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Ziemlich beste Mütter

Über Hanna Simon

Hanna Simon, 1970 in Bielefeld geboren, arbeitete lange Zeit als Projektleiterin. Deswegen schafft sie es auch immer, die großen und kleinen Familienkatastrophen zu ignorieren, abzuwenden oder aufzufangen – und das meistens sogar fast perfekt. Mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen lebt sie in der Nähe von Frankfurt am Main.

Informationen zum Buch

Wir können alles – außer Männer

Marie zieht nach Berlin, als der Vater ihres Sohns ihr nach 6 Jahren und 24 Quartalsbeziehungen eröffnet, dass er die Winter-Freundin heiraten wird. Aber auch hunderte Kilometer von ihm entfernt ist das Leben nicht leicht. Florians Einschulung ist die Schulhof-Version von Hölle: nur überehrgeizige Super-Mamis. Gut, dass es da noch Alexa, Katrin und Olivia gibt. Zusammen kann man wunderbar die anderen perfekt sein lassen. Aber gelingt es ihnen auch, Katrin bei ihrem Kinderwunsch zu unterstützen, Alexas Bindungsangst zu besiegen, die Mobbing-Attacken gegen Florians Lieblingslehrerin abzuwenden und vor allem: für Marie endlich eine neue Liebe zu finden?

Witzig, authentisch und mit hohem Identifikationspotential: vier Frauen unter Übermüttern

1. Kapitel

Mona Lisa

(Öl auf Pappelholz, 1503, Leonardo da Vinci)

»Hallo? Alles in Ordnung?«

Marie drehte sich zu dem Mann um, der ihr einen Becher mit dem knallbunten Emblem der Friedrich-Gottlieb-Klopstock-Grundschule reichte.

»Bitte?« Marie war irritiert.

»Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen. Ach, warten Sie, Sie wollten Ihren Kaffee ja mit Milch. Zucker gibt es hier leider nicht.« Er nahm ihr den Becher aus der Hand und hantierte mit einer dunkelbraunen Glasflasche.

Marie nickte etwas eckig. Sie strich eine Strähne ihres lockigen Haares hinter das Ohr und anschließend ihre Bluse glatt.

»Und?«, fragte der Mann weiter und strahlte sie an, als wäre Kaffeeverkauf auf einem Schulhof seine wahre Erfüllung.

»Bitte?« Sie mochte ihn schon jetzt nicht. Und schon gar nicht seine offenherzige Art, sie auszufragen.

»Heute Einschulung?«

»Ja, richtig. Mein Sohn wird heute eingeschult.« Marie nahm zum zweiten Mal den Becher entgegen.

»Wie schön! Willkommen an unserer Schule! Und der Mann da?« Er deutete auf den gutaussehenden Hünen, der gerade dem weißen Aston Martin mit britischem Kennzeichen entstieg und dessen Erscheinen Marie derart erschreckt hatte, dass es offensichtlich allen Umstehenden aufgefallen war. Sie räusperte sich und strich sich wieder eine Locke hinters Ohr, die da einfach nie bleiben wollte.

»Ihr Exmann, richtig?«

Marie spürte den Drang, weit, weit wegzulaufen. Vor dem Mann mit dem Kaffee – aber auch vor dem Aston Martin, zu dem sie jetzt wie unter Zwang hinüberschaute. Der Blick des Kaffeemannes folgte dem ihren, und so wurden sie gemeinsam Zeuge, wie eine bildschöne junge Frau in einem zitronengelben Etuikleid ausstieg.

»Hatten ihn wohl nicht hier erwartet, was? Und der bringt auch noch seine Neue mit.«

Marie nahm einen großen Schluck Kaffee, murmelte ein Danke und drehte sich um.

Bloß schnell weg von dieser Nervensäge.

»Trösten Sie sich, meine Exfrau geht mir auch immer auf die Nerven, das ist ganz normal«, rief er ihr hinterher.

Marie beschleunigte ihren Schritt, weg von dem Stand hinüber zu einer alten Linde. Sie war gleichzeitig wütend und verzweifelt.

»Zucker macht nicht glücklich«, sagte plötzlich eine verschüchterte Stimme hinter ihr. Marie drehte sich um. Ein kleines Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, stand vor ihr, es trug ein T-Shirt mit einem kariösen Zahn darauf und hielt ihr einen Zettel hin. »Zucker macht nicht glücklich«, wiederholte es nun deutlich leiser. Marie nahm das zerknitterte Infoblättchen über gesunde Ernährung mit einem zerstreuten Kopfnicken entgegen.

»DIE ZUCKERPOLIZEI RÄT: KEINEN ZUCKER AM MORGEN! KEINEN ZUCKER AM ABEND!«, stand da in riesigen Lettern oben auf dem fotokopierten Faltblatt. »SCHMERZEN UND KARIES! ZUCKER GEFÄHRDET DIE GESUNDHEIT!« Es klang wie die Hinweise auf Zigarettenpackungen. Marie fuhr sich reflexartig mit der Zunge über ihre Schneidezähne.

»Handys machen nicht glücklich«, sagte nun eine andere, allerdings sehr dumpf klingende Stimme. Neben das Mädchen war ein großes Plüschhandy getreten, aus dessen Tastatur ein knallrotes, verschwitztes Gesicht linste. Wieder wurde Marie ein Flyer gereicht, dann trollten sich das Handy und der kariöse Zahn.

»UNSERE KINDER MÜSSEN GESCHÜTZT WERDEN! HANDYS MACHEN AGGRESSIV!«, stand da. Ein sehr böses Handy war darauf zu sehen, das mit einem Maul voller spitzer Zähne das Hirn eines Strichmännchens verspeisen wollte.

»Oh, Himmel!«, entfuhr es Marie. »Sind die alle hier so drauf?«

Das Plüschhandy und der unglückliche Zahn verbreiteten ihre furchteinflößenden Prophezeiungen derweil woanders. Marie musste kurz lächeln, als das plüschige Handy seinen Flyer einem Mann zusteckte, der gerade eifrig dabei war, seine Familie beim Warten auf die i-Männchen mit dem Smartphone zu filmen.

Irgendwie ein interessanter Gedanke, überlegte Marie. Was genau würden unsere strapazierten Zähne eigentlich zu uns sagen, wenn sie könnten? Über das, was wir essen und wie wir es essen. Und darüber, dass manche Leute offenbar meinten, ihr Lächeln müsse ein Alptraum in gebleachtem Hyperweiß sein? Oder die Handys, nachdem wir den ganzen Tag auf seinem Bauch rumgedrückt haben? Vielleicht: Ruf mich nicht an – ich ruf dich auch nicht mehr an?

Marie atmete durch und erinnerte sich wieder an ihr eigentliches Problem: Constantin war hier. Und mit ihm seine Verlobte Viola.

Marie hasste diesen seltsamen Gefühlswirrwarr, in den sie immer geworfen wurden, wenn sie auf den Vater ihres Kindes traf. Diese Mischung aus unüberlegter Freude und fiesem Schreck.

Warum hatte er sie denn nicht vorgewarnt? Er schrieb ihr doch sonst alles. Aber daran war sie wahrscheinlich selber schuld. Schließlich wusste er nichts vom Schrecken. Genauso wenig wie von der Freude. Wie viel weiter hätte sie eigentlich noch von ihm wegziehen müssen, damit genau solche Situationen nicht mehr passierten? Sie nippte an ihrem Kaffee und schaute auf die fotokopierten Flyer.

Was genau war von einer Schule zu halten, die die neuen Schüler derart bildgewaltig begrüßte? Bunte Horrorbilder? War nicht das Erwachsenenleben schlimm genug? Musste man schon so früh mit dem Fürchten beginnen?

Eigentlich sollte ich darüber lachen, dachte sie matt, wenn da nicht das Gefühl wäre, dass sie das alles vielleicht zu sehr auf die leichte Schulter nahm. War sie etwa zu fahrlässig in der Erziehung ihres Sohnes Florian?

»Irgendwie sehr skurril das Ganze hier«, flüsterte sie in den Kaffee. Skurril war ein äußerst treffender Ausdruck.

Schon die gestrige Veranstaltung war definitiv einer der skurrilsten Infoabende gewesen, die Marie je besucht hatte. Eigentlich war sie nur hingegangen, um ein bisschen Anschluss zu finden. Erst vor einem Monat war sie aus München hier in Berlin angekommen und kannte niemanden.

In der holzgetäfelten Aula der altehrwürdigen Schule hatten sich die Eltern aller vier ersten Klassen versammelt. Gut gekleidete Menschen, ernst und offenbar bestens untereinander vernetzt. Das lokale Maximum an Diskutierfreude, Kritikbereitschaft und Kennerschaft in allem, was die Erziehung so hergibt.

Für Marie klang es, als gebe es einen regelrechten Schwarzmarkt für die Handynummern der besten Kindermädchen, der besten Nachhilfelehrer (jetzt schon Nachhilfe?), aber auch für die Notfallnummern des Direktoriums. Marie hörte von irgendwoher eine Forderung nach Pausen-Yoga, um Haltungsschäden vorzubeugen.

»Was darf in die Schultüte, Karen? Da dürfen doch keine Süßigkeiten rein?«, fragte die Frau, die gerade Marie überholte auf der Suche nach einem freien Platz im Publikum.

»Keinesfalls! Ich werde eine elektrische Zahnbürste hineinlegen. Da wird sich der Lukas bestimmt freuen! Und natürlich ist die Schultüte kompostierbar!«

»Selbstverständlich!«

Marie beschlich ein leichtes Unwohlsein.

Diese Mütter schienen offenbar seit Generationen die besten Nachbarn, erfahrene Gesundheitsapostel und Erziehungsexperten zu sein und kannten jeden Lehrer beim Vornamen. Marie kannte nicht mal genau den Namen von Florians Klassenlehrer! Diese Übermacht an mütterlichem Wissen hier schien schon bei der Anmeldung nicht nur alle Namen von Freunden, sondern auch alle in Frage kommenden Lehrern angegeben zu haben. Durfte man das? Und wenn ja, wo?

Marie fühlte sich augenblicklich im Nachteil und etwas ausgeschlossen. Sie hatte sich in eine der hinteren Stuhlreihen gesetzt, um die Leute ungestört zu beobachten. Hier konnte sie sich auch in Ruhe darüber ärgern, dass sie ihr altes Lieblingskleid angezogen hatte. Hier trug man eindeutig Businesskleidung. Die Männer trotz Wärme Sakko, die Damen Hosenanzug, als wollten sie allesamt in die Politik gehen. Kinder sind Chefsache.

»Ich bestehe auf biodynamischem Essen in der Schulkantine! Sonst nehme ich unseren Tillmann gleich wieder von der Schule!«, ereiferte sich einer der Hosenanzüge.

»Wir sollten ein Probeessen arrangieren!«

»Du sagst es, meine Liebe!«

»Oh, wenn man nicht alles hinterfragt!«

»Ja, immer am Ball bleiben, sonst sind unsere Kinder die Leidtragenden.«

»Schlechtes Essen, schlechte Bildung, sag ich nur!«, grummelte ein Vater dazwischen. Die Umstehenden nickten todernst. Man setzte sich zum Glück weit weg von Marie.

Die atmete halbherzig durch. Dieses nahezu hysterische Gehabe war ihr fremd. Im heimatlichen Kindergarten war alles noch so locker gewesen, die anderen Mütter waren entspannt, das Essen solide, und die Eltern kamen gut aus mit den Erzieherinnen. Hier jedoch klang es, als wappneten sich die Eltern für eine pädagogische, biodynamische Schlacht gegen den Lehrkörper.

»Wir müssen da aufpassen! Sonst sind unsere Kinder sofort abgehängt! Keine Bildung, kein Job. Arbeitslos und drogenabhängig. Sofort.«

Himmel! Abgehängt von was? Ob Zucker schon eine Droge ist in Berlin?

Marie war ratlos. Lange hatte sie sich nicht mehr so alleine gefühlt. Ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, als Alleinerziehende nach Berlin zu kommen? Was hatte sie sich bloß dabei gedacht! In eine so große Stadt, voller unbekannter Unwegsamkeiten und vor allem voller Berliner Mütter! Hilfe!

Sie hatte nicht einmal geahnt, was für eine Bürde das ist, Kind zu sein. Und welche heroischen Herausforderungen an eine Mutter gestellt würden.

Na ja, seufzte sie. Vielleicht haben die hier alle ja einfach einen gewaltigen Dachschaden? Oder bin ich eine schlechte Mutter? Unfähig, nicht vorausschauend genug, uninformiert, leichtsinnig! Jetzt beruhige dich, Marie! Flos Schulalltag hat nicht mal angefangen, und die dreht schon durch! Ruhe, setzen!

»Aus dem Kaufhaus? Das ist nicht dein Ernst? Nein!«, echauffierte sich eine Dame in Schweinchenrosa linker Hand in der Reihe vor ihr.

»Ich sage es dir, Uschi, manche kaufen das dort!«

»Aber doch nicht im Kaufhaus! So was Lebenswichtiges kann man doch nicht von der Stange kaufen!«

»Wenn ich es dir doch sage! Ich hab es selbst gesehen!« Hatten die beiden sich etwa nach ihr umgeblickt?

»Wo sind wir denn? Das kann doch nicht wahr sein! Wie im Mittelalter! Haben die Leute denn keinen Anstand! Das hier ist schließlich eine Privatschule!«

Marie hatte eine Weile gebraucht, um herauszubekommen, um was es den beiden Damen überhaupt ging.

»Der Schulranzen ist das A und O! Da trennt sich die Spreu vom Weizen, meine Liebe!« Beide nickten, und ihre Frisuren schwangen fröhlich mit.

Marie zupfte an ihrem Pferdeschwanz, während sie mit wachsendem Unbehagen den Ausführungen der beiden lauschte. Sie konnte einfach nicht weghören. Es war wie ein akustischer Unfall, dem man einfach weiter zusehen musste. Die Mütter erklärten sich gerade gegenseitig, wie wichtig es für die weitere Karriere war, dass ein Kind einen ergonomischen Schulranzen im Gegenwert eines Kleinwagens jeden Morgen in der Schule spazieren führte.

Maries Stimmung sank stetig. Nur vage kam ihr noch der Einwand in ihren Sinn, dass sich diese Damen vielleicht selber viel wichtiger nahmen als die Zukunft ihrer Kinder. Immer mehr beschlichen Marie mütterliche Versagensängste. Hatte sie jemals so viele Fragen gestellt, geschweige denn war überhaupt auf solche Probleme gekommen, damit diese schier unlösbar diskutiert werden konnten? War sie überhaupt kompetent genug als begleitendes Personal? Fehlte ihr nicht komplett die Befähigung zur Mutter?

Marie hatte Florian vor ein paar Tagen einfach den Schulranzen gekauft, den er am tollsten fand. Einen mit einem riesigen roten Auto drauf. Sie hatte weder überprüft, ob die enthaltenen Buntstifte ungiftig (er würde die doch nicht essen!?) waren, die Wachsmalstifte ergonomische Halterungen hatten oder die Hefte aus naturgebleichtem Zellstoff bestanden (der Baum, aus dem sie gemacht waren, war ohnehin tot!).

Sie hatte nicht mal Florian zu irgendeinem Frühförderkurs angemeldet. Sie hatte keinen Zettel mit AG-Wünschen dabei, nichts! Sie war völlig unvorbereitet zu diesem Infoabend gekommen, weil sie dachte, sie würde hier informiert und nicht, dass sie schon alles wissen musste!

Und die Schultüte hatte Maries Mutter gekauft. Auch was mit Autos drauf. Einfach so gekauft. Himmel!

Verzweifelt suchte Marie in ihrer Handtasche nach etwas, auf dem sie sich Notizen machen konnte. Alle hatten etwas zum Notieren mitgebracht. Manche Männer hielten sich das obligatorische Riesensmartphone vor die Nase, um einerseits das Weltgeschehen nicht aus den Augen zu verlieren, andererseits gleich notwendige Arbeitsaufträge zu generieren.

Nach erfolgloser Suche gab sie entnervt auf, den Anschein zu erwecken, als hätte sie Ahnung vom Muttersein.

Nachdem die sie umzingelnden Eltern sich untereinander zu Ende begrüßt, ihr großes Engagement bezüglich der schulischen Laufbahn ihrer Kinder wortreich bekundet und ihren Platz eingenommen hatten, wurde es etwas ruhiger im Saal. Schließlich trat der Rektor in einem zitronengelben Talar ans Mikro und breitete die Arme aus, als wolle er alle Väter und Mütter einfangen.

»Ich heiße Sie ganz herzlich willkommen, liebe Eltern, zu diesem ganz besonderen Infoabend! Mein Name ist Kaspar, und ich werde Ihnen hoffentlich heute die großen Sorgen, die Sie nun erfüllen, da Ihre Kinder den großen Schritt in den Ernst des Lebens tun, nehmen können!«

Während Marie den freundlichen und vor allem beruhigenden Begrüßungsworten lauschte, bemerkte sie, wie drei junge Frauen sich noch eilig freie Plätze suchten und sich schließlich kichernd direkt in die Reihe hinter Marie setzten.

Wow, dachte sie augenblicklich erfreut. Mütter, die kichern!? Vielleicht ist Schule ja doch nicht der Höllenschlund, der sie gerade zu sein scheint!

Das Kichern hinter ihr wurde nun unterbrochen von leisem Getuschel oder dem Geräusch von Bonbonpapier. Marie hätte alle ergonomischen Schulranzen der Welt dafür gegeben, wenn jemand ihr mal was zuflüstern würde, das sie zum Lachen brachte.

Rektor Kaspar schlug sich tapfer. Geduldig machte er einem hochgradig alerten Elternpaar, das ihn mit atemlosen Fragen zu Schulessen und Zusatzlernangeboten bestürmte, klar, wie gut es wäre, wenn man ihn erst einmal aussprechen lassen würde. »Liebe Eltern, stellen wir erst einmal Ihre Fragen zurück, vielleicht wird sich ja das eine oder andere bereits von selbst klären!«

Grummeln war die Antwort. Es klang, als wären die Resteltern über den kecken Vorstoß der beiden entrüstet – weil sie selber nicht darauf gekommen waren.

Der Rektor war ein älterer Herr, der ein bisschen aussah, wie sich Marie John Lennon mit sechzig Jahren vorgestellt hätte. Gerade als sie sich etwas entspannte und dachte, das würde jetzt doch alles nicht so schlimm, erhob sich eine dürre Dame und trat energisch ans Mikro.

»Oh, Gott, die Rasenfeld!« zischelte es hinter Marie.

»Ja, stimmt. Die ist doch Schulelternbeirätin. Die lässt echt nichts aus, um sich wichtig zu machen.«

»Verdammt, ich dachte, die seien wir jetzt endlich los.«

»Warum ist die denn hier?«

»Ihre Benedicta wird auch hier eingeschult. Aber in der sechsten Klasse ist noch ihre Cheyenne und in der dritten … den Namen habe ich einfach vergessen.«

»Wie viele Kinder hat die denn?«

»Fünf!«

»Fünf? Wer glaubt sie denn, wer sie ist? Ursula von der Leyen? Jemand sollte ihr mal einen Orden verleihen. Die goldene Plazenta oder so.«

Marie drückte sich schnell die Hand auf den Mund, sonst hätte sie laut losgelacht. Zu gerne hätte sie sich umgedreht, aber es schauten sich zu viele Eltern um und zischelten böse über diese Störungen.

Eine der weiblichen Stimmen hinter ihr klang anders als die anderen. Das I war sehr hoch und klar, das O und das A erstaunlich tief. Das H klang wie ein Ch.

Frau Rasenfeld breitete gerade ihre knochigen Arme aus. »Guten Abend, liebe, liebe Eltern unserer schönen Privatschule! Willkommen, liebe Klopstöcker!«, brüllte sie ins Mikro, ihr Gesicht zu einem selbstzufriedenen Lachen verzogen. Wie eine Spinne mit prallgefülltem Einkaufsnetz. Das Publikum starrte die Elternbeauftragte sprachlos an.

»Meine Name (Pause und lautes Luftholen) ist Carola Rasenfeld, und ich bin die Schuleltern-(Pause)-beirätin. Wir sagen SEBlerin. Ich bin da, um Ihnen die Sorgen etwas zu erleichtern, die Sie nun aus gegebenem Anlass, (Pause, leichtes Kopfnicken) dem Schulstart Ihrer Goldstücke, zu recht (Finger in die Höhe streckend) haben!«

»Die hat nicht wirklich Klopstöcker gesagt oder?«

»Hat sie.«

»Die Frau hat doch einen Klopstock zu fest auf den Kopf bekommen.«

»Ausgerechnet Klopstock. Der war doch so empfindsam. Wenn der das wüsste.«

Kichern.

»Schscht. Ruhe, ich verstehe ja kaum was!«, zischelte eine Mutter vor Marie erzürnt nach hinten.

»Ruhe? Wieso Ruhe? Wer muss da zuhören? Die Rasenfeld ist ja NOCH schlimmer als letztes Jahr im Kindergarten! Was genau wird sie uns schon sagen können, außer dass die Schule anfängt! Mehr ist nicht! Alles gut!«

Die Frau, die sich beschwert hatte, schien es zu bedauern, diesen zischelnden Wutanfall ausgelöst zu haben.

Marie platzte fast vor Neugierde, wer da hinter ihr saß.

Vorn am Mikro schien sich Frau Rasenfeld gerade erst richtig warmgeredet zu haben. Alles wirkte sehr professionell, so als mache sie es nicht zum ersten Mal. Sie hatte sogar kleine Kärtchen dabei, auf denen Stichworte standen, die sie nach und nach abarbeitete.

»Sie können mich jederzeit telefonisch erreichen. Nur nicht nach 22 Uhr und am Freitag, Samstag oder Sonntag. Da gehöre ich ganz meiner Familie!«

Marie fragte sich, warum es notwendig war, dass diese Frau fast sechzig Stunden die Woche für Fragen der Eltern bereitstand. Was mochten das bloß für Fragen sein? Und warum fragte man nicht gleich den Lehrer?

»Ich weiß ja, wie das ist, wenn man so eine Last zu tragen hat! Aber ich begleite Sie und sende Ihnen regelmäßig Mails zu den Themenbereichen: Unterricht, Erziehung, Lernangebote, Ausflüge, Events, Diskussionsrunden und sehr, sehr viel mehr!« Das klang definitiv nach Drohung. Frau Rasenfeld hielt ein Blatt hoch, auf dem die Eltern wohl ihre E-Mail-Adressen eintragen sollten. Überall wurden eilfertig Kugelschreiber gezückt. Niemand wollte uninformiert bleiben.

Marie starrte mit einer Mischung aus Entsetzen und unverhohlener Bewunderung dafür, sich derart uneingeschränkt wichtig zu finden, auf Frau Rasenfeld. Sie war vielleicht Mitte vierzig, sehr schlank, mittelgroß, wirkte gut gekleidet in einem hellbraunen, engen Leinenkleid. Sie hatte rote Haare, natürlich den praktischen Kurzhaarschnitt, dazu trug sie eine Brille, deren Designer nichts davon hielt, Sehhilfen dezent zu gestalten. Interessanterweise fand Marie alle Einzelheiten durchaus geschmackvoll. Selbst die Brille, denn sie gab der Frau offensichtlich den gewünschten Anstrich von Autorität.

Aber das Gesamtbild war erstaunlicherweise eine Katastrophe! Wie konnte man nur so antiseptisch wirken! Nichts an ihr schien echt und nichts sympathisch. Und die Art, wie sie zu organisieren imstande war, machte Marie eines deutlich: Diese Frau würde sich in alles einmischen, was die Schule betraf, und sich damit in Maries und Florians Leben drängen.

Marie legte kurz den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.

Oh, Mist! Das hat mir echt noch gefehlt! Wäre ich nur nicht so alleine hier. Wie soll ich denn bei diesen hysterischen Eltern jemanden finden, der wenigstens ein bisschen so denkt wie ich. Oder zumindest genauso überfordert ist wie ich?

»Das ist gruselig, oder?«, zischelten sich die Frauen hinter Marie zu, als hätten sie ihre Gedanken gelesen.

»Liebe Eltern! Liebe Klopstöcker! Wir sind hier alle eine große Familie!«, wurden sie von vorn übertönt, und Marie ergriff ein diffuser Wunsch nach Auswanderung.

»Oh, echt! Das IST gruselig!«, wisperte es, und Marie musste lächeln.

Frau Rasenfeld schien gerade erst auf Betriebstemperatur zu kommen: »Und wie es in einer Familie nun mal so ist, stützen die Stärkeren die Schwächeren! Und da komme ich zu meinem Hauptthema. Dem Zucker, der Geißel der Zivilisation!«

»Zucker ist die Geißel der Zivilisation? Das überrascht mich, ich dachte Hunger und Krieg?«

Wieder musste Marie grinsen. Blöderweise schaute Frau Rasenfeld sie in genau dem Moment an. Sie strahlte, offenbar glaubte sie, in ihr eine Schwester im Geiste gefunden zu haben, denn sie nickte ihr verschwörerisch zu.

»Ich sehe schon, viele sind hier, die so denken wie wir, und da bin ich sehr, sehr dankbar. Wir Klopstöcker helfen den neuen Kindern mit unserer frisch installierten Zuckerpolizei, den richtigen, den ungezuckerten Weg zu gehen. Das ist ein sehr, sehr großer Spaß für alle!« Sie lachte staubtrocken, bevor sie zu einer zwanzigminütigen Hasstirade gegen alles Süße ansetzte: »Zucker macht dumm, Zucker macht krank, Zucker macht Karies, Zucker macht sehr, sehr aggressiv.«

Als sie schließlich vor lauter Anstrengung durchatmen musste, und alle Zuhörer sich (in der Hoffnung, das Schlimmste überstanden zu haben) unruhig auf ihren Sitzen bewegten, ging Frau Rasenfeld über in eine Brandrede gegen elektronische Geräte im Allgemeinen und Handys im Besonderen.

»Wir wollen spielende Kinder! Wir wollen lesende Kinder, wir wollen glückliche Kinder! Wir wollen, dass unsere Kinder es zu was bringen! Daher keine Handys im Schulgebäude!«

Das Publikum war wie erstarrt. Der Mann mit dem Smartphone vor Marie schob es eilig in sein Jackett.

»Das ist sehr, sehr schädlich! Und wir müssen sehr, sehr entschieden dagegenhalten, wenn wir unsere Kinder zu gescheiten, ausgeglichenen, sehr, sehr erfolgreichen Kindern erziehen wollen!«, endete sie – und einige Eltern klatschten.

»Noch einmal sehr, sehr, und ich mach einen Klingelton davon!«, zischelte es von halblinks hinten.

Marie beschlich Panik. Bis jetzt hatte sie gedacht, die Kindheit sei eine ganz nette Sache. Sogar für Florian, der immerhin schon getrennt lebende Eltern hatte. Nun schien ihr das Leben eines Kindes plötzlich harte Arbeit zu sein. Und ganz und gar nicht süß.

Endlich erbarmte sich ein Lehrer des Publikums, das deutliche Anzeichen von Schwäche zeigte. Hier und da wurde ein Gähnen nur mühsam unterdrückt.

»Danke, Frau Rasenfeld, ich übernehme mal. Guten Abend, liebe Eltern. Wir Klassenlehrer wollten uns ja auch noch vorstellen.« Er hatte beim Kampf ums Mikro das bessere Argument, denn er war einen Kopf größer als Frau Rasenfeld und im Schulterbereich doppelt so breit. Er trug ein kurzärmliges Funktionshemd und eine enge Outdoor-Weste, dazu Jeans und robuste Schuhe und wirkte sehr sportlich.

»Also noch einmal: Guten Abend. Mein Name ist Jens Boddensen, ich bin 42, seit 10 Jahren an der Schule und unterrichte Deutsch, Englisch, Mathe und Sport.« Herr Boddensen ging ausgesprochen systematisch vor, was Marie mochte, auch wenn er unfassbar gestelzt sprach und die Lippen immer leicht nach vorn bog, als wolle er gleich jemanden küssen. Aber er konnte gut reden und vermittelte den Eindruck, dass er voll und ganz wusste, was er da tat: »Ich setze auf gute Kommunikation und dass das Erlernte in den Fremdsprachen sofort umgesetzt wird. So werden die Kinder als Erstes bei mir lernen, auf Englisch zu fragen, wenn sie auf die Toilette müssen. Das nenne ich eine ›authentische Sprechsituation‹!« Marie fand das etwas albern, doch der Mann war so fest entschlossen, den anvertrauten Kindern das Maximum an Wissen mitzugeben, dass er Marie rührte.

»Solange er am Elternsprechtag nicht verlangt, mit ihm Englisch zu reden, geht es ja.«

»Lass mal, der Boddensen ist eigentlich echt beliebt, auch wenn er so streng ist«, wisperten die Frauen hinter ihr.

»Definitiv Sportlehrer!«, sagte die Stimme mit dem leichten Akzent süffisant.

Schließlich winkte der Oberstudienrat eine junge Frau herbei, die sich als Referendarin entpuppte. Frau Lisa Gabbai war etwas pummelig, schüchtern, aber sympathisch. Sie trug ein kurzes Röckchen, das stabile Beine zeigte, und Turnschuhe. Dazu ein erdfarbenes T-Shirt und einen regenbogenfarbenen Schal fest um den Hals, wahrscheinlich vom letzten Kirchentag. Das Mikro fabrizierte erst einmal eine anständige Rückkopplung. Das Fiepsen war durchdringend und verursachte eine auflockernde Erheiterung im Publikum, die Marie schnell für einen ersten Blick nach hinten nutzte. Die drei Frauen sahen allesamt sympathisch aus. Eine von ihnen, eine große Blonde, fing ihren neugierigen Blick auf und zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

Vorn auf der Bühne kämpfte die Referendarin mit der Technik. »Guten, guten, äh, hört man mich? Guten Abend«, versuchte Frau Gabbai es mehrfach. »Ich bin Frau Gabbai, ich werde in der 1a …«, und dann fiepte es wieder. Verschreckt wich sie einen Schritt zurück, und Herr Boddensen übernahm elegant.

»Na, das Mikro ist aber heute wirklich uncharmant. Ich wollte Ihnen, liebe Eltern, nur kurz Frau Gabbai vorstellen, sie wird in meiner Klasse ihre Prüfung ablegen, und wir hoffen, sie bleibt unserer Schule danach erhalten.«

Frau Rasenfeld, die oben auf dem Podium saß, schüttelte demonstrativ ihren Kopf und kniff ihre Lippen fest zusammen. Marie wusste sofort, was das bedeuten musste: Frau Gabbai gehörte offensichtlich zu den Guten.

Bei der Erinnerung musste Marie unwillkürlich grinsen. Sie hatte sich mittlerweile mit ihrem zuckerfreien Kaffee auf eine Bank am Rande des Schulhofs gesetzt und versuchte sich möglichst unauffällig vor Constantin zu verstecken. Er durfte sie auf keinen Fall so sehen: voller Liebeskummer und wütend, dass er sich einfach nicht aus ihrem neuen Leben raushalten wollte. Dabei hatte er es doch nur gut gemeint, Florian würde sich auf jeden Fall sehr freuen, seinen Papa zu sehen.

Sie musste sich schleunigst überlegen, was sie jetzt tun sollte, schließlich konnte sie nicht ewig hier sitzen. Ihr Blick fiel auf eine große, blonde Frau, die sich mit zwei anderen angeregt unterhielt. Das waren die Mütter, die gestern Abend hinter ihr gesessen hatten!

Ob sie sich einfach zu ihnen stellen konnte? Aber was sollte sie sagen? Sie schienen sich so lange zu kennen, da würde sie sicher nur stören. Außerdem musste sie jetzt erst mal mit Constantin fertig werden. Immer, wenn sie ihn traf, wurde ihr flau im Magen, und vor lauter Aufregung wurden ihre Fingerspitzen leicht taub.

Sechs Jahre! Verdammt, Marie, sechs Jahre seid ihr nicht mehr zusammen! Das muss doch mal aufhören! Ruhig! Das schaffst du schon. An etwas Schönes denken, das hilft immer. Denk einfach an Florian. Genau! Oh, wie süß er geguckt hatte, als er heute Morgen seine Schultüte von Oma und Opa bekommen hatte! Jetzt ist er schon ein Schulkind! Hab ich nicht erst gestern noch Möhrchenbrei von der Wand gewischt? Und jetzt soll er plötzlich den halben Tag in einem Klassenraum eingepfercht Mathe und Schreiben lernen – und stillsitzen. Ob er sich unwohl fühlt unter den ganzen fremden Kindern?

War sie zu egoistisch gewesen, als sie Hals über Kopf beschlossen hatte, mit ihm nach Berlin zu ziehen? Ein kompletter Neuanfang, nur weil sein Vater sich verlobt hatte?

Andererseits war sie sicher, dass ihr Sohn seinen Weg schon machen würde. Er war schließlich wie sein Vater. Dem fiel auch alles zu, vor allem die Sympathien der weiblichen Wesen.

Gemälde – Marie atmete durch. Besser, sie dachte an das Zweitwichtigste in ihrem Leben. Gemälde. Das würde sie beruhigen. Vorzugsweise von der heiligen Maria – gerade auf Bildern des 16. Jahrhunderts hatte sie immer diesen gesammelten, ruhigen Gesichtsausdruck. Als könne sie nichts erschüttern. Aber Josef war ja auch immer an Marias Seite geblieben. Und es war nicht bekannt, dass er unangekündigt bei der Einschulung von Jesus auftauchte.

Oder an die Mona Lisa denken. Den Klassiker. Marie kicherte. Um deren Gelassenheit an den Tag zu legen, benötigte sie jetzt entweder verschiedene toxische Mittel oder einen entschlossenen Anästhesisten.

»Hier ist sie, Oli!« Plötzlich standen die drei Frauen vom Infoabend vor ihr. »Darf ich?«, fragte die eine mit dem Pagenkopf und zeigte auf den Platz neben ihr. »Hier, wir sollen Ihnen Ihr Wechselgeld bringen. Sie hatten es wohl eilig, von Bernd wegzukommen, wie?«

War Bernd der Mann mit dem Kaffee?

»Er ist so furchtbar neugierig. Man muss ihn einfach ignorieren. Ich bin übrigens Katrin«, sagte die mit den blonden, glatten Haaren. »Das sind Alexa und Olivia. Sie saßen am Infoabend vor uns, stimmt’s?«

»Stimmt. Ich bin Marie. Krause. Marie Krause. Was für eine gruselige Veranstaltung gestern. Ohne Ihre Kommentare wäre ich vorzeitig rausgerannt. Ich musste mir mehrmals das Lachen verkneifen.«

»Ist immer so. Oli und ich sind das schon gewohnt. Entweder man lacht, oder man bricht in Tränen aus. Sind ja schon unsere zweiten Schulkinder. Katrin neigt hingegen noch etwas zur Panik bei ihrem Paul. Stimmt es, Katrin? Die drehen immer alle ein wenig ab, diese engagierten Eltern. Aber alles wird gut.« Sie drehte sich um und sah über den Schulhof. »Na, das Rahmenprogramm ist dieses Jahr ja richtig dürftig. Nur ein Kuchenstand, ein Kaffeestand und eine Stellwand mit Fotos von Wandertagen und Projektwochen. Natürlich auch mit rasend langweiligen Infos zu Elternkursen wie Mein Kind, das Handy und ich

»Ach, das ist doch okay. Ich hab gehört, dieses Mal hat es nicht die Rasenfeld organisiert, weil ja ihr eigenes Kind eingeschult wird. Sonst wäre hier mehr los.«

»Aber die hat doch die Flyer machen lassen oder?«

»Sicher. Sie kann ohne diese schriftliche Bevormundung nicht leben!«

Sie kicherten verschwörerisch.

»Sag mal«, Olivia tippte Marie auf die Schulter. Ihre perfekt geschminkten Lippen verzogen sich zu einem spitzbübischen Lächeln. »Bernd ist natürlich schrecklich mit seiner Fragerei, aber eigentlich würde ich es auch gerne wissen. Wieso hat dieses Schickimicki-Auto dich so erschreckt?«

»Oli!« Alexa guckte ihre Freundin streng an.

Olivia hob unbeeindruckt die Hand und zeigte in Richtung Lehrerparkplatz. »Also. Raus damit. Wer ist der Mann?«

Marie spürte, wie sie rot und ihre Fingerspitzen taub wurden.

»Der sieht ziemlich gut aus«, ergänze Olivia und schaute unverhohlen zu Constantin und Viola hinüber, die mittlerweile fröhlich mit Maries Eltern plauderten. Constantin machte ein paar Fotos vom Gebäude. »Ich mag es, wenn Männer Westen tragen.«

Marie strich sich wieder die Strähne hinter das Ohr. Wenn sie jetzt den Mund aufmachte, würden alle den Kummer in ihrer Stimme hören.

»Alles okay mit Ihnen?«, fragte Alexa jetzt und legte ihr eine Hand auf den Arm. »Machen Sie sich keine Sorgen, es ist doch normal, dass einen so was mitnimmt. Wir wissen das. Wir kennen uns mit Blödmännern aus.«

»Alexa!«

»Ist doch wahr, Katrin. Bernd hat gesagt, der Typ sei ihr Exmann. Und Exmänner sind blöd. Also: Blödmänner.«

»Stimmt schon.« Katrin zuckte mit den schmalen Schultern, und ihre langen, hellen Haare schwangen hin und her. Sie hatte schöne Augen, die hinter der dezenten Brille aufmerksam aufblitzten. »Guck, wie er redet, und alle hören ihm zu. Die Frauen verdrehen sich ja total die Köpfe nach ihm. Guck, selbst die Rasenfeld!«

Marie wandte den Kopf ab. »Das ist immer so bei ihm. Er ist übrigens lediglich der Vater meines Sohnes, nicht mein Exmann.«

»Wie heißt er?«

»Constantin. Constantin McLean.«

»Oh, ein Schotte.«

»Wusstest du nicht, dass er kommt?«, fragte Olivia jetzt.

»Nein. Ich bin sogar extra von München hierhergezogen, um so was zu vermeiden.«

»Oh Mann, kein Wunder, dass du so entsetzt bist.« Katrin guckte sie voller Mitleid an.

»In welcher Klasse ist dein Sohn überhaupt?«, fragte Olivia, zog eine knallpink verpackte Schokopraline aus ihrer Handtasche und reichte sie Marie. »Hier, Zucker tröstet, aber lass dich bloß nicht erwischen. Ist ja auf dem Schulgelände verboten.«

»Florian ist in der 1a!«, antwortete Marie und biss in die Schokolade.

»1a? Wir sind auch 1a!«, freute sich Katrin.

»Was für ein Glück. Ich dachte, wir wären nur mit diesen hysterischen Elternschnöseln zusammen. Gott, wie ich das hasse, diese überengagierten Super-Mamis, die nur deshalb Kinder haben, um ihren pädagogischen Geiz zu stillen.«

»Du meinst Ehrgeiz, Oli.« Alexa grinste.

»Jaja. Ehrgeiz oder Geiz. Wann habt ihr euch denn getrennt? Erzähl mal.«

Constantin.

Marie seufzte.

Nach ihrer Einschätzung reichte seine Aufmerksamkeitsspanne bei Beziehungen ganze drei Monate, was sie dazu gebracht hatte, seine aktuellen Liebschaften nach Jahreszeiten zu benennen. Sie selbst war ein Sommer gewesen.

»Wir haben uns vor sechs Jahren getrennt«, antwortete sie.

»Sechs Jahre?«

»Hä? Dein Sohn kann doch erst sechs Jahre sein, oder?«

Marie lächelte. »Richtig. Gleich nachdem ich erfahren habe, dass ich schwanger bin von ihm, haben wir uns getrennt.«

»Was für ein Schwein.«

»Unfassbar! Erst schwängert er dich, und dann macht er Schluss?« Alexa guckte entsetzt.

Marie schüttelte den Kopf: »Nee. Ich hab Schluss gemacht. Ich hab es beendet, bevor er das Interesse an mir verlieren konnte. Ich kam ihm sozusagen bloß zuvor.« Es war der heikelste Punkt in ihrem Leben, und es erstaunte sie, wie leicht sie das diesen drei Fremden gegenüber aussprechen konnte.

Wie Constantin damals geschockt war, als sie Schluss machte! Ganz bleich, verunsichert, ja, verletzt. Er hatte das gar nicht verstanden und hätte sie bestimmt geheiratet, wenn sie darauf bestanden hätte. Noch nie hatte eine Frau sich von ihm getrennt. Und statt darüber wütend zu sein, war er von diesem Tag an der beste Vater und ihr verlässlichster, ja, ihr einziger Freund geworden.

»Du hast Schluss gemacht?«

»Ja. Ich wusste, dass Constantin nie lange mit einer Frau zusammen war. Das geht bei ihm einfach nicht. Und das wollte ich nicht. Also habe ich mich von ihm getrennt. Seitdem sind wir … Partner im Elterngeschäft oder so. Und echt gute Freunde. Bis …!«

»Bis …?« Katrin guckte sie fragend an.

»Bis die da kam?« Alexa hatte es erfasst.

Marie nickte. »Er will sie heiraten.«

»Oh. Verstehe. Er hat die eine gefunden.«

»Und er wagt es, mit ihr hier aufzutauchen? Nicht gerade sehr sensibel. Wirklich! Männer sind solche Gefühlsanalphabeten.« Alexa stampfte wütend auf. »Er kümmert sich wahrscheinlich sonst nie, kommt nur hierher, um dich mit seiner bescheuerten Trutsche zu ärgern.«

Marie zögerte. Wie erklärte man das Phänomen Constantin? Konnte das überhaupt einer erklären? Und wenn man es nicht erklären konnte, wie konnte es dann eine verstehen?

»Leider ist es ganz anders. Constantin ist ein vorbildlicher Vater, vergöttert seinen Sohn regelrecht. Immer erreichbar, immer interessiert. Ich brauche nur anzudeuten, dass ich Hilfe brauche, schon ist er da. Zumindest war es bis jetzt immer so.«

Und er hat keine Ahnung, wie ich ihn finde … also dass ich ihn noch … Jedes Mal, wenn er dann da ist, frage ich mich unweigerlich, warum ich ihn habe gehen lassen. Vielleicht wären wir noch ein Paar?

Marie schüttelte unwillkürlich den Kopf.

Nein, wären wir nicht. Marie, reiß dich zusammen!

Alexa schien fassungslos. »Oh. Ein netter Ex. Wie blöd ist das denn?«

Marie beobachtete Constantin aus den Augenwinkeln. Sie hatte ihn kennengelernt, als Constantin seine Kunstsammlung aufbaute. Er hatte eine Stiftung gegründet und begann sich professionelle Hilfe zu suchen, um seine bisherige Sammlung abzurunden. Marie und er waren sich nicht nur sofort sympathisch gewesen, es war mehr. Die gemeinsame Liebe zur Kunst und das übereinstimmende Verständnis von Schönheit waren magisch gewesen. Und waren es noch heute. Sie hatte genau gewusst, worauf sie sich bei Constantin einließ. Er war wie ein Besuch eines hochkarätigen Museums, in dem alle Schönheit der Kunst vereint war. Am Ende war man froh, das erlebt zu haben, wusste aber genau, man konnte nichts davon mit nach Hause nehmen.

Himmel, wie sehr dieser Mann sie immer noch faszinierte. Sie liebte diesen wiegenden Gang, diese Art, die Hände zur Begrüßung seitlich am Körper leicht anzuheben, mit den Handflächen nach vorn, wie ein Versprechen, dass er unbewaffnet kam. Diese Ruhe und Klugheit. Weltgewandt und vernünftig, ohne die Neugierde zu verlieren.

Er durfte absolut nie erfahren, wie sie für ihn fühlte. Das Vater-Sohn-Verhältnis würde sich davon nicht erholen. Und das Eltern-Partner-Verhältnis erst recht nicht. Dann wäre es aus damit, dass er jeden zweiten Tag anrief und sich nach Florians und Maries Leben erkundete. Oder einen Ankauf eines Gemäldes mit ihr beratschlagen wollte. Dann würde er ihr nicht mehr alles aus seinem Leben erzählen. Dann wäre es vorbei, dass Marie zu jeder Zeit um Hilfe bitten konnte. Sei es wegen einer Babysalbe nachts um halb drei oder eines spontanen Umzugs nach Berlin. Zu spät entdeckte Marie zuweilen nach einem schönen, lustigen Gespräch über Kindererziehung oder alte flämische Maler, dass Constantin vom Bett aus mit ihr telefonierte. Neben ihm eine weitere erschöpfte, aber sicherlich hinreißende Jahreszeit …

»Oh, klingt wirklich nett!«, flüsterte Katrin, der offenbar das ganze Ausmaß von Maries Lebenskatastrophe bewusst wurde.

»Ach, was! Nett ist die kleine Schwester von scheiße«, sagte Alexa trocken.

»Quatsch, netter Ex klingt so, als müsste man es mal erlebt haben. Kannst du ihn uns vorstellen?« Olivia grinste.

»Oli! Bist du verrückt. Die Arme – hören Sie nicht auf Olivia.«

»Wollen wir uns nicht duzen?«, fragte Marie, um von Constantin abzulenken.

»Aber gerne! Schließlich kennen wir schon deine halbe Lebensgeschichte! Erzähl mal, was machst du in Berlin?«

»Ich bin Restauratorin, und ihr?«

»Ich habe einen kleinen Buchladen am Prenzlauer Berg, und Olivia …«

Genau in diesem Augenblick kam Frau Rasenfeld mit zwei Begleiterinnen auf Olivia zu und grinste sie süffisant an. Olivia schien trotz der auf sie zurauschenden Übermacht an gestylter Mütterpower (hochhackige Schuhe, mit denen es unmöglich war, einen Fußball zu treten, Handtaschen passend zum Lippenstift, Haare wie aus einer Haarspraywerbung) nicht die Ruhe zu verlieren. Marie war beeindruckt.

»Hallo, Olga, na? Denkst du an den Elternabend, ich kann jede Stimme brauchen. Und Sie auch?« Eifrig drückte Frau Rasenfeld den vieren Flyer in die Hand. »Jetzt muss ich aber zu diesem sensationellen Mann da zurück und ihm den Flyer hier geben. Engagierte Väter sind ja so attraktiv!« Sie ließ Olivia einfach stehen.

»Was für eine Zicke. Und wieso Olga?« Marie spürte, wie sie das wütend machte. Es war eine widerliche Art der Hilflosigkeit, die diese Gehässigkeit erzeugte.

Auf dem Flyer stand tatsächlich so etwas wie ein politisches Programm, und ein Foto von Frau Rasenfeld prangte über allem. Sie steckte es in ihre Hosentasche.

»Ach, lass es gut sein.« Olivia winkte ab. »Sag mal, Marie, hast du denn jetzt wieder einen Freund?«

»Einen Freund?« Unbewusst drehte Marie sich zu Constantin um. Er hatte eine Hand auf die schmale Taille der bezaubernden Viola (ein Winter übrigens) gelegt. Marie seufzte.

»Oh, oh«, sagte Alexa und stupste Katrin an. Die nickte.

»Was du brauchst, Marie, ist ganz schnell ein neuer, ein guter Mann. Ganz schnell«, sagte Olivia. Ihr leichter Akzent, das hohe I und die sehr tiefen As und Os. Ein CH, wo ein H hingehörte, ließ es eindringlicher klingen, und gleichzeitig klang es so leicht.

»Das kriegen wir hin. Ist unsere einfachste Übung. Wir können alles.« Alexa lachte.

»Außer Männern.« Katrin seufzte. »Los, ihr Lieben, gleich kommen unsere Kinder wieder raus, und ich muss mal wieder zu meiner Familie rüber. Kopf hoch, Marie, und bis später! Hoffentlich werde ich nicht erschossen, wenn ich ein paar Fotos mit meinem Handy mache!«

Nachdem sich Alexa und Katrin von ihnen verabschiedet hatten, gingen Olivia und Marie noch ein paar Schritte nebeneinander her.

»Merkwürdig«, sagte Olivia. »Wenn man es genau nimmt. Dein Ex sieht nicht mal richtig schön aus.«

Das war der Moment, in dem Marie wusste, dass Olivia ihre beste Freundin werden würde. Denn sie hatte recht.

Constantin war nicht hübsch und weit davon entfernt, schön zu sein. Sein Kopf war rund und ziemlich groß. Seine Nase und seine Ohren waren wie der erste Versuch eines Bildhauers, einen Krieger zu entwerfen, wobei ihm die Einzelteile zu kraftvoll geraten waren. Die Nase war einen Hauch zu breit, die Ohren einen Hauch zu abstehend. Seine Haare konnte man blond nennen oder farblos, sie waren sehr kurz, mit Ansätzen zu Geheimratsecken. Der Mund war weich und schief, und die Augen waren ohne eindeutige Farbe, als hätte der Schöpfer dieser Constantin-Skulptur sich noch nicht entscheiden können. Aber alles zusammen war eine Kampfansage an alle Frauen. Um genauer zu sein: Es war bereits die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation. Wie auch immer. Marie hielt dieses Gesicht für eine Katastrophe. So wie eine Schachtel erlesener Pralinen die vollständige Niederlage für eine Diät bedeutet.

»Mit wem redet er da eigentlich? Ich meine jetzt die da neben der Rasenfeld?«

»Das ältere Ehepaar mit den dicken Brillen, das so aussieht, als wollten sie Constantin adoptieren?«

»Ja, genau.«

»Das sind meine Eltern«, sagte Marie.

Dann zwang sie sich zu einem Lächeln und trat auf die Gruppe, die im Grunde ihre Familie darstellte, zu.

»Da ist sie ja! Mary, wir haben dich schon vermisst!« Constantin lächelte breit. Marie hatte gelernt, dem Drang zu widerstehen, ihm sofort um den Hals zu fallen, aber es sah so wunderbar aus. So, als wäre die Welt ganz und gar in Ordnung, wenn er da war.

»Ich habe mich noch kurz mit den anderen Müttern aus Florians Klasse unterhalten. Darf ich vorstellen, das ist Olivia. Constantin McLean, Florians Vater.«

Noch einmal durchatmen. Sie wusste, jetzt hatte ihr Gesichtsausdruck die gewünschte sanfte, freundliche, aber nahezu gleichgültige Ausstrahlung der Mona Lisa angenommen.

Olivia sah Constantin freundlich, aber durchaus kritisch an, zwinkerte einmal und erklärte dann: »Wir sind die neuen Freundinnen von Marie, Mister McLean.« Es klang wie eine Kampfansage. Liebevoll, spielerisch, aber eine Kampfansage. Constantin nickte nachdenklich und legte wieder den Arm um seine Verlobte. Viola war bildschön in ihrem gelben Kleid, sie passte viel besser in die Schar der Eltern, dachte Marie nachdenklich. Marie beeilte sich, nachdem Constantin ihr den obligatorischen Wangenkuss gegeben hatte (bei dem Marie immer den Atem anhielt, um sein Eau de Cologne nicht zu riechen, weil ihre Knie sonst weich wurden), Viola zu umarmen.

»Ich wusste nicht, dass ihr kommt, Viola. Gut siehst du aus.«

»Es tut mir leid, Marie. Aber er war nicht zu bremsen. Du weißt, wie er sein kann, wenn es um Flo geht«, flüsterte Viola ihr ins Ohr. Keine Frage. Viola wollte nicht hier sein, Marie wollte nicht, dass Viola hier war, und zusammen wollten sie nicht, die andere in der Nähe haben. Die Ex und die Aktuelle. Es gab da selten eine Gewinnerin.

»Es tut mir echt leid!« Viola meinte das ernst. Es gab zwischen ihnen einen kleinen Platz, der, unbehelligt von Eifersucht und Verzweiflung, ihnen den Raum gab, vernünftig miteinander umzugehen. »Ihr habt bestimmt mit deinen Eltern was anderes geplant.«

»Ja, aber das geht schon.« Sie hielt ihr den kalten Kaffee hin. Viola nahm schnell einen Schluck, was ihre kleine Verschwörung besiegelte.

»Ich dachte, du wolltest dir nur einen Kaffee holen, Mariechen.« Maries Mutter schaute skeptisch auf den Kaffeebecher, dann auf Viola und schließlich auf Marie. »Und dann tauchten die beiden auf. Wusste gar nicht, dass sie auch kommen wollten.« Die Worte klangen streng, doch als Constantin sie entschuldigend anlächelte, war ihr Ärger dahin. Viola versuchte zu vermitteln, was unnötig war. »Tut mir leid, Frau Professor Krause. Conny hat sich das erst gestern Abend ganz spät überlegt.«

Conny. Viola sagte Conny zu ihm. Aber was machte das schon aus. Viola würde ihn heiraten, sie durfte alles zu ihm sagen.

»I’m so sorry. Ich wollt euch keine Umstände machen! Aber mein Großer! Ich muss sehen, wie es sein wird, an sein erst große Tag.« Constantins Akzent war so weich, dass selbst Granit schmelzen würde. Wenn er sein merkwürdiges Deutsch sprach, hörte man ihm konzentriert zu.

»Sicher. Das ist ja auch genau richtig. Komm, wir gehen mal rüber zum Eingang.« Maries Mutter hatte sich bei Constantin untergehakt, und beide wandten sich dem Gebäude zu.

Ihre Mutter hatte wie Marie dunkle Locken, die sie zu einem strengen Dutt gebunden hatte, und war etwas untersetzt. Nicht sehr dick, aber neben Maries Vater, der sehr dünn und riesengroß war, wirkte sie rundlicher, als sie wirklich war. Außerdem trug sie ein schlichtes pinkfarbenes Dirndl, das so gar nicht auf einen Berliner Schulhof passen wollte. Aber da Marie ihre Mutter in nichts anderem kannte, bemerkte sie diese leichte modische Schieflage erst, als sie den Blick Olivias sah.

Maries Mutter war Professorin für Kunstgeschichte. Viola kannte sie von all jenen Kraus’schen Familienfeiern, die im letzten halben Jahr gefeiert worden waren, denn seit Florians Geburt wurde Constantin stets mit seiner aktuellen Jahreszeit eingeladen.

Und es gab einen zweiten Professor Krause, nämlich Maries Vater. Er dankte Constantin gerade, dass der seinen alten Citroen noch einmal durch den TÜV gebracht hatte. Das erste Mal in all den Jahren bemerkte Marie, wie dämlich das klang. Ihr Ex kümmerte sich um den Wagen ihres Vaters? Ihr Ex kam zu allen Familienfeiern? Ihr Ex brachte jede seiner Jahreszeiten mit?

Olivia warf Marie erneut einen fragenden Blick zu, dann fasste sie sie energisch am Oberarm. »Bis morgen beim Elternabend. Ich zähl auf dich.«

»Aber ich habe gar keinen Babysitter!«

Zu spät. Olivia war bereits verschlungen von einer großen, schwatzenden und lachenden Familie. Marie sah nachdenklich zu ihnen hinüber.

»Das ist also deine neue Freundin?«, fragte ihre Mutter, und ihre Stimme klang etwas eifersüchtig. Aber nur kurz. Dann nickte sie und zog sie sanft beiseite.

»Geht es dir gut?«

»Sicher, Mama.«

»Schön.«

»Was soll schon sein? Mein Baby wird erwachsen.«

»Schön.«

»Und es ist doch nett, dass Constantin und Viola da sind. Florian wird es freuen.«

»Schön.« Ihre Mutter machte nie viele Worte. Aber Marie befürchtete, dass sie auch so alles verstand, zu genau verstand.

»Kann Florian nicht mit seinem Papa und dessen Lady ein Eis essen gehen? Dann könntest du uns so lange deine neue Werkstatt zeigen.« Sie meinte das Museum.

»Gute Idee«, sagte Marie, fand allerdings, dass das absolut keine gute Idee war. Sie wollte ihren Sohn an diesem großen und für sie etwas melancholischen Tag nicht auch noch hergeben müssen. Und sei es auch nur für eine Stunde.

»Schön«, entgegnete ihre Mutter, und ihr Blick sprach Bände.

Marie wusste, dass sie nun einmal ihr Kind teilen musste mit dem Vater. Das war so und würde immer so bleiben. Im Grunde wollte sie es ja auch so. Und für Flo wäre der Tag nicht derselbe, wenn sein Vater gefehlt hätte.

»Da kommen sie!« Constantin stand mittlerweile strategisch günstig zwischen Marie und seiner Verlobten.

Marie mochte es, wenn sein Arm sie aus Versehen streifte, wenn sie den harten, edlen Stoff seines Anzugs spürte.

»Papa!«, hörte sie Florian rufen. Er kam von zwei Mitschülern begleitet auf sie zugestürmt.

»Hallo. Ich bin Agata!« sagte die Kleine neben ihm und reichte Constantin forsch die Hand. »Ich bin die neue Freundin von Florian.« Sie drehte sich auf dem Absatz um und suchte ihre Mutter. Sie musste Olivias Tochter sein, dasselbe pinkfarbene Kleid und ein Schulranzen, der bei ihr ebenso überdimensioniert wirkte wie die Handtasche ihrer Mutter.

»Gut gemacht, Sohn!« Constantin hob Florian hoch. Mit weit gestreckten Armen hielt er ihn in den Himmel. Vater und Kind sahen aus wie Zwillinge, wenn nicht dieser erstaunliche Altersunterschied wäre. Sie lachten glücklich und sprachen ein paar Sätze auf Englisch miteinander.

»Oh, Sie bevorzugen eine zweisprachige Erziehung. Wie überaus sinnvoll! Würde mich da gerne mal mit Ihnen drüber austauschen. Über Ihre Erfahrungen dazu.« Frau Rasenfeld schnurrte geradezu und drängte sich dich an Constantins Arm. Marie blieb schlicht die Spucke weg, und sie hätte zu gerne diese fürchterliche Frau vertrieben, aber Constantin gehörte nicht ihr. Das war Violas Job. Doch auch die konnte nicht anders, als sprachlos dem Geschnurre der Rasenfeld zuzuhören. »Zweisprachig. Heutzutage geht es ja einfach nicht ohne Fremdsprachen, nicht wahr? Sie sind Engländer?« Sie lachte auf, und aus unerfindlichem Grund lachten die Muttis, die um sie herum standen, mit. Sie beugten sich alle leicht Constantin entgegen, als er ein paar Worte erwiderte.

»Ach, Schotte! Wie wunderbar!«, riefen die Frauen völlig affektiert. Constantin lächelte, dann aber fing er Maries Blick auf.

»Entschuldigen Sie mich, meine Familie wartet«, sagte er, hob seinen Sohn noch einmal in die Höhe und trat wieder zwischen Marie und Viola.

Florian schaute auf alle strahlend herab. Marie ergriff seine Hand und küsste sie, um sich zu vergewissern, dass sie ihren Jungen wieder hatte.

Warum wirst du nur so schnell groß? Warum die Eile?

Ihr Sohn lachte sie liebevoll an, wandte sich dann an Oma und Opa, die er besitzergreifend in eine turbulente Beschreibung seiner ersten Schulstunde einbezog. Dann winkte er Viola zu. »Wie schön du heute wieder bist, Vio!« Er wurde von seinem Vater etwas tiefer gehalten und küsste die hübsche Verlobte.

Marie wollte nur noch weg von diesem Schulhof, an dem Hieronymus Bosch seine Freuden gehabt hätte.

Hölle, dein Name sei Schule.

Ihre Mutter schien ihre Gedanken lesen zu können. »Schön. Dann machen wir es so: Ihr drei Hübschen geht jetzt mal ein großes Eis essen. Und Marie zeigt uns ihre Werkstatt. Wollen wir das so machen? Später gibt es dann Kuchen.«

»Au ja! Ein Eis!« Florian zeigte mit den Händen an, wie groß das Eis werden sollte. Sein Vater schaute ihm fasziniert dabei zu und lachte. Es war dasselbe Lachen. Dieselbe Begeisterung.

»Was für eine schöne Familie. Was für ein sehr, sehr schöner Junge, Frau Krause«, zischelte es in ihr Ohr. Marie erschrak und fragte sich augenblicklich, welchen Jungen sie meinte und so auffällig schön fand. »Würde mich sehr, sehr freuen, wenn wir uns ein wenig anfreunden könnten. Sie wissen schon, Networking. Das gehört heute zum Mutterdasein dazu, nicht wahr? Wir wissen doch, wie es läuft.« Frau Rasenfeld hatte eine merkwürdige Art, zu flüstern. Marie lief es kalt den Rücken runter.

War das eine Freundschaftsanfrage? Oder war es doch eher eine Warnung? Wenn du nicht meine Freundin bist, dann …

Marie parkte ihren dunkelgrünen Mini auf dem Parkplatz für Angestellte, der am heutigen Samstag natürlich leer war, während der für die Besucher fast platzte. Ihre Eltern und sie mussten eine kleine Strecke gehen, bis sie den Hintereingang erreichten, den Marie mit einer Chipkarte öffnete.

»Also Constantin ist großartig, nicht wahr? Kommt extra den ganzen Weg. Und diese Viola, eine schöner als die andere, was?« Maries Vater neigte dazu, zu ignorieren, dass Florians Vater nicht sein Sohn oder gar Schwiegersohn war, und behandelte ihn wie ein bevorzugtes Familienmitglied. Maries Mutter ergriff ihren Mann am Arm. Kurz und fest.

»Ach. Schon gut. Soll ja nicht immer so viel von ihm reden.«

»Schön.«

Marie wusste, dass dies eine gute Gelegenheit wäre, zu erklären, dass ihr das alles nichts ausmache und sie einfach nur heilfroh sei, dass Florian so gut klar kam mit seinen getrennten Eltern. Ihr Kleiner stellte nie in Frage, wie und ob er von seinen Eltern geliebt wurde. Er wusste es einfach. Und wenn sie auch nur selten etwas gemeinsam unternahmen und der Vater notgedrungen wieder fortmusste, wurde er nie panisch oder quengelig. Er wusste immer, dass er zu ihm zurückkehren würde. Mama und Papa waren immer da. Auch wenn sie es nicht waren.

Marie schwieg jedoch. Was sollte sie auch sagen. Ihre Mutter wusste es auch so. Dass sie endlich von Constantin gefühlsmäßig wegkommen musste, nicht nur räumlich. Und ihr Vater war glücklicher damit, wenn er den Kummer seiner Tochter nicht so genau kannte.

»Hier ist die Werkstatt.« Marie schaltete das Licht an.

Ein sehr hoher, großer Raum, in dem vier große Tische, größer als Tischtennisplatten, standen, über denen diverse Lampen und Apparate hingen.

»Das hier ist mein Tisch.«

Maries Mutter griff in ihre Handtasche und zog erst ihre, dann die Brille ihres Mannes heraus. Marie liebte diese Geste. Beide setzten sich ihre dicken Lesebrillen auf und beugten sich über das Gemälde, das sich unter dem klaren Licht der Deckenlampe vor ihnen ausbreitete.

»Es heißt Allegorie der Wahrheit. Es gehört dem Museum, eine Schenkung, aber leider schwer beschädigt durch falsche Lagerung.« Marie schaute ihren Vater an. Sie wusste, er liebte solche Allegorien. Es war eine barocke Personifizierung der Wahrheit. Der Betrug, dargestellt durch einen bärtigen, gefallenen Mann, wurde von einem Löwen entlarvt und niedergeworfen. Nackte, üppige Frauengestalten betrachteten voller Wohlwollen den Lauf der Dinge.

Marie zeigte, wo sie bereits begonnen hatte, die obere Staubschicht Zentimeter um Zentimeter zu entfernen. Kleine, viereckige Papierstücke waren wie Pflaster angebracht und hielten lose Teilchen der verletzten Leinwand am Platz.

»Wunderbar. Die Farben. Trotz des Staubes und der Zeit.« Ihr Vater war entzückt. Er war Professor für Geschichte. Er war interessiert, belesen, zurückhaltend. Aufmerksam lauschte er Marie, während sie erklärte, wie der Künstler damals gearbeitet hatte, um die Farbschichten aufzutragen, welche Zutaten er benutzt hatte, um die klaren Farben anzumischen.

»Wie bemerkenswert.«

Marie wusste, dass seine knappen Worte ein Zeichen höchster väterlicher Begeisterung waren.

Obwohl Marie ihre Eltern genau so liebte, wie sie waren und wofür sie standen, wünschte sie sich doch, sie hätten sie lockerer erzogen. Gesprächiger. Kontaktfreudiger. Mehr wie Alexa oder Katrin. Oder wie – nein, wie Olivia konnte nur Olivia oder vielleicht noch ihre Tochter sein, wie hieß sie noch? Agata? So süß.

»Noch jemand hier?« Ein Mann betrat den Raum. Er trug einen dreieckigen Bart wie aus D’Artagnans Zeiten und eine kleine goldfarbene Brille. Sven Pries, Maries Chef.

»Ach, Frau Dr. Krause. Ich dachte, Sie wären bei der Einschulung Ihres Sohnes?«

»Oh, Professor Pries!« Marie wusste nicht, wie sie das erklären sollte. »Ich zeige meinen Eltern meine Arbeit. Ich hoffe, das ist in Ordnung? Wir haben uns ganz spontan dazu entschlossen.«

Maries Mutter übernahm das Gespräch, erklärte das mit dem Kindsvater, lenkte schnell den mitleidigen Blick des Chefs ab und erzeugte eine rege Begeisterung, als sie ihm erzählte, dass sie an der Uni München Kunstgeschichte lehrte.

Marie stand abseits und schaute zu, wie sich die drei über das Bild beugten.

Sie freute sich darauf, am Montag wieder hier zu sein, in der angenehmen Kühle. In Ruhe. Es versetzte ihr allerdings einen Stich, zu wissen, dass Florian dann in der Schule sein würde, danach im Hort. Dass er dort zwar gut aufgehoben war, aber schwerlich in dem Trubel viel an seine Mutter denken, stattdessen Herzen erobern und neugierig die Welt erkunden würde. Loslassen gehörte nicht so zu ihren Stärken …

Eine Stunde später waren die drei wieder in Maries Wohnung und warteten darauf, dass Constantin und Viola mit Florian zurückkehrten.

Seit gut einem Monat wohnte Marie in einem sehr schönen Altbau in der Dachgeschosswohnung. Einen Aufzug gab es nicht, nur eine wunderbare alte hölzerne Treppe, die bei jedem Tritt leise knarrte.

Marie und Florian bewohnten drei wirklich schöne, hohe Zimmer. Ein kleines Schlafzimmer für Marie, ein schönes großes für Florian und dazwischen gelegen ein eleganter Raum mit Stuck an der Decke. Mit alten Schiebetüren und gravierten Fensterscheiben. In der ersten Woche nach dem Umzug hatte Marie alles darangesetzt, möglichst schnell wieder ein gemütliches Zuhause für sie beide zu schaffen. Bis in die Nächte hinein hatte sie ausgepackt, Möbel aufgestellt, verschoben, wieder zurückgestellt, Bücher neu sortiert und Bilder aufgehängt. Mittlerweile hatte alles seinen Platz gefunden, und sie fühlte sich wieder richtig zu Hause. Ihr kleines Nest.

»Du hast es wirklich schön hier«, sagte ihre Mutter, die mit einem Tablett voller Besteck und Geschirr mitten im Wohnzimmer stand. Sie schaute sich lange um, bevor sie alles leise klirrend neben ihrem selbstgebackenen Kuchen auf dem großen schweren Holztisch abstellte. Sie schob ihre Brille auf der Nase zurecht und besah sich kritisch die Wände mit den Gemälden, die Möbel, die vielen kleinen und großen Kostbarkeiten und die Sammlung von Fotografien aus Florians Leben.

»Schön. Sehr schön.«

Fotos von Marie und Florian, Fotos von Maries Eltern und Großeltern. Es war eine strenge Perfektion in diesen Kompositionen. Das, was allerdings in allen Räumen mehr als deutlich fehlte, war Constantin. Kein Foto von ihm, kein Hinweis auf ihn. Nur in Florians Zimmer, in den Fotoalben, im Regal und in seiner kleinen Schatzkiste, die voll war mit Erinnerungen an all ihre gemeinsamen Unternehmungen. Für Florian nahm gerade sein Vater einen riesigen Platz ein in seinem Leben. Unaufhörlich und ungehemmt redete er von ihm, malte ihm Bilder, informierte seine Mutter ausführlich und kindlich umständlich über ihre gemeinsamen Telefonate. Constantin war für ihn überall.

Maries Mutter war auf ihrer mütterlichen Inspektionsreise durch die Wohnung auch durchs Schlafzimmer gegangen. Sie hatte die Qualität der Matratzen geprüft und darauf hingewiesen, wo es momentan ausgezeichnete Bettwäsche gab. Begeistert hatte sie sich über das geschmackvolle, aber auch gemütliche Ensemble aus Bett mit Beistelltisch und dem großen Schrank geäußert und die romantischen Landschaftsgemälde an den Wänden gelobt. Dann hatte sie ihre Tochter lange angeschaut.

»Kein Foto von ihm, Mariechen?«

»Von wem?«

Ihre Mutter schwieg, strich prüfend mit der Hand über die Gardinenstores. »Dass man heutzutage keine echten Gardinen mehr hat, seltsam.«

»Ja, Mama.«

»Essen wir Kuchen?

»Gerne.«

Als am Abend ihre Eltern wieder abgereist waren und Florian eingeschlafen war, stand Marie noch eine Weile an seinem Bett und sah zu, wie sich sein kleiner Bauch beim Atmen sanft bewegte. Betrachtete die langen Wimpern an seinen geschlossenen Augen. Er war schon so groß. Und je größer er wurde, desto mehr glich er ihm. Dem Vater. Und das machte Marie ein bisschen Angst.

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