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Woodwalkers (5) Feindliche Spuren

Bücher von Katja Brandis im Arena Verlag:
Woodwalkers. Carags Verwandlung
Woodwalkers. Gefährliche Freundschaft
Woodwalkers. Hollys Geheimnis
Woodwalkers. Fremde Wildnis
Khyona – Im Bann des Silberfalken

Katja Brandis, Jahrgang 1970, hat Amerikanistik, Anglistik und Germanistik studiert und als Journalistin gearbeitet. Schon in der Schule liehen sich viele Mitschüler ihre Manuskripte aus, wenn sie neuen Lesestoff brauchten. Inzwischen hat sie zahlreiche Romane für Jugendliche veröffentlicht, zum Beispiel White Zone, Floaters – Im Sog des Meeres oder Ruf der Tiefe. Bei der Recherche für Woodwalkers im Yellowstone-Nationalpark lernte sie eine Menge Bisons persönlich kennen, stolperte beinahe über einen schlafenden Elch und durfte einen jungen Schwarzbären mit der Flasche füttern. Sie lebt mit Mann, Sohn und drei Katzen, von denen eine ein bisschen wie ein Puma aussieht, in der Nähe von München.
www.katja-brandis.de

Beim Austausch mit Costa Rica habe ich neue Freunde und Verbündete gewonnen, aber meinen schlimmsten Feind Andrew Milling auch sehr wütend gemacht. Wir müssen herausfinden, wer oder was »Arula« ist und warum das wichtig für Milling ist, Wahrscheinlich brauchen wir diese Information für den Kampf gegen ihn. Aber erst mal müssen wir unseren Otter-Freund Frankie finden, der mir heimlich gefolgt ist – von ihm fehlt immer noch jede Spur. Was kann mit ihm passiert sein?
Vielleicht wissen das die Menschen. Doch die können ziemlich seltsam und sogar gefährlich sein, wenn es um Woodwalker geht …

 

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Es war einmal ein Ranger

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Wenn der Himmel so grau wie Schiefer war und jede Menge Wasser daraus herabfiel, machten wir es uns manchmal unter einem Felsvorsprung gemütlich. So auch an diesem Tag ein paar Wochen nach meinem ersten Besuch in der Stadt der Menschen. Mias Schwanzspitze zuckte aufgeregt, während sie sich Geschichten ausdachte, um uns zu unterhalten. … aber dann kamen zwei dieser Leute in grüngrauen Klamotten und wollten mich mit dem Lasso einfangen, um mich auszustopfen. Aber ich war auf einmal superstark, konnte fliegen und kurvte um die Berggipfel herum, um sie von oben anzugreifen …

Meine Mutter gähnte, sodass ich ihre gelblich weißen Fangzähne bewundern konnte. Meinst du diese Menschen mit den Hüten?, fragte sie. Hüte, die aussehen wie Steinscheiben, auf die ein Wapiti draufgemacht hat?

Ja genau, gab Mia zurück. Gerade wollte ich mich aus der Luft auf sie stürzen, da …

Diese Leute würden dich nicht ausstopfen, sagte meine Mutter knapp. Man nennt sie Ranger.

Mia war eingeschnappt, weil meine Mutter schon wieder ihre Geschichte unterbrochen hatte, aber ich horchte auf. Dieses Wort »Ranger« hatten meine Eltern schon öfter benutzt. Was sind Ranger?, erkundigte ich mich. Damals, vor meinem verbotenen Abstecher zum Old-Faithful-Geysir, wusste ich so etwas noch nicht.

Das sind Leute, die in Nationalparks – also in unserem Revier – darauf achten, dass Menschen und Tiere friedlich zusammenleben und keiner etwas kaputt macht, erklärte meine Mutter.

Tolle Sache, meinte ich beeindruckt. Also sind diese Ranger nicht unsere Feinde?

Nein, meinte meine Mutter und erhob sich. Wenn ihr Lust habt, schauen wir uns einen an. Aber ihr müsst ganz leise sein, denn diese Leute sind oft bewaffnet. Ich will nicht, dass euch etwas passiert.

