung hat. Einer meiner Leute wird Sie in das Programm einführen. Wenn wir Glück haben, verhelfen uns Ihre kriminaltechnischen und psychologischen Kenntnisse zu neuen Blickwinkeln, neuen Fragekatalogen und somit zu noch mehr Möglichkeiten, relevante Daten zu ermitteln und die Informationen dann miteinander abzugleichen. So können wir ein Verbrechen auf die unterschiedlichste Art und Weise betrachten, alles immer mit dem einen Ziel, die Täter zu schnappen.«

Sie hätte am liebsten auf der Stelle den Arbeitsvertrag unterzeichnet und innerhalb der nächsten fünf Minuten alles gelernt. Und vor allem wollte sie ihn fragen, wann sie freien Zugang zu allen Daten bekommen könnte, an die er auch herankam. Aber sie konnte sich beherrschen.

»Wir sind ziemlich viel unterwegs, Sherlock, und müssen oft von einer Minute auf die andere verreisen. Es wird immer mehr Arbeit, weil wir innerhalb der Polizei immer bekannter werden und immer mehr Kollegen wissen wollen, ob wir ihnen mit unserer Analyse weiterhelfen können. Wie verbringen Sie Ihre Freizeit? Ich sehe hier, dass Sie nicht verheiratet sind. Aber vielleicht haben Sie einen Freund? Jemanden, mit dem Sie regelmäßig Zeit verbringen?«

»Nein.«

Er hatte das Gefühl, als würde er versuchen, mit den Fingernägeln eine Konservenbüchse zu öffnen. »Möchten Sie vielleicht Ihren Anwalt sprechen?«

Sie blinzelte. »Ich verstehe nicht, Sir.«

»Sie sind ziemlich kurz angebunden, Sherlock. Ich habe mich darüber lustig gemacht.«

»Es tut mir leid, wenn Sie den Eindruck haben, dass ich nicht genügend rede, Sir.«

Er war drauf und dran, ihr zu sagen, dass sie ihm früh genug alles erzählen würde, was er wissen wollte. Er war gut. Zwar konnte er mit dem Computer noch besser umgehen, aber er konnte auch Zungen lösen. Darin war er einer der Besten im FBI. Für den Augenblick jedoch würde er mitspielen – nichts als Fakten. Er sagte: »Sie leben nicht mit jemandem zusammen?«

»Nein, Sir.«

»Wo wohnen Sie, Agentin Sherlock?«

»Im Moment nirgends, Sir. Ich war davon ausgegangen, nach Los Angeles versetzt zu werden. Jetzt, wo ich in Washington bleibe, muss ich mir eine Wohnung suchen.«

Drei Sätze. Sie wurde ja geradezu geschwätzig.

»Wir können Ihnen dabei helfen. Haben Sie irgendwo Sachen eingelagert?«

»Nicht viel, Sir.«

Da ertönte ein leises Piepsen. »Einen Moment«, sagte Savich und blickte auf den Bildschirm seines Laptops. Beim Lesen strich er sich über das Kinn. Dann tippte er schnell etwas ein, schaute wieder auf den Bildschirm, trommelte mit den Fingerspitzen auf die Schreibtischplatte. Dann nickte er. Er schaute sie an, und sein Grinsen reichte von einem Ohr zum anderen. »Eine E-Mail. Endlich, endlich haben wir die Möglichkeit, den Toaster zu schnappen.«

4

Es sah so aus, als würde Savich jeden Moment auf seinen Schreibtisch springen und tanzen. Er hörte gar nicht mehr auf, zu grinsen und sich die Hände zu reiben.

»Den Toaster, Sir?«

»Ja, genau. Seinetwegen habe ich meine Fühler wirklich in alle Richtungen ausgestreckt. Entschuldigen Sie bitte, Agentin Sherlock.« Er nahm den Telefonhörer ab und hackte eine Nummer in die Tastatur. Dann legte er auf und fluchte leise. »Hab ich vergessen. Ellis’ Frau bekommt ein Baby. Sie ist erst vor einer Stunde in die Klinik gefahren, also kann er nicht weg. Ich frage ihn lieber gar nicht. Er würde darauf bestehen herzukommen, aber er muss bei seiner Frau bleiben. Es ist ihr erstes Kind. Aber er wird sich wahnsinnig ärgern, wenn er das hier verpasst. Nein, ich kann nicht. Er muss dort sein.«

Einen Augenblick lang schaute er hinunter auf seine Hände, dann hob sich sein Blick wieder zu ihr. Er sah ein wenig besorgt aus. »Was würden Sie von einem Sprung ins kalte Wasser halten?«

Ihr Herz schlug höher. Sie kam frisch von der Akademie, war noch nicht einmal trocken hinter den Ohren, und er schenkte ihr sein Vertrauen.

