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Woodwalkers Bundle. Bände 1-3

Katja Brandis, Jahrgang 1970, hat Amerikanistik, Anglistik
und Germanistik studiert und als Journalistin gearbeitet. Schon
in der Schule liehen sich viele Mitschüler ihre Manuskripte
aus, wenn sie neuen Lesestoff brauchten. Inzwischen hat sie
zahlreiche Romane für Jugendliche veröffentlicht, zum Beispiel
Gepardensommer, Floaters – Im Sog des Meeres oder Ruf der
Tiefe. Bei der Recherche für Woodwalkers im Yellowstone-
Nationalpark lernte sie eine Menge Bisons persönlich kennen,
stolperte beinahe über einen schlafenden Elch und durfte
einen jungen Schwarzbären mit der Flasche füttern. Sie
lebt mit Mann, Sohn und drei Katzen, von denen eine ein
bisschen wie ein Puma aussieht, in der Nähe von München.
www.katja-brandis.de

Für Robin

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1. Auflage 2016
© Arena Verlag GmbH, Würzburg
Alle Rechte vorbehalten
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Autoren- und
Projektagentur Gerd F. Rumler (München).
Cover und Illustrationen: Claudia Carls
ISBN 978-3-401-80628-0

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Inhaltsverzeichnis

Menschenwunder

Ärger

Ganz schön gefährlich

Ein seltsames Angebot

Noch ein Angebot

Zähne

Die Clearwater High

Bunt und wild

Zoff im Grand Canyon

Mit Bisonkraft

Wapitis Rache

Kämpfer

Menschenalarm

Mitternachtsduell

Held

Das Paket

Kronprinz

Das Herz auf dem Teller

Spione

Respekt

Ernst des Lebens

Kleinholz

Eulenaugen

Der letzte Trick

Zahn um Zahn

Entscheidung

Hetzjagd

Auf Leben und Tod

Ein Feind und eine Feier

Danksagung

 

 

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»Mystery Boy« haben sie mich getauft, Zeitungen und TV-Sender berichten über mich. Ich bin der geheimnisvolle Junge, der eines Tages aus dem Wald aufgetaucht ist: »Niemand weiß, wer er ist. Auch er selbst nicht, denn er hat sein Gedächtnis verloren.« In Wirklichkeit ist mein Gedächtnis prima in Ordnung und ich erinnere mich an alles. Natürlich auch an diesen ziemlich heftigen, aber auch ganz besonderen Tag, als ich zum ersten Mal zu den Menschen durfte …

Menschenwunder

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Auf weichen Pfoten liefen wir durch den Kiefernwald, meine Mutter, meine ältere Schwester Mia und ich. Ich war so aufgeregt, als hätte ich Ameisen unter dem Fell.

Und wir machen das wirklich?, fragte ich meine Mutter zum x-ten Mal lautlos, von Kopf zu Kopf. Wir gehen in die Stadt?

Meine Mutter schnaubte. Wenn du das noch mal fragst, drehen wir um!

Klar, dass sie genervt war. Wir hatten in den letzten Wochen ständig gebettelt, dass sie uns wenigstens ein Mal mitnahm. Nur Geschichten über die Menschen zu hören, reichte uns nicht mehr.

Kurz darauf hielt sie an und begann, mit ausgefahrenen Krallen im Boden herumzuscharren, als sei sie auf der Jagd nach Erdhörnchen. Hier muss unser Versteck mit den Menschensachen sein, teilte sie uns mit und schon glänzte es silbern unter ihren Pfoten.

Zufrieden nickte sie und begann, sich zu verwandeln. Ihr Körper richtete sich auf, ihre Hinterläufe wurden zu Füßen, ihre Vorderpranken streckten sich zu Fingern, das sandfarbene Fell verschwand von ihrem Körper. Jetzt hatte sie langes sonnenhelles Haar, das ihr bis weit über den Rücken reichte. Als sie uns anlächelte, sahen wir ihre lächerlich winzigen Menschenzähne.

»So, jetzt seid ihr dran«, sagte sie mit ihrer hohen Menschenstimme. »Ihr wisst noch, wie es geht, oder? Konzentriert euch. Denkt daran, wie eure andere Gestalt aussieht. Spürt sie in euch. Fühlt ihr schon das Kribbeln?«

Mia schüttelte verbissen den Kopf, was ziemlich blöd aussah in ihrer Pumagestalt.

Doch bei mir klappte es gut, Momente später stand ich dort auf dem Waldboden und fühlte, wie die Kiefernnadeln unter meinen nackten Füßen piksten. Ich sprang auf und ab und lachte dabei, einfach um mal wieder zu probieren, wie es klang. Es war toll, Hände zu haben, mit denen konnte man so unglaublich viel anfangen. Fast hatte ich vergessen, wie das war, wir verwandelten uns nicht sehr oft.

»Los, Mia! Du schaffst es!«, feuerte ich meine Schwester an. »Sonst kannst du nicht mit!«

»Hör auf, sie zu drängen«, sagte meine Mutter. »Du machst es ihr noch schwerer.«

Ungeduldig wartete ich und begann schon einmal, mit meinen unheimlich praktischen Menschenhänden weiter nach dem Versteck zu graben. Es bestand aus einer verbeulten Blechkiste, tief eingebuddelt im Waldboden.

Endlich hatte sich auch meine Schwester verwandelt. Ihr braunes Haar war so verwuschelt, dass sie aussah, als hätte sie ein Stachelschwein auf dem Kopf. Da half es auch nicht viel, dass sie es sich mit den Fingern durchkämmte.

Mia warf sich neben mir auf die Knie und gemeinsam zerrten wir den Deckel von der Kiste. Feierlich holte meine Mutter ein paar Sachen heraus und reichte sie uns – längliche Stoffstücke, eckige Stoffstücke, längliche hohle Dinger aus Leder. Ich hatte ganz vergessen, was man mit diesem Krempel machte.

Meine Mutter lächelte wieder. »Carag, das zieht man nicht auf den Kopf, das ist eine Hose, da müssen die Beine rein!«

»Sag’s doch gleich«, murmelte ich und startete einen neuen Versuch.

Als wir es alle geschafft hatten, uns anzuziehen, warf ich noch einen neugierigen Blick in die Kiste. Darin waren alle möglichen Dosen und Fläschchen – Menschenmedizin. Und ein paar zerknitterte grünliche Papierstücke.

»Was ist das noch mal?«, fragte ich.

»Geld«, erklärte meine Mutter. »Dollars. Damit können wir etwas kaufen in der Stadt.« Behutsam holte sie eins der Papierstücke, auf dem eine Fünf stand, aus der Blechkiste und verstaute es in ihrer Kleidung. Dann blickte sie uns ernst an. »So, gehen wir. Wir sind nur ein einziges Mal in der Stadt, also schaut euch gut um. Aber ihr dürft euch da nicht verwandeln, das ist wichtig! Sie dürfen nicht merken, wer wir sind. Ist das klar?«

Mein Mund war trocken geworden. »Was ist, wenn … sie es doch merken?«, fragte ich.

»Dann töten sie uns«, erwiderte meine Mutter knapp.

Oh. Mia und ich sahen uns an. Waren meine Augen auch so groß und verschreckt wie ihre?

Endlich machten wir uns auf den Weg. Wahrscheinlich haben wir furchtbar ausgesehen. Unsere Klamotten hatten mit Mode so viel zu tun wie ein Fisch mit einer Fichte. Meine lange Hose endete in der Mitte der Schienbeine und mein T-Shirt war ausgeblichen, von den Flecken darauf gar nicht zu reden. Garantiert hatten wir alle Kiefernnadeln in den Haaren und Erde an den Händen.

Egal. Wenn uns die Leute angestarrt haben, dann war ich sowieso viel zu aufgeregt, um es zu merken. So viele Menschen! Und all diese glänzenden bunten Autos, die aus der Nähe so unglaublich stanken! Aber noch interessanter waren die Geschäfte. Kaum waren wir auf der Hauptstraße, klebte ich an der nächstbesten Scheibe. Es gab Hüte zu kaufen, Steine – wer in aller Welt kaufte Steine?! –, Kleidung, Tassen mit Bildern darauf, noch mehr Kleidung und Essen, das unglaublich lecker roch.

»Softeis«, las ich das Schild neben dem Laden. »Vanille, Erdbeer und Schoko.«

Lesen hatte meine Mutter mir beigebracht, aber sie hatte mir nie erzählt, was Softeis war. Der süße, sahnige Geruch füllte meine Nase und irgendwo in der Gegend meines Bauchnabels begann es, leise zu knurren und zu rumpeln. He, Moment mal, was machte mein Bauch da? Aber das Geräusch war nicht mal das Schlimmste. Entsetzt spürte ich, wie unter meinem T-Shirt kitzelnd Fell zu wachsen begann. Oh nein, stopp, nicht jetzt!