Klingt echt blöd – ich bleib hier!, motzte Mia, die anscheinend immer noch beleidigt war, und als ich begeistert aufsprang, griff sie mich einfach so an. Das ließ ich mir natürlich nicht bieten, warf mich selbst auf sie und versuchte, sie umzuwerfen. In einem Knäuel aus hellbraunem Fell landeten wir auf unserem Vater, der unsanft aus seinen Träumen gerissen wurde. Nehmt gefälligst eure Pfoten aus meiner Nase!, fauchte er. Nimca, schaff die beiden nach draußen, die brauchen Bewegung!

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Für den schroffen Ton bekam er von unserer Mutter einen Schlag auf die Schnauze, wenn auch mit eingezogenen Krallen. Was meinst du, was ich gerade mache?

Mein Fell kribbelte aufgeregt, als wir uns mit unserer Mutter Nimca auf den Weg machten und durch den Kiefernwald streiften. Ich verzichtete sogar darauf, ein Hörnchen zu jagen, das ich über einen umgestürzten Baumstamm laufen sah. Aber ihr habt uns doch immer gesagt, wir sollen uns hier im Wald von Leuten fernhalten? Oder machen wir das in unserer Menschengestalt? Wie man sich verwandelte, hatten wir erst vor Kurzem geübt, bei unserem Ausflug in die Stadt.

Leise jetzt!, antwortete Nimca nur und pirschte auf ihren breiten, weichen Pranken voran. Erschrocken wurde mir klar, dass sie bereits jemanden erspäht hatte. Ja, jetzt witterte ich den Menschen auch und bald darauf waren wir nahe genug, um ihn zu sehen.

Ah, DER ist es, ich habe es mir fast gedacht, meinte meine Mutter und erstaunt spürte ich Freude in ihren Gedanken. Misstrauisch schaute ich mir den Ranger näher an. Er war ein kräftiger Mann mit Haaren in der Farbe von Herbstlaub, einer dunkelgrünen Hose, einem grauen Hemd, an dem etwas Goldenes glitzerte, und genau dem Hut, den meine Mutter beschrieben hatte. Außerdem etwas, das wie ein Buckel aus Stoff aussah – ein Rucksack, erklärte meine Mutter lautlos –, und ein längliches knallrotes Ding am Gürtel.

Der ist tatsächlich bewaffnet!, stellte meine Schwester entsetzt fest. Wer ist das überhaupt? Du kennst ihn, stimmt’s?

Ja, gab unsere Mutter zu. Das ist Tom. Er ist ein Freund von mir.

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Mia und ich waren so geschockt, dass sich uns die Nackenhaare aufstellten. Wie, was, aber …?, brachte ich nur heraus.

Jetzt schaute meine Mutter ein wenig verlegen drein. Es ist schon ein paar Monde her, dass er mir zum ersten Mal aufgefallen ist. Ich hatte einen Gabelbock gerissen, aber dann wurde mir klar, dass in der Nähe ein Wanderpfad verlief. Prompt gingen Leute vorbei, sodass ich kaum einen Bissen nehmen konnte. Aber dann kam zum Glück Tom. Er sperrte den Wanderpfad ab, sodass wir später zurückkommen und in Ruhe fressen konnten. Richtig nett, oder? So haben wir uns kennengelernt.

Unsere Mutter hatte einen Menschenfreund. Ich konnte es immer noch nicht fassen. Zu dritt spähten wir vorsichtig durchs Unterholz in Richtung des Rangers.

Später habe ich erfahren, dass er Tom heißt, so haben andere Leute ihn genannt, berichtete Nimca. Das hat mir natürlich auch gefallen, denn Tom bedeutet in Menschensprache Kater! Seither treffen wir uns immer mal wieder.

Der Mensch namens Tom war gerade dabei, mit einer zischenden Dose farbige Zeichen auf einen Baumstamm zu sprühen. Wahrscheinlich markierte er sein Revier. Das fand ich etwas unfreundlich. Wusste er nicht, dass es unseres war?

Das sind Zeichen für mich, erklärte mir unsere Mutter stolz. Damit ich weiß, dass er hier war.

Ich war sehr beeindruckt.

Manchmal winkt er mir zu. Sie schnurrte, während sie ihn betrachtete. So wie jetzt gerade.

Tom wedelte mit der Hand durch die Luft und schlug sich dann auf den Hals. Anscheinend hatte er nicht nur sie, sondern auch die Moskitos begrüßt.

