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Zärtliche Küsse in El Zafir

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1. KAPITEL

Penelope Colleen Doyle glaubte nicht an Märchen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich ein Frosch in einen hübschen Prinzen verwandelte, wenn man ihn küsste. Die Männer, die sie küsste, blieben Frösche – oder schlimmer noch – sie verwandelten sich in noch hässlichere Kröten. Als sie jetzt jedoch durch den Königspalast von El Zafir wanderte, wollte sie nur allzu gerne an diese Dinge glauben.

„Sind wir bald da?“

Sie richtete die Frage an ihren Begleiter mit den schwarzen Augen und der olivbraunen Haut.

„Ja, Miss“, erwiderte er mit sanftem Akzent. Er warf einen Blick über seine Schulter. „Wir sind fast da.“

Sie hatte seinen Namen vergessen. Normalerweise verfügte sie über ein ausgezeichnetes Gedächtnis, doch diese Situation war alles andere als normal. Dies hier war El Zafir – ein magisches Land voller Verzauberung und Romantik. Sie befand sich im Königspalast, einem Schloss mit schimmernden Marmorhallen, elegant geschwungenen Türbögen und Räumen, angefüllt mit unendlich kostbaren Möbeln. Und mit verwirrend langen Gängen wie in einem Labyrinth.

Endlich stoppten sie vor einer imposanten Doppeltür aus Mahagoni.

„Dies hier ist der Flügel des Palastes, in dem sich die Büros befinden“, erklärte ihr Führer.

„Gibt es vielleicht einen Plan, mit dem ich mich orientieren kann?“, fragte sie. „Irgendetwas mit einem Kreuz, das sagt ‚Sie sind hier‘ und ein allgemeiner Grundriss der gesamten Anlage?“

„Nein, Miss.“

Der Mann zeigte nicht den Hauch eines Lächelns. Wenn niemand in diesem kleinen, aber aufstrebenden, ölreichen Land einen Sinn für Humor hatte, würden es zwei lange Jahre werden.

Er öffnete die rechte Tür und gab damit den Blick frei auf eine Halle, die mit einem Teppich ausgelegt war, der am Ende in einer T-Form auslief. Wenn sie ihrer geringen Kenntnis von exquisiter Einrichtung trauen konnte, dann musste es ein Berberteppich sein.

„Folgen Sie mir, Miss.“

„Okay.“

Ihr Begleiter durchschritt mehrere Türen, wandte sich dann nach rechts und ging durch eine weitere Tür in ein offenes Büro. Allein dieser Raum war größer als ihre gesamte Wohnung zu Hause.

Er deutete auf ein kleines Ledersofa an der Wand. „Setzen Sie sich. Sie werden in Kürze über Ihre Aufgaben instruiert werden.“

„Von Prinzessin Farrah Hassan?“

„Nein.“

Von wem dann, wollte sie fragen, während sie sich nach einem Hinweis umsah. Sie konnte keinerlei Namensschilder an den Türen entdecken. Dabei würde man doch davon ausgehen, dass ein so reiches Land ein paar Dollars für so etwas würde erübrigen können.

Ohne weitere Erklärung verschwand ihr Führer, und Penelope sah sich weiter neugierig um.

Der Raum war beeindruckend. Vor ihr stand ein imposanter Kirschbaumschreibtisch, derart auf Hochglanz poliert, dass sie ihn als Spiegel für ihre Haare hätte benutzen können. Obwohl sie auch ohne Spiegel keine Schwierigkeiten hatte, ihr taillenlanges Haar in einen einfachen Knoten zu schlingen. Auf dem Schreibtisch befanden sich ein Computer mit Drucker, Scanner und Fax. An der Wand dahinter stand eine Kopiermaschine. Sie fragte sich, ob alle Büros hier so gut ausgestattet waren.

