Erica Spindler

Zu richten die Lebenden

Thriller

Aus dem Amerikansichen von
Katrin Hahn

HarperCollins®

HarperCollins® Bücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2015 by HarperCollins

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Watch Me Die

Copyright © 2011 by Erica Spindler

erschienen bei: St. Martin’s Press, New York

Published by arrangement with St. Martin’s Press, LLC.

All right reserved.

Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin’s Press, LLC

durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen, vermittelt.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Thorben Buttke

Titelabbildung: Thinkstock

ISBN eBook 978-3-95967-984-8

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks
in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen
Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit
lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

New Orleans, Louisiana
Dienstag, 9. August 2011
01:48 Uhr

Er war so lange allein gewesen. Unter den Lebenden, aber keiner von ihnen.

Bis jetzt.

Maria war zu ihm zurückgekehrt. Sie waren vor all diesen vielen Jahren zusammen gewesen, aber der Wille seines Vaters und der ganzen verkorksten, kaputten Welt hatte sie getrennt.

Doch das war die Vergangenheit. Sie war wieder da, in greifbarer Nähe, und diesmal würde sie nichts auseinanderreißen.

Es hatte begonnen.

Er stieg die Treppe zum Schlafzimmer seiner Großmutter hinauf, leise und vorsichtig, um sie nicht zu wecken. Mondlicht fiel durch die Spalten der geschlossenen Vorhänge und erzeugte helle, messerartige Lichtstreifen auf den dunklen Stufen.

Er kannte diese Treppe so gut, dass er sie blind hinaufsteigen konnte. Wie viele hundert Male hatte er ein Tablett mit Essen oder einem Getränk hinaufgetragen? Zuerst für seine Mutter, die viel zu jung aus dem Leben gerissen worden war, jetzt für seine Großmutter.

Er warf einen kurzen Blick auf ihre schlafende Gestalt. Sie lag in ihrem Bett, den Kopf aufs Kissen gebettet, die Decke ordentlich um sie herum festgesteckt. Er rümpfte die Nase bei dem Geruch nach Alter und Krankheit. Sie war während der letzten Monate so gebrechlich geworden. So dünn, nicht viel mehr als Haut und Knochen. Und schwach. Kaum in der Lage, den Kopf zu heben.

Außerstande, sich gegen ihn zu wehren.

Er runzelte die Stirn. Warum hatte er das jetzt eben gedacht? Er liebte seine Großmutter; er verdankte ihr sein Leben. Als seine Mutter gestorben war, hatte sie alles geopfert, um ihn großzuziehen. In den vergangenen zweiundzwanzig Jahren hatte sie ihn unterstützt und geleitet. Sie hatte an ihn geglaubt. Daran, wer er war und wofür er bestimmt war.

Er schüttelte den Kopf und dachte wieder klar. Er hatte ihr von Marias Rückkehr erzählt. Sie hatten sich gestritten. Sie hatte schreckliche Dinge über Maria gesagt. Hässliche, abscheuliche Dinge. Jedes Wort hatte ihn ins Herz getroffen.

Aber was seine Liebe zu Maria betraf, würde er sich nicht umstimmen lassen.

Er ging zu ihrem Bett hinüber. Das gezackte Licht des Mondes fiel quer über ihren Oberkörper und auf ihn. Er hob seine Hände ins Licht und spreizte die Finger.

Blut befleckte seine Hände.

Das Blut des Lamms. Es spritzte beim Auftreffen.

Du bist bekümmert.

Er blinzelte bei diesen deutlich gesprochenen Worten. Blickte hinter sich in das leere Zimmer, dann hinunter auf seine schlafende Großmutter. „Wer ist da?“, fragte er.

Du kennst mich. Ich bin der, der immer bei dir ist. „Vater“, flüsterte er, „bist du es?“

Ja, mein Sohn. Was bekümmert dich heute Nacht? Es hat begonnen. Du solltest dich freuen und nicht fürchten, denn durch den Vater wird der Sohn verherrlicht!

„Einer deiner Heiligen, Vater. Ich musste. Er begegnete mir so plötzlich …“

Ein Märtyrer. Er wird nicht vergessen, er wird geheiligt werden für seine Rolle an diesem Tag des Neubeginns.

Auf die Worte seines Vaters hin überkam ihn Gewissheit. Seine Aufgabe stand ihm wieder klar vor Augen, und er empfand neuen Frieden. „Ja, Vater. Es ist tatsächlich der Tag, den du vorausgesagt hast und den ich erwartet habe. Ich bin in deiner Hand, Vater.“ Er senkte den Kopf. „Ich bin dein Diener. Führe mich.“

Verlass die Alte jetzt. Vergiss nicht, nur eine kann an deiner Seite stehen.

„Maria.“

Ja. Auch ihr Augenblick kommt.

Vorsichtig zog er eines der Kissen hinter dem Kopf seiner Großmutter hervor. Er starrte auf sie hinab, verschlang ihr Gesicht mit Blicken, und die Gefühle überfluteten ihn. Was würde er ohne sie machen?

Tränen brannten in seinen Augen. Er ließ das Kissen fallen, beugte sich vor und legte es vorsichtig an seinen Platz zurück, darauf bedacht, sie nicht zu wecken.

Er drückte einen Kuss auf ihre Stirn. „Gute Nacht, Grandma. Schlaf gut.“

2. KAPITEL

Dienstag, 9. August
08:35 Uhr

Detective Spencer Malone von der Mordkommission manövrierte seinen altmodischen kirschroten Camaro auf den Platz zwischen dem Kombi des Coroners, des amtlichen Leichenbeschauers, und dem Transporter der Spurensicherung, dann stoppte er abrupt. Kaffee schwappte über den Rand des Kaffeebechers seines Partners und tropfte auf dessen Paisleyhemd.

„Scheiße, ist der heiß! Weißt du eigentlich, was du da hinter dem Steuer tust, Malone?“ Detective Tony Sciame tupfte den Fleck mit der Rückseite seiner Krawatte ab. „Dabei wollte ich gut aussehen für meine Party.“

Malone schaltete den Motor aus und warf ihm ein Grinsen zu. „Keine Bange, Tony. Der Fleck passt prima dazu.“ Er und Tony waren seit mehr als sechs Jahren Partner. Ihre Partnerschaft funktionierte, trotz des Altersunterschieds, trotz ihrer unterschiedlichen Ermittlungsstile und – Gott sei Dank – trotz ihres unterschiedlichen Sinns für Mode.

Hatte funktioniert. Heute war Tonys letzter Tag bei der Truppe.

„War das eine Spitze?“

„Verdammt, nein, Partner. Bloß eine Tatsache.“ Spencer öffnete energisch die Tür, dann drehte er sich zu Tony um. „Du siehst immer noch richtig ‚hübsch‘ aus für deine Party.“

„Leck mich, Malone.“

Sie kletterten aus dem Camaro und warfen die Türen gleichzeitig zu. Ein paar uniformierte Officers schauten zu ihnen herüber.

Die Sisters of Mercy Catholic School and Church, an der Carrollton Avenue Ecke Fig Street gelegen, erstreckte sich über zwei grundverschiedene Stadtviertel – Uptown und Mid-City. Leider hatten die Wohlhabenden im Laufe der Jahre angefangen, weiter in die bessere Gegend außerhalb der Stadt zu ziehen, und damit die Sisters of Mercy der Mittelklasse und den ärmeren Arbeitern zu überlassen.

Trotzdem war es ein wunderschöner Campus, der ungeachtet der städtischen Lage ein riesiges Grundstück belegte. Seine aus Stein errichteten Gebäude mit ihren Bogengewölben waren mehr der romanischen Architektur verpflichtet als dem aufwendigen kreolischen Stil, für den die Stadt bekannt war.

„Ich hab mich immer gefragt, wie diese Gemäuer von innen aussehen“, sagte Tony. „Und weißt du was? Der letzte Arbeitstag, und ich darf es herausfinden.“

„Du hast dein Leben im Griff, Tony. Daran gibt es nichts zu rütteln.“

Sie erreichten die äußere Grundstücksgrenze. Malone kannte den Officer, der den Zugang zum Tatort kontrollierte – er und sein Bruder Percy hatten früher zusammen ziemlich die Puppen tanzen lassen.

So war es eben, wenn man ein Malone war. Mit drei Brüdern, einer Schwester und diverser weiterer Verwandtschaft bei der Truppe lief er immer jemandem über den Weg, der eine Verbindung zu einem seiner Lieben hatte. Nicht an alle diese Verbindungen wollte man jedoch erinnert werden.

„Hey, Strawberry“, begrüßte er den Polizisten und nannte ihn bei seinem Spitznamen, den ein Geburtsmal auf seinem Hintern ihm beschert hatte. „Wie geht’s dir, Mann?“

„Nicht so schlecht.“ Der Officer hielt ihm das Logbuch hin. „Hab gehört, du heiratest. Hätte nie gedacht, dass ich den Tag erleben würde, Alter. Es ist wie das Ende einer Ära.“

Tony lachte schallend. „Vertrau mir, Kleiner, er hält sich nur für den Größten. Was haben wir?“

„Das Opfer ist im Altarraum. Der Priester wurde umgelegt. Ist das zu fassen? Wer macht denn so was?“

„Um das herauszufinden, sind wir heute hier.“ Die Männer duckten sich unter dem Absperrband hindurch und folgten dem Weg zu den massiven Doppeltüren, die in die Kirchenvorhalle führten. Im Inneren war es kühl und still. Durch die offenen Türen direkt vor ihnen fiel der Blick auf den Altarraum, der in farbiges Licht getaucht war.

Malone schritt durch die Kirchentüren. Buntglas-Paneele säumten beide Seitenschiffe. Sie waren wunderschön, aber das war es nicht, was ihn scharf einatmen ließ. Jemand hatte sich mit einer Sprühdose an ihnen zu schaffen gemacht.

„Heilige Maria, Mutter Gottes“, murmelte Tony.

Malone stimmte ihm schweigend zu und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf den Tatort. Zwölf Glaspaneele, zählte er. Die hohen schmalen Fenster waren ungefähr dreieinhalb mal eineinhalb Meter groß; jedes schilderte eine Szene aus dem Leben Christi.

Er trat einen Schritt zurück und sah sich das Graffiti auf dem ersten Fenster links vom Eingang an. Dann drehte er sich ein wenig, um das nächste Fenster zu betrachten. Sein Blick wanderte von einem Paneel zum anderen, bis er den ganzen Raum visuell erfasst hatte. Auf jedes der ersten elf Paneele war ein einziges Wort gekritzelt worden, verborgen zwischen irgendwelchen Formen und Zeichen. Auf das zwölfte Paneel hatte der Täter einen Smiley gemalt.

„Schau dir das an, Tony. Er hat uns eine Botschaft hinterlassen: ‚Er wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten.‘“

„Was für eine Überraschung, einer der Malone-Jungs.“

Spencer drehte sich um. Detective Terry Landry stand hinter ihm und grinste von einem Ohr zum anderen. Terry und sein Bruder Quentin waren einmal Partner gewesen.

„Landry, wie zum Teufel geht’s dir?“

Landry schlug ihm auf den Rücken. „Großartig, Alter.“ Er grinste Tony an. „Was machst du denn hier? Ich dachte, du steuerst heute auf das große P zu.“

„Mein letzter Auftritt. Außerdem konnte ich Malone das hier nicht allein erledigen lassen. Das Department möchte, dass die Sache auch wirklich abgeschlossen wird.“

Landry lachte und sah zu Spencer. „Wer hat die Arschkarte gezogen?“

Malone wusste, dass Landry von seinem nächsten Partner sprach. Er wusste auch, dass es im Department hieß, er sei es. „Bayle.“

Landrys Augenbrauen schossen in die Höhe. „Karin Bayle?“

„Genau die.“

Der Gesichtsausdruck des Mannes sprach Bände. „Wusste gar nicht, dass sie wieder arbeiten darf.“

„Offiziell kehrt sie morgen in den aktiven Dienst zurück.“ Landry setzte an, noch etwas zu sagen, aber Malone unterbrach ihn. „Danke, dass du uns angerufen hast, Mann. Der Kerl hier ist komplett verrückt, wie es scheint.“

„Nicht mein Anruf. Der eures Captains.“ Landry wandte den Blick zur Vorderseite der Kirche. „Habt ihr euch das Opfer schon angesehen?“

„Wir sind gerade auf dem Weg dahin.“

Landry nickte, und sie gingen zusammen weiter. „Die Leiche wurde vor ein paar Stunden von einer der Nonnen gefunden.“

Das Mittelschiff bildete beim Altar ein T. Der Leichnam lag im rechten Arm des T, neben dem Seitenausgang. Als sich Malone dem Opfer näherte, bemühte er sich, die Geschäftigkeit um sich herum zu ignorieren – vom Klicken und Blitzen der Kamera in der Hand des Tatortfotografen bis hin zu der lässigen Kameradschaft unter den Kriminaltechnikern. Er wollte sich ganz auf das Opfer konzentrieren, auf den Tatort und auf das, was ihm das alles zu sagen hatte.

Tatorte hatten eine Geschichte zu erzählen. Aber sie mussten behutsam dazu überredet werden. Und man musste ihnen sorgfältig zuhören. Trotzdem waren einige stur und blieben stumm.

Malone fragte sich, wie gesprächig dieser Tatort wäre.

Das Opfer lag mit dem Gesicht auf dem Boden. Sein Hinterkopf war eingeschlagen. Die kurzen weißen Haare waren blutverkrustet. Es war aus der Wunde gesickert und hatte einen dunklen Fleck auf dem weinfarbenen Teppich verursacht. Die Arme des Opfers waren nach vorne ausgebreitet, als hätte der Mann versucht, seinen Sturz abzufangen.

Malone hockte sich neben den Leichnam. Der Mann war schon älter gewesen. Nach der dünnen, mit Altersflecken übersäten Haut auf seinen Handrücken zu urteilen, vielleicht in seinen Siebzigern. Er trug einen Pyjama und Hausschuhe. Sein linker Schuh hatte sich gelöst, als er fiel.

Malone verlagerte den Blick zur Seitentür.

„Was ist mit dem Pyjama?“, fragte Tony.

„Ich wette, er hat im Pfarrhaus gelebt“, sagte Malone, während er sich aufrichtete. „So wie ich es sehe, ist er mitten in der Nacht aufgestanden, um ins Bad zu gehen, hat irgendjemanden oder irgendwas bemerkt und kam her, um dem nachzugehen.“

„Und hat den Vandalen überrascht.“

Malone nickte. „Er hat ihn überrascht, dann hat er versucht, wegzulaufen. Siehst du, wie er daliegt, die Arme nach vorne und die nach Füße hinten?“

„Was hat unser Täter dann als …“

„Entschuldigen Sie, Detectives?“, rief ein uniformierter Officer von der Seitentür. Er winkte sie herüber. „Scheint so, als hätten wir die Waffe gefunden.“

3. KAPITEL

Dienstag, 9. August
09:40 Uhr

Jederzeit konnten die Dämonen über Mira Gallier hereinbrechen. Manchmal brachte sie die Kraft auf, gegen sie anzukämpfen, und leugnete deren dunkle, quälende Visionen. Ihren Spott und die erbarmungslosen Vorwürfe.

Dann wieder überwältigten sie die schwarzen Mächte, sodass Mira mühsam einen Weg suchen musste, um sie zum Schweigen zu bringen. Um den Schmerz auszulöschen.

Letzte Nacht waren die Dämonen gekommen. Und sie hatte einen Weg gefunden, ihnen zu entfliehen.

Mira lag auf der Seite im Bett und starrte ausdruckslos auf das kleine Rosenfenster, das sie heimlich hergestellt hatte. Ein Hochzeitsgeschenk für ihren zukünftigen Mann. In der Tradition der prachtvollen gotischen Fenster hatte sie glänzende Schmuckfarben gewählt; ihr Design war aufwendig und schwierig, denn es kombinierte gemalte Bilder innerhalb der Farbblöcke. Für sie war das Fenster ein Symbol gewesen für ihre und Jeffs perfekte Liebe und für ihr schönes, gemeinsames neues Leben.

Sie hatte sich niemals vorstellen können, wie schnell, wie brutal dieses Leben enden würde.

Es schmerzte, sich das Fenster jetzt anzusehen, und Mira rollte sich auf den Rücken. Ihr Kopf fühlte sich schwer an und ihre Mundhöhle, als wäre sie voller Watte.

Elf Monate, drei Wochen und vier Tage, zunichte gemacht durch eine kleine blaue ovale Tablette.

Was würde Jeff jetzt von ihr denken? In dem Moment, als sie sich das fragte, wusste sie es. Er wäre tief enttäuscht.

Aber er wäre wohl kaum enttäuschter von ihr, als sie selbst es war.

Auf dem Nachttisch piepste ihr Handy. Sie griff danach und meldete sich. „Zweiter Kreis der Hölle. Die Gepeinigte am Apparat.“

„Mira? Hier ist Deni.“

Ihre Werkstatthilfe und Freundin. Sie klang verwirrt.

„Wen hast du erwartet?“, fragte Mira. „Meinen Mann?“

„Das ist nicht lustig.“

Nein, gab sie zu. Das war es nicht. Es war wütend. Und traurig. Jeff war tot, und sie hatte wieder zu den Tabletten gegriffen. Nichts davon hatte irgendetwas mit Deni zu tun. „Es tut mir leid. Ich hatte eine wirklich schlechte Nacht.“

„Willst du darüber sprechen?“

Das tosende Wasser. Eine ganze Wand aus Wasser. So schwarz und kalt wie der Tod, brutal und unerbittlich. Jeffs Schrei hallte in ihrem Kopf wider. Er rief nach ihrer Hilfe.

Aber sie war nicht da gewesen. Sie wusste nicht, wie dieser letzte Augenblick gewesen war. Sie wusste noch nicht einmal, ob er Zeit gehabt hatte zu schreien, Angst zu haben, oder ob er gewusst hatte, dass es das Ende war.

Und sie würde es nie erfahren.

Er war tot, ihretwegen.

„Nein. Aber danke.“ Das Letzte kam ihr automatisch über die Lippen. Es war, was sie sagen sollte, auch wenn Dankbarkeit weit entfernt war von dem, was sie empfand.

„Du hast was genommen, nicht wahr?“

In Denis Stimme schwang keine Missbilligung. Nur Mitleid. Trotzdem lagen Mira Ausreden auf der Zunge, so vertraut, dass sie sie im Schlaf aufsagen konnte. Sie widerten sie an. Sie hatte die Nase voll davon.

„Ja.“

Für einen langen Augenblick war Deni still. Als sie schließlich sprach, meinte sie: „Ich nehme an, ich soll dein Interview verschieben?“

„Interview?“

„Mit Libby Gardner. Von Channel Twelve, dem hiesigen Ableger von Public Broadcasting Service. Wegen des Magdalenen-Fensters. Sie ist hier.“

Dann erinnerte sich Mira. Ihre Arbeit an der Magdalenen-Restaurierung war Teil einer Serie zum sechsten Jahrestag von Katrina, die der Fernsehsender plante. „Scheiße. Hab ich vergessen. Tut mir leid.“

„Was soll ich ihr sagen?“ „Wie wär’s mit der Wahrheit? Dass deine Chefin tablettensüchtig ist und ein hoffnungsloser Fall?“

„Hör auf, Mira. Das ist nicht wahr.“

„Nein?“

„Du hast einen schrecklichen Verlust erlitten. Du hast dich in etwas geflüchtet …“

„Die ganze Stadt hat denselben verdammten Verlust erlitten. Das Leben geht weiter, Schätzchen.“ Die Worte klangen schrill, ihre Brutalität richtete sich gegen sie selbst. „Die Starken sind erfolgreich, und die Schwachen flüchten sich in Xanax.“

„Das ist ein solcher Quatsch.“ Deni klang verletzt. „Ich sehe, ob sie den Termin verschieben kann …“

„Nein. Fang mit ihr an. Erkläre ihr, wie das Fenster in unserer Obhut gelandet ist, beschreibe den Restaurierungsprozess, führe sie herum. Bis du damit fertig bist, bin ich da.“

„Mira …“

Sie schnitt ihrer Assistentin das Wort ab. „Ich bin gleich in der Werkstatt. Wir können dann reden.“

Mira eilte in die Küche. Sie kochte sich eine Tasse starken Kaffee, dann machte sie sich auf ins Badezimmer. Als sie einen Blick auf ihr Gesicht im Frisierspiegel erhaschte, erstarrte sie. Sie sah schlecht aus. Sogar schlimmer. Die Ringe unter ihren haselnussbraunen Augen waren so dunkel, dass ihre blasse Haut im Vergleich dazu gespenstisch wirkte. Sie war zu dünn – ihr kupferrotes Haar wirkte wie die Flamme an einem Streichholz.

Sie trug ein altes T-Shirt ihres Mannes als Nachthemd: GEAUX SAINTS verkündete die Vorderseite. Mira fuhr mit den Fingern über das verblichene Druckmotiv. Jeff hatte nicht lange genug gelebt, um sein geliebtes NFL-Team den Super Bowl gewinnen zu sehen.

Es ist deine Schuld, dass er tot ist, Mira, flüsterte die Stimme in ihrem Kopf. Du hast ihn überredet zu bleiben. Erinnerst du dich daran, was du gesagt hast? „Das wird ein Abenteuer, Jeff. Eine Geschichte, die wir unseren Kindern und Enkeln erzählen können.“

Die Klimaanlage sprang an. Kalte Luft aus dem Lüftungsschacht über ihrem Kopf verursachte ihr eine Gänsehaut auf den Armen und auf dem Nacken. Nein, sagte sie sich. Das ist Blödsinn. Hatte ihre Psychiaterin Dr. Jasper das nicht gesagt? Jeff war zu fünfzig Prozent an der Entscheidung beteiligt gewesen. Hätte ihm wirklich so viel daran gelegen, dass sie verschwinden sollten, hätte er das gesagt.

Seine Familie gab ihr die Schuld. Ihre und Jeffs Freunde waren recht subtil in ihren Anschuldigungen gewesen, aber sie las es in ihren Blicken, dass sie ihr Verhalten missbilligten.

Hilflos starrte sie auf ihr Spiegelbild. Das Problem war, sie gab sich selbst die Schuld. Ganz gleich, was ihre Psychiaterin sagte oder wie die Tatsachen lauteten.

Sie ließ den Blick durch das verwüstete Badezimmer schweifen – geleerte Schubladen, Schminktaschen und Handgepäckstücke, die durchwühlt worden waren.

Als wären Diebe eingebrochen und hätten bei der Suche nach Wertsachen ihr Haus auf den Kopf gestellt.

Aber sie hatte das getan. Sie war der Dieb. Und die elf Monate, drei Wochen und vier Tage, um die sie sich gebracht hatte, waren nicht zu ersetzen.

Ihr Handy klingelte. Sie sah, dass es Deni war. Zweifellos rief ihre Assistentin an, um ihr zu sagen, dass die Reporterin abgezogen war. „Jetzt habe ich noch eine wütend gemacht, nicht wahr?“, sagte sie statt einer Begrüßung.

„Etwas wirklich Schlimmes ist passiert, Mira.“

Sie drückte das Handy dichter an ihr Ohr. „Was?“

„Es geht um Father Girod. Er ist … tot. Er wurde ermordet.“ Ein Bild des freundlichen alten Priesters entstand in ihrem Kopf. Er hatte sie nach Katrina angesprochen wegen der Buntglasfenster in seiner Kirche, die vom Sturm zerstört worden waren. Während der Restaurierung der zwölf Paneele waren sie und der Pater Freunde geworden.

Trauer überwältigte sie. „Oh mein Gott! Wer könnte … Wann war …“

„Da ist noch mehr.“ Denis Stimme zitterte. „Wer auch immer das gewesen ist, er hat auch die Fenster beschädigt.“

4. KAPITEL

Dienstag, 9. August
13:00 Uhr

Malone und Tony saßen ihrer Vorgesetzten gegenüber, Captain Patti O’Shay. Verständnisvoll und streng, wie sie war, hatte sie in den letzten Jahren auch ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis gestellt. Sie hatte sich von dem Mord an ihrem Mann nicht unterkriegen lassen, und auch nicht von dem Chaos während Katrina und dem Verrat ihrer ältesten Freundin.

Malone schätzte sehr, was sie als Frau bei der Truppe erreicht hatte, und auch die Art, wie sie es erreicht hatte – mit Integrität und erhobenen Hauptes. Er bewunderte ihr Engagement und ihre Zielstrebigkeit. Beides las er in diesem Augenblick in ihrem Gesicht.

Und er konnte mit absoluter Sicherheit sagen: Dass sie seine Tante und Taufpatin war, beeinflusste seine Hochachtung für sie in keiner Weise.

Captain O’Shay hatte sie nicht in ihr Büro gerufen, um sie wie üblich wegen eines Falls zu befragen. Irgendetwas war im Gange.

Er fragte sie, was.

„Zuerst erzählt ihr mir, was ihr bis jetzt habt.“

Malone fing an. „Sieht so aus, als ob das Opfer einen Vandalen gestört hätte, oder mehrere Vandalen, deshalb wurde er getötet.“

Tony schaltete sich ein. „Ihm wurde der Kopf mit einem Messing-Kerzenhalter vom Altar eingeschlagen. Wir haben ihn und zwei Sprühdosen vom Tatort sichergestellt. Sie werden gerade im Labor untersucht.“

„Der Täter hat uns eine Botschaft hinterlassen, er hat sie auf die Buntglasfenster gesprüht: ‚Er wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten.‘ Ans Ende hat er einen Smiley gemalt. Das ist alles. Nichts wurde gestohlen, und außer den Fenstern wurde nichts beschädigt.“

„Was heißt das also?“, fragte sie. „Warum bricht jemand in eine Kirche ein, nur um die Fenster zu besprühen?“

Tony antwortete zuerst. „Der Priester hat ihn gestört, bevor er die Gelegenheit hatte, noch etwas anzurichten. Der Mord stand nicht auf seinem Programm. Der Täter ist ausgeflippt und hat sich vom Acker gemacht.“

„Ich bin anderer Ansicht“, sagte Malone. „Er tut das, weil es wirklich wichtig für ihn ist.“

Die drei wurden für einen Moment still. Ein Fanatiker war viel gefährlicher als ein hartgesottener Krimineller. Malone würde lieber hundert Kriminelle zur Strecke bringen als einen einzigen Fanatiker. Die Entschlossenheit eines Fanatikers und sein Glaube an die eigene Bestimmung änderten alles.

„Wir wollen hier nicht vorschnell urteilen“, sagte Captain O’Shay. „Im Augenblick sieht es so aus, als hätten wir einen Fall von einfachem Vandalismus und ein Mordszenario nach der Devise: zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Sie richtete den Blick auf Tony. „Sie dürfen sich bei diesem Fall zurückziehen, Detective. Ich glaube, Sie müssen zu einer Party.“

Tony rührte sich nicht. „Danke, Captain. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, verbringe ich meine Zeit lieber mit unserem Schlaumeier, bis seine neue Partnerin eintrifft.“

Sie lächelte liebevoll. „Verschwinden Sie, Detective. Ich glaube, der ‚Schlaumeier‘ kann Detective Bayle ziemlich schnell auf Trab bringen. Außerdem wollen Ihnen eine Menge Leute da draußen die Hand schütteln.“

„Also gut.“ Tony räusperte sich und stand auf. „Ab jetzt bist du auf dich gestellt, du Ass.“

Malone stand auf, ging zu seinem Freund und umarmte ihn. Ein Dutzend ehrlicher, aber überschwänglicher Sätze lagen ihm auf der Zunge, Sätze über Dankbarkeit, Freundschaft und Bewunderung. Stattdessen gab er ihm einen Klaps auf den Rücken und trat weg. „Wir sehen uns draußen, Tony. Versuch, nicht den ganzen Kuchen aufzuessen.“

Als die Tür zu Captain O’Shays Büro hinter ihm zufiel, schob Malone sein Verlustgefühl mühsam beiseite und drehte sich zu ihr um. Er stellte fest, dass sie ihn nicht wie seine knallharte Vorgesetzte ansah, sondern wie seine geliebte Tante Patti.

„Er wird dir fehlen.“

„Zum Teufel, ja, er wird mir fehlen. Er hat mir immer den Rücken freigehalten.“

„Und du ihm seinen. Vertrauen. Das macht eine starke Partnerschaft aus.“

Er verschränkte die Arme über der Brust. „Worauf willst du hinaus?“

„Bist du sicher, dass du Bayle unter deine Fittiche nehmen willst? Ich gebe dir einen Ausweg.“

Er hob überrascht die Augenbrauen. „Ich dachte, das wäre entschieden.“

„Ich rede mit dir jetzt als dein Captain und als deine Tante. Ich werde sie mit jemand anderen zusammenstecken. Du hast im Moment viel im Kopf mit Stacys Genesung und den Hochzeitsplänen.“

„Ich habe gesagt, ich mache es. Und ich halte mein Wort.“

„Bayle hatte im Dienst einen Zusammenbruch.“

„Das ist mir bewusst. Und mir ist auch bewusst, dass sie während und nach Katrina einen unglaublichen Einsatz geleistet hat. Sie ist eine Heldin, Captain.“

„Das stimmt. Aber ich bin nicht völlig überzeugt davon, dass sie ihre Dämonen besiegt hat. Und offen gesagt, bin ich auch nicht davon überzeugt, dass du recht hast.“

„Seit Katrina leiden wir alle bis zu einem gewissen Grad unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Dazu kam noch diese verdammte Ölpest im Golf, und danach eine weitere irrsinnige Hurrikan-Saison. Das war einfach zu viel.“

Er senkte den Blick auf seine Hände, dann sah er wieder Captain O’Shay an. „Und mir geht es gut.“

„Wirklich? Stacy wäre beinahe gestorben.“

Es reichte, diese Worte zu hören, zu wissen, wie wahr sie waren, damit er nicht mehr atmen konnte. Er wandte den Blick ab und bemühte sich, es vor ihr zu verbergen. Er konnte das Bild von Stacy in dem Krankenhausbett nicht abschütteln, wie sie, bleich wie die Laken, um ihr Leben kämpfte.

Doch den Versuch, seine Gefühle vor Patti O’Shay zu verbergen, hätte er sich sparen können. Sie ließ sich nicht täuschen. In ihrer Miene spiegelte sich Mitgefühl. „Wo wir gerade von Helden sprechen, der Chief verleiht Stacy die Medal of Valor.“

Die Wut verschlug ihm den Atem. Stacy war nicht einmal im Dienst gewesen. Ihre Schwester Jane war in der Stadt gewesen; sie hatten eine Sightseeing-Tour durchs French Quarter unternommen. Stacy hatte gesehen, wie ein Fremder ein Kind entführte, und hatte reagiert. Sie hatte den Mann angegriffen und zu Boden gerungen. Er hatte eine Waffe gehabt und auf sie geschossen, die Kugel hatte ihren rechten Lungenflügel durchdrungen.

Sie nannten es eine saugende Brustwunde. Mit jedem Einatmen saugte das Opfer mehr Blut in seine Lunge, mit jedem Ausatmen gab es eine schaumige Mischung aus Blut und Luft wieder ab. Und mit jedem Atemzug war das Opfer einen Schritt näher daran, im eigenen Blut zu ertrinken.

„Glaubst du, das tröstet mich?“

„Vielleicht nicht. Aber Stacy schon, und sie verdient die Auszeichnung. Sie hat dem Mädchen vermutlich das Leben gerettet. Wenn der Kerl es geschafft hätte, die Kleine in das Fahrzeug zu kriegen, nun, wir beide kennen die Statistik. Wir wissen, wie wahrscheinlich es gewesen wäre, sie lebend zurückzubekommen.“

Das wusste er in der Tat. Und er empfand einen Stolz auf Stacys schnelles Reaktionsvermögen und auf ihren Mut, den er nicht in Worte fassen konnte. Aber er wusste nicht, was er getan hätte, wenn er sie verloren hätte. Er räusperte sich. „Ich glaube an Bayle. Ich stehe zu meinem Antrag.“

„Bei dem ersten Anzeichen, dass sie wieder zusammenbricht, gehört deine Loyalität mir, diesem Department und deiner eigenen Sicherheit. Hast du das verstanden?“

„Absolut, Captain.“

„Gut. Dann ist es entschieden.“ Sie lehnte sich vor. „Father Girod war ein geliebtes Mitglied der Pfarrei der Sisters of Mercy und der gesamten Gemeinde. Er gehörte dort seit fünfzig Jahren zum Inventar. Der Medienrummel hat bereits angefangen, und es wird starken Druck geben, diesen Fall abzuschließen.“

Malone war ganz ihrer Meinung. Für beides hatte er Beweise gesehen. Bevor er den Campus der Sisters of Mercy verlassen hatte, waren Reporter sämtlicher Lokalmedien am Tatort erschienen. Sie hatten auch draußen vor der Zentrale des New Orleans Police Department gestanden, und Superintendent Serpas hatte eine Erklärung abgegeben.

Captain O’Shay fuhr fort: „Ich habe ein persönliches Interesse an dem Fall. Ich kannte Father Girod.“ Sie machte eine Pause. „Ich bin in der Gemeinde der Sisters of Mercy aufgewachsen und habe dort bis zur achten Klasse die Schule besucht. Father Girod hat mich getauft. Er hat mich getraut, und er hat mich nach Sammys Tod beraten.

Ich will, dass dieser Mistkerl, der ihn getötet hat, gefasst wird“, setzte sie hinzu. „Und ich will, dass es schnell erledigt wird.“

„Wir kriegen ihn, Tante Patti. Ich verspreche es dir.“

5. KAPITEL

Mittwoch, 10. August
07:30 Uhr

Mira hatte all ihre Kontaktpersonen bei der Sisters of Mercy und der Erzdiözese angerufen und nur wenig mehr in Erfahrung gebracht als das, was in den Medien erschienen war: Father Girod hatte einen Vandalen aufgestört und war getötet worden. Den Zugang zu den Fenstern hatte man ihr verweigert, und deshalb hatte sie das Ausmaß des Schadens nicht feststellen können. Die Kirche war ein Tatort, hatte man ihr gesagt, und bis die Polizei ihn freigab, würde man niemanden hineinlassen.

Mira hatte versucht, es zu erklären. Je eher sie sich um die Fenster kümmerte, desto besser. Aber es schien niemanden zu interessieren.

Father Girod wäre es nicht egal gewesen. Er hatte diese Fenster geliebt – vielleicht war er sogar für sie gestorben –, und sie war nicht bereit, die Hände in den Schoß zu legen.

Mira hatte ihr Bestes getan, um sich auf andere Dinge zu konzentrieren: das verschobene Interview mit dem Public Broadcasting Service, eine neue Restaurierung in Hammond, Materialbestellungen für die Werkstatt.

Geduld mochte eine Tugend sein, aber keine von ihren. Deshalb war sie jetzt hier, in der Zentrale vom New Orleans Police Department.

Sie war an Detective Spencer Malone von der der Investigative Support Division – der Abteilung für Ermittlungsunterstützung – verwiesen worden.

„Ich muss ihn sprechen“, sagte sie zu der Polizistin am Informationsschalter. „Es geht um den Father-Girod-Fall.“

Die Frau betrachtete sie einen Moment lang eingehend, dann nickte sie. „Tragen Sie sich ein.“

Sie nahm den Telefonhörer ab und wählte. „Eine Mira Gallier möchte Detective Malone sprechen. Sie sagt, es gehe um den Girod-Mord.“

Einen Augenblick später war Mira durch die Sicherheitsschleuse und auf dem Weg hinauf in den dritten Stock. Als sie aus dem Aufzug trat, kam ihr ein dunkelhaariger Mann entgegen. Er sah ungemein gut aus, und nur seine Nase bewahrte ihn davor, als hübsch durchzugehen. Sie schien einmal zu viel gebrochen worden zu sein.

Er lächelte und streckte ihr die Hand entgegen. „Detective Spencer Malone.“

Sie nahm seine Hand. Dabei stellte sie fest, dass sie ihn von irgendwoher kannte. „Mira Gallier“, sagte sie. Mühsam versuchte sie, sich zu erinnern, woher. Ohne Erfolg. An die letzten sechs Jahre konnte sie sich nur noch vage erinnern.

Sie schüttelten sich die Hand. Er winkte sie nach rechts. „Mein Büro ist hier entlang. Kann ich Ihnen einen Kaffee bringen oder …“

„Nichts. Danke.“

Sein Büro bestand aus einer Arbeitsnische mit einem vollgepackten Schreibtisch, einem Aktenschrank und zwei Stühlen.

„Nehmen Sie Platz“, sagte er, dann setzte er sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch. Er legte den Kopf auf die Seite und musterte sie. „Ich glaube, wir sind uns schon mal begegnet.“

„Ich habe dasselbe gedacht. Aber ich kann es nicht unterbringen.“

„Hatten Sie viele Auseinandersetzungen mit der Polizei?“

Sie wusste, er meinte das als Scherz. Dummerweise hatte sie tatsächlich welche gehabt. „Sturmbedingt.“ Sie faltete die Hände im Schoß. „Mein Mann ist während Katrina verschwunden.“

„Sie haben ihn hoffentlich gefunden.“

„In St. Gabriel“, sagte sie und bezog sich damit auf die riesige Leichenhalle, die die Stadt übergangsweise errichtet hatte, um Katrinas Tote zu sammeln und zu untersuchen.

„Das tut mir leid.“

„Mir auch.“

Er warf ihr einen fragenden Blick zu, dann schlug er ein Notizbuch auf. „Sie sagten, Sie hätten Informationen über den Mord an Father Girod.“

„Nicht genau. Ich habe der Polizistin am Empfang erzählt, dass ich mit Ihnen darüber sprechen muss.“

Offensichtlich verärgert, legte er seinen Stift nieder,. „Gut. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Die Kirche soll ein Tatort sein, habe ich gehört. Aber ich muss da hinein.“

„Darf ich fragen, warum?“

„Wegen der Buntglasfenster. Ich habe sie nach Katrina restauriert. Ich weiß, sie wurden beschädigt, und ich muss den Schaden abschätzen.“

Er nickte, dann schwenkte er auf seinem Stuhl herum zu einem Stapel Aktenordner auf der rechten Seite des Schreibtischs. Er suchte einen heraus, öffnete ihn und zog mehrere Fotos hervor. Er legte sie vor Mira hin.

Sie schnappte nach Luft. Es war schlimmer, als sie befürchtet hatte. Auf einigen der Paneele bedeckte das Graffiti mindestens dreißig Prozent des Fensters. Der Smiley am Ende traf sie wie ein Tritt in die Magengrube.

Hilflose Tränen stiegen ihr in die Augen.

Sie sah auf und stellte fest, dass er sie musterte. „Sie machen sich wirklich etwas aus diesen Fenstern.“

„Es ist schwer zu erklären.“ Sie schniefte, und er reichte ihr eine Schachtel Taschentücher. Sie nahm eines und putzte sich die Nase. „Nach dem Sturm, die Verwüstung … überall in der Stadt … Nicht nur Gebäude und Fenster waren zerstört, sondern auch das Leben der Menschen. Mein Leben. Auf merkwürdige Weise war es bei jedem Fenster, das ich restauriert habe, als würde ich ein Stück von mir selber wieder zusammensetzen. Mein Blut, mein Schweiß und meine Tränen flossen in jedes einzelne davon.“ Sie zupfte ein weiteres Taschentuch aus der Schachtel und tupfte ihre Augen ab. „Dass jemand das macht, sie auf diese Art entweiht, ist obszön.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung, wer es getan haben könnte?“ Sie blinzelte gegen die Tränen an. „Nein.“

„‚Er wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten.‘ Sagt Ihnen das irgendetwas?“

„Es ist aus dem Glaubensbekenntnis“, sagte sie ohne zu zögern.

„Schauen Sie sich die Fotos sorgfältig an. Das Graffiti. Erkennen Sie es?“

Mira war kurz davor, zu fragen, nach was sie hier suchte, da kamen die Worte zum Vorschein. „Oh mein Gott.“

„Irgendeine Ahnung, warum der Kerl uns diese Botschaft hinterlassen haben könnte?“

Sie schüttelte den Kopf. „Keine.“

„Wo waren Sie letzte Nacht, Ms Gallier?“

„Entschuldigen Sie. Letzte Nacht? Warum fragen Sie das?“

„Dies ist eine Mordermittlung. Und offen gestanden, finde ich es interessant, dass Sprühfarbe auf Glasscheiben Sie so bewegt, doch der Verlust eines Menschenlebens anscheinend ganz und gar nicht.“

Vor Wut fingen ihre Wangen an zu glühen. „Das ist nicht wahr! Sie verstehen überhaupt nichts.“

Er lehnte sich lässig in seinem Stuhl zurück. „Dann bringen Sie mich dazu, dass ich es verstehe.“

„Ich bin tief bestürzt über den Mord an Father Girod. Er war ein wundervoller Mensch. Aber ich kann ihm nicht helfen.“ Sie beugte sich vor, die Hände in ihrem Schoß waren zu Fäusten geballt. „Aber ich kann die Fenster retten. Die er geliebt hat. Ihre Restaurierung, die Restaurierung seiner Kirche, war ihm wichtig.“

Mühsam brachte sie ihre Gefühle unter Kontrolle. „Je eher wir dahin kommen, desto besser. Und was die Sprühfarbe auf den Scheiben angeht: Die Hitze brennt die Farbe darauf fest, und falls Sie es nicht bemerkt haben, es ist August.“

Sie stand auf. „Ich war übrigens zu Hause. Allein. Absolut kein Alibi.“

„Eine letzte Frage“, sagte Malone. „Hasst Sie jemand genug, um Ihnen mit einer solchen Aktion wehzutun?“

Jeffs Dad, dachte sie. Aber das wäre verrückt, selbst für ihn. „Nein.“

„Ich gebe den Tatort in wenigen Stunden frei. Sie können dann in die Kirche.“

„Danke, Detective.“ Mira drehte sich um. Eine Frau stand in der Tür. Sie war hochgewachsen und blond, ihr kinnlanges Haar hatte sie aus dem Gesicht gebunden. Sie starrte sie an. Als sie den Gesichtsausdruck der Frau bemerkte, kam sich Mira vor wie ein Insekt oder wie ein Präparat im Naturkundeunterricht.

„Hallo“, sagte die Blondine.

„Ms Gallier, meine Partnerin, Detective Karin Bayle.“

„Schön, Sie kennenzulernen“, sagte Mira.

„Gleichfalls.“ Die Frau lächelte.

Mira schaute wieder zu Detective Malone. „Danke für Ihre Hilfe.“

„Nehmen Sie meine Karte.“ Er stand auf und kam um den Schreibtisch herum. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich an.“

6. KAPITEL

Mittwoch, 10. August
08:00 Uhr

„Morgen, Partner“, sagte Spencer und winkte Bayle hinein. „Perfektes Timing.“

„Ich wäre früher hier gewesen“, sagte sie, „aber Captain O’Shay wollte sich zuerst mit mir treffen. Sie ist nicht davon überzeugt, dass ich hundertprozentig gesund bin.“

„Bist du es?“

Ruhig begegnete sie seinem Blick. „Absolut.“

„Gut. Wir haben Arbeit vor uns.“

„Bevor wir … Schau mal, Spencer, danke. Dass du mich übernommen hast.“

Auf ihren Dank hin winkte er ab. „Ich tue das gerne. Außerdem brauche ich einen Partner.“

Sie senkte den Blick und verzog bedauernd das Gesicht. „Alles, was passiert ist, tut mir wirklich leid.“

„Du musst nicht darüber reden.“

„Ich möchte es aber. Es ist der sprichwörtliche Elefant mitten im Zimmer. Ich bin durchgedreht. Ich habe das Vertrauen meines Partners gebrochen und wurde beurlaubt.“ Sie sah ihn an. „Ich bin froh, dass das Department mich wieder genommen hat.“

„Du bist wieder da, weil du eine gute Polizistin bist“, sagte er sanft. „Aber du bist auch ein Mensch.“

„Danke.“ Sie lachte mürrisch. „Sag das all den Leuten da draußen. Ich war kein willkommener Anblick heute Morgen. Du wirst sicher davon hören.“

„Das kann ich verkraften.“

„Gut.“ Sie wies mit dem Daumen zu der jetzt leeren Tür. „Worum ging es denn?“

„Ihr Name ist Mira Gallier. Sie ist hergekommen, um mit mir über den Sisters-of-Mercy-Fall zu sprechen. Über die Fenster eigentlich. Sie hat sie nach dem Sturm restauriert und hat sich Sorgen darum gemacht.“

„Nicht darum, dass Father Girods Mörder gefunden wird? Seltsam.“

„Das habe ich auch gedacht. Sie hat mir gesagt, ich würde das nicht verstehen.“

„Glaubst du, sie steht damit irgendwie in Zusammenhang?“

Er spitzte den Mund und schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, aber ich schließe nichts aus.“

„Klär mich auf.“

Sie ließ sich ihm gegenüber nieder, und er reichte ihr die Fallakte. Während er sprach, blätterte sie durch seine und Tonys Notizen. Als er innehielt, schaute sie zu ihm auf. „Ich glaube, das war kein Zufall.“

„Ich denke dasselbe. Wir haben schon die wichtigsten Akteure befragt. Ich denke, wir sollten das Netz erweitern.“

Sie neigte zustimmend den Kopf. „Ein wütender Vater oder eine wütende Mutter. Vielleicht ein Gemeindemitglied, das mit dem Pater ein Hühnchen zu rupfen hatte. Oder gar ein Schüler. Die Sisters-of-Mercy-Schule führt bis zum Highschoolabschluss, vielleicht hat jemand nicht bestanden. Möglicherweise hatte er einen ziemlichen Groll gegenüber der Schule und war auf Rache aus. Wollte es ihnen mal so richtig heimzahlen, mit Sprühfarbe auf ihren wertvollen Fenstern …“

„Hat aber nicht damit gerechnet, dass Father Girod ihn auf frischer Tat ertappt.“

„Und schlimmer, da der Priester ihn erkennt, kann er nicht einfach weglaufen.“

„Er bekommt Panik und schlägt dem alten Mann den Schädel ein.“

„Genau das dachte ich auch.“ Sie lächelte. „Diese Partnerschaft könnte funktionieren.“

Er erwiderte ihr Lächeln. Dann stand er auf. „Ich habe das nie bezweifelt. Wir halten es beide mit Stacy aus, also können wir uns bestimmt auch gegenseitig aushalten, oder?“

„Bist du sicher, dass das nicht anders herum sein müsste?“ Sie stand ebenfalls auf. „Dass Stacy es mit uns beiden aushält?“

Er schnitt eine Grimasse. „Dann helfe uns beiden Gott.“

Schweigen senkte sich über das Großraumbüro, als sie hindurchgingen. Kleinkariert, dachte Malone. Als hätte nicht jeder von ihnen reichlich Mist gebaut.

„Was?“ Er blieb stehen und schaute sich um. „Gibt es ein Problem?“

Da er nicht mit einer Antwort rechnete, drehte er sich wieder um und verließ den Raum.

„Das musstest du nicht machen“, sagte sie.

„Ich hätte es mir für nichts in der Welt entgehen lassen.“

„Kein Wunder, dass Stacy so glücklich ist“, sagte sie leichthin. „Wie geht es ihr? Ich habe gestern bei euch zu Hause vorbeigeschaut. Deine Mom sagte, sie würde schlafen, daher konnten wir uns nicht unterhalten.“

Er spürte, wie er nervös wurde, spürte den vertrauten Knoten, der sich in seiner Brust bildete. „Stetig besser. Wäre es anders, wäre ich nicht hier.“

„Irgendeine Ahnung, wann sie wieder im Dienst sein wird?“

„Die Ärzte sind sich nicht sicher. Vermutlich Ende des Monats. Wenn es nach ihr ginge, käme sie früher zurück.“

Bayle lächelte. „Das ist die Stacy, die ich kenne und liebe.“

So ging es ihm auch. So lästig ihre Dickköpfigkeit sein konnte, er liebte sie dafür.

„Ich weiß, es ist hart gewesen“, murmelte sie. „Tut mir leid, dass ich davon angefangen habe.“

„Das muss es nicht. Hast mich nur fast zu Tode erschreckt, das ist alles.“ Er unterbrach sich. „Hätte ich sie verloren, hätte ich wohl auch den Verstand verloren.“

Sie traten in den leeren Aufzug. Als die Türen zuglitten, sah sie ihn an. „Das verstehe ich“, sagte sie. „Vollkommen.“

7. KAPITEL

Donnerstag, 11. August
09:05 Uhr

Sie begannen mit der Kirchensekretärin. Malone hatte ein ums andere Mal gesehen, dass die Person, die den Empfang besetzte, die am besten informierte Person eines Unternehmens war. Nicht, was interne Regeln und ungeschriebene Gesetze anging oder die finanziellen Details, sondern die Menschen, die Persönlichkeiten, Konflikte und Dramen.

Kirchen waren pikanterweise oft Brutstätten der letzten zwei. Malone vermutete, das lag daran, weil man als Mitglied einer Kirchengemeinde so etwas wie ein Familienmitglied war – und niemand ging einem mehr auf die Nerven als die eigenen Brüder und Schwestern.

Vicky Gravier saß in der Kirche der Sisters of Mercy an vorderster Front. Alles, was geschah, sickerte irgendwann zu ihr durch. Im Moment war ihr Büro ruhig.

Sie schaute auf, als sie eintraten. Ihre Augen waren rot und vom Weinen verquollen.

„Ms Gravier? Ich bin Detective Malone. Und dies ist meine Partnerin, Detective Bayle.“

Sie nickte. „Ich erinnere mich an Sie, von gestern.“ Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie griff nach einem Taschentuch aus der Schachtel auf ihrem Schreibtisch. „Ich habe einfach nicht aufhören können zu weinen.“

„Ihr Verlust tut uns sehr leid.“

„Es ist der Verlust von uns allen.“ Sie schnäuzte sich geräuschvoll die Nase. „Er war praktisch ein Heiliger. Alle haben ihn geliebt.“

„Ms Gravier …“

„Vicky, bitte. So nennen mich alle. Außer den Kindern. Die müssen Ms Vicky zu mir sagen.“

„Gut, Vicky.“ Er lächelte. „Wie Sie wissen, versuchen wir, den Kerl zu fassen. Wer auch immer das getan hat, wir wollen ihn seiner gerechten Strafe zuführen. Wir hoffen, Sie können uns helfen.“

„Ich versuch’s.“ Sie tupfte ihre Augen ab. „Wie kann ich helfen?“

„Gestern haben Sie mir erzählt, Sie würden seit sechs Jahren als Gemeindesekretärin für die Sisters of Mercy arbeiten.“

„Ja. Ich habe die Stelle übernommen, als Bea pensioniert wurde.“

„Ich schätze, in Ihrer Position wissen Sie ziemlich viel über die Leute, die zum Gottesdienst in die Sisters of Mercy kommen.“

„Es ist eine riesige Gemeinde“, sagte sie. „Aber ja, wenn es regelmäßige Gottesdienstbesucher sind, kenne ich ihre Namen.“

„Und vermutlich sind Sie auch über alles im Bilde, was sich hier so tut.“

Sie nickte. „Absolut. Das gehört zu meiner Arbeit. Allerdings beinhaltet das nicht, was an der Schule vor sich geht. Die haben ihre eigene Ms Vicky.“

„Heißt sie auch so?“

Die Sekretärin wurde rot. „Nein, ihr Name ist Anna Hebert. Ich meinte, jemanden wie mich.“

„Verstanden.“ Malone lächelte. „Wahrscheinlich wissen Sie auch, wann die Leute unglücklich sind oder sich beklagen. Und warum sie das tun. Habe ich recht?“

Plötzlich schien sie sich unbehaglich zu fühlen. „Ja. Aber ich bin nicht neugierig. Ich bin einfach nur immer hier.“

„Genau. Darum sind Detective Bayle und ich zu Ihnen gekommen. Wir glauben Folgendes. Dieses Verbrechen war kein Zufall.“ Vicky sah verwirrt aus, und er erklärte es ihr. „Das bedeutet, wer immer das getan hat, hat die Sisters of Mercy eigens ausgewählt, um sie zu verwüsten.“

Bayle schaltete sich ein. „Wir haben den starken Verdacht, dass der Täter jemand sein könnte, der das Gefühl hat, er hätte mit der Kirche oder mit Father Girod ein Hühnchen zu rupfen. Fällt Ihnen da jemand ein?“

„Ich weiß nicht.“ Vicky schüttelte den Kopf. „Es gibt immer Leute, die Probleme damit haben, wie die Dinge getan werden. Das liegt in der Natur der Gemeinde.“

„Was für Probleme?“

„Sie wissen schon, wie das Geld ausgegeben wird. Das ist ein großes Thema. Beschwerden darüber, wer in den verschiedenen Komitees sitzt, welche Tätigkeiten der Gemeinde gefördert werden. Sogar, für wen der Pater betet oder wie lange er braucht, um einen Hausbesuch zu machen. Es kann ziemlich albern werden.“

„Dann wollen wir mit dem Geld anfangen. Hatte jemand ein Problem damit, dass die Buntglasfenster nach dem Sturm restauriert wurden?“

Vicky dachte einen Moment nach. „Die Versicherung hat den Löwenanteil bezahlt, dazu hatten wir einen Gönner, der den Rest aufgebracht hat. Mir kam es so vor, als hätte es im Gemeinderat einige Mitglieder gegeben, die den Pater drängten, das Versicherungsgeld für andere Nachbesserungen zu verwenden, aber sie wurden überstimmt. Es gab einen ziemlichen Unmut darüber.“

„Wie sehr? Glauben Sie, diese Leute könnten so wütend gewesen sein, dass sie die Fenster beschädigten, um sich an der Kirche rächen?“

„Ich will nicht tratschen. Das ist Sünde, wissen Sie.“

„Die Wahrheit zu sagen ist kein Tratschen“, sagte Malone. „Und ich kann nicht für Gott sprechen, aber Ihr Wissen mit uns zu teilen, damit wir einen Mörder fassen können, scheint mir wohl kaum eine Sünde zu sein.“

Sie sah erleichtert aus. „Es gab zwei Gemeindemitglieder, die besonders heftig protestiert haben. Eines hat über dem Streit die Gemeinde verlassen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von ihnen so etwas macht.“

„Wie lange ist das her?“

„Mindestens drei Jahre.“

„Könnten wir ihre Namen haben und wie sie zu erreichen sind?“

„Sicher. Warten Sie einen Moment.“

Sie fragte die Informationen im Computer ab und schrieb die Namen und Adressen auf. Sie schob den Zettel über den Schreibtisch. „Paul Snyder ist der Herr, der die Sisters of Mercy verlassen hat. Das ist die letzte Adresse, die wir von ihm haben.“

Malone bedankte sich bei ihr, dann fuhr er fort. „Lassen Sie uns mal ganz generell nachdenken. Gab es irgendwelche Streitereien zwischen der Kirche oder Father Girod und Gemeindemitgliedern in der letzten Zeit? Irgendwelche Missverständnisse, verletzte Gefühle oder andere Dramen? Irgendetwas, was Sie auf den Gedanken brächte, es könnte vielleicht mit dem Vandalismus und dem Mord zusammenhängen?“

Sie überlegte einen Moment. „Wir hatten da kürzlich eine Situation. Es ging um ein langjähriges und treues Gemeindemitglied. Der Mann war wütend auf Father Girod, sagte, er hätte nicht genug getan, um seinem Sohn zu helfen.“

„Was ist passiert?“, fragte Bayle.

„Sein Sohn starb bei einem Autounfall. Er war erst einundzwanzig.“ Vicky bekreuzigte sich. „Es war eine schreckliche Tragödie, und wir waren alle untröstlich.“

„Warum sollte er Father Girod die Schuld an einem Unfall geben?“

„Tim, das war der Name des Jungen, hatte seit Jahren mit Alkohol und Drogenmissbrauch gekämpft. Eines Nachmittags rief sein Vater hier an und fragte nach Father Girod. Er hatte Angst. Timmy hatte irgendeine Droge genommen und schwankte zwischen wahnsinnig emotional und aggressiv. Father Girod konnte Tim immer erreichen.“ Sie fing wieder an zu weinen. „So war er. Da war dieser Friede, der von ihm ausströmte und jeden in seiner Nähe umgab.“

Sie räusperte sich. „Father Girod kam nicht schnell genug dorthin. Tim machte sich in seinem Auto davon, verlor die Kontrolle und fuhr geradewegs gegen einen Baum. Er starb beim Aufprall.“

Malone wechselte einen Blick mit Bayle. Sie neigte den Kopf ein klein wenig und stimmte ihm schweigend zu. Das war eindeutig jemand, mit dem sie sprechen wollten, je eher, desto besser.

„Wie lange ist das her?“, fragte Malone.

„Einige Monate, mehr nicht. Lassen Sie mich sehen … die Beerdigung war an demselben Wochenende wie die Highschool-Abschlussfeier. Es hat das Ganze umso trauriger gemacht. Junge Menschen, die ein neues Leben beginnen, weitergehen … Und der arme Tim Thibault … sein Leben war zu Ende.“

„Wir brauchen die Namen von Vater und Mutter. Die Namen von Geschwistern, wenn es welche gibt. Ihre Adressen.“

„Earl und Joy. Tim war ein Einzelkind.“ Ihr Gesicht legte sich vor Kummer in Falten. „Muss ich? Sie trauern noch, und es erscheint mir nicht richtig, irgendetwas zu tun, was ihren Schmerz vergrößert.“

„Ja, Vicky, Sie müssen. Aber wir werden behutsam sein, das verspreche ich.“

8. KAPITEL

Donnerstag, 11. August
10:10 Uhr

Bevor sie den Campus der Sisters of Mercy verließen, statteten sie Vickys Pendant in der Schule einen Besuch ab. Anna Hebert war genauso mitteilsam wie Vicky und übergab ihnen Namen von etlichen verärgerten Eltern sowie die Namen von einem halben Dutzend Schüler, die ständig in Schwierigkeiten zu stecken schienen.

Von allen Hinweisen schien Earl Thibault der zwingendste zu sein. Malone und Bayle einigten sich darauf, ihm und seiner Frau als Erstes einen Besuch abzustatten.

Die Familie wohnte in der Carrollton Avenue, nahe des City Parks. Das Haus war ein erhöhter Bungalow mit Bogenfenstern und einer breiten Veranda vor dem Eingang, ein in dieser Gegend üblicher Baustil. Das Haus hatte nichts Eindrucksvolles oder Pompöses an sich, aber es war solide – und vollkommen bürgerlich.

Langsam stiegen sie die Treppe hinauf, und Malone nutzte den Augenblick, um sich zu wappnen. Einem trauernden Vater oder einer trauernden Mutter gegenüberzutreten, war eines der schwierigsten Dinge, die er zu tun hatte. Er selbst war kein Vater, aber er konnte sich vorstellen, wie unglaublich tief der Schmerz sein musste, ein Kind zu verlieren. Und in diesem Fall auch bitter.

Sie erreichten die Veranda, und er schaute zu Bayle. „Du oder ich?“

„Du“, sagte sie knapp.

Er nickte und läutete die Türglocke. Eine Frau öffnete ihnen. Sie trug farbbespritzte Shorts, ein T-Shirt und Gartenclogs.

„Mrs Joy Thibault?“

„Ja?“

„Detectives Malone und Bayle, NOPD.“ Er zeigte ihr seinen Dienstausweis, Bayle tat dasselbe. „Wir müssen Ihnen und Ihrem Mann ein paar Fragen stellen.“

Ihr Blick wanderte zwischen ihnen hin und her. „Worüber?“

„Den Mord an Father Girod.“

„Kommen Sie herein. Es ist zu heiß hier draußen.“ Sie trat zur Seite, damit sie hineingehen konnten, dann schloss sie die Tür hinter ihnen.

Der Geruch nach frischer Farbe warf ihn fast um. Malone lächelte die Frau an. „Renovieren Sie gerade?“

„Wir müssen uns beschäftigen. Wir beide.“ Sie winkte ihnen, ihr zu folgen.

Sie landeten in einer großen hellen Küche. „Setzen Sie sich. Kann ich Ihnen ein Glas Eistee oder Wasser bringen?“

Sie lehnten beide ab. Sie schenkte sich selbst einen Eistee ein und wandte sich ihnen zu. „Armer Father Girod. Er war ein freundlicher, liebevoller Mann. Wirklich ein Mann des Glaubens.“ Sie wurde einen Moment still. „Dass Sie hier auftauchen, überrascht mich nicht.“

„Und warum, Mrs Thibault?“

„Sie suchen nach jemandem, der auf die Kirche oder Father Girod wütend gewesen sein könnte. Mein Mann passt sicher auf diese Beschreibung.“

„Was ist mit Ihnen, Mrs Thibault? Passen Sie nicht auch darauf?“

„Nein. Ich habe vor einiger Zeit meinen Frieden mit dem Weg gemacht, für den sich unser Sohn entschieden hat. Ich habe es nicht einfach stillschweigend gutgeheißen oder akzeptiert, aber ich musste loslassen.“ Ihre Stimme wurde heiser, und sie entschuldigte sich und ging, um ein Taschentuch zu holen. „Das heißt nicht, dass ich ihn aufgegeben habe oder aufgehört habe, ihn zu lieben. Das habe ich nicht. Ich habe es nur einfach Gott überlassen.“

„Ihr Verlust tut mir leid.“

„Danke.“ Sie tupfte sich mit dem Taschentuch die Nase ab. „Aber Earl konnte das nicht. Er konnte nie aufgeben. Und er gibt sich immer noch die Schuld.“

„Ist Ihr Mann da?“

„Ja.“ Sie nahm einen Schluck Tee, und das Eis klirrte, als sie das Glas kippte. „Ihm wurde vor Kurzem gekündigt. Ein Teil von mir ist wütend darüber. Er hat sechzehn Jahre für diese Firma gearbeitet. Und nach all der Arbeit, nachdem er seinen einzigen Sohn verloren hat, kündigen sie ihm?“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber Gott hat einen Plan, nicht wahr? Und ich muss darauf vertrauen, dass dieser Plan uns zu etwas Gutem führt.“

Sie lachte verlegen. „Ich sehe es Ihnen am Gesicht an. Sie denken, ich wäre entweder vor Trauer verwirt oder schrecklich naiv.“

Malone schüttelte den Kopf. „Wohl kaum, Mrs Thibault. Die Wahrheit ist, ich wünschte, ich könnte so glauben.“

Sie lächelte schwach. „Ich wünschte auch, dass Sie das könnten, es ist ein wunderbares Gefühl. Ich werde für Sie beten, Detective.“

Malone blickte zu Bayle und merkte, dass seine Partnerin die Frau sehnsüchtig ansah. Gleichzeitig schien es, als wäre die Frau für sie irgendeine seltsame mythische Kreatur. Völlig fremd und doch faszinierend. Er fragte sich, an was sich Bayle klammerte, das sie so verzweifelt loslassen wollte.

„Ihr Mann“, erinnerte Malone sie. „Wir müssen ihm ein paar Fragen stellen.“

„Natürlich. Ich hole ihn.“

Sie kehrte nach ein paar Minuten zurück – ohne ihren Mann. Sie winkte sie zu sich herüber. „Folgen Sie mir.“

Ihr Mann saß auf einem Computerstuhl in einem Zimmer, das offensichtlich seinem Sohn gehört hatte. Die ganzen Möbel waren von den Wänden in die Mitte gerückt. Abdeckplanen bedeckten den Boden und einige Möbelstücke. An den Wänden war eine frische Schicht zitronengelber Farbe.

„Sie hat sein Zimmer gestrichen“, sagte er. „Es riecht gar nicht mehr nach ihm.“

„Mr Thibault. Ich bin Detective Malone und dies ist Detective Bayle, NOPD.“

„Ich weiß, wer Sie sind. Joy hat es mir gesagt.“

„Wir müssen Ihnen einige Fragen stellen.“

Der Mann antwortete nicht, also fuhr Malone fort. „Wissen Sie, dass jemand am frühen Dienstagmorgen die Fenster des Altarraums der Sisters of Mercy beschädigt hat? Und dass diese Person auch Father Girord ermordet hat?“

„Ich habe davon gehört.“

„Wo waren Sie Dienstagnacht, Mr Thibault?“

„Hier.“

„Zu Hause?“

„Nein“, korrigierte er. „Hier. In Timmys Zimmer.“

„Darf ich Ihre Hände sehen, Mr Thibault?“

Er hielt sie ihm entgegen. Sie zitterten leicht. Die Sprühfarbe hätte ziemlich viele Rückstände an den Fingern hinterlassen, unter den Nägeln und am Nagelbett. Es wäre fast unmöglich, alle Spuren zu beseitigen, selbst mit Lösungsmittel.

Malone inspizierte die Hände des Mannes sorgfältig. Sie waren sauber.

„Ich habe es nicht getan. Ich wünschte, ich hätte. Vielleicht würde ich mich besser fühlen.“

„Das ist nicht dein Ernst, Earl.“

Er sah seine Frau an, sein Gesicht war blank vor Schmerz.

„Sag mir nicht, was ich meine, du weißt doch gar nichts.“

Malone schaute auf ihre gekränkte Miene. Sie weiß es sehr wohl, dachte er. Und lebt in ihrer ganz persönlichen Hölle.

„Wir haben gehört, dass Sie Father Girod die Schuld am Tod Ihres Sohnes gaben.“

Earl seufzte tief auf und schauderte dabei. „Manchmal hilft es, jemand anderen verantwortlich zu machen.“

„Warum ist das so, Mr Thibault?“

„Weil man in diesem Augenblick aufhört, sich selbst verantwortlich zu machen.“ Er fing an zu weinen, ganz leise. Seine Schultern bebten.

Malone warf Bayle einen Blick zu und schüttelte den Kopf. Hier war kein Zorn, nur Trauer.

„Danke, Mr Thibault. Entschuldigen Sie, dass wir Sie gestört haben.“

Der Mann antwortete nicht, und Joy Thibault begleitete sie hinaus. Als sie die Tür erreichten, wandte sich Malone zu ihr. „Ich frage es nur ungern, aber könnte ich Ihre Hände sehen?“

Schweigend hielt sie sie ihm hin. Zitronengelbe Farbflecken übersäten ihre Hände, die Handgelenke und Unterarme. Ansonsten waren sie sauber.

„Wären Sie und Ihr Mann einverstanden, Fingerabdrücke abzugeben? Wir könnten Sie beide dann offiziell als Verdächtige ausschließen.“

Sie sah überrascht aus, nickte aber. „Alles, was hilft.“

Er bedankte sich, und sie gingen zum Auto, und sprachen erst wieder, als sie angeschnallt im Wagen saßen. Bayle schaltete auf Fahren und rollte vom Straßenrand fort.

Sie sah ihn an. „Wollt ihr beide, du und Stacy, Kinder haben?“

„Nach dem hier tendiere ich zu Nein.“

„Die Welt ist so scheißverkorkst.“

„Little Miss Sunshine, immer gut drauf.“

„Bist du anderer Meinung?“

„Ich bleibe lieber hoffnungsvoll.“

„Wie Mrs Thibault dahinten.“

Er sah Bayle an, überrascht von der Wut in ihrer Stimme. „Es funktioniert für sie. Und offen gesagt, wenn ich mich zwischen seiner Einstellung und ihrer entscheiden müsste, gewinnt ihre. Locker.“

Sie wechselte das Thema. „Wohin jetzt?“

„Zum nächsten Namen auf der Liste.“

9. KAPITEL

Donnerstag, 11. August
23:50 Uhr

Mira stand da und starrte auf die Fenster der Sisters of Mercy. Sie und Deni hatten, unterstützt von Denis Freund Chris, in den vergangenen sechsunddreißig Stunden fast ununterbrochen an ihnen gearbeitet. Der einzig verbleibende Beweis der Verwüstung war der durchdringende Geruch des Azetons, das sie zum Reinigen verwendet hatten.

„Wir haben es geschafft“, sagte sie leise und schaute zu Deni, die neben ihr stand. „Ich komme mir vor, als hätte ich gerade einen Kampf mit dem Teufel ausgefochten und gesiegt.“

Ihre Freundin sah sie an und lächelte. „Das ist ein großartiges Gefühl, nicht wahr?“

„Ja. Und würde nicht jeder Teil meines Körpers lauthals protestieren, würde ich sogar fröhlich tanzen.“

„Zu müde für die Corner Bar?“

Der Reinigungsprozess war mörderisch gewesen, ein sowohl körperliches wie mentales Fitnesstraining. Die Atemschutzmasken waren unnatürlich und unhandlich zu tragen, ihr Oberkörper tat weh von den monotonen Bewegungen beim Säubern der Fenster, ihr Rücken und ihre Füße schmerzten, nachdem sie anderthalb Tage auf der Leiter balanciert hatte, und ihre Augen brannten von der Anstrengung, nicht einen einzigen Fleck der Sprühfarbe zu übersehen.

Trotzdem wusste Mira, dass sie jetzt unmöglich schlafen konnte. „Machst du Witze? Ein Drink ist ein Muss in diesem Moment.“

„Mein Gott, sie sind wirklich schön“, sagte Chris, der neben ihnen auftauchte. „Father Girod würde sich freuen.“

Mira lächelte ihn an. „Ich stelle mir lieber vor, dass er es wirklich tut.“

Deni hakte sich bei Chris unter. „Wir denken gerade über Alkohol nach.“

„Soll mir recht sein“, sagte er. „Die Corner Bar?“

„Wohin denn sonst.“

„Der Truck ist beladen“, sagte er. „Alles ist da, bis auf eure Overalls.“

„Dann lasst uns gehen“, sagte Mira.

Die zwei verließen die Kirche vor ihr. Sie stellte die Alarmanlage an, vergewisserte sich dann, dass die Tür abgeschlossen war, und traf sich mit ihnen beim Truck. Nachdem sie ihre Overalls ausgezogen und verstaut hatten, kletterten sie in das Fahrzeug, Chris auf den Fahrersitz und Deni in die Mitte. Die Corner Bar, ein passender Name, denn sie lag an der Ecke Willow und Dublin Street, war ein echter Nachbarschaftstreff. Alle Stammkunden wohnten oder arbeiteten in Laufweite. Und dazu gehörten auch Mira und ihre Crew – die Werkstatt befand sich nur ein paar Blocks weiter.

Als sie hineingingen, rief ihnen der Besitzer eine Begrüßung zu. Sie erwiderten sie und schlenderten zur Bar hinüber.

„Wie geht’s, Sam?“

„Ganz gut. Das Geschäft läuft.“ Der Barkeeper wischte den Tresen ab. „Wieso seid ihr drei noch so spät unterwegs?“

„Wir feiern, dass wir gute Arbeit geleistet haben“, antwortete Chris und schob sich auf einen der Barhocker.

„Wir haben die Fenster in der Sisters of Mercy restauriert“, fügte Deni hinzu.

Sams Gesicht legte sich in Falten. „Armer Father Girod. Er war wirklich ein toller Mann.“

„Ja, das war er“, stimmte Mira zu und nahm den Hocker neben Deni. „Woher hast du ihn gekannt?“

„Ich bin mein ganzes Leben in die Sisters of Mercy gegangen. Er hat meine beiden Kinder getauft und Marys Beerdigung geleitet. Möge sie in Frieden ruhen.“ Er bekreuzigte sich, dann wandte er sich dem Grund ihres Besuchs zu. „Das Übliche?“

Als sie alle nickten, machte er sich daran, zwei Cosmos für Mira und Deni zu mixen und eine Flasche Abita Amber für Chris aus dem Kühlschrank zu holen. Zusammen mit einer Schale Salzbrezeln stellte er die Drinks vor sie hin. „So alt Father Girod auch war, nach Katrina stand er draußen in der Hitze und half in den von der Flut zerstörten Häusern. Könnt ihr euch das vorstellen?“

Nein, das konnten sie nicht, und nachdem sie sich noch ein paar Minuten unterhalten hatten, entschuldigte er sich, um einen anderen Kunden zu bedienen. Mira hob ihr Glas. „Auf euch beide, dafür, dass ihr euch den Hintern abgearbeitet habt. Ich hätte es ohne euch nicht geschafft.“

„Stimmt, das hättest du nicht“, stimmte Deni zu. „Sklaventreiberin.“

Mira lachte. „Ich bin etwas anstrengend, wenn es um meine Fenster geht.“

„Ich hab es sehr gerne gemacht“, sagte Chris. „Ich hatte das Gefühl, ich würde wirklich etwas Wichtiges tun. Ihr wisst schon, etwas bewirken.“

Deni sah ihn an und grinste breit. „Ist das nicht cool! Ich wusste, du würdest es mögen!“

Chris war eine großartige Entdeckung, und es war Deni gewesen, die ihn gefunden hatte. Chris war Zimmermann und Mädchen für alles für die Erzdiözese New Orleans. Deni hatte ihn kennengelernt, als sie Vorbereitungsarbeiten für ein Fenster in St. Rita’s erledigte. Sie hatten sich von Anfang an gut verstanden und bald darauf angefangen, miteinander auszugehen.

„Dass du bei uns bist, hat wirklich etwas bewirkt, Chris“, sagte Mira. „Danke.“

„Heißt das, wir können morgen ausschlafen?“, fragte Deni hoffnungsvoll.

„Ja. Nimm dir den ganzen Tag frei, wenn du willst.“

„Du solltest mich eigentlich besser kennen, aber ein paar extra Stunden Schlaf wären nicht schlecht.“

Chris und Deni fingen an, über ihre Pläne fürs kommende Wochenende zu sprechen; Mira wurde still, nippte an ihrem Drink und hörte ihnen zu. Sie musste an Jeff denken, und dass es mit ihm auch so gewesen war – sie waren vollkommen ineinander versunken gewesen, in ihrem Dasein als Paar. Sie fragte sich, ob sie wohl je wieder so empfinden würde.

„Alles in Ordnung mit dir, Mira?“

Sie sah Chris an und merkte, wie lange sie geschwiegen hatte. Und wie erschöpft sie plötzlich war.

„Ich möchte keine Spielverderberin sein, aber ich kann auf einmal kaum noch meine Augen offenhalten. Und im Unterschied zu euch muss ich früh aufstehen wegen eines Termins bei Dr. Jasper.“

Ihre Therapeutin, die sie durch die tiefsten und dunkelsten Zeiten begleitet hatte, im Guten wie im Schlechten.

„Soll ich dich nach Hause fahren?“, fragte Chris. „Ich könnte dich morgens abholen?“

„Und nicht ausschlafen? Auf keinen Fall. Bring mich einfach zur Werkstatt; mein Wagen kennt den Weg von dort aus.“

Für einen Moment schien er etwas einwenden zu wollen, aber er tat es nicht. Sie verabschiedeten sich von Sam und gingen nach draußen.

Als sie durch die Tür traten, bemerkte Mira einen Mann, der an der Hausecke auf dem Bürgersteig kauerte. Einer der vielen Obdachlosen der Stadt, dachte sie. Wie ein Häufchen Elend saß er da, den Kopf gesenkt, die Arme um die Knie geschlungen, und wiegte sich vor und zurück.

„Der arme Mann“, sagte sie. „Vielleicht braucht er Hilfe?“

Deni fasste ihren Arm. „Komm ihm nicht zu nahe. Er könnte gefährlich sein.“

„Komm schon, Deni“, sagte sie und schüttelte behutsam die Hand der Freundin ab. „Was sollte er mir denn antun?“

„Vielleicht hat er eine ansteckende Krankheit.“

„Sie hat recht“, sagte Chris.

„Also wirklich, ihr zwei seid nicht zu fassen.“ Mira ging auf den Mann zu. Deni zögerte, aber Chris lief ihr hinterher.

Der Mann schien gar nicht zu bemerken, dass Mira neben ihm stehen blieb. Er hatte lange, fettige dunkle Haare. Da sein Kopf auf seinen Knien ruhte, fielen sie nach vorne und verbargen sein Gesicht. Obwohl es August war, trug er eine Armeejacke und Stiefel. Sie überlegte, ob er ein Veteran war, woraufhin er ihr noch mehr leidtat.

„Hallo“, sagte sie. „Brauchen Sie Hilfe?“

Er hob den Kopf. Er saß mit dem Rücken zum Licht, daher konnte sie sein Gesicht nicht klar erkennen, aber es kam ihr so vor, als sähe sie harte Gesichtszüge und einen dunklen, glühend scharfen Blick.

„Der Herr beschützt seine Schäfchen“, sagte er. „Ihnen wird an nichts mangeln.“

„Das ist wahr“, antwortete sie leise. „Aber er möchte auch, dass wir einander helfen. Haben Sie etwas zu essen für heute Abend?“

Er starrte sie bloß an. Sie griff in ihre Tasche, zog eine Zwanzig-Dollar-Note heraus und hielt sie ihm hin. „Versprechen Sie mir, dass Sie sich davon etwas zu essen holen.“

„Aber auch die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“

„Mira“, sagte Chris und berührte ihren Ellbogen, „komm schon.“

Sie ignorierte ihn. „Bitte nehmen Sie es“, sagte sie. „Sie brauchen das Geld, deshalb gehe ich nicht eher, bis Sie es genommen haben.“

Schweigend musterte der Mann sie einen Moment, dann streckte er die Hand aus und nahm den Geldschein. Ohne ein Wort stopfte er ihn in seine Jackentasche und legte den Kopf wieder auf die Knie.

„Er hat noch nicht mal Danke gesagt“, flüsterte Deni, als sie gemeinsam weitergingen. „Das ist einfach unverschämt.“

„Ich habe es nicht getan, damit er sich bedankt. Wenn ich in seiner Lage wäre, würde jemand hoffentlich dasselbe für mich tun.“

Sie war in dieser Lage gewesen, wurde Mira klar. Allein in ihrem Schmerz. Hatte die Welt ausgesperrt, Hilfe verweigert.

Sie schaute zu dem Mann zurück. Er hatte den Kopf gehoben und sah ihnen nach. Sie spürte seine Sehnsucht danach, dazuzugehören. Wieder Teil dieser Welt zu sein.

Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle, und sie wandte den Blick ab. War das seine Sehnsucht, die sie spürte? Oder war es ihre eigene?

10. KAPITEL

Freitag, 12. August
01:30 Uhr

Auf Stacys Schrei hin wurde Malone vollständig wach. Sie saß aufrecht neben ihm und zitterte so heftig, dass das Bett bebte. Er setzte sich auf und zog sie an sich.

Sie klammerte sich an ihn, und er drückte seine Wange auf ihren Kopf und wiegte sie leicht hin und her. „Ist schon gut“, sagte er leise. „Ich bin hier. Du bist in Sicherheit.“

Während die Sekunden verstrichen, ließ ihr Zittern nach und ihr Atem wurde gleichmäßiger. Trotzdem lockerte er seinen Griff nicht.

Er konnte nicht. Jedes Mal, wenn sie den Albtraum noch einmal durchlebte, tat er es auch. Seine Gefühle durchliefen die ganze Skala von dankbar bis verängstigt. Er schloss die Augen und holte tief Luft, was ihn beruhigte. Dennoch machte er sich Sorgen. Ihre Albträume schienen schlimmer statt besser zu werden; sie kamen öfter, nicht seltener.

Stacy löste sich aus seiner Umarmung und zog sich die Bettdecke bis zum Kinn. Sie wandte den Kopf ab. „Tu das nicht“, murmelte er. „Schließ mich nicht aus.“

„Ich kann mir nur vorstellen, was du denken musst“, sagte sie und sah ihn an, ihre Augen glänzten vor Tränen. „Die knallharte Braut, in die du dich verliebt hast, hat sich in ein zitterndes Häuflein … Mädchenglibber verwandelt.“

„Mädchenglibber?“ Er lachte und zog sie wieder an seine Brust. „Was zum Teufel soll das denn sein?“

„Na das hier. Ich. Weinerlich und ängstlich. Klammernd.“

„Sieh mal, Stacy“, er hob ihren Kopf an, damit sie ihn anschauen musste. „Ja, ich habe mich in deine große Klappe verliebt. Aber ich habe mich auch in den Teil von dir verliebt, der jeden und alles retten will. Den Teil, der bei diesen Mädchenfilmen, die ich mir mit dir ansehen muss, fast in Tränen ausbricht. Ich habe mich in deine unerschöpfliche Aufrichtigkeit und Vorurteilslosigkeit verliebt, in deine Hingabe an die Familie und daran, das Richtige zu tun.“

Er lehnte seine Stirn gegen ihre. „Ich liebe alles an dir, Stacy Killian.“

„Selbst den Mädchenglibber-Teil?“

„Selbst den.“

Sie rieb ihre Nase an seiner. „Ich bin ziemlich toll, oder?“

Er lachte wieder. „Habe ich deinen Sinn für Humor erwähnt?“

„Ich war nicht witzig.“

„Oh doch, das warst du.“ Er legte sich hin und zog sie mit sich. Zärtlich küsste er die grimmige Narbe unter ihrem rechten Schlüsselbein.

Sie versteifte sich. „Werde ich nicht reizend aussehen in meinem schulterfreien Hochzeitskleid?“

„Für mich ist sie wunderschön.“ Er fuhr mit dem Finger leicht über die Kanten der Narbe. „Du solltest sie auch mögen. Zeig sie an unserem Hochzeitstag. Verewige sie auf unseren Fotos.“

„Du spinnst.“

Er stützte sich auf einen Ellbogen und sah sie an. „Vermutlich hast du dem Kind das Leben gerettet. Du hast nicht gezögert. Du wusstest, was du gesehen hast, und hast entsprechend gehandelt. Das Kind ist am Leben und zu Hause bei seinen Eltern, weil du da warst. Ich könnte nicht stolzer auf dich oder diese Narbe sein.“

Sie suchte seinen Blick. Er sah, wie sie mit ihren Gefühlen rang. „Ich denke ständig an diesen Tag. Ich frage mich, ob ich etwas anders hätte machen können.“

„Was meinst du damit, etwas anders machen? Du hast ein Kinderleben gerettet, Stacy.“

„Aber ich wurde angeschossen. Beinahe getötet. Ich musste ihn ausschalten, genau da, vor all den Leuten … Familien mit Kindern. Wenn ich Verstärkung angefordert hätte …“

„Dieses Monster hätte das kleine Mädchen in seinen Transporter zerren können. Du kennst die Statistiken. Ist das Kind erst einmal im Fahrzeug, sinkt die Wahrscheinlichkeit, es wiederzufinden, dramatisch.“

„Ich weiß. Und ich …“ Sie schauderte. „Jane ist so traumatisiert, dass sie Angst hat, die Kinder für eine Minute aus den Augen zu lassen. Sie wacht jede Nacht ein halbes Dutzend Mal auf, um nach ihnen zu sehen. Die Kinder haben Albträume. Sie träumen, dass ihre Tante Stacy daliegt und den Bürgersteig vollblutet. Ich hasse es, dass ich sie dem ausgesetzt habe.“

Er ließ seine Finger durch ihre Haare gleiten. Die blonden Strähnen in seiner Hand erinnerten ihn immer an den Sommer. „Das hast du nicht, Liebes. Dieser kranke Hurensohn hat sie dem ausgesetzt. Du bist der weiße Ritter.“

Sie war einen Augenblick still. Als sie wieder sprach, hatte ihre Stimme einen verzweifelten Ton angenommen. „Warum ich, Spencer? Warum war ausgerechnet ich dort? So viele Leute waren in der Nähe. Warum war ich die Einzige, die gesehen hat, wie er das kleine Mädchen entführte? Selbst die Eltern der Kleinen haben nichts bemerkt.“

„Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass die Eltern Gott danken, dass du es gesehen hast.“

Wieder vergingen Augenblicke, und nur das Klopfen ihres Herzens an seiner Brust war zu hören. Er brach das Schweigen. „Dass du dort warst … vielleicht ging es da gar nicht um dich. Hast du darüber schon mal nachgedacht?“

„Wieso?“

„Vielleicht ging es um das kleine Mädchen?“

Sie rollte sich auf die Seite und wandte ihm das Gesicht zu. Dann legte sie ihm eine Hand auf die Brust. „Danke“, flüsterte sie heiser.

„Wofür?“

„Dass du hier bist. Dass du mich liebst.“

Er zog sie näher an sich und verschloss all die Dinge, die er sagen wollte, in seiner Brust. Dinge wie, dass er ohne sie gar nicht atmen könnte, und dass er sie mit einer Heftigkeit liebte, die ihm Angst machte.

Und da er das alles nicht aussprechen konnte, hielt er Stacy einfach fest.

11. KAPITEL

Freitag, 12. August
08:35 Uhr

Mira saß ihrer Therapeutin gegenüber, vollkommen erschöpft, aber auch seltsam energiegeladen. Die Worte purzelten nur so aus ihr heraus, als sie der Ärztin erzählte, wie sie, Deni und Chris in den letzten zwei Tagen rund um die Uhr gearbeitet hatten, um die Fenster der Sisters of Mercy zu retten.

Dr. Jasper hatte von der Verwüstung der Kirche und dem Mord gehört. Jeder in New Orleans wusste davon – sämtliche Medien hatten die Geschichte groß herausgebracht. Father Girod war sehr beliebt gewesen. Die Gemeinde war entsetzt; sein Begräbnis hatte den Charakter eines Rockkonzerts angenommen. Wegen der Verwüstung war der Gottesdienst in der St. Louis Cathedral am Jackson Square im French Quarter abgehalten worden. Die Kirche war völlig überfüllt gewesen, die Trauergäste ergossen sich bis auf den Platz vor dem Gotteshaus.

„Der Detective, mit dem ich gesprochen habe, fand es sonderbar, dass ich ihn wegen der Fenster gedrängt habe“, sagte Mira.

„Tatsächlich?“

„Ja.“ Sie rieb mit den Handflächen über ihre Schenkel; der sommerliche Jeansstoff fühlte sich rau an. „Aber Father Girod hat diese Fenster geliebt. Für ihn waren sie heilig. Er hätte gewollt, dass ich so reagiere.“

„Sind Sie sich da sicher?“

„Ja.“ Mira nickte nachdrücklich. „Hundertprozentig.“ Mira wurde einen Augenblick still, dann fuhr sie fort. „Der Detective hat mich sogar gefragt, wo ich in der Nacht war, in der es passiert ist, und ob ich glaube, jemand könnte das getan haben, um es mir heimzuzahlen.“

„Denken Sie, das wäre möglich?“ „Es gibt nur eine Person, die mich so sehr hasst, und ich glaube kaum, dass er so tief sinken würde.“

„Ihr Ex-Schwiegervater.“

Mira nickte. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie der arrogante Anton Gallier mit einer Dose Sprühfarbe in eine Kirche einbricht. Obwohl er auch jemanden angeheuert haben könnte, der das für ihn erledigt.“

Das Letzte hatte sie tatsächlich für möglich gehalten. Aber das war auch nicht sein Stil. Aktive Grausamkeit war ihm lieber. Und zwar auf seine ganz eigene, besondere Art.

„Welchen Spaß hätte er auch daran?“, fragte sie sarkastisch. „Er würde meine Reaktion mitkriegen wollen. Um genau zu sehen, wie sehr er mich verletzt hat.“

„Sind Sie dabei nüchtern geblieben?“

„Ja.“ Mira ertappte sich dabei, dass sie schuldbewusst den Blick abwandte, als die Erinnerungen wieder auf sie einstürzten: Wie sich dieser Sturzbach der Trauer mitten in der Nacht über sie ergoss und drohte, sie zu verschlingen. Wie sie verzweifelt nach medikamentöser Linderung suchte.

Mira faltete ihre Hände im Schoß und spürte den jähen Fall von hundert zurück auf null. Erst letzte Woche hatten sie und Dr. Jasper darüber gesprochen, ihre wöchentlichen Sitzungen zu beenden, weil sie beide gedacht hatten, dass Mira so weit wäre.

Jetzt musste sie ihr sagen, dass sie abgestürzt war.

Doch obwohl sie den vertrauten Drang verspürte, der Wahrheit auszuweichen, schaute sie der Therapeutin direkt in die Augen. „Ich hatte einen Rückfall. Montagnacht. Bevor das Ganze passiert ist.“

Auf Dr. Jaspers Gesicht zeigte sich weder Überraschung noch Enttäuschung. Die Therapeutin kannte sie besser als irgendjemand sonst seit Jeff und würde ihr Verhalten nicht entschuldigen. Aber sie würde sie auch nicht verurteilen.

„Woher hatten Sie das Xanax, Mira?“

„Nicht von der Straße, falls sie das denken. Und ich habe es auch nicht einem Freund gestohlen.“ Sie hatte schon auf beides zurückgegriffen – genauso wie zu häufigen Arztwechseln und Besuchen in sogenannten Pillenfabriken. „Ich habe das Haus auseinandergenommen und habe in einem meiner Handgepäckstücke noch eine Tablette gefunden.“

„Und wenn Sie sie nicht gefunden hätten? Was hätten Sie dann getan?“

Mira zögerte. Hätte sie sich mit einer ihrer verlässlichen Quellen getroffen? Wäre sie mitten in der Nacht losgezogen, allein, ohne einen Gedanken an ihre Sicherheit oder an irgendetwas anderes als an ihr Bedürfnis, vergessen zu können? Sie wünschte, sie könnte glaubhaft behaupten, dass sie das nicht getan hätte.

Aber das konnte sie nicht. Und dafür verachtete sie sich.

Dr. Jasper beugte sich vor. „Sie sind auf Entzug, Mira. Das ist ein Prozess. Ein Weg.“

„Vergessen Sie’s. Ich will sauer auf mich sein.“

„Sie haben sich unglaublich gut gemacht. Es ist fast ein Jahr her.“ Dr. Jasper schlug die Beine übereinander, wobei der Stoff ihrer Hose leise raschelte. Die Therapeutin war der Inbegriff von Eleganz und wohlhabender Schönheit. Auch wenn Mira wusste, dass die Frau zehn Jahre älter war als sie mit ihren dreiunddreißig Jahren, sahen sie fast gleichaltrig aus. „Was, glauben Sie, hat diesen Rückfall herbeigeführt?“

„Sagen Sie es mir. Sie sind die Expertin.“

Dr. Jasper antwortete nicht, aber das hatte Mira auch nicht erwartet. Die Bemerkung war Blödsinn gewesen, und sie beide wussten das. Mira seufzte. „Ich bin aufgewacht, und es war, als ob … er da wäre. Oder da gewesen wäre, als hätte er neben meinem Bett gestanden und auf mich heruntergesehen. Es war so real.“ Sie sah hinunter auf ihre Hände, die zu Fäusten geballt in ihrem Schoß lagen, dann hob sie den Kopf und sah die Therapeutin wieder an. „Für einen Moment dachte ich, dass alles andere vielleicht ein Traum gewesen wäre.“

„Fahren Sie fort.“

„Und dann stürzte alles wieder auf mich ein“, sagte sie schlicht.

„Der Tag, an dem sie ihn verloren haben?“

„Ja. Und alles, was danach kam.“

„Und was dann?“

„Ich habe Schutz gesucht.“

„Schutz vor dem Sturm.“

Dem Sturm ihrer Gefühle. Der Wahrheit. „Warum jetzt, Dr. Jasper? Nach all diesen Monaten?“

„Der sechste Jahrestag steht vor der Tür. Wir neigen dazu, traumatische Ereignisse zeitlich zu markieren, wenn auch nur unbewusst.“

Die sechs Jahre seit Katrina hatten ihr Leben in Fetzen gerissen. „Das leuchtet mir ein. Es ist nur …“

„Nur was?“

Sie begegnete dem Blick der Therapeutin. „Es fühlt sich wie eine Lüge an. Und ich will mich nicht mehr belügen.“

Als Dr. Jasper nicht antwortete, fingen Miras Wangen an zu glühen. „Es nützt gar nichts, oder? Es ändert nichts, und ich habe es so verdammt satt …“

Ungerührt fragte die Therapeutin: „Was haben Sie so verdammt satt?“

„Alles. Das hier.“ Mira sprang auf. „Dass ich Jeff vermisse. Dass ich jeden verdammten Moment dieses Tages wieder neu durchlebe. Ich will mein Leben zurück.“ Trotzig schaute sie die Therapeutin an. „Es gehört mir, zum Teufel! Und ich will es zurück.“

„Dann holen Sie es sich zurück. Nur Sie können das.“

„Genau. Und wie, schlagen Sie vor, mache ich das? Jeff ist fort. Ich kann ihn oder das, was wir hatten, niemals zurückbekommen.“

„Nein, das nicht.“ Dr. Jasper unterbrach sich. „Aber Sie können allein ein neues Leben anfangen.“

„Habe ich das nicht?“, fragte Mira bitter. „Ist das hier nicht mein neues Leben?“

„In der Vergangenheit zu leben und den Schmerz der Gegenwart zu dämpfen, ist kein neues Leben.“ Dr. Jasper beugte sich ein wenig vor. „Ich möchte Sie etwas fragen. Wie schwer war das letzte Jahr für Sie?“

„Was meinen Sie damit.“

„Clean zu bleiben. Bis Montagabend, wie schwer ist das gewesen? Auf einer Skala von eins, also ein Kinderspiel, bis zehn, das hieße die Hölle auf Erden?“

„Kein Kinderspiel, aber …“ Aber so schwer war es nicht gewesen. „Eine vier. An manchen Tagen sogar eine drei.“

„Warum, glauben Sie, ist das so?“

Mira runzelte verständnislos die Stirn.

Dr. Jasper fuhr fort. „Ich weiß aus unseren Sitzungen, dass Sie in den vergangenen zwölf Monaten viele Male irgendeine Version dieser einen Nacht durchgemacht haben.“

„Stimmt.“

„Was war dieses Mal anders?“

Das Magdalenen-Fenster. Der Gedanke kam ihr so schnell, dass er sie überrumpelte. Mira runzelte die Stirn. „Warum sollte meine Arbeit am Magdalenen-Fenster meine Fähigkeit verändern, clean zu bleiben?“

„Eine Abhängigkeit durch eine andere zu ersetzen, ist nicht gänzlich unbekannt. Genau genommen, weisen Studien darauf hin, dass es recht verbreitet ist.“

Mira schüttelte den Kopf. „Das Fenster ist ein Auslöser gewesen, nicht mein Halt.“

Dr. Jasper verschränkte die Finger im Schoß. „Es hat Sie in diesen vergangenen Monaten vollkommen in Anspruch genommen. Sie haben dem Projekt alles gegeben, Ihr Talent und jede freie Minute, Sie haben Spenden eingeworben und in Ihrem Ehrgeiz sogar Leute verprellt, die Ihnen nahestehen. Leugnen Sie irgendetwas davon?“

„Nein.“

„Das sind alles klassische Anzeichen einer Abhängigkeit.“

Wollen Sie damit sagen, dass das Magdalenen-Fenster im letzten Jahr meine Droge war?“

„Das ist möglich. Vielleicht wurde Ihr Rückfall durch den Umstand ausgelöst, dass das Fenster fertig ist. Bald eingebaut wird. Ihnen im Grunde weggenommen wird.“

Und was macht sie? Greift wieder zu ihrer Anfangsdroge.

„Super“, erwiderte Mira spitz. „Endlich bin ich wieder an dem Punkt, wo ich meine Arbeit liebe und mich mit etwas verbunden fühle, und Sie sagen mir, es wäre so eine Art krankhafte Obsession?“

„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe es Ihnen lediglich als Möglichkeit angeboten.“ Sie legte den Kopf schief. „Und ich habe den Begriff Obsession nicht verwendet. Das war Ihre Wahl.“

Mira sah sie finster an. „Ich hasse es, wenn Sie das machen. Mir die Worte im Mund herumdrehen.“

„Das sollen Sie auch.“ Dr. Jaspers Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln. „Wenn es nicht zumindest ein bisschen ungemütlich wird, ist meine Arbeit nicht erfolgreich.“ Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Und damit ist unsere Zeit um.“

12. KAPITEL

Freitag, 12. August
10:00 Uhr

Mira fuhr auf den Schotterplatz hinter ihrer Werkstatt und parkte ihren Ford Focus. Nach ihrer Sitzung bei Dr. Jasper war sie nervös und gereizt und schwankte zwischen entmutigt und verärgert. Nicht wegen der Therapeutin. Oder gar ihretwegen selbst.

Wegen der Situation. Wegen der Tatsache, dass sie ihre Kunst, die so heilsam war, in etwas hatte verwandeln können, das sie taub und gefühllos machte.

Sie stieg aus dem Wagen und knallte die Tür zu. Einen Moment später umrundete sie die Vorderseite des Hauses. Der neunzig Jahre alte Bau, eine umgebaute Kapelle, stand in unmittelbarer Nähe der River Road, wenige Meilen von der Flussbiegung im Mississippi River entfernt, an der Uptown lag. Die ehemalige Kapelle war perfekt an ihre Bedürfnisse angepasst. Sie war ganz aus Zypressenholz gebaut und bestand aus drei Räumen, einer davon groß genug, um als Werkstatt zu dienen. Und es gab viele Fenster, die natürliches Licht boten. Was am wichtigsten war: Der Bau stand auf einer natürlichen Anhöhe, die während des Sturms nicht überflutet worden war.

Sie schloss die Tür auf. Der Geruch nach Azeton und Lehm traf sie als Erstes. Dann bemerkte sie das Licht, wie es durch die Kunstwerke strömte und Farbmuster auf die Böden und Wänden warf. Über den Tag, wenn die Sonne wanderte, veränderten sich die Farben und Muster und schufen eine Art lebensgroßes Kaleidoskop.

In den Monaten direkt nach Jeffs Tod hatte sie nur gearbeitet, weil die Zerstörung so groß gewesen war. Sie hatte die Anziehung nicht gespürt, die Sogwirkung, die das Glas auf sie ausübte, hatte seine Schönheit nicht sehen können. Das Gefühl von Sinnhaftigkeit und Vollendung, das ihre Kunst ihr für gewöhnlich vermittelte, war von etwas Kaltem und Mechanischem verdrängt worden.

Es war schrecklich und öde gewesen, so zu leben, auch wenn es ihr lieber war als die chemisch verursachte Euphorie, in die sie sich geflüchtet hatte.

Mira durchquerte den Raum, der ursprünglich die Kapellenvorhalle gewesen war. Jetzt diente er ihr als Verkaufsraum. Sie ging in die kleine Küche, stellte ihre Kaffeemaschine an, nahm eine Kapsel ihrer Lieblingssorte und bereitete sich eine Tasse Kaffee zu. Dann machte sie sich damit auf in ihre Werkstatt.

Schiebetüren trennten den Arbeits- vom Verkaufsbereich. Sie schob sie auf und trat in den angrenzenden Raum, dann schloss sie die Türen. Organisiertes Chaos herrschte hier. Sechs große Tische bildeten zwei Reihen. Auf einigen von ihnen lagen die Fenster, die gerade restauriert wurden, andere waren übersät mit Behältern für Werkzeuge, Zeitschriftenstapeln, Katalogen und einer herrenlosen Wasserflasche hier und da. An den Wänden bedeckte ein Sammelsurium aus Zeichnungen, Postern, Fotos, Anzeigen und Artikeln jeden Zentimeter Fläche, vieles davon war von einer Schicht aus grobem Werkstattstaub bedeckt.

Dass eine solch akkurate Kunstform in einer solch unordentlichen Umgebung entstehen konnte, erstaunte sie nach wie vor.

Während sie ihren Kaffee schlürfte, bahnte sich Mira ihren Weg an den Regalen mit Buntglas vorbei, wo auch die Behälter mit den Blei-, Zink- und Kupferruten standen, und steuerte auf die hintere Ecke der Werkstatt zu – zum Herzstück des Magdalenen-Fensters, das große Mittelpaneel, das eine trauernde Maria Magdalena am Fuße des Kreuzes zeigte.

Die anderen vier Paneele waren eingepackt und in den Regalen verstaut, bereit zum Transport in ihr neues Zuhause. Doch dieses eine Paneel hatte Mira nicht loslassen können.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass Dr. Jaspers recht gehabt hatte.

Mira blieb vor dem Fenster stehen. Es war im Stil der bayerischen Glasmalerei gehalten, und der Künstler hatte einen beeindruckenden Detailreichtum erreicht. Mira hatte das Verfahren ausprobiert, eine komplexe Schichtung aus Emailfarben, die jeweils im Ofen eingebrannt wurden, und fand es so anspruchsvoll, dass es sie fast verrückt machte. Im Vergleich zu diesem Meisterwerk würde man ihre fertige Arbeit eher unausgereift nennen. Aber damit zollte man ihr wahrscheinlich noch viel mehr Anerkennung, als ihr zustand.

Dieser Kunsthandwerker hatte es geschafft, Maria Magdalenas tiefen Schmerz über den Verlust ihres Geliebten zu porträtieren. Mira konnte den Schmerz der Heiligen nachempfinden; sie hatte ihn sofort verstanden.

Sie hatte auch die Liebe ihres Lebens verloren.

„Guten Morgen, Maggie“, sagte sie leise, hockte sich auf die Tischkante und blickte auf den gepeinigten Gesichtsausdruck der Heiligen. „Du wirst von mir enttäuscht sein. Ich bin wieder rückfällig geworden.“

Mira hielt inne, als würde sie auf eine Antwort warten, dann fuhr sie fort. „Dr. Jasper denkt, das kommt daher, weil wir bald Lebewohl sagen. Ich will einfach nicht glauben, dass sie recht hat, aber es stimmt wohl.“

Mira hörte jemanden kommen. Deni, dachte sie, und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie hatte gehofft, einige Minuten allein zu sein, aber sie war nicht überrascht, dass ihre allzeit bereite Assistentin so früh kam.

In Gedanken kehrte Mira zu Dr. Jasper zurück und was sie über Ersatzabhängigkeit gesagt hatte – ein Abhängiger, der eine Abhängigkeit gegen eine andere eintauschte. Es geschah ständig.

Hatte sie das wirklich getan? Hatte sie ihre Obsession, das Magdalenen-Fenster zu retten, wie eine Droge benutzt? Und würde sie jetzt, wo die Magdalena fertig war, zusammenbrechen?

Doch gerade als jede Faser ihres Seins gegen diesen Gedanken aufbegehrte, gestand sie sich ein, dass es nicht nur wahr war, sondern dass sie damit bereits angefangen hatte.

Nein. Sie umklammerte ihre Kaffeetasse mit beiden Händen. Sie konnte nicht in dieses trostlose Leben zurückkehren. Das würde sie nicht tun.

Sie hörte Deni durch den Verkaufsbereich laufen. „Ich bin hier“, rief sie.

Hinter ihr glitt die Schiebetür auf. Mira stand langsam auf und setzte ein einladendes Lächeln auf. „Ich dachte, du würdest ausschlafen“, sagte sie und drehte sich um. „Ich sollte dich …“

Die Worte und das Lächeln erstarben auf ihren Lippen. Es war der Obdachlose von gestern Nacht, dem sie Geld gegeben hatte. Aber anders als in der letzten Nacht konnte sie heute Morgen sein Gesicht klar erkennen. Der Ausdruck in seinen Augen bereitete ihr eine Gänsehaut. Sie brannten vor unnatürlicher Intensität.

„Ich habe Sie gestern Nacht gesehen“, sagte sie so fest, wie sie konnte. „Draußen vor der Corner Bar. Ich habe Ihnen zwanzig Dollar gegeben, erinnern Sie sich?“

Er antwortete nicht, starrte sie nur weiter an. Sie räusperte sich. „Es gibt hier keine Drogen. Ich bewahre auch kein Bargeld im Haus auf. Wenn Sie hungrig sind, gibt es eine Mission in der Baronne Street.“

Er trat einen Schritt auf sie zu. „Und der Herr sprach, am Ende wird der Weizen von der Spreu getrennt, und die Spreu wird ins unauslöschliche Feuer geworfen.“

„Ich will keinen Ärger“, sagte sie leise, „und ich bin sicher, Sie auch nicht. Gehen Sie jetzt einfach. Es ist nichts passiert.“

Etwas in seiner Hand fing das Licht ein, es glitzerte. Ein Messer, wurde ihr klar, und ihr hüpfte das Herz in die Kehle.

Mira blickte um sich. Ihre einzige Fluchtmöglichkeit war der Notausgang in der hinteren Ecke des Arbeitsraums. Vorsichtig bewegte sie sich darauf zu.

„Am Ende wird der Hirte seine Herde sammeln.“ Seine Stimme wurde lauter. „Was die falschen Propheten erwartet, ist weit schlimmer als die ewige Verdammnis!“

Er machte einen weiteren Schritt, dann noch einen und hob die Hand.

Kein Messer, sah sie. Eine lange, dünne Glasscherbe. Eine von ihren. Er musste sie gefunden haben, als er ihren Müll durchwühlte. Blut tropfte von seiner Hand.

In unmittelbarer Nähe blieb er vor ihr stehen. Sie sah, dass ein kleines Kreuz grob zwischen seine Augen tätowiert war.

„Das Fleisch wird von ihren Knochen fallen, es wird gebraten und von Teufeln verspeist werden.“

Von draußen drangen Stimmen herein, dann Lachen. Deni, dieses Mal ganz sicher. Und Chris.

Der Mann hörte sie auch. Es zeigte sich auf seinem Gesicht. Im nächsten Augenblick stürzte er sich auf sie und griff nach ihrer Kehle. Sie schrie. Seine Finger, glitschig vor Blut, umschlossen ihren Hals, dann packten sie fest zu. Mira fiel rückwärts gegen einen Arbeitstisch. Ein Gefäß mit Werkzeugen fiel um und krachte auf den Boden.

Sie hatte keine Zeit, nachzudenken, geschweige denn zu kämpfen, bis er von ihr abließ und zum Notausgang rannte. Als die Feuertür aufsprang, ging die Alarmanlage los. Mira sank zu Boden, ihre Beine zitterten so heftig, dass sie sie nicht mehr trugen.

Deni und Chris stürzten in den Arbeitsraum. Chris erreichte sie als Erster und hockte sich vor sie hin. „Bist du in Ordnung?“

„Mira!“, schrie Deni. „Du blutest!“

„Wähl den Notruf“, befahl Chris.

Mira schaute an sich herunter, auf das verschmierte Blut auf ihrem T-Shirt. Er hatte geblutet, seine Hände an meinem Hals sind feucht davon gewesen.

„Nein, mir geht es gut.“ Mühsam stand Mira auf. „Er hatte ein Stück Glas, aber er hat mich nicht geschnitten. Er hat meinen Hals gepackt, aber …“

Dann merkte sie es. Sie tastete mit einer Hand zum Hals. Ihr Cloisonné-Kreuz war verschwunden. Jeff hatte es ihr auf ihrer Hochzeitsreise in Portugal gekauft, und der Irre hatte es ihr vom Hals gerissen.

Noch ein Stück von Jeff, das mir genommen wurde. „Es war der Mann von gestern Nacht. Er hat meine Kreuzkette gestohlen.“

„Welcher Mann? Doch nicht dieser Penner, dem du Geld gegeben hast?“

Mira nickte, und Chris runzelte die Stirn. „Wie hat er dich gefunden?“

„Ich weiß es nicht.“ Sie tastete noch einmal mit der Hand zum Hals, und die Trauer überwältigte sie. „Warum hat er das getan?“

Die beiden schauten sie bestürzt und voller Mitgefühl an. Sie verstanden, dass das Kreuz nicht einfach eine Halskette war, sondern ein Stück ihrer verlorenen Vergangenheit.

„Vielleicht kann die Polizei die Kette zurückholen“, schlug Chris vor. „Wenn wir sie jetzt anrufen …“

Die Polizei. Die Fenster. „Oh mein Gott“, sagte Mira. „Könnte das sein?“

„Könnte was sein?“, fragte Deni.

„‚Er wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten.‘ Die Botschaft auf den Fenstern der Sisters of Mercy. Genau wie gestern Nacht hat der Mann aus der Bibel zitiert. Aber heute hat er fast dasselbe gesagt, was auf den Fenstern geschrieben stand. Der Detective, der den Fall bearbeitet, hat überlegt, ob die Verwüstung etwas mit mir zu tun haben könnte.“

Chris sprach als Erster. „Ich denke, wir sollten die Polizei rufen.“

„Nein. Ich muss woanders anrufen. Ich hole die Nummer.“

13. KAPITEL

Freitag, 12. August
10:50 Uhr

„Darum hat sie mich wiedererkannt“, sagte Malone, als Bayle vorsichtig auf den Parkplatz von Gallier Glassworks fuhr. Er und Stacy wohnten gleich um die Ecke die Straße hinunter.

„Wer?“, fragte Bayle.

„Mira Gallier. Als ich sie befragt habe, dachten wir beide, dass wir einander bekannt vorkommen, aber ich wusste nicht, wo wir uns begegnet sein könnten. Jetzt weiß ich es. Wir sind nicht nur praktisch Nachbarn, sondern Stacy und ich waren sogar hier, in ihrem Laden. Wir haben eine ihrer Arbeiten gekauft.“

Bayle parkte, schaltete den Wagen aber nicht aus. „Jetzt, wo ich das Glassworks-Schild sehe, erkenne ich sie auch wieder. Nach Katrina war Gallier oft in den Nachrichten.“

„Sie hat mir erzählt, dass ihr Mann im Sturm ums Leben kam.“

Bayle zuckte mit den Schultern. „Ja, irgendwie sowas, ich erinnere mich nicht mehr genau.“

Malone nickte. Es hatte damals so viele seltsame und tragische Geschichten in den Nachrichten gegeben, so viele Vorwürfe, dass es schwierig war, sich an jede Einzelheit zu erinnern.

Sie stiegen beide aus dem Fahrzeug und schlugen die Türen gleichzeitig zu. Ohne etwas zu sagen, gingen sie zur Eingangstür.

Mira Gallier öffnete. „Danke, dass Sie gekommen sind, Detective Malone.“

Ihr Tonfall war fest, aber ihre Miene war verstört. Blut befleckte ihr weißes Strickshirt und war über ihre Brust und ihren Hals verschmiert.

„Sind Sie in Ordnung?“, fragte er.

„Ja. Er hat mir nichts getan.“

„Ich glaube, Sie haben meine Partnerin schon kennengelernt, Detective Bayle.“

Sie nickte und machte einen Schritt zur Seite, damit sie über die Schwelle treten konnten. Malone richtete den Blick auf die zwei Leute, die bei ihr waren, eine Frau und einen Mann. Die Frau war jung; Anfang zwanzig, schätzte er. Sie war zierlich, koboldhaft mit ihrem kurzen, stachligen dunklen Haar und dem herzförmigen Gesicht. Der Mann schien etwas älter zu sein, war durchschnittlich gebaut und nicht allzu groß, mit blonden Haaren und braunen Augen.

Gallier bemerkte Malones Blick und stellte sie vor. „Detectives, dies ist meine Werkstatthilfe, Deni Watts, und ihr Freund, Chris Johns.“

Malone nickte zur Begrüßung, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. „Erzählen Sie uns, was passiert ist, Ms Gallier.“

„Ich bin heute Morgen als Erste hier gewesen …“

„Um wie viel Uhr war das?“

„Ungefähr um zehn.“ Sie unterbrach sich, als hätte sie Mühe, sich zu konzentrieren. „Ich hatte Deni den Morgen freigegeben. Wir haben ohne Pause daran gearbeitet, die Fenster der Sisters of Mercy zu reinigen.“

„Wie läuft’s?“

„Wir sind fertig. Seit gestern Abend.“

„Ich muss unbedingt mal vorbeifahren und einen Blick darauf werfen.“ Er schaute auf das Spiralbuch in seinen Händen, dann sah er wieder zu ihr hoch. „Also, Sie waren die Erste, die ankam, ungefähr um zehn Uhr heute Morgen?“

„Ja. Ich habe Kaffee gekocht und bin in die Werkstatt gegangen.“

„Wo ist das?“

Sie zeigte nach links. Die Schiebetüren standen offen. Bayle ging quer durch den Raum darauf zu und spähte hindurch.

„Fahren Sie fort.“

„Ich schloss die Türen hinter mir und …“

„Warum?“

Die Frage kam von Bayle. Mira drehte sich zu ihr. „Entschuldigen Sie, wie bitte?“

„Sie waren allein. Warum haben Sie die Türen zugemacht?“

Sie starrte Bayle einen Moment an, bevor sie antwortete. „Gewohnheit. Wir halten die zwei Bereiche getrennt, weil in der Werkstatt so eine Unordnung herrscht.“

Malone übernahm. „Was geschah dann?“

„Ich habe jemanden hier draußen herumgehen hören. Ich nahm an, es wäre Deni, und rief nach ihr.“

„Aber Sie hatten ihr den Morgen freigegeben.“

„Deni ist nun mal so.“ Sie warf der Frau ein dankbares Lächeln zu. „Mit Leib und Seele dabei.“

„Fahren Sie fort.“

„Ich habe die Tür nicht abgeschlossen, als ich hereinkam. Eigentlich ist das Geschäft geöffnet, auch wenn wir nicht viel Laufkundschaft haben.“

„Aber es war nicht Ihre Assistentin?“

„Nein. Es war ein Obdachloser, dem ich gestern zwanzig Dollar geschenkt habe.“

Malone blickte kurz zu Bayle; sie beobachtete Gallier aufmerksam. „Wo und zu welcher Zeit war das?“

„Vor der Corner Bar. Ungefähr um ein Uhr nachts. Er hat mir leidgetan.“

„Das ist nur ein paar Blocks von hier entfernt“, sagte Malone. „Wahrscheinlich hat er in irgendjemandes Garten oder Schuppen seine Zelte aufgeschlagen. Erzählen Sie weiter.“

„Er hielt etwas in der Hand, ich dachte, es wäre ein Messer.“

„Aber das war es nicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Es war ein Stück zerbrochenes Glas. Eines aus unserem Abfall. Er blutete.“

Bayle schaltete sich ein. „Ist das sein Blut auf Ihrem Shirt?“

Mira fasste mit der Hand nach ihrer Kehle. „Ja. Er …“ Sie räusperte sich. „Er stand da und starrte mich an. Hat all dieses verrückte Zeug von sich gegeben über Jesus und die Strafe Gottes, falsche Propheten und in der Hölle brennen. Darum habe ich Sie angerufen, Detective Malone. Es schien so merkwürdig, dass jemand diese Botschaft auf meine Fenster in der Sisters of Mercy gesprüht hat, und dann heute … das hier passiert. Es ist einfach …“ Sie klang plötzlich unsicher. „Ich habe mich gefragt, ob die Fälle etwas miteinander zu tun haben könnten? Ob es dieser Typ gewesen sein könnte, der Father Girod ermordet hat?“

„Hat er den genauen Satz von den Kirchenfenstern gesagt?“

„Nein.“

„Was hat er gesagt? Können Sie sich genau daran erinnern?“

„Ich glaube nicht, dass ich das je vergessen werde.“ Sie faltete die Hände. „Er sagte, ‚Am Ende wird der Hirte seine Herde sammeln. Was die falschen Propheten erwartet, ist weit schlimmer als die ewige Verdammnis.‘“

Sie hielt inne und schauderte. „Bei dem Letzten, was er gesagt hat, wäre ich fast durchgedreht. ‚Das Fleisch wird von ihren Knochen fallen, es wird gebraten und von Teufeln verspeist werden.‘“

„Wessen Knochen?“

„Die der falschen Propheten“, sagte sie. „Das war es. Er sagte, die ‚falschen Propheten‘ erwarte das Schlimmste.“

Chris schaltete sich ein. „Letzte Nacht hat er auch aus der Bibel zitiert. Aber nicht dieses ganze Zeug über die Strafe Gottes. Es war mehr so ‚Du bist in Gottes Hand, und er wird für dich sorgen.‘“

Malone machte sich eine Notiz. „Mich anzurufen war genau richtig“, sagte er. „Machen Sie sich keine Gedanken darüber, was miteinander in Zusammenhang steht, überlassen Sie das uns.“ Er lächelte beruhigend. „Das ist unser Job. Sie erzählen uns einfach, was als Nächstes passiert ist.“

Sie nickte. „Ich habe Deni und Chris gehört. Er muss die beiden auch gehört haben, denn er … stürzte sich plötzlich auf mich. Er packte mich am Hals, ich dachte …“

Ihre Stimme wurde heiser. Deni legte einen Arm um sie. „Ich dachte, er würde mich töten. Aber er nahm einfach meine Halskette und lief fort.“

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich in Ihrer Werkstatt umsehe?“, fragte Bayle.

„Nur zu. Deni, könntest du ihr zeigen, wo …“

„Ich mache das schon“, bot Chris an, dann gab er Bayle ein Zeichen. „Hier entlang.“

Nachdem sie im Arbeitsraum verschwunden waren, fuhr Malone fort. „Können Sie ihn beschreiben?“

„Schmutzig, schlabbrige Klamotten. Armeejacke. Stiefel.“ Sie wurde einen Moment still. „Mittelgroß.“

„Wie alt war er ungefähr?“

Für einen Augenblick kniff sie die Lippen zusammen. „Schwer zu sagen bei solchen Leuten, aber … Er war kein Kind mehr, aber auch kein alter Mann.“

„Haare? Haut?“

„Er war weiß. Dunkle Haare. Lang.“ Sie deutete mit der Hand zu ihrer Kieferpartie. „Aber seine Augen, die …“ Sie schauderte und rieb ihre Arme. „Die waren verrückt. Hell, obwohl sie dunkel waren. Als ob sie von innen erleuchtet wären.“

„Sonst noch etwas? Irgendein entscheidendes Merkmal oder …“

„Ein Tattoo. Zwischen seinen Augenbrauen. Ein Kreuz.“

„Ein Kreuz?“, wiederholte er. „Zwischen seinen Augenbrauen? Das klingt nach Preacher. Und diese Gegend hier ist sein Lieblingsrevier.“

„Wer ist das?“, fragte sie.

„Ein Straßenprediger, ein Fanatiker. Ist seit Jahren hier in der Gegend. Er hat keinen gewalttätigen Hintergrund, obwohl sich so etwas auch ändern kann. Es wäre hilfreich, wenn Sie hinunter in die Zentrale kommen und sich ein paar Fotos ansehen könnten, um es uns zu bestätigen.“

„Kann ich mich zuerst zurechtmachen?“

„Natürlich.“ Malone warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Wie viel Zeit brauchen Sie?“

„Nicht lange. Ich habe hier immer ein paar Sachen zum Wechseln.“

„Malone“, sagte Bayle von der Tür zum Arbeitsraum aus, „das willst du dir ansehen.“

Er gesellte sich zu ihr und spürte genau, dass Gallier und ihre Assistentin ihm folgten.

Bayle deutete mit der Hand zu der Blutspur, die von der Tür bis zu einer kleinen Lache in der Mitte des Raums reichte. Der Täter hatte die Werkstatt blutend betreten, war in die Mitte des Raums gegangen und dort stehen geblieben.

„Und da.“ Bayle zeigte auf einen Punkt knapp zwei Meter davor, wo Glas und Werkzeuge auf dem Fußboden lagen.

„Dort habe ich gestanden“, sagte Gallier. „Als er mich gepackt hat, bin ich gegen den Tisch gefallen und habe alles hinuntergestoßen.“

Malone durchquerte den Arbeitsraum bis zu der Stelle und hockte sich neben das Sammelsurium. Er deutete auf eine lange, dreieckige Glasscherbe, die mit Blut beschmiert war. „Ist dies das Stück Glas, das Sie in seiner Hand gesehen haben?“

„Ja.“

Spencer schaute zu Bayle auf. „Von ihrer Beschreibung her klang es nach Preacher. Er ist dafür bekannt, dass er die Leute belästigt.“

„Alles, um seine Botschaft rüberzubringen“, stimmte Bayle ihm zu. „Ich werde das durchgeben. Die in der Zentrale können eine Fahndung herausgeben.“

„Kann ich das hier schon aufräumen?“, fragte Deni. „Oder schicken Sie noch so ein CSI-Team her?“

Gott helfe ihnen, das Fernsehen hatte wirklich jeden zum Experten gemacht. „Ich fürchte, Sie sehen das gesamte CSI-Team gerade vor sich.“ Auf ihr geknicktes Gesicht hin lächelte er. „Keine Sorge, Ms Watts, jeder vereidigte Officer ist in der Beweissammlung ausgebildet.“

Schließlich stellten sie das blutverschmierte Glasstück sicher und ein paar Blutstropfen, Letztere nur für den Fall, dass die Sache am Ende tatsächlich mit dem Mord in der Sisters of Mercy in Verbindung stand.

Gallier begleitete sie zur Tür. „Muss ich trotzdem kommen, um mir Fotos anzusehen?“

„Geben Sie uns eine Stunde. Wir fahren ein bisschen herum. Vielleicht haben wir Glück und gabeln ihn auf.“

„Danke, Detectives. Ich möchte meine Halskette wirklich gerne zurückhaben. Sie war ein Geschenk meines verstorbenen Mannes.“

„War sie wertvoll?“, fragte Bayle.

„Für mich ist sie unbezahlbar.“

„Monetär meine ich.“

Mira versteifte sich. „Spielt das eine Rolle? Reicht es nicht, dass sie gestohlen wurde und ich sie zurückhaben will?“

Bayle hatte die Sozialkompetenz eines Pittbulls, befand Malone und schaltete sich ein. „Natürlich reicht das. Aber für unsere Ermittlung macht es einen Unterschied. Wenn die Kette zum Beispiel viel Geld wert war, könnte der Täter versuchen, sie zu versetzen.“

„Oh.“ Zum ersten Mal, seit er und Bayle gekommen waren, wirkte sie den Tränen nahe. „Keine fünfzig Dollar.“

Augenblicke später saßen sie angeschnallt im Taurus. Bayle ließ den Motor an. „Glaubst du, sie hat die Wahrheit gesagt?“

Er warf ihr einen überraschten Blick zu. „Ja. Warum?“ „Irgendwas an ihr wirkte einfach ein bisschen daneben.“

„Findest du? Ist mir gar nicht aufgefallen. Obwohl ich es interessant fand, dass sie die Fenster der Sisters of Mercy ‚ihre‘ Fenster genannt hat.“

Bayle lockerte die Schultern. „Glaubst du, Preacher könnte unser Mann sein?“

„Könnte sein. Geografisch passt es. Das ganze Zeug mit dem Zorn Gottes passt auch. Im Moment sieht er vielversprechender aus als jeder andere, den wir bislang befragt haben. Eine Sache stört mich allerdings. Er hat ihr nichts getan.“

„Was?“

„Warum sollte derselbe Typ, der Father Girod getötet hat, weglaufen, ohne ihr etwas anzutun? Die Situationen waren ähnlich.“

„Ich weiß nicht. Könnte Gallier lügen?“, sagte Bayle.

„Die Möglichkeit besteht immer. Aber warum sollte sie? Alles, was er gestohlen hat, war ihre Halskette, die, wie sie zugegeben hat, nicht viel wert ist. Bestimmt nicht genug, um einen Versicherungsanspruch geltend zu machen. Außerdem ist ihre Geschichte schlüssig. Wir haben sogar das blutige Stück Glas.“

„Stimmt. Aber sie könnte es platziert, die ganze Szene erfunden haben.“

„Das könnte sie.“ Er sah sie neugierig an. „Aber noch mal, warum?“

„Die Leute tun die verrücktesten Sachen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“

Das stimmte, obwohl es in diesem Fall abwegig schien. Das sagte er ihr auch.

Sie lachte und fuhr vom Parkplatz. „Nur weiter so, erde mich, Malone. Ich mag das.“

„Ich helfe gerne.“ Als sie die Carrollton Avenue erreichten, deutete er die Straße hinunter. „Warum schauen wir nicht in Riverbend vorbei? Preacher ist dafür bekannt, dass er dort herumlungert. Auf dem Weg rufe ich Vicky drüben in der Sisters of Mercy an, mal sehen, ob es da eine Vorgeschichte mit Preacher gibt.“

14. KAPITEL

Freitag, 12. August
Mittags

Preacher trieb sich gerne an den Straßenecken herum und verkündete das heilige Wort. Oder zumindest seine spezielle Fegefeuer-Version davon. Aber heute Morgen gab es um Riverbend herum keine Spur von ihm. Malone und Bayle fragten in jedem Geschäft nach – alle kannten den Straßenevangelisten, nachdem sie ihn mehrmals von der Tür verscheucht hatten.

Ein Irrer, der irgendetwas übers Schmoren im ewigen Fettfass schrie, verdarb tendenziell das Geschäft.

Preacher war auch dafür bekannt, dass er auf die Straßenbahn der Carrollton Avenue aufsprang und den gefangenen Pendlern mit seiner Weltuntergangsbotschaft eine unerwartete Freude machte. Die Fahrer schmissen ihn immer in hohem Bogen hinaus, doch Preacher ließ sich davon nicht abschrecken und nahm einfach die nächste Bahn, die vorbeikam.

Das machte er den ganzen Tag lang – bis das NOPD eintraf.

Doch auch hier hatte ihn niemand gesehen.

Mira Gallier wartete bereits auf Malone, als er auf die Polizeistation zurückkehrte. Ihm fiel auf, dass sie sich zurechtgemacht hatte und allein gekommen war. „Es tut mir leid“, sagte er, während er näherkam. „Sind Sie schon lange hier?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin erst vor einigen Minuten gekommen. Haben Sie ihn gefunden?“

„Kein Glück bislang. Wenn es Preacher ist, wird er auftauchen.“ Er gab ihr ein Zeichen, ihm zu folgen. „Scheint, als ginge es Ihnen besser.“

„Ich zittere nicht mehr.“ Sie hielt ihm ihre Hände entgegen. „Sehen Sie? Absolut ruhig.“

„Das ging ziemlich schnell. Gut für Sie.“ Er setzte sie in einen Vernehmungsraum. „Kann ich Ihnen eine Limonade bringen, Kaffee, irgendetwas?“

„Nein, danke. Wie lange, glauben Sie, wird das dauern?“

„Das liegt ganz bei Ihnen. Je nachdem, wie lange Sie brauchen, um ihn zu identifizieren.“

Malone hatte vorher angerufen und eine Auswahl von sechs Fotos vorbereiten lassen, die sie sich anschauen sollte. Die Bilder waren in zwei Reihen auf ein Blatt Papier gedruckt und zeigten sechs ähnlich aussehende Männer, von denen drei eine Tätowierung im Gesicht hatten.

Er legte das Blatt vor sie auf den Tisch. „Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen.“

Es stellte sich heraus, dass sie nicht mehr als einen Augenblick benötigte. „Das ist er“, sagte sie und zeigte auf das unscharfe Foto.

„Sie sind sich sicher.“

„Absolut. Ist das Preacher?“ Als Malone nickte, starrte sie das Foto eine ganze Weile lang an. „Er ist wirklich ein gruseliger Typ.“

„Das stimmt.“ Malone legte den Kopf auf die Seite. „Ironischerweise verbringt er sieben Tage die Woche damit, die Menschen zu ermahnen, Buße zu tun und erlöst zu werden, aber er ist so verdammt unheimlich, dass die meisten Leute lieber in der Hölle schmoren würden, als eine Minute mit ihm im Himmel zu verbringen.“

Sie lächelte. „Er war nicht ganz so unheimlich, als ich ihm letzte Nacht zwanzig Dollar gegeben habe.“

Es war das erste Mal, dass er sie lächeln sah. Es erhellte ihr Gesicht, veränderte ihre hageren Gesichtszüge, machte sie schön.

„Ich schätze, das ist es dann?“, fragte sie und stand auf.

„Ja. Wir rufen Sie an, wenn wir ihn festnehmen.“ Er deutete zur Tür. „Ich bringe Sie zum Fahrstuhl.“

Als sie den Aufzug erreichten, streckte sie die Hand aus. „Danke, Detective.“

Er nahm ihre Hand. „Sehr gern geschehen. Übrigens, ich weiß, woher Sie mich wiedererkannt haben. Meine Verlobte und ich leben in Riverbend. Wir waren in Ihrem Laden, sie hat ein Fleur-de-Lis-Paneel für unser Vorderfenster gekauft.“

Sie lächelte. „Das mit der Sonnenblume?“

Er langte um sie herum und drückte auf den Aufzugknopf. „Genau das.“

„Ich erinnere mich an Stacy. Ich hoffe, es geht ihr gut?“

„Großartig, danke.“

„Grüßen Sie sie von mir.“

„Das mache ich.“

Der Aufzug kam, und sie trat hinein. Er hielt die Tür auf. „Wenn Sie Preacher zufällig sehen, oder wenn er wieder in Ihrer Werkstatt auftaucht, rufen Sie mich an. Jederzeit, zögern Sie nicht.“

Sie öffnete den Mund, dann schloss sie ihn wieder, als wollte sie etwas sagen, scheute dann aber davor zurück. Die Neugier setzte sich durch. „Wofür wurde er verhaftet?“

„Ruhestörung. Widerstand bei der Festnahme. Unerlaubtes Betreten. Einbruch.“

Es schien, als versuche sie, das zu verdauen. Nach einer Weile sagte sie: „Glauben Sie, er wollte mir etwas antun? Ich meine, ich habe ihm Geld gegeben, warum also hat er mich verfolgt? Ich verstehe das nicht. Und Sie sagten, er wäre niemals gewalttätig gewesen, warum also das Stück Glas? Und warum hat er mir mein Kreuz gestohlen?“

„Ich wünschte, ich wüsste es, Ms Gallier. Ein Impuls, vielleicht. Er fand das Glas hübsch, oder Ihr Kreuz ist ihm ins Auge gefallen, deshalb hat er es sich geschnappt. Verrückte Leute brauchen keine Gründe. Zumindest keine, die für den Rest von uns Sinn ergeben.“

Als die Aufzugtüren zuglitten, kam Spencer nicht umhin, sich daran zu erinnern, was Bayle vorhin gesagt hatte. Über Leute, die verrückte Dinge taten, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Seine Reaktion darauf war unmittelbar ablehnend gewesen. Abwegig, hatte er gesagt. Er war sich nicht sicher, warum, aber er fand den Gedanken jetzt nicht mehr so verrückt wie vorher.

Er ging seine Partnerin suchen. Als er vor einer Weile versucht hatte, die Sekretärin der Sisters of Mercy zu erreichen, war sie nicht im Büro gewesen. Er hoffte, dass Bayle inzwischen etwas von ihr gehört hatte.

Er fand Bayle an ihrem Schreibtisch, wo sie gerade ein Telefongespräch beendete. Sie grinste ihn an.

„Gute Neuigkeiten, Partner. Preacher hat sich immer in der Nähe der Sisters of Mercy herumgetrieben. Manchmal ist er am Sonntagmorgen zur Messe aufgetaucht und hat die Leute etwas nervös gemacht, aber er war immer respektvoll, schlich sich nur rein und raus. Aber das letzte Mal, als er zum Gottesdienst erschien, hat er Krawall gemacht.“

„Inwiefern?“

„Er ist während der Predigt aufgestanden und hat verkündet, das Ende wäre nah. Er tat alles Mögliche, außer Schaum vor dem Mund zu bekommen, und schließlich mussten sie ihn nach draußen zerren. Vicky hat gesagt, die Kinder hätten geweint, das ganze Programm.“

Malone stieß einen Pfiff aus. „Keine hübsche Vorstellung.“

„Bevor sie ihn aus der Tür hatten, hat er denselben Satz gerufen, den er zu Gallier gesagt hat, über das Fleisch, das von den Knochen fällt und von Dämonen gegessen wird.“

„Lecker.“

„Dann hat er Vergeltung versprochen und Father Girod einen Teufel genannt.“

„Wann ist das alles passiert?“

„Am Sonntag vor dem Mord.“ Bayle lächelte wieder. „Ich habe gerade mit dem Labor telefoniert. Die Techniker haben einen wunderschönen Satz Fingerabdrücke von dem Kerzenständer genommen …“

„Die wir mit den Abdrücken vergleichen können, die bei unserem Mr Preacher während einer früheren Verhaftung gesichert wurden.“

„Sind schon angefordert.“

„Ich glaube, die Ermittlung wendet sich gerade zum Besseren.“

„Glaube ich auch.“ Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schaute so zufrieden drein wie eine Katze. „Das Leben meint es gut.“

Das Leben, stellte sich zwanzig Minuten später heraus, meinte es nicht ganz so gut. Die Fingerabdrücke passten nicht mal annähernd zusammen.

15. KAPITEL

Freitag, 12. August
13:00 Uhr

Genau in dem Augenblick, als die Teilnehmer von Denis Anfängerkurs für Glasmalerei aus der Werkstatt kamen, kehrte Mira zurück. Sie sah das halbe Dutzend Frauen aus dem Haus treten, war aber in Gedanken noch bei dem, was Detective Malone über Preachers Art zu denken gesagt hatte.

Aus irgendeinem seltsamen Grund tröstete es sie.

Mira nahm an, das kam daher, weil diese simple Beobachtung schlüssig zu Gedankengängen wie „böse Dinge passieren guten Menschen“ und „gute Menschen machen manchmal böse Dinge“ passte.

Die aus der Werkstatt strömenden Schülerinnen redeten über ihre Arbeiten und freuten sich schon auf den Fortgeschrittenenkurs. Einige von ihnen winkten Mira zu, ein paar riefen eine Begrüßung.

Kurse anzubieten war Denis Idee gewesen. Sie hatte den Lehrplan entworfen, die Kurse beworben und unterrichtete sie jetzt. Die Kurse waren so beliebt geworden, dass Mira beschlossen hatte, den Lagerschuppen hinten auf dem Grundstück in eine Lehrwerkstatt zu verwandeln. Sie konnte Chris jetzt auf dem Schuppendach herumhämmern hören. Zu wissen, dass er für diese Arbeit zur Verfügung stand, hatte ihr die Entscheidung für die Lehrwerkstatt erst möglich gemacht.

Sie betrat die Werkstatt. „Deni“, rief sie. „Ich bin zurück.“

„Ich bin hier“, antwortete ihre Assistentin aus dem Arbeitsraum. „Komm, sieh dir das an.“

Deni war nicht allein. Sie und ein Mann standen vor dem Magdalenen-Fenster.

Mira stutzte, denn sie erkannte den Mann von hinten. Sie glaubte ihren Augen nicht. Jeffs bester Freund, Connor Scott. „Connor? Bist du es wirklich?“

Er drehte sich um. „Hi, Mira.“

Sie kreischte vor Freude auf, lief zu ihm und warf sich in seine Arme. Sie umarmte ihn fest. „Wo bist du gewesen?“, fragte sie, während die Tränen über ihre Wangen kullerten. „Du bist einfach verschwunden. Kein Wort irgendjemandem von uns.“

„Es tut mir so leid.“ Er ließ sie los und sah ihre Tränen, als er einen Schritt zurück machte. „Nicht weinen.“

„Tränen des Glücks.“ Sie wischte sie mit dem Handballen fort. „Wo bist du gewesen?“

„Irak. Danach Afghanistan.“

Dann sah sie es, die Schatten in seinen blauen Augen, die neuen Falten um sie herum. Er sah aus wie immer, aber auch deutlich älter. So, wie sie für ihn aussehen musste. Sie beide hatten in den vergangenen sechs Jahren einen langen Weg zurückgelegt.

Sie schüttelte den Kopf. „Aber ich verstehe nicht. An einem Tag warst du hier, am nächsten verschwunden. Warum hast du uns nichts gesagt?“

„Ich hatte ein paar persönliche Sachen am Laufen, und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Also bin ich weggelaufen. Es hieß, entweder zum Zirkus oder zu den Marines.“ Er lächelte schief. „Ich dachte, die Armee würde mich vielleicht härter machen.“

Das hatte sie, sah Mira. Nicht nur seinen Körper, der sich wie Stahl an ihrer Brust anfühlte, sondern auch sein Wesen. Verschwunden war der verwöhnte junge Mann, für den Härte hieß, auf Tickets für die erste Reihe zu verzichten oder zwischen Hummer und Steak wählen zu müssen.

„Das erklärt den Igelschnitt.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und fuhr mit der Hand über seinen kurz rasierten Schädel. „Lass die Haare hinten wachsen und du hast alles, was es für einen Weltklasse-Vokuhila braucht.“

Er lachte, fasste ihre Hand und küsste sie. „Du konntest mich schon immer zum Lachen bringen. Ihr beide konntet das.“

Ihr Lächeln erstarb. „Er ist tot. Das weißt du, oder?“

„Ich weiß.“ Er schlang seine Finger um ihre Hand. „Ich hätte für dich da sein sollen. Für euch beide. Es tut mir unendlich leid.“

Das stimmte. Sie sah den Kummer in seinen Augen. Und sie sah Geheimnisse. Solche, die er nicht teilen wollte.

„Möchtest du einen Rundgang durch die Werkstatt?“, fragte sie und zog ihre Hand zurück.

Sein Blick wanderte durch den Arbeitsraum, dann schaute er wieder zu ihr. „Sehr gerne.“

„Die alte Werkstatt wurde zerstört“, sagte sie. „Und alles, was darin war.“

„Dachte ich mir. Als ich vom Kanal in der Seventeenth Street gehört habe, fürchtete ich schon, dass die Werkstatt keine Überlebenschance hat.“ Er verschränkte die Arme. „Trotzdem bist du in New Orleans geblieben. Warum? Du hättest überall hingehen können.“

„Ich habe daran gedacht, wegzugehen. Aber ich konnte nicht. Meine ganzen Erinnerungen, meine Erinnerungen an Jeff, sind hier. Und die Fenster haben mich gebraucht.“

Offensichtlich amüsiert hob er eine Augenbraue. „Die Fenster haben dich gebraucht?“

„Katrina hat sie zerstört. Die gesamte Buntglasgeschichte der Stadt lag in Trümmern. Du hast es nicht gesehen.“

„Wir haben Bilder gesehen. Wir …“

„Das ist nicht dasselbe. Ein Bild übermittelt nicht das …“, sie unterbrach sich, „… Ausmaß der Zerstörung. Den Umfang. Wohin man schaute, kilometerweit.“

Sie ging hinüber zu dem Magdalenen-Fenster. „Die Fenster waren nur ein kleiner Teil der Zerstörung. Aber sie waren mein Teil.“ Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Ich besaß genau die Fähigkeiten, die für ihre Wiederherstellung nötig waren. Wie hätte ich sie im Stich lassen können?“

Es war eine rhetorische Frage, und er antwortete nicht. Stattdessen machte er eine raumgreifende Geste. „Es sieht so aus, als hättest du den passenden Ort gefunden, um an ihnen zu arbeiten.“

Sie lächelte. „Das denke ich auch. Auch wenn es ein Zufall war. Meine erste Anforderung an das Grundstück war, dass es während eines Hurrikans nicht überflutet wird. Was die Möglichkeiten erheblich eingeschränkt hat. Nur Uptown und der Garden District, das French Quarter und das Riverbend-Gebiet, plus einige andere Ecken der Stadt.“

Sie führte ihn nach draußen. Chris stand auf der Leiter und nagelte Sperrholz an einen neu gestalteten Überbau. „Denis Kurse sind so beliebt, dass wir beschlossen haben, einen Kursraum einzurichten. Ist er erst einmal fertig, bieten wir auch noch ein paar Jugendkurse an.“

Chris schaute zu ihnen herüber, und sie winkte ihn zu sich. „Komm und lerne einen alten Freund von mir kennen“, rief sie.

Er kletterte die Leiter hinunter, griff nach einem Handtuch, um sich Gesicht und Nacken abzuwischen, dann schlenderte er zu ihnen. „Schön, Sie kennenzulernen“, sagte er. „Ich würde Ihnen die Hand geben, aber wie Sie sehen, ist sie sehr schmutzig.“

Connor streckte ihm seine hin. „Ist schon gut, Mann. Ich bin gerade aus Afghanistan zurück. Ein bisschen Schweiß und Schmutz schrecken mich nicht.“

Sie schüttelten einander die Hand. „Connor Scott.“

„Chris Johns. Schön, Sie kennenzulernen.“

Mira lächelte Chris an. Er hörte nicht auf, sie zu überraschen. Er wirkte verständiger als ein Mittzwanziger, selbstsicherer. Er brachte tatsächlich etwas zustande. Kein Wunder, dass Deni ihn so sehr mochte – ihr ging es ebenso.

„Wie läuft’s?“, fragte Mira.

„Genau nach Zeitplan. Ich warte auf den Inspekteur für die Elektrik.“

„Tut mir leid, dass es so heiß gewesen ist.“

Chris lächelte. „Soweit ich weiß, kontrollierst du nicht das Wetter.“

„Ich wünschte, ich täte es.“ Sie fächelte sich Luft zu. „Wie auch immer, ich hätte für diese Arbeit eine bessere Jahreszeit wählen können.“

„Ich bin froh, dass ich die Arbeit habe.“

„Trink ausreichend Wasser“, rief Deni.

Er drehte sich um und salutierte. „Ja, Ma’am!“

„Ein netter Kerl, wie es scheint“, sagte Connor.

„Das ist er. Ich bin froh, dass ich ihn habe. Fast sechs Jahre seit Katrina, und es ist immer noch schwer, gute Arbeiter zu finden.“

Sie beendeten den Rundgang wieder in der Werkstatt vor dem Magdalenen-Paneel. Deni arbeitete an einem Rosenfenster, das zu einem Herrenhaus in Uptown gehörte.

„Deine Assistentin sagte, dies wäre dein Lieblingsprojekt gewesen.“

„Das könnte man so sagen.“ Mira steckte die Hände in die Vordertaschen und dachte an Dr. Jaspers Theorie. „Es hat mich im letzten Jahr ziemlich beansprucht.“

„Ich möchte alles darüber erfahren.“ Er hielt ihrem Blick stand.

„Sieht so aus, als hätten wir beide uns eine Menge zu erzählen.“

Sein Gesicht wurde ernst. „Ich werde dir alles erklären. Aber nicht jetzt. Nicht hier. Wie wäre es heute Abend?“

„Perfekt.“

„Wohnst du immer noch in dem Haus in der Frenchman Street?“

„Ja.“

„Du besorgst den Wein. Ich bringe das Essen mit. Bist du immer noch süchtig nach den kubanischen Sandwiches von Fefa’s?“

„Die sind weg. Seit dem Sturm haben eine Menge Läden dichtgemacht. Aber ich bin kein wählerischer Esser mehr.“

Einer seiner Mundwinkel hob sich zu dem schiefen Grinsen, das sie noch aus den alten Zeiten kannte. „Das sehe ich. Du bist drauf und dran, davonzuwehen.“

Sie lachte. „Ich habe seit fünf Jahren keinen Hunger mehr gehabt.“

„Das tut mir leid.“

„Sag das noch mal, und das Abendessen ist gestrichen.“

„Dann nie wieder.“ Sie wurden beide still. Er sah sie immer noch unverwandt an.

„Gott, ich hab dich vermisst, genauso sehr wie …“ Er vollendete den Satz nicht, doch das Ende hing zwischen ihnen in der Luft.

Jeff.

Er und Jeff waren Zimmergenossen auf der Prep School gewesen, die sie aufs College vorbereiten sollte. Später waren sie in derselben Studentenverbindung an der Universität; Connor war bei ihrer Hochzeit Jeffs Trauzeuge gewesen. Nach der Hochzeit waren sie alle drei die besten Freunde geworden. So manche Nacht hatten sie mit einer Flasche Wein um ihren und Jeffs Küchentisch gesessen, hatten geredet und durchgemacht bis in die frühen Morgenstunden.

Sie liebte diese Erinnerungen.

„Ich bin sehr froh, dass du zurück bist“, sagte sie.

„Ich auch.“ Er wandte den Blick kurz ab, schaute sie dann aber noch einmal an. „Wir sehen uns heute Abend. Um sechs?“

„Halb sieben.“

Ein Stocken, eine Enge entstand in ihrer Brust. Mira begleitete ihn zur Tür, dann sah sie ihm nach, bis er davonfuhr.

Deni war im Nu an ihrer Seite. „Wer war das?“, fragte sie. „Du weißt, was ich meine.“

„Ich hab es dir gesagt, ein alter Freund, den ich seit der Zeit vor dem Sturm nicht mehr gesehen habe.“

„Ein Ex-Liebhaber?“

„Nein. Ein Freund von Jeff. So haben wir uns kennengelernt. Wir drei haben sehr viel Zeit miteinander verbracht.“

Deni wirkte enttäuscht. „Ich dachte, er wäre in dich verknallt.“

Mira lachte. „Kaum. Wir sind wie Bruder und Schwester.“

„Schade. Er ist süß.“

„Ja, das ist er. Und auch nett.“

„Vielleicht könntest du dann ja dieses Bruder-Schwester-Ding hinter dir lassen und versuchen, eine romantische …“

Mira ließ sie nicht ausreden. „Er war Jeffs Freund.“

„Und deiner. In wen könnte man sich besser verlieben?“ „Lass das, Deni.“ Es kam ihr schärfer über die Lippen, als sie beabsichtigt hatte, und ihre Freundin wirkte gekränkt. Mira berührte Deni leicht am Arm. „Entschuldige. Ich bin noch nicht so weit. Nicht annähernd.“

„Ich verstehe das. Es ist nur …“ Deni zögerte, dann fuhr sie fort. „Es ist jetzt fast sechs Jahre her, Liebes.“

„Ich weiß. Aber ich …“ Mühsam suchte Mira nach den richtigen Worten. „Die Wahrheit ist, Deni, vielleicht sind auch fünfzig Jahre nicht genug.“

16. KAPITEL

Freitag, 12. AugustM
18:30 Uhr

Das Haus in der Frenchman Street war seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Besitz von Jeffs Familie. Es stand dort, wo die Frenchman auf die Esplanade Avenue traf, einen Steinwurf vom Mississippi River entfernt. So war das Haus ganz nahe daran, zum French Quarter zu gehören, ohne dass es tatsächlich so war.

Das Marigny-Viertel, zu dem das Haus eigentlich zählte, wurde im ersten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts von einem kreolischen Millionär desselben Namens erschlossen. Die Architektur spiegelte die Geschichte des Viertels sowie seine französischen Ursprünge wider. Miras Haus, ein perfekt erhaltenes kreolisches Stadthaus, bestand aus drei Stockwerken mit einem zentralen Innenhof und schmiedeeisernen Galerien.

Das Anwesen war Jeff von seiner Großmutter mütterlicherseits vererbt worden. Nach seinem Tod hatte die Gallier-Familie versucht, Mira das Haus zu entreißen, aber sie hatte darum gekämpft, es zu behalten.

Der astronomische Marktwert des Hauses war ihr dabei egal gewesen, denn sie hatte nie vor, es zu verkaufen. Es war ihres und Jeffs Heim; das einzige, das sie in ihren fünf Ehejahren miteinander geteilt hatten.

Obendrein hatte das Haus viel Geschichte zu bieten. Die berühmte Voodookönigin Marie Laveau war, wie man sich erzählte, eine „Ratgeberin“ der ersten Hausherrin gewesen und ein häufiger Gast. Der ursprüngliche Besitzer des Hauses war außerdem ein Mitverschwörer von Nicholas Girod gewesen, dem Bürgermeister von New Orleans, einem Napoleon-Sympathisanten. Der wiederum hatte einen Plan ausgeheckt, den verbannten Kaiser von Elba zu befreien und ihn im French Quarter unterzubringen, und zwar in dem Gebäude, das heute das Napoleon House Restaurant beherbergt. Jeff hatte früher immer erzählt, dass der Pirat Jean Lafitte, auch eine zentrale Figur in der Verschwörung, einst im hinteren Schlafzimmer ihres Hauses übernachtet hatte.

Es hatte zuerst alles sehr romantisch gewirkt, jetzt war es einfach nur … ihr Zuhause.

Connor kam pünktlich um halb sieben. Er brachte Po’boy-Sandwiches und Lilien mit. „Ich habe nicht vergessen, wie sehr du die immer gemocht hast“, sagte er und überreichte ihr die Blumen.

„Danke.“ Mira vergrub ihre Nase in den duftenden Blüten, holte tief Luft, dann hob sie den Blick zu ihm. „Mir hat seit Langem niemand mehr Blumen mitgebracht.“

„Dann bin ich froh, dass ich das wiedergutgemacht habe. Darf ich?“

„Natürlich.“ Sie trat zur Seite, damit er hereinkommen konnte. „Bitte sag mir, dass das eine Tüte von Mother’s ist.“

„Gibt es sonst noch eine Möglichkeit in New Orleans, ein richtiges Po’boy zu bekommen?“

„Keines, das schmeckt wie diese.“

„Ich habe im Irak von den Dingern geträumt. Und davon, hier zu sein. Bei dir und Jeff.“

Plötzliche Tränen brannten in ihren Augen. „Ich schätze, zwei von drei, das ist nicht so schlecht.“

Er fasste ihre Hand, drückte ihre Finger, dann ließ er sie los. „Das Haus sieht überhaupt nicht mitgenommen aus.“

„Es hat den Hurrikan unbeschadet überlebt. Wir hatten Glück.“

Sie bemerkte die Schärfe in ihrer Stimme und fragte sich, ob die Zeit kommen würde, wo sie sie nicht mehr hören würde.

Sie gingen in die Küche mit den alten Backsteinmauern und den deckenhohen Fenstern, von denen man einen Blick auf den üppig bewachsenen Innenhof hatte, und setzten sich an den rustikalen, hundert Jahre alten Tisch aus massivem Holz.

„Immer noch ein Cabernet-Fan?“, fragte sie.

Das war er allerdings, und während sie die Flasche öffnete, packte er ihre Sandwiches aus. Er hatte nicht vergessen, wo die Teller aufbewahrt wurden, und holte zwei. Während sie den Korken vorsichtig aus der Flasche zog, stellte er eine Rolle Küchenpapier auf den Tisch.

Es war alles so schmerzhaft vertraut, dass ihre Hände zitterten, als sie den Wein einschenkte.

Er wickelte sein Sandwich aus. „Wenn sie nicht labberig sind, bin ich sauer.“

Sie waren labberig. Unglaublich labberig sogar, mit Rindfleisch und Soße, angemacht mit Mayo, Salat und Tomate.

„Das kann ich unmöglich ohne Messer und Gabel essen“, sagte sie und stand auf. „Möchtest du auch?“

„Machst du Witze? Amateurin.“

Das war sie wohl, sah sie, als sie zum Tisch zurückkehrte: Er hatte schon ein Drittel seines Sandwiches gegessen und hatte kaum einen Tropfen Soße verkleckert. Er fiel darüber her wie ein Verhungernder.

„Wie lange bist du schon wieder hier?“, fragte sie und nahm eine Gabel voll Soße und Rindfleisch.

„Ein paar Tage.“

Sie hob eine Augenbraue. „Das erklärt deine Tischmanieren. Dringt die Zivilisation schon zu dir durch?“

Er grinste. „Mit minimalem Erfolg.“

„Das sehe ich.“

Er nahm es so auf, wie sie es meinte, und lachte. „Wie viel kann zu mir durchdringen? Ich habe die ersten vierundzwanzig Stunden geschlafen und bin die letzten vierundzwanzig Stunden wach gewesen.“

„Wie war es so da drüben?“

„Brutal.“

Er schmückte es nicht weiter aus, und sie nahm noch einen Bissen. „Warum bist du einfach so zur Armee gegangen, Connor? Warum bist du verschwunden?“

„Ich brauchte einen Ort, wo ich mich verstecken konnte.“

Mira runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht.“

Er ignorierte ihre Frage, nahm sein Glas zur Hand, schwenkte es, roch daran, dann kostete er. „Mein Gott, der ist gut. Eines der vielen Dinge, die ich vermisst habe.“

„Warum hast du dich vor uns versteckt, Connor?“ Sie beugte sich zu ihm vor. „Jeff war dein bester Freund.“

Er sah aus, als hätte sie ihn geschlagen. „Ihr beide wart meine besten Freunde.“

„Als du so einfach auf und davon bist, hat es ihm das Herz gebrochen. Und mir auch.“

Er griff ihre Hand, hielt sie fest. Zu fest. Seine Haut fühlte sich ledrig an, seine Handfläche schwielig. Sie zog die Hand nicht weg, sagte auch nichts, obwohl sein Griff wehtat.

So plötzlich, wie er ihre Hand gepackt hatte, ließ er sie los. „Vielleicht sollte ich gehen …“

„Nein.“ Dieses Mal war sie es, die seine Hand fasste, nur sanft. Um ihn zu trösten. „Geh nicht. Erzähl es mir, wenn du so weit bist. Ich vertraue dir.“

Sie wurden still. Er trank seinen Wein, während sie in ihrem Sandwich herumstocherte.

Sie brach das Schweigen. „Ich habe seit einer Ewigkeit keines von denen gegessen.“

Er betrachtete ihr verstümmeltes Sandwich. „Hast du immer noch nicht.“

„Möchtest du etwas davon?“

„Klar, schieb es herüber.“

Er nahm die unberührte Hälfte zur Hand. „Keine Blumen.

Keine Po’boys. Was zum Teufel hast du gemacht?“

„Überlebt.“

„Scheiße.“ Er legte das Sandwich hin. „Das war unsensibel von mir.“

„Ich war nur ehrlich.“ Sie rang sich ein Lächeln ab. „Wie oft haben wir um diesen Tisch gesessen und so etwas wie dies hier gemacht? Etwas New-Orleans-Typisches gegessen und Wein getrunken …“

„Eine Menge Wein.“

„Geredet und gestritten?“

„Über irgendwas Dummes.“

„Aber auch gelacht.“

„Ja.“ Er sah sie an, ein ernster Ausdruck lag in seinen Augen. „Ich möchte gerne wieder dorthin zurück. Wo wir jetzt sind, ist es …“

„Scheußlich“, ergänzte Mira seinen Satz, dann seufzte sie. „Ich möchte mich nicht mehr so fühlen, Connor. Ich will kein Mitleid oder Verständnis, und ich will ihn nicht mehr vermissen.“

Sie stand auf und ging hinüber zu einem der Hoffenster. Sie lehnte sich gegen den Fensterrahmen und starrte hinaus in die Nacht. „Es ist meine Schuld“, sagte sie nach einer Weile leise. Sie sah über die Schulter zu ihm. „Ich hätte sterben sollen, nicht er.“

„Nein. Das ist nicht wahr. Sag das nicht.“

„Wie viel weißt du von der Geschichte?“

„Einiges. Von meiner Familie.“

Die es von Jeffs Familie gehört hat. „Dann überrascht es mich, dass du mit mir sprichst.“

„Glaubst du wirklich, ich würde mir auf diese Weise ein Urteil über dich bilden? Komm schon, Mira.“

Sie hielt seinem Blick einen langen Moment stand, dann sah sie wieder fort. „Ich wollte wegen Katrina bleiben. Es war meine Idee.“

„Der er zugestimmt hat.“

„Ja, und als ich ihn erst mal überzeugt hatte zu bleiben, waren wir beide davon begeistert. Ehrlich, wir dachten, das Schlimmste würden der Wind und der Regen sein, und dann keinen Strom mehr zu haben. Aber insgeheim wollten wir, dass es eine große Sache wird. Jeffs und Miras großes Abenteuer. Wir waren so naiv, so dumm.“

„Wie alle anderen.“

„Nein“, korrigierte sie ihn. „Eine Menge Leute waren so schlau und haben sich in Sicherheit gebracht.“ Mira entriegelte das Fenster und schob es hoch. Heiße, stickige Luft empfing sie. Die sie zugleich berauschte, mit dem Duft des Nachtjasmins, den Insektenlauten und der Musik vom Balkony Music Club die Straße hinauf.

„Wir haben uns eingedeckt mit allem, von dem wir dachten, wir würden es brauchen. Wasser, Kühlboxen, Batterien und Lampen. Haltbare Lebensmittel. Ein Rot-Kreuz-Radio.“

„Klingt, als ob ihr alles richtig gemacht hättet.“

Außer zu verschwinden. Sie sog die schwere Luft ein und atmete sie langsam wieder aus, während sich die Erinnerung entfaltete. „Jeff hatte eine Waffe.“

„Das klingt nicht nach Jeff.“

„Und die Marines klingen nicht nach dir.“

„Vielleicht kannte keiner von uns den anderen so gut, wie wir immer dachten.“

Sie wollte das nicht denken und sagte ihm das auch.

Er zuckte mit den Schultern. „Also, Jeff hatte eine Waffe?“

„Ja. Ich hasste das Ding, und es hat mir eine Heidenangst eingejagt. Aber ohne sie hätte er nicht mitgemacht. Er fürchtete, wir würden sie vielleicht brauchen, wenn das Undenkbare geschah.“

Das Undenkbare. Es war geschehen. In mehrerer Hinsicht, als sie es sich vorgestellt hatten.

„Wir hatten uns im Schrank unter der Treppe einen Schutzraum eingerichtet. Für uns und Ginger. Wir haben es durch den Sturm geschafft, obwohl ich ein paar Mal daran gezweifelt habe.“ Sie sah ihn wieder an. „Du kannst es dir nicht vorstellen … Der Wind schlug nach uns und schlug nach uns … Stundenlang. Er schrie und heulte. Es fühlte sich an, als würde er am Haus zerren, es jeden Augenblick aus dem Fundament reißen. Ich weiß noch, wie ich meine Hände auf die Ohren gedrückt und gebetet habe, der Wind möge aufhören. Hin und wieder tat er das auch, wegen der Wolkenbänder. Wir sind aus dem Schrank geklettert und ans Fenster gelaufen, um zu sehen, was passiert. Dann fing es wieder an.“

Connor stand auf und kam von hinten auf sie zu. Er legte seine Hände behutsam auf ihre Schultern. Getröstet legte sie ihre Hände auf seine und fuhr fort. „Dann endlich war es vorbei. Uns ging es gut. Das Haus war größtenteils unbeschädigt. Wir hatten …“, ihre Stimme brach, „so viel Glück. Die Zerstörung um uns herum war viel schlimmer.“

Connor sagte nichts, rührte sich nicht. Wartete. Er verstand, dass sie erst den Anfang der Geschichte erzählt hatte.

„Ich hatte Angst um meine Werkstatt. Um meine Fenster. Ich hatte gerade einen großen Auftrag beendet, eine Kirche in Violet. Ich hatte die Fenster genau eine Woche vor dem Sturm eingebaut.“ Sie räusperte sich. „Jeff bot mir an, nachzusehen und zu tun, was immer er konnte. Wir hörten, dass Bäume und Stromleitungen umgefallen waren, dass eine Fahrt zur Werkstatt fast unmöglich war. Er sagte mir, ich solle hierbleiben. Er dachte, ich wäre hier sicherer …“

Sie packte seine Hand fester. „Sicherer“, wiederholte sie. „Wegen der Trümmer auf den Straßen. Und wir dachten, es wäre vernünftig, wenn jemand beim Haus bliebe. Er hat mir die Waffe da gelassen.“

„Also ist er in den Truck gestiegen und verschwunden?“

„Wir dachten, alles wäre vorbei. Wie dachten, er könnte da gefahrlos hinfahren.“ Sie schaute flehend zu ihm auf. „Ich hätte ihn nicht fahren lassen, wenn ich geglaubt hätte, er würde nie zurückkommen.“

Behutsam massierte Connor ihre Schultern. „Natürlich nicht.“

„Du glaubst mir, nicht wahr?“

„Warum sollte ich nicht?“

Seine leise gesprochene Frage hörte sich für sie wie eine Anklage an, und sie riss sich mit einem Ruck von ihm los. „Weil ich jetzt eine reiche Witwe bin! Versuch nicht, so zu tun, als hättest du nicht die ganze Geschichte von deiner Familie gehört.“

„Ich tue überhaupt nicht so, als ob. Aber da ich nicht die ganze Geschichte von dir erfahren habe, habe ich sie auch nicht wirklich gehört, oder?“

Zitternd fuhr sie fort. „Der Kanal in der Seventeenth Street brach. Einen Block von meiner Werkstatt entfernt. Von der Stelle aus, wo sie Jeffs Truck fanden, ist er zu Fuß weitergegangen, als es passierte. Jedenfalls vermuten sie das. Es muss eine wahre Flutwelle gewesen sein, die auf ihn zugestürzt ist.“

Sie fing an zu weinen, aber als Connor Anstalten machte, sie zu umarmen, drehte sie sich weg. „Und es ist wohl schnell gegangen. Es gab keinen Ort, wohin er hätte fliehen können. Und es war keine Zeit mehr, selbst wenn es eine Fluchtmöglichkeit gegeben hätte.“

„Wie lange hat es gedauert, bis du wusstest, was geschehen war?“

„Drei Tage dauerte es, bevor sich der See und das Hochwasser einpegelten, eine weitere Woche, bis sie die Leichen einsammeln konnten. Es nicht zu wissen war unerträglich. Die ganze Zeit sagte ich mir immer wieder, dass es ihm gut ginge. Dass er sich irgendwo versteckt hielt, ohne eine Möglichkeit, mit mir Verbindung aufzunehmen.“

„Seine Leiche wurde nie geborgen. Richtig?“

„Nein, sie haben ihn geborgen! Es ist nur, dass …“, sie rang um Beherrschung, „… sie konnten nicht hundertprozentig bestimmen, dass er es war. Der Zustand der Leiche, nachdem sie so lange im Wasser gelegen hatte …

Bei dem Letzten würgte sie. Wie sollte man Jahre später das Entsetzen zum Ausdruck bringen, das der Bericht des Pathologen ausgelöst hatte? Über einen Leichnam, der von Elementen wie von Raubtieren übel zugerichtet worden war?

„Was ist mit zahnärztlichen Unterlagen?“

„Verschwunden“, flüsterte sie. „Das ist eines der Dinge, die die Leute einfach nicht kapieren. Die Praxis seines Zahnarztes hatte einen Totalschaden, die ganzen Unterlagen wurden zerstört.“

Mira holte sich ihr Glas vom Tisch und trank den Rest des Weins. „Jeffs Familie hat mir unterstellt, ich hätte ihn ermordet. Und dass ich die Gelegenheit genutzt hätte, die der Sturm bot, um die Leiche loszuwerden.“

„Das ist lächerlich. Ich weiß, dass du ihn nicht umgebracht hast.“

„Woher?“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Du warst nicht hier.“

„Weil ich dich kenne. Und weil ich weiß, wie sehr du ihn geliebt hast.“

Tränen überschwemmten ihr Gesicht. „Niemand sonst … niemand sonst hat so an mich geglaubt.“

Er zog sie in seine Arme. Während sie in seine Umarmung sank, drückte sie ihr Gesicht gegen seine Brust und weinte. Er hielt sie fest, bis ihre Tränen versiegt waren.

Vorsichtig löste sie sich aus seinen Armen. „Wunderbar“, flüsterte sie, und ihre Stimme klang heiser. „Ich habe dein Hemd total versaut.“

„Ich habe noch andere Hemden.“ Er sah hinunter auf die verschmierte Grundierung und die Wimperntuscheflecken, dann schaute er sie wieder an. Er lachte. „Außerdem ist mein Hemd nichts im Vergleich zu deinem Gesicht.“

Mira wischte unter ihren Augen entlang. „Was? So schlimm?“

„Wie ein tollwütiger Waschbär, der Amok gelaufen ist.“

Sie ging, um Taschentücher zu holen, wischte sich die Augen ab und schnäuzte sich die Nase. „Die Polizei hat dann ermittelt. Die Gallier-Familie ist, wie du weißt, sehr einflussreich. Ihre Verbindungen reichen bis hinauf ins Büro des Justizministers.“

Connor schnaubte angewidert. „Was zum Teufel haben sie sich gedacht? Hatten sie denn irgendwelche Beweise?“

„Bevor Jeff an dem Tag verschwand, hat er mir Schießunterricht gegeben. Er bestand darauf, dass ich zumindest wissen musste, wie man schießt, für den Fall, dass Plünderer oder andere Verrückte auftauchten, während er fort war.“

Connor nickte. „Das leuchtet ein.“

Kraftlos ließ sie sich auf einem Stuhl nieder. „Die Waffe war abgefeuert worden, und meine Fingerabdrücke waren darauf. Aber der Staatsanwalt weigerte sich, Anklage zu erheben. Keine Leiche, kein Mord. Und selbst wenn der Pathologe Jeff hundertprozentig hätte identifizieren können, hätte er keine Schusswunde gefunden.“

„Es tut mir leid, dass du das ihretwegen durchmachen musstest“, sagte Connor.

„Aber es war noch nicht vorbei“, sagte sie, ihr Ton war bitter. „Als Nächstes haben sie eine Zivilklage gegen mich angestrengt, wegen widerrechtlicher Tötung.“

„Die ebenso fehlschlug.“

„Ja.“ Sie lachte, es klang dumpf. „Hier sitze ich also, eine reiche Witwe, die für nur einen einzigen weiteren Tag mit ihrem Mann alles aufgeben würde.“

„Ich hätte für dich da sein müssen.“

„Du bist jetzt für mich da“, sagte sie. „Danke.“

Danach ließen sie Kummer und Leid hinter sich. Sie dachten an die guten Zeiten und lachten darüber, sie sprachen über die Zukunft und über ihre Hoffnungen und Träume.

Erst als Connor weggefahren war, merkte sie, dass er ihr nichts von den vergangenen fünf Jahren seines Lebens erzählt hatte oder darüber, warum er so plötzlich verschwunden war.

17. KAPITEL

Samstag, 13. August
02:30 Uhr

„Jeff!“

Jäh setzte sich Mira im Bett auf. Sie atmete schwer. Ihr Schrei schien in der Stille des Schlafzimmers zu hängen. Rasch warf sie einen Blick durch das Zimmer. Der Traum war so real gewesen. Er war da gewesen, hatte neben ihrem Bett gestanden und leise mit ihr gesprochen.

„Mein liebes Sternchen. Wie ich dich vermisst habe.“ Sternchen. Er hatte angefangen sie so zu nennen, nachdem sie erfahren hatten, dass Mira tatsächlich der Name eines Sterns war. Niemand sonst hatte sie je so genannt.

Warum hatte sich das heute Nacht in ihre Träume geschlichen? Es war Jahre her.

Weil sie Connor wiedergesehen hatte. Und an die alten Zeiten gedacht hatte.

Sie drehte sich zur Seite und griff nach der Nachttischlampe. Ihre Finger streiften über etwas, was am Schalter hing. Stirnrunzelnd schlang sie ihre Finger darum. Eine Kette, Feingewicht. Wie eine …

Das konnte nicht sein. Ihr Verstand musste ihr einen Streich spielen. Sie schaltete das Licht an. Ein ängstliches Wimmern schlüpfte über ihre Lippen.

Es konnte nicht sein, aber es war da.

Ihr Cloisonné-Kreuz hing an der Lampe.

Mira starrte es an, ihr Herz klopfte wie wild. Das Metall glänzte, als wäre es brandneu. Sie griff danach, dann erstarrte sie. Die Konsequenzen dieses Augenblicks überkamen sie. Jemand war in ihrem Haus gewesen. Während sie schlief. Nicht nur in ihrem Haus, neben ihrem Bett. Nahe genug, um sie zu berühren.

„Mein liebes Sternchen. Wie ich dich vermisst habe.“

Jeffs Stimme in ihrem Kopf, die eine Welle des Trostes mit sich brachte. Und der Sehnsucht.

Nicht Jeff. Natürlich nicht Jeff.

Preacher.

Er könnte immer noch im Haus sein.

Sie schrie auf. Sprang aus dem Bett. Sie packte ihre Caprihose vom Boden und zog sie über, dann schlüpfte sie in ihre Flipflops. Sie schnappte sich ihr Handy, fing an, den Notruf zu wählen, dann wühlte sie stattdessen in ihren Hosentaschen nach Detective Malones Visitenkarte.

Er meldete sich beim zweiten Klingeln. „Malone.“

Vage drang es zu ihr durch, dass er klang, als hätte er geschlafen, und dass sie keine Ahnung hatte, wie spät es war, aber ihre Worte strömten ohnehin in panischer Eile aus ihr heraus. „Detective, hier ist Mira Gallier. Meine Halskette, sie ist wieder da!“

„Mal langsam. Sie sagen, Ihre Halskette ist …“

„Wieder da.“ Ihre Stimme wurde lauter. „Er hat sie zurückgebracht. Er war in meinem Haus! Während ich geschlafen habe!“

„Ist er jetzt verschwunden?“

„Ich weiß nicht. Ich bin aufgewacht und sah die Kette und … Glauben Sie, er könnte noch hier sein?“

„Wo sind Sie jetzt?“

„In meinem Schlafzimmer.“ Plötzlich wurde ihr klar, dass er unter ihrem Bett oder in ihrem Schrank sein konnte. Still zuhörte. Seinen nächsten Schachzug plante.

„Mira?“

„Ja?“, flüsterte sie.

„Ich schicke jetzt einen Streifenwagen vorbei. Ich folge direkt dahinter.“

„Legen Sie nicht auf!“

„Ich muss Sie bitten, eine Minute zu warten. Aber ich lege nicht auf. Ich verspreche es.“

Getreu seinem Versprechen war er binnen Augenblicken zurück, auch wenn diese Augenblicke ihr unerträglich lang schienen.

„Der Streifenwagen ist auf dem Weg und ich auch.“ An seinem Ende der Leitung hörte sie eine Autotür zuknallen, dann einen Motor, der zum Leben erwachte. „Da war eine Einheit, keine drei Blocks von ihnen entfernt, also sollten Sie ungefähr jetzt die Sirenen hören.“

Während seine Worte langsam zu ihr durchdrangen, erreichte das Heulen einer Polizeisirene ihr Ohr. „Ich höre sie!“

„Gut. Jetzt warten Sie da, wo Sie sind, bis die Officers vor Ihrer Tür stehen. Sie werden sich ausweisen. Verstanden?“

Eine Minute später trafen sie ein. Mira rannte zur Tür, das Handy immer noch ans Ohr gepresst. Schwungvoll riss sie die Haustür auf. Die zwei Streifenpolizisten befahlen ihr, draußen zu warten, dann gingen sie ins Haus. Als Mira auf die Veranda trat, kam Detective Malone in einem roten Camaro schlitternd zum Stehen. Das kirschrote Licht auf dem Wagendach blinkte wie verrückt.

Als er den Weg hinaufeilte, fühlte sie sich plötzlich beruhigt.

Sobald er bei ihr ankam, lächelte er und zeigte auf ihr Handy, das sie immer noch an ihr Ohr gedrückt hielt. „Sie können jetzt auflegen“, meinte er.

Und während sie noch „Okay. Tschüss“ sagte, kam sie sich vor wie eine Idiotin.

18. KAPITEL

Samstag, 13. August
03:05 Uhr

Eine Durchsuchung des Hauses förderte nichts zutage. Bis auf das Kreuz, das an der Nachttischlampe hing, genau so, wie sie es beschrieben hatte. Malone dankte den Streifenpolizisten, dann ging er zu Gallier hinüber, die trotz der Schwüle der Nacht fröstelte.

Er hielt ihr die Halskette hin. „Ich glaube nicht, dass wir die brauchen. Sie wurde abgewischt.“

Sie befestigte sie um ihren Nacken. „Danke.“

„Das Haus ist sauber. Die Fenster sind alle verriegelt. Es gab keinen Einbruch.“ Er bemerkte, dass sie eine Hand über dem Kreuz behielt, obwohl die Kette sicher um ihren Hals lag.

„Haben Sie die Türen abgeschlossen, bevor Sie zu Bett gegangen sind?“

Sie nickte. „Ja.“

„Sind Sie sich sicher?“

„Absolut.“

„Wie ist er dann hereingekommen?“

Sie schüttelte den Kopf, offensichtlich überrascht von der Frage. „Ich weiß es nicht.“

„Denken Sie zurück, nur um sicher zu sein. Als Sie die Officers zur Tür hereinließen, ist sie da abgeschlossen gewesen?“

Sie fuhr sich mit einer Hand durch die kurzen Haare, was ihre vom Schlaf zerwühlte Frisur nur noch mehr in Unordnung brachte. Einige Frauen kamen aus dem Bett und sahen hinreißend aus, andere zertrampelt. Gallier fiel in die erste Kategorie.

„Ich bin zur Tür gelaufen.“ Es schien, als sagte sie das ebenso sehr zu sich selbst wie zu ihm. „Ich hielt das Telefon an mein rechtes Ohr gedrückt. Ich streckte die Hand aus … drehte am Schließriegel, dann habe ich die Tür aufgezogen.“

Sie sah ihm in die Augen. „Sie war abgeschlossen. Eindeutig.“

Malone suchte in ihrem Gesicht. „Wie ist Preacher dann hereingekommen?“

„Haben Sie die Küchenfenster überprüft? Die, die zum Innenhof hinausgehen? Ich habe heute Nacht eines geöffnet. Das hintere.“

„Dann wollen wir das noch mal überprüfen.“

Das Fenster war verschlossen. Malone ließ den Blick durch den Raum gleiten, bemerkte die zwei Weingläser auf der Arbeitsfläche bei der Spüle, eine leere Flasche stand daneben.

Er zeigte auf die Gläser. „Um wie viel Uhr ist Ihr Besuch gegangen?“

„Ungefähr um zehn.“

„Könnte er die Kette zurückgelassen haben?“

„Nein“, erwiderte sie scharf. „Irgendein Kerl, den Sie Preacher nennen, hat sie mir gestern Morgen vom Hals gerissen. Und woher wollen Sie wissen, dass mein Besuch ein Er war?“

„Nur geraten.“ Malone ließ seinen Blick erneut durch den Raum wandern. Dann wandte er sich ihr wieder zu. „Lassen Sie mich noch eine Frage stellen, Ms Gallier. Sind Sie absolut sicher, dass Sie das Kreuz bei Ihrer Begegnung mit Preacher getragen haben?“

„Ja. Ich nehme es niemals ab.“

„Und dies ist ohne Zweifel dasselbe Schmuckstück?“

„Ja! Mein Mann hat es mir auf unserer Hochzeitsreise in Portugal gekauft. Ich habe niemals eine zweite wie diese gesehen. Warum glauben Sie mir nicht?“

„Es ist nicht so, dass ich Ihnen nicht glaube, aber ich muss das Ganze von allen Seiten betrachten.“

„Einschließlich der Sie-ist-total-verrückt-Seite?“

„Das kann schon mal vorkommen.“

„Ich bin nicht verrückt. Ich trage das Kreuz immer. Ich dusche sogar damit.“

„Gut. Es gibt nicht viel, was ich Ihnen im Moment sagen kann. Wir werden weiter nach Preacher suchen und ihn festnehmen, wenn wir ihn finden. Ich schlage vor, Sie achten jetzt erst recht auf Ihre Sicherheit. Stellen Sie die Alarmanlage an. Überprüfen Sie die Schlösser an Fenster und Türen zweimal, hier und in Ihrer Werkstatt. Wenn Preacher Sie aus irgendeinem Grund ins Visier genommen hat …“

„Mich ins Visier genommen hat? Weswegen?“

„Das weiß ich nicht. Aber wenn er Sie zweimal besucht, ist es kein Zufall mehr. Haben Sie einen Hund, Ms Gallier?“

„Früher einmal. Einen Golden Retriever. Ich habe ihn im Sturm verloren.“

An seiner Hüfte vibrierte das Handy. Sein Bruder Percy, sah Malone, als er auf das Display schaute. „Entschuldigen Sie mich.“

Er nahm den Anruf entgegen. „Malone.“

„Hey, Bruder. Bist du am Tatort?“

„Bin gerade dabei zu gehen.“

„Gut. Ich habe etwas für dich.“

„Was?“

„French Quarter. Die öffentlichen Toiletten an der Decatur.“

„Ein Stück südlich vom Café du Monde?“

„Genau die. Bis später.“

Malone legte auf und wandte sich zu Mira. Er sah die Fragen in ihren Augen, ignorierte sie aber. „Ich muss gehen.“ Er machte sich auf zur Tür. „Ich denke nicht, dass Sie sich um irgendetwas Sorgen machen müssen, aber wenn etwas passiert, rufen Sie mich an oder wählen Sie den Notruf.“

19. KAPITEL

Samstag, 13. August
04:15 Uhr

Preacher hatte sein Ende in einer Herrentoilette gefunden. Öffentliche Waschräume waren im French Quarter dünn gesät – was erklären könnte, warum so viele Betrunkene die Straße als Urinal benutzten.

Ein paar der passioniertesten Partygänger waren noch in der Nähe und mischten sich unter die bedauernswerten Leute, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Sie begafften den Tatort – die Polizeieinheiten, die blinkenden Lichter, den Wagen des Coroners und das gelbe Absperrband, das quer über die Mündung der Gasse gespannt war und aussah wie ein betrunkenes Grinsen.

Malone begrüßte den Officer, der sich um die Sicherung des Tatorts gekümmert hatte, dann unterschrieb er das Tatortprotokoll. „Ist mein Bruder hier irgendwo?“

„Im Klo beim Opfer. Sie werden Überzieher brauchen.“

Malone nickte.

Er bekam welche von einem Techniker, streifte sie über seine Schuhe und begab sich in die Toilette.

Schutzüberzieher bedeuteten zweierlei: zum einen die Notwendigkeit, den Tatort frei von Kontamination zu halten, zum anderen, sich selbst davor zu schützen. Malone sah auf Anhieb, dass in diesem Fall die Überzieher für das Letztere galten. Ein erwachsener Mensch besaß fünf bis sechs Liter Blut. Für Malone sah es so aus, als hätte sich jedes Quäntchen davon um Preachers Leichnam angesammelt.

Der Fotograf des Coroners war gerade dabei, seine Arbeit zu beenden. Percy stand am äußersten Rand und wartete.

Malone begrüßte ihn mit einem Schlag auf die Schulter. „Na, Rebound.“ Percy war vier Jahre jünger, sah besser aus, war athletischer und größer – fast zwei Meter. Seine Statur, das jahrelange Basketballtraining und ein Händchen fürs Abschleppen frischgebackener Singlefrauen hatten ihm diesen Spitznamen eingebracht.

Malone stand allen seinen sechs Geschwistern nahe, aber seine Bindung zu Percy war etwas Besonderes. Sie hatten sich einfach „gefunden“.

Percy wandte sich um und lächelte. „Hey, Alter.“

„Danke für die Vorwarnung.“

„Gern geschehen.“

Malone zeigte auf den Leichnam, der zusammengebrochen vor dem hintersten Waschbecken lag. „Kranker Mistkerl. Sieht aus, als hätte er dem falschen Brutalo gepredigt.“

„Scheint so. Sieh dir mal den Liebesgruß an. Auf der anderen Seite der Leiche.“

Malone ging um den Leichnam herum. Der Jüngse Tag stand da, mit Blut hingeschmiert. Malone blickte zurück zu seinem Bruder. „Da ist jemand beim Buchstabieren durchgefallen.“

„Das sagt uns etwas über unseren Täter. Offensichtlich kein Quantenphysiker oder Doktor der Philosophie.“

„Der Jüngste Tag“, sagte Malone gedankenverloren. „Worüber reden wir hier?“

„Das Ende. Der Tag, an dem du deinem Schöpfer gegenübertrittst.“

„Der Tag, von dem Preacher den Leuten sein ganzes Leben lang erzählt hat.“

„Vielleicht hatte irgendjemand genug von seinen Predigten?“

Der Fotograf war fertig, und Ray Hollister, der Ermittler des Coroners, hatte übernommen. Malone und Percy rückten näher heran.

„Man hat ihm in den Hals gestochen“, sagte Hollister. „Direkt in die Halsschlagader.“

„Das erklärt das Blut.“

Hollister verstummte wieder, und Percy schaute Spencer an. „Siehst ein bisschen mitgenommen aus, mein Alter. Wie geht’s Stacy?“

„Körperlich erholt sie sich. In anderen Bereichen kämpft sie noch.“

Percy nickte. „Das war zu erwarten, denke ich.“

„Ach ja? Ich mache mir etwas Sorgen. Es scheint schlimmer zu werden, nicht besser.“

„Sie schafft das schon. Stacy ist aus hartem Holz geschnitzt.“

Spencer dachte an ihre Angst, sie könnte sich in ein rührseliges Weibchen verwandeln. Ironisch, wenn man es recht bedachte. „Du hast recht“, sagte er. „Sie packt das.“

Sein Ton klang nicht sehr überzeugt, und Percy runzelte die Stirn. „Hey, Alter, wir reden über die Frau, die zu dem ganzen Riesenspektakel, vor dem sie sich fürchtet, dem weißen Kleid und allem, ja gesagt hat. Nur weil sie wusste, dass Mom komplett ausrasten würde, wenn du durchgebrannt wärst.“ Er gab ihm einen Klaps auf den Rücken. „Zeig etwas Vertrauen.“

„Danke, dass du es so ausgedrückt hast. Du hast recht. Ich hasse es nur, sie leiden zu sehen.“

Hollister, der neben der Leiche hockte, schaute über die Schulter zu ihnen, sichtlich verärgert. „Malone eins und zwo, wollt ihr Mr Preacher hier vielleicht mal ein wenig Beachtung schenken? Je eher ich das hier unter Dach und Fach bringen kann, desto eher komme ich wieder ins Bett.“

„Als ob das passieren würde“, sagte Spencer. „Außerdem sind Rebound und ich gerade mitten in einem Familientreffen.“

„Jeder Tatort ist ein Familientreffen für die Malones. Der Witz wird langsam alt, okay?“ Der Mann grinste. „Übrigens, Spencer, ich erwarte eine Einladung. Nachdem ich all die Jahre deinen Scheiß ertragen habe, erwarte ich ein Essen und Alk umsonst. Eine Menge Alk umsonst.“

Spencer stöhnte. Percy lachte und zog sich Latexhandschuhe an. „Was haben wir?“

Hollister untersuchte die Wunde. „Sieht aus, als ob unser Opfer am Waschbecken stand und von hinten angegriffen wurde. Tiefer Schnitt. Gezackte Wundränder.“ Mit einer Metallsonde öffnete er vorsichtig die Wunde. „Die Waffe herauszuziehen hat genauso viele Verletzungen verursacht wie der erste Stoß.“

Percy sah ihn an. „Blutspritzer über dem Wasserbecken, der Wand, dem Spiegel. Der Angreifer wird wohl kaum sauber weggekommen sein.“

Was die blutigen Fußspuren, die vom Tatort wegführten, verdeutlichten. „Also geht der Täter einfach so hinaus, mitten im French Quarter. Mutig.“

„Wir reden vom French Quarter.“ Percy runzelte die Stirn. „Ich denke, es wird wohl nicht so spät gewesen sein. Freitagabend, da sollten ziemlich viele Menschen in der Nähe gewesen sein. Irgendjemand müsste etwas gesehen haben.“

„Unser Täter könnte sich das zunutze gemacht haben“, sagte Hollister. „Und ist in der Menge untergetaucht.“

„Könnte sich Preacher das selbst angetan haben?“, fragte Malone. „Ihr wisst schon, der Jüngste Tag. Um ein Zeichen zu setzen.“

„Wie hat er dann die Botschaft mit seinem Blut geschrieben?“

„Er könnte sich vor der eigentlichen Tat irgendwo geschnitten haben.“

Sie schauten beide zu Hollister. „Fraglich. Eine Wunde wie diese, da hätte er beinahe sofort seine gesamte Willkürmotorik verloren. Und außerdem, wo ist die Waffe?“

„Abgesehen davon, Bruder, haben wir blutige Fußspuren, die vom Tatort wegführen.“

„Wer hat die Leiche entdeckt?“

„Irgend so ein Straßenpenner, vor ungefähr vierzig Minuten. Kam schreiend herausgerannt. Das hat die Aufmerksamkeit eines Barmanns geweckt, der auf dem Heimweg von der Arbeit war. Er hat es gemeldet.“

„Und der Penner?“

„Verschwunden.“

„Könnten es seine Fußabdrücke sein?“

„Ich schließe noch nichts aus“, sagte Percy. „Der Typ war völlig durchgeknallt, und man müsste wohl auch durchgeknallt sein, um sich das anzutun.“

Malone schaute zurück zu Hollister. „Was denkst du, wie lange ist er schon tot?“

„Ein paar Stunden. Die Leichenstarre hat schon eingesetzt, Leichenflecken sind sichtbar. Seine Körperkerntemperatur werden wir im Leichenschauhaus feststellen.“

Malone warf einen Blick auf seine Uhr. „Es ist jetzt nach vier. Wäre es möglich, dass er um eins, ein Uhr dreißig in der Frenchman Ecke Esplanade gewesen sein könnte?“

„Vor drei Stunden?“ Hollister schüttelte den Kopf. „Nicht unmöglich, aber es wäre sehr knapp.“

„Was ist los?“, fragte Percy.

Statt zu antworten, stellte Malone selbst eine Frage. „Hast du schon seine Taschen durchsucht?“

„Der Officer, der zuerst am Tatort war, hat nach einem Ausweis gesucht. Aber nein, wir haben ihn nicht vollständig gefilzt. Wonach suchst du?“

„Nach einer Halskette mit einem Kreuz daran. Eine Damenkette. Preacher hat sie sich gestern Morgen geschnappt; das Opfer sagte, er hätte sie heute Nacht zwischen eins und ein Uhr dreißig zurückgegeben, im Marigny-Viertel. Ich suche nur nach einer Bestätigung.“

Sein Bruder nickte. „Ich rufe dich an, wenn ich es ganz genau weiß.“

20. KAPITEL

Samstag, 13. August
08:40 Uhr

„Du und ich, wir müssen miteinander reden.“

Malone schaute von seinem Computerbildschirm auf. Bayle stand in der Tür zu seiner Büronische, einen PJ’s-Kaffeebecher in der Hand. In ihren Augen blitzte Feuer. „Was ist los, Partner?“

„Lustig, dass du mich heute Morgen so nennst. Ein echter Brüller.“

„Ich verstehe nicht.“

„Preacher ist tot, und du rufst mich nicht an? Du fährst zum Tatort und benachrichtigst mich nicht? Was soll das, Malone, zum Teufel noch mal?“

„Ich habe keinen Grund gesehen, dich mitten in der Nacht zu wecken.“

Sie kam näher und knallte ihren Becher auf seinen Schreibtisch. Dann beugte sie sich so weit vor, dass sich ihre Nasen fast berührten. „Ich bin nicht irgendein zartes Prinzesschen, das seinen Schönheitsschlaf braucht. Ich bin deine Partnerin. Dies ist unser Fall, nicht nur deiner. Verstanden?“

Sie hatte recht. Aber ihr Konfrontationskurs brachte ihn trotzdem in Rage. „Ist notiert.“

„Das ist alles? Was zum Teufel hast du dir gedacht?“

„Gar nichts, okay? Mein Fehler. Tut mir leid.“

Sie sammelte sich. Zum ersten Mal sah er, dass sie nicht nur wütend war, sondern auch gekränkt.

In Wahrheit nahm er es ihr nicht übel. Niemals hätte er Tony auf diese Weise ausgeschlossen. Sein Ärger verflüchtigte sich. „Es wird nicht wieder geschehen.“

„Danke.“

Das Feuer in ihren Augen schien zu verlöschen. Sie griff nach ihrem Kaffee und sank auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Ich vermute mal, eines deiner Geschwister hat dich wegen Preacher angerufen. Welches?“

„Percy.“

„Klär mich auf.“

Das tat er. Er fing mit der Frage an, wie Preacher zu Tode kam, und endete mit Percys Versprechen, anzurufen, wenn er einen Bericht hatte.

„Der Jüngste Tag?“

„Ohne t in Jüngste.

„Irgendeine Theorie?“

„Zwei sogar. Die erste, jemand, der genug hatte von Preachers Predigten, ist ihm ins Klo gefolgt und hat ihn kaltgemacht. Die zweite, er hat sich selbst kaltgemacht, um ein Zeichen zu setzen. Weit hergeholt, aber interessant.“

„Hatte er das Kreuz bei sich?“, fragte sie.

„Das ist es eben … Gallier hat es letzte Nacht zurückbekommen.“

„Wie bitte?“ Bayle wartete, die Augenbrauen hochgezogen. Der Pappbecher schwebte auf halbem Weg zu ihren Lippen in der Luft.

„Gallier hat mich letzte Nacht in Panik angerufen. Die Kette war wieder da, sie hing an ihrer Nachttischlampe. Sie nahm an, Preacher wäre irgendwie in ihr Haus gekommen und hätte sie zurückgelassen.“

„Super, und ich dachte, du hättest nur mich von einem Anruf ausgeschlossen. Ich bin dir echt zu Dank verpflichtet für meinen guten Nachtschlaf.“

„Den verdiene ich auch.“

Sie lächelte und hob den Becher an ihre Lippen. „Galliers Geschichte, du klingst nicht sehr überzeugt.“

„Sie schien ernsthaft erschrocken. Aber das Haus war fest verriegelt. Keine Spur eines gewaltsamen Eindringens.“

„Wie ist er dann hineingekommen?“

„Genau. Und außerdem warte ich auf den Pathologiebericht und auf Hollisters offizielle Bestimmung des Todeszeitpunkts. Aber zunächst mal, Preacher um ein Uhr dreißig in Galliers Haus, dann ein paar Stunden später tot in einem Klo im French Quarter?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich denke, sie war verwirrt und hatte das Kreuz bei ihrer Begegnung mit Preacher gar nicht um. Preacher wollte sie töten, als er sie an der Kehle packte, dann ist er weggelaufen, als er die anderen zwei kommen hörte. Oder sie denkt sich die ganze Sache nur aus.“

Bayle wirkte nachdenklich. „Aber warum?“

„Ich mag deinen ursprünglichen Gedanken – ein krankes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Könnte das eine Art Geisteskrankheit sein?“

„Ich habe noch ein Szenario“, sagte sie. „Sie hat Preacher gefunden und ihn getötet. Um ihr Kreuz zurückzubekommen.“

„Das war eine verdammt grausige Sache, Bayle. Tiefe Wunde, jede Menge Blut.“

„Sie säubert sich und die Kette und ruft dich ‚panisch‘ an.“

„Warum so eine große Finte?“

„Sie muss eine Geschichte haben, um zu rechtfertigen, warum sie ihre Kette wieder trägt.“

Es fiel ihm schwer, diese schmächtige kleine Frau mit den großen waidwunden Augen mit ihrem Täter in Einklang zu bringen. Immerhin suchten sie jemanden, der kaltblütig genug war, eine Klinge in die Kehle eines Mannes zu stechen. Aber auf eine verdrehte Art ergab es einen Sinn.

„Sie hatte letzte Nacht einen Besucher, einen Mann“, sagte er. „Ich habe keinen Namen erfahren, nur gefragt, ob sie denkt, er könnte die Kette zurückgelassen haben.“

„Hast du sie?“

„Ich habe sie bei ihr gelassen. Ich sah keinen Grund, es nicht zu tun. Es war einfacher Diebstahl, und sie hatte ihr Eigentum zurück. Außerdem wurde die Kette ganz offensichtlich abgewischt.“

Malone konnte sehen, dass sie über seine Entscheidung nicht glücklich war, aber sie behielt es für sich.

Sein Telefon klingelte. Es war Percy. „Preacher hatte nichts bei sich. Keine Kreuzkette oder sonst irgendwas, keine Brieftasche, kein Geld oder Ausweis.“

„Szenario Nummer drei, zufälliger Raub, der in die Binsen ging?“

„Eine Möglichkeit, Bruder. Obwohl, wer würde Preacher für eine gute Zielscheibe halten? Ich weiß nicht.“

Malone wusste es auch nicht, dankte ihm und legte auf. Er wandte sich wieder zu Bayle. „Kein Kreuz bei Preacher. Oder sonst etwas.“

„Überrascht mich nicht.“

„Ich sage, wir holen uns einen Namen von Gallier. Irgendwas läuft hier eindeutig verkehrt.“

Bayle nickte. „Du machst das. Sie scheint dir zu vertrauen. Oder glaubt, sie könne dich manipulieren.“

Er lächelte. „Ich entscheide mich mal für das Vertrauen, wenn das in Ordnung ist?“

Er rief Galliers Nummer in seinem Handy auf und wählte sie an. Sie meldete sich und klang, verglichen mit letzter Nacht, wie eine völlig andere Frau. Augenblicke später, nach einer kleinen Plauderei, hatte er den Namen.

„Connor Scott“, sagte er und steckte das Telefon an seinen Gürtel. „Ein alter Freund und Kriegsveteran, gerade aus Afghanistan zurück.“

21. KAPITEL

Samstag, 13. August
09:20 Uhr

Das Haus gehörte zu den Anwesen, auf die bei Rundfahrten durch den Garden District hingewiesen wurde. Sein eiserner Zaun war berühmt für die romantische Geschichte, die man mit ihm verband. Das Greek-Revival-Haus, das in Center-Hall-Bauweise errichtet war, ganz im Stil der Kolonialzeit, stand ein gutes Stück zurückgesetzt auf dem großen Eckgrundstück.

Malone nahm den wunderschönen Garten in Augenschein und die uralten Lebenseichen und kam zu dem Schluss, dass es ihm einleuchtete. Es ergab einen Sinn, dass Connor Scott, der langjährige Freund von Mira Gallier, in diesem Haus wohnte. Die gekrönten Häupter von New Orleans blieben am liebsten unter sich. Ein solches Verhalten war tief in der Stadtkultur verwurzelt und wurde durch Privatschulen, elitäre Mardi-Gras-Vereine, exklusive Country Clubs und politische Deals, die über hundert Jahre altem Cognac geschlossen wurden, gefördert. Die gähnende Kluft zwischen den äußerst Reichen und den entsetzlich Armen wurde durch eine Armee von Leuten geschützt, die dazwischenstanden und die Dinge am Laufen hielten.

Leuten wie ihm. Und Bayle.

Als sie durch das Eingangstor traten und den mit rotem Backstein gepflasterten Weg hinaufgingen, bemerkte Malone eine Überwachungskamera, die in der Eiche entlang des Gartenwegs montiert war, und dann eine weitere an der Eingangstür.

Sie drückten auf den Summer. „Hier ist das NOPD, wir möchten mit Connor Scott sprechen.“

„Einen Moment, bitte.“

Einen Augenblick später öffnete ein Mann die Tür. Er trug khakifarbene Shorts, ein weißes T-Shirt und Erkennungsmarken an einer Kette um den Hals. Er lächelte, und sein Gesicht faltete sich an all den richtigen Stellen, so wie die Gesichter gewisser Filmstars.

Malone fand ihn auf Anhieb unsympathisch. Und nach Bayles Stimmung zu urteilen, sah sie das genauso. „Connor Scott?“, fragte Malone.

„Das bin ich.“

Malone hielt seine Dienstmarke in die Höhe. „Detectives Spencer Malone und Karin …“

„Bayle“, sagte Scott und sah sie an.

Malone schaute überrascht zu seiner Partnerin. „Sie beide kennen sich?“

„Ich bin ein Freund eines Freundes“, antwortete Connor, „das ist Jahre her. Wie geht’s Ihnen, Karin?“

„Gut. Und Ihnen?“

„Sehr gut, danke.“

Verborgen unter dem höflichen Wortwechsel lag eine Schicht aus starken Gefühlen. Welcher Art, da war sich Malone nicht sicher. Aber er nahm sich vor, es herauszufinden. Er schluckte die Frage hinunter und verschob sie auf später.

Scott wandte sich wieder zu ihm. „Wie kann ich Ihnen heute Morgen behilflich sein?“

Malone bemerkte, dass seine Augen von einer auffallenden Farbe waren, eine merkwürdige Kreuzung aus Hellgrün und Grau. „Wir sind wegen einer Freundin von Ihnen gekommen, Mira Gallier.“

Die Augen nahmen plötzlich einen beunruhigten Ausdruck an. „Geht es ihr gut?“

„Sie ist wohlauf. Dürfen wir hereinkommen?“

„Sicher.“ Er schwang die Tür weiter auf und trat zur Seite.

Rasch nahm Malone das Foyer in Augenschein. Marmorboden. Funkelnde Kronleuchter. Ein antiker Tisch in der Mitte, auf dem ein ausladendes Arrangement aus frischen Blumen stand. Der Raum erinnerte ihn an eine Hotellobby.

„Schönes Haus“, sagte er.

„Es gehört meinen Eltern. Ich wohne hier, bis ich mich eingelebt habe.“

„Sie waren weg?“

„Ich habe gerade meinen Einsatz in Irak und Afghanistan beendet. Ich bin erst seit einigen Tagen wieder zu Hause.“

„Bei welcher Truppengattung?“, fragte Malone.

„Bei den Marines.“

Er nickte. Scott war eindeutig stark genug, um Preacher getötet zu haben; als Marine wäre er sogar darin ausgebildet.

„Danke für Ihren Einsatz. Ich weiß das zu schätzen, egal, in welche Richtung die öffentliche Meinung weht.“

Scott lächelte leicht. „Danke.“

Bayle meldete sich zu Wort. „Wo waren Sie in der letzten Nacht, Mr Scott?“

„Wenn man bedenkt, weshalb Sie hergekommen sind, wissen Sie das bereits, denke ich. Ich habe mit Ms Gallier zu Abend gegessen.“

„Wo?“, fragte Malone.

„Bei ihr zu Hause.“

„Wie stehen Sie zueinander?“

Er versteifte sich. „Wir sind Freunde. Alte Freunde.“

„Wann sind Sie angekommen?“

„Um halb sieben.“

„Und wann sind Sie gegangen?“

„Um zehn, halb elf.“

„Sind Sie sich sicher bei der Uhrzeit?“

„Ja.“ Scott runzelte die Stirn. „Warum ist das wichtig?“

„Wir sind einfach nur sehr gründlich, das ist alles.“

Der Mann wusste, dass das Blödsinn war, also fügte Malone hinzu: „Es hat letzte Nacht einen Einbruch bei Ms Gallier gegeben. Wir gehen dem bloß nach.“

„Einen Einbruch?“ Scotts Überraschung wirkte echt. „Aber es geht ihr gut?“

„Ich habe heute Morgen mit ihr gesprochen, und sie schien in guter Verfassung. Was haben Sie getan, nachdem Sie Ms Galliers Haus verlassen hatten?“

„Ich bin hierhergekommen. Habe eine Weile ferngesehen, dann bin ich zu Bett gegangen.“

„War noch jemand hier?“

„Nein.“ Er legte den Kopf auf die Seite. „Das sind eine Menge Fragen, dafür dass Sie nur einem Einbruch nachgehen.“

„Sie kennen doch die Cops.“

„Nein, eigentlich nicht. Ich kenne die Cops nicht.“

Sein Ton machte es nur allzu deutlich. Er hatte gemerkt, dass es um mehr ging als einen Einbruch, und hatte seine letzte Frage beantwortet.

Sie bedankten sich bei ihm und kehrten zum Auto zurück. Malone sah seine Partnerin an. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du ihn kennst, als ich erzählt habe, wen wir befragen würden?“

„Ich habe den Namen nicht wiedererkannt.“ Sie schnallte sich an. „Wirklich, wir sind uns nur ein- oder zweimal begegnet. Hallo, auf Wiedersehen, das ist alles.“

Spencer ließ den Wagen an. „Und wie hast du ihn kennengelernt?“

„Er hat es dir gesagt, er ist der Freund eines Freundes.“

„Das ist Blödsinn, Bayle.“

„Wie bitte?“

„Was ich zwischen euch mitbekommen habe, war viel zu stark, als dass diese Erklärung schon alles gewesen sein könnte. Hattest du etwas mit ihm?“

„Nein. Auch wenn dich das nichts angeht.“

„Wer war der Freund?“

„Warum dieses Verhör?“

„Wer war der Freund?“, fragte er noch einmal.

„Jemand, mit dem ich mich getroffen habe.“ Er wartete, und sie seufzte schwer. „Gut, jemand, in den ich verliebt war. Er hat nicht dasselbe für mich empfunden, und es hat böse geendet.“

„Und Scott?“

„War Teil davon. Sie haben zusammengearbeitet. Okay? Wenn ich ihn niemals wiedersehen würde, wäre es noch zu früh.“

Was die eigenartigen Schwingungen zwischen den beiden erklärte. Er nickte, dann legte er den Gang ein.

„Wenn du nichts dagegen hast, wäre ich dir wirklich dankbar, du würdest das für dich behalten.“

„Alles klar.“ Er schaute zu ihr hinüber, dann fuhr er vom Straßenrand fort. „Du kannst mir vertrauen, weißt du.“

„Vertrauen ist eine Tür, die sich in beide Richtungen öffnet“, mahnte sie ihn. „Also gilt für dich dasselbe, Malone.“

22. KAPITEL

Samstag, 13. August
11:00 Uhr

Als Mira am nächsten Morgen bei der Werkstatt ankam, wartete Connor auf sie. Er stand neben seinem Auto, im Schatten eines Hartriegelbaums. Als sie parkte, kam er ihr entgegen.

„Morgen“, sagte sie. „Was führt dich hierher?“

„Wirklich?“ Er wirkte angespannt und wachsam wie eine Schlange. „Das weißt du nicht?“

„Nein.“ Sie runzelte die Stirn. „Ist irgendetwas …“ Dann dämmerte es ihr. „Die Detectives haben dich angerufen, nicht wahr? Sie sagten, dass sie das tun würden.“

„Sie haben mich aufgesucht.“

Überrascht schlug sie die Autotür zu. „Gut. Das scheint mir etwas übertrieben, aber wie auch immer.“

„Genau genommen ist es sogar sehr übertrieben, Mira. Wir müssen miteinander reden.“

„Klar. Aber drinnen“, sagte sie. „Hier draußen ist es zu heiß.“

Er nickte, und sie gingen zusammen um das Haus herum und in die Werkstatt. Deni hörte sie und rief eine Begrüßung aus dem Arbeitsraum. „Wir sind hier drinnen.“

Mira blickte Connor an. „Ich muss Hallo sagen. Kommst du mit?“

Er nickte und folgte ihr. Deni und Chris saßen auf dem Boden vor dem Magdalenen-Fenster. Sie teilten sich ein Abita Root Beer und ein paar Käse-Cracker. Die Sonne stand perfekt, ihr Licht flutete durchs Fenster und setzte die Farbe in Brand.

„Hey, ihr beiden“, sagte Mira, als sie und Connor eintraten. „Was gibt’s?“

„Wir machen Pause“, sagte Deni und lächelte zurück. „Hi, Connor. Ich dachte mir schon, dass Sie das da draußen sind.“

„Ja, das war ich.“

Chris schaute über die Schulter. „Wir haben gerade über dich gesprochen, Mira.“

„Wirklich?“

Deni stieß ihm einen Ellbogen in die Seite. Er zuckte zusammen und rieb seinen Arm. „Was?“

Mira lachte und ging hinüber, um sich neben das Paar zu stellen. „Gut. Spuck es aus.“

„Es ist nichts Besonderes“, sagte Deni. „Wir haben nur gerade gesagt, dass du aussiehst wie sie.“

„Wie wer?“

Chris machte eine Handbewegung zum Fenster. „Wie Maggie hier. Da gibt es eine Ähnlichkeit.“

„Das stimmt nicht“, erwiderte Mira. „Ihr zwei seid verrückt.“

„Nein“, sagte Connor. „Ich sehe sie auch. Etwas in den Augen.“

„Echt?“ Sie neigte den Kopf und betrachtete das Buntglasbild. „Ich sehe sie nicht. Vielleicht …“

„Ach du meine Güte!“, rief Deni aus und schnitt ihr das Wort ab. Sie sprang auf die Füße. „Dein Kreuz, du hast es wieder!“

„Ja. Letzte Nacht, aber …“

Ihre Assistentin umarmte sie. „Ich freue mich so für dich.“

„Ich mich auch.“ Chris stand auf und umarmte sie unbeholfen.

„Was ist passiert?“, fragte Deni. „Wie …“

„Er hat es zurückgebracht.“

„Wer?“ Deni runzelte die Stirn. „Du meinst doch nicht etwa diesen Preacher?“

„Allerdings. Ich bin aufgewacht, und mein Kreuz war … da. Es hing an meiner Nachttischlampe.“ Die zwei starrten sie bloß an, als würden sie versuchen, es zu begreifen, und Mira fügte hinzu: „Also muss es Preacher gewesen sein, aber ich habe keine Ahnung, wie er hereingekommen ist. Die Polizei auch nicht.“

Wer war in deinem Haus?“, fragte Connor.

Deni antwortete für sie. „Dieser Psycho, den die Polizei Preacher nennt. Er ist hier neulich morgens hereinspaziert, als Mira allein war, und hat sie überfallen.“

Mira mischte sich ein. „Es war ziemlich beängstigend, aber er hat mir nichts getan.“

„Aber wir dachten das.“ Wie zur Bestätigung schaute Deni zu Chris. „Er hatte diese lange Glasscherbe in der Hand. Vermutlich hat er sie aus unserem Müll genommen, jedenfalls dachte das die Polizei. Überall war Blut …“

„Es war sein Blut“, sagte Mira schnell. „Er hat mein Kreuz heruntergerissen und ist weggelaufen.“

Connor runzelte die Stirn. „Soll das heißen, er war letzte Nacht in deinem Haus?“

„So muss es gewesen sein“, sagte sie. „Mein Kreuz war wieder da. Wie könnte das sonst passiert sein?“

„Du wirkst trotz allem ziemlich gefasst.“

„Ich habe Schlimmeres durchgemacht.“

„Na, ich bin froh, dass alles in Ordnung ist“, sagte Chris, „aber vielleicht solltest du darüber nachdenken, bessere Schlösser oder so was zu besorgen.“

„Das denke ich auch“, sagte Deni. „Ich meine, der Typ war ein Freak. Und er war in deinem Haus.“

„Genug davon, okay?“ Mira hob die Hände. „Ich kümmere mich darum. Versprochen. Wenn ihr mich braucht, wir sind in der Küche.“

Sie schoss auch Connor einen warnenden Blick zu, der etwas sagen zu wollen schien, dann drehte sie sich um und machte sich auf in die Küche.

Sie ging geradewegs zur Kaffeemaschine. „Willst du eine Tasse?“ Als er den Kopf schüttelte, fing sie an, eine für sich selbst zu kochen. „Also, worüber wolltest du mit mir sprechen?“

„Ich kann nicht glauben, dass du mich das fragst. Zwei Detectives haben mir heute Morgen einen Besuch abgestattet. Sie haben mir alle möglichen Fragen gestellt über unser Essen gestern Abend und wo ich mich danach aufgehalten habe.“

„Ich sehe nicht, was daran so seltsam ist. Detective Malone sagte, er würde dich vielleicht anrufen, um den Zeitraum, den wir zusammen verbracht haben, noch mal zu überprüfen.“

„Er hat viel mehr als das überprüft, verdammt. Es ergibt keinen Sinn.“

Sie hob den Kaffeebecher an ihre Lippen. „Das verstehe ich nicht.“

„Erzähl mir genau, was neulich morgens passiert ist. Alle Details.“

Das tat sie, von dem Moment an, wo sie Preacher herumstöbern hörte, bis zu dem Augenblick, in dem er fortrannte. „Er sagte all diese verrückten Dinge zu mir. Über falsche Propheten und ewige Verdammnis.“ Mira schauderte, als sie sich daran erinnerte. „Da war etwas wirklich Unheimliches in seinen Augen. Es hat mich zu Tode erschreckt.“

„Und was war mit letzter Nacht?“

„Ich hatte von Jeff geträumt, dass er neben meinem Bett steht. Er nannte mich sein liebes Sternchen. Und da bin ich aufgewacht.“

„Sprich weiter.“

„Ich war unruhig und griff nach der Lampe. Da habe ich … da war sie dann.“ Sie tastete mit ihrer Hand zum Hals, zu dem Kreuz. „Es ist mir zuerst gar nicht aufgegangen, dass er im Haus gewesen sein muss. Als es mir dann dämmerte, hatte ich Angst.“

„Da hast du die Cops angerufen.“

„Ja. Detective Malone. Er hatte mir an dem Morgen seine Karte gegeben. In wenigen Minuten ist ein Streifenwagen aufgetaucht, dann Detective Malone. Aber sie haben nichts gefunden, nicht einmal eine Spur, wie er hereingekommen ist.“

Connor stand auf, ging zu dem kleinen Fenster über der Spüle und starrte hinaus. Mira vermutete, er spielte mit den Puzzlestückchen, fügte sie zusammen, sodass sie für ihn einen Sinn ergaben.

Nach einem Augenblick drehte er sich wieder zu ihr um. „Ich sag dir was, Mira. Die Fragen, die der Detective mir gestellt hat, ergeben keinen Sinn, nicht im Zusammenhang mit dem, was du mir gerade erzählt hast. Sie wollten wissen, was ich getan habe, nachdem ich dein Haus verlassen hatte, und ob jemand meine Geschichte bestätigen könne. Als würden sie denken, ich hätte mich irgendwie schuldig gemacht. Oder du.“

„Schuldig? Weswegen?“

„Ich weiß es nicht.“

Mira dachte zurück an das, was der Detective gefragt hatte, und daran, wie er auf ihre Antworten reagiert hatte. „Er hat sich tatsächlich gefragt, ob ich vielleicht durcheinander gewesen war, wegen meiner Kette. Dass ich sie vielleicht die ganze Zeit gehabt hatte und in Wirklichkeit niemand letzte Nacht eingebrochen ist. Aber ich war nicht durcheinander.“ Sie sah Connor direkt an. „Ich war es nicht.“

„Ich glaube dir.“

„Aber die Polizei nicht, ist es das, was du meinst?“

Er öffnete den Mund, um zu antworten, dann schloss er ihn wieder, als hätte er seine Meinung geändert. Er zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich hast du recht, es ist nichts. Sie machen nur ihre Arbeit, und ich bin einfach paranoid. Würde mich nicht überraschen, wir wurden darauf trainiert, niemandem zu vertrauen außer uns selbst. Und selbst dann … Egal. Vergiss, dass ich heute Morgen vorbeigekommen bin.“

Sie griff nach ihm und fasste seine Hand. Sie verschränkte ihre Finger mit seinen. „Es tut mir leid. Wenn du so weit bist und darüber reden willst, ich bin da.“

Er sah hinunter auf ihre ineinander verflochtenen Hände, dann zog er seine zurück. „Ich muss dich an die Arbeit gehen lassen. Und ich muss auch mal produktiv werden, nehme ich an.“

„Arbeitest du schon?“

„Dad will, dass ich wieder zu ihm an Bord komme.“

Die Scott-Familie war unter anderem im Bankwesen aktiv. Connor hatte direkt nach der Universität und einem Abschluss in Finanzwirtschaft bei seinem Vater angefangen zu arbeiten. Er hatte nie den Anschein erweckt, als hätte er allzu viel Interesse an diesem Beruf.

„Was willst du machen, Connor?“

„Das ist das Problem. Ich weiß es nicht. Obwohl, nicht ganz. In Übersee habe ich gelernt, dass das Leben zu kurz ist, um es mit etwas zu verschwenden, was man nicht liebt.“

„Wie wäre es, möchtest du mir helfen, das Magdalenen-Fenster einzubauen? Ich könnte einen starken Rücken gebrauchen.“

„Sicher. Wann?“

„In den nächsten Wochen. Ich habe den Termin noch nicht ausgemacht.“ Sie lächelte. „Aber ich warne dich, es wird anstrengend werden. Du wirst eine Seite von mir kennenlernen, die du noch nie erlebt hast.“

„Ich betrachte das als persönliche Herausforderung. Abgemacht.“

Mira hakte sich bei ihm unter, und sie verließen die Küche. Als sie in den Verkaufsbereich kamen, trat Deni durch die Vordertür. Sie hielt eine CD-Hülle in der Hand.

„Was ist das ?“, fragte Mira.

„Libby Gardner war gerade hier.“

Mira lächelte. „Ist das unser Interview?“

„Nicht direkt. Es ist der Ausschnitt daraus, den sie heute Abend senden.“

„Du wirkst verärgert. Was ist los?“

„Sie wollte uns vorwarnen, bevor er ausgestrahlt wird.“

Mira sank der Magen. „Vorwarnen? Weswegen?“

„Jeffs Dad.“

Mira bekam weiche Knie. Anton Gallier hatte versprochen, sie für den Tod seines Sohnes bezahlen zu lassen, aber seine Kampagne gegen sie hatte lange vor Katrina begonnen. Er hatte sie beschuldigt, eine Goldgräberin zu sein, hatte unverblümt zum Ausdruck gebracht, dass sein einziger Sohn unter seinem Stand heiratete, und sogar gedroht, Jeff zu enteignen, wenn er die Hochzeit durchzog.

Jeff hatte die Mätzchen seines Vaters mit einem Schulterzucken abgetan. Das Bellen eines alten Hundes, hatte er ihr versichert, sei viel schlimmer als sein Biss. Nach Jeffs Tod jedoch hatte sie herausgefunden, dass der alte Gallier sehr scharfe Zähne hatte.

Aber sie hatte gedacht, es wäre vorbei.

„Libby hat gesagt, Anton Gallier hätte das Ganze arrangiert.“ Deni sah sie und Connor abwechselnd an. „Er hat den Jahrestag und seinen Einfluss im Sender benutzt. Sie hat es erst heute Morgen gesehen.“

„Dann wollen wir uns das Interview mal ansehen“, sagte Connor. „Vielleicht ist es nicht so schlimm, wie du es dir jetzt in deiner Vorstellung ausmalst.“

Mira schüttelte den Kopf. „Es wird wohl nie vorbei sein, oder? Ich werde ihn nie loswerden.“

Deni streckte eine Hand aus und verzog mitleidig das Gesicht. „Oh Mira, Liebes …“

„Nein.“ Sie trat einen Schritt zurück. Sie wollte kein Mitleid. „Es ist jetzt sechs verdammte Jahre her. Alles, was er versucht hat, ist gescheitert. Also verlegt er sich jetzt auf eine … Schmutzkampagne.“

Connor nahm Deni schnell die CD aus den Händen. „Wir haben überhaupt keine Ahnung, worauf er sich verlegt hat. Hast du einen Computer?“

„In meinem Büro.“

Er machte sich auf den Weg dorthin; Mira und Deni folgten ihm. Er legte die CD in den Computer und spulte vor, bis er fand, wonach sie suchten: einen Abschnitt, der hieß: „Sechs Jahre danach: die Toten, die Sterbenden und die Vermissten.“

Es war so schlimm, wie Mira befürchtet hatte. Schlimmer. Ein am Boden zerstörter Vater, der den Verlust seines einzigen Sohnes betrauerte. Das Versagen des Justizsystems beklagte. Die Wahrheit verdrehte, sodass es den Anschein hatte, als sei er ebenso sehr Opfer wie sein Sohn.

Er klagte sie niemals direkt an. Sprach nie ihren Namen aus. Brachte keine Fakten vor.

Aber die Redakteure und Cutter hatten geschickt von seinem Interview zu ihrem geschnitten. Nur wer auf einer einsamen Insel lebte, würde den Zusammenhang übersehen. Und wenn er ihn nicht ganz verstand, würde eine Googlesuche dafür sorgen.

Ohne ein Wort verließ Mira das Büro. Sie ging in den Arbeitsraum und stellte sich vor das Magdalenen-Fenster. Sie starrte auf das Heiligengesicht, in die Augen, die ihren, wie Connor gesagt hatte, so ähnlich waren.

Es tat so weh, dass sie sich nur noch in einer Xanax-geschürten Euphorie verkriechen und so tun wollte, als würde das alles gar nicht passieren. Für einen Moment ließ sie ihre Gedanken wandern: ihre Verbindungsperson ausfindig machen, den Stoff beschaffen – dann käme das Vergessen. Angenehm und problemfrei. Wen würde es wirklich kümmern?

Mich, sagte sie sich und ballte die Hände zu Fäusten.

Und dann hätte der Mistkerl gewonnen.

„Wir verklagen ihn“, sagte Connor, der hinter ihr hergekommen war. „Wir verklagen den Sender.“

„Das würde nirgendwohin führen. Er hat eine sehr dicke Brieftasche und eine Armee von Anwälten, die für ihn arbeiten. Und was habe ich?“

„Wir können ihn damit nicht davonkommen lassen.“

Sie dachte daran, wie sie in den vergangenen sechs Jahren gelebt hatte, was sie ertragen, dann überwunden hatte. Sie schüttelte den Kopf. „Es gibt kein Wir, Connor. Es geht um mich. Meine Entscheidung. Und du hast recht, ich kann ihn nicht damit davonkommen lassen. Und das werde ich auch nicht.“

„Was willst du tun?“

„Ich werde zu ihm gehen und mit ihm reden.“

„Ich komme mit“, sagte Connor.

„Das muss ich alleine tun.“

„Dann lass mich dich fahren.“

„Lass ihn, Mira.“ Das kam von Deni, die in der Tür stand, Chris neben sich. „Du bist jetzt aufgebracht, nachdem du ihn gesehen …“

„Nein.“ Sie holte ihre Handtasche, schlang sie sich über die Schulter, dann sah sie Connor an. „Ich weiß dein Angebot zu schätzen, aber ich schaffe das schon. Ich werde den Hurensohn finden und ihn wissen lassen, dass er mich nicht kaputt machen kann.“

23. KAPITEL

Samstag, 13. August
13:10 Uhr

Mira fand ihren Schwiegervater beim Mittagessen in seinem Club. Es war nicht schwer gewesen; so lange sie den Mann kannte, traf er jeden Samstagnachmittag seine einflussreichen Politiker-Kumpane im Crescent City Club. Mehrfach hatte er Jeff gezwungen, sich ihnen anzuschließen.

Jedes Mal war Jeff spät nach Hause gekommen und hatte nach Alkohol und Zigarrenrauch gestunken. Nicht ihre glücklichsten Erinnerungen.

Dass der heutige Tag auch keine werden würde, verstand sich von selbst. Es würde nichts Gutes daraus hervorgehen, wenn sie Anton zur Rede stellte, aber das konnte sie nicht aufhalten. Sie würde nicht länger stillhalten und sich von dem Mann platt walzen lassen.

Im dritten Stock des Clubhauses stieg sie aus dem Aufzug. Es war ein Privatclub, nur für Männer, und das spiegelte sich im Interieur wider. Sehr viel schweres Leder und glänzendes Mahagoni, maskulin, aber bewusst unauffällig.

Obwohl Frauen den dritten Stock und auch das Restaurant betreten durften, blieben die meisten fern. Sie selbst war nur einmal vorher da gewesen – auf der Suche nach Jeff.

Ein Butler kam auf sie zu. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Ich suche Anton Gallier. Ich muss mit ihm sprechen. Es ist dringend. Ich bin seine Schwiegertochter.“

Der Mann musterte sie, die Eindringlichkeit in ihrer Stimme schien ihn nicht weiter zu berühren. Er hatte so etwas wohl schon mal erlebt. „Ich sehe, ob er abkömmlich ist.“

Sie wollte schon auf ihrem Standpunkt beharren, dann ließ sie es sein. Sie würde mit ihrem Schwiegervater sprechen, und niemand würde sie daran hindern. Und ganz sicher nicht dieser dämliche, unterbezahlte, anzugtragende Blödmann.

Sie gab dem Butler einige Augenblicke Vorsprung, dann folgte sie ihm. Als er merkte, was sie getan hatte, hatte sie Anton schon entdeckt.

„Ich muss mit dir reden, Anton Gallier!“, rief sie laut. Im Esszimmer wurde es totenstill. Alle Köpfe drehten sich nach ihr um. Der Butler packte sie am Arm, sie schüttelte ihn ab. „Oder hast du Angst? Dass all diese Leute hier sehen werden, was für eine Schlange du bist?“

Ein Kellner gesellte sich zum Butler. Sie nahmen sie beide am Arm und fingen an, sie nach draußen zu zerren.

„Warten Sie!“, rief Anton, tupfte sich den Mund mit der Serviette ab und stand auf. „Lassen Sie sie los. Ich bin wirklich gespannt zu hören, was sie zu sagen hat.“

Die zwei gaben sie frei.

„Das ist meine Schwiegertochter“, verkündete er. „Ehemalige, denn mein Sohn ist tot. Schauen Sie sie an, ist sie nicht reizend?“

Ihre Wangen brannten. Mira wusste, sie sah aus wie eine Irre. Aber er hatte es schon immer verstanden, ihr das Gefühl zu geben, sie wäre ein Stück Dreck, selbst wenn sie sich die größte Mühe gegeben hatte, den Status „reizend“ zu erhalten.“

Sie erreichte seinen Tisch. Er lächelte wohlwollend, aber es wirkte auf sie wie das Zischen einer Schlange. „Ich wollte dich nur wissen lassen, dass ich dich damit nicht davonkommen lasse. Nicht mehr.“

„Womit, meine Liebe?“

„Deiner Verleumdungskampagne. Deinem Versuch, mich weiter in Verruf zu bringen.“

Er lachte. „Du hast eine kurze Vorschau auf den Interviewausschnitt von heute Abend bekommen.“

„Ja. Du hast alles getan, außer mich eine Mörderin zu nennen.“

„Ich habe dich eine Mörderin genannt. Mehrmals. Doch da ich nicht genügend Beweise habe, werde ich mich einfach damit zufrieden geben müssen, dir dein Leben zur Hölle zu machen. So wie meines eine ist, seitdem du meinen Sohn getötet hast.“

„Ich werde mir einen Anwalt nehmen.“

Sie merkte, wie lächerlich das klang. Für einen Mann wie ihn war ihre Drohung erbärmlich.

Sie reckte das Kinn. „Du wirst mich nicht kaputtmachen, Anton Gallier.“

„Wenn das eine Kampfansage ist, nehme ich sie an.“

Nackte Angst überfiel sie. Er konnte sie wie einen Wurm zertreten. Er hatte alles. Das Geld, die Ressourcen und die Verbindungen. Und er wollte es um jeden Preis.

Doch weder zeigte sie ihre Angst, noch ließ sie sich von ihr beeinflussen. Sie würde nicht in Angst leben. Nicht mehr.

Das sagte sie ihm, voller Trotz.

Er presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und beugte sich vor. „Du bist schwach“, sagte er leise. „Eine Tablettensüchtige. Ist es nicht so? Du hast dein Leben nicht im Griff. Arme Kleine. Musstest weglaufen und dich verstecken.“

„Ich verstecke mich nicht mehr, du Hurensohn. Und ich laufe nicht weg. Du bist vorgewarnt.“

Sie wandte sich zum Gehen, und er fing an zu lachen. Sie erstarrte, dann drehte sie sich wütend zu ihm um. „Wag es nicht, über mich zu lachen.“

„Was willst du tun, kleines Mädchen? Mich umbringen?“

„Vielleicht sollte ich das. Ich glaube nicht, dass irgendjemand dich vermissen würde.“

Er lächelte wieder, offensichtlich erfreut. „Das klang wie eine Drohung, Mira. Wie wäre es, wenn ich …“

„Lass das, Anton!“

Mira drehte sich um. Connor war ihr gefolgt. Er kam näher auf sie zu, blieb neben ihr stehen und legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm.

„Lass sie in Ruhe.“

„Der Ritter auf dem weißen Ross kommt, um die hilflose junge Dame zu retten.“ Anton nahm seinen Cocktail in die Hand und hob das Glas. „Auf den weißen Ritter.“

„Halt den Mund, Anton. Du bist betrunken.“

Mira hatte es vorher nicht gemerkt, aber er war in der Tat betrunken. Sein Gesicht war gerötet, sein Blick vom Alkohol getrübt.

Connor fasste ihren Arm. „Komm schon, Mira, lass uns von hier verschwinden.“

„Hast du es ihr gesagt, Connor?“, rief Anton hinter ihnen her. „Hast du ihr den wahren Grund gesagt, warum du zur Armee gegangen bist?“

Connors Schritte stockten. Langsam drehte er sich um. „Das hat nichts mit dieser Sache hier zu tun. Oder mit dir.“

„Nein?“ Anton machte einen unsicheren Schritt auf sie zu. „Ich denke, das tut es doch.“

Mira spürte Connors Wut – sie strahlte förmlich von ihm ab. „Jeffs bester Freund“, sagte Anton. „Das warst du. Aber du bist froh, dass er tot ist, nicht wahr?“

Für den Bruchteil einer Sekunde war sich Mira sicher, Connor würde die Beherrschung verlieren und seiner mühsam gezügelten Wut freien Lauf lassen. Stattdessen sah er sie an. „Lass uns von hier verschwinden. Er ist es nicht wert.“

„Sag es ihr!“, schrie Gallier und kam hinter ihnen her. „Sag ihr, warum du zur Armee gegangen bist!“

Sie erreichten den Aufzug. Die Kabine wartete schon, und sie traten ein. Als sie sich umdrehten, sah Mira Antons vor Bitterkeit und Wut verzerrtes Gesicht, während er auf sie zustürmte.

Die Türen glitten zu, und die Kabine begann ihre Fahrt nach unten. Sie erreichte das Erdgeschoss, und Mira und Connor eilten hinaus und nach draußen auf die Poydras Street. Die Mittagssonne blendete Mira für einen Augenblick. Als sich ihre Augen daran gewöhnt hatten, merkte sie, dass Connor von ihr wegging.

Mira eilte hinter ihm her. „Warte!“ Sie holte ihn ein und packte seinen Arm. „Wohin gehst du?“

„Weg von hier.“

Er war wütend. Zitterte. Sie suchte seinen Blick. „Wovon hat Anton gesprochen? Warum bist du einfach so zur Armee gegangen, Connor?“

„Nicht jetzt, Mira.“

„Warum nicht?“ Die Menschen strömten um sie herum, einige warfen ihnen neugierige Blicke zu, aber die meisten bemerkten sie gar nicht. „Was verbirgst du vor mir?“ Mira schlang ihre Finger um seine Hand. „Was könnte so schlimm sein?“

Er öffnete den Mund, doch in dem Moment klingelte ihr Handy, und er schloss ihn wieder. Sie ignorierte den Anruf. „Worüber hat er gesprochen, Connor? Was hast du mir nicht gesagt?“

„Geh besser ran“, sagte er. „Es könnte wichtig sein.“

„Nicht so wichtig wie das hier. Nicht so wichtig wie du.“ Sie fasste seine Hand fester. „Rede mit mir. Was verbirgst du vor mir?“

Er sah sie an. Sein Gesicht hatte einen gequälten Ausdruck angenommen. Nach einem Moment beugte er sich vor und drückte einen Kuss auf ihre Stirn. „Tschüss, Mira.“

Angst erfasste sie. Die Worte, seine Geste, klangen so endgültig. Sie würde es nicht ertragen, ihn noch einmal zu verlieren.

Sie wollte schon hinter ihm herlaufen, doch als ihr Handy wieder losging, blieb sie stehen. Wer immer sie anrief, gab nicht auf. Sie zog das Telefon aus ihrer Handtasche und meldete sich. „Was?“

„Mira, hier ist Deni. Wo bist du?“

„Ich komme gerade aus dem Crescent City Club. Warum?“

„Diese zwei Detectives haben gerade angerufen. Sie haben gefragt, wann du wohl zurück bist. Sie sagten, sie müssten mit dir sprechen. Über Preacher.“

24. KAPITEL

Samstag, 13. August
13:12 Uhr

Malone legte den Hörer auf. Gallier war nicht in ihrer Werkstatt, wurde aber am Nachmittag zurückerwartet. Wenn er und Bayle jetzt dort vorbeifuhren, könnten sie ihre Mitarbeiter befragen und sie abpassen, wenn sie zurückkam.

Er war sich sicher, dass Bayle das wollte, sobald sie die Nachricht hörte, die eingeschlagen war wie eine Bombe: Die Kriminaltechniker hatten höchstwahrscheinlich die Waffe gefunden, mit der Preacher getötet worden war – ein Stück Buntglas, fast identisch mit der Scherbe, mit der er vor Mira Gallier herumgefuchtelt hatte.

Malone sammelte den gerade abgegebenen Pathologie-Bericht zusammen und machte sich auf den Weg zu Bayles Schreibtisch. „Hey, Partner, hast du eine Minute?“

Sie schaute auf. Im selben Augenblick schob sie das, was sie sich angesehen hatte, in eine Schublade. Dann blinzelte sie ein paar Mal und winkte ihn heran. „Klar.“

Entweder hatte sie etwas in den Augen, oder sie hatte geweint.

„Bist du okay?“

„Absolut.“ Sie räusperte sich. „Was hast du?“

„Den Pathologie-Bericht“, sagte er und ließ ihn vor ihr auf den Schreibtisch fallen.

„Das Opfer ist verblutet“, sagte er, als sie den Inhalt aus der Mappe nahm. „Aber hätte unser Täter ihn nicht erwischt, hätte das sein eigener Körper bald selber erledigt.“

„Krebs, Stadium vier“, sagte sie. „Armer Mistkerl.“

Spencer lümmelte sich in den Stuhl gegenüber ihrem Schreibtisch. „Er hat so ziemlich überallhin gestreut, nur nicht ins Gehirn.“

„Ich frage mich, ob er es wusste.“

„Der Pathologe meinte, er hätte gewaltige Schmerzen gehabt.“

„Scheint mir, dass der Typ jetzt an einem besseren Ort ist. Auf jeden Fall hat er diese Botschaft gepredigt. Wie auch immer.“ Bayle blickte wieder auf den Bericht. „Keine Abwehrverletzungen. Die Nägel waren sauber. Auch keine Sekundärverletzungen.“

„Das schließt die Selbstmord-Theorie aus.“

Sie schob den Bericht wieder in die Mappe. „Jetzt, wo ich die Fakten habe, bin ich bereit für den Kommentar.“

Er lächelte. Er mochte ihre Art. „Ich habe heute Morgen mit Percy gesprochen. Sie haben möglicherweise die Mordwaffe gefunden. Ein Stück Buntglas, das im Abfall lag.“

„Hallo“, sagte sie und richtete sich auf. „Hast du Buntglas gesagt?“

„Ja. Sieht abgefahren aus. Ungefähr fünfzehn Zentimeter lang, spitz, geformt wie eine Karotte. Klebeband um die untere Kante, um einen Griff zum Anfassen zu erhalten. Das Klebeband war schmutzig. Das Glas wurde abgewischt.“

„Klingt bekannt.“

„Sehr sogar“, stimmte er zu. „Was haben wir bislang bei den blutigen Fußspuren?“

„Herrengröße 40, Sportschuh.“

„Wir wissen, dass es ein Herrenschuh ist?“

„Könnte auch ein Damenschuh sein, extra breit, Größe 42.“ „Großer Fuß. Marke?“ „Nike. Ich sollte in den nächsten ein, zwei Tagen die individuelle Modellnummer haben.“

„Ich denke, angesichts der neuen Beweise wollen wir vielleicht …“

„Ja.“

„Du weißt, was ich sagen wollte?“

„Dass wir zu Gallier Glassworks hinüberfahren müssen für eine weitere Befragungsrunde.“

„Die Assistentin, der Zimmermann und Gallier?“

„Genau das dachte ich auch.“ Sie stand auf, ein langsames Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Mein Gott, sind wir ein großartiges Team oder was?“

Nachdem sie kurz angehalten hatten, um sich ein schnelles Sandwich zu besorgen, fuhren sie zur Glas-Werkstatt. Mira Gallier war noch nicht zurück, aber ihre Assistentin und der Zimmermann waren da.

Sie begannen mit Deni Watts. Malone überließ Bayle die Führung. „Das Stück Glas, das Preacher in ihrer Rohstofftonne gefunden hat, erinnern Sie sich daran, wie es aussah?“ Die junge Frau bejahte, und Bayle fuhr fort. „Ist es ungewöhnlich, dass Glasreste in dieser Größe und Form in der Tonne liegen?“

„Überhaupt nicht. Wir arbeiten mit Glas, Detective. Wir sind so vorsichtig und sparsam mit den Materialien wie möglich, aber wir haben Pannen.“

„Pannen?“

„Bruchschäden. Wir verwenden so viel wie möglich wieder, Mira nimmt es damit peinlich genau, aber ein Stück wie dieses …“, sie zeigte auf das Foto, das Bayle ihr gereicht hatte, „damit können wir nichts anfangen.“

Bayle machte sich eine Notiz, dann sah sie das Mädchen wieder an. „Wie wahrscheinlich wäre es, dass zwei identische Stücke in der Tonne enden?“

„Identisch? Unmöglich. Das Abfallprodukt einer Panne lässt sich nicht reproduzieren.“

„Gut, dann zwei sehr ähnliche Stücke?“

Die Assistentin nickte. „Das passiert nicht jeden Tag, Gott sei Dank, aber es kommt vor. Einmal habe ich viermal nacheinander einen Bruch vermasselt.“

„Einen Bruch? Was ist das?“

„Ich zeige es Ihnen.“ Sie führte sie in den Arbeitsraum zu einem Tisch, auf dem ein Auftrag lag, der gerade bearbeitet wurde. Ein auf Papier gedrucktes Muster – rechteckig, vielleicht 60 mal 120 Zentimeter – war am Tisch befestigt; darauf lagen Buntglasstücke, die passend zu diesem Muster zurechtgeschnitten waren. Wie ein Puzzle.

„Dies ist keine Restaurierungsarbeit“, sagte sie. „Es ist ein Originaldesign, das wir für ein Haus ein Stück außerhalb der Stadt anfertigen.“

Malone legte den Kopf auf die Seite. Es war ein einfaches, sich wiederholendes Muster aus Fleur-de-Lis in Violett, Grün und Gold und abgeschrägtem Klarglas. „Hier mag jemand Mardi Gras“, sagte er und bezog sich damit auf die Farben wie auf das Bild.

„Das sind unsere sogenannten Brot-und-Butter-Aufträge. Fleur-de-Lis, Fischreiher, Magnolien. Damit wollen auch die meisten meiner Schüler anfangen.“

Er hörte den Stolz in ihrer Stimme. „Sie sind die Lehrerin?“

„Und ich habe den Lehrplan entworfen. Mira hat keine Kurse angeboten, bevor ich an Bord kam. Wir sind seitdem wirklich gewachsen.“

„Hut ab!“, sagte er.

Sie lächelte. „Danke.“ Sie suchte ein Stückchen Glas heraus und legte es auf das Muster. Mit einem Werkzeug, das aussah wie ein Schablonenmesser, kerbte sie es ein, dann tippte sie auf die Kerbe und das Glas brach auseinander. „Das ist ein Bruch“, sagte sie.

Bayle lächelte. „Bei Ihnen sieht es so einfach aus.“

„Möchten Sie es versuchen?“

Bayle trat einen Schritt zurück. „Nein, danke. Tollpatsch ist mein zweiter Vorname. Ich nehme an, dass man sich leicht verletzen kann?“

„Gott, ja. Schauen Sie sich meine Hände an.“ Sie streckte sie Bayle hin. Sie waren gespickt mit Schnitten, Kratzern und Narben. „Man muss bei dieser Arbeit sehr aufpassen – und lernt sehr schnell, Respekt vor dem Medium zu haben.“

„Wo waren Sie letzte Nacht und heute Morgen?“

Die Assistentin schaute von einem zum anderen. „Ist das Ihr Ernst?“

„Todernst“, sagte Bayle.

„Ähm, lassen Sie mich nachdenken …“

„Nachdem Preacher Mira überfallen und ihr Kreuz gestohlen hat. Es ist nicht so lange her.“

„Richtig.“ Die Assistentin trat von einem Fuß auf den anderen. „Ich glaube, ich war im Kino.“

„Sie glauben? Oder waren Sie?

„Ich war.“

„Was haben Sie sich angesehen?“

Sie zögerte. „Den neuen Streifen mit Tom Cruise. Ich habe den Namen vergessen.“ Sie lachte nervös. „Ich habe ein schlechtes Namensgedächtnis.“

„War er gut?“, fragte Bayle.

„Er war okay. Ich bin kein großer Fan.“

„Sind Sie allein gegangen?“

Sie faltete die Hände zusammen und schüttelte den Kopf. „Ich bin mit meiner Schwester hingegangen. Sie ist ein großer Fan.“

„Welche Vorstellung?“

„Die um sieben Uhr.“

„Und danach?“

Sie sah aus, als würde sie sich gleich übergeben. „Hatte ich einen Daiquiri. Im Daiquiris and Creams auf dem Veterans Boulevard.“

„Die liebe ich“, sagte Bayle lächelnd. „Der White Russian ist mein Lieblingscocktail.“

„Ich stehe eher auf Piña Coladas. Die hatte ich auch letzte Nacht. Wir sind eine Weile geblieben. Haben etwas Musik gehört. Ich habe Cyndi ungefähr um elf abgesetzt.“

„Wir brauchen den vollen Namen Ihrer Schwester und eine Nummer, unter der wir sie erreichen können.“

„Ich verstehe nicht. Warum?“

„Um zu bestätigen, dass Sie mit ihr in diesen Stunden zusammen waren“, sagte Malone.

„Aber warum?“ Die Stimme der jungen Frau wurde ein wenig lauter. „Ich habe nichts Falsches getan!“

„Da bin ich mir ganz sicher“, sagte er. Sein Ton war beschwichtigend. „Wir halten uns nur an die übliche Vorgehensweise.“

„Das müssen wir bei einer Mordermittlung“, fügte Bayle hinzu.

„Mord?“, rief Deni erschrocken aus.

„Preacher ist tot. Er wurde ermordet, kurz nachdem Miras Kreuz wieder aufgetaucht ist.“

„Oh mein Gott. Ich muss mich hinsetzen.“

Statt sich einen Stuhl zu suchen, ließ sie sich auf den Fußboden plumpsen. Spencer und Bayle tauschten einen Blick. Er hockte sich vor sie hin. „Geht es Ihnen gut, Ms Watts?“

„Ja“, flüsterte sie.

„Sie wirken ziemlich betroffen.“

„Es ist nur so … schrecklich. Ich habe noch nie … jemanden getroffen, der … ermordet wurde.“

„Ich denke, Sie sind ihm gar nicht begegnet.“

„Wie bitte?“

„Sie sagten, Sie hätten Ms Gallier schreien hören und sind in den Arbeitsraum gerannt, aber Preacher wäre bereits fort gewesen.“

„Das ist richtig.“

„Also, dann haben Sie eigentlich auch niemanden getroffen, der ermordet wurde.“

Sie hatten sie durcheinandergebracht. „Sie wissen schon, nicht getroffen, aber er ist mir über den Weg gelaufen.“

Er schaute auf zu Bayle. „Hast du noch weitere Fragen?“

„Nein. Das reicht.“

Er sah die junge Frau wieder an und lächelte. „Danke, Deni. Wir wissen das wirklich zu schätzen. Wie war noch mal der Name ihres Freundes?“

„Chris.“

Malone nickte, als ob er sich gerade erinnerte. „Er war gestern hier, oder?“

Sie nickte. „Aber er hat nicht mehr gesehen als ich.“

„Da haben Sie sicherlich recht. Aber solange wir auf Mira warten, könnten wir genauso gut auch noch mal mit ihm sprechen.“

Bayle schaltete sich ein. „Er ist draußen, ja?“

Die Assistentin machte Anstalten, sich aufzurappeln. „Ja. Ich bringe Sie hin.“

Malone bot ihr eine Hand. „Machen Sie sich um uns keine Sorgen, Deni. Sie haben zu tun, und wir haben Sie lange genug von der Arbeit abgehalten. Außerdem kennen wir den Weg.“

Sie schien etwas einwenden zu wollen, doch nach einem kurzen Blick zu Bayle schloss sie den Mund wieder.

Sie verließen den Arbeitsraum durch die Hintertür und strebten im selben Augenblick auf den Bereich des Hofes zu, der im Schatten lag. Als sie außer Hörweite waren, sagte Malone: „Ich bin beeindruckt. Wie hast du sie so schnell dazu gebracht, einen Rückzieher zu machen?“

„Ich habe ihr meinen Leg-dich-nicht-mit-mir-an-Blick zugeworfen.“

Er lachte leise. „Wer hätte gedacht, dass ich in unserer Beziehung der gute Cop sein würde.“

„ Schätzchen, ich hab das Wort Zicke praktisch erfunden.“ Ihr Ton wurde ernster. „Das war übrigens ein bisschen sonderbar. Entweder hat sie etwas verheimlicht, oder sie hat uns eine glatte Lüge erzählt. Und die Art, wie sie reagiert hat, als sie erfuhr, dass Preacher ermordet wurde, war etwas arg melodramatisch.“

„Da stimme ich zu. Und es war ziemlich offensichtlich, dass sie nicht wollte, dass wir mit ihrem Freund sprechen. Ich frage mich, warum.“

„Keine Ahnung. Dann wollen wir mal sehen, ob wir es herausfinden.“

Chris stand oben auf einer Leiter und strich die Schuppenwand. Sie blieben stehen und schauten zu ihm hinauf. „Hey, Chris. Können wir Sie eine Minute sprechen?“

„Sicher. Ich brauche sowieso eine Pause.“

Er kletterte die Leiter hinunter und ging zur Kühlbox. Dort holte er eine Literflasche heraus und trank direkt daraus.

„Wie viele von denen verbrauchen Sie an einem Tag?“

„Etliche. Mira ermahnt mich immer, dass ich genug trinken soll.“

„Guter Ratschlag. Wie lange arbeiten Sie schon für sie?“

„Erst seit ungefähr sechs Wochen.“ Er nahm einen weiteren kräftigen Zug aus der Flasche, dann stellte er ihn zurück in die Kühlbox. „Sie ist die netteste Person, für die ich je gearbeitet habe. Aufmerksam. Liebenswürdig. Kümmert sich um die Leute.“

Malone machte sich eine Notiz. „Was ist mit Deni? Wie lange sind sie schon ein Paar?“

Der junge Mann dachte einen Moment nach. „Wir gehen seit vier oder fünf Monaten miteinander.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Zu richten die Lebenden" sofort kaufen und weiterlesen:

www.harpercollins.de

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!

A A A  A A A  Inhalt
Inhaltsverzeichnis
Deckel
Titelblatt
Impressum
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
74. Kapitel
75. Kapitel
Epilog