»Ich bin bereit, Sir.«

Sie wirkte, als wäre sie bereit, sofort aufzuspringen. Er konnte sich nicht erinnern, dass er an seinem ersten Tag so eifrig gewesen war. Er stand auf.

»Gut. Wir fliegen heute Nachmittag nach Chicago. Kurz das Wichtigste: Ein Mann hat in Des Moines eine vierköpfige Familie ermordet. Drei Monate später in St. Louis genau dasselbe. Danach haben ihn die Medien den ›Toaster‹ getauft. Die Einzelheiten erzähle ich Ihnen im Flugzeug. Das war Captain Brady vom Morddezernat in Chicago. Er glaubt, dass wir ihm vielleicht helfen könnten. Um genau zu sein, er hofft inständig, dass wir etwas für ihn tun können. Die Medien wollen eine komplette Sondervorstellung, und er kann ihnen nicht einmal einen Tanzbären vorführen. Aber wir schon!« Er schaute auf seine Uhr. »Wir treffen uns in zwei Stunden am Flughafen. Wir werden kaum länger als drei Tage lang weg sein.« Er krempelte die Hemdsärmel herunter und griff nach seinem Jackett. »Ich will diesen Kerl schnappen, Sherlock, unbedingt.«

Der »Toaster« war ihr durchaus ein Begriff. Sie stöberte alle großen Zeitungen durch auf der Suche nach solchen Bestien. O ja, sie kannte die Einzelheiten, zumindest die, die in die Zeitungen gelangt waren.

Savich öffnete ihr die Bürotür. Ihre Augen leuchteten, als stünde sie unter Drogen. »Heißt das, Sie wissen, wie Sie ihn schnappen können?«

»Ja. Dieses Mal erwischen wir ihn. Captain Brady meinte, es gäbe einige Hinweise, aber wir müssen hinfahren. Gehen Sie schon mal los und packen Sie. Ich muss noch einige Leute in der Abteilung einweihen. Wenn ich nicht da bin, hat Ollie Hamish die Vertretung.«

Sie flogen mit United Air, Business Class. »Ich hätte nicht gedacht, dass das FBI seinen Agenten etwas anderes als die Touristenklasse gönnt.«

Savich verstaute seine Aktentasche unter dem Vordersitz und setzte sich. »Ich habe uns hochgestuft. Kann ich am Gang sitzen?«

»Sie sind der Boss, Sir.«

»Ja, aber von jetzt an können Sie mich Dillon oder Savich nennen. Ich reagiere auf beides. Wie werden Sie normalerweise genannt?«

»Sherlock, Sir. Einfach nur Sherlock.«

»Vor ungefähr fünf Jahren bin ich mal Ihrem Vater begegnet, kurz nach seiner Ernennung zum Richter. Bei der Polizei haben sich alle über seine Berufung gefreut, weil er verurteilte Verbrecher nur selten geschont hat. Ich erinnere mich aber auch, dass die Liberalen in Ihrem Bundesstaat nicht besonders erfreut darüber waren.«

»Nein«, sagte sie. Sie schaute zum Fenster hinaus, während die Boeing 767 langsam in ihre Startposition rollte. »Überhaupt nicht. Es hat sogar zwei ernsthafte Versuche gegeben, ihn des Amtes zu entheben – natürlich erfolglos. Beim ersten Mal hat er die Todesstrafe für einen Mann bestätigt, der zwei kleine Jungen vergewaltigt und gefoltert und ihre Leichen anschließend auf eine Schutthalde in Palo Alto geworfen hatte. Beim zweiten Mal ging es um einen illegal eingewanderten Mexikaner, der einen Geschäftsmann entführt und umgebracht hatte und dem mein Vater die Freilassung auf Kaution verweigert hat.«

»Kaum zu glauben, dass es Leute gibt, die solchen Killern auch noch den Rücken stärken.«