Mit einem müden Seufzer ließ sie sich auf das Sofa fallen. Eine Sekunde später seufzte sie aus einem ganz anderen Grund. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine so behagliche Weichheit gespürt. Wer hätte gedacht, dass Leder nicht kalt war und sich derart luxuriös anfühlen konnte? Sie machte es sich bequem, während sie auf ihre Instruktionen wartete und darum kämpfte, die Augen offen zu halten. Die lange Reise hatte sie doch erschöpft.

Rafiq Hassan, Prinz von El Zafir und Innen- wie Außenminister, öffnete die Tür zu seinem Büro, um einige Dinge mit seinem Sekretär zu besprechen. Der Anblick des leeren Schreibtischs erinnerte ihn jedoch schlagartig daran, dass er keinen Sekretär mehr hatte. Sein Vater, König Gamil, hatte den tüchtigen jungen Mann heute Morgen für sich selbst beansprucht. Allerdings hatte seine Tante Farrah versprochen, ihm einen Ersatz zu besorgen. Während er nach links schaute, entdeckte er eine junge Frau, die auf dem Sofa saß. Wobei es dieser Ausdruck nicht ganz traf. Die Frau hatte sich auf der Ledercouch eher hingefläzt. Sollte das der Ersatz sein?

Er ging zu ihr hinüber und betrachtete sie. Sie trug ein unförmiges, khakifarbenes Kleid, das sie vom Hals bis kurz unterhalb der Knie bedeckte und ihre sehr schlanken Fußgelenke freiließ. Ihre Füße steckten in einfachen, flachen Schuhen. Sie hätte ein Kind sein können, wären da nicht diese sanften Rundungen gewesen, die das Oberteil des wenig schmeichelhaften Kleides auszufüllen schienen. Sie war sehr klein, wie er bemerkte. Leider konnte man das nicht von der altmodischen schwarzrandigen Brille behaupten, die in ihrem ovalen Gesicht saß.

Im Moment brauchte sie diese Brille nicht, denn ihre Augen waren fest geschlossen. Er kam sich vor wie in diesem Märchen, dem von Rapunzel, das er seiner Nichte und seinem Neffen vorgelesen hatte. Ihr Haar war golden, und sie schlief tief und fest.

Er beugte sich zu ihr hinunter und räusperte sich: „Entschuldigung?“

Ihre langen, dichten Wimpern flatterten. Sahen sie nur deshalb so lang und dicht aus, weil die hässlichen Gläser der Brille sie vergrößerten? Wirkten Dinge hinter dicken Linsen enormer? Als sie ihre Lider aufschlug, fragte er sich das erneut, denn er blickte in sehr große blaue Augen.

„Hm?“

„Miss?“

„Hi.“ Sie blinzelte mehrmals, setzte sich dann auf und schaute sich etwas desorientiert im Raum um. Schließlich begegnete sie seinem Blick. „Ich schätze, ich bin nicht mehr in Kansas.“

„Das stimmt.“

Bevor sie ihr Gähnen hinter einer schlanken Hand versteckte, bemerkte er, dass sie sehr weiße, gerade Zähne hatte.

„Sie sind also Amerikanerin?“, fragte er unnötigerweise, denn ihr Akzent verriet sie ganz eindeutig.

„Genau“, antwortete sie. „Komme direkt aus einem Flugzeug aus Texas.“

„Davon habe ich schon gehört.“

Sie lächelte. „Es würde mich auch wundern, wenn es anders wäre. Arbeiten Sie auch hier?“

„Ja.“

„Das muss ein sehr großes Büro sein, wenn es genug Arbeit für zwei Assistenten gibt.“

Assistent? Sie hielt ihn für einen Assistenten? Er öffnete den Mund, um sie zu korrigieren, doch genau in diesem Moment rutschte sie an den Rand des Sofas, dehnte und streckte sich so, dass ihre Brüste verführerisch gegen den Stoff des Kleids gepresst wurden.