Schnell schloss ich die Augen. Ich bin ein Mensch, ich bin ein Mensch, wiederholte ich immer wieder, bis das Fell zu kurzen Stoppeln geworden und dann ganz verschwunden war. Uff. Meine Knie fühlten sich weich und zittrig an vor Schreck.

»So, ich kaufe euch jetzt ein Eis«, sagte meine Mutter. Sie holte feierlich den zerknitterten Schein mit der Fünf darauf hervor und reichte ihn einer fremden Frau. »Einmal Schoko, einmal Vanille.«

Sie bekam von der Frau klimpernde Metallstücke und ich etwas, das aussah wie eine Portion Bärenkacke. Egal, du probierst das jetzt, dachte ich und berührte das kalte braune Zeug mit der Zunge. Ein wunderbarer süßer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. Wenn Bärenkacke so geschmeckt hätte, hätte ich jeden Bär belauert, bis er mal musste.

Mia hatte Vanille bekommen und seufzte vor Glück. Doch gleichzeitig wirkte sie unruhig und schaute sich immer wieder um. Kein Wunder, es waren so viele Menschen um uns herum und dazu kamen all die ungewohnten Gerüche und Geräusche.

Wir kamen an einem Laden vorbei, an dem Supermarkt stand und dessen Inhalt durch die Glastüren sehr interessant aussah. »Da will ich mal rein!«, drängelte Mia, aufgeregt bettelte ich mit und schließlich nickte meine Mutter widerstrebend. »Na gut, aber nur kurz.«

Die Glastüren wichen vor uns zurück und fassungslos blickten Mia und ich uns um. Essen, überall Essen! Berge von Essen!

»Da beiß mich doch ’n Wildschwein«, entfuhr es mir. »Und all das können sich die Menschen einfach so holen, auch im Winter?«

»Auch im Winter«, bestätigte meine Mutter und Mia und ich stöhnten vor Neid. Im Winter hungerten wir oft, denn es war dann viel schwerer als sonst, einen Wapiti oder ein Dickhornschaf zu reißen.

Erschrocken sah ich, dass meine Schwester sich vor lauter Aufregung teilverwandelt hatte. Ihre Lippen passten kaum noch über ihre Fangzähne und sie merkte es nicht mal. Sie war gerade dabei, eine Dose mit dem Bild einer Katze darauf aus dem Regal zu nehmen, vielleicht weil die Katze uns ein bisschen ähnlich sah. Mit einem Fangzahn biss Mia ein Loch in die Dose und schnupperte am Inhalt. »Hey, hier gibt es überfahrene Tiere in Dosen zu kaufen!«, verkündete sie, während wir weitergingen.

Ich zupfte meine Mutter am Ärmel, doch sie war gerade damit beschäftigt, ein paar Geld-Metallstücke aufzuheben, die ihr aus der Tasche gefallen waren.

Meine Schwester hielt noch immer die kaputte Dose in der Hand. »Krieg dich wieder ein und leg das Ding weg«, zischte ich Mia zu und sie fauchte mich leise an. Dann hob sie den Kopf, um zu wittern.

»Findest du nicht, dass hier irgendwas sehr gut riecht?«

Ein Supermarktmann half meiner Mutter, das Geld aufzuheben. Er trug ein Gestell mit zwei glänzenden Kreisen darin mitten auf der Nase und in seinen Ohren steckten Metallstücke. Einen Moment lang vergaß ich das Problem mit meiner Schwester und starrte den Mann fasziniert an. Er lächelte.

»Hi, Kid. Wie heißt du?«

»Carag«, sagte ich und blickte zu ihm hoch.

»Gefällt es dir in Jackson Hole?«

»Richtig verdammt gut«, sagte ich und der Mann lachte und schenkte mir einen runden Gegenstand, der in meiner Hand knisterte. Das Ding roch gut und ich steckte es in den Mund. Nun lachte der Mann noch mehr.

»Du musst den Bonbon erst auspacken«, erklärte er und half mir dabei. Dann winkte er mir zu und ging wieder an seine Arbeit.

Wie nett diese Menschen waren! Und wie mächtig sie sein mussten, um so etwas zu bauen, diese Stadt voller Wunder. Wie es wohl wäre, so zu sein wie sie? So zu leben?

Der Bonbon schmeckte leider nach vergammelten Früchten. Ich spuckte ihn auf den Boden, als keiner hinsah.

»Mia!«

Als ich den angsterfüllten Ruf meiner Mutter hörte, vergaß ich alle Gedanken an die Menschen und wirbelte herum.

Mias Gesicht war von einem feinen hellbraunen Haarflaum überzogen. Ein eisiges Gefühl durchrieselte mich. Sie verwandelte sich zurück! Konnte sie das noch stoppen, so wie ich vorhin?

Meine Mutter zerrte sie in einen Gang, in dem gerade niemand war, schnappte sich eine Packung Essen, auf der eine lächelnde Frau abgebildet war, und hielt sie meiner Schwester vor die Nase. »Mia, Süße, konzentrier dich. So siehst du aus. So bleibst du. Stell dir vor, so zu sein. Stell es dir ganz stark vor, ja?«

Gehorsam nickte Mia und erleichtert sah ich, wie ihre Eckzähne wieder schrumpften. Ein bisschen jedenfalls.

Aber dann witterte sie wieder und richtete den Blick auf irgendwas am Ende des Ganges.

»Oh nein, die Fleischtheke«, murmelte meine Mutter. Und schon hechtete Mia los, auf einmal wieder in ihrer Pumagestalt – ihr geschmeidiger hellbrauner Körper schien kaum den Boden zu berühren. In zwei Sätzen hatte sie die Fleischtheke erreicht und angelte mit der Pfote darüber hinweg, schon hatte sie an jeder Kralle ein Steak hängen.

Kunden rannten in alle Richtungen, schrien und richteten flache eckige Dinger, die sie in der Hand hielten, auf Mia. Sie versuchten, sie zu töten! Irgendwie schaffte ich es, in meiner Menschengestalt zu bleiben, und rempelte so vielen Leuten, wie ich konnte, diese Dinger aus der Hand. Es krachte und klirrte.

»Nein, Carag, nicht!«, rief meine Mutter und rannte hinter Mia her, die gerade versuchte, auf ein Regal mit der Aufschrift Frühstücksflocken zu klettern und oben in Ruhe ihre Beute zu verspeisen. Doch meine Schwester fand auf dem glatten Regal keinen Halt, und als es unter ihrem Gesicht zu schwanken begann, rutschte sie ab und stürzte in einem Schauer von Pappschachteln zu Boden. Einen Moment lang war sie unter dem Haufen kaum zu sehen, nur noch ihr hin und her peitschender Schwanz schaute heraus. Noch mehr Leute rannten schreiend Richtung Ausgang.

Irgendwie war es toll, wie viel Angst sie vor uns hatten. Wieso hatten wir eigentlich so viel Angst vor ihnen?

»Wir müssen ganz schnell hier verschwinden!«, zischte meine Mutter, während ich Mias Klamotten aufhob. »Noch ein paar Minuten, dann kommen sie mit Gewehren!«

»Gewehren?«, fragte ich besorgt. Genau wusste ich damals nicht, was das war, aber es klang irgendwie ungut.

Mia war gerade dabei, sich aus den Pappschachteln herauszukrallen. Sie kaute an einem Stück Rind und sah gut gelaunt aus, obwohl sie von oben bis unten mit bunten Frühstücksflocken bedeckt war. Meine Mutter packte sie am Nackenfell und schüttelte sie durch.

»Schnell jetzt, wir müssen hier raus«, kommandierte sie und zu dritt rannten wir los.

Doch es war zu spät. Der Ausgang wurde schon von kräftigen Männern in schwarzen Uniformhemden bewacht, die nicht so aussahen, als würden sie irgendwas Vierbeiniges durchlassen. Während meine Mutter uns Deckung gab, schlitterten Mia und ich hinter ein Regal.

»Du musst dich noch mal verwandeln«, flüsterte ich verzweifelt in ihr pelziges Ohr. »Los, versuch es! Bitte!«

Ein paar Atemzüge später saß ein Menschenmädchen neben mir und kämmte sich mit Fingern, die noch nadelspitze Krallen trugen, die Haare durch. »Tut mir echt leid«, sagte sie und sah ein bisschen geknickt aus.

»Du hättest mir wenigstens was übrig lassen können«, beschwerte ich mich, während ich Mia ihre Kleider zuschob, die bei der Verwandlung von ihr abgefallen waren.

»Schnell, wir müssen schreien und nach draußen laufen, so wie alle anderen«, sagte meine Mutter, sobald Mia wieder angezogen war.

Das klappte prima, die Leute in Uniform schenkten uns keinen zweiten Blick. Obwohl Mia vergessen hatte, ihre Krallenhände in die Hosentaschen zu stecken.

Völlig erschöpft und mit wunden Füßen von diesen schrecklichen Schuhen hinkten wir in den Wald zurück.

Mein Vater war nicht gerade begeistert, als wir erzählten, was wir erlebt hatten.