Aber wieso ist er bewaffnet? Hat er Angst vor dir? Mia schien noch nicht ganz überzeugt.

Nein, natürlich nicht, sagte Nimca, sie klang empört. Das ist nur gegen Bären! So ein Pfefferzeugs.

Tom ging weiter den Wanderpfad entlang und wir folgten ihm, ohne dass er sich umwandte. Er bemerkte weder uns noch das Grizzlymännchen, das sich nicht weit entfernt aufhielt. Unsere Mutter wurde ganz aufgeregt, als ihr das klar wurde, und auch ich wurde nervös. Die meisten Bären wären sofort verschwunden, wenn sie einen Menschen hörten oder rochen, aber dieser Grizzly dachte nicht daran. Er betrachtete sich als Chef hier und ging nichts und niemandem aus dem Weg.

Mittlerweile hatte der Grizzly sich entschieden, auf der nächsten Wiese an Gras und Kräutern zu knabbern. Er wirkte wie ein hellbrauner, pelziger Berg, wie er dort stand und herumkaute. Als der Ranger den Bär bemerkte, blieb er sofort stehen und wandte sich halb ab. Gute Idee – Grizzlys mochten es nicht, wenn man ihnen in die Augen schaute, das hätte wie eine Herausforderung gewirkt.

Der ist klug, dein Tom, sagte ich, doch Nimca war so angespannt, dass sie es nicht beachtete. Sie hatte sich geduckt und fixierte Mensch und Bär, die etwa eine Baumlänge von uns entfernt waren und noch nichts von uns ahnten, weil wir uns gegen den Wind genähert hatten. Ich trau diesem Vieh nicht, meinte sie knapp.

Ich auch nicht – das ist der, der uns damals in der Höhle entdeckt hat und uns kaltmachen wollte, beklagte sich Mia. Ein echter Mistkerl.

Ausgerechnet dem mussten wir jetzt begegnen!

Tom war noch eine Baumlänge von ihm entfernt, zog sich langsam zurück und begann in beruhigendem Ton, Worte vor sich hin zu murmeln. »Guter Bär, braver Bär, wir lassen uns beide in Ruhe, okay? Alles in Ordnung, Dicker.« Aber seine Hand lag auf der roten Pfefferflasche an seinem Gürtel.

Nun hatte sich der Bär in Bewegung gesetzt, er trottete mit wiegenden Schritten über die Wiese, rupfte hier und dort eine Pflanze aus und zerkaute sie. Wenn er so weitermachte, würde er nah an dem Ranger vorbeikommen. Inzwischen schien Tom klar zu sein, dass das schiefgehen konnte, selbst auf diese Entfernung roch ich seine Angst.

Auch der Bär schien sie zu riechen – und noch anderes mehr. Anscheinend hatte Tom Proviant in seinem Rucksack, denn der Grizzly hob schnüffelnd den Kopf und machte ein paar Schritte in seine Richtung.

Jetzt könnte Tom langsam mal sein Pfefferzeug abfeuern, meinte meine große Schwester.

Aber ist der Grizzly dann nicht stinkesauer und macht erst recht Ärger?, überlegte ich.

Ich muss etwas tun, sagte unsere Mutter entschlossen. Ihr bleibt hier, ist das klar?

Bevor wir protestieren konnten, war sie schon davongehuscht wie ein hellbrauner Schatten.

Ich hatte keine Ahnung, was sie vorhatte, und wie von selbst kniffen sich meine Ohren flach an den Kopf, ich zeigte die Zähne und ein leises Maunzen entwich mir. Eng aneinandergedrängt, beobachteten Mia und ich, was geschah. Wir wussten beide, dass Grizzlys nicht nur sehr viel größer, sondern auch deutlich stärker waren als Pumas. In einem Kampf hätte unsere Mutter keine Chance gegen diesen Kerl.

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Nimca lief zum Rand der Wiese, hielt dort nicht weit von Tom entfernt an und fauchte den Bären an. Es funktionierte, der Koloss blieb stehen und schaute irritiert in ihre Richtung.