„Könnten Sie mir sagen, wo ich eine Tasse Kaffee herbekommen könnte?“, fragte sie, ohne zu bemerken, sie sehr sie mit dieser unbedachten Bewegung ihr Gegenüber aus der Fassung gebracht hatte.

„Ich kann welchen bestellen“, entgegnete Rafiq abwesend, während sein Blick noch immer auf ihrem Busen lag.

„Das wäre wunderbar.“

Er ging zu dem Schreibtisch hinüber und nahm den Telefonhörer ab. „Bringen Sie bitte etwas Kaffee, möglichst stark.“

„Danke.“

Als er wieder zu ihr hinüberschaute, musterte sie ihn eindringlich durch ihre hässliche Brille, und zwar ganz ähnlich, wie er sie betrachtet hatte.

„Stimmt etwas nicht?“, wollte er wissen.

„Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht anstarren. Es ist nur so, dass …“

„Sprechen Sie weiter.“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie werden mich für seltsam halten. Wenn wir miteinander arbeiten werden, wäre das keine gute Basis.“

„Ich verspreche Ihnen, nichts dergleichen zu denken.“ Jetzt war er neugierig geworden. „Warum haben Sie mich so komisch angeguckt? Habe ich eine Warze auf der Nase? Schmutz im Gesicht?“

„O nein, Sie sind sehr attraktiv.“ Sie senkte den Kopf verlegen. „Ich meine, wenn der Rest der Männer in Ihrem Land Ihnen nur halbwegs ähnlich ist …“ Auf ihre Wangen hatte sich eine bezaubernde Röte geschlichen. „Es tut mir leid, ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich das gesagt habe. Es ist nur so – ich hatte ja keine Ahnung. In meinen Recherchen über El Zafir habe ich nichts gesehen in Bezug auf – es tut mir leid. Aber Sie haben gefragt.“

„Ja, das habe ich.“ Ihre erhitzte Art machte ihm klar, dass sie es nicht geplant hatte, das zu sagen. Das Kompliment war ehrlich, originell und auf bezaubernde Weise unschuldig. Er war schon fast bereit, ihr dafür zu vergeben, dass sie ihn für einen Assistenten gehalten hatte.

„Da wo ich herkomme, sind Cowboys der männliche Standard. Die meisten Frauen würden bei Büropersonal nicht an Machos denken. Aber die meisten Frauen waren ja auch noch nicht in El Zafir.“

Er konnte sich nicht entscheiden, ob er sich geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte. Seltsamerweise wollte er jedoch, dass sie weiterredete. „Also sind Sie eine Assistentin?“

Sie nickte, nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Er erwartete, schwarzes Make-up zu sehen, verlaufene Wimperntusche, doch nichts dergleichen geschah. Sie war ungeschminkt, und dennoch sah ihre makellose Haut sehr glatt und sehr weich aus.

„Ich bin erst heute Morgen in El Zafir angekommen“, erklärte sie. „Ich hätte eigentlich schon vor zwei Tagen hier sein sollen, aber die gesamten Flüge aus Nordtexas wurden wegen des schlechten Wetters verschoben.“

„Und was führt Sie hier her, Miss …?“

„Doyle. Penelope Colleen Doyle. Sie können mich Penny nennen.“

„Penny“, murmelte er langsam vor sich hin. Es war derselbe Name, den man auch der niedrigsten amerikanischen Geldmünze gegeben hatte.

„Ich wurde von Prinzessin Farrah Hassan eingestellt. Haben Sie sie schon einmal getroffen?“

Um seine Mundwinkel zuckte es, doch er unterdrückte ein verräterisches Lächeln. „Ein- oder zweimal.“

„Sie ist die Schwester des Königs. Ich soll ihre Assistentin werden.“

„Wann haben Sie die Zusage dafür bekommen?“

„Vor einem Monat.“

„Und Sie sind gerade erst angekommen?“

Sie nickte. „Ich musste meine Wohnung untervermieten und meine Sachen lagern.“

Sie sah sehr jung dafür aus, dass sie schon alleine lebte. „Wie alt sind Sie?“, fragte er neugierig.

