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Woodwalkers (3) Hollys Geheimnis

 

Bücher von Katja Brandis im Arena Verlag:
Woodwalkers. Carags Verwandlung
Woodwalkers. Gefährliche Freundschaft
Woodwalkers. Hollys Geheimnis

 

 

 

 

 

Katja Brandis, Jahrgang 1970, hat Amerikanistik, Anglistik
und Germanistik studiert und als Journalistin gearbeitet. Schon
in der Schule liehen sich viele Mitschüler ihre Manuskripte
aus, wenn sie neuen Lesestoff brauchten. Inzwischen hat sie
zahlreiche Romane für Jugendliche veröffentlicht, zum Beispiel
Gepardensommer, Floaters – Im Sog des Meeres oder Ruf der
Tiefe. Bei der Recherche für Woodwalkers im Yellowstone-Nationalpark
lernte sie eine Menge Bisons persönlich kennen,
stolperte beinahe über einen schlafenden Elch und durfte
einen jungen Schwarzbären mit der Flasche füttern. Sie
lebt mit Mann, Sohn und drei Katzen, von denen eine ein
bisschen wie ein Puma aussieht, in der Nähe von München.
www.katja-brandis.de

Inhaltsverzeichnis

Heiße Fontänen

Füchse, Würstchen und ein scheußlicher Besucher

Schock am Morgen

Nichts wie weg

Es war einmal eine Grillparty

Unerwartete Gesellschaft

Schock am Vormittag

Zweiter Schock am Vormittag

Jedes einzelne Schnauzenhaar

Schneekatze

Spurensuche

Schwere Entscheidung

Gegen die Strömung

Chaos-Montag

Wolfsaugen

Zwei Ausraster

Expedition Highschool

Geständnisse

Für die Katz

Der Eindringling

Krallen und Zähne

Sieben Leben

Welpenweisheit

Schwefelschwaden

Hinterhältig

Schuld und Beute

Wolfsgesang

Der Hügel

Silver Sunday

Football und frische Farbe

Die Suche

Sonnenaufgang

Danksagung

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Inzwischen habe ich meine ersten Lernexpeditionen
an der Clearwater High hinter mir. Ich kann kaum glauben,
dass nun eine Wolfs-Wandlerin zu den Leuten zählt, die ich
mag. Sogar meine Handynummer habe ich Tikaani gegeben.
Während meiner Zeit als Puma hatte ich natürlich
keinen Schimmer gehabt, warum die Menschen mit den
Fingern auf irgendwelche flachen Dinger tippten oder
hineinsprachen. Das wollte ich damals bei einem
meiner heimlichen Besuche bei den Menschen
herausfinden. Ich ahnte nicht, dass ich fast
dabei draufgehen würde …

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Heiße Fontänen

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Es war Frühling und langsam schmolz der Schnee in unserem Revier. Auf den weiten Ebenen spross hellgrünes, saftiges Gras, mit Tupfern von gelben, roten und violetten Blumen. Hoch über ihnen, im Kieferndickicht eines Hügels, neckte meine Schwester Mia einen großen schwarzen Käfer, den sie immer wieder belauerte und ansprang. Spielen wir ’ne Runde Käferschubsen?, rief sie mir lautlos zu, von Kopf zu Kopf. Oder wie wär’s mit einem Wettspringen?

Mein Vater erhob sich, streckte seinen langen zimtfarbenen Körper und gähnte, sodass man seine Fangzähne sah. Geh lieber mit mir Wapitis jagen, Carag, du musst endlich lernen, wie man Großwild reißt.

Äh, was? Ich hatte nur die Hälfte mitbekommen, weil ich gerade an der Felskante lag und zwischen den Kiefernästen hindurch ins Tal spähte. Es lebten nur wenige Menschen in unserem Revier, das sie Yellowstone nannten, aber hier in der Nähe hatten sie einen kleinen Stützpunkt. Ich sah die graubraunen Dächer einzelner Häuser und auf einer Straße fuhren Autos darauf zu und davon weg.

Menschen waren geheimnisvoll und mächtig. Manchmal stanken sie auch oder benahmen sich wie Kaninchen, denen der Kopf fehlte. Zum Beispiel kapierte ich beim besten Willen nicht, warum sie es so toll fanden, wenn irgendwo heißes Wasser aus der Erde schoss. Gerade sammelten sich dort beim Stützpunkt im Tal – bei einem dieser heißen Orte – wieder mehr Leute, als ich zählen konnte, setzten sich auf längliche Holzstücke und warteten geduldig auf das Ereignis. Garantiert hatten sie auch wieder diese flachen, handtellergroßen polierten Steine dabei, aus denen ich nicht schlau wurde. Die Leute streichelten die Dinger oder unterhielten sich mit ihnen; manchmal deuteten sie damit auch auf irgendwas oder auf sich selbst …

He, Carag, du bist gerade dermaßen langweilig. Enttäuscht verpasste mir Mia einen Hieb mit eingezogenen Krallen. Blitzschnell schlug ich zurück und zeigte ihr die Zähne. Und du bist kindisch. Käferschubsen? Das habe ich mit fünf gespielt!

Meine Mutter schob sich zwischen uns. Schluss damit, wir gehen jagen. Los jetzt!

Ich komme ein anderes Mal mit, mir tut die Pfote weh, schwindelte ich, schleckte mir die Vorderpranke und hoffte, dass meine Eltern nicht merkten, wie schnell mein Herz klopfte. Wenn alles klappte, würde ich sehr bald dort unten dabei sein und niemand durfte merken, wer und was ich war. Sonst würden die Menschen versuchen, mich zu töten.

Mit einem seltsamen Blick sah mein Vater mich an. Ich erschrak. Ahnte er was? Vielleicht … Er war oft niedergeschlagen oder gereizt in letzter Zeit. Früher hatte er manchmal übermütig mit uns Wettspringen oder Raufen gespielt, wann hatte er eigentlich damit aufgehört?

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich weg, um zu gehen. Mia rief mir ein Bis nachher, fang dir keine Flöhe ein zu, für das ich ihr ein Schnurren hinterherschickte, dann verschwand sie lautlos zwischen den Bäumen.

Kurz darauf machte auch ich mich auf den Weg, als Puma schlich ich zu unserem nächstgelegenen Versteck mit Menschensachen. Dort verwandelte ich mich und holte mir Klamotten aus dem Versteck – es waren leider keine besonders guten Sachen, das Hemd hatte ein Loch und die Schuhe waren mir zu groß. Ich nahm die Schuhe erst mal in die Hand und machte mich auf bloßen Füßen auf den Weg ins Tal. Ein paar Ameisen krabbelten über meine Zehen, eine davon biss mich. Pech für sie, dass ich jetzt wieder meine praktischen Menschenhände hatte. Ich schnippte die Ameise im hohen Bogen von meinem Fuß herunter ins Gebüsch.

Das graue Zeug, aus dem Menschen ihre Straßen bauten, fühlte sich warm an unter meinen bloßen Füßen, als ich vorsichtig zu einem der größten Häuser ging. Aus braun gefleckten Steinen gemauert, mit großen Glasfenstern, ragte es vor mir auf und ständig gingen Leute hinein und hinaus. Zum Glück achtete kaum jemand auf mich – nur ein Kind, das halb so groß war wie ich, starrte mich misstrauisch an. Spürte es irgendwie, dass ich anders war, dass ich kein Mensch war? Mist, ich hatte vergessen, die Schuhe anzuziehen! Und meine Füße sahen gerade verdächtig pelzig aus, auch das noch!