»O ja, die gibt es. Im ersten Fall mit der Begründung, dass mein Dad kein Mitleid gezeigt hatte. Schließlich war die Frau des Mannes an Krebs gestorben, und sein kleiner Sohn war von einem betrunkenen Autofahrer totgefahren worden. Er hatte eine zweite Chance verdient, war er doch praktisch dazu getrieben worden, diese kleinen Jungen zu quälen. Er hatte seine Taten bereut und erklärt, dass der Kummer ihm den Verstand geraubt habe. Aber Dad hat dazu nur ›Blödsinn‹ gesagt und an der Todesstrafe festgehalten. Und im Fall des illegal eingewanderten Mexikaners hieß es, Dad sei Rassist und dass es keinen Anhaltspunkt dafür gäbe, dass der Mann aus den USA fliehen würde. Außerdem wurde behauptet, dass der Täter den Geschäftsmann nur deshalb entführt habe, weil er ihm keinen Job gegeben und gedroht hatte, die Einwanderungsbehörde zu verständigen, falls er nicht das Gelände verließe. Es hieß, der Mann sei nicht fair behandelt, sondern diskriminiert worden. Dass der Geschäftsmann ebenfalls ein Einwanderer war, allerdings ein legaler, hat natürlich keine Rolle gespielt. Außerdem bezweifle ich, dass er ihm wirklich gedroht hat.«

»Sie haben es aber nicht geschafft, ihn aus dem Amt zu jagen.«

»Nein, aber beinahe. Irgendwie ist die Gegend um die San Francisco Bay faszinierend. Bei der kleinsten Möglichkeit, etwas anders zu machen als üblich, finden sich dort immer ein paar Leute, die sich darauf stürzen.«

»Was sagt Ihr Vater dazu, dass Sie zum FBI gegangen sind?«

Aus den Lautsprechern drang die Stimme des Flugbegleiters, der sie gerade über die Sicherheitsgurte und die Sauerstoffmasken informierte. In ihren Augen sah er erst Misstrauen und dann Erleichterung darüber, dass sie sich auf ihre Rettungsweste konzentrieren konnte. Sie erwies sich als echtes Rätsel. Er hatte Rätsel sehr gerne, und wenn sie gut waren, faszinierten sie ihn. Er würde ihr diese Frage noch einmal stellen. Vielleicht, wenn sie müde oder abgelenkt war. Er lehnte sich zurück und sagte nichts mehr. Als sie in der Luft waren, öffnete er seine Aktentasche und reichte ihr eine dicke Akte. »Ich hoffe, Sie lesen schnell. Das ist alles, was wir über die drei verschiedenen Verbrechen haben. Da Sie keinen Laptop haben, habe ich alles ausdrucken lassen. Lesen Sie sich alles durch und merken Sie sich so viel wie möglich. Falls Sie Fragen haben, schreiben Sie sie auf und fragen mich später.« Vorsichtig stellte er seinen Laptop auf das Klapptischchen und begann zu arbeiten.

Er sprach erst wieder, als das Abendessen serviert wurde.

»Haben Sie alles durchgelesen?«

»Ja.«

»Sie sind schnell. Fragen? Ideen? Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, was nicht ganz schlüssig wirkt?«

»Ja.«

Dieses Mal sagte er gar nichts, sondern kaute einfach weiter und wartete. Er schaute zu, wie sie ein kleines Stückchen von einem Salatblatt abschnitt, ohne es zu essen. Sie spielte lediglich damit herum.

»Ich habe aus der Presse schon etliche Informationen über diesen Mann gehabt. Aber hier steht so viel mehr drin.« Sie hörte sich ganz begeistert an, so als würde sie jetzt zu den Eingeweihten gehören. Er runzelte die Stirn. Dann räusperte sie sich und sagte mit fast ausdrucksloser Stimme: »So wie es aussieht, hat er ein schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl und dürfte nicht besonders intelligent sein. Wahrscheinlich hat er einen schlecht bezahlten Job. Er ist ein Einzelgänger und kommt mit anderen Menschen nicht besonders gut klar ...«

Er wartete – das konnte er ganz ausgezeichnet.