»Wenigstens haben die Menschen uns nichts getan«, versuchte ich, ihn zu beruhigen, als er mich in seiner Pumagestalt missmutig anblickte. »Im Gegenteil, sie waren nett zu uns! Na ja, jedenfalls bis Mia angefangen hat, in der Kühltruhe Beute zu machen.«

Er fauchte mich an. Nett? Sie sind hinterlistig und gefährlich!, schnitt seine Stimme durch meinen Kopf. Wir müssen uns von ihnen fernhalten! Missmutig wandte er sich an meine Mutter. War das wirklich nötig, diese ganze Sache mit der Stadt?

Wenn wir es ihnen verboten hätten, dorthin zu gehen, wären sie heimlich gegangen, gab meine Mutter ebenso gereizt zurück.

Leider merkte ich, dass ich mich schon jetzt zurücksehnte an diesen Ort der Wunder, an dem es so viel zu entdecken gab. Wieso können wir Wandler nicht als beides leben, als Mensch und als Puma?, wagte ich zu fragen. Mal das eine, mal das andere?

Du brauchst ganz viel Papier, wenn du als Mensch leben willst, versuchte meine Mutter, mir zu erklären. Papier, auf dem draufsteht, wer du bist. So was haben wir nicht.

Mein Vater blickte mich mit seinen goldenen Katzenaugen an, sein Blick ging mir durch und durch. Du musst dich für eins entscheiden, Carag, sagte er. Beides geht nicht.

Natürlich hatte meine Mutter nicht vor, uns noch mal mitzunehmen. Enttäuscht verbrachte ich halbe Nächte damit, von hoch oben in den Bergen die glitzernden Lichter der Stadt zu beobachten, die so viel heller waren als die Sterne. Ich konnte nicht anders, ein halbes Jahr später schlich ich mich zum ersten Mal alleine dorthin, als meine Eltern auf der Jagd waren. Ich wanderte durch die Straßen, witterte tausend neue, spannende Gerüche und wünschte mir, ich könnte mal in einem dieser Dinger mitfahren, die meine Mutter Auto genannt hatte. Kaum war ich zurück, wäre ich am liebsten wieder losgezogen.

Zwei Jahre später, mit elf, entschied ich mich. Aber nicht so, wie meine Familie das gerne gehabt hätte.

Ich will zu den Menschen und so leben wie sie, verkündete ich eines Morgens, nachdem wir uns den Tau aus dem Fell geschleckt hatten.

Carag hat es in den Kopf geregnet, zog Mia mich auf und verpasste mir einen Hieb mit eingezogenen Krallen.

Ich atmete tief, konzentrierte mich und verwandelte mich. Sofort vermisste ich mein Fell, der feuchtkalte Wind war nicht sehr angenehm auf der bloßen Haut. »Das war kein Witz.«

Mein Vater war zusammengezuckt, als ich mich plötzlich verwandelt hatte, irritiert starrte er mich in meiner Menschengestalt an. Auch meine Mutter wirkte beunruhigt. Aber … das geht nicht! Wie willst du denn …?

»Ich weiß schon genau, wie ich es mache«, sagte ich. Wochenlang hatte ich an meinem Plan getüftelt. »Ich nehme mir die Sachen aus dem Versteck und …«

Vergiss es, du gehörst hierher, knurrte die Stimme meines Vaters in meinem Kopf. Seine pelzigen Ohren zuckten nervös. Jetzt hör auf mit dem Blödsinn, wir gehen auf die Jagd, ich bringe dir bei, wie man einen Wapiti reißt.

Xamber, ich glaube, er meint es ernst. Meine Mutter betrachtete mich besorgt. Fand sie, dass ich zu jung war, um wegzugehen? Aber ich war schon elf und sie hatte mir selbst erzählt, dass Wandler schneller selbstständig waren als Menschen! Als echter Puma wäre ich schon vor Jahren eigene Wege gegangen.

Ich besuche euch ab und zu, sagte ich aufgeregt und niedergeschlagen zugleich. Sooft ich kann.

Geh und mach das, wenn du willst, fauchte mein Vater mich an. Aber ich sag dir gleich, mit Menschen wollen wir nichts zu tun haben!

Diesmal war ich es, der schockiert blickte. »Aber selbst wenn ich als Mensch lebe … ich bin doch keiner, ich werde nur so tun, als ob! Ich werde immer noch ich sein, auch wenn ich ein bisschen anders aussehe.«

Carag, du willst wirklich ganz alleine dorthin gehen? Meine Mutter klang hilflos. Wenn du dich für deine zweite Gestalt entscheidest, dann können wir nicht in deiner Nähe bleiben, vielleicht werden wir uns lange nicht sehen können. Du weißt, dass Menschen dort, wo sie wohnen, Raubtiere nicht dulden.

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»Ihr könnt euch doch auch verwandeln, nur ab und zu«, schlug ich verzweifelt vor … und war noch verzweifelter, als ich keine Antwort bekam. Sogar meine Mutter wandte den Kopf ab. Auch sie traute den Menschen nicht besonders und verwandelte sich ungern.

Wirklich, das ist eine ganz blöde Idee! Mia schmiegte sich an mich und rieb ihren weichen Kopf an meinen nackten Beinen. Sie wirkte verwirrt und unglücklich. Gefällt es dir denn gar nicht hier in den Bergen?

»Doch, schon, aber …« Meine Menschenaugen flossen über. Es reichte mir nicht, nur ein Puma zu sein. Aber das war so schwer zu erklären.

Wir werden nicht da sein können, wenn du uns brauchst, wiederholte meine Mutter traurig. Halb rechnete ich damit, dass sie sich verwandeln würde, um zu zeigen, dass auch sie zum Teil Mensch war und irgendwie verstand, was in mir vorging. Aber sie blieb in ihrer Pumagestalt.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte ich, schlang erst Mia und dann meiner Mutter die Arme um den pelzigen Hals und drückte sie an mich, dann tat ich das Gleiche bei meiner Mutter. Sie schickte mir ein trauriges Pass auf dich auf in den Kopf. Mein Vater rührte sich nicht, als ich ihn umarmte, und blickte mich nicht an.

Würde er mich wirklich aufgeben? Nein, bestimmt nicht, er war eben wütend, er würde sich wieder beruhigen, ganz sicher!

Völlig fertig und zitternd vor Kummer, aber sehr entschlossen, holte ich mir Kleidung aus unserem Versteck. In Menschengestalt, aber barfuß, lief ich talwärts und durchquerte Wälder und Lichtungen, bis ich die ersten Gebäude sah. Ich klopfte einfach an der Polizeistation von Jackson Hole an und behauptete, nicht mehr zu wissen, wer ich sei und wo ich herkäme. Mein Plan ging auf. Sie hielten mich für einen Menschen und gaben mir all das Papier, das ich brauchte.

Inzwischen bin ich dreizehn Jahre alt, werde Jay genannt und gehe seit ein paar Wochen in die siebte Klasse der Junior High School von Jackson Hole. Seit so kurzer Zeit erst, weil ich erst jede Menge über die Menschenwelt lernen musste und deswegen daheim in meiner Pflegefamilie unterrichtet worden bin.

Mit meinen kurzen sandfarbenen Haaren und den grüngoldenen Augen falle ich in der Junior High nicht weiter auf. Ich trage Jeans, Sneakers und Rucksack wie ein ganz gewöhnlicher Schüler. Fast alle Leute hier haben sich mittlerweile an mich gewöhnt.

Fast alle.

Und leider sind nicht, wie ich mal dachte, alle Menschen nett. Einige Leute in der Schule flüstern blöde Bemerkungen über mich, wenn sie denken, dass ich sie nicht hören kann (kann ich leider doch, ihr Flüstern klingt für Wandler-Ohren ziemlich laut). Und die noch schlimmeren Leute sind ungefähr so sympathisch wie ein tollwütiger Pfeifhase. Zum Beispiel Sean, Kevin und seine Freundin Beverly, die an diesem Septembertag, an dem sich alles ändern sollte, vor dem Ausgang der Highschool auf mich warteten. Mit einem eigenartigen Grinsen im Gesicht.

Ärger

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Kevin war einer der stärksten Jungs an der Schule und er hatte jede Menge Spaß daran, andere zu quälen. Seine Freundin Beverly wäre furchtbar gerne Cheerleaderin für das Football-Team geworden, aber sie hatte ein Gesicht wie eine Kartoffel. Keine Chance. Vielleicht war es deshalb ihre Lieblingsbeschäftigung, andere niederzumachen. Und Sean machte mit, weil er nichts Besseres zu tun hatte.