Jetzt hätte Tom sich eigentlich zurückziehen und aus dem Staub machen können, während der Grizzly mit unserer Mutter beschäftigt war. Nur leider wirkte Mr Ranger wie erstarrt und murmelte ein paar Wörter, die etwas mit menschlichen Ausscheidungen zu tun hatten. Was sollte das bedeuten? Musste er mal? Jedenfalls schien er sich nicht besonders zu freuen, dass meine Mutter und er sich mal wieder begegneten. Und der Bär zögerte nicht lange, er galoppierte mit gesträubtem Fell und einem wütenden Brummen los. Auf meine Mutter und auf Tom zu. Ach, du großes Gewitter!

Zisssch! Tom hatte die rote Dose vor sich gerissen und ein langer, nebliger Strahl drang daraus hervor. Der Grizzly prallte aufbrüllend zurück, bog ab und trottete hastig davon. Immerhin, der war weg.

Doch leider hatte auch unsere Mama etwas abbekommen, niesend und japsend, flüchtete sie zu uns in die Deckung. Au verdammt, das brennt!

Sie ließ sich neben uns auf den Bauch fallen und rieb sich mit den Pfoten über die Schnauze. Um ihr zu helfen, schleckte ich ihr über das Gesicht. Ganz schlechte Idee! Auf meiner Zunge brach ein Waldbrand aus.

Also, Tom ist ja wirklich ein netter Kerl, aber er sollte das Zielen üben, brummte unsere Mutter, während wir in Richtung des Felsüberhangs liefen, wo Xamber wahrscheinlich noch immer schlief. Wär nett, wenn ihr das alles eurem Vater nicht erzählen würdet.

Kein Problem, versprach ich.

Aber er merkte natürlich trotzdem, dass etwas passiert war, denn Nimca musste erst in einen Fluss springen, bevor sie wieder so roch wie sonst. Ihre Grimassen und Geräusche im kalten Wasser waren toll.

Trotz allem konnte ich nicht aufhören, über die Menschen, Tom und das alles nachzudenken. Kurz darauf flüsterte ich Mia zu: Ich will auch einen eigenen Ranger. Beim Gedanken daran, einen Menschenfreund zu haben, liefen kleine zittrige Schauer über meine Haut. Einen Verbündeten, der nicht zu meiner Familie gehörte. Dem ich erzählen konnte, wie unzufrieden ich manchmal mit diesem Leben als Puma war, weil es in der Menschenwelt unendlich viel zu entdecken gab.

Hast du Motten im Kopf? Oder einen Schwarm Käfer? Mia zeigte mir die Zähne. Hoffentlich machst du nicht so einen Blödsinn wie dieses Luchs-Mädchen, von dem Papa erzählt hat.

Wieso, was hat sie denn gemacht?, erkundigte ich mich neugierig.

Sie ist letzten Winter zu den Menschen gegangen und dortgeblieben, um zu leben wie sie! Vielleicht hat sie was Falsches gefressen, dass sie auf so eine Idee gekommen ist?

Glaube ich nicht, gab ich kurz zurück. Zu den Menschen gegangen und dortgeblieben! So etwas musste unglaublich aufregend sein. Ob ich mich eines Tages auch so etwas trauen würde wie dieses Luchs-Mädchen? Aber vielleicht reichte es erst mal, wenn ich mir einen Menschenfreund suchte.

In den nächsten Wochen entdeckte ich einige Ranger und schließlich entschied ich mich für eine junge, nicht sehr große Frau, die schwungvoll ging und viel lächelte. Manchmal führte sie Wandergruppen und beantwortete den Leuten Fragen, manchmal war sie aber auch allein unterwegs und schien sich um die Pfade zu kümmern. Da ich nicht sicher war, ob ich mich ihr als Puma nähern sollte, traute ich mich schließlich und setzte mich in Menschengestalt und mit klopfendem Herzen dazu, als sie einen ihrer Vorträge über die Natur hielt.

Etwa vierzig Leute saßen auf absichtlich umgestürzten Baumstämmen in einem Halbkreis um sie herum und einer davon war ich, in den fleckigen, viel zu kurzen Klamotten aus unserer versteckten Kiste.