»Ich habe mich immer gefragt, wieso es Familien umbringt. Vierköpfige Familien.«

»Sie haben ihn ›es‹ genannt. Das ist interessant.«

Das war keine Absicht gewesen. Sie steckte den Salat in den Mund und kaute langsam. Sie musste vorsichtiger sein. »Das war bloß ein Versprecher.«

»War es nicht, Sherlock, aber vorerst lassen wir es dabei. Diese Familiengeschichte ... wie Sie ja aus der Profilbeschreibung wissen, glaubt die ISU, dass der Täter in Des Moines wohnt, im gleichen Straßenzug wie die Familie, die er dort umgebracht hat, dass er sie gekannt und gehasst hat und sie ausrotten wollte, was ihm ja auch gelungen ist. Aber die Polizei konnte niemanden in der näheren Umgebung des Tatorts finden, auf den diese Beschreibung gepasst hätte. Deshalb hat man allgemein vermutet, dass das Täterprofil in diesem Fall falsch war. Als er dann in St. Louis erneut zugeschlagen hat, waren alle völlig durcheinander. Ich habe mit Captain Brady in Chicago gesprochen und ihn gefragt, ob die Polizei in St. Louis das Gebiet nach möglichen Verdächtigen durchkämmt hatte. Er hat das bestätigt, aber sie waren auf keine einzige heiße Spur gestoßen.«

»Sie haben aber schon vorher mit der Polizei in St. Louis gesprochen, oder?«

»O ja.«

»Sie haben eine ganze Menge Fakten zusammengesammelt, nicht wahr?«

»Ich habe über diesen Fall nachgedacht, Sherlock, immer und immer wieder, und den Ablauf so genau wie möglich rekonstruiert. Im Gegensatz zur Polizei bin ich mir ganz sicher, dass das Täterprofil genau ins Schwarze trifft.«

»Obwohl man weder in Des Moines noch in St. Louis jemanden entdeckt hat, auf den das Profil zutrifft?«

»Ganz genau.«

»Sie spannen mich auf die Folter, Sir.«

»Ja, aber ich möchte erst abwarten, was Ihnen einfällt. Mal sehen, ob Sie mit dem Kopf genauso schnell sind wie mit Ihrem kleinen Colt.«

Sie spreizte ihre langen schlanken Finger mit den kurzen, polierten Nägeln. »Sie haben ihn mir trotzdem aus der Hand geschlagen. Meine Schnelligkeit hat also keine Rolle gespielt.«

»Aber Sie können gut fangen. Die Aktion von Porter hat mich überrascht.«

Sie ließ für einen Moment ihren Schutzschild fallen und grinste ihn an. »Wir haben das trainiert. Er ist mal bei einer anderen Übung als Geisel genommen worden. Ich habe ihm eine Pistole zugeworfen, aber er hat es nicht geschafft, sie zu fangen. Der Geiselnehmer war so wütend, dass er Porter erschossen hat. Sie können sich vorstellen, dass die Ausbilder uns wegen unserer eigenmächtigen Handlungsweise ordentlich zusammengestaucht haben.« Sie grinste noch immer und wiederholte: »Training.«

Er fuhr seinen Laptop herunter und sagte: »Ich bin während meiner Ausbildung an der Akademie auch mal reingefallen. Da hätte ich diesen Trick gut gebrauchen können. Bei einer Übung in Hogan’s Alley hat mein Partner, James Quinlan, einen Bankräuber gespielt.

Das FBI hat ihn geschnappt, und ich stand einfach da und musste zusehen, wie sie ihn abgeführt haben. Wenn ich ihm eine Kanone zugeworfen hätte, hätte er vielleicht eine Chance gehabt. Wobei man nie weiß, was dann passiert wäre.« Er seufzte. »Quinlan hat mich während seines Verhörs verpfiffen. Ich schätze, dass er erwartet hat, dass ich ihn aus dem Gefängnis raushole, und als das nicht passiert ist, hat er eben gesungen. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie er sich das vorgestellt hatte. Jedenfalls haben sie mich eine Stunde später geschnappt, als ich die Stadt in einem gestohlenen Wagen verlassen wollte, im blauen Buick des Bürgermeisters.«

»Quinlan?«

»Genau.« Mehr nicht, nur »genau«. Sollte sie doch ein bisschen darauf herumkauen.

»Wer ist Quinlan?«

»Er ist auch FBI-Agent und ein langjähriger Freund. Also, Sherlock, was schätzen Sie, was wir in Chicago vorfinden werden?«

»Sie haben gesagt, dass die örtliche Polizei glaubt, nahe dran zu sein. Wie nahe?«

»Sie haben die Berichte gelesen. Es gibt einen Zeugen, der gesehen hat, wie ein Mann aus dem Haus der Opfer gelaufen ist. Wir müssen sehen, wie genau die Beschreibung ist.«