Alle drei schauten mich an, als wäre ich Beute. Ich fühlte mich auch ein bisschen wie Beute und das gefiel mir nicht besonders. In meinen ersten zwei Wochen in der Junior High hatten mich die drei in Ruhe gelassen, weil mich zu viele Leute beobachteten. Aber inzwischen war die Schonzeit vorbei. Schon ein paarmal hatten sie mich geschubst, versucht, mir ein Bein zu stellen, oder meine Jacke mit Farbe beschmiert. Mir blöde Bemerkungen hinterherzurufen, fanden sie unglaublich lustig, obwohl ich jedes Mal so tat, als hätte ich Ohren aus Stein. Nie half mir jemand, wenn sie auf mich losgingen, und jedes Mal machte mich das ein bisschen trauriger.

Während ich mich nach einem Ausweg umschaute, machten die drei sich daran, mich in die Zange zu nehmen. Von den anderen Schülern achtete keiner auf uns, die gestylten Mädels und lässigen Typen waren schon alle auf dem Weg zu ihren Autos und Schulbussen.

»Na, Jay?«, fragte Kevin und näherte sich mir von vorne, während Sean von hinten herankam.

»Lasst mich einfach in Ruhe«, empfahl ich ihnen.

»Ach, komm schon, Mystery Boy«, meinte Kevin und hob die Faust, als Sean meine Arme packte. »Wir wollen doch nur spielen.«

»Ich kenn kein Spiel, bei dem man sich die Faust in den Magen rammt.« Und bis Kevins Faust ankam, war ich auch schon ganz woanders. Sean glotzte blöd, als der Schlag in seinem Bauch landete, und gab ein schwaches »Uff« von sich.

Kevin ließ sich davon nicht irritieren, mit zwei Schritten war er bei mir und versuchte, mich in den Schwitzkasten zu nehmen. Lustig war das nicht.

»Lass das, so bekomme ich keine Luft mehr«, beschwerte ich mich.

»Das ist der Sinn der Sache«, sagte Kevin und Sean kicherte wie irre.

Okay, das reichte jetzt. Blitzschnell glitt ich nach unten weg, packte Kevin von hinten und beförderte ihn mit Schwung zu Boden. Einen Atemzug später riss ich Sean von den Füßen. Damit er nicht allzu hart fiel, legte ich ihn quer über Kevin ab.

Dann konnte ich endlich weitergehen. Dachte ich zumindest. Doch dann machte es Platsch! Ein Eimer voll eiskaltem Wasser landete auf meinem Kopf, lief an mir herunter und überschwemmte meine Schuhe.

Ich hatte Beverly vergessen.

Ausgerechnet Wasser! Sie konnten es nicht wissen, aber ich hasste das Zeug. Gedemütigt, völlig durchnässt und eine nasse Spur hinter mir herziehend, ging ich davon, während das Gelächter der anderen mir hinterherschallte. In meinen Augen brannte es und mein Herz hatte sich zusammengekrampft. Am liebsten hätte ich mich irgendwo versteckt, um in Ruhe traurig sein zu können. Wieso konnten diese Leute mich nicht einfach akzeptieren, wie ich war? Warum machte es ihnen so viel Spaß, mich zu quälen?

Ein Rabe hüpfte auf einem Gitterzaun neben mir herum, krächzte und breitete die Flügel aus. Ich schaute nur kurz zu ihm hinüber und lief dann weiter. Dabei wäre ich fast über einen zweiten Raben gestolpert, der vor mir herumstolzierte, den Kopf schief legte und mich mit blanken schwarzen Augen ansah.

Ich machte einen Bogen um ihn und versank wieder in düsteren Gedanken. Auf einer Schule zu sein, hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Irgendwie lustiger. Mit den Fächern kam ich ganz gut klar, den meisten Lehrern gefiel, dass ich so neugierig war und mich wirklich anstrengte, den Stoff aufzuholen. Aber manchmal fragte ich mich, wieso genau ich Algebra lernen sollte oder Musiktheorie. Und Freunde hatte ich bisher keine gefunden. Lag es daran, dass Pumas Einzelgänger waren? Oder hatte ich mich zu oft blöd angestellt? Während ich nachdachte, wurde ich immer trauriger. Und diese beiden Raben nervten. Was wollten die nur von mir? Einer von ihnen versuchte, sich auf meiner Schulter niederzulassen.

»Hau ab, ich bin kein Sitzplatz«, brummte ich und schlurfte zu dem alten Mountainbike, das meine Pflegefamilie mir geschenkt hatte. Na also, die Raben flogen endlich davon.

Vielleicht sollte ich versuchen, ins Football-Team reinzukommen. Alle Leute mochten gute Football-Spieler. Und Filmstars. Sie mochten auch Filmstars. Aber ich war nur zwei- oder dreimal im Fernsehen gewesen, das reichte nicht.

So richtig berühmt und beliebt waren andere Leute: Am Schulzaun hing ein Veranstaltungsplakat mit dem lächelnden Gesicht eines furchtbar wichtigen Mannes darauf. Andrew Milling, dem Namen begegnete man ständig, auch in den Nachrichten hatte ich ihn schon mal gehört. Wahrscheinlich wollten mit dem alle befreundet sein.

Tropfend kletterte ich auf mein Rad und fuhr »nach Hause« – zum Haus der Ralstons, meiner Pflegefamilie. Im Vorgarten tummelte sich gerade ihr schwarzer Labrador Bingo. Als ich das Rad abstellte, bellte er mich mit gesträubtem Fell an, so wie jedes Mal. Vermutlich mochte er keine Raubkatzen.

Wie üblich ignorierte ich ihn, durchquerte die Küche und wollte die Treppe hoch in mein Zimmer im zweiten Stock. Aber ich war leider nicht schnell genug.

Donald, mein Pflegevater, hatte seine psychologische Praxis im gleichen Haus, durch eine Zwischentür konnte er sich schnell mal einen Kaffee holen. Das machte er gerade, als ich hereinkam.

»Hi«, sagte ich niedergeschlagen.

»Na, wie läuft’s, mein Junge?«, fragte Donald mit einem väterlichen Lächeln und legte mir den Arm um die Schultern. Aber nur einen Moment lang, dann riss er ihn weg. »Verdammt, Jay! Wieso bist du so nass? Mein Pullover! Jetzt muss ich mich umziehen und meine nächste Patientin kommt in fünf Minuten … Los, du ziehst dich jetzt auch um, aber dalli! Und duschen!« Weg war er.

Meine kleine Pflegeschwester Melody spielte auf der mit beigefarbenem Teppich bezogenen Treppe mit ihren Spielzeugpferden. »Pass auf, dass du nicht auf die drauftrittst!«, sagte sie, als sie mich sah.

Aus dem Zimmer meines Pflegebruders dröhnte ausnahmsweise kein Heavy Metal. Glück gehabt! Ich ging an Marlons Zimmer vorbei … und genau in diesem Moment wurde die Tür aufgerissen. Eine brutale Schallwelle krachte mir entgegen. Ich sprang vor Schreck bis zur Decke und Marlon – mit einer Fernbedienung in der Hand – krümmte sich vor Lachen.

»Yeah, das war gut, mach das noch mal«, grunzte er.

Ich warf ihm einen Killerblick zu, ging in mein Zimmer, knallte die Tür zu, zog mir trockene Sachen an und warf mich aufs Bett. Wahrscheinlich war es keine gute Idee gewesen, ein Mensch sein zu wollen. Es war eine miese Scheißidee gewesen! In den Bergen gab es keine Lehrer, die versuchten, mir überflüssiges Menschenwissen in den Kopf zu stopfen. Und keine Idioten, die dich fertigmachen wollten. Als Puma war es mir gut gegangen, wieso hatte ich das alles aufgegeben?

Jedes Mal, wenn ich an meine Familie dachte, fühlte es sich an, als würde irgendein kleines Tier mein Herz annagen. Schon vor eineinhalb Jahren hatte ich versucht, sie alle wiederzusehen. Aber sie waren nicht mehr da. Hatten einfach ihr Revier verlassen. Wegen mir? Oder war irgendetwas passiert? Sie konnten sonst wo sein, irgendwo in den Bergen, Hunderte von Kilometern von hier! Ich hatte keine Ahnung, wie ich sie wiederfinden sollte und ob sie mir verzeihen würden.

Außerdem war jetzt schon Herbst, bald würde es Winter sein, er kam früh hier in den Rocky Mountains. Klar, ein ausgewachsener Puma kann auch alleine einen Winter in den Bergen überleben. Nur war ich eben noch nicht ausgewachsen. Und darüber hinaus gab es da ein klitzekleines Problem …

Bevor ich weiter überlegen konnte, hörte ich die leichten Schritte im Flur und das Klopfen an meiner Zimmertür.

Ich wusste längst, wer das war, und musste lächeln, ob ich wollte oder nicht.

Meine Pflegemutter Anna kam herein und setzte sich neben mich auf die Kante meines Betts. Sie lächelte mich an, auf diese Art, durch die mir immer ganz warm ums Herz wurde.

»Hey«, sagte sie und strich mir eine Haarsträhne aus der Stirn. »Blöden Tag gehabt, was?«

Ich nickte. Eigentlich wollte ich auch was sagen, aber es ging nicht.

»Probleme mit den Lehrern? Hast du was nicht verstanden?«

Ich schüttelte den Kopf und Anna sah aus, als wäre sie stolz auf mich. Sie arbeitete im Jugendamt und hatte ihrer Familie schon vorgeschlagen, mich aufzunehmen, als ich noch zerlumpt und eingeschüchtert auf der Polizeistation hockte. Mit unglaublich viel Geduld hatte sie mir alles beigebracht, was Menschen in meinem Alter wissen sollten – wessen Kopf das auf den Vierteldollarmünzen ist (George Washington), was das Internet ist (das, wo man sich ganz viele Katzenvideos anschauen kann), wie man einen Aufsatz schreibt (mit einem Stift und saumäßig vielen Worten) und wofür man Handys braucht (zum Zusammenhalten der Herde).

Zu Anfang war Melody neugierig auf mich gewesen, doch dann fand sie es blöd, dass ihre Mutter so viel Zeit mit mir verbrachte. Seither behandelte sie mich, als wäre ich eine Zecke in ihrem Fell. Dabei hatte sie nicht mal eins.

»Haben sie dich geärgert?« Anna ließ nicht locker. »Ärgere sie einfach zurück.«

»Mache ich ja«, sagte ich und starrte an ihr vorbei auf mein Poster der Grand Tetons – schroffe weiße Gipfel, schimmernde Bergseen, dunkelgrüne Wälder. »Aber ich bin einfach zu anders, kein Mensch will mit mir befreundet sein.«

»Das stimmt, du bist anders. Und?« Kämpferisch blickte Anna mich an.

Ich vergrub mein Gesicht im Kissen. Sie wusste ja nicht mal, wie anders ich war. Gab es noch andere Gestalt-Wandler außer mir und meiner Familie? Bisher hatte ich keinen getroffen. Vielleicht waren meine Eltern, meine Schwester und ich die einzigen in der ganzen Welt.

Anna streichelte noch eine Weile meine Schulter, dann seufzte sie und ließ mich allein.

Ich blieb liegen – so lange, bis ich ein Geräusch hörte und aufblickte.

Am Fenster klebte ein kleines Tier. Ein Hörnchen. Es hockte auf dem Fenstersims, hatte sich auf die Hinterbeine gestellt und die Vorderpfoten platt an die Scheibe gedrückt. Jetzt starrte es zu mir ins Zimmer. Ich starrte zurück, worauf das Hörnchen anfing, auf dem Fensterbrett herumzutanzen. Was war eigentlich mit den Tieren los in letzter Zeit?

Ich verdrehte die Augen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und fing wieder an, über mein Leben nachzudenken. Und über das Problem, das mich daran hinderte, einfach in die Berge zurückzukehren: Meine Eltern hatten mir einiges beigebracht, was ein Raubtier wissen muss, bevor ich sie verlassen hatte. Nur eins leider nicht, das Wichtigste.

Ich wusste nicht, wie man tötet.

Ach, das kann man lernen, versuchte ich, mich aufzumuntern. Auf den Hirsch draufspringen, Biss in den Nacken und fertig. Reine Übungssache.

Schon beim Gedanken daran wurde mir schlecht. Inzwischen war ich gewohnt, Steaks aus der Plastikverpackung zu holen, in die Pfanne gleiten zu lassen und mit Messer und Gabel zu zerlegen. Natürlich mit Kräuterbutter.

Meine Schwester Mia hätte sich über mich totgelacht.

Egal. Töten war Übungssache – und gleich heute würde ich damit anfangen. Heute Nacht würde ich zeigen, was in mir steckte!

Ganz schön gefährlich

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Ungeduldig wartete ich darauf, dass es dunkel wurde. Als alle im Haus schliefen, auch der nervige Familienhund, verwandelte ich mich in meinem Zimmer. Es war ein herrliches Gefühl, wieder ein Puma zu sein. Ein Berglöwe, König des Waldes. Meine Muskeln fühlten sich an wie Sprungfedern aus Stahl, als ich auf den Fenstersims hüpfte und darauf balancierte, bis ich sicher war, dass niemand in der Nähe war. Dann sprang ich aus dem zweiten Stock auf den Rasen und huschte durch den Garten, hinter dem der Wald begann. Es war eine mondlose Nacht, doch meine Katzenaugen fingen das Sternenlicht auf. Die Nachtluft roch nach Freiheit und aus der Ferne vernahm ich ein schrilles, quietschendes Röhren. Dass es in der Gegend jede Menge Wapitihirsche gab, an denen ich üben konnte, war nicht zu überhören.

Schon nach kurzer Zeit hatte ich drei von ihnen gefunden – zwei Weibchen und einen Hirsch –, die sehr appetitlich aussahen und auf einer Lichtung grasten. Etwas näher am Campingplatz, als mir recht war, aber wenn die Camper nett fragten, konnte ich ihnen später ein Stück Fleisch abgeben.

Jetzt kam das Anpirschen, so wie mein Vater es mit mir geübt hatte. Sorgfältig setzte ich eine Pfote – nein, Pranke, ich war ein gefährliches Raubtier! – vor die andere, ohne den Blick von den Wapitis zu lassen. In perfekter Haltung, tief geduckt, Schultern locker, Ohren nach vorne.

Einer der Wapitis hob den Kopf. Hatte ich etwa einen Fehler gemacht? Hatte ich vergessen, auf die Windrichtung zu achten? Nein, auf keinen Fall.

Nur noch zwanzig Meter … jetzt losstürmen, jetzt, jetzt!

Ich stürmte. Ein bisschen. Dann schlug ich einen Salto, weil irgendwas Fieses, Dünnes meinen Vorderpfoten im Weg gewesen war. Ich prallte mit dem Rücken aufs Gras und kollerte noch ein Stück weiter. Missmutig rappelte ich mich auf und schaute nach, was das gewesen war. Beim hüpfenden Wildschwein, ich war über eine dämliche Zeltschnur gestolpert!

Die Wapitis blickten verdutzt zu mir hinüber. Dann schnaubten sie, galoppierten ganz langsam los, schlugen noch ein paarmal extra aus und zeigten mir das weiße Hinterteil. Die lachten mich aus! Wahrscheinlich fanden die das irre lustig, wie ich eben den Salto geschlagen hatte!

Beleidigt wollte ich ihnen nachjagen, um ihnen zu zeigen, was mit Tieren passiert, die einem Puma dumm kommen. Aber dann hörte ich ein Rascheln und mir fiel schlagartig ein, dass an einer Zeltschnur meist auch etwas dranhängt. Sonst würde sie ja irgendwie anders heißen. Einfach-so-Schnur, zum Beispiel.

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Jemand ganz in meiner Nähe kroch aus dem eckigen dunklen Etwas, zu dem die Schnur gehörte. Er roch so sehr nach Angst, dass man es wahrscheinlich noch einen Kilometer weiter wittern konnte, und kramte hektisch nach etwas. Wahrscheinlich seiner Taschenlampe, ohne die sahen diese armen Beherrscher der Welt in der Nacht ja nichts.

Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass es jetzt auch hinter mir, in einem weiteren Zelt, raschelte.

»Hugo, was machst du da? Was ist das für ein Radau?«, fragte eine Stimme, die nach Mutter-schimpft-Sohn klang.

Schritte näherten sich aus der anderen Richtung. Vor Schreck stand ich wie ausgestopft da und wusste nicht, in welche Richtung ich fliehen sollte.

»Äh«, sagte eine Stimme, die sehr jung und sehr ängstlich klang. »Mama …«

»Bei dem Lärm kann ja kein Mensch schlafen!«

»Mama …«

»Ja, was ist?«

»Das war ich nicht. Das mit dem Lärm.«

»Hugo, du weißt genau, dass du mich nicht anschwindeln sollst!«

Weiteres Geraschel ertönte, jemand war aus dem Zelt gekommen. Dann dröhnte es über die Lichtung: »Aaaaaaah! Ein Bär!«

Ich war zwar kein Bär, aber eindeutig war ich gemeint. In Panik rannte ich los, leider in die falsche Richtung. Beinahe wäre ich voll mit der Hugomutter zusammengestoßen. Im letzten Moment schlug ich einen Haken, aber mein Schwanz prallte gegen ihre Beine. Das warf die Frau leider der Länge nach um und sofort kreischte sie los. Gleich würden meine Trommelfelle platzen! Die Lichtkegel von Taschenlampen strichen über das Unterholz und mein Fell. Falls die Leute in Biologie aufgepasst hatten, wussten sie jetzt, dass sie mit dem »Bär« danebengelegen hatten.

Nichts wie weg hier! Das mit den Hirschen würde heute nichts mehr werden, weil jetzt vom Streifenhörnchen bis zum Bison die ganze Gegend wusste, dass ich hier war.

Ich rannte in großen Sprüngen davon, während rings um mich her Menschen aufgeregt aus ihren Zelten hervorkrochen und panisch versuchten, auf Bäume zu klettern. Mit jämmerlich wenig Erfolg.

Ein Kerl begann, mit Steinen auf mich zu werfen, und traf mich voll auf die Schnauze. Und plötzlich erleuchteten zwei Sonnen die Dunkelheit und blendeten mich, der Motor eines großen Autos röhrte auf. Auch das noch! Was hatten die vor, wollten die mich überfahren? Hilfe! In welcher Richtung ging es hier raus? Ich wusste nicht mehr weiter, aber ich musste es schaffen, hier wegzukommen! Weg, weg, weg! Nichts wie weg!

Mit einem Satz hechtete ich hoch auf ein Waschhäuschen und auf der anderen Seite wieder herunter. Kaum zu glauben, dort war der Weg frei. Einen Moment später war ich allein im nachtdunklen Wald und rannte, bis der Autolärm und die Schreie hinter mir verklungen waren. Und bis mir die Zunge auf der Brust hing – so fühlte es sich jedenfalls an.

Ich war heilfroh, als ich zurück war beim Haus der Ralstons und mich durch einen Sprung in den zweiten Stock in mein Zimmer retten konnte.

Am nächsten Tag stand das, was ich erlebt hatte, bereits in der Zeitung. Ich sah die Schlagzeile sofort:

Puma greift auf Campingplatz Menschen an!

Hugo S. (11) und seine Mutter Michelle S. (41) aus Chicago entkommen nur knapp der gereizten Raubkatze. »Ich hatte Todesangst«, berichtet Michelle S.

Eulendreck, das hatte ich ja schön verkatzt. Der Campingplatz war noch in der gleichen Nacht evakuiert worden, denn die Ranger vermuteten, dass das gefährliche Tier sich noch in der Nähe aufhielt. Das entlockte mir ein müdes Lächeln. Gut geraten. Es waren ungefähr fünf Kilometer Luftlinie.

»Hast du einen Artikel entdeckt, der Erinnerungen wachruft?«, fragte Donald, mein Pflegevater, gespannt. Er hoffte immer noch, dass mein Gedächtnis sich irgendwann öffnen würde wie eine Wundertüte. Zu seiner Enttäuschung hatten bisher all seine tiefenpsychologischen Tricks nichts gebracht, was natürlich daran lag, dass ich eisern an meiner »Ich-erinnere-mich-an-nichts«-Geschichte festhielt. Nicht mal seine Hypnose, vor der ich mich ein bisschen gefürchtet hatte, hatte mich entlarvt – im Gegenteil. Anscheinend hatten ihn meine Katzenaugen glatt zurückhypnotisiert, denn er hatte einen glasigen Blick bekommen und etwas von einem Autounfall, der seine Schuld war, gefaselt.

»Ach, ich fand die Geschichte nur interessant.« Ich legte die Zeitung auf den Tisch zurück, an dem gerade Marlon wortlos seine Cornflakes in sich hineinschlang und Melody in einer Portion Rührei herumpickte. Kein Wunder, dass sie so dünn war wie eine Libelle. Zwischendurch fummelte sie an den Blümchenspangen in ihren langen blonden Haaren herum und fütterte Bingo unter dem Tisch mit Frühstücksspeck.

»Noch ein bisschen Rührei, Jay?«, fragte Anna und lächelte mich an.

Nein danke. Ich fühlte mich selbst ein bisschen wie Rührei. Nach dieser Aktion gestern Nacht war ich eindeutig in Schwierigkeiten. Wie lange würde es wohl dauern, bis ich wieder in meiner Pumagestalt in den Wald gehen konnte, ohne dass jemand versuchen würde, mich als »Problemtier« abzuknallen?

Noch niedergeschlagener als vor meinem nächtlichen Ausflug machte ich mich auf den Weg zur Highschool.

Doch ich kam nicht dort an.

Ein seltsames Angebot

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Ich fuhr gerade mit dem Rad am Rand des Highways entlang, als mir eine große, schlanke Frau in einem blassblauen Kleid auffiel. Sie stand da, beobachtete mich aufmerksam und hob die Hand in meine Richtung. Hä, wie bitte? Wollte sie was von mir? Mit dem Fahrrad kann man ja wohl keine Anhalterinnen mitnehmen. Oder war sie in Schwierigkeiten? Aber so sah sie nicht aus.

Bevor ich mir überlegt hatte, ob ich stoppen sollte oder nicht, war ich schon an ihr vorbei. Nach ein paar Sekunden hatte ich sie wieder vergessen und überlegte, ob ich genug gelernt hatte für den Test in Geschichte, den wir heute schreiben würden. Ich war furchtbar neugierig auf Menschengeschichte gewesen, als ich noch im Wald gelebt hatte. Doch anscheinend bestanden die großen Ereignisse dieser Geschichte daraus, dass sich jede Menge Leute die Köpfe eingeschlagen hatten.

Moment mal, da stand dieselbe Frau schon wieder neben der Straße! Und zwar vor mir!

Verblüfft radelte ich langsamer und sah sie mir genau an. Sie schaute mit einem forschenden, durchdringenden Blick zurück, bei dem sich mir normalerweise das Fell gesträubt hatte. Die lächerlichen Härchen auf meinen Armen taten ihr Bestes.

Diese Frau war irgendwie unheimlich – war sie ein Geist? Ihre kurz geschnittenen Haare waren geisterhaft weiß und es war auch seltsam, dass sie barfuß an der Straße herumstand. Bei den Menschen ging keiner barfuß und alle gaben ein Höllengeld dafür aus, sich die Haut von irgendwelchen Tieren an die Füße ziehen zu können.

Ich radelte weiter. Irgendwie wollte ich sehen, was sie tun würde. Ob sie ihren kleinen Trick auch ein zweites Mal bringen konnte.

Sie konnte.

Diesmal stoppte ich mein Rad und stieg ab, ohne die fremde Frau aus den Augen zu lassen. Ihr strenges, herbes Gesicht mit der leicht gebogenen Nase hatte eine wilde Schönheit. Einen Moment lang musterten wir einander, ohne ein Wort zu sagen.

»Wer sind Sie?«, brachte ich schließlich hervor.

Ein Lächeln formte sich um ihren schmalen Mund und plötzlich sah sie nicht mehr so bedrohlich aus. »Stell das Rad ab und komm«, sagte sie.

Irgendetwas war besonders an dieser Frau, das konnte ich spüren. Deshalb zögerte ich nicht und folgte stumm ihren Anweisungen, als sie mir winkte, ihr zu folgen. Wir ließen die Straße hinter uns und gingen hinein ins offene, mit Wüsten-Beifuß bewachsene Grasland des Tales, bis wir zu ein paar Felsen und Büschen kamen. In dieser Deckung ließ die Frau sich nieder und bedeutete mir, mich zu setzen.

»Und, wie gefällt es dir bei den Menschen?«, fragte sie.

Überwältigt starrte ich sie an. Bei den Menschen? Das hieß doch …! »Sie sind auch eine Wandlerin?«

Lächelnd nickte die Frau. »Wenn du etwas mehr Erfahrung hast, spürst du es auch. Versuch es mal. Es hilft, wenn man nah dran ist.«

Ich lauschte in mich hinein. Ja, ich spürte es. Es war ein neues Gefühl, für das ich noch keinen Namen kannte. Eins, das ich noch nie zuvor gehabt hatte. Wie Freude oder Angst, nur dass es weder gut noch schlecht war.

Als ich diese fremde Frau anblickte, merkte ich, wie mir plötzlich die Augen feucht wurden. Ich war nicht allein! Es gab noch andere Gestalt-Wandler außer mir!

»Wissen Sie, was für ein Tier ich bin?«, fragte ich, nachdem ich mich ein bisschen beruhigt hatte. »Können Sie das auch merken?«

Sie schüttelte den Kopf. »Aber ich glaube, du bist ein Raubtier. Die Art, wie du dich bewegst … du hast Kraft und du bist schnell.«

Meine Wangen wurden heiß. »Äh, ja. Ich bin ein Puma. Sie können auch Berglöwe sagen. Oder Cougar. Ist mir egal. Und Sie?«

»Rat mal«, sagte sie.

Es war nicht allzu schwer. Ihre weißen Haare, dieses stolze Gesicht mit der gebogenen Nase, ihre große, aber feinknochige Gestalt …

»Weißkopf-Seeadler?«

»Richtig.« Ein anerkennendes Nicken. »Ich heiße Lissa Clearwater.«

»Ich bin Carag«, sagte ich und ein Schauer überlief mich dabei. Es war das erste Mal seit zwei Jahren, dass ich diesen Namen aussprach.

Lissa Clearwater lächelte, aber sie schüttelte mir nicht die Hand. Gut. Das war eine Menschensitte, die ich nie gemocht hatte. »Schön, dich kennenzulernen«, sagte sie. »Ich habe dich vor einer Woche in deiner Schule entdeckt, als ich dort einen Vortrag gehalten habe. Über Adler natürlich. Die erforsche ich als Biologin.« Ihr Lächeln wurde breiter.

Eine Adler-Wandlerin … so also hatte sie es geschafft, mich zweimal zu überholen, obwohl ich mit dem Mountainbike nicht gerade langsam fuhr! Aber wie hatte sie das mit dem Kleid gemacht?

»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet«, sagte Lissa Clearwater. »Also?«

Ich wusste natürlich, welche Frage sie meinte. Die, wie es mir bei den Menschen gefiel. »Geht so«, meinte ich mit einem Achselzucken. »Es ist praktisch, dass man zum Jagen in den Supermarkt gehen kann.«

Keine Ahnung, warum ich ihr nicht die Wahrheit sagte. Dass es mir beschissen ging und ich zurückwollte in die Berge, aber nicht wusste, wie. Wahrscheinlich lag es daran, dass wir uns erst seit fünf Minuten kannten.

Sie versuchte nicht, mich auszuquetschen.

»Vor drei Jahren habe ich eine Schule gegründet – eine besondere Schule«, erzählte sie mir stattdessen. »Für Jugendliche wie dich, die lernen wollen, ohne Schwierigkeiten in beiden Welten zu leben. Die Clearwater High ist ein Internat, gar nicht mal weit von hier. Wäre das was für dich? Wir haben viele verschiedene Wandler, wenn auch bisher keinen Berglöwen.«

»Es gibt noch mehr Wandler-Arten? Es gibt sogar eine Schule?« Mir schwirrte der Kopf.

Lissa Clearwater lächelte über meine Verwirrung. »Wandler – oder Woodwalker, wie wir sagen – sind selten, aber ja, es gibt viele verschiedene Arten. Übrigens gibt es nicht nur eine Schule, sondern zwei. Mein erwachsener Sohn Jack leitet die zweite unten in Florida, in die gehen alle Wandler, die das Wasser brauchen. Delfine, Alligatoren, Haie und so weiter.«

»Wow«, war das Einzige, was mir dazu einfiel.

»Einige unserer Abgesandten haben schon versucht, dich zu kontaktieren, aber du hast nicht reagiert, deswegen dachte ich mir, ich komme mal persönlich vorbei«, sagte Lissa Clearwater und stand auf. »Neue Schüler werden jederzeit an der Clearwater High aufgenommen, du könntest also sofort zu uns wechseln. Bei uns würdest du zum Beispiel lernen, dich leichter zu verwandeln. Wir üben mit unseren Schülern auch, wie man mit schwierigen Menschen umgeht …«

Ich fragte mich, wie viel sie mitbekommen hatte von dem, was auf dem Schulhof in letzter Zeit so abgegangen war.

»… und wir würden dir dabei helfen, als Mensch und als Puma besser zurechtzukommen. Überleg es dir gut und sag mir Bescheid, ja? Wir hätten dich gerne bei uns. Auch, damit so was wie letzte Nacht auf dem Campingplatz nicht noch mal passiert.«

Ich wurde knallrot. Aber Lissa Clearwater achtete nicht darauf. Ihr Kleid fiel zu Boden, als sie sich verwandelte, und vor mir breitete ein Adler die gewaltigen braunen Schwingen aus. Seine wilden gelben Augen beobachteten die Umgebung. Er hüpfte ein paar Schritte auf dem Boden und schob das Kleid mit dem Schnabel zu einem Stoffhaufen zusammen. Dann schloss sich eine seiner Klauen darum.

Ein letzter Blick in meine Richtung, ein fast unmerkliches Nicken des weiß gefiederten Kopfes, dann griffen die Flügel des Adlers in die Luft.

»Wie soll ich Ihnen denn Bescheid sagen?«, rief ich Lissa Clearwater ratlos nach.

Sag es dem Raben!

Die Stimme war plötzlich in meinem Kopf, so plötzlich, dass ich zusammenzuckte und mir an die Stirn griff. Natürlich. Nicht nur meine Pumafamilie wusste, wie man in Tiergestalt von Kopf zu Kopf redete.

Momente später war der Adler, der eigentlich eine Schulleiterin war, außer Sicht.

Völlig durcheinander blieb ich hinter den Felsen sitzen. Ich war nicht allein, ich war einer von vielen! Es gab noch andere Wandler – Woodwalker – außer mir! Und anscheinend war ich nicht der einzige junge Wandler, der Probleme hatte! Das war eine Riesen-Erleichterung, ich fühlte mich gleich ein bisschen weniger einsam. Aber sosehr ich mich auch bemühte, ich konnte mir diese Schule nicht vorstellen – sie konnte unmöglich so sein wie die Jackson Hole High School, die einzige andere Schule, die ich kannte.

Außerdem würden mich die Ralstons anschauen, als hätte ich Tollwut, wenn ich ihnen eröffnete, dass ich in Zukunft irgendeine komische Schule besuchen wollte. Eine, von der sie noch nie gehört hatten und auf die megaseltsame Schüler gingen. Wahrscheinlich hätten sogar meine richtigen Eltern Nein gesagt.

Schule. Ups. Dem Sonnenstand nach hatte ich inzwischen den Geschichts-Test verpasst.

Egal. Die musste heute ohne mich stattfinden. Hier ging es um mein weiteres Leben.

Mein ganzes, verdammtes Leben!

Noch ein Angebot

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Als ich am späten Nachmittag wieder bei den Ralstons ankam, hatte ich erwartet, dass sie mir einen Riesenärger machen und tausend Fragen stellen würden. Schließlich hatte ich noch nie zuvor die Schule geschwänzt.

Doch stattdessen herrschte Hektik. Eine Hektik, die anscheinend nichts mit mir zu tun hatte, denn Anna rannte in Küchenschürze und mit einem nackten Truthahn in den Händen an mir vorbei.

»Äh, was ist denn hier los?«, erkundigte ich mich.

Erschöpft wischte sich meine Pflegemutter über die Stirn. »Stell dir vor, wir haben heute einen unerwarteten Gast zum Abendessen!«

»Ja, und?« Das klang noch nicht sehr spannend. Ich musterte den Truthahn. Er sah aus, als wäre ihm kalt ohne seine Federn.

»Es ist Andrew Milling! Und er kommt wegen dir!«

Ich kapierte gar nichts mehr. Andrew Milling, der berühmte Typ, den ich schon auf Plakaten gesehen hatte? Was hatte der mit mir zu tun? Bedeutete das Ärger?

»Du hättest uns ruhig sagen können, dass du diesen Talentwettbewerb gewonnen hast!« Anna strahlte mich an. »Ich bin richtig stolz auf dich. Dabei ist dir das Aufsatzschreiben immer so schwergefallen.«

Was für einen Talentwettbewerb? Hätte ich nicht irgendwie merken müssen, wenn ich bei so was mitgemacht hätte? Ratlos beobachtete ich eine Spinne, die dabei war, sich an der Esszimmerdecke ein gemütliches Netz anzufertigen.

»Andrew Milling, Jay, ist einer der wichtigsten Männer im ganzen amerikanischen Westen«, belehrte mich mein Pflegevater Donald, sortierte hektisch seine Whiskey- und Schnapsflaschen und entkorkte eine davon, um am Inhalt zu riechen. »Ihm gehören eine Ölgesellschaft, eine Filmproduktionsfirma, ein paar Silicon-Valley-Firmen und ganz nebenbei auch eins der Ski-Resorts hier in Jackson Hole, die Sierra Lodge.«

Musste ich das gut finden? Ich war ein bisschen verwirrt. Ski fahren konnte ich sowieso nicht und Öl brauchte ich auch gerade keins.

Ich beschloss, alles auf mich zukommen zu lassen, und beobachtete hungrig die Fortschritte des Truthahns. Bei 220 Grad im Ofen war ihm inzwischen sicher nicht mehr kalt.

Lange konnte ich ihm nicht zuschauen, denn Marlon und ich waren dazu verdonnert worden, den Esstisch vorzubereiten. Mit gewohnt mürrischer Miene schleppte mein Pflegebruder einen Stapel Teller an. Ich holte währenddessen ein paar bunte Ahornblätter als Dekoration, doch Marlon verzog nur den Mund.

»Was ist denn das für ’n Mist?« Mit einem Griff beförderte er die Handvoll Blätter in den Kaminofen, wo sie zusammenschnurrten und schwarz wurden.

»Hey, das hätte schön ausgesehen!«, beschwerte ich mich.

»Pech«, sagte Marlon und grinste. Es war kein sonderlich nettes Grinsen. Garantiert stank es ihm, dass nicht er gewonnen hatte und der wichtige Typ wegen mir zu Besuch kam. Nie im Leben hätte er mir geglaubt, dass auch ich keinen Wettbewerb gewonnen hatte.

»Los, Jungs! Worauf wartet ihr? Er kann jeden Moment klingeln!« Anna wuchtete einen Topf voll Süßkartoffelbrei auf den Tisch und hastete zurück in die Küche. »Melody, hast du dich umgezogen?«

»Ja, klar!« Melody trug ihr neues Kleid und rannte aufgedreht wie ein Streifenhörnchen, nur eben kariert, durchs Wohnzimmer. Inmitten all der Aufregung lag Bingo, der Labrador, seelenruhig auf dem Boden, kaute an einem Knochen und warf mir ab und zu einen misstrauischen Blick zu. Ich streckte ihm die Zunge raus.

Kurz vor sieben Uhr klingelte es. Vor der Tür stand ein sportlich muskulöser, braun gebrannter Mann mit graublonden Haaren. Gekleidet war er im lockeren Freizeit-Look des Westens – Jeans, weißes Hemd und an den Füßen aufwendig gefertigte Cowboystiefel. Als Milling lächelte, sah ich seine strahlend weißen, regelmäßigen Zähne. Er strahlte Kraft aus und die Selbstsicherheit, wie sie nur dominante Männchen haben, die ein großes Revier verteidigen.

Aber das war es nicht, was mir an ihm auffiel. Als er mir die Hand reichte, traf mich dieses Gefühl, das ich erst heute kennengelernt hatte, bei Lissa Clearwater. Dieses namenlose Gefühl, das man bekommt, wenn ein anderer Wandler in der Nähe ist. Es fühlte sich an wie ein warmer Luftzug über der Haut.

Mechanisch erwiderte ich Andrew Millings Händedruck und war so durcheinander, dass ich verlegen auf meine Schuhe starrte. Einer der mächtigsten Männer des amerikanischen Westens war ein Woodwalker?!

Und nicht nur das. Als ich den Kopf wieder hob und ihn ansah, wusste ich auch, dass er eine Raubkatze war, so wie ich. Ein Puma-Wandler. Aber wieso hatte er so dunkle Augen? Das passte nicht, unsere Augen waren golden oder hellgrün.

»Freut mich sehr, dich kennenzulernen, Jay«, sagte Andrew Milling. »Ich bin Andrew.«

Die Art, wie er meinen Menschennamen betont hatte, sagte alles. Er wusste Bescheid über mich.

»Hi, Andrew«, brachte ich irgendwie heraus.

»Kommen Sie nur herein, wir freuen uns wirklich sehr über Ihren Besuch«, plapperte Donald. Wie klein und harmlos er plötzlich wirkte mit seiner rundlichen Figur und den langen grauen Haaren, die er im Pferdeschwanz trug. »Nehmen Sie doch Platz, Andrew, es ist uns eine Ehre.«

Milling brauchte nur fünf Minuten dafür, meine Pflegefamilie im Sturm zu erobern. Er lobte Donalds Whiskeys, bemerkte Melodys neues Kleid und zeigte sich beeindruckt von dem Foto über dem Kamin, das Anna mit dem Präsidenten zeigte. Ihr war nämlich mal eine Medaille verliehen worden für ihr Engagement gegen Armut. Süßkartoffelbrei nahm er sich keinen, dafür hatte der Truthahn keine Chance gegen ihn. »Schmeckt hervorragend«, meinte er kauend und Annas Wangen glühten vor Freude.

Ich saß dabei, aß ein Stück Truthahn, sagte kaum etwas und fragte mich, was dieser fremde Wandler von mir wollte. Mich warnen, dass dieses Revier ihm gehörte?

»So, jetzt zu dir, Jay«, sagte Milling schließlich. »Eine schöne Leistung, die du im Talentwettbewerb abgeliefert hast. Ich war wirklich beeindruckt. Du hast alles richtig gemacht.«

Ich fragte nicht, was das für ein Talentwettbewerb gewesen sein sollte. Es war besser, das unter vier Augen zu klären. Was genau meinte er damit, ich hätte alles richtig gemacht? So viel hatte ich in letzter Zeit nicht getan, außer mich mit kaltem Wasser übergießen zu lassen und mich bei einem Jagdversuch zu blamieren. Das konnte er ja unmöglich meinen, oder?

»Danke, Sir«, sagte ich höflich.

»Dadurch bin ich darauf aufmerksam geworden, dass du ein vielversprechender junger Mann bist«, fuhr Milling fort.

Mit etwas Mühe verzog ich die Lippen. Mit diesem Lob konnte ich ungefähr so viel anfangen wie ein Kojote mit einem Smartphone. Verdient hatte ich es jedenfalls nicht.

»Deshalb wollte ich dir deinen Gewinn gerne persönlich überreichen«, fuhr Milling fort und zog zwei Dinge aus der Brusttasche seines Hemdes. Das eine war ein Taschenmesser mit einem Griff aus edlem poliertem Holz. Wow, das war bestimmt teuer gewesen. Das zweite war seine Visitenkarte mit goldener Schrift darauf. Beides reichte er mir. »Ich würde dich in Zukunft gerne im Auge behalten und fördern, Jay. Das auf der Karte ist meine Privatnummer.«

Ich sagte nichts und nickte nur, weil es mir die Sprache verschlagen hatte. Dann nahm ich Taschenmesser und Visitenkarte und steckte beides ein.

»Was sagt man da?«, flüsterte Donald mir peinlich berührt zu.

»Äh – danke«, sagte ich zu Milling.

»Ist es okay, wenn wir kurz ein paar Worte unter vier Augen wechseln?«, fragte Andrew Milling meine Pflegeeltern. Die versicherten natürlich, dass das gar kein Problem sei, und wir sollten uns nur Zeit nehmen.

Der mächtigste Mann des amerikanischen Westens und ich schlenderten hinaus auf die große, aus Holzbalken gezimmerte Terrasse, von der aus man einen Blick über die Berge der Umgebung hatte. Ich brach schließlich das Schweigen. »Das ist nicht Ihre normale Augenfarbe, oder?«

Milling lachte leise. »Nein, ich trage gefärbte Kontaktlinsen. Gelbe Augen irritieren nur die Geschäftspartner.«

»Ach so«, sagte ich und atmete tief durch. Unglaublich, ich war dabei, mit einem fremden Puma-Wandler zu reden! Konnte ich jetzt endlich all die Fragen stellen, die sich in mir angesammelt hatten? Bei Lissa Clearwater war ich noch zu geschockt gewesen davon, dass es überhaupt fremde Wandler gab, um ihr viel zu erzählen. Doch mit Milling, das war anders. Er war ein Puma wie ich und er war mir nicht feindlich gesinnt. Er war viel stärker als ich, in einem Revierkampf hätte er mich getötet. Und dieser Mann wollte mich unterstützen!

»Ist es einfach für Sie, als Mensch zu leben?«

»Ich bin es gewohnt.« Milling zuckte die Schultern und betrachtete mich von der Seite. »Du schlägst dich auch ganz gut, scheint mir. Oder? Nein, du hast es schwer, das spüre ich.«

Bevor ich es mir versah, hatte ich ihm alles erzählt. Dass ich bisher keine Freunde gefunden hatte, mit Marlon, Melody und Donald nicht klarkam und keine Ahnung hatte, wo meine Eltern waren. Nachdem ich geendet hatte, fühlte ich mich leicht, so leicht wie Luft. Als hätte ich bisher eine Ladung Steine mit mir herumgeschleppt, die nun verschwunden war.

»Das ist schlimm«, sagte Andrew Milling.

Er lehnte sich an die Brüstung des Balkons, verschränkte die Arme und blickte mich an. Nein, er fixierte mich. Im Halbdunkel auf der Terrasse sah ich, dass er lächelte – doch es war kein echtes Lächeln, er verzog nur die Mundwinkel.

Plötzlich war mir unwohl zumute. Der Typ wollte mich fördern … aber wobei und was brachte ihm das? Auf einmal wünschte ich mir, dass er bald ging.

Doch Milling machte keinerlei Anstalten, ins Haus zurückzukehren und sich zu verabschieden. »Kennst du eigentlich die Clearwater High?«, fragte er, während er einen Schokoriegel aus der Tasche zog. Innerhalb von Sekunden hatte er das Ding verschlungen.

Ich lachte verlegen, es hörte sich furchtbar künstlich an. »Ja, ähm, ich bin gerade heute dorthin eingeladen worden, Andrew.« Es kam mir falsch vor, seinen Vornamen zu benutzen, aber ich musste es ja wohl tun, wenn er mir das angeboten hatte.

»Gut«, sagte Milling. »Geh auf diese Schule.« Es klang nach einem Befehl. In Pumagestalt hätte ich spätestens jetzt die Ohren angelegt und die Zähne gezeigt.

»Ja, ich glaube, ich werde das machen«, sagte ich und schob ein bisschen rebellisch nach: »Oder auch nicht.«

Milling schnaubte. »Sei nicht dumm. Du bist ein Raubtier mit Grips im Kopf und kein dämlicher Schneeschuhhase. Wenn du diese Chance vorübergehen lässt, bist du wohl doch nicht so begabt, wie ich dachte.« Er stieß sich von der Brüstung ab und bedeutete mir, ihm nach drinnen zu folgen.