»Hi, mein Name ist Andrea«, verkündete meine neue Lieblings-Rangerin gut gelaunt. »Heute erzähle ich euch etwas über die Wolfsrudel hier im Nationalpark und in der Dämmerung gehen wir zusammen zu einem Punkt, an dem wir diese faszinierenden Tiere beobachten können. Vielleicht haben wir ja Glück.«

Unwillkürlich schnaubte ich und Andrea blickte mich verblüfft an. Na gut, sie mochte Wölfe, aber bestimmt fand sie Pumas noch besser!

Nach dem Vortrag riss ich mich zusammen, ging auf sie zu und lächelte sie schüchtern an. »Hallo«, sagte ich und wartete, ob sie gleich kapieren würde, dass ich ihr neuer Freund war.

Sie lächelte mich ein bisschen verdutzt an. »Hallo! Du warst sehr aufmerksam, habe ich gesehen. Hast du eine Frage?«

»Würdest du mich besuchen?«, fragte ich nervös. »Am besten so, dass mein Vater es nicht merkt. Dann können wir über alles reden.«

Andrea wirkte erstaunt, dann lachte sie herzhaft. Verwirrt schaute ich sie an. Ihre Augen wurden groß und dann ging sie einen Schritt rückwärts. Entsetzt merkte ich, dass sie auf meine Zähne starrte. Oh nein, vor lauter Stress hatte sich mein Gebiss teilverwandelt! Die Fangzähne pikten mich schon in die Lippe.

Ich drehte mich um und rannte weg, so schnell ich konnte.

Die arme Frau – ich hoffe, sie hat ihren Schock irgendwann überwunden. Ich musste an sie denken, als Lissa Clearwater während James Bridgers Stunde zu uns kam und die Ankündigung machte: »Vielleicht habt ihr schon gehört, dass ihr vor den Abschlussprüfungen des ersten Jahres ein Berufspraktikum machen werdet. Überlegt euch am besten schon jetzt, was ihr mal werden wollt, denn ihr solltet euch bald bewerben.«

»Ranger«, sagte ich sofort. Wenn ich mir schon keinen zulegen konnte, dann wollte ich wenigstens selber einer werden!

»Pah, die verdienen doch nichts.« Verächtlich blickte Leitwolf Jeffrey zu mir herüber. »Also ich will einen Job, in dem die Bezahlung stimmt. Manager oder so. Außerdem wärst du ein Scheiß-Ranger, du weißt wohl nicht, was die alles machen müssen, oder?«

»Wieso? Nüsse knacken?«, fragte Holly, doch Jeffrey beachtete sie nicht, er blickte weiterhin mich an.

Seine Bemerkung hatte mich unsicher gemacht, doch ich wollte es mir nicht anmerken lassen. »Ach, und du wirst der weltbeste Manager oder was? So wie dein Vater – hat der mit seinem Unternehmen nicht gerade Pleite gemacht?«

Aus Jeffreys Augen flammte die Wut und mir wurde klar, dass ich zu weit gegangen war. Schließlich wäre auch ich explodiert, wenn jemand meinen Vater beleidigt hätte, während er in den nächsten Wochen bei uns das Fach Tiersprachen unterrichtete.

Nicht nur die Wölfe waren wütend, auch James Bridger blickte mich stirnrunzelnd an, und das war viel schlimmer, denn er war einer der Freunde, die ich mir damals so sehnlichst gewünscht hatte. »Ich glaube, ihr solltet euch beieinander entschuldigen«, sagte er und im Klassenraum herrschte gespannte Stille. Viele Blicke ruhten auf uns.

»Darauf kann das Kätzchen lange warten«, knurrte Jeffrey.

Ich verschränkte schweigend die Arme und blickte geradeaus. Okay, meine Bemerkung war nicht toll gewesen, aber wieso sollte ich mich bei jemandem entschuldigen, der für meinen Todfeind Andrew Milling spionierte?

»Strafaufgabe für euch beide – und ihr werdet sie gemeinsam erledigen!«, verkündete Bridger.

Die Woche fing nicht wirklich gut an.

Beruf ist Glückssache

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Nach dem Streit redeten wir erst mal weiter über Berufe, wahrscheinlich damit sich alle wieder etwas beruhigten.