»Was wissen Sie zusätzlich zu diesen Berichten noch, Sir?«

»Das meiste sind Vermutungen«, sagte er, »und noch ein paar erstklassige Informationen von meinem Computerprogramm.« Er nickte dem Steward zu, damit er die Kaffeetasse mitnahm. Vorsichtig klappte er den Laptop zu und schob ihn in die Schutzhülle. »Wir sind fast da«, sagte er, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Auch sie ließ sich gegen die Lehne sinken. Die Ergebnisse der Computeranalysen zu dem Fall hatte er ihr nicht gezeigt. Vielleicht dachte er, dass sie erst einmal genug zu verdauen hatte, und vielleicht hatte er ja Recht. Sie hatte sich, ohne es eigentlich zu wollen, die Tatortfotos angeschaut. Das war hart gewesen. Die Zeitungen hatten keine Fotos veröffentlicht, so dass ihr erst jetzt, durch die Bilder, die ganze Grausamkeit der Tat deutlich wurde. Ohne dass sie es verhindern konnte, sprach sie laut vor sich hin: »In allen drei Fällen waren Vater und Mutter Ende Dreißig, und die beiden Kinder – immer ein Junge und ein Mädchen – waren zehn und zwölf. Jedes Mal ist der Vater in die Brust und anschließend in den Bauch geschossen worden. Den Autopsieberichten zufolge ist der zweite Schuss immer erst nach dem Tod erfolgt. Die Mutter wurde auf den Küchentisch gefesselt und ins Gesicht geschlagen. Dann wurde sie mit dem Toasterkabel erdrosselt – daher wird der Täter ›Toaster‹ genannt. Die Kinder wurden gefesselt und bewusstlos geschlagen und dann mit den Köpfen voran in den Backofen gesteckt. Wie bei Hänsel und Gretel. Das ist mehr als unheimlich. Dieser Kerl ist unglaublich krank. Ich habe mich gefragt, was er gemacht hätte, wenn diese Familien keinen Toaster gehabt hätten.«

»Ja, das hat mich zu Anfang auch beschäftigt«, erwiderte Savich mit geschlossenen Augen. »Man könnte fast meinen, dass er den jeweiligen Häusern vor der Tat einen Besuch abgestattet hat, um sicherzugehen, dass auch wirklich einer vorhanden war.«

»Oder er hat den Toaster mitgebracht.«

»Das ist möglich, aber ich habe da meine Zweifel. Zu auffällig.« Er stellte seine Rückenlehne gerade. »Jemand hätte ihn beim Transport beobachten können. Aber da ist noch etwas: In vielen Küchen gibt es einen halbhoch eingebauten Backofen. Wie hätte er in einem solchen Fall die Kinder umgebracht? Auf den Fotos sind nur große, altmodische Gasöfen zu sehen.«

»Er hatte eine ganze Menge zu beachten, wenn er diese Familien aufgesucht hat, nicht wahr?«

Sie schaute ihn von der Seite an. Er sagte kein Wort. Langsam steckte sie die einzeln markierten Fotos wieder zurück in den Umschlag. Dann sortierte sie die Blätter und legte sie vorsichtig wieder in die Ordner ein. Er hatte lange über diesen Fall nachgedacht, sie auch. Und sie hätte immer noch gerne einen Blick auf die Computeranalyse geworfen.

Andererseits, sie hatte ihn auch nicht direkt danach gefragt.

Der Flugbegleiter gab den Beginn des Landeanflugs auf Chicago bekannt und bat darum, sämtliche elektronischen Geräte auszuschalten. Savich schnallte sich an. »O ja, unser Mann hat sich gründlich informiert.«

»Wie kommt es, dass Sie sich überhaupt an meine Frage erinnern? Das ist doch schon fünf Minuten her.«

»Ich bin beim FBI. Ich bin gut.« Er schloss erneut die Augen.

Am liebsten hätte sie ihm einen Tritt versetzt, aber dann drehte sie sich um und schaute aus dem Fenster. Die hellen Lichter unter ihr lagen dicht beisammen. Ihr Herz schlug schneller. Das war ihr erster Auftrag, und sie wollte alles richtig machen. »Sie gehören jetzt auch zum FBI, Sherlock.«

Das war etwas, nicht gerade viel, aber zumindest etwas. Sie lächelte und nahm es dankbar an.

Nun schloss sie ihren eigenen Gurt. Dabei ließ sie den Blick keine Sekunde von den Lichtern Chicagos. Halleluja. Sie war nicht hinter Bankräubern her.

