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Woodwalkers and Friends: Katzige Gefährten

Bücher von Katja Brandis im Arena Verlag:

Woodwalkers. Carags Verwandlung

Woodwalkers. Gefährliche Freunschaft

Woodwalkers. Hollys Geheimnis

Woodwalkers. Fremde Wildnis

Woodwalkers. Feindliche Spuren

Woodwalkers. Tag der Rache

Seawalkers. Gefährliche Gestalten

Seawalkers. Rettung für Shari

Seawalkers. Wilde Wellen

Khyona – Im Bann des Silberfaiken

Khyona – Die Macht der Eisdrachen

Katja Brandis, Jahrgang 1970, hat Amerikanistik,

Anglistik und Germanistik studiert und als Journalistin

gearbeitet. Schon in der Schule liehen sich viele Mitschüler

ihre Manuskripte aus, wenn sie neuen Lesestoff brauchten.

Inzwischen hat sie zahlreiche Romane für Jugendliche

veröffentlicht, zum Beispiel Khyona, Gepardensommer,

Floaters – Im Sog des Meeres oder Ruf der Tiefe. Bei der

Recherche für Woodwalkers im Yellowstone-Nationalpark

lernte sie eine Menge Bisons persönlich kennen, stolperte

beinahe über einen schlafenden Elch und durfte einen

jungen Schwarzbären mit der Flasche füttern. Sie lebt mit

Mann, Sohn und drei Katzen, von denen eine ein bisschen

wie ein Puma aussieht, in der Nähe von München.

www.katja-brandis.de

Für Indra, Fabian, Sabine, Marc, Anna, Samo
und alle anderen treuen »Woodis«

Mit ganz viel Glück und der Hilfe der weltbesten Freunde habe ich auf der Clearwater High, einer von ganz wenigen Highschools für Gestaltwandler, die Abschlussprüfung des ersten Jahres geschafft. Und den Kampf gegen meinen Feind, den Menschenhasser Andrew Milling, nicht nur überlebt, sondern sogar gewonnen. Jetzt ist es Mitte Juni, wir haben endlich Sommerferien und ich bin als Puma mit meiner Schwester Mia unterwegs zu meinen Eltern, die in den Bergen weiter nördlich leben. Aber man weiß nie, was für Überraschungen bei einer solchen Reise auf einen warten …

Keine Jagdsaison

Ich hatte gehört, dass Jugendliche in normalen Schulen Aufsätze darüber schreiben müssen, was sie in den Ferien erlebt haben. Auf der Clearwater High gab es so was nicht – das Risiko war zu groß, dass solche Aufzeichnungen einem Menschen in die Hände fielen. Denn was wir als Woodwalker taten und erlebten, war meistens geheim … und manchmal auch fellsträubend gefährlich.

So wie diese Situation, in der wir gerade steckten. Meine große Schwester Mia und ich – beide in Pumagestalt – kauerten in einem Gebüsch neben einem schrottigen braunen Pick-up, auf dessen Ladefläche aller möglicher Kram gestapelt war. Aus dem Fenster auf der Beifahrerseite des Autos ragte der Lauf eines Gewehrs heraus. Er zielte nicht auf uns, aber dafür auf eine Herde von Wapitis, die in der Morgendämmerung friedlich auf einer Lichtung weidete.

Meine Schwanzspitze pendelte vor Aufregung. Das geht gar nicht, sagte ich zu Mia – lautlos, von Kopf zu Kopf. So, wie wir uns immer verständigten, wenn wir in unserer Tiergestalt waren. Ich werde nicht zuschauen, wie er die abknallt!

Früher hast du gerne Wapiti gefressen, meinte Mia ein bisschen erstaunt.

Ich spürte, wie die Tasthaare an meiner Schnauze nervös zuckten. Zum Glück war der Wilderer noch nicht bereit zu schießen, gerade hörte ich ihn im Führerhaus ein Dosenbier gluckern. Ja, früher! Als ich Lou noch nicht kannte – du weißt schon, dieses nette Wapitimädchen in meiner Klasse, das ich mag. Also, was ist? Wir müssen was machen!

Stimmt, sagte Mia und bleckte die Fangzähne, die so lang waren wie Menschenfinger. Nein, sie war kein niedliches Kätzchen, sondern eine vierzig Kilo schwere Raubkatze. Was schlägst du vor? Wir könnten auf sein Auto springen und es ein bisschen zerkratzen, das lenkt ihn vielleicht ab!

Bestimmt, aber unser Ziel ist ja nicht, dass WIR stattdessen erschossen werden, wandte ich ein. Als Menschen könnten wir hier mehr ausrichten. Zu blöd, dass wir unsere Klamotten bei der Schule gelassen haben.

Lautlos verließ ich das Gebüsch und pirschte geduckt, sodass der Kerl mich nicht sah, um das Auto herum. Auf der offenen Ladefläche lag unter anderem eine alte, karierte Decke. Prompt hatte ich eine Idee. Schnell erklärte ich Mia, was ich vorhatte, und sie schaute mich mit großen Augen an. Meinst du wirklich, das klappt?

Etwas anderes fällt mir gerade nicht ein, sagte ich hastig. Los, beeil dich, er kann jederzeit anfangen rumzuballern!

Mia schlich davon. In so was war sie ein Profi – wenn sie nicht gesehen werden wollte, sah sie auch keiner. Ich dagegen blieb, wo ich war, konzentrierte mich und stellte mir den blonden vierzehnjährigen Jungen mit grüngoldenen Augen vor, der ich in meiner Menschengestalt war. Schon spürte ich, wie ein Kribbeln meinen Körper durchzog und wie er begann, die Form zu ändern. Aus meinen Vorderpranken wurden wieder Hände, aus den Hinterläufen Beine und Füße. Meine Ohren schrumpften und zogen sich an die Seite des Kopfes zurück, die Fangzähne wurden zu meinem harmlosen Menschengebiss. Weh tat das alles zum Glück nicht und ich war längst daran gewöhnt. Ein paar Wimpernschläge später kauerte ich pelzlos hinter dem Wagen, fröstelte im kühlen Nachtwind und wünschte mir den Pullover und die Hosen zurück, die ich leider ein paar Hundert Kilometer von hier entfernt versteckt hatte. Vorsichtig zog ich die Decke von der Ladefläche und wickelte mich hinein.

Als der Wilderer hörte, wie ich an das Fenster auf der Fahrerseite klopfte, ließ er vor Schreck fast sein Gewehr fallen. Er streifte sich mit einer Hand hastig das Nachtsichtgerät vom Kopf und blickte erst ertappt drein und dann erstaunt. Wahrscheinlich hatte er mit einem Ranger gerechnet und nicht mit einem ziemlich ungewöhnlich angezogenen Jungen. Schließlich waren wir hier meilenweit von der nächsten Siedlung entfernt, mitten im von einzelnen Kiefern getupften Grasland. Auf der schmalen Straße war schon ewig kein Auto mehr vorbeigekommen.

»Sir, dürfte ich Sie einen Moment stören?«, fragte ich so höflich, wie ich es in Menschenkunde gelernt hatte.

Der Mann ließ das Fenster heruntersurren. »Was zum Teufel machst du hier, Bursche?«, motzte er mich an.

»Sie wissen schon, dass keine Jagdsaison ist?«, fragte ich zurück. »Wenn Sie schießen, machen Sie sich strafbar.«

Wie ich erwartet hatte, lachte er mich aus. »Was interessiert dich das? Geh nach Hause, setz dich vor den Fernseher und schau Captain Marvel oder was euch Kinder so interessiert.«

Ich rührte mich nicht. Besser, ich lenkte ihn noch einen Moment länger ab. Aber es war ein gutes Zeichen, dass die Wapitis schon wachsam die Köpfe gehoben hatten. Hatten sie Mia gewittert? Sie schlich sich extra in Windrichtung an, damit die Huftiere jede Menge Pumageruch in die Nase bekamen.

Als ich mich nicht bewegte und den Mann weiterhin freundlich anblickte, wurde er ärgerlich. »Worauf wartest du? Scher dich weg!«

»Sie wollen also wirklich jagen, obwohl es verboten ist?«, fragte ich.

»Hau ab, Junge … sonst passiert hier gleich was, was dir gar nicht gefallen wird!«

»Ich glaube eher, es passiert was, was Ihnen nicht gefällt«, sagte ich, beugte mich ins Auto und zog seinen Autoschlüssel ab, bevor er kapiert hatte, was los war. Dann verbog ich den Schlüssel, bis er U-Form hatte. Selbst in meiner ersten Gestalt bin ich deutlich stärker als ein Mensch, was manchmal ganz praktisch ist.

Es gefiel ihm tatsächlich nicht. Selbst im schwachen Licht der Dämmerung konnte ich sehen, dass sein Gesicht so rot anlief wie der Kehllappen eines Truthahns. »Du spinnst wohl!«

Auf der Lichtung galoppierten die Wapitis davon und verschwanden im Wald.

»Nein, ich glaube nicht«, sagte ich, während der Mann wütend nach seinem Gewehr griff. Ohoh. Jetzt war der richtige Moment, um abzuhauen, schließlich waren unsere vierbeinigen Freunde in Sicherheit. Doch als ich losrennen wollte, stolperte ich über den Saum der blöden Decke und ging zu Boden, schmerzhaft bohrte sich der Schotter der Straße in meine Haut. Noch immer außer sich vor Wut knallte der Wilderer die Autotür auf und traf mich – ob absichtlich oder nicht – seitlich am Kopf. Während er aus dem Wagen sprang, sackte ich halb betäubt um und erwartete jeden Moment, dass mich harte Hände packen würden.

Passierte aber nicht. Stattdessen schrie der Mann auf.

Alles klar, Carag?, fragte Mia besorgt. Ich glaub, du kriegst eine fette Beule.

Sie lag auf dem Autodach, hatte von dort aus mit ausgefahrenen Krallen herabgeangelt und den Wilderer seitlich am Jackenkragen erwischt. Erstarrt vor Furcht, mit weit aufgerissenen Augen, hing er in ihrem Griff, während sie mit der anderen Pranke nachfasste. Jetzt sah es so aus, als würde sie seinen Hals von hinten umarmen.

Glaub ich auch, antwortete ich und befühlte meinen Kopf. Ja, da bildete sich tatsächlich eine Beule.

»Nimm mein Gewehr … knall das Vieh ab … bevor es mich umbringt … schnell!«, flüsterte der Kerl heiser.

Noch ein bisschen taumelig bewegte ich mich um sein Auto herum und holte wie gewünscht seine Knarre.

»Schieß!«, brüllte der Wilderer.

»Es ist gerade keine Jagdsaison, wie Sie wahrscheinlich wissen«, sagte ich und knallte den Lauf so lange gegen einen Stein, bis er gekrümmt war wie das Horn eines Bisons. Dann wandte ich mich wieder seinem Besitzer zu und versuchte, mich daran zu erinnern, was mein Lieblingslehrer James Bridger zu dem Wilderer gesagt hatte, in dessen Falle er mal festgesessen hatte. »Wenn Sie noch mal wildern und wenn es nur ein einziges Mal ist, dann melde ich Sie den Behörden!«

Der Wilderer wimmerte leise. Machte ihm das mit den Behörden Angst? Na ja, wahrscheinlich eher, dass Mia gerade genüsslich seine Wange abschleckte. Fühlte sich bestimmt nicht gut an, Raubkatzenzungen sind rau wie grobes Schmirgelpapier. Und ich darf wirklich nichts von ihm abbeißen?, fragte Mia.

Nein, und wir hauen jetzt ab – der Kerl hat genug, sagte ich zu ihr und ließ die Decke fallen. Auf dem Boden liegend, damit er es nicht sehen konnte, verwandelte ich mich zurück, dann markierte ich das Auto mit einem kräftigen Strahl Pumapisse. Ich wollte es zwar nicht als meins beanspruchen – ich brauchte keinen Blechhaufen! –, aber die Geste zählte.

Mit langen Sprüngen rannten Mia und ich in den Wald. Auf vier Beinen kam man zum Glück schnell voran, denn wir hatten noch ein ordentliches Stück Weg vor uns bis zu unseren Eltern, die vor ein paar Jahren von einem Wolfsrudel aus ihrem alten Revier in Yellowstone vertrieben worden waren.

Als wir in sicherer Entfernung waren, liefen wir wieder etwas langsamer.

Toll, was du in dieser Schule alles gelernt hast, meinte Mia und schleckte mir über die pelzige Schulter. Dieser Mann hat mit dir geredet wie mit einem Menschen, er hat gar nicht gemerkt, dass du keiner bist.

Ja, stimmt, gab ich zurück, knuffte sie spielerisch und nagte an ihrem Ohr. Du wirst es toll finden an der Clearwater High, die meisten Leute dort sind total nett und der Unterricht echt interessant. Solange man tagsüber in die Klasse geht, kann man nachts herumstreifen, so lange man will. Es ist so katzig, dass du im Herbst auch da sein wirst!

Eigentlich hatte Mia vorgehabt, so wie meine Eltern fast immer nur als Puma zu leben, aber dass ich auf diese Schule ging und mich dort sehr wohlfühlte, hatte sie neugierig gemacht. Vor Kurzem hatte sie beschlossen, sich nach den Ferien ebenfalls dorthin zu wagen.

Dann lernst du auch endlich Tikaani besser kennen, fuhr ich fort und wieder einmal füllte sich mein Herz mit Sehnsucht nach dieser ganz besonderen Polarwölfin.

Ist die etwa richtig deine Freundin?, fragte Mia und sah mich neugierig von der Seite an.

Ja, wir haben uns sogar schon geküsst, verriet ich ihr und meine Schwester bekam große Augen. Wann würde ich Tikaani endlich wiedersehen? Hoffentlich nicht erst zu Schulbeginn! So schön es mit meiner Schwester war, ich vermisste meine Gefährtin furchtbar.

Na, dann muss ich sie unbedingt besser kennenlernen. Bestimmt wird es toll, wenn wir alle an der Clearwater High sind, sagte Mia, während sie neben mir eine Hügelkuppe überquerte. Falls Mam und Pa es wirklich erlauben.

Ich blieb stehen, als hätte ich eine Gefahr gewittert. Wieso, ich dachte, du hast schon mit ihnen geredet?

Ja, aber beim letzten Mal haben sie gesagt, es gäbe noch eine wichtige Bedingung, meinte Mia und hielt ebenfalls an.

Was für eine Bedingung?, fragte ich alarmiert. Davon hast du vorher nichts gesagt!

So langsam wirkte auch Mia besorgt, obwohl sie sich nicht viel davon anmerken ließ. Wird bestimmt nichts Schlimmes sein. Nichts essen, was schon sehr lange tot ist, mir von anderen Raubtieren nichts bieten lassen, solche Sachen. Du kennst doch Pa.

Doch das beruhigte mich nicht. Es muss etwas Wichtigeres sein, sonst hätten Mam und Pa es nicht extra erwähnt, gab ich zurück. Ich hatte mich furchtbar darüber gefreut, dass meine Schwester zu mir an die Schule kommen würde – vielleicht zu sehr. Was war, wenn es nicht klappte? Das wäre ein harter Schlag für mich, weil ich sie dann höchstens alle paar Monate sehen würde. Das Ersatzrevier meiner Familie im Gallatin National Forest war zu weit weg von der Clearwater High.

Schweigend gingen wir weiter und lauschten und witterten, damit wir nicht versehentlich einem Wanderer oder Grizzly über den Weg liefen. Beunruhigt merkte ich, dass der Autoverkehr zunahm. Waren wir in der Nähe von Gardiner? Das war die einzige Ortschaft im Umkreis.

Wir müssen einen großen Bogen um die Häuser machen und warten, bis es spät ist, bevor wir die Gegend durchqueren, sagte ich zu Mia und hatte erwartet, dass sie sofort zustimmen würde. Stattdessen begannen ihre Augen verdächtig zu glänzen. Kann man dort auch Speckpfannkuchen essen gehen, so wie in der Stadt bei deiner Schule? Ich hab Hunger – und an dem Federvieh, das wir heute früh gerissen haben, war nicht viel dran.

Wir haben kein Geld dabei, wandte ich ein und versuchte, den Gedanken an ein dampfendes, saftiges Steak zu verdrängen, das man nicht selbst jagen musste, sondern einfach bestellen konnte.

Vielleicht finden wir Geld, meinte Mia fröhlich. Du hast doch erzählt, Menschen wären ungeschickt, kann doch sein, dass sie mal etwas davon fallen lassen.

Ich fauchte sie an. Wir laufen NICHT als Pumas durch die Stadt, das ruft nach Ärger!

Haha, früher war es anders bei uns. Mia wich meinem Prankenhieb aus und lachte in meinem Kopf. Du wolltest ständig die Menschenwelt auskundschaften und ich hab gesagt, du sollst gefälligst vorsichtig sein. Warum können wir eigentlich nicht in Menschengestalt in die Stadt?

Weil wir nichts zum Anziehen haben, du Flohbeutel, antwortete ich.

Ach so, stimmt. Dann ziehen wir eben unseren Pelz an, okay?

Große Schwestern können ganz schön hartnäckig sein. Einige Stunden später schlichen wir als Pumas durch das schlafende, dunkle Örtchen Gardiner, das bestimmt nicht mehr als tausend Einwohner hatte. Mia hielt vergnügt Ausschau nach verloren gegangenen Münzen oder sogar Scheinen und ich war mit Sorgenmachen beschäftigt. Ständig schaute ich mich um. Da, eine Bewegung! Ich duckte mich fauchend und machte mich bereit, loszusprinten.

Seit wann hast du Angst vor diesem Zeugs, auf das Menschen Zeichen malen? Mia amüsierte sich königlich.

Mit einem Prankenhieb schleuderte ich das weiße Knäuel beiseite und der Wind ließ es weiterkullern. Es heißt übrigens Papier, brummte ich – und stutzte, weil ich gerade etwas wahrgenommen hatte, mit dem ich hier überhaupt nicht gerechnet hätte.

In unserem ersten Jahr auf der Clearwater High hatten wir gelernt, wie man sich mit jemandem auch dann von Kopf zu Kopf verständigen kann, wenn derjenige nicht neben einem steht, sondern etwas weiter weg ist. Unser Lehrer Mr Ellwood hatte uns so darin gedrillt, dass ich mit meinen Fernrufen inzwischen ganz ordentlich weit kam und sie aus einer Entfernung von mehr als einem Kilometer empfangen konnte. Das, was gerade in meinem Kopf echote, war ohne Zweifel ein solcher Ruf … aber beim großen Gewitter, von wem?

Nicht sehr katzig

Ganz schön seltsame Situation: In der nachtdunklen Kleinstadt standen wir als Pumas auf einem Bürgersteig, der sich kühl und hart unter unseren Pfoten anfühlte, und lauschten dabei angestrengt auf etwas, was kein Mensch hören konnte. Aber es lohnte sich. Wenn ich mich konzentrierte, hörte ich die Gedankenstimme deutlicher … und merkte, dass es kein Ruf war, sondern eher ein Klagegesang. Wütende und traurige Worte, die nur ein anderer Woodwalker auffangen konnte. Ich hasse es, gefangen zu sein, das ist so was von Dorn-in-Pfotenmies! Wieso können die Menschen über uns bestimmen? Raus hier, ich muss raus hier! Aber wie?

Hörst du das?, fragte ich Mia atemlos und sie nickte. Aber nur ganz leise, ich habe nichts verstanden. Könnte das ein Haustier-Wandler sein?

Entweder das oder ein wild lebender Wandler, der von Menschen eingefangen worden ist, meinte ich und versuchte, demjenigen zu antworten. Aber ich war nicht sicher, ob sie ihn erreichte.

Es machte mich ganz kribbelig, dass wir hier unschlüssig mitten im Ort herumstanden. Es wurde in nicht allzu langer Zeit hell, dann durften wir nicht mehr hier sein. Wahrscheinlich waren die Bewohner von Gardiner wilde Tiere gewohnt, schließlich lebten sie am nördlichen Rand des Yellowstone-Nationalparks. Aber ich hatte keine Ahnung, wie sie auf zwei Pumas mitten in ihrem Ort reagieren würden.

Wir schlichen hinter den Häusern an der Hauptstraße entlang, verhedderten uns beinahe in einer niedrig gespannten Wäscheleine, wurden von einem Wachhund in Hundesprache angemotzt, duckten uns hinter geparkte Autos und versuchten, der Stimme nachzuspüren, die ich eben gehört hatte.

Vielleicht ist er in dem Haus hier?, fragte Mia und hob witternd die Schnauze vor einem großen Gebäude, auf dem ich das Wort »Bäckerei« entzifferte.

Hey, ich dachte, du kannst schon lesen – hier gibt’s nur Brötchen und keine Notfälle, sagte ich. Aber wir sind ganz in der Nähe, glaube ich.

Leider war der Klagegesang gerade verstummt und ich konnte nicht mehr sagen, von woher genau er gekommen war. Ich versuchte noch einmal, Kontakt aufzunehmen. Hallo, fremder Woodwalker! Kannst du uns sagen, wo du gefangen bist? Dann können wir dir vielleicht helfen.

Erstauntes Schweigen. Dann kam zurück: Wer seid ihr? Ich bin Terry. Falls ihr mir wirklich helfen könnt, dann schwingt die Pfoten, es ist nämlich katzig hier im Tierheim!

Verblüfft blickten Mia und ich uns an, dann kapierten wir, dass es wahrscheinlich ein Hunde-Wandler war, mit dem wir es hier zu tun hatten. Für den war »katzig« bestimmt die übelste Bezeichnung, die ihm einfiel.

Ich sagte ihm, wie wir hießen, und verschwieg ihm lieber, was wir in zweiter Gestalt waren. Dann ließ ich mir von Terry beschreiben, wie das Tierheim aussah – anscheinend war es ein niedriges, hellgrau gestrichenes Gebäude ein Stück von der Hauptstraße entfernt, mit Maschendrahtzaun drum herum.

Kurz darauf standen wir in Pumagestalt davor.

Und was ist? Könnt ihr mich rausholen?, fragte Terry hoffnungsvoll.

Ich drückte mit dem Kopf gegen die Vordertür. Natürlich war sie abgeschlossen und ich hatte keine Ahnung, wie man ein Schloss knackte. Sieht schlecht aus, sagte ich. Wir probieren es tagsüber, wenn das Tierheim aufhat, noch mal. Hältst du bis dahin durch?

Ein lang gezogenes Geheul ertönte in meinem Kopf. Anscheinend war Geduld nicht Terrys Stärke.

Wie machen wir das?, fragte mich Mia mit unternehmungslustig blitzenden Augen. Stürmen wir rein, schnappen uns den komischen Typen und rennen weg?

Ich musste daran denken, wie Theo und ich vor unendlich langer Zeit meine Rothörnchenfreundin Holly aus dem Tierheim abgeholt hatten, weil sie in zweiter Gestalt Touristen beklaut hatte.

Brauchen wir gar nicht, wir tun einfach so, als wollten wir Terry als Haustier mitnehmen. Cool, oder?

Falls ihr mich noch mal »komischer Typ« nennt, komme ich aber nicht mit, beschwerte sich unser neuer Schützling.

Wie du willst, antwortete ich, worauf sofort Ruhe war.

Mein Plan hatte leider einen Haken. Wir konnten nur als Menschen einen Hund adoptieren, und um uns verwandeln zu können, brauchten wir Klamotten.

Ich glaube, ich hab hinter einem Haus welche gesehen, fiel es mir zum Glück ein – und tatsächlich, dort fanden wir eine Wäscheleine, an der Hemden und Hosen im Nachtwind pendelten. Ich zögerte kurz, bevor ich ein paar davon packte, aber es war schließlich ein Notfall und außerdem konnten wir die Sachen zurückgeben, wenn wir sie nicht mehr brauchten.

Leider lebten anscheinend nur Frauen und Mädchen in diesem Haus. Mia sah ganz gut aus in ihrem rosa T-Shirt und der Jeans, die sie allerdings festhalten musste, weil sie ihr ständig von den Hüften rutschte. Ich hatte weniger Glück gehabt und in meiner Größe nur eine Blümchenbluse und weiße Shorts gefunden.

»Du siehst aus wie eine Wiese im Frühling«, sagte Mia und versuchte, sich mit ihrer freien Hand die ein bisschen struppigen, schulterlangen dunkelblonden Haare durchzukämmen. Als sie mich angrinste, sah ich, dass ihre Eckzähne noch teilverwandelt waren.

»Die müssen weg«, sagte ich und deutete darauf.

»Wieso? Sind doch praktisch«, sagte Mia und rammte die Eckzähne in eine verschlossene Keksdose, die auf der Veranda gestanden hatte. Einen Wimpernschlag später schleuderte sie die Dose im hohen Bogen weg. »Iiiih, das schmeckt ja noch ekliger als Wapitidung! Und so was essen die Menschen?«

»Woher weißt du, wie Wapitidung schmeckt?«, fragte ich, schaute mich besorgt um, ob das Klappern jemanden geweckt hatte, und schnupperte an der Dose. »Da hat jemand Blumendünger reingetan, du hirnloses Biest. Erst wittern, dann probieren!«

»Jaja, das sagt der Richtige. Wie war das damals, als wir auf der Wiese diesen toten Biber gefunden haben, der schon sehr lange nicht mehr frisch war?«

»Da war ich noch klein und wusste nicht, was ich tue«, brummte ich.

Leider hatte jemand den Lärm gehört, schon gingen im Haus die Lichter an. Nichts wie weg! Wir borgten uns zwei Paar Gummistiefel und rannten über den Schotter der Auffahrt. Jemand rief uns hinterher, aber wir achteten nicht darauf.

Ihr wart aber lange weg, sagte Terry, als wir wieder am Tierheim waren. Was habt ihr gemacht?

Keksdosen angegriffen, antwortete Mia. Sie setzte sich auf die Eingangsstufen des Tierheims, schloss die Augen und war kurz darauf eingeschlafen. Auch mir fielen die Augen zu und ich versuchte nicht, sie daran zu hindern. Schließlich dauerte es noch ein paar Stunden, bis das Tierheim öffnete.

Ich habe einen leichten Schlaf, dafür sorgen meine Katzeninstinkte, die mir in der Wildnis mehr als einmal das Leben gerettet hatten. Irgendwie musste ich gespürt haben, dass jemand in der Nähe war, denn ich schrak hoch und sah, dass eine rundliche Frau vor Mia und mir stand und uns beobachtete. Sie hatte eine Stupsnase und lange blonde Haare, die ihr über den Rücken fielen. In ihrer Hand baumelte ein Schlüssel an einem langen Stoffband.

»Na, ist denn schon Fasching?«, fragte sie ein bisschen misstrauisch, während sie unsere Kleidung inklusive Gummistiefel musterte. Eulendreck, hätten wir uns nur die Zeit genommen, bessere Sachen zu suchen!

»Fasching? Was ist …«, begann Mia, die ebenfalls aufgewacht war.

»Wir wollen uns ein Haustier anschaffen«, unterbrach ich sie schnell … und sah entsetzt, dass Mia zu einem gewaltigen Gähnen ansetzte. Natürlich hatte sie vergessen, ihre Fangzähne zurückzuverwandeln.

Zum Glück habe ich erstklassige Reflexe. Ich klatschte meiner verdutzten Schwester die flache Hand vor den Mund, noch während sie dabei war, ihn aufzureißen. »Höfliche Leute halten sich die Hand davor«, sagte ich streng.

Mia knurrte irgendetwas, was durch die Handfläche in ihrem Gesicht sehr schwer zu verstehen war.

»Schön, dass es noch junge Leute gibt, die wissen, wie man sich benimmt«, sagte die Tierheimfrau und wirkte schon etwas freundlicher als zu Anfang. »Was für ein Tier hättet ihr denn gerne?«

Besser, ich prüfte nach, ob ich richtig vermutet hatte. Terry! Was bist du eigentlich für ein Tier?, rief ich dem Gefangenen zu und sofort kam zurück: Ein wunderschöner Hund, der die besten Eigenschaften von mehr als zehn verschiedenen Rassen geerbt hat!

»Einen etwas nervigen Mischlingshund«, sagte ich und die Tierheimfrau musste lachen. »So was haben wir, kommt rein.«

Mia und ich entspannten uns etwas. Vielleicht würde die große Befreiung doch noch klappen und dann konnten wir uns endlich wieder auf den Weg zu unseren Eltern machen. Die Frau schloss auf, winkte uns durch einen Eingangsbereich und führte uns dann zu einem Gang, in dem auf beiden Seiten vergitterte Zellen mit je einem Hund darin waren. Die witterten natürlich sofort, dass wir Raubkatzen waren, und fingen an, ohrenbetäubend zu kläffen.

»Ruhe!«, brüllte die Tierheimfrau, doch die Wirkung war die gleiche, als hätte sie »Guten Appetit!« gesagt. Zwanzig Hunde in den verschiedensten Größen und Farben, die alle große Lust auf eine Katzenjagd hatten, fletschten die Zähne, geiferten und bellten sich fast die Lunge raus.

Mia presste die Hände auf die Ohren und wich zurück. Die Tierheimfrau warf ihr einen seltsamen Blick zu. Verdammt, gleich glaubte sie uns nicht mehr, dass wir wirklich einen Hund wollten! Ich zwang mich zu einem Lächeln und machte einen Schritt nach vorne.

»Wie wäre es mit dem hier?«, fragte die blonde Tierheimfrau und zeigte auf einen Schäferhund, der immerhin wedelte, während er bellte. »Er mag Kinder und ist gut erzogen. Ein wirklich hübsches Tier, oder?«

Terry, bist du das?, fragte ich und ein lautstarkes NEIN! kam zurück. Das ist Hugo, er ist ein Fiesling und prahlt immer damit, dass er die Wohnung auseinandernimmt, wenn man ihn allein daheim lässt!

»Ja, ähm, er ist hübsch, aber ich muss, äh, sofort eine Verbindung zu dem Hund spüren und bei dem ist das nicht so«, druckste ich herum.

Gleich kommst du zu mir – na endlich, verkündete Terry und ich betrachtete mit Grausen den schwarzen Dobermann, der mich mit stechendem Blick musterte.

Hier! Hier! Hier!, schrie jemand und erleichtert merkte ich, dass der Ruf aus der Nachbarbox kam. Darin hüpfte ein kniehoher grau-weißer Wuschelball herum.

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