»Also ich werd später Sumpf-Spezialistin«, kündigte Cookie fröhlich an. »Meine Opossumfamilie kommt nämlich aus ’nem Sumpf, wisst ihr? Mit Sümpfen kenne ich mich richtig gut aus.«

Ich war nicht sicher, ob jemand dafür Geld bezahlen würde, dass Cookie ihm etwas über Sümpfe erzählte, aber ich hatte nicht vor, in dieser Stunde noch irgendetwas zu sagen. Besonders nichts Negatives. Es waren schon genug Leute sauer auf mich.

»Aber dann darfst du dich bei Problemen nicht tot stellen, sonst muss dein Chef ständig den Notarzt rufen«, wandte Lou ein, das schönste Wapiti-Mädchen der Welt.

»Apropos«, meinte Tikaani, die weiße Wölfin. »Das wär was für mich, glaub ich. Notärztin. Aber vielleicht auch Bodyguard, schließlich kann ich gut kämpfen. Oder ich werde Sängerin.«

»Jetzt musst du dich nur noch entscheiden.« Bo, ein weiteres Mitglied des Wolfsrudels, verdrehte die Augen. »Leute verletzen, Leute gesund machen oder ihnen doch lieber die Ohren vollheulen?«

Nun war auch Tikaani beleidigt. Diese Stunde hatte es echt in sich!

Holly grübelte schon die ganze Zeit vor sich hin. »Gibt es Nuss-Experten?«, wollte sie wissen.

»Sicher nur sehr wenige«, gab ihr James Bridger bedauernd zur Auskunft. »Aber was es sehr wohl gibt, sind Industriekletterer, die zum Beispiel auf Windkraftanlagen steigen und dort irgendwas reparieren.«

Meine beste Freundin strahlte. »Das probier ich aus!«

»Ich will mit Shadow mal ein eigenes Restaurant aufmachen«, erklärte Raben-Mädchen Wing und ihr Bruder nickte begeistert.

»Die sind dann ihre eigenen besten Kunden«, flüsterte Leroy, mein Banknachbar, mir zu. Ich nickte und verkniff mir die Bemerkung, dass er als Stinktier dann vielleicht in der Parfümbranche richtig war. Meine Laune war heute wirklich nicht die beste.

»Meine Eltern wollen, dass ich Rechtsanwalt werde«, ächzte Brandon und blickte sehr unglücklich drein.

»Macht etwas, was euch gefällt, sonst leidet ihr ein paar Jahrzehnte lang vor euch hin in einem Beruf, den ihr hasst«, warnte uns Mr Bridger. »Also überleg dir lieber was anderes, Brandon.«

»Ich werde mal Lehrer«, sagte Betawolf Cliff plötzlich und überrascht blickten wir ihn an. Worauf er prompt die Lippe hob und ein Knurren losließ. »Was? Dachtet ihr, ich hab eine Karriere als Türsteher vor ’ner Disco im Sinn?«

Cliff hatte als Wolf scharfe Zähne und niemand riskierte, etwas zu sagen. Sein kleiner Freund Miro, der inzwischen oft in Menschengestalt am Unterricht teilnahm, blickte ihn bewundernd an. »Wirklich, man kann Geld damit verdienen, dass man vor einer Tür steht?«

»Man muss dabei ab und zu auch jemanden verprügeln«, erklärte ihm Cliff und grinsend blickte Jeffrey in meine Richtung.

Die anderen wussten zum großen Teil noch nicht, was sie später machen wollten. Aber wir hatten ja noch genug Zeit zum Überlegen.

Nach dem Unterricht zogen Holly, Brandon, Dorian und ich uns zum Baumhaus zurück, das auf einer Wiese in der Nähe der Schule stand. Holly übte Zielspringen, dafür hatten ich und Brandon ihr eine Darts-Scheibe an einer Seitenwand des Baumhauses angebracht. Gerade warf sie sich dagegen – voll ins Schwarze! Zufrieden grub sie die Krallen hinein und hielt sich einen Moment lang an der Scheibe fest. Voll gut, oder? Ich werde mal ’ne Weltklasse-Kletterexpertin! Niemand wird besser sein als ich! Jedenfalls kein Mensch! Hörnchen vor, noch ein

Tor, ergänzte Brandon, der unter dem Baumhaus graste und darauf achtete, dass niemand Unerwünschtes hochkam. Falls du Fußball spielen willst, musst du leider zu mir runterkommen.