5

Der Himmel über Chicago war bedeckt an diesem 18. Oktober, die Temperatur betrug zehn Grad Celsius. Mit einundzwanzig Jahren war Lacey zuletzt in der Stadt gewesen. Sie hatte eine Spur verfolgt, die ins Leere führte, und dabei eines der vielen Polizeipräsidien betreten, die sie in ihrem »Drüsenfieber«-Jahr aufgesucht hatte.

Savich hingegen war sich nicht einmal bewusst, dass er in Chicago war. Er dachte an den wahnsinnigen Schweinehund, der drei Familien brutal ermordet hatte. Sie wurden von Wachtmeister Alfonso Ponce in einem unauffälligen hellblauen Ford abgeholt.

»Captain Brady meinte, dass Sie wahrscheinlich nicht in einem Polizeiauto auf die Wache gebracht werden möchten. Das hier ist sein Privatwagen.«

Nachdem sie sich fünfundvierzig Minuten lang durch den dichten Verkehr manövriert hatten, wo jeder Autofahrer im Umkreis von fünf Kilometern seine Hupe betätigte, ließ er sie an der Wache Jefferson Park aussteigen. Das Revier lag in einem hübschen Mittelschichtviertel. Die Wache selbst, ein schachtelförmiges, einstöckiges Gebäude, lag in West Gale, an der Kreuzung zweier Hauptstraßen, Milwaukee und Higgins Street. Von Wachtmeister Ponce erfuhren sie, dass das Gebäude auch einen Keller hatte. Das Haus war 1936 im Rahmen eines großen Wohnungsbauprojektes entstanden. Bei einem Wirbelsturm vor sieben Jahren hatten sich alle, einschließlich der Gefangenen, in den Keller geflüchtet, und so ein Bekloppter hatte sogar versucht abzuhauen. Seit den siebziger Jahren war hier kaum etwas gemacht worden. Aus einem kleinen Betonviereck vor dem Eingang ragten einige verwelkte Blumen und ein kahler Fahnenmast empor. Im Inneren sah es genauso aus wie auf jeder anderen Polizeiwache, die Savich kannte. Der beigefarbene Linoleumboden war wahrscheinlich in den letzten zehn Jahren einmal erneuert worden, aber wer konnte das sagen? Er sah trotzdem vierzig Jahre alt aus. Uringestank, überdeckt von einem Raumspray mit Blumenduft, drang in seine Nase. Es war acht Uhr abends, und ungefähr ein Dutzend Leute standen in dem Raum herum oder saßen auf der langen Bank an der Wand. Mindestens die Hälfte davon waren Jugendliche. Er fragte sich, was sie wohl getan hatten. Vermutlich alles Drogengeschichten.

Savich fragte den diensthabenden Beamten nach Captain Brady. Ein anderer Polizist, der nach einem Blick auf ihre FBI-Dienstmarken misstrauisch wurde, brachte sie in einen Mannschaftsraum, an den sich noch etliche Büros mit Glasfenstern anschlossen. Der Raum ließ sich in verschiedene Module unterteilen – eine Neuerung, die niemand gut fand, wie sie erfuhren. Um diese Zeit waren nicht mehr viele Geräusche zu hören, lediglich das gelegentliche Klingeln eines Telefons. Im Mannschaftsraum saßen ungefähr ein Dutzend Leute, alle in Zivil.

Captain Brady war etwa fünfundvierzig Jahre alt, schwarz, und er sprach einen breiten Südstaatenakzent. Obwohl kein einziges graues Haar auf seinem Kopf zu sehen war, wirkte er älter und sehr müde. Rund um seinen Mund hatten sich tiefe Falten eingegraben. Als er sie sah, verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Lächeln. Er kam hinter dem überfüllten Schreibtisch hervor und streckte die Hand aus.

»Agent Savich?«

»Ja, Captain.« Die beiden Männer gaben sich die Hand.

»Und das ist Agentin Lacey Sherlock.«

Captain Brady schüttelte ihre Hand, setzte ein schiefes Grinsen auf und sagte: »Ganz schöne Strecke von London hierher, oder?«

Sie grinste zurück. »Ja, Sir. Den Hut habe ich vergessen, aber die Pfeife steckt in meiner Handtasche.« Sie hatte nicht gewusst, dass Savich ihren Vornamen kannte.

Savich begutachtete den Computer auf Bradys Schreibtisch.

Der Captain bot ihnen zwei Stühle an, denen ein Sofa gegenüberstand.

