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Zwischen Ehre und Verlangen

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1. KAPITEL

Ohne die Lider zu öffnen, wurde Amanda Clare sich zwischen Wachen und Träumen bewusst, dass es im Raum noch dunkel war. Daher sah sie keinen Anlass, das Bett zu verlassen, kuschelte sich, während sie jemanden neben sich ruhig und gleichmäßig atmen hörte, gemütlich unter das Plumeau und versuchte, wieder zu schlafen.

Plötzlich glaubte sie in den Armen eines Mannes, dessen Gesicht sie nicht erkennen konnte, zu liegen. Nur halbherzig wehrte sie seine Liebkosungen ab.

Nach einer Weile vernahm sie ein Klirren und fragte sich, wie viel Zeit inzwischen verstrichen sein mochte. Sie hörte jemanden am Kamin hantieren, einen Hahn krähen und irgendwo im Haus eine Tür zufallen. Sie furchte leicht die Stirn und drehte sich auf die Seite. Die Hand ausstreckend, stieß sie gegen die neben ihr ruhende Gestalt, rückte näher an sie heran und seufzte wohlig, als der Mann den Arm um sie legte und sie an sich zog.

Unvermittelt berührte sie mit den Zehenspitzen das Fußende des Bettes, das ihr eigenartig unvertraut vorkam, und merkte jäh, dass sie sich nicht bei sich zu Haus befand. Auch die zu ihr dringenden Laute entsprachen nicht gewohnten Geräuschen; das in den Raum dringende Licht fiel von der falschen Seite her ein, und keiner ihrer Dienstboten würde am frühen Morgen laut singen.

Verwirrt schlug sie langsam die Augen auf, starrte entsetzt auf den Mann neben sich und konnte sich nicht erklären, wie es möglich war, dass sie, die seit zwei Jahren Witwe war und ein untadeliges Leben geführt hatte, mit einem Fremden im Bett lag. Er schaute sie belustigt an, beugte sich über sie und drückte ihr einen Kuss auf den Mund. Ihr stockte der Atem, und erschrocken spürte sie das Herz schneller klopfen.

Verstört zuckte sie zurück, wich weit von ihm ab, die Bettdecke umklammernd, und verlor unversehens den Halt. Im nächsten Moment fand sie sich auf dem Fußboden wieder, richtete sich hastig auf den Knien auf und blickte furchtsam zwischen dem Unbekannten und der Zimmertür hin und her, bereit, sofort die Flucht anzutreten, falls er Anstalten machen sollte, sich ihr erneut zu nähern.

Verhalten fluchend setzte er sich auf, und im fahlen Morgenlicht sah sie, dass er dunkelbraunes, fast schwarzes Haar und grüne Augen hatte. Seine rechte Gesichtshälfte war blau-grün verfärbt und zerschrammt, und ächzend legte er die linke Hand um den rechten Arm. Sie erwog, sich zu erheben, beschloss dann jedoch, aus Sicherheitsgründen zu bleiben, wo sie war. Fassungslos fragte sie: „Wer sind Sie, und wieso befinden Sie sich in meinem Bett?“

„Dieselbe Frage könnte ich Ihnen stellen“, antwortete Jared trocken. „Wie kommen Sie darauf, dass dies Ihr Bett ist?“

„Nun, das ist es nicht“, erwiderte sie wahrheitsgemäß und stand auf. Geschwind wickelte sie die Bettdecke um sich und griff sich an die Schläfen, da sie auf einmal heftige Kopfschmerzen empfand: „Oh, mein Kopf! Wo bin ich? Was ist passiert?“

„Ich habe nicht die mindeste Ahnung“, gestand Jared ehrlich, „und wüsste ebenfalls gern, wo wir hier sind. Irgendetwas Schreckliches muss geschehen sein. Sie müssen einen Schlag gegen das linke Auge erhalten haben, und meine rechte Schulter tut höllisch weh! Ich habe das Gefühl, sie mir ausgerenkt zu haben. Und beim Sprechen habe ich starke Schmerzen, ganz so, als hätte ich einen wuchtigen Hieb gegen das Kinn bekommen. Haben wir beide uns vielleicht geprügelt, oder sind wir mit den Stühlen aufeinander losgegangen?“

„Reden Sie keinen Unsinn!“, antwortete Amanda unwirsch, ging zum Waschtisch und warf einen Blick in den Spiegel. „Oh mein Gott!“, flüsterte sie erschüttert. „Ich sehe fürchterlich aus!“

„Erlauben Sie mir, Ihnen zu widersprechen“, sagte Jared schmunzelnd. „Ich finde Sie entzückend.“ Das war nicht übertrieben, denn sie hatte schönes, wenngleich jetzt ziemlich zerzaustes blondes Haar, sehr ausdrucksvolle braune Augen, eine kleine, keck gebogene Nase und volle, sinnlich wirkende Lippen. Ihr Kinn war vielleicht eine Spur zu spitz, was möglicherweise auf ein sehr selbstbewusstes, eigenständiges Wesen schließen ließ. „Allerdings muss ich einräumen“, fuhr er trocken fort, „dass Sie im Moment einen etwas mitgenommenen Eindruck machen, als hätte jemand Sie durch eine Dornenhecke …“

„Hecke!“, fiel Amanda ihm in jähem Begreifen ins Wort. „Nun erinnere ich mich! Wir saßen in der Postkutsche. Bald nachdem Sie zugestiegen sind, ist sie plötzlich von der Straße abgekommen und umgestürzt. Wir wurden heftig umhergeschleudert.“

„Dann ist es nicht erstaunlich, dass wir beide so zerschrammt und zerkratzt sind“, meinte Jared. „Aber es grenzt an ein Wunder, dass wir mit dem Leben davongekommen sind. Nur, wie sind wir in diese Kammer und zusammen ins Bett geraten? Wenngleich ich mich nicht darüber beschwere“, fügte er schwach lächelnd hinzu.

Amanda fand die letzte Bemerkung reichlich kühn, überging sie jedoch geflissentlich. Von Norwich aus hatte sie als einziger Passagier im Fahrzeug gesessen, bis dann in Felthorpe der Herr zugestiegen war. Es war ihr unangenehm gewesen, mit ihm allein zu sein, doch er hatte sie freundlich begrüßt, ihr gegenüber auf der anderen Wagenseite Platz genommen und sie nicht belästigt. Verstohlen hatte sie ihn aus dem Augenwinkel beobachtet und überlegt, wieso ein eleganter, sichtlich kostspielige Reitkleidung tragender Herr, der Mitte zwanzig sein mochte, nicht mit einem eigenen Gefährt unterwegs war. Er war zu alt, um in Schimpf und Schande von einer Universität gejagt worden zu sein, und sein Äußeres hatte darauf schließen lassen, dass er nicht unvermögend war, es sei denn, er war erst vor kurzem in finanzielle Bedrängnis geraten.

Sie hatte den Eindruck gehabt, dass er sich ihrer Anwesenheit ebenso bewusst war wie sie sich seiner. Hin und wieder war sein amüsierter Blick auf sie gerichtet gewesen, und sie hatte das Bedürfnis verspürt, sich mit ihm zu unterhalten, um herauszufinden, um wen es sich handelte. Sie hatte jedoch darauf verzichtet, das Wort an ihn zu richten, weil das gänzlich unschicklich gewesen wäre.

Und dann war die Berline plötzlich schneller gefahren und ins Schwanken geraten. Der Mitreisende hatte sich zum Sichtfenster umgedreht, offenbar in der Absicht, den Kutscher etwas zu fragen. Als der Wagen ins Schleudern kam, war der Unbekannte aufgesprungen, hatte sich neben Amanda gesetzt und sie fest in die Arme genommen. Sie beide hatten den Halt verloren und waren umhergeschleudert worden.

„Wir waren die einzigen Reisenden“, erklärte sie. „Andererseits müsste der Postillion doch wissen, dass wir nicht zusammen eingestiegen sind. Gleichviel, ich möchte mich bei Ihnen bedanken, Sir.“ Sie hielt inne, weil jemand an die Tür geklopft hatte.

„Herein!“, rief Jared verwundert und erblickte gleich darauf eine grauhaarige Frau, die ihn und die Dame fröhlich anschaute.

„Guten Morgen, meine Herrschaften“, sagte sie lächelnd. „Ich bin Mrs. Clay. Ich hätte nicht gedacht, Madam, dass Sie schon aufgestanden sind. Noch vorhin habe ich zu Neville, meinem Mann, gesagt, dass Ihnen und Ihrem Gatten wahrscheinlich sämtliche Knochen im Leib wehtun und Sie wohl bis mittags im Bett bleiben würden. Gut, gut! Ich werde Ihnen sogleich das Frühstück bringen.“

„Danke, das wäre reizend von Ihnen“, erwiderte Amanda freundlich. „Aber wenn Sie uns bitte vorher erklären würden, wo und wieso wir hier sind. Ich entsinne mich nur, dass wir einen Unfall hatten.“

„Sie sind jetzt in Saxthorpe im ‚Goldenen Lamm‘, das seit zwanzig Jahren meinem Mann und mir gehört“, sagte Barbara Clay stolz. „Ja, Sie hatten einen wirklich schrecklichen Unfall“, fuhr sie ernst fort. „Mr. Jenkins hat während der Fahrt einen Herzanfall bekommen und ist auf dem Kutschbock gestorben. Als Neville ihn fand, war das Gesicht ganz geschwollen und rot. Und Mr. Johnson, der zweite Postillion, hat schwere Schädelverletzungen erlitten und sich ein Bein gebrochen. Er ist ganz wirr im Kopf. Natürlich haben wir sofort Dr. Hoskins und seinen Gehilfen herkommen lassen. Der Arzt ist jedoch zuversichtlich, dass der arme Mr. Johnson bald wieder auf dem Posten sein wird.“

„Wie sind meine Gattin und ich hergekommen?“, erkundigte sich Jared.

„Sie, Sir, waren bewusstlos“, antwortete Barbara. „Für Sie war das von Vorteil, weil Dr. Hoskins Ihnen die Schulter einrenken musste. Ihre Gattin war ebenfalls ohnmächtig und kam nur kurz zu sich, als Neville und Bill sie aus den Wagentrümmern zogen, hat jedoch gleich wieder die Besinnung verloren. Sie hatte sich fest an Sie geklammert, als wolle Sie nie von Ihnen getrennt sein“, setzte sie gerührt hinzu.

„So, so“, murmelte Amanda.

Jared konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, verzog jedoch, als er ihren missbilligenden Blick auf sich gerichtet sah, sogleich in vorgetäuschtem Schmerz das Gesicht.

Sie konnte sich nicht erinnern, ob ihre Zofe, bevor sie zur Reise aufgebrochen war, ihr das Visitenkartenetui in die Tasche gesteckt hatte. „Ist mein Retikül gefunden worden?“, wollte sie wissen.

„Nein, Madam“, antwortete Barbara und schüttelte den Kopf. „Natürlich wurde die Umgebung der verunglückten Kutsche nach Ihren persönlichen Dingen abgesucht, aber leider hat man keinen Hinweis auf Ihre Identität gefunden, auch nicht in der Couverttasche Ihres Gatten, so dass Ihre Angehörigen bis jetzt nicht benachrichtigt werden konnten. Ihr Gepäck hat Bill heraufgebracht und dort vor die Kommode gestellt.“

Amanda fand es sehr befremdlich, dass der Mitreisende keine Visitenkarten bei sich hatte. Da sie ihren Ehering trug, war es nicht verwunderlich, dass man sie und den Fremden für verheiratet hielt. Selbst die beiden Portemanteaux, die wie vom selben Hersteller gefertigt aussahen, erweckten den Eindruck, als seien sie gleichzeitig für ein Ehepaar gekauft worden. Andererseits war Amanda erleichtert darüber, dass ihre Identität nicht bekannt war, da so keiner ihrer Verwandten und Bekannten erfahren konnte, dass man sie nach einem Kutschenunfall ohnmächtig in den Armen eines Mannes gefunden hatte.

„Sehr liebenswürdig, Mrs. Clay“, erwiderte sie höflich. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, zunächst für mich und dann für meinen Gatten heißes Wasser heraufbringen zu lassen? Und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn jemand ihm beim Ankleiden helfen und ihn rasieren könnte. Sobald ich mich präsentabel gemacht habe, werde ich zum Frühstück herunterkommen.“

„Ihr Kleid, Madam, ist bereits abgebürstet worden und liegt hinter dem Wandschirm. Verzeihen Sie, aber mit wem habe ich die Ehre?“

„Mrs. Brown.“

„Smith“, sagte Jared einen Moment zu spät.

„Mr. Augustus und Mrs. Amanda Brownsmith aus London“, fuhr sie geistesgegenwärtig fort. „Wir sind auf dem Weg zu Freunden in Holt.“

Die Wirtin knickste und verließ den Raum.

„Ich bewundere Ihre schnelle Reaktionsfähigkeit“, äußerte Jared beeindruckt. „Aber mussten Sie mich unbedingt ‚Augustus‘ taufen? Falls Sie sich für den kleinen Kuss rächen wollten, ist diese Strafe viel zu hart.“

Derart jäh an die Intimität erinnert, spürte Amanda sich erröten und entgegnete ungehalten: „Sie sollten sich schämen, Sir! So etwas gehört sich nicht!“

„Sie müssen zugeben, Madam, dass ich unter den gegebenen Umständen sehr viel Zurückhaltung bewiesen habe“, nahm er sich in Schutz. „Herein!“, fügte er hinzu, weil jemand Einlass begehrte.

Mrs. Clay betrat die Kammer, ging zum Waschtisch und schüttete das mitgebrachte heiße Wasser aus dem kleinen Holzeimer in die Porzellankaraffe. Dann hängte sie die Handtücher über den Paravent und zog sich diskret zurück.

Misstrauisch beäugte Amanda den alten Wandschirm, in dem ein breiter Riss klaffte. Unsicher schaute sie zu ihrem Leidensgefährten und sah, dass er sich wieder auf dem Bett ausgestreckt und die Augen geschlossen hatte. Mit vor Schmerz verzerrter Miene bewegte er den rechten Arm und versuchte, ihn in eine für ihn bequemere Lage zu bringen. Er tat ihr leid, doch es würde sich trotzdem nicht vermeiden lassen, ihn zu bitten, unverzüglich abzureisen, um jeder Gefahr eines Skandals aus dem Weg zu gehen.

Rasch begab sie sich hinter den Paravent, legte das vermutlich der Wirtin gehörende Nachthemd ab und reinigte sich in aller Eile. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, kleidete sie sich an und setzte sich an den Frisiertisch. Nach einem erschütterten Blick in den Kippspiegel nahm sie den Kamm der bereitliegenden Toilettengarnitur zur Hand und begann, das zerzauste blonde Haar zu ordnen. Innerlich seufzend betrachtete sie sich und dachte daran, dass ihre Bewunderer ihr stets gesagt hatten, keine andere Frau habe so wunderschöne braune Augen wie sie. Jetzt war der Ausdruck müde, und auch ihr schmales, ovales Gesicht wirkte abgespannt. Im Allgemeinen war sie nicht eitel, doch nun ärgerte es sie, dass sie stark gerötete Schrammen auf der linken Wange hatte und ihr linkes Auge geschwollen und blau verfärbt war.

Beklommen beendete sie die Morgentoilette, stand auf und ging um den Wandschirm. Sofort bemerkte sie, dass der Mann sie anerkennend anschaute, und stellte sich auf weitere unpassende Äußerungen ein.

„Je eher wir dieses Gasthaus verlassen, desto besser“, sagte er ruhig. „Ich hoffe, man kann mir hier eine Kutsche vermieten. Haben Sie es noch weit bis zu Ihrem Reiseziel?“

„Nein“, antwortete Amanda. „Ich wohne in der Nähe von Holt.“

„Ist es zu viel verlangt, Mrs. Brownsmith, Sie um Ihren richtigen Namen zu bitten?“, fragte Jared und sah sie belustigt an.

„Ich bin Mrs. Amanda Clare und lebe in Upper Glaven Hall. Und wer sind Sie?“

„Wenn ich das wüsste“, antwortete Jared seufzend. „Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wer ich bin.“

„Wie bitte?“ Entgeistert starrte sie ihn an.

„Ich versichere Ihnen, dass ich Sie nicht belüge. Wahrscheinlich habe ich durch den Schlag auf den Kopf mein Gedächtnis verloren. Zum Glück hat mein Geist sich jedoch nicht verwirrt.“

„Wann ist Ihnen aufgefallen, dass Sie Erinnerungslücken haben?“

„Das habe ich in dem Moment gemerkt, als Sie im Bett so verstört von mir abgerückt sind. Ich konnte mich nicht entsinnen, wer Sie sind, und habe entsetzt festgestellt, dass mir auch mein Name entfallen ist. Wie peinlich, wenn ein Mann nicht mehr weiß, mit wem er die Nacht verbracht hat …“

„Ach, lassen Sie das!“, fiel Amanda ihm unwirsch ins Wort. „Das ist jetzt wirklich nicht der richtige Augenblick, um die Sache ins Lächerliche zu ziehen! Was machen wir nun?“

„Ich hoffe, dass ich, wenn ich mich gestärkt habe, konzentrierter denken kann“, erwiderte Jared seufzend.

Jemand klopfte an die Tür, und auf Amandas Geheiß betrat Mrs. Clay mit einem jungen Mann den Raum.

„Das ist Billl, unser Laufbursche“, stellte Barbara ihn vor. „Er wird Ihrem Gatten bei der Morgentoilette behilflich sein. Und Ihr Frühstück steht bereit, Mrs. Brownsmith.“

„Danke“, sagte Amanda, verließ die Kammer und wurde im Parterre von einem Hausmädchen in das von der Morgensonne erhellte Privatzimmer gebracht. Sie setzte sich an den Tisch und widmete sich, da sie sehr hungrig war, eifrig dem Essen.

Es dauerte nicht lange, bis jemand an die Tür klopfte und gleich darauf ihr Schicksalsgenosse im Raum erschien. Er war rasiert und machte in seiner eleganten Garderobe erneut einen stattlichen Eindruck. Den rechten Arm trug er jetzt in einer Schlinge, und außerdem hinkte er leicht, als er sich dem Tisch näherte.

„Oh, haben Sie sich auch am Bein verletzt?“, fragte Amanda besorgt.

„Das Gelenk ist verstaucht“, antwortete er leichthin. „Gestatten Sie?“

„Bitte!“, sagte sie freundlich und läutete mit der Tischglocke.

Er nahm auf dem freien Stuhl Platz und erkundigte sich: „Haben Sie, abgesehen von den Prellungen im Gesicht, durch den Unfall noch andere Schäden erlitten?“

„Nein“, äußerte sie ehrlich und wandte sich an die Wirtin, die soeben eintrat. „Das Frühstück war ausgezeichnet, Mrs. Clay“, fuhr sie lobend fort. „Bringen Sie meinem Mann bitte das Gleiche.“

„Sehr wohl, Mrs. Brownsmith“, erwiderte Barbara, knickste leicht und zog sich zurück.

„Ist Ihnen mittlerweile eingefallen, wer Sie sind?“, fragte Amanda wissbegierig.

„Nein“, gestand Jared bedrückt. „Aber ich habe über Ihre Lage nachgedacht, Mrs. Clare. Wenn Ihr Gatte erfährt, dass Sie mit einem Mann die Nacht im selben Bett verbracht haben, wird er gewiss nicht sehr erbaut sein. Vielleicht würde er in Anbetracht der Umstände, die zu dieser ungewöhnlichen Situation geführt haben, nachsichtig sein, wenn er wüsste, wer ich bin, und ich ihm mein Wort gäbe, dass nichts Ehrenrühriges geschehen ist. So jedoch sehe ich mich außer Stande, ihm meinen Namen zu nennen, und ein Duell ist vorläufig auch ausgeschlossen, weil ich den rechten Arm nicht benutzen kann.“

Einen Augenblick lang zog Amanda in Betracht, einen wutschnaubenden Ehemann zu erfinden, hielt sich dann indes vor, das sei niederträchtig, denn schließlich hatte sie ihrem Gegenüber viel zu verdanken. „Mein Gatte hätte nie an meinem Wort gezweifelt“, sagte sie ehrlich, „ganz gleich, wie heikel die Lage gewesen wäre. Ich kann Ihnen versichern, dass er, wäre er jetzt hier, Ihnen dafür danken würde, dass Sie mich vor Schlimmerem bewahrt haben.“

„Sie sprechen von ihm in der Vergangenheit“, bemerkte Jared erstaunt. „Lebt er nicht mehr?“

„Nein“, antwortete Amanda. „Ich bin seit zwei Jahren verwitwet.“

„Das tut mir leid“, murmelte Jared. „An wen aus Ihrer Familie soll ich mich dann wenden, um die gestrigen Ereignisse zu erklären und mein Bedauern darüber auszudrücken?“

„An niemanden“, sagte Amanda ruhig. „Ich habe keine Eltern mehr, und auch keine Geschwister. Humphrey Clare, der Cousin und Erbe meines verstorbenen Mannes, ist mein nächster männlicher Verwandter, und ihn geht dieser Vorfall nichts an“, fügte sie mit einer gewissen Schärfe hinzu, weil er es genießen würde, sie in eine skandalöse Geschichte verwickelt zu wissen. Dazu wollte sie ihm jedoch keinesfalls Gelegenheit geben. „Ich fürchte nicht um meinen guten Ruf“, fuhr sie gelassen fort, „vorausgesetzt, ich bin wachsam und habe nicht noch einmal solches Pech. Wenn ich in Holt bin, ist es nicht schwer für mich, nach Haus zu kommen. Aber wohin wollen Sie? Ich bedauere, Sie bitten zu müssen, mit mir abzureisen, denn es sähe sehr seltsam aus, wenn ich das Gasthaus ohne Sie verlasse.“

Es wurde wieder an die Tür geklopft, und gleich darauf erschien die Wirtin mit dem für Jared bestimmten Frühstück. Er wartete, bis sie das Zimmer verlassen hatte, und äußerte stirnrunzelnd: „Vielleicht trägt meine Kleidung dazu bei herauszufinden, wer ich bin.“

„Das ist ein guter Einfall!“, meinte Amanda. „Ihre Garderobe wurde offensichtlich von einem exzellenten Schneider und Schuhmacher angefertigt. Vielleicht sollten Sie zu einem Ihrer Lieferanten fahren, wo man Sie dann sofort mit Ihrem Namen begrüßen wird.“

„Das hat viel für sich“, räumte Jared ein. „Dann wüsste ich auf der Stelle, wer ich bin, oder ich könnte Nachforschungen über mich anstellen.“

„So weit, so gut, aber was ist, wenn man Sie bei Weston oder Lobb mit ‚Guten Tag, Eure Lordschaft‘ empfängt?“, wandte Amanda ein. „Sie können sich schlecht danach erkundigen, welcher Lord Sie sind.“

„Hm, daran habe ich nicht gedacht“, musste Jared zugeben. „Natürlich wäre es einfacher, wenn man mich mit ‚Eure Gnaden‘ anspräche, denn dann ist die Auswahl nicht so groß!“

„Können Sie bitte etwas ernsthafter sein?“, äußerte Amanda vorwurfsvoll, begann jedoch, die Situation amüsant zu finden. Sie war froh, dass ihr Begleiter kein mürrischer Griesgram war. „Ich bin davon überzeugt, dass Sie kein so hoch stehender Adliger sind, weil ich glaube, alle Herzöge in Ihrem Alter zu kennen. Oder meinen Sie, ein Aristokrat zu sein? Kommt es Ihnen seltsam vor, wenn man Ihnen nicht die erforderliche Ehrerbietung entgegenbringt?“

„Noch kann ich das nicht beurteilen“, antwortete Jared trocken. „Ich muss mich erst daran gewöhnen, als einfacher Mr. Augustus Brownsmith eingestuft zu werden.“

Amanda überging die Spitze und erwiderte: „Natürlich könnten Sie sich in Holt einquartieren und die Zeitungen aus London nach einer Annonce durchsehen, die Ihre Angehörigen vielleicht auf der Suche nach Ihnen aufgegeben haben. Schließlich muss Ihre Gattin vor Angst um Sie außer sich sein.“

„Meine Gattin?“, wiederholte Jared perplex.

„Kommt die Vorstellung, verheiratet zu sein, Ihnen so abwegig vor? Sie sind alt genug, Sir, um eine eigene Familie zu haben.“

„Ich bin sicher, dass ich nicht vermählt bin“, entgegnete Jared aus fester Überzeugung. „Sonst müsste ich doch eine gewisse Unruhe verspüren, nicht wahr?“

„Möglicherweise sind Sie kein guter Ehemann“, vermutete Amanda und sah ihr Gegenüber unwirsch die Stirn furchen. „Sind Sie denn nicht im Mindesten um jemanden beunruhigt?“

„Ja, um Sie“, antwortete Jared ehrlich. „Unsere Situation als solche ist eher aufregend. Ich habe nämlich das Gefühl, früher oft gelangweilt gewesen zu sein.“

„Das ist interessant“, meinte Amanda. „Als Sie in Felthorpe zugestiegen sind, hatte ich den Eindruck, dass Sie guter Dinge waren und froh, etwas für Sie Unangenehmem entronnen zu sein. Im Übrigen habe ich mich gewundert, dass Sie mit einer Postkutsche reisten.“

„Auch für mich ist das ein Rätsel“, gab Jared zu. „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich normalerweise nicht mit Postkutschen fahre. Wie dem auch sei, ich habe nicht die Absicht, erneut auf dieses Verkehrsmittel zurückzugreifen. Ich halte es für das Beste, wenn ich hier einen Wagen miete und uns nach Holt bringe. Dort kann ich mir eine Berline besorgen, darin nach London weiterfahren und mich in einem Hotel einlogieren.“

„Im ‚Grillon‘?“

„Nein, im ‚Clarendon‘, weil man da besser speist.“

Überrascht schaute Amanda den Unbekannten an und sagte hoffnungsvoll: „Wenn Sie das so genau wissen, müssen Sie sich doch an etwas erinnern!“

„Leider ist das ein Trugschluss“, widersprach Jared ernst. „Ich weiß nicht einmal, wie das Hotel aussieht. Aber wenn ich mich dort einfinde, besteht die Möglichkeit, dass jemand mich erkennt und mich mit meinem Namen begrüßt.“

„Falls Sie bis dahin nicht die Hälfte Ihrer Bekannten brüskiert haben, weil sie von Ihnen nicht zur Kenntnis genommen wurden“, warf Amanda ein.

„Sie verstehen es prächtig, mich aufzumuntern!“, erwiderte Jared trocken, griff in die Innentasche des Gehrocks und zog die Couverttasche heraus. Er klappte sie auf und stellte befremdet fest, dass sie leer war. „Hm!“, äußerte er irritiert. „Ich hätte schwören können, dass wir es hier mit anständigen Wirtsleuten zu tun haben. Nun frage ich mich, wie ich den Arzt honorieren, die Rechnung begleichen und einen Wagen mieten soll.“ Er betastete die Seitentasche, spürte den Geldbeutel und nahm ihn an sich. Nachdem er ihn aufgezogen und den Inhalt auf den Tisch geschüttet hatte, stellte er fest, dass er nur eine Guinea und etwas Kleingeld besaß.

Unbehaglich schaute Amanda ihn an und sagte bedächtig: „Wären wir nicht, wie Mrs. Clay uns mitgeteilt hat, von ihrem Mann und einem Helfer aus der zertrümmerten Kutsche gezogen worden, läge der Verdacht nahe, dass jemand Sie ausgeraubt hat. Zum Glück dürfte das vorhandene Geld reichen, um die hier entstandenen Kosten zu begleichen. In Holt werde ich Ihnen dann aushelfen, damit Sie nach London fahren können.“

„Das kommt nicht infrage!“, weigerte sich Jared. „Ich werde mir nichts von Ihnen leihen, da ich keine Ahnung habe, ob ich Ihnen das Geld zurückgeben kann.“

„Sie tragen einen goldenen Siegelring“, bemerkte Amanda. „Ist etwas eingraviert, das Ihnen helfen könnte, sich zu erinnern?“

„Nein, auf dem Stempel befindet sich nur ein ‚J‘“, antwortete Jared bedauernd.

„Hm, das kann alles Mögliche bedeuten“, murmelte sie enttäuscht. „Es könnte sich um den Anfangsbuchstaben Ihres Vornamens oder Familiennamens handeln. Nun, zumindest habe ich jetzt einen Ansatzpunkt, um Sie mit einem Namen ansprechen zu können. Ich werde Sie Jay Brownsmith nennen. Kommen Sie! Ich habe einen Plan.“

Als sie Anstalten machte, sich zu erheben, stand Jared auf und war ihr behilflich. Dann ergriff er ihre Hand, hob sie zum Kuss an die Lippen und sagte anerkennend: „Sie sind mutig und tatkräftig. Das gefällt mir.“

„Ach, Unsinn!“, entgegnete sie lächelnd und bemühte sich, nicht zu zeigen, wie sehr die galante Geste und das Kompliment sie erfreuten. „Meine Freunde behaupten ganz etwas anderes von mir. Sie finden mich bestimmend und herrisch. So, und nun sollten wir die Rechnung begleichen und dann aufbrechen.“

Gemeinsam verließ man das Privatzimmer, und auf die Bitte, ein Fahrzeug zur Verfügung zu stellen, wurde Jared ein Gig mit einem ruhigen Pferd überlassen. Er entlohnte den Wirt, begab sich mit Mrs. Clare zum Wagen und wartete, bis der Laufbursche das Gepäck untergebracht und ihr in den Einspänner geholfen hatte. Dann setzte er sich neben sie und überließ ihr in weiser Voraussicht die Zügel.

Sie winkte den Wirtsleuten zu, trieb den Braunen an und lenkte ihn vom Hof.

Nach einer Weile bemerkte Jared anerkennend: „Sie kutschieren sehr gut, Mrs. Clare.“

„Ach, ein gefügiges Pferd, ein gut gewarteter Wagen und eine leere Straße sind keine Herausforderungen“, antwortete sie schmunzelnd. „Mein Mann hat mich gelehrt, wie man vierspännig fährt. Seit ich verwitwet bin, benutze ich indes nur Zweispänner. Es ziemt sich nicht, auf dem Land zu viel Aufsehen zu erregen, da man sonst ins Gerede gerät.“

„Nicht nur auf dem Land sind die Leute engstirnig“, meinte Jared. „Verzeihen Sie meine Neugier, aber warum sind Sie überhaupt mit der Postkutsche gefahren?“

„Der Grund ist schnell erklärt, obwohl die Sache etwas peinlich für mich ist“, antwortete Amanda heiter. „Ich war in Norwich zum Einkaufen und habe so viel Geld ausgegeben, dass ich mir kein Mietfahrzeug nehmen konnte. Und meine Zofe ist mit Mr. Gourley, den wir zufällig getroffen haben, nach Haus gefahren. Sie ist sehr gut mit seinen Töchtern befreundet, so dass ich keine Bedenken hatte.“ Sie unterließ es, Mr. Brownsmith mitzuteilen, dass Kate offenbar viel für Mr. Gourleys ältesten Sohn Thomas empfand und sie ihr erlaubt hatte, bei der Familie zu übernachten, falls sie dazu eingeladen werden würde. „Zur Bank wollte ich nicht gehen“, fuhr sie fort, „weil ich bereits eine beträchtliche Summe abgehoben hatte und Mr. Greenwich mir, da er es gut mit mir meint, bestimmt vorgehalten hätte, ich müsse etwas sparsamer sein.“

„Ein weiser Mann!“, erwiderte Jared auflachend.

„Wie man es nimmt“, äußerte Amanda gedehnt. „Man könnte ihn auch für geizig halten. Ich bin Ihrer Gattin wegen beunruhigt“, fügte sie übergangslos hinzu. „Sie muss sehr in Sorge um Sie sein.“

„Wieso? Es ist doch gar nicht sicher, dass ich verheiratet bin. Und außerdem haben Sie beim Frühstück vermutet, ich sei möglicherweise kein guter Ehemann. Dann wäre es doch nicht verwunderlich, wenn meine Gemahlin, falls es sie gibt, froh über meine Abwesenheit ist. Oder sie rechnet noch nicht mit meiner Heimkehr, weil ich mich auf einer längeren Reise befinde.“

„Kommt Ihnen denn keine Frau in den Sinn?“

„Oh ja!“, antwortete Jared grinsend. „In Gedanken sehe ich mehrere hübsche Damen, von denen jedoch keine als meine Gattin infrage kommt.“

„So, so“, murmelte Amanda und sah eine Chaise ihr entgegenkommen. Sie wartete, bis sie fast auf gleicher Höhe war, und wandte sich dann schnell ihrem Begleiter zu. Sobald die Kutsche am Gig vorbei war, erklärte Amanda: „Ich wollte vermeiden, dass jemand mich erkennt.“

„Das ist begreiflich“, sagte er verständnisvoll. „Ich glaube, es ist besser für Sie, wenn Sie mich hier absetzen. Wie ich sehe, ist es nicht mehr weit bis Holt, so dass ich den letzten Rest des Wegs zu Fuß zurücklegen kann.“

„Und wie wollen Sie nach London kommen?“, fragte sie, ohne auf den Wunsch des Unbekannten einzugehen. „Sie haben nicht einmal genügend Geld bei sich. Außerdem haben Sie sich das Fußgelenk verstaucht.“

„Gleichviel, ich muss Rücksicht auf Ihren Ruf nehmen und möchte Sie daher nicht länger belästigen. Sie haben ohnehin schon genug für mich getan.“

„Ach, das ist nicht der Rede wert“, widersprach Amanda, lenkte das Pferd auf einen von dichtem Gebüsch gesäumten Seitenweg und wendete auf einer breiten freien Fläche. Dann hielt sie den Braunen an und sagte, während sie ihrem Begleiter die Zügel übergab: „Der Plan, von dem ich vorhin gesprochen habe, wird es Ihnen ermöglichen, wieder zu Kräften zu gelangen und hoffentlich auch Ihr Erinnerungsvermögen zurückzugewinnen, und zwar in angenehmer Umgebung und ohne nennenswerte Ausgaben zu erzeugen.“

Jared hielt die Stränge mit der linken Hand und erkundigte sich verblüfft: „Warum in aller Welt wollen Sie sich weiterhin mit mir belasten?“

„Freunden sollte man stets behilflich sein“, antwortete Amanda beim Verlassen des Gigs.

„Bin ich ein Freund?“, fragte Jared erstaunt. „Sie kennen mich doch kaum!“

„Sie haben mich, als die Postkutsche umstürzte, vor größerem Schaden bewahrt“, erklärte sie, „und dafür bin ich Ihnen Dank schuldig. So, und nun hören Sie mir gut zu. Das Haus, dessen Dach Sie hinter den Bäumen sehen können, ist ein Gasthof, der ‚Zum Halbmond‘ heißt und meinem früheren Stallmeister William Bream gehört, der den Dienst quittiert hat, nachdem der Vetter meines Mannes den Besitz geerbt hatte. Das Gebäude war in sehr schlechtem Zustand und hatte keine gute Klientel. Mr. Bream hat es renoviert und ihm zu einem besseren Ruf verholfen, so dass es seit etlichen Monaten von einer ordentlichen Kundschaft frequentiert wird.“

„Was soll ich dort?“, wunderte sich Jared. „Wollen Sie mich als Küchenjungen oder Stallknecht empfehlen?“

„Natürlich nicht!“, antwortete Amanda kopfschüttelnd.

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