Sie hob eine Augenbraue. „Wenn Sie eine solche Frage in den Staaten stellen, können Sie in Schwierigkeiten geraten. Es gilt als politisch nicht korrekt, eine Frau nach ihrem Alter zu fragen.“

„Ich kenne mich aus mit Politik.“ Und mit Frauen, fügte er innerlich hinzu. „Sie sehen zu jung aus, um …“

„Ich bin zweiundzwanzig.“ Sie setzte sich aufrechter hin. „Nicht, dass es Sie etwas anginge, aber ich habe einen Abschluss in Kindererziehung und Betriebswirtschaft. Beides mit Auszeichnung. Ich brauchte einen Job. Mit gutem Gehalt. Ich war bei einer exklusiven Agentur, die Kinderbetreuung für reiche Familien vermittelt. Nachdem sie sich meine Qualifikationen und Fotos angesehen hatte, wählte die Prinzessin mich aus, unter mehreren anderen. Laut der Agentur suchte sie ein schlichtes, unscheinbares Kindermädchen.“

„Tatsächlich?“

„Ich habe mich nicht getraut zu fragen, aber was glauben Sie, warum hat die Prinzessin ausdrücklich nach jemandem mit diesen Eigenschaften gesucht?“

Es gab keinen Grund, warum er ihr verraten sollte, dass er daran schuld war. „Ich habe keine Ahnung.“

Sie zuckte die Schultern. „Ich auch nicht. Aber ich war mir sicher, dass ich den Qualifikationen entsprechen würde und genau das war, wonach sie suchten.“

„Ich verstehe.“

„Ich gehe sehr praktisch ans Leben heran. Es ist das Beste, sich mit den Fakten abzufinden und nicht an Märchen zu glauben. Meinen Sie nicht auch?“

Er wusste nicht, was er antworten sollte. Es war wohl besser, das Thema zu wechseln. „Sie hatten also ein Vorstellungsgespräch bei meiner – bei der Prinzessin?“

„Ja, man hat mir ein Ticket für den Flug nach New York zugeschickt. Es war das erste Mal, dass ich in einem Flugzeug gesessen habe. Sehr aufregend. Aber es gab ein Problem.“

„Nämlich?“

Die Tür öffnete sich, und eine weibliche Angestellte schob einen kleinen Wagen mit einem teuren Porzellanservice und einer silbernen Kaffeekanne herein. „Vielen Dank, Salima.“

„Gern geschehen, Euer …“

„Stellen Sie es beim Schreibtisch ab“, unterbrach er sie rasch. „Ich kümmere mich darum.“

„Jawohl.“ Sie knickste leicht und verschwand aus dem Raum.

Penny beobachtete sie mit großen Augen. „Wow. Ist hier jeder so ehrerbietig? Da könnten wir in den Staaten uns einiges abgucken. Sie müssen mir helfen. Ich möchte niemanden beleidigen. Wenn ich irgendetwas Respektloses tue, dann nehmen Sie mich bitte beiseite und sagen es mir.“

„Sie sind Amerikanerin“, erwiderte er, als wenn das Antwort genug wäre. Dann wandte er sich der Kaffeekanne zu und schenkte eine Tasse ein.

„Milch oder Zucker?“

„Schwarz, bitte.“

Er reichte ihr die Tasse. „Wovon sprachen Sie gerade?“

Sie nahm einen Schluck und überlegte einen Augenblick. „Oh, ja. Ich war in New York, um die Prinzessin zu treffen. Und wissen Sie, was passiert ist? Mein Flug hatte Verspätung.“

„Schlechtes Wetter in Nordtexas?“

Sie nickte. „Sie hören wirklich gut zu. Außerdem herrschte in New York unglaublicher Verkehr. Als ich endlich in der Suite ihres Hotels ankam, hatte sie schon jemand anders eingestellt.“

„Ein unscheinbares Kindermädchen?“

„Ja.“ Sie runzelte die Stirn. „Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, warum das ein Kriterium für eine Einstellung sein sollte. Aber wie dem auch sei, die Prinzessin war so nett und verständnisvoll. Sie hat mich zum Mittagessen eingeladen, und spätestens beim Nachtisch hatten wir ein richtiges Frauengespräch.“

Ein Frauengespräch?“

„Sie wissen schon. Wenn Frauen sich Dinge erzählen, die sie einander näher bringen.“

„Ah. Beim Nachtisch sagten Sie?“

Sie nickte erneut. „Es gab Kaffee und köstliche Schokolade. Sehr lecker. Wie auch immer, sie mochte mich, und sie brauchte eine Assistentin. Also hat sie mich eingestellt. Außerdem war das Angebot so verlockend, dass ich nicht widerstehen konnte. Aber schließlich wissen Sie ja, wie gut ein Job im Königspalast von El Zafir bezahlt ist.“

„Das weiß ich in der Tat.“

„Kost und Logis ist auch noch inklusive.“

„Ein wirklich gutes Angebot.“

„Das können Sie laut sagen – Wie war noch mal Ihr Name?“, fragte sie, während sie einen weiteren Schluck Kaffee trank. „Wie unhöflich von mir, ihn zu vergessen. Ich kann zu meiner Entschuldigung nur hervorbringen, dass ich wirklich müde bin.“

„Ich habe meinen Namen nicht erwähnt.“

Sie gefiel ihm. Für eine Frau, die erschöpft war, verfügte sie über eine erstaunliche Menge Energie. Ausgeruht würde sie der reinste Wirbelwind sein. Er konnte es sich nicht verkneifen, sich zu fragen, ob ihre Dynamik nur der Arbeit galt. Oder ob sich das auch auf ihr Privatleben ausstreckte – bis zu dem Mann in ihrem Leben.

„Sie sehen mich ganz seltsam an. Habe ich Schmutz im Gesicht? Eine Warze auf der Nase?“, neckte sie ihn.

„Ganz und gar nicht.“

„Also, wie heißen Sie? Da wir wohl zusammen arbeiten werden, wäre es vielleicht ganz günstig, wenn Sie ihn mir nennen würden.“

Er räusperte sich. „Ich bin Rafiq Hassan, Prinz von El Zafir, Innen- und Außenminister.“

Entsetzt ließ sie die Tasse fallen, sah ihn erschrocken an und öffnete langsam den Mund – aber es kam kein Wort heraus. Ein wahrer Sieg. Er hatte sie endlich sprachlos gemacht.

Rafiq klopfte an die Tür, die zu der Suite von Prinzessin Farrah führte. Auf ihr gedämpftes „Herein!“, trat er ein. Seine Schritte klackten auf dem glatten Marmorboden des Foyers, während er ins Wohnzimmer ging, dessen komplett verglaste Fensterfront einen atemberaubenden Ausblick auf das Meer bot.

Er blieb neben dem cremefarbenen Sofa stehen und blickte auf seine Tante hinab, die einige Papiere um sich herum ausgebreitet hatte. „Ich würde gerne mit dir reden, Farrah.“

„Natürlich. Worum geht es, Rafiq?“

„Um Penny.“

Sie lächelte, und die Jahre schmolzen dahin. Seine Tante, in ihren Fünfzigern, war immer noch eine attraktive und lebhafte Frau. Ihr dunkles Haar fiel in elegantem Schnitt auf den Kragen ihres maßgeschneiderten Chanel-Kostüms.

„Sie ist wundervoll, nicht wahr?“

„Nun, sie ist so einiges.“

„Warum? Was stimmt denn nicht?“, fragte sie stirnrunzelnd. Sie legte ihre Arbeit zur Seite.

„Sie ist auf der Couch in meinem Büro eingeschlafen.“

„Das arme Ding. Zu ihrer Verteidigung muss ich allerdings hervorbringen, dass das wirklich eine bequeme Couch ist.“ Sie schüttelte mitfühlend den Kopf. „Eine anstrengende Reise. Man hat mir gesagt, dass das Kind darauf bestanden hat, ihre Arbeit zum vereinbarten Termin zu beginnen. Sie wollte nichts davon hören, das Ganze auch nur um einen Tag zu verschieben.“

„Ich möchte, dass sie geköpft wird.“

„Das ist sicherlich eine angemessene Strafe für ihren Einsatz und ihre Hingabe.“

„Ich habe einen Scherz gemacht.“

„Das freut mich zu hören.“ Farrah lachte. „Die Regierung hat diese Art der Bestrafung schon vor etlichen Jahren abgeschafft, bereits vor meiner Geburt.“

„Es wäre sowieso wesentlich sinnvoller, ihr die Zunge herauszuschneiden.“ Rafiq lief nervös hin und her. „Ja, eine exzellente Idee, wenn ich mir das so überlege. Die richtigen Konsequenzen für ihr Verbrechen.“

„Nun, mein lieber Neffe, welches Verbrechen hat sie denn begangen?“

„Sie ist …“ Er unterbrach sich, unfähig, die richtigen Worte zu finden, um seine Gefühle zu beschreiben. „Eine Frau.“

„Aha“, murmelte seine Tante, als wenn das alles erklären würde. „Sie verwirrt dich.“

„Ganz sicher nicht. Ich habe niemals eine Frau getroffen, die ich nicht verstehen konnte.“ Das war nur eine kleine Lüge. Er hatte niemals eine Frau getroffen, die er nicht verstand. Bis heute.

„Dann gefällt sie dir.“

„Unsinn.“ Er schüttelte den Kopf und blickte durch die Balkontüren auf die großzügige Terrasse. „Das ist ja absolut lächerlich.“

„Rafiq, warst du jemals verliebt?“

Er wusste nicht, wie er auf diese Frage antworten sollte. Natürlich hatte es schon viele Frauen gegeben, die ihn irgendwie gereizt, manchmal sogar bezaubert hatten. Aber verliebt?

„Was soll das, Farrah? Wenn die Zeit reif ist, werde ich mir eine geeignete Frau suchen und heiraten. Mehr kann man doch wohl nicht verlangen. Und was jetzt diese kleine Amerikanerin anbelangt …“

„Penny. Ich habe sie als erfrischend natürlich in Erinnerung. Aber es ist wahrscheinlich ganz gut, dass sie dir nicht gefällt.“

Er drehte sich zu ihr um und wappnete sich gegen den wissenden Ausdruck auf dem Gesicht seiner Tante. Er erinnerte sich daran, dass sie eine Frau war, älter als er, ein geliebtes Mitglied seiner Familie und dass sie seinen Respekt, seine Ehrerbietung und seinen Schutz verdiente. Der Funke in ihren Augen ließ ihn sich allerdings fragen, ob es nicht er war, der Schutz brauchte.

„Warum ist es dir so wichtig, was ich von ihr halte? Sie ist eine kleine, unbedeutende junge Frau aus Texas.“ Er verschränkte die Hände auf dem Rücken. „Penny. Sogar ihr Name ist unbedeutend.“

„Kennst du das Sprichwort: ‚Finde einen Penny, steck ihn ein, und du wirst den ganzen Tag Glück haben‘?“

Er bemerkte das amüsierte Funkeln ihrer schwarzen Augen, während sie leise hüstelte. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er den Eindruck gehabt, dass sie über ihn lachte.

„Geht es dir gut?“, erkundigte er sich irritiert.

„Mir geht es wunderbar.“

„Gibt es dafür einen besonderen Grund?“

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