Die Stühle waren überraschend bequem. Brady entschied sich für das Sofa. Er saß auf der Kante, die Hände zwischen die Knie geklemmt. »Von Bud Hollis in St. Louis weiß ich, dass Sie diesen Fall seit dem ersten Familienmord in Des Moines verfolgen und dass die Kollegen dort das FBI um die Erstellung eines Täterprofils gebeten haben. Er hat gemeint, dass ich Sie bitten soll herzukommen. Deshalb habe ich gestern die E-Mail geschickt. Er – nun ja, er war sehr angetan von Ihren Ideen, auch wenn sie ihn nicht weitergebracht haben. Aber das wissen Sie ja bereits. Der Kerl, den wir suchen, ist ein Mysterium. Durch nichts lässt er sich festnageln, als wäre er ein Geist.« Captain Brady hielt sich die Hand vor den Mund und hustete trocken und leise. »Tut mir leid. Schätze, ich bin ziemlich am Ende. Meine Frau hat mich heute Morgen gründlich zur Schnecke gemacht.« Er zuckte die Schultern. »Aber was sollen wir machen? Seit dem Mord vor dreieinhalb Tagen schieben wir nur noch Überstunden. Der Mörder hat um sechs Uhr abends zugeschlagen, genau beim Abendessen und genau zur gleichen Zeit, zu der er die anderen beiden Familien getötet hat. Verzeihung, aber das wissen Sie ja alles schon. Haben Sie die Polizeiberichte bekommen, die ich Ihnen gestern zugeschickt habe?«

»O ja«, sagte Savich. »Ich hatte gehofft, dass Sie Kontakt mit mir aufnehmen würden.«

Der Captain nickte. »Bud Hollis hat außerdem gesagt, dass Sie Grips haben, dass es Ihnen nicht um Ihren eigenen Ruhm geht und dass Sie computergestützt arbeiten. Ich verstehe zwar nichts davon, aber ich würde gerne probieren, ob etwas dabei rauskommt.

Noch fünf Minuten, bevor ich die E-Mail abgeschickt habe, war ich mir unsicher, ob es wirklich eine gute Idee ist, Sie hierherzubitten. Danke, dass Sie so schnell gekommen sind. Ich dachte, es wäre gut, wenn wir uns ein paar Minuten allein unterhalten, bevor ich Sie den Leuten vorstelle, die an dem Fall arbeiten. Sie sind ein bisschen ... wie soll ich sagen ... unglücklich darüber, dass ich Sie hinzugezogen habe.«

»Kein Problem«, erwiderte Savich und schlug die Beine übereinander. »Sie haben Recht, Captain. Weder Sherlock noch ich sind scharf auf Ruhm und Ehre. Wir wollen nichts anderes als den Täter aus dem Verkehr ziehen.«

Lacey wollte ihn wirklich um jeden Preis haben. Sie wollte ihn tot sehen.

»Leider haben wir seit meiner E-Mail heute Nachmittag noch nichts Neues. Der Bürgermeister macht ziemlich viel Druck, und die ganze Mannschaft verkriecht sich auf dem Klo, weil die Medien sich seit dem Abend, wo es passiert ist, überschlagen. Sie lassen einfach nicht locker. Haben Sie gewusst, dass ein Fernsehsender irgendwie an die Fotos vom Tatort gekommen ist und sie in den Abendnachrichten gesendet hat? Verdammte Aasgeier! Kennen jedes Detail über die Morde in Des Moines und St. Louis, wissen auch, dass die Presse den Kerl ›Toaster‹ getauft hat. Haben allen hier mächtig Angst eingejagt. Im Mannschaftsraum machen sie schon Witze, dass jetzt alle Leute ihre Küchengeräte auf den Müll werfen. Sie haben die Akten über die einzelnen Morde gelesen, oder?«

»Ja, jede einzelne. Das war eine ganze Menge Material.«

»Ich denke, es wird Zeit, die Jagd zu eröffnen, Agent Savich. Können Sie uns helfen?«

»Agentin Sherlock und ich haben noch einige wenige Fragen. Vielleicht können wir uns ja mit Ihren Leuten zusammensetzen, um Antworten zu bekommen. Ja, Captain, ich bin mir absolut sicher, dass wir Ihnen helfen können.«

Captain Brady lächelte ihn zweifelnd an, aber in seinen müden Augen glimmte ein Funken Hoffnung. »Na, dann los«, sagte er, schnappte sich einen Aktenordner vom Schreibtisch und verließ sein Büro. Dabei brüllte er: »Dubrosky! Mason! Kommt in den Konferenzraum beim Zweier!« Er drehte sich zu Sherlock und Savich um und sagte: »Ich hasse dieses Modulsystem. Es ist letztes Jahr eingebaut worden. Man kriegt keinen Menschen mehr zu Gesicht, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der, von dem man etwas will, gerade auf dem Klo sitzt.« Er schaute sie an. »Na ja, oder das Mädchen, äh, die Beamtin, die man sprechen will, ist auf der Damentoilette.«

Es stellte sich heraus, dass weder Dubrosky noch Mason aufs Klo gegangen waren. Sie standen bereits steif und ablehnend im Konferenzraum und warteten auf die FBI-Agenten. In einem hatte Captain Brady recht gehabt: Sie waren alles andere als glücklich. Dies hier war ihr Revier, und das Letzte, was sie wollten, war, dass das FBI sich in ihre Angelegenheiten einmischte. Savich verhielt sich höflich und sachlich. Ihre Blicke fielen auf Sherlock, und sie sah genau, dass sie sich von ihr wenig Hilfe versprachen. Dubrosky sagte: »Sie erwarten von uns aber nicht, dass wir Ihre Watsons spielen, oder, Sherlock?«

»Keineswegs, Detective Dubrosky, es sei denn, einer von Ihnen ist Arzt.«

Diese Antwort brachte ihr ein widerwilliges Lächeln ein.

Sie verspürte den Drang, allen, einschließlich Savich, zu sagen, dass sie jetzt genauso viel über den Täter wusste wie sie, vielleicht sogar mehr als die Chicagoer Polizisten, und dass sie ebenso lange wie Savich über ihn nachgedacht hatte. Aber sie hielt sich zurück und überlegte, welchen Trumpf Savich noch im Ärmel haben könnte. Sie kannte ihn erst wenige Stunden, aber sie hätte ihr letztes Hemd darauf verwettet, dass er dort noch eine ganze Menge stecken hatte, und es hätte sie nicht überrascht, wenn er bereits den Namen und die Adresse des Täters gekannt hätte.

Sie saßen in dem kleinen Konferenzraum, die Akten und Fotos über den ganzen Tisch verteilt. Bei ihrem Ellbogen lag ein Foto des Tatorts. Darauf war Mrs. Lansky zu sehen, und das Toasterkabel war noch immer um ihren Hals geschlungen. Sie drehte das Foto um und blickte hinüber zu Savich.

Er hatte den – wie sie es innerlich bereits nannte – FBI-Blick aufgesetzt und musterte Dubrosky auf stille, nachdenkliche Weise. Konnte er mehr sehen als sie? Der arme Dubrosky! Er sah müde aus, zu Tode erschöpft. Ein Mann, der nicht lächelte und aussah, als hätte er gerade seinen besten Freund verloren. Er war total aufgedreht, hatte wahrscheinlich zu viel Kaffee getrunken, konnte nicht stillsitzen. Sein brauner Anzug war völlig zerknittert, seine ebenfalls braune Krawatte sah aus wie ein Henkersknoten, und unrasiert war er auch.

Savich stützte die Ellbogen auf den Tisch, schaute den Mann direkt an und sagte: »Detective, haben sich in den letzten zwei Monaten irgendwelche Handwerker im Haus der Lanskys zu schaffen gemacht?«

Dubrosky lehnte sich zurück, schnellte dann wieder nach vorn und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Halten Sie uns eigentlich für komplette Idioten? Das haben wir natürlich alles überprüft! Vor drei Wochen war ein Typ da, der das Telefon repariert hat. Wir haben mit ihm gesprochen, es hatte alles seine Ordnung. Außerdem war der Typ mindestens fünfzig Jahre alt und hatte selber sieben Kinder.«

Savich sprach mit der gleichen ruhigen Stimme weiter: »Woher wissen Sie, dass nicht noch andere Handwerker im Haus waren?«

»Im Scheckbuch der Lanskys waren keinerlei Aufzeichnungen über Ausgaben für Handwerker zu finden, keinerlei Quittungen, und die Nachbarn wussten auch nichts von anstehenden Reparaturen. Wir haben mit den anderen Familienmitgliedern gesprochen, sogar mit denen, die nicht in der Stadt wohnen, und keiner hatte etwas von Renovierungsarbeiten oder vergleichbaren Dingen bei den Lanskys